1908 Samstag den 3(. Oktober li i' !ä Herr Lecoq. Kiriminal-Roman von E. Gaboriark. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Sind Sie denn auch ganz sicher, rief er lebhaft, daß die Eintragung von der Hand des Mannes herrührt? Könnten Sie das beschworen? Er war so verwirrt, das; er gar nicht mehr an seine ausländische Aussprache dachte. Die Frau bemerkte es, denn sie trat einen Schritt zurück und musterte mit einem mißtrauischen Blick den angeblichen Engländer. Dann schien sie zornig zu werden, daß sie gefoppt worden war, und erklärte sehr kurz angebunden: Ich weiß, was ich sage! Und nun ist es ja wohl genug, Licht wahr? Lecoq sah ein, daß er sich verraten Hatte und schämte sich daß er sich so leicht Hatte Hinveißen lassen. Er verzichtete daher auf seinen britischen Akzent und sagte: Verzeihen Sie, noch eine Fange! Haben Sie immer noch den Koffer dieses Individuums? Natürlich! Ach, Sie würden mir einen ungeheuren Dienst erweisen, wenn Sie ihn mir zeigten. ■ Ihnen den Kofftr zeigen? rief die blonde Wirtin ganz entrüstet. Ah was, wofür halten Sie mich denn? Was wollen Sie, Itter sind Sie denn eigentlich? In einer halben Stunde werden Sie das wissen! antwortete der junge Beamte. Er begriff, daß cS gar keinen Zweck hatte, Loch mit Fragen in sie zu dringen. Er drehte sich um, ging hinaus und lief nach der Place de Roubaix, sprang in einen Wagen und rief dem Kutscher zu, er solle ihn zum Polizeikommissar des Bezirks fahren. Er versprach fünf Franken Trinkgeld außer dem Fahrpreis, und, von diesem Preis angefeuert, schlug der Kutscher auf seine mageren Mule los, daß sie nur so dahinflogeu. Lecog hatte Glück: der Kommissar war zu Hause, und er wurde sofort zu ihm geführt, nachdem er seine Beamteneigenschaft genannt hatte. Er bat ihn um seine Unterstützung und erzählte ganz kurz so Siel, wie der Kommissar von deut Fall wissen mußte. Sobald er fertig war, rief der Kommissar: Ja, die Sache stimmt. Es ist iuegeit dieses verschwundenen Mannes zu mir geschickt worden; Casimir hat es mir heute morgen gesagt. Es ist — zu Ihnen — geschickt worden? stammelte Lecoq. Jawohl — gestern: aber ich Habe so viel anderes zu tun. Nun, mein Junge, womit kann ich Ihnen dienen? Indem Sie mit mir kommen, die Vorzeigung des Koffers verlängert, einen Schlosser Holen lassen, um ihn zu öffnen., Hier ist die nötige Bollmachit, die der Untersuchungsrichter mir für alle Fälle ausgestellt hat. Lassen Sie mrs keine Minute verlieren, ich habe einen Wagen draußen vor Ihrer Tür. Gehen wir! sagte der Kommissar einfach. Als sie in der Droschke waren, die im Galopp nach der Rue de Saint-Quentin zurückfuhr, fragte Lecoq: Erlauben Sie mir jetzt, Herr Kommissar, Sie zu fragen, ob Sie die Wirtin des Hotel du Mavienboiirg persönlich kennen? Sehr gut! Als ich von sechs Jahren dieses Revier erhielt, war ich Noch nicht verheiratet und habe meine Mahlzeiten ziemlich 'lange Zeit bei der Dame eingenommen. Mein Sekretäv Casimir speist noch jetzt dort! Unit was ist sie für 'n« Frau? Nun, mein junger Kamerad, das ist in zwei Worten gesagt: Madame Milner —> so heißt sie ist eine sehr achtungswertü Witwe, geliebt und angesehen in der ganzen Stadtgegend: ihr Geschäft geht sehr gut, und sie bleibt nut deshalb Witwe, weil es ihr so gefällt, denn sie ist noch sehr nett und dabei außerordentlich wohlhabend. Also, Sie halten sie nicht für fähig, für ein gut Stück Gelb — wie soll ich mich ausdrücken — irgend einem sehr reichen Angeklagten Vorschub zu leisten? Sie sind wohl nicht bei Sinnen! rief der Kommissar. Fran Milner sollte sich für Geld zu einem falschen Zeugnis herbeilassen? Habe ich Ihnen nicht eben gesagt, daß sie anständig und sehr vermögend ist? Uebrigens hatte sie mir schon gestern Meldung machen lassen, also . . . Lecoq schwieg. Der Wagen hielt. Als sie hinter „ihrem" Kommissar den Hartnäckigen Frager austauchen sah, schien Frau Milner alles zu begreifen. Jesus! rief sie, ein Kriminalbeamter! Ich hätte mir es denken können. Es ist ein Verbrechen vorgefallen. Um den guten Ruf meines Hauses ist es geschehen! Es kostete Zeit und Mühe, sie zu beruhigen und zu trösten) inzwischen wurde aus der Nachbarschaft ein Schlosser herbeigeholt. Als er endlich tat, stieg die ganze Gesellschaft in das fünfte Stockwerk hinauf, wo das Zimmer des verschwundenen Mannes lag. Lecoq stürzte sich auf den Koffer. Ach! Es war nicht abzuleuguen, das Gepäck kant wirklich von Leipzig; die kleinen Papierzettel, die von bett verschiedenen Eisenbahnverwaltungen darauf geklebt waren, bewiesen eS unwiderleglich. Man öffnete den Koffer; alles, was der Mann angegeben Hatte, befanb sich darin. Lecoq war vollkommen starr. Mit ganz stumpfsinnigem GesichtSausdruck sah er dem Kommissar zu, der die Sachen in einen Schrank schloß, dessen Schlüssel er zu sich steckte. Lecoq mußt« sich ein der Wand Halten als er hinausging, in seinem Kopf drehte sich alles, und er taumelte wie ein Betrunkener, ssls er die Treppen herabstieg. 24. Kapitel. Der Karneval war in jenem Jahr sehr lustig. Als Lecoq gegen Mitternacht den Marienburger Gasthof verließ, waren die Straßen von lärmenden Menschen belebt wie am hellen Mittag, und die Kaffeehäuser waren überfüllt von Gästctt. Aber der junge Beamte lvar nicht zur Freude gestimmt. Er drängte sich 682 durch die Menschenmenge, ohne sic zu scheu, und ohne die Flüche zu hören, mit denen die von ihm' zur Seite Geschybcimi ihn bc- dachten. Wvhin ging er? Er wußte cs selber nicht. Er lies ohne Ziel gerade aus, so verstört wie eilt Spieler, der mit dem letzten Goldstück die letzte Hoffnung verloren hat. Bor deut offenbaren Augenschein muß ich mich ergeben, murmelte er. Meine Annahmen waren nur Hirngespinste, die auf einem Spiel des Zufalles beruhte». Ich muß jetzt nur noch znschen, wie ich möglichst glimpflich, und ohne mich allzu lächer- lich zu machen, aus dieser verteufelten Geschichte herauSkommc. Er bog gerade auf den Boulevard et», als plötzlich ein Ge- danke wie ein blendender Blitz ihm durch das Gehirn schoß, litt» willkürlich rief er ganz laut: Ich bin wahrhaftig ein Dummkopf! lind er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Ist es «möglich, fuhr cv fort, daß ich, in der Theorie so stark, sofort so jämmerlich schwach werde, wenn ich der Praxis gegenüberstehe? Ich bin wirklich nur ein Kind, ein Rekrut, den ein Nichts überrascht und vont rechten Wege abdrängt, lieber» blicken wir doch einmal ganz kühl die Tatsachen. Wie hatte ich von Anfang an den Mörder beurteilt, dessen Berteidigungssystem uns so viel zu schaffen macht? Ich hatte mir gesagt: Er ist ein Mensch, von überlegenem Willen, von vollendeter Lebenserfahrung und Berstandesschärfe, kühn, über alle Begriffe kaltblütig und imstande, das Unmögliche zu versuchen, um mit seiner Komödie zum Ziel zu kommen. Ja, das sagte ich mir, und bei hem ersten Umstand, den ich mir nicht erklären kann, Werfe sch sofort die Flinte ins Korn. Es leuchtet aber doch ein, daß eilt Mann von so wunderbarer Geschicklichkeit nicht zu abge- droschenen Tricks greifen wird. Also: je mehr der Augenschein gegen meine Vermutungen und zugunsten des Gefangenen spricht, desto bestimmter habe ich recht! Oder die Logik ist keine Logik mehr. Lecog lachte laut auf und fuhr fort: Allerdings wäre es wohl ettvas voreilig, diese Erklärung Ms der Präfektur dem Meister Gsvrol vorzutragen; die Leute wären imstande, mich ins Narrenhaus sperren zu lassen! Er unterbrach sich in seinem Gedankengange, da er vor seiner Wohnung angekomMen war. Er läutete und der Portier öffnete. Leichtfüßig sprang er die vier Treppen hinauf, und er stand vor seiner Tür, als plötzlich aus der Dunkelheit eine Stimme ihn film cf: Sind Sie's, Herr Lecog? Ich selber! antwortete der junge Beamte ein wenig überrascht. Aber Sie? ■ Ich bin depalte Absinth., Ach, das freut mich, daß Sie da sind, ich erkannte Ihre Stimme nicht. Bitte, bemühen Sie sich zu mir herein. Sie traten ein, und Lecog zündete eine Kerze an ; er konnte glfo seinen alten'Kollegen sehen. Aber, großer Gott, in welchem Zustand tvar Itytefer! Schmutziger und kotiger als ein ^Pudel- Hund, der taet Tage bei Regenwetter auf der Straße war. Seinem Üeberzieher sah man an, daß er sich an zwanzig Mauern entlang geschoben hatte, sein Hut war eine formlose Masse. Die Augen waren verglast und der Schnurrbart hing kläglich herab. Er bewegte die Kinnladen, als hätte er Sand zwischen den Zähnen. Zuweilen versuchte er auszuspucken — aber er konnte nicht. Sie bringen mir; schlechte Nachrichten ? fragte Lecog nach; einer kurzen Musterung. Schlechte. Die Leute, denen Sie nachgingen, find Ihnen zwischen, den! Fingern durchgeschlüpft? Der Alte bejahte mit einer langsamen Kopsbeivegung. Das ist ein Unglück, rief der junge Beamte, irgend ein Miß- g'eschick witternd. Ein sehr großes Unglück! Aber wir müssen uns das nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Munter, Papa, Kopf hoch! Alle Wetter, Witz beide werden das morgen schon wieder gutmachen. Diese freundschaftliche Ermunterung verdoppelte sichtlich die Verlegenheit des guten Papa. Ter alte Polizeibeamte wurde rot Wie eine höhere Tochter, streckte die geballte Faust empor und rief: Ah du schlechter Kerl, ich Iptte es dir gesagt! Na? sagte Lecog. Auf wen schimpfen Sie denn so? ' Der alte Absinth antwortete nicht; er stellte sich vor den Spiegel und begann sein Bild mit den ärgsten Verwünschungen -u überhäufen: Alter NichtsüNtz! Schlechter Soldat! Schämst du dich nicht? Du hattest einen Auftrag, nicht wahr? Was hast du damit gemacht ? Versoffen hast du ihn, du Ekel, du alter Trunkenbold tzex du W. Wetz Mrt, das: soll dir nicht so Ingehen, und wenn. selbst Herr Lecog dir verzeiht, so sollst du acht Tage lang keinen Tropfen kriegen. Magst du dursten, das geschieht dir ganz recht. Der junge Kriminalbeamte hatte sich schon so etwas gedacht. Vorwärts! sagte er zum Alten. Ihre Strafpredigt können! Sie fich später halten. Erzählen Sie mir geschwind! Ihre Geschichte. Oh, ich bin nicht stolz darauf, das können Sie mir glauben. Aber. . . Also, man hat Ihnen doch wohl einen Brief übergeben, worin ich sagte, ich würde den jungen Leuten nachgehen, die Gustave erkannt hatten? Ja, ja. Weiter! Ra also. Erst gehen sie in das Cafö und fangen an, ein paar Gläser Wermut heruntevzustürzen, jedenfalls von wegen dem Schreck. Dann kriegen sie Hunger und bestellen sich was zum Frühstück. Ich, in meiner Ecke, mache es wie sie. Das Essen, der Kaffee, der Schnaps zum Kaffee, das Bier — das alles nimmt Zeit weg. Indessen, so gegen 2 Uhr entschließen sie fich zum Bezahlen und gehen. Gut! Ich dachte, sie würden nach Hause gehen. Wer nee! Sie biegen in die Ruc Dauphine eilt, und ich sehe, wie sie die Tür zu einer Kneipe öffnen. Fünf Minuten nach ihnen schlüpfe ich ebenfalls hinein; sie waren schon dabei, Billard zu spielen. Der alte Wsiuth hustete; jetzt kam nämlich der schwierige Teil seiner Geschichte. Ich setze mich an einen kleinen Tisch, fuhr er fort, und verlange eine Zeitung. Ich lese darin so mit einem halben Auge, als plötzlich ein behäbiger Bürgersmann eintritt und sich zu mir setzt. Kaum hat er Platz genommen, so bittet er mich, ich möchte ihm die Zeitung geben, wenn ich sie gelesen hätte, ich reiche sie ihm, und nun fangen wir an vom Regen und schön Wetter zu plaudern. Sta, ein W!vvt gibt das andere, und schließlich schlägt der Mann mir eine Partie Bezigne auf 1500 vor. Das Bezigue schlage ich aus, aber ich akzeptiere ein Piket auf 100. Die jungen Leute, verstehen Sie, stießen immer noch mit ihren Billardbällen herum. Man bringt uns eine Decke und ein Kartenspiel, und Wir sangen au und machen zwei Gläschen Cognac fine Champagne aus. Ich gewinne. Ter Bürgersmann verlangt Revanche, und wir spielen zwei Schnitt Bier aus. Ich gewinne wieder. Er wird eifrig, und nun fangen wir an und spielen Kognäkchen aus. Und immerzu gewann ich, und immerzu trank ich, und je mehr ich trank. . . Weiter, weiter! Und nachher? Ja, nn kommt der Knast! Nachher bcsiinte ich mich auf gar nichts mehr, weder aus beit Bürgersmann, noch aus die jungen Leute. Ich habe nur noch so eine dunkle Erinnerung, daß ich in dem Cafa eingeschlafen war, und daß der Kellner mich weckte und mich bat, ich möchte gehen. Nachher muß ich mich ans den Quais herum getrieben haben, bis ich wieder etwas zur Besinnttng kam; da entschloß ich mich, nach Ihrem Hause zu gehen und aus der Treppe auf sie zu warten. (Fortsetzung folgt.) 3m Uug über den Brenner. Won Hauptmann Härtel (Dr. 19) in Leipzig. Morgensonnenscheiu lag über Innsbruck. Mit sieghaftem Strahl hatte das heißersehnte Gestirn die wallenden Nebel durchdrungen. Sein leuchtender Schein überflutete eine prall gespannte gelbe Kugel, unsere „Augusta", die sich zu seltener Fahrt, zum Flug über die Alpen gerüstet hatte. Dr. Bröckelntaun, der den stolzen Segler auf dieser eine kundige Hand heischenden Reise führen sollte, ließ noch einmal den prüfenden Blick über ihn hingleiten, während mir die angenehme Pflicht oblag, den zahlreich erschienenen Damen und Herren, darunter viele Offiziere der Innsbrucker Garnison, allerhand Auskunft zu geben. Im letzten Moment reichte uns eine Dame ein Rosenbukett. Cs war der Wschiedsgruß des gastfreundlichen Innsbruck. Noch einige Sekunden . . . und schon grüßte die schwarz- weiß-rote Flagge hinab. „Heil Innsbruck!" und „Heil!" „Heil!" klingt hundertfach das Echo zurück. *) Bekanntlich ist Hauptmann Härtel am 10. August d. Js. von Innsbruck aus int Ballon „Augusta" mit Dr. Bröckelntaun (Berlin) über den Zentralkamm der Alpen bis Brixen geflogen.^ Hauptmann Härtel gibt hier, da er aus vielen an ihn gerichteten Anfragen auf ein weitgehendes Interesse schließen darf -- der Ballon berührte auf seinem Fluge die von Ferienreisenden am! meisten bevorzugten Gegenden Tirols — eine knappe Schilderung der Eindrücke seiner Fahrt, von denen wir annehmen, daß fte auch bei unseren Lesern regem Interesse begegnen wvrbeii. 683 Nicht ein Lüftchen regte sich. Ganz senkrecht hob sich die „Augusta" empor. Es ivar wenige Minuten nach zehn .Uhr. Der Anblick des großen, 1500 Kubikmeter Gas fassenden Ballons über der schönen Stadt zwischen den hohen, steil abfallenden Bergwänden soll, wie man uns später versicherte, prächtig gewesen sein. Siebzehn Sandsäcke ä 25 Kilogramm hatten wir mitbekommen; das war reichlich viel. Noch ein ganz besonderer Dienst war uns von beut überaus zuvorkommenden Direktor von der Innsbrucker Gasanstalt erwiesen worden. Matt hatte nämlich bei der Bereitung des Gases auf eine hohe Destillationstemperatur hingewirkt, um die Kohle recht stark ausgasen zu lassen. Dadurch erhält mmt ein wasserstoffreiches Kohlengas Doit verhältnismäßig niederem spezifischen Gewicht. Nicht genug konnten wir für diese Bereitwilligkeit danken, denn der Ballon zog gut tmb reagierte auf die kleinste Hilfe. Bor nuferen Augen lag jetzt Innsbruck in entzückender Schönheit ausgebreitet, die zu genießen uns eine volle Stunde laug vergönnt war. Fast herrschte Windstille im Juntal. Gerade unter uns lag das Hauptgebäude des Bahnhofs mit dem breitest Schienennetz. Dort dehnen sich die neueren Stadtteile mit ihren breiten Straßen ans. Nahe dem Fluß läuft die schönste Straße der Stadt, nach Maria Theresia benannt, das Rendezvous der Einheimischen und Fremden. Auf der Triiimphpforte mit ihretl jonischen Säulen fällt unser Blick. Er schweift bewundernd über die große Zahl der Kirchen, über das herrliche neue Theater, die Universität, die Hofburg, er eilt an dem grünen Jun entlang, fliegt zu den Burgen und Schlössern hinüber, die das jenfeitige Ufer zieren, und bleibt in Bewunderung an den steilen, zackigen Bergwändeit haften, die, teilweise noch von leichten Wolken behangen, das Bild harmonisch abschließen. Da drüben blitzt es golden auf: „Das goldene Dachl" strahlt in feiner reichen Pracht den Sonnenschein wieder. So schön und klar liegt jetzt das Gesamtbild der Stadt vor uns auSgebreitet. Doch, „Innsbruck, ich muß dich lassen, ich fahr 'dahin meine Straßen, ins fremde Land dahin", heißt cs int alten Burschenlied. Auch wir müssen uns endlich von der Stadt trennen. Tie Meldung vom meteorologischen Institut zu Zürich war richtig. Ein leichter Nordostwind treibt uns jetzt in 1200 Metern in der Richtung.gen Rätters. In Ruhe ergötzt sich das Auge an der lieblichen Lage von Jgls und Laus; ivir können es beit Innsbruckern nicht verdenken, daß sie es vorziehen, heiße Sommertage lieber da oben zu verbringen. Da oben? Aus der Rolle gefallen; für uns lag es ja tief unten, so tief, daß uns sogar der Berg Jsel, wo Andreas Hofer mit dem Tiroler Landsturm den Franzosen und Bayern vier heiße Schlachten lieferte, entgangen ivar. — Unser Ballonschatten gleitet über Rätters. Jetzt treibt er gen Mutters. — Seltsam, da mußten wir doch die Richtung geändert haben. — Und richtig, unsere kühnen Hoffnungen scheinen sich zu erfüllen, der Ballon steuert südwärts und hat mit 1700 Metern seine Gleichgewichtslage erreicht. Fast in gleicher Höhe des Patscherkoselhauses angekommen, eröffnen sich herrliche Ausblicke ins Stubai- tal mit den Stubaier Alpen im Hintergründe, und gen Osten nach der Riffler- uitb Olperergruppe. Schon haben ivir Matrei in stolzem Höhenflug, stetig langsam mit der Brennerstraße ansteigend, erreicht. Ein Zug von Innsbruck windet sich keuchend herauf,, um eben in den zwölften, alle Aussicht raubenden Tunnel cinzu- treten. Zur Linkeit mündet das Navistal ein, zur Rechten iergießt der Gschnitzbach seine schäumenden Wässer in die Sill.. lieber St. Jodock, wo die Bahn bett großen Bogen in die Mündung des Balser Tales beschreibt, um die Steigung Von etwa 100 Metern zu überwinden, find wir in 2000 Meter Höhe angelangt. Nun grüßt int Westen die Kette der Stubaier Alpen tit überwältigender Pracht. Doch unser ganzes Augenmerk muß jetzt dem Ballon gelten. Die .Windströmung des Balser Tales hat ihn gefaßt, er steuert gen Osten, gleichzeitig fällt er rapid. Jetzt heißt es die' Augen offen zu halten. Dr. Bröckelmamt schüttet Sand etnen halben — nun muß er auch noch, den Rest opfern.' Das reißt eine Lücke in unseren Vorrat. Doch der Zweck ist erreicht. In 2200 Meter Meereshöhe schwimmen ivir jetzt, wieder vom Nordwind getragen, dem Brennerpaß entgegen. Bisher ivar nur das Rasseln von Eisenbahnzügen heraufgedrungen. Jetzt auf einmal ein anderer Laut; ein Jvchzer ist's; er scheint sogar echt zu fein. Da unten steigen gewiß Touristen durch die Berge; zu sehen freilich ist nichts von ihnen. Auch das Brennerbad, 1000 Meter unter uns, erscheint völlig menschenleer. Run aber den Blick voraus! Der aufregende Teil der Fahrt beginnt. Die Wasserscheide zwischen Schwarzem und Adriatischem Meer liegt bereits hinter uns. In der Fahrtrichtung aber sperrt die Amlhorspitze mit ihrem steilen Msturz unseren Weg. Um nicht toeniger als 500 Meten überragt der Gipfel unsere Fahrbahn. Da heißt es, Ballast geben, um über das drohende Hindernis hinwegzufetzen. Ein Ausweichen erscheint ausgeschlossen. Der Ballon- schatten zeigt uns mit untrüglicher Sicherheit, daß wiv direkt gegen di« Schroffen anfliegen. Immer drohender! schiebt sich das Ungetüm heran — nur noch 50 Meter trennen uns . . . da — schwenken wir halblinks ab und gleiten knapp vorüber. Als wollte die Bergwelt den Wanderern in der Lust zum Lohn für die überstandene Gefahr einen lieblichen Reiz enthüllen, so breitet sie jetzt tief zu unseren Füßen die Anmut des Pfitscher Tales aus: Grünende Matten^ tosende Wasserfälle, Sennerhütten mit steinbeschwerten Dächern; ein Bild reiht sich ans andere. In unaufhörlichem Steigen setzt unser glückhaftes Schiff feinen Sounenflug fort. „Wer recht in Freuden wandern will, der geh' der Sonn' entgegen." Wir haben's heute getan und die Wonne solcher Wanderung verspürt. Der durch das Ballastopfer au der Amthorspitze bedeutend erleichterte Ballon hat sich nun auch über den nächsten Kamm geschwungen und treibt in der respektablen Höhe von 3800 Metern dem Eisacktale zu. Die Temperatur ist ans 5 Grad Kälte gesunken. Die Herrlichkeit ringsum bannt unseren Blick. Im Nordosten strecken die ungeheuren Gipfel der Zillertaler Alpen mit dem Hochseiler ihre Gletscher firnen zum blauen Aether auf. Hinter ihnen stehen in unerbittlicher Schroffheit die monumentalen Schneepyramiden der Drei Herren-Spitze, des Groß-Benedigers und des Großglockners,^ der in majestätischem Glanze anfleuchtet. Im Westen türmen sich die Eishänge der Oetztaler Alpen. Darüber hinaus starrt ein uralter Wächter, für alle Ewigkeit gesetzt, der Oriler, mit dem gleißenden Blick feiner Firnschneide. Und aus dem Schleier der Ferne schimmert gar die Bernina I Die ganze Gletscherwelt blickt auf das treibende Spielzeug, das Menschenhand zum Jkarusslng gerüstet hat. Doch die Flügel erlahmen ihm nicht unter den eisigen, iuie in gewaltigem Staunen versteinerten Blicken der Bergriesen, Bor uns klettern die grotesk gezackten Gipfel und Türme der Dolomiten am Horizont hin, wo nur leichte weiße Wolken ihre Straße ziehen. Mit nur 10 Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde steuern wir auf sie zu, 4000 Meter hoch . . • und 7 Sack Ballast noch an Bord. Es ist 41/2 Uhr, wir müssen an den Abstieg denken. Jetzt noch über die Vorberge der Sarntaler Alpen und wir können im Eisacktale niedergehen. Drei Sack Ballast bleiben, uns für das Manöver, vier sind der Landung Vorbehalten. Auch jetzt wieder lächelt uns der Erfolg. Der tief- qefurchte Bergwall glitt unter uns dahin. Waldungen breiten sich aus; der Ballon fällt: 3000 Meter, 2000 Meter. Wie Kulissen entschwinden die Gletscher hinter den nahen Felsknppen. Gerade an diesem kulissenartigen Verschieben des Bergbildes kann der Luftschiffer in den Alpen jedes Steigen und Fallen des Ballons ohne Hilfsmittel leicht feststellen. , In 15 Minuten mußten ivir im Tale fein, doch der 684 Wind hatte ini den unteren Schichten völlig abgeflaut; das Schlepptau setzte auf Baume auf, über denen der Ballon unbewegt schwebte. Unter uns: jäh abfallendes Terrain. An eine Landung hier war schwerlich zu denken. Ein Ausweg blieb: den Ballon erleichtern, um ihn in der Höhe -zu einem günstigeren Landungsplätze treiben zu lassen. Also mußte ich wohl oder übel aussteigen; das gelang, der Pallon schnellte empor, trieb in der gewünschten Richtung talwärts und wurde von herbeieilenden Leuten aus eine Bergwiese dirigiert. Dreiviertel Stunde später erreichte auch ich die Landungsstelle, wo der Ballon nach einer Stunde fertig verpackt zum Transport nach dem 900 Meter tiefer gelegenen Tale bereit stand. Drüben aber, auf der anderen Seite des Tales, flutete ein immer intensiver werdendes Rot über die Spitzen und Zacken der Dolomiten. Wie Märchenzauber hob sich die Erscheinung aus dem Dämmern der abendlichen Stunde. VeNMsMs-Ak» * Eine Insel, die n ur auf der Kar te existier t. Folgende merkwürdige Mitteilung hat die britische Adntirali- tät, dem „Berl. Tgbl." zufolge, an die Marüte ergehen lassen: „Kiel Island, das an der Westküste von Palao oder den Pelea-Jnseln liegend angenommen wurde, existiert nicht. Kiel Island ist deshalb von allen Seekarten zu entfernen." Diese „Insel" im nördlichen Teil des Stillen Ozean, die niemals existiert hat, nimmt nun schon seit 50 bis 60 Jahren auf den Karten der britischen Marine ihren Platz ein. Vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde sie „entdeckt" und beschrieben und auf der Karte eingezeichnet, aber als die Seeleute sie niemals zu Gesicht bekamen, wurden sie zweifelhaft und wcrßten nicht, wem sie mehr trauen sollten, ihren Augen oder der Karte. Bevor diese skeptischen Anschauungen aber in dis Admiralität drangen, sind mehr als 50 Jahre vergangen, und erst ein deutsches Kriegsschiff, das von der deutschen Admiralität zur Untersuchung dieser nie gesehenen Insel ans gesandt war, hat Kiel Island als ein bloßes Phantom festgestellt. * Marokkanische Sprichwörter. Das Kainel sieht seinen eigenen Buckel nicht, aber es sieht sehr gut den seines Nachbarn. — Wer sich auf feinen Nachbar verläßt, muß ohne Abendbrot schlafen gehen. — Ein kluger Feind ist besser als ein dummer Freund. — Gieße Wasser nicht aus, bevor du Wasser gefunden hast. — Gehe über den Fluß, der rauschend dahinsließt; aber hüte dich vor dem, der schweigsam und ruhig ist. — In der Welt gibt es drei Dinge, denen man nicht trauen darf: dem Glück, den Frauen und den Pferden. — Der ist geschickt, der Gazellen auf einem Esel reiten läßt. — Das Besteigen der Rosse, das Loslassen der Jagdhunde und das Klirren der Ohrringe nehmen die Grillen aus dem Kopf und vertreibt die Langeweile. * Gefährdung der Kinder durch Küsse. In den Vereinigten Staaten, wo in Fragen des Gemeinwohles häufig ziemlich drastische Mittel gewünscht und durchgeführt werden, hat sich schon seit einiger Zeit eine recht energische Agitation gegen das Küssen geltend gemacht, die in erster Linie gegen die gesundheitlichen Gefahren dieser tief im Wesen des Menschen wurzelnden Sitte angeht. Man mag über Vereine, Bünde usw., die sich die praktische Durchführung eines Kußverbotes angelegen sein lassen, denken wie man will: einen gesunden Kern hat die Warnung vor einem Zuviel und vor Ueberflüssigem auf diesem Gebiete immerhin. Namentlich die schwere Unsitte, fremde Kinder mit „tätlichen" Liebkosungen zu überschütten, Die diesen häufig eine wahre Folter sind, könnte wohl zum Heil der Menschheit etwas eingedämmt werden. In den Archiven für Kinderheilkunde wendet sich Dr. Martinez nachdrücklich gegen das Küssen der Kinder, das nur zu oft zur Uebertragung ansteckender Krankheiten führt. Der Erreger der Zahnfäule zum Beispiel kann sehr wohl von Mund zu Mund übergehen. Aber auch Hautkrankheiten, wie Scharlach und Masern, ferner Grippe und Diphtherie finden ihren Weg über die Lippen. Am schlimmsten steht es hinsichtlich der Tuberkulose, umsomehr, als die Ansteckung anfänglich ein ganz harmloses Aussehen zeigt. Ebenso ist das Küssen der Schulkinder untereinander einzuschränken. * Wie die Völker lachen. Wo man auf meisten lacht? In Brüssel. Am seltensten? In Madrid. Am schönsten aber lacht man in Paris. Kein Wunder, hat es in der Seinestadt doch früher sogenannte Lachmeister gegeben, Dies nicht nur in der gefälligen Konversation Unterricht gaben, sondern ihren Schülern und vorzugsweise Schülerinnen bei-, brachten, daß ein meckerndes, wieherndes oder sonstwie uu-- angenehm tönendes Lachen geradezu beleidigend ist. Dep Franzose von heute lacht weniger als früher; manche führen das auf das Häßlicherwerdm der Zähne zurück. Er lacht freundschaftlich, ohne Nachgedanken. Sein Lachen ist fürchten gemütlichen Kreis von Freunden bestimmt, die sich bei1 einem Gläschen Wein vergnügen. Aehnlich auch der Oester- reicher. Sein Lachen ist frisch und elegant imb zeugt von- Mitteilsamkeit. Ganz besonders entzückend ist das geistreiche Lachen der Wienerin mit den kleinen weißen Zähnen. Ganz anders der Engländer! Er lacht kurz, hart, trocken, gerade als ob er sich durch diese Gefühlsäußerung zu seiner Umgebung, herabließe. Mitglieder der vornehmen englischen Aristokratie lachen fast überhaupt nicht. Der Brüsseler Bürger dagegen lacht unbändig laut wie ein Karrenschieber. Die Brüsseler Damen lachen in den höchsten Tönen, iittbi einige belgische Frauen waren ihres Lachens wegen geradezu berühmt, so z. B. Frau Hagion, Biana Duhamel und Ma- rtette Sulky. Das Lachen in seiner natürlichsten, reinstes und frischesten Form soll man bei deut Amerikaner finden. Sein Lachausbruch ist urwüchsig,, ungekünstelt uitb darum' fortreißend. * Galgenhumor. Staatsanwalt: „Haben Sie vor Ihrer Hinrichtung noch einen Wunsch?" — Delinauent: „I möcht grab noch die Beamtenaufbesscrimg abivarten. * Vorsichtig. Mr. Glover: „Darf ich das Vergnügen haben, Sie morgen abend bei uns zu sehen? Wir werden erst einige musikalische Borträge haben: meine Tochter Erna wir» singen und mein Paul etwas auf der Violine vortragen: um 9 Uhr wird dann gespeist." — Mr. White: „Meinen herzlichsten Dank für Ihre Einladung; ich werde pünktlich um nenn Uhr erscheinen." ______________ Literarisches. — Hermann Hesse, Nachbarn. Erzählungen. S. Fischer, Verlag, Berlin. Ter neue Novellenband vm« Hermann Hesse heißt „Nachbarn", womit nicht, wie sonst üblich, ein Einzeltitel zum Gesamttitel erhoben tft, sondern das Buch als Ganzes charakterisiert werden soll. Demr das. Buch ist eilt Ganzes; alle seine Geschichten sind Bettrage zu. der einen Geschichte von der kleinen Stadt Germersau, durch; deren Gassen und in bereit Häuser uns Hesse führt, wie Keller uns die Dächer.von Selbwyla abgedeckt hat. Wir sehen allerlei bescheidene Lebensläufe, Glückliche und itunbev. Glückliche, bloßen Irrtum in der Lebensformung, der geändert werden kann, Verkehrtheiten, die bis zum Grmide wirken und ein Leben zerstören, Fleiß und Faulheit, Bieber- sinu unb Schwindelsinn, kurz, im Stengelglase eine Welt, und alles bas von einer fast altmeisterlichen Hand frcttz klug, mit einem Humor, der nicht griwassiert, und einem Ernst, der keine Trübheit aufkommen läßt, vor Augen gestellt. Feinschmecker werben überbies Gelegenheit haben, in diesem Buch ein in Rhythmus und Wortklang wahrhaft köstliches Deutsch zu lesen. *0- Silbenrätsel. a, ach, de, des, e, g, gu, la, le, med, mm, mur, na, na. pi, ri, re, ra, sti, wa, xin. Ans vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart tniteremander gesetzt werden, daß ne Jmmtgs- bnchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen den Namen eines sranzopsehen Buhnen« und Romanschriitstellers ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes: _ 1. Athenischen Staatsmann. 2. Sibirischen Strom. 3. Ein Gedicht. 4. Uub in Brasilien. 5. Name osmanischer Sultane. 6. Belgische Provinz. 7. Einen Jndianerstamm. Auslosung in nächster Nummer. Auflösung des Verwandlungsrätsels in voriger Nummert Abel, Linie, Senk, Sammet, Eger, Riga, Tueh, Eben. Alles i ft e r r a t (j e n. Redaktion: E- Anderson. — Rotationsdruck und Verlag bei Brühl'Ichev Untvrrsttäls» Buch» unb Steindruckereh R. Lange, Gießeit.