Ulf ;(& ^08 — Nr. 204 Mttwoch i>M Zo. Dezember letzt aber ergreift man sie ititb schleppt sie in jenen Teil oes Term, des fieberdünstevde« Sumpfwaldes, durch de» der göttliche Panther seinen Weg zur Tränke zu nehmen gewohnt ist. Man bindet sie Lt fest «7 eine« Baum und überläßt sie daun den Zähnen des Gottes , der alte Asse von einem Padhan seine'Rede ge- brach dao versammelte Volt — denn es waren inzwischen SandutS aus allen Dörfern de§ Tales zusannneu- ~~ 'n mißtönende Jubelrufe aus. Mary, diese fuße Törrn, wähnte offenbar, man wolle sie zur Königin ausrufen. Sie dankte mit einer stolzen Bewegung des Hauptes. Da wiederholten die Gelben ihr krächzendes, Freudengeschrei. Und schon nahte der Zauberer des Tales, in- war kein Sandukmann, denn seine faltige baut dunkelte ivie unter schweren Schatten. Woher er stammte, habe« w -nie t» Erfahrung bringen können. Seinen Kops umhüllte ein feuerfarbenes Tuch. Aus feinen? aschgrauen Ge- ^ti”bc 8,?8 et einen Gegenstand, der einem elfenbeinernen Dolche ähnlich sah. Dann flehte er Miß Mary durch "Erwttrflge Zeichen an, sie möge doch ihren rechten Fuß entblößen. Sre willfahrte ihm lächelnd. Sie hatte sehr kleme und wohlgeformte Füße. Ich wollte sie am Aus- ziehen ihres Schuhes hindern; aber zwei von den Sanduk- teufeln hielten mit ihren gelben Krallen meine Hände wie mit eisernen Zangen fest und entehrten mich auf ewig durch ihre schmutzige Berührung. Da erflaminte aus den benachbarten Bergen der rote, zitternde, blutgierige Schrei einer kriegerischen Tromvete. Uni) die gelben Gesichter der Sanduks wurden fahler,' als, die Haut der grünen Viper ist, wenn ihre Nähte platzen. Die Hände, die mich umklammert hielten, wurden weich und matt. Aber es war schon zu spät! Der Fakir hatte Marys Fußsohle mit seinem Elfenbeindolch geritzt, bevor er sich zur Flucht wandte und wie ein Schemen ent« schwimden war. Tenn eine Flucht war's, voll jammernden Entsetzens^ Die ledigen Pferde unserer ermordeten Begleiter waren nach Ghasipur zurückgerannt,- sogleich war Sir John mit einer auserlesenen Truppe des Radschas ins Gebirge auf. gebrochen, und nun wüteten die Säbel der Ghasipuris int Sandukdorf. Ein Flintenschuß streckte den alten Padhan zu Boden. Er kollerte gerade vor Marys Füße; sein Affen- gesicht verzerrte sich, zu ihr emporgewendet, im Todeskampf zu grinsendem Hohn. Als wir ivieder glüeklich in Ghasipur waren, fing mein Liebling an, das ganze Schrecknis als ein herrliches Abenteuer zu betrachten. .Schade nur/ pflegte sie in kindischem Stolze zu sagen, ,daß diese armen Sandukleute dm WunsH •t’er seltsame Fall der Madame Vuroff. Aufgezeichnet von Bodo Wildberg. Nachdruck verboten (Schluß.) Endlich öffnete sich die Tür unseres Gefängnisses Die Augen taten uns weh, so blendend schimi draußm die uns "der £lrt)te ltand ein sehr alter Mann vor * ** vollständig einem jener geheiligten greifen Affen H ^bmpelhofe zu Tapobana ihre Possen treiben. Er trug einen weißen Turban und fletschte schadbafte 'Als Mary in den Türrahmen trat, warf er sich dreimal mit seiner Stirn den rötlichen Schmutz der Dorfgasse. Mary lächelte: sie Ivar nun gewiß, daß eine Wendung zu ihrem Heile eingetreten ßLa'S ^r“lte,n.iöarett lchon getrocknet. Die Huldigung f?an.ne8, ec »och so dumm, häßlich oder böse, vermochte ja zu jeder Zeit ihr Angesicht zu erheitern erbebte in tiefster Seele. Denn ich hatte auf des alten Affenmenschen Stirn die drei Kreidestriche er’ d« ch» 8um bedingungslos ergebenen Knecht des Zerstörers Schrwa gestempelt hatten. ibn, UJtb ^rach zu den Umstehenden, die rhm, als dem Padhan oder Ortsvorsteher, geziemende Ehr- surcht bezeigten: . »„ v . .Heil uns! Schiwa wird sich freuen! Der göttliche Panther wird springen'und brüllen; denn siehe, eine weiße blttI0en to,c chm bar, wie noch keine fein Antlitz . Mary verstand die Sprache des Mannes nicht; ich aber verstand sie, und die Luft wurde finster vor meinen Augen. >vch habe Euch schon gesagt, Sahib, daß jene gelben Teufel den Gott Schiwa anbeten in Gestalt eines Panthers. Von Zeit zu Zeit nun pflegen sie ihm ein Mädchen von anmutender Erscheinung als besonders wertvolles Opfer darzubringen. Die Unselige wird von einem Zauberer zur Pantherbraut geweiht, indem jeder mit einem beinernen Werkzeug ihre Fußsohle berührt. Nach einer Weile ent- jW dort ein Zeichen, das den Flecken des Panthers ähnelt. Es dauert nun Jahre, oft sechs, oft zehn, manch. Mal sogar zwanzig, bis der gesamte Leib der Panther- brairt mit schwarzen Flecken bedeckt ist. Da die Sandilks, wie ich Euch erzählte, Sahib, eine gelbe Haut besitzen, so gleicht solch geschecktes Menschenkind einem Panther oder Leoparden aufs_ erstaunlichste. Wenn nun die Flecken des Panthers der Erwählten ins Gesicht zu steigen beginnen, daun ist der Tag der Opferung gekommen. Die ganze Zeit über hat man ihr die größte Verehrung erwiesen —> 814 mich zur Königin zu haben, so Sitter büßen mußtenh. ein kleiner, rundlicher Fleck. Das ängstigte mich schwer. Zwar keimte binnen wenigen Tagen aus ihrer Fußsohle ein kleiner rundlicher Fleck. Das ängstigte mich schwer und ich erzählte Sir John, was ich von dem Panther- dienst der Sanduks wüßte. Marys Vater befragte sogleich den Leibarzt des Radschas. Der erklärte, nur derselbe Fakir, der die Wunde geritzt, könne sie auch wieder heilen; nur er besitze das nötige Gegengift. Da rief Sir John die Freundschaft des Radschas an, und dieser kargte nicht mit seinen Mitteln; aber weder die Streifzüge der Ghasi- Huris noch das Versprechen einer königlichen Belohnung erreichten ihren Zweck. Jener Zauberer blieb verschwunden, als hätten ihn Wölfe anfgezehrt, als wäre er in die Lüfte zerflogen. Er war ttntergetancht ut die ungeheuere, dunkle Volksmasse Indiens, und da hätten ihn alle Residenten des Reiches nicht hervorzuholen vermocht. Hub nun kam Alexis Bnroff, der reiche, fröhliche Mossy-, lotter, nach Ghasipur. Er reiste zu seinem Vergnügen, obwohl viele Engländer in ihm einen russischen Spion erblicken wollten. Seine gesprächig gewinnende Art, sein breites, .männliches Gesicht, seine Stattlichkeit and Kraft nahmen Mary gefangen. Sie wurde Russin; sie hieß von nun an Maria Iwanowna Bnroff. we n ——— . ■ 'm ■!, ■ -1, ■ — Ich hegte, Sahib, die geheime, törichte Hoffnung, daß dieser große Wandel in Marys Leben, da sie aus einem Mädchen ein Weib, aus einer Britin eine Moskowiterin, ans einer Tochter der Hochkirche eine Anhängerin des griechischen Glaubens geworden war, dem bösen Zauber nachhaltig eutgegenwirken würde. Sie selbst muß etwas Derartiges empfunden haben, ohne es sich zu gestehen. Sonst hangen ja die Briten — allerdings lvar Mac Laren ein Irländer — so fest an ihrem Volke. Sie aber sehnte sich glühend danach, gleichsam umgepflanzt zu werden irr einen ganz anderen Boderr. Mary, die der Dolch des Fakirs berührt hatte, sollte vergessen sein. In den ersten Jahren schien denn anch die Nachwirkung der winzigen Wunde so gering, daß ich Hoffnung schöpfte, sie lvürde allmählich ganz verfliegen. Dann aber kam die erste Abkühlung über Marys Liebe. Burofs hatte sich einen Rausch angetrunken und war sehr häßlich zu ihr. Meine Herrin erregte sich furchtbar; und am nächsten Morgen waren ihre Füße bis zu bett Knien mit schwarzen Pont herflecken gesprenkelt. In Todesängsten stürzte ich 3,11111 Arzt. Er fühlte sich der unheimlichen Erscheinung gegenüber vollkommen ohne Wissen und Rat. Denn was er da sah, stand eben außer allen Beziehungen zu seinen Erfahrungen, zu seiner Kunst. .Er nannte die Namen einiger berühmter Gelehrter des Westens, die vielleicht ... vielleicht , . . von der • Sache etwas verstehen würden. Nun konnte ich mich nicht enthalten, alles zu erzählen, was der Padhau damals gesprochen hatte, und auch Mary hörte es — mit, mehr Staunen als Erschrecken zum erstenmal. Der Arzt belächelte die Pcmthergeschichte als ein albernes Märchen; doch hielt er es für möglich, daß mit dem Werkzeug des Fakirs ein unbekanntes Gift in die Haut gedrungen sei. Burofs mußte jetzt die ganze Sache erfahren, damit er sich entschlösse, mit seiner Gattin die großen Aerzte Westeuropas anfzusuchen. Da gab es aber einen entsetzlichen Auftritt. Sein voller, brandroter Bart sträubte sich vor Zorn: ,Uitb das hast du mir verschwiegen; mit diesem Gift in den Adern hast du mich geheiratet!‘ Er schien Angst zu haben, daß etwas von der tückischen Bezauberung auch auf ihn übergegangen sein könnte. Danach machte er sich auf und brachte Mary zu den weisesten Doktoren in Berlin, Wien, Paris, London. Aber es vermochte ihr keiner zu helfen. Wahrlich, ich hätte die Kunst der Abendländer für größer' gehalten s Eines Tages sagte der Russe zu mir: ,Moti, du kannst von heute an mit deiner Herrin zusammen hausen. Wir werden uns fortan nur bei Tische sehen. Im Vertrauen,- Ayah, es ist nicht allein dieses Fortschreiten der Panther- haut, was.mich so abstößt. Mir ist manchmal, als ginge, ein Dunst von ihr aus, wie er wilden Tieren eignet/ Mary trüg eng am Halse schließende Kleider und zu jeder Zeit Handschuhe. Sie war tapfer und lächelte dem Schicksal ins Gesicht. Aber cS kam ein Morgen, da sich unter ihrem linken Ohr — Ihr wißt noch, Sahib, was für süße, rosenfarbige! Oehrchen sie besaß — ein kleiner dunkler Fleck bemerkbau machte. Kein Puder, keine Schminke, kein indisches Wasser konnte den Fleck zum Weichen oder auch nur zum Erblassen bringen. In meinem Ringe verwahrte ich seit jeher ein selteues',- kostbares Gift, wie es die Singhalesen auf der Insel Ceylon geheimnisvoll zu bereiten toiffeit. Es tötet, bevor man Zeit gehabt hat, mit der Wimper zu zücken. , Sie hat es mir abgeschmeichelt. Ich erkannte, daß ich ähr nichts Besseres antun könnte, als ihrem Flehen Gehör zu schenken. Und da ich sie immer geliebt hatte, so gab! ich ihr das Gift. Ihr werdet mich nicht verraten, Herr. Wenn ich erst einmal in meiner Heimat bin, daun dürft Ihr davon sprechen. Denn ich leugne es nicht, daß ich! meinem Pflegling, meiner Mary, zur Erlösung verholsen habt:. Dieses Bewußtsein wird der einzige Trost meines öden und elenden Alters fein." Eine „Panne" in der mongMschm Stepps. Unter dem Titel „Im A n t 0 u m d i e W e l t" veröfsent- licht dieser Tage im Berlage von Ullstein u. Co. der Ober-- leutnant Haus K 0 e p p e n eine ausführliche Schilderung seiner von so großem Erfolge gekrönten Antomobilfahrt „Newyyrk-Paris", die er in einem Protos-Wagen auf ein Ausschreiben des „Matin" unternahm. Er ist nach sechsmonatlicher Fahrt nach mannigfachen Mühen und Fährlich- keiten vor seinen amerikanischen und italienischen Mitbewerbern als erster ans Ziel gelangt. Um die fast unüberwindlichen .Hindernisse, mit denen er zu kämpfen hatte, recht anschaulich vorzuführen, greifen wir aus dem reichen und spannenden Inhalt eine Episode in der mongolischen Wüste heraus. Es war in einem nördlichen Ausläufer der großen Wüste Gobi, als das Auto durch große sumpfige Wiesen an der Weiterfahrt gehindert wurde. Bei dem verwegenen Versuch, mit einem tüchtigen Anlauf durch einen quer über den Weg fließenden Bach zu kommen, brach die Vorder sedeu des 'Wagens, und die Hinterräder blieben unrettbar ins tiefsten Schlamm stecken. Ohne Hilfe war nicht heranszu- kommen, und so erklärte sich denn der Rittmeister von Albrecht, der auf Befehl des mandschurischen Generalgouver- ueurs Tschitschagofs den Wagen begleitete, dazu bereit, die in dem nicht allzu weit gelegenen Ort.Jakechi stehende Schwadron zur Hilfeleistung zu requirieren. Gegen 1 Uhr mittags machte er sich auf den Weg und . konnte vor 5--vo ihre Wünsche und Hoffnungen vielleicht ebenso bitter getäuscht werden wie dies, wo es aber sicherlich an dem über alles geliebten Wodka mich nicht fehlen wird. Einrnal an unsere Revolver erinnert, vertrieben wir uns die lange Wartezeit mit Preisschießen. Die Scheiben wurden aus Pappdeckeln hergestellt, das Zentrum mit Hilfe des Moorbodens markiert, und eine leere Oelkanne'als Scheibeugestell benutzt. Aber das Vergnügen mußte ein Ende nehmen, da wir nicht unsere ganze Munition verknallen dursten. Als Jegen 6 Uhr der Rittmeister noch nicht da warst fingen wir an, ungeduldig zu werden, mrd schauten bald hierhin, bald dorthin nach ihm aus. Es wurde sieben, er kam nicht. Die Dämmerung senkte sich lailgsam auf die Steppe nieder, es wurde acht, die Sonnen ging glühend hinter den Hügeln unter, die Nacht brach schnell herein vorn Rittmeister und der Schwadron immer noch nichts zu sehen und zu hören. Glänzend ging der Mond am tiefblauen Himmel auf, phantastisch groß in dem Dmrst des Horizonts, dann scharf un,rissen in der reinen und klaren Steppenlust, und seltsame Silberfädeu über die weite Grasfläche spinnend. Es war fast 9 Uhr geworden, und ich mußte annehmen, daß Rittnieister von Albrecht sich mitsamt seinem ortskundigen Führer verlaufen habe oder ihm auch etwas zugestoßen sei, da er etwas leichtsinnig ohne jede Waffe seinen Marsch angetreten hatte. Wie dem auch war, ich glaubte das Richtige zu tun, nunmehr mich selbst auf den Weg zu machen, um ihn zu finden oder wenigstens die ersehnte .Hilfe herbeizuschafsen. Ter klare Mondschein begünstigle anfangs die in der nächtlichen Hügelsteppe nicht ganz einfache Orientierung. Nach ettva einer Stunde bewölkte sich aber der Himmel derart, daß ich mich ausschließlich auf meinen Ortssinn verlassen nmßte, der mir sagte, ich hätte mich scharf rechts zu halten, um auf den Bahndanim zu stoßen, wo ich dann leicht eine Station finden konnte. Aber auch das Rechtshallen war nicht so einfach, da in der gleichföruügen tzügelformation der Steppe jeder Richtungspunkt fehlte. Eine gewisse Helligkeit blieb wenigstens, da die Nächte in diesen Breiten und Gegenden selten im Sommer ganz dunkel werden. Meine Uhr zeigte bereits Mtternacht. Ich hatte meine einzigen Kleidungsstücke, Sweater und Lederanzug an, in denen es mir recht warm bei dem ewigen Hugelauf-Hügel- ab geworden war, und der Durst fing an, mich schwer zu plagen. Ich mußte längst mehr als 15 Kilometer gemacht, also den Bahndaurnr verfehlt haben. Auch die Müdigkeit machte sich erheblich bemerkbar, zumal ich in der Nacht zuvor nicht geschlafen hatte.. Ich stand vor der Frage: weiter, zurück oder hinlegen, wo ich mich befand, und den. Morgen abwarten. Das letztere verbot mir der Gedanke an meine Gefährten, die beim Auto übernachteten und spätestens mit dem ersten Sonnenstrahl Hilfe erwarteten. Zurückzugehen, der Plan erschien mir in der irreführenden Nacht unmöglich und auch nutzlos. Es blieb also nichts anderes übrig, als meinen Marsch unter möglichster Einhaltung der eingeschlagenen Richtung weiter fortzusetzen Nach einer halben Stunde, während ich hartes Steppengras gegen den unerträglich gewordenen Durst kaute, sah ich von einem überhöhenden Hügel plötzlich in der Ferne ein Licht. Welch ein Jubel in meiner Situation, solch ein winziges Zeichen von einer Feuerstelle, einem Herd, einer Lampe in der tiefen Nacht halb verirrt zu erblicken! Ich marschierte auf den nächsten Hügel lveiter, von dessen Kamm ich das Licht rviedersah, ebenso fern, ebenso mrhig, ebenso freundlich wie zuvor. Ich eilte den Hang hinunter und den nächsten hinaus und blieb betroffen stehen. Das Licht ivar fort. Ich mochte nicht daran glauben, daß irgendein tzöser Geist mir plötzlich jvieder das Licht ae- stöhlen hätte, mein schönes Licht, und sprang zum nächsten höheren Hügel hinan. Aber so sehr ich auch meine Sluaen ÄÄ** - **"" Eine eigenartige Hoffnungslosigkeit überkam mich. Ich dachte an das Auto, au meine beiden Chauffeure und an das Ziel, unserer Fahrt, an meine Eltern und Berlin, und die schwärzesten Borstellungen bedrängten mich, obwohl ich resolut meinen Weg auch ohne das treulose Rickllicbt iort- setzte. v Schrankenlos wie die nachtdunkle Steppe dehnte sich oie Phantasie, und die physischen Strapazen, Durst und Müdigkeit wirkten krankhaft auf sie ein. Ich sagte mir das, ohne von den törichten Einbildungen loszukommen. Im nächsten Augenblick bäte ich über mich selbst lachen können. Ich sah über eine d r nächsten Hügelkuppen die schwarzen Silhouetten von Reitern auftauchen, die sich ziemlich deutlich gegen den Himmel abhoben. Die Rettung war da, denn wer konnte das anders fein, als mein guter Rittmeister mit der Schwadron! Da die Reiter eine etwas andere Richtung hatten, rief ich hinüber, ttnt mich bemerkbar zu machen. Ich konnte ganz gut wahrnehmen, ivie sie auf meine Rufe stutzten, sich umwcmdten und mm lebhafter auf mich zuram'w, und freute mich auf die originelle Begrüßung und den willkommenen Rücken eines der braven Kosaken- Pferde. Je näher sie kamen, desto mehr erkannte ich jedoch, daß es abermals eine getäuschte Hoffnung war, und diesmal sicherlich auch- kam» etwas Friedfertiges. Es waren keine Kosaken, sondern Chungnsen, sechs Mann von dem wohl- bewaffneten und gut berittenen Gelichter, das die Steppe als fein Reich betrachtet und gegen den Eisenbahndamm und die Blockhäuser als unliebsame Störenfriede ihrer Nomadenherrlichkeit ankämpft. Auf jede Eventualität gefaßt, suchte ich ben Leuten klar- zumacheu, daß ich als friedfertiger Wanderer mich verirrt hätte und den Weg zur nächsten Station suche. Ich fragte und zeigte in die verschiedenen Himmelsrichtungen, und sie verstanden auch ganz gut, um was es sich handle, gaben mir aber durch Gebärden und Ausrufe in einem mir völlig unverständlichen Idiom zu verstehen, daß sie mir den Weg wohl zeigen könnten, jedoch erst Bezahlung verlangten. Damit ivar ich nun keineswegs einverstanden und wünschte, zunächst in die richtige Richtung gebracht zu werden, dann sollten sie haben, was sie begehrten,. Meine Lage begann kritisch zu werden, da die dunkeln Gesellen keine Miene machten, meinem Wunsche nachzukommen, vielmehr sich an mich zu drängen suchten. Ich trug ein paar tauseud Rubel bei mir, und die Bande hätte zweifellos einen guten Fang gemacht, wenn sie mit mir fertig geworden wäre. Aus meine weiteren Fragen reagierten sie nicht weiter, sondern versuchten tatsächlich, mich in die Mitte zu bekommen. Run gab es kein Zögern. Ich sprang zurück, riß meinen Revolver vor und knallts knapp über ihre spitzen Hüte hinweg zwei schnelle Schuss« in die Lust, entschlossen, die nächste Kugel einem der Banditen irr den Muberleib zu jagen. Auf eine Waffe schienen sie bei mir nicht gesaßt gewesen zu sein. Ich trug den Revolver in einem Futteral unter der Lederjoppe. Das plötzliche Feuergebeu erschreckte sie auss äußerste, mrd obwohl sie über ihren Sattelknöpsen kurze Gewehre hängen hatten, rasten sie wie besessen davon. Meine erleichterte Stimmung hielt nicht lange an. Tie: Kerle konnten verstärkt wiederkommen, und über den richtigen Weg wußte ich nach wie vor keinen Bescheid. Durch das Renkontre war ich aber wenigstens wieder ganz munter geworden, und mit frisch geladenem Revolver setzte ich meinen Marsch in der Richtung fort, die ich für die rechte hielt. Es war wohl gegen 3 Uhr morgens, und die schwache Morgendämmerung gestattete bereits einen weiteren Ausblick, als ich in der Ferne aufs neue ein Licht entdeckte, diesmal ein rotes, zweifellos ein Signallicht der Eisenbahn in der Rahe einer Station. Mit Aufbietung der letzten Kräfte strebte ich diesem Lichte entgegen, ehe es etwa wieder verschwand. Mit beschleunigten Schritten, teilweise auch lausend, in dem heißen Verlangen, endlich aus der ungemütlichen Situation erlöst zu werden, und gepeinigt von wahu- jinnigem Durst, brachte ich mir das Licht schnell naher 818 und sah nach einer halben Stunde den Elsenöahndamm und die Gebäude einer Station in dem Heller und Heller heranfsteigenden Morgen auftauchen. Wie ich gleich in Erfahrung brachte, ivar es die gesuchte Station Jakechi. Ich kann wohl behaupten, es war einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens, als ich in Schlveiß gebadet die Station betrat. Nicht daß ich die Empfindung hatte, gerettet zu sein, dazu hatte ein Gefühl der Furcht gefehlt, das ich während meines Nachtmarsches nie gehabt hatte. Aber ich empfand, daß etwas seltsam Unbequemes, Unheimliches, Ungewöhnliches hinter mir lag, dessen seelische Torturen unerträglicher waren als die leiblichen Qualen des Durstes, der Erschlaffung und der Blindheit in der unendlich erscheinenden Nacht, und ich fühlte eine so innige Freude am Dasein, an den Menschen, an allem, wie sie nur ein Genesender nach schwerer Krankheit fühlen kann. . . Bon dem Rittmeister der Station, der von seinen Kameraden von Albrecht nicht das geringste gesehen hatte, wurde sofort die Schwadron alarmiert, und nun ritt man in aller Eile zu der Stelle, wo das Auto im Sumpfe stecken geblieben war, und den vereinten Bemühungen gelang es, den Wagen wieder aufs Trockene zu bringen. Mit dem hilfreichen Rittmeister als Ehrengast au Bord ging es dann zusammen mit der eskortierenden Schwadron nach Zakechi zurück, wo sich schließlich auch der Rittmeister von Albrecht ernfand, der von seinem Führer weit in die Irre geführt worden war. C. W. Vermachtes. * nitten. Einen ergötzlichen Uebersetzungs- schnitzer > der Briefkasten in der Kladderadatsch- Nummer zur weiteren Verbreitung: Die Münchener Neueste» Nachrichten hatten die Meldung gebracht, daß Kaiser Wil- helnl am letzten Abend in Donaueschingen den Grafen Hülsen-Häseler geschnitten habe. Diese Nachricht gibt der Pariser „Temps" in seiner Parlamentsausgabe („Le Petit Temps") auf Grund eines Telegramms seines Berliner Korrespondenten folgendermaßen wieder: „Enfin le jour mßme a Donaueschingen l'empereur aurait blessö le ßetter«t de Hülsen-Haeseler L table en manoeuvrant son couteau". * Eine tragikomische Brandgeschichte hat sich, laut Berl. L.-A. in Tittenkofen in Niederbayern zugetragen. Dort brach abends 8 Uhr in einer Scheune ein Brand aus, die Feuerwehr löschte ihn und erhielt dann Freibier im Gasthaus, zu dem die Scheune gehörte. Nach drei Stunden ertönte von neuem Feuerlärm. Diesmal stand das Gasthaus, in dem die Feuerwehr weiter „löschte", selbst in Flammen uitb brannte trotz abermaliger Bemühungen der Löschmannschaft total nieder. * Ein wirksames Mittel zur Stabtverschö- n e r u ti g. Der Magistrat zu Frankfurt a. O. veranstaltet etttett Wettbewerb zwecks Erzielung geschmackvoller Haus- fassaden. Zur Prämiierung der drei besten einer Auszeich- nung für würdig befundenen Bauten werden 1000 Mr. seitens der Stadtgenteinde zur Verfügung gestellt. Die Prämien erhalten die Bauherren, nicht die Architekten. /' T e tusche Frofchschenkel i» Paris. Zn dein unter diesem Kopk erschienenen fleincn 9lrttfel schreibt man der Köln. Zkg. ans der Ptalz: „Ym Nahem, niib hier in der Pfalz werden die Frosche sowohl wr den deutschen Verbrauch als auch für Frankreich gefanaen, Für die Ausfuhr nach Frankreich sammelt man sie lebend in große Säcke; die Aufkäufer verschicken sie so nach Meß. und von dort aebt d-e Reise nach Paris. In Frankreich selbst sind die Bestände durch die labrbnnderielange Vertilgung fast verschwunden; dort wird der rvroichfcmg fast nur mehr von Sportliebhabern mit der Ange! tut Sommer ansgcübt. Der reife eßbare Frosch tat ein Alter von 5 bis 6 Fahren, er wird in Deutschland in der Laichzeit, vorwtegknd im Btärz, gefangen. Darans ist leicht zu ersehen, welcae großen Verwiistnugen ein eifriger Froschjäger in einigen Fahren anrichteh Der Franzose ißr vont Frosch die Schenkel und einen Teil des Sinckens, der Deutsche dagegen begnügt sich mit den Schenkeln. Froschfänger, die für den deutschen Feinschmecker arbeiten, niachen ihre Waren sofort beim Fang sachgerecht fertig, d. h. schneiden gleich dte Schenkel ab. Nun gibt es viele rohe Froschfänger, die st.7 m™1 Muhe nehmen, brn Frosch vor der Amputation zu toten,, sie schneiden.die Schenkel ab und kaffen den zuckenden Sterner« reft liegen, Srer tut März durch ein Wiesental gekommen ist, wo solch em Rohling gewütet hat, und wo hmtderte zuckender, ver. stununelter Froschkorper liegen, wird den Herrn der Schöpfung nicht beurteilen. Ader auch wer einmal einen Transport Frosche, lebend ut Sacke verpackt, gesehen hat, wird den traurigen /Anblick., der beweglichen Sackmaffen nicht leicht vergessen. Was immer übersehen wird, ist, daß der Frosch - wie die Kröte! Gtbecltje utib Blindschleiche - wegen der Massenvertilmmch die er att Insekteii und Insektenlarven vornimmt, zu den nützlichsten Tieren der Landwirtschaft zu rechnen ist. Darum sollte der Frosch — tute es bet beit nützlichen Vögeln längst geschieht — durch Gesetz geschützt und es verboten werden, ihn zu sangen. Vorher jedoch sollten dis Tierschutzvereme sich des zierlichen Quäkers tmd JnsekteusiinaerS annehmen." J Der Aermel der Japanerin. Der Aermel am Kleid der Japanerin ist etwas lebendiges; er nimmt teil an ihren Freuden, an ihren Smmevzen, er spendet der Trcmrigew er ist em H-reuud, dem man Geheimnisse anvertraut. CM Japanerin m den Aermeln ihres Kinwnos ctue flro&c Falte, „Kataage" genannt, und diese Falte wird erst entfernt, . wenn das junge Mädchen Frau wird. So kündet bie Veränderung ihres Aerrnels der Schönen von Nippen ein neues an. Sie wird nun schweigsamer und träumerisch; sie ver- giM ihr Klnderlachen, und sie vertauscht ihr Helles leuchtendes Klew mit. entern dusteren, einförmigen Gewand. Im Eheleben begiimetk ihre Sorgen und ihre Schmeißen, und tu dem mono« ^ueu Gleichklatig ihrer Stunden ist der Besuch der Feste und des Theaters der einzige belebende Wechsel. Dem Aermel vev- traut die Japanerin, ihre tiefften Gefühle, ihr .Hoffen, Sehnetti und Sorgen. Der Aermel hat ihre heißen Tränen getrunken-, und darum haben die Dichter ihn in unzähligen Liedern be ungen, Charles, H. Laurent führt in einem Aufsatz der Jndependenee Beige einige tapantsche Lieder zum Preise des Aerrnels an. „Dev ungerannte Fels, verloren im weiten Meer, tuirb unaufhörlich bfspull. von den Wellen; so ist auch mein Aermel, allen fremden Augen fein, nicht einen Augenblick trocken." „Tränen lmben, meine Aermel getränkt; fragt man mich, warum sie so feucht, find, so antworte, ich, es ist der Regen des Frühlings/' ..Nun tch nicht mehr bett sehen kann, den ich liebe, wollte ich, der Mond werfe seinen Schein auf meine Aermel, die von meinen Tränen: glanzen." Diese tiefe Melancholie des japanischen Frauenliedes spiegelt ihre liebessieche, sehnsüchtig schwere Stimmung in denk tranenbenetzten Aermel wieder: „Im Herbst sieh, alles so traurig! aus, und Tränen nässen die Aermel mir selbst dann, wenn ich tn den Glanz der sinkenden Sonne schaue." Ihrem Aermel er» rahlt die Japanerin von ihrer Liebe und von ihrem Leid, von des Frühlings heiterem Blühen tmd traurigem Enden: „Noch traut/ ich nicht um den Frühling, der endet, denn noch sind meine Acrmek ganz gesättigt von dem Duft der Pflaumenblüten." „Traurig bin ich, daß ich diesen Kimono aülegen muß, dessen Aermel durchduftet sind von einem süßen Geruch, aber die Jahreszeit läßt nicht mehr zu, daß ich ihn trage." „Zwei Aermel, die eiuaitdea streifen, sind zwei Herzen, die sich in Liebe begegnen." So sagt em altes Sprichnwrt: Die Berührung der Aermel ist die Folge eines Herzensöandes, geschlungen in einem früheren Dasein." Für die Geisha ist der Aermel das ausdrucksvollste Zeichen ihrer Liebe. Man sagt zwar von ihren Aermeln, daß sie weich- seien uub weit und wehend im Wind, aber sie sind auch fchwer und stark in ihrer verführerischen Lockung und ihrer festhaltenden Leideinchaft. Der Aermel ist die Seele der Geisha: sie würde ohne ihre langen Aermel, die fast auf der Erde schleifen, die den Bewegungen ihres zierlichen Körpers die Fülle verleihen, in ihrer üppigen Grazie einbüßen: sie würde im Tanz ohne sie ihre Liebe, ihren Schmerz, .ihre Scham und ihr Lachen nicht aus-- drücken können. Wenn die Japanerin alt wird, dann werden die Aermel ihres Kimonos immer kürzer und mit der Beweglichkeit ihres seelischen Fühlens schwindet die Ausdrucksfähigkeit deS Aev- mels. Erst am Tage ihres Todes, in ihrem weißseidenen Sterbe« kimono ist sie zum leistenmal angetan mit dem langen Aermel ihrer Jugend, der sie wie ein treuer Freund in den Tod geleitet- - Aus der Schule. Professor (zum Primaner, der f rt- wahrend gähnt,:. „Müller, ich bemerke, daß Sie andauernd gähnen. Das tun Sie nut, um mich zu ängern." — Müller; „Rein? Herr Prosestor, ich gähne nur ganz willkürlich." Homonym» Das beutfebe Hans int Bild Vor Augen er dir führt, Ein Künstler, geisteriülit. Dem Ehr' und Dank gebührt, Doch fürchtest btt ba§ Wort, Fühlst btt dich fchuidbewußk; Auch trägst du's fort und fort In deiner eignen Brust. h&, Auslösung in nächster Nummer, Auflösung des Rätsels in voriger Nllnkmer; M eer — Meter. Redaktion- E. Anperu» n. - ÄormwEruck und Bertas <*» Brüh!Ich«- Untee