M8 Mittwoch den 30. September fflitf MGWKi Herr Lecoq. Kpiminal-Roman ton E. Gaborian. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Tank dieser Absätze stellten die Polizisten fest, daß die beiden Fliehenden nicht die Rue du Patay hinaufgegangen waren, wie sie erwartet hatten. Jedenfalls hatten sie diese Straße zu hell erleuchtet und deshalb zu unsicher gesunden. Sie hatten sie deshalb nur gekreuzt, und ein wenig oberhalb der Ruelle de la Croix-Rouge sich durch eine Lücke Zwischen zwei Häusern wieder auf das freie Feld begeben. Die Spitzbübinnen kennen entschieden die Gegend, murmelte Lecog. Die Fährte war auf dem freien Felde wieder außerordentlich leicht erkennbar geworden und blieb so bis zur Rue du Chevaleret. Da aber hörten alle Spuren plötzlich auf. Lecog fand zwar noch acht oder zehn Fußtapfen der Frau mit den breiten Schuhen, aber das war alles. Allerdings war das Terrain für eine Untersuchung dieser Art sehr wenig geeignet. Der Verkehr war in der Rue du Chevaleret ziemlich lebhaft gewesen; auf den Trottoirs lag zwar noch ein bißchen Schnee, der Fahrdamm aber bildete eine einzige große Kotlache. Haben die Frauenzimmer endlich daran gedacht, daß der Schnee sie verraten könnte? brummte Lecoq. Sind sie auf den Fahrweg gegangen? Jedenfalls hatten sie nicht in derselben Absicht wie vorher die Straße überschreiten können, denen auf der anderen Seite der Straße erstreckte sich eine endlose Fabrikmauer. Schrumm! rief der alte Absinth. Da sind wir reingefallen! Mer Lecoq war nicht der Mann, wegen einer Kleinigkeit die Flinte ins Korn Zu werfen. Von der kalten Wut eines Mannes beseelt, der den Gegenstand, welchen er schon sicher zu haben glaubte, sich entschlüpfen sieht, begann er das Suchen von neuem. Und er tat gut daran. Ich Habs! rief er plötzlich. Ich ahne, ich sehe! Der alte Absinth ging zu ihm hin. Er selber sah nichts und ahnte nichts, aber es fiel ihm nicht mehr ein, an seinem Kiameraden zu zweifeln. r Sehen Sie dort! sagte Lecoq zu ihm. Was bemerken -sic? Tie Räderspuren eines Wagens, der scharf kehrt gemacht hat. Nun also! Diese Spuren, Papa, erklären alles. In dieser Straße angekommen, haben unsere Flüchtlinge in der Ferne die Laternen einer Droschke bemerkt, welche ihnen von Paris her entgegenfuhr. War sie leer, so bedeutete dies die Rettung, sie haben auf sie gewartet, und, als der Wagen in Rufweite war, den Kutscher halten lassen. Ohne Zweifel haben sie ihm ein gutes Trinkgeld versprochen'. So viel ist jedenfalls klar, daß er einverstanden war, sie zurückzusahren. Er: hat umgedreht, sie sind in den Wagen gestiegen und deshalb hören hier die tfufr” spuren auf. Diese Erklärung genügte noch nicht, das Gesicht des gütest Alten zu entrunzeln; er sagte: Sind wir denn damit weiter, daß wir jetzt dies wissen? Lecoq konnte sich nicht enthalten, die Achseln zu zucken. Hofften Sie denn, sagte er, daß die Fährte der Spitzbübinnest uns mitten durch ganz Paris bis vor die Tür ihrer Wohnung bringen würde? Nein, aber. . . Also, was verlangen Sie denn u.och Besseres? Denken Sie, ich werde nicht morgen diesen Kutscher aufzufinden wissen? Der Mauir fuhr nach vollbrachtem Tagewerk mit leerem Wagen heim, also ist fein Stall in der Gegend. Glauben Sic, er wird sich nicht daran erinnern, in der Rue du Chevaleret zwei Fahrgäste aufgeuommen zu haben? Er wird uns sagen, wo er sie abgesetzt hat, was natürlich nichts zu bedeuten hat, chenn ganz gewiß haben sie ihm nicht ihre richtige Adresse angegeben; aber er wird uns auch ihre Beschreibung geben: was sie anhatten, wie sie auftraten, Ivie sie aussahen, und wie alt sie waren. Und damit und mit dem was wir bereits wissen. . . Eine beredte Gebärde ergänzte seinen Gedanken; dann fuhr er fort: Für jetzt handelt sichs darum, nach der „Pfefferbüchse" zurückzugehen, und zwar schnell. Und Sie, Altet, Sie können Ihre; Laterne auslöschen! 6. Kapitel. Lecoq lief beinahe, so eilig hätte er es, die „Pfefferbüchse" wieder zu erreichen; neben ihm bemühte sich der alte Absinth/ gleichen Schritt mit ihm zu halten, und während er so dahin-- trabte, ging ihm in seinem Schädel plötzlich ein ganz ueueZ Licht auf. Bisher hatte in seinen Augen nur das Dienstalter Anrecht auf Beförderung gegcbcic. Das !var das einzige, das schönste, das ehrenvollste Anrecht, und er hatte sich oft grimmig geärgert, wenn „junge Dachse" ihn übersprangen. Aber in dieser Nacht entdeckte Papa Absinth, daß es außer dem Dienstalter auch sonst noch allerlei verdienstvolle Eigenschaften gäbe. Er gestand sich, daß dieser Neuling, den er so von oben herab angesehen hatte, eine Untersuchung ins Werk gesetzt hatte, wie er, der medaillengeschmückte Veteran, niemals eine hätte machen können. Mer Selbstgespräche waren nicht des braven Alten Sache; er langweilte sich sehr bald, wenn er auf sich selber angewiesen war, und da sie gerade an eine schlecht passierbare Stelle gekommen waren, wo sie ihre Eile ein wenig mäßigen mußten, so hielt er den Augenblick für günstig, nm ein bißchen zu schwatzen. Sie sagen ja nichts, Kamerad, begann et, man möchte wetten, Sie sind nicht zufrieden. Dieses „Sie" würde Lecoq angenehm ausgefallen sein, wenn nicht sein Geist in diesem Augenblick mit ganz anderen Gedanken beschäftigt gewesen wäre. Ich bin allerdings nicht zufrieden, antwortete er. Nanu! Es sind ja noch keine zehn Minuten her, da watest Sie lustig wie ein Stint. Damals dachte ich noch nicht an das Unglück, das uns bedroht. Ein Unglück . . . 610 — Und ein sehr großes. Spüren Sie denn nicht, daß das Wetter ganz unglaublich milde geworden ist? Offenbar ist der Wind nach Süden nmgcschlagcn. Der Nebel hat sich verzogen, aber der Himmel ist von schweren Wolken bedeckt. Es wird vielleicht zn regnen anfangcn, ehe eine Stunde um ist. Es fallen schon Tropfen; eben fühlte ich einen ans der Nase. Diese Bemerkung wirkte auf Lecog wie ciu Peitschenhieb auf ein Pferd. Er stürmte in schnellem Lauf vorwärts, indem er rief: Nun aber marsch! marsch ! Der Alte setzte sich ebenfalls in Laufschritt, aber sein Geist war im höchsten Grade durch die Antwort seines jungen Begleiters in Anspruch genonnuen. Ein großes Unglück! Südwind! Regen! Er konnte nicht einsehen, inwiefern dies alles zueinander in Beziehungen stände. In seiner Unruhe fragte er schließlich, obwohl sein Atem kaum für die Anstrengung des schnellen Laufes ausrcichte: Was bedeutet denn das? Auf Ehrenwort, ich kamt mir den Kopf zerbrechen, soviel ich will. Der junge Polizist empfand eilt mitleidiges Rühren und antwortete, ohne seinen Lauf zu unterbrechen: Was? Sie begreifen nicht, daß von diesen schwarzen Wolken, die der Wind vor sich hertreibt, der Ausgang unserer Untersuchung, mein Erfolg, Ihre Gratifikation abhängen? Oh! Ta gibt'S kein Oh!, mein guter Alter. Leider! Zwanzig Minuten lang ein kleiner, sanfter Regen, und wir hätten Zeit und Muhe verloren. Wenn es regnet, schmilzt der Schnee und dann sind unsere Beweisstücke futsch! Ah, das wäre ein Verhängnis! Also vorwärts! los! so schnell wir können! Sie wissen doch gut genug, daß man bei einer Untersuchung etwas anderes Vorbringen muß als bloße Worte! Wenn wir dem Untersuchnngsrichter versichern, wir hätten Fußspuren gesehen, so wird er uns antworten: >,Wo sind sie?" Und was sollen wir dann sagen? Wenn wir Bei Himmel und Erde schwören, wir hättet: die Fährte von einem Mann und zwei Frauen sestgestellt, so wird man uns sagen: „Laßt sie doch mal sehen!" Wer wären dann die Blamierten? Der alte Absinth und Lecog! Ganz abgesehen davon, daß es Gävrol gar nicht darauf ankommen wird, zu erklären, wir lögen, nm uns zu brüsten und ihn hembznsetzen. Ei verflucht! Schneller, Papa, schneller! Entrüsten können Sie sich morgen. Wenn es nur nicht regnet! Unsere schönen, netten, deutlichen Fußspuren, durch di,e die Schuldigen sofort zu überführen wären! Wie könnte man sie konservieren? Ich würde mein eigenes Blut hineingießen, könnte ich dadurch einen festen Abdruck erhalten! Ter alte Msinth ließ sich selber Gerechtigkeit widerfahren und gestand sich, daß sein Teil an der Arbeit bis jetzt höchst geringfügig gewesen war: er hatte die Laterne gehalten. Aber jetzt schien sich ihn: eine Gelegenheit darzubieten, sich tatsächliche und begründete Anrechte auf die Gratifikation zu erwerben. Ich weiß, erklärte er wichtig, wie man es macht, nm eine Nachbildung von Fußspuren im Schnee zu erhalten. Bei diesen Worten blieb der junge Polizist plötzlich stehen und rief: Sie wissen das, Sic? Ja, ich! erwiderte dcr alte Beamte mit einem Anflug von Eitelkeit. Man hat den Trick erfunden, als die Affäre vom weißen Hause spielte, letztes Jahr int Dezember Ich erinnere mich. Es war da im Hof auf dem Schnee eine große verteufelte Fußspur, über die der Untersuchungsrichter ganz selig war. Er sagte, um sie drehte sich die ganze Frage, und sic wäre für den Angeklagten zehn Jahre Zuchthaus mehr wert. Natürlich lag ihnt daran, diese Spur aufzubewahren. Man ließ einen großen Pariser Chemiker kommen. Weiter, weiter! Ra, ich habe ja die Sache nicht mit meinen eigenen Augen machen sehen, aber der Sachverständige hat mir alles erzählt, als er mir den Abguß zeigte, den man gewonnen hatte. Er sagte mir sogar dabei, er erkläre es mir wegen meines Berufes, und damit ich was dabei lernen könnte. Lecoa zitterte vor Ungeduld. Kurz und gut! rief er schroff, wie machte er's? Warten Sie doch; jetzt kommt's schon! Man nimmt Gcla- tinctafcln von der allerbesten Sorte, recht durchsichtig, und weicht sie in kaltem^ Wasser auf. Wenn sie recht weich sind, kocht man sie in Dampf und läßt sie schmelzen, bis sic eine nicht zu klare Md nicht zu dicke Brühe bilden. Tiefe Brühe läßt man ab- siihlen, bis sie gerade noch zähflüssig ist und gießt davon eine recht Minne Schicht Über die Fußspur. Lecog wurde von dem erklärlichen Zorit erfaßt, dcr einen ergreift, wenn man sich vergeblich gefreut hat und bemerkt, daß man feine Zeit damit verloren hat, einem Dummkopf zuzuhören. Genug! unterbrach er den Alten in hartem Ton. Ihr Verfahren ist das Hugonlinsche, man findet cs in allen Handbüchern. Es ist ausgezeichnet, aber was kann es uns nützen? Haben Sie etwa Gelatine bei sich? Nä, das nicht. . . Ich auch nicht. Ebensogut hätten Sic mir raten können, gc- fchmolzenes Blei in die Schneespuren zu gießen. Sic nahmen ihren Lauf wieder auf und waren fünf Minuten später, ohne noch ein Wort gewechselt zu haben, wieder in der Schenke der Witwe Chupin. Der erste Gedanke des braven Alten war natürlich, sich hinzusctzen, auszuruhen, frischen Atem zu gewinnen. Lecog ließ ihn: keine Zeit dazu; er kommandierte: Hoch das Bein, Papa! Besorgen Sie mir eine Suppenschüssel, einen großen Teller oder sonst irgend ein Geschirr, geben Sic mir Wasser und tragen Sic alles zusammen, was cs hier in bit-fern! Hause an Brettern, Kisten und bergt gibt. Während fein Kamerad diese Befehle ausführte, nahm er selber einen Flaschenscherben zur Hand und begann wütend an der Scheidewand zwischen der Schenkstube nnd dem Hinterzimmer der „Pfefferbüchse" zn kratzen. Er war anfangs durch die Befürchtung eines uttvorgesehenen Mißgeschicks außer Fassung gebracht gewesen, aber jetzt hatte seine Intelligenz ihr Gleichgcwichtl wieder gefunden. Er hatte mit aller Kraft nachgedacht, unt ein Mittel zu finden . . . und er hoffte! Als vor feinen Füßen sieben oder acht Hände voll Gipspulver lagen, löste er die Hälfte davon in Wasser auf, so daß er einen: sehr dünnflüssigen Teig erhielt und stellte den Rest in einem! Teller aus die Seite. Dann sagte er: Nun kommen Sie, Papa, und leuchten Sie mir! Sobald sie im Garten waren, suchte der junge Polizist sich dis deutlichste und tiefste von den Fußspuren aus, kniete neben ihr hin nnd begann klopfenden Herzens seinen Versuch. Zuerst breitete er über die Fußspur eine büitnc Schicht von Gipsstaub ans, hierauf goß er mit unendlicher Vorsicht nach nnd nach etwas von der Flüssigkeit, die er dann wieder mit trockenem Pulver bestreute. O Glück! Ter Versuch gelang! Das Ganze bildete eine zusammenhängende Masse, die sich der Form der Fußspur an- schmiegte. Und nach einstündiger Arbeit besaß er ein halbes! Dutzend Gipsformen, die vielleicht nicht ganz sauber, jedenfalls aber völlig hinreichend waren, um als Beweisstücke dienen zn können. . Lecogs Befürchtungen waren nicht unbegründet getvesett: es begann zu regnen. Trotzdem behielten sie noch so viel Zeit, nm mit den vom alten Absinth zusammengetragenen Brettern und Kisten eine gewisse Anzahl von Spuren zit überdecken, die er auf diese Art wenigstens für ein paar Stunden noch vor dem Auftaucn bewahrte. Endlich atmete Lecog auf. Er war fertig. Ter Untersuchungsrichter konnte kommen. 7. Ksipitel. Bon der „Pfefferbüchse" bis zur Rue du Chevalcrct ist eilt weiter Weg, selbst wenn matt quer über „die Ebene" geht und dadurch ein gutes Stück abschneidet. Lecog und fein alter Kvllege hatten nicht weniger als vier Stunden gebraucht, um draußen! den Spurcit nachzugehen. Und während dieser ganzen Zeit war die Schenke der Witwe Chupin sperrweit offen geblieben, so daß der erste beste frei cin- treten konnte. Der junge Polizist hatte sich jedoch deswegen nicht beunruhigt, als er bei dcr Rückkehr diese Außerachtlassung! der einfachsten Vorsichtsmaßregeln bemerkte. Wer sollte denn auch nach Mitternacht in diese Spelunke gekommen sein? Ihr fürchterlicher Ruf umgab sie gleichsam mit Verschanzungen. Die schlimmsten Galkcustricke kehrten nicht ohne Unruhe dort zum Trinken ein; sie fürchteten, wenn sie sinnlos berauscht wären, von „Leichenfledderern" ausgeplündert zu werden. Höchstens hätte ein besonders Kühner, vom Nachtball im „Regenbogen" heün- kehrend, durch den Lichtschein, der ans der Tür hervordrang, angelockt werden Tonnen, seine letzten paar Sons zn vertrinken. Aber ein Blick in das Innere würde genügt haben, mich die Beherztesten in die Flucht zu schlagen. (Fortsetzung folgt.) Am dem Leben einer japanischen Schauspielerin. Die vielgerühmte japanische Bühnenkünstlerin, die wir vor kurzem auch bei uns in Gießen beinahe hatten als Gast begrüßen können, Frau Hanako, erzählt in einer englischen Zeitschrift von ihrer Laufbahn, ihrer Kindheit, ihrer Erziehung, ihrer Heimat und von bett Eindrücken, die ihr Besuch Europas ihr vermittelt hat. Sie ist ein Theaterkind, aber yuch ohne diese Familientradition würde sie von klein auf jenen Weg eingeschlagen haben, der ihr Daseinsinhalt werden sollte, hen Weg zur Bühne. „So weit ich zurückdenken kann, brannte ich darauf, zu spielen, und schon als kleines Kind begann meine Laufbahn an der Bühne. Denn in Japan strebt man danach, die Fähigkeiten eines Kindes so früh als möglich zu erkennen und sie dann zielbewußt bis zum Höchsten zu entwickeln. In unseren Schulen wird die künftige Laufbahn, des Knaben schon im Alter von etwa zwölf Jahren bestimmt. Zeigt er mechanische Talente, so verläßt er die allgemeine Schule und geht zu einer technischen Lehranstalt über, in der seine besonderen Fähigkeiten von Anfang an konsequent entwickelt werden. Will er Offizier werden, so tritt er zu einer militärischen Schule über, und ebenso verfährt man mit den Kindern, die zur Kunst drängen und in der Kunst ihren Beruf sehen." Sorgsam vermeidet man es, das Kind in andere Bahnen zu lenken als in die, in die seine Natur es treibt, und da zudem die Bühne in Japan hochangesehen ist, würden selbst exklusive Familien dem Sohn oder der Tochter keine Hindernisse bereiten, die die Bühnenlaufbahn zum Lebensberuf erwählen. Noch als Kind wurde Frau Hanako dem Leiter einer Theatergesellschaft übergeben. „So weit ich zurückdenken kann, habe ich seitdem gesungen, getanzt und gespielt. Der Lehrest übernahm die Sorge um mich, und selbst meine Eltern hatten nun kein Recht mehr, in meine künstlerische Erziehung und Ausbildung einzugreifeir. In Japan ist es nicht so wie im Westen, wo die Eltern in solchen Fällen in den Unterricht eingreifen, wenn die Methoden des Lehrers ihren eigenen Kunstanschauungen widersprechen. Ich wurde meinem Lehrer übergeben und damit war ich, sozusagen sein künstlerisches Eigentum. Er übernahm es, mich zur Schauspielerin heranzubilden, und niemand hätte daran gedacht, ihm in seine Pläne hineinzureden." In der Rolle eines Küaben tritt sie zum erstenmal ans die Bühne. Noch heute ist das ihre Lieblingsrolle und noch heute erinnert sie sich aller Einzelheiten dieses ersten Auftretens. Es war eine- Tragödie, in der ihr Vater und sie verurteilt waren, in einem Kessel siedenden Oels zu sterben. Der Vater sucht sein Kind zu retten, indem er es mit den Armen empvrhält, aber schließlich erlahmt seine Kraft und er läßt das Kind in das glühende Oel hinabfallen. „Cs ist eine schreckliche Tragödie und mein erstes Auftreten darin machte auf meine Seele einen unverlöschlicheu Eindruck." Sieben oder acht Jahre verstrichen nun in unablässiger Arbeit unter Leitung des Lehrers; dann brachte man die junge Schauspielerin nach Tokio, wo sie im kaiserlichen Theater ihre dramatische Ausbildung beendete. „Ich weiß wirklich nichts weiteres über meine Kindheit zu erzählen, die völlig glücklich verlies." Während des Krieges eilt sie als Krankenschwester in die Hospitäler, und die Pflege der verwundeten nub verstümmelten Krieger lehrt sie Unglück und Jammer kennen. Ihrer Künstlerschaft sollten diese trüben Tage zu unvorgesehenem Nutzen werden. Mehr als einmal erlebt sie den Anblick, wie Verzweifelte ihrem Unglück durch den Tod ein Ende machen und diese Kenntnis des Harikari wird ihr später zum schrecklichen Vorbild, als ihr Beruf und ihre Rollen sie auf der Bühne zur Darstellung des Selbstmords treiben. Vor drei Jahren trat sie in Begleitung ihres Mannes ihre Europareise an. Es sollte eine Vergnügungsreise werden ; die Zivilisation des Westens kennen zu lernen, war dabei ihr einziger Gedanke, und mit Entzücken trippelt die kleine Tragödin durch die Straßen von Paris und in den großen Läden begeistert sie sich für die tausend Schönheiten, die es zu sehen gibt. „Zwei Dinge sind es vor allem, die mir in Europa besonders auffielen: die Gärten und die Billigkeit der Toiletten. Wir haben im europäischen Sinne in Japan keine Gärten. Wir lassen die Blumen wachsen, tot» sie wollen und darum wurden mir die sorgsam gepflegten Gartenanlagen Europas zu einer. Offenbarung. Wenn ich heimkehre, werde ich mir einen solchen kleinen Garten anlegen mit Hecken und Beeten und Blumenparterres. Und dann die Toiletten. Man sagt, in Paris seien sie teuer; mir scheinen die europäischen Damen sehr glücklich, die sich für so wenig Geld kleiden können. Denn die japanischen Franentoiletten sind außerordentlich teuer, wenigstens nach europäischen Begriffen. Ein gewöhnliches Kostüm wird mindestens 2000 Mark kosten und gar ein Besuchs- oder Enip- sangskleid wird man unter 4—60*00 Mark kaum kaufen können. Freilich sind unsere Gewänder dann auch dauerhafter, wenngleich wir Japanerinnen ebensowenig wie eine Europäerin gerne jahrelang das gleiche Kleid tragen mögen. Ich beneide die Europäerinnen wirklich um die Billigkeit ihrer Kleidung, aber auf ihre Moden, auf ihre Korsetts und ihre schrecklichen Schuhe bin ich gar nicht eifersüchtig." Der Zitfall fügt es, daß die europäische Vergnügungsreise der jäpan. Tragödin über Nacht zu einer großen Gastspieltournee durch Europa wird. Mau überredet sie iit Paris, im Figarosaal eine Aufführung zu veranstalten; „zu meiner Verwunderung sah ich mich kurz darauf im Theatre Rejane imb danu auf der Tournee." Ditrch Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Oesterreich, Finnland und' Skandinavien führte die Reise. Norwegen imb Schweden gefallen ihr am besten. Sie spielt vor König Haakon und ist erstaunt, einen König im Theater zu schert; „denn in Japan wird weder der Mikado noch ein Mitglied der kaiserlichen Familie jemals daran decken, ein Theater zu besuchen. Mcht daß sie die Bühne mißbilligten; aber das Theater muß zu ihnen kommen. Mit anderen Worten, der Kaiser und seine Familie wohnen ausschließlich Vorstellungen im Privattheater des Palastes bei. Natürlich ist es eilte hohe Ehre, vor dem Mikado zu spielen, aber! die Schauspieler erfahren nie, ob er anwesend ist oder nicht." ttnsere ersten Eindrücke von der wett. Reue Aufzeichnungen von Helen Keller, der jungen Amerikanerin, die mit Hilfe ihrer Lehrerin Miß Anne Mansfield Sullivan das Wunder vollbracht hat, als Taubstumme' und Blinde, die sie seit dem 19. Monat ihres Lebens war, verstehen, lesen, schreiben, ja sogar selbständig und philosophisch denken zu können, veröffentlichen „Westermanns Monatshefte" in ihrem jüngst erschienenen Oktoberheft, mit dem ein neuer Jahrgang beginnt. Helene Keller berichtet über ihr geistiges Erwachen und über die ersten Eindrücke von der Welt, in die sie sich so plötzlich im 8. Jahre ihres! Lebens versetzt fand. Wir lassen sie hierüber mit ihren eignen Worten fortfahren: Jeder, der überhaupt über seine ersten Eindrücke nachdenkt, weiß, was für ein Rätsel dies ist. Unsere Eindrücke wachsen und wechseln unvermerkt. Was wir nach unserer Meinung als Kinder gedacht haben, ist vielleicht ganz verschieden von dem, was wir wirklich in unserer Kindheit erfuhren. Ich weiß nur, daß nach dem Beginn meiner Erziehung die ganze Welt, die in meinen Bereich kam, für mich lebendig war. Ich buchstabierte meinen Baukastenhölzern und meinen Hunden. Ich hatte Mitgefühl mit den Pflanzen, deren Blüten gepflückt wurden, weil ich dachte, es täte ihnen weh und sie trauerten um ihre verlorenen Blumen. Es dauerte Jahre, bis man mir glaubhaft machen konnte, daß meine Hunde nicht verständen, was ich zu ihnen sagte, und ich entschuldigte mich stets bei ihnen, wenn ich gegen sie anrannte oder auf sie trat. Als meine Erfahrungen breiter und tiefer wurden, begannen die unbestimmten poetischen Gefühle der Kindheit sich zu bestimmten Gedanken zu verfestigen. Natur — die Welt, die ich berühren konnte — war ganz und gar von mir angefüllt. Ich bin geneigt, jenen Philosophen zu glauben, welche behaupten, daß wir nichts kennen als unsre eignen Gefühle und Begriffe. Mit einigen kleinen sinn- reichen Schlußfolgerungen mag man dazu kommen in der körperlichen Welt einfach einen Spiegel zu sehen, ein Abbild fortdauernder geistiger Wahrnehmungen. Jü jedem Lebenskreise ist Selbsterkenntnis die Vorbedingung und Grenze unseres Bewußtseins. Das ist vielleicht der Grund, warum viele Leute so wenig von dem wissen, was außerhalb des engen Bereiches ihrer Erfahrungen liegt. Sie blicken in sich selber hinein — und finden nichts! Daraus ziehen sie den Schluß, daß auch draußen nichts sei. Wie dies denn auch sein möge, ich begann später an andern nach einem Abbild meine eignen Gefühle und Empfindungen zu suchen. Ich hatte die äußern Zeichen inneren Gefühle kennen zu lernen. Ich mußte erst an andern be- merken, wie sie vor Furcht zusammenführen, wie ihre Muskeln int unterdrückten Schmerz sich zusammenzogen, in freudiger Erregung sich ausdehnten, und ich mußte diese Beobachtungen mit meinen eigenen Erfahrungen vergleichen, bevor ich diese bis zur unberührbaren Seele meines Mrt- menschen zurückverfolgen konnte. Unsicher tastend fand ich doch zuletzt meine Identität und nachdem ich meine Gedanken und Gefühle an andern wiederholt gesehen hatte, erbaute ich mir allmählich meine Menschen- und Gotteswelt. Durch Lesen und Studieren habe ich gefunden, daß die andern Menschen es genau ebenso machen. Der Mensch sieht in sich selber hinein und findet mit der Zeit das Maß und die Bedeutung des Weltalls. VsrmSs^htss» C. K. Wie Beethoven taub wurde. Jir London ist kürzlich eine groß angelegte Lebensbeschreibung Beethovens von Alice H. Diehl erschienen, die eine Reihe kaum bekannter Tatsachep aus Leben und Schicksal des großen Meisters ins rechte Licht rückt. Die Mitteilungen der Verfasserin gehen zum Teil aus mündliche Ueberlieferungeu zurück. Wie Beethoven taub tourbe, erzählt sie nach den Mitteilungen des Engländers Charles Neate, dem von englischen Musikfreunden der Auftrag geworden war, den be- rühmtsn Komponisten nach London einzuladen. Neate besuchte Beethoven in Wien, und um ihn zu dec Reise zu überreden, erwähnte er auch die Ueberlegeuheit der englischen Ohrenärzte, die viel weiter wären als die Mediziner des Festlandes und die ihm vielleicht Heilung verschaffen könnten. Beethoven schüttelte den Kops: „Nein," sagte er, „ich habe allerart Aerzte konsultiert und mich ihren Vorschriften und Mitteln unterworfen. Ich werde niemals geheilt werden. Ich will Ihnen erzählen, wie die Sache passierte. Ich schrieb gerade an einer Oper —" „Fidelio?" fragte Neate. „Nein," antwortete Beethoven; „es war nicht Fidelio. Ich hatte damals mit einem sehr lästigen und launenhaften Tenor zu tun. Schon hatte ich 2 große Arien auf denselben Text geschrieben, aber keine von beiden gefiel ihm, und ebenso ging es mit einer dritten, für die er beim ersten Ueberfliegen und Probieren auch nicht viel übrig zu haben schien, obwohl er sie mit sich nahm. Ich dankte dem Himmel, als ich mit ihm fertig war und wieder anfangen konnte, mich einer Sache zuzuwenden, die ich beiseite gelegt hatte. Ich hatte daran eine halbe Siunde tüchtig gearbeitet, als ich ein Klopfen tin meiner Tür hörte, das ich als das meines Tenors erkannte. Ich sprang in einer solchen Wut von meinem Tisch !auf, daß ich mich, als der Mann in das Zimmer trat, selbst auf den Boden warf, wie man's auf der Bühne macht" (dabei warf er die Arme in die Höhe und gestikulierte wild, um seine Unbändigkeit zu zeigen) „aber ich fiel auf meine Hände. Als ich aufstand, fand ich, daß ich taub war, und ich bin es von diesem Augenblick an geblieben. Die Aerzte sagten, ich hätte die Nerven verletzt." * Kindlicher Patriotismus. Hänschen hatte bei der Sedanfeier in der Schule außer der obligaten Brezel ein baumwollenes Schnupftuch erhalten, auf dem die Schlacht bei Sedan dargestellt war. Triumphierend kommt er damit nach Hause und läßt es auch von seiner 12 jährigen Schwester bewundern. Zum Schluß will er es gleich einweihen. Die Schwester aber reißt es ihm schnell weg und sagt: „Aber, Hans, was denkst du denn, dieses Nastuch darfst du doch' nicht gebrauchen!" Hänschen aber ist damit nicht zufrieden, wenigstens will er dann selbst das Tuch in Verwahrung und Obhut nehmen. Als die besorgte Schwester es ihm jedoch nicht wieder aushändigen will, macht er ein höchst betrübtes Gesicht und bald rollen ihm ein paar dicke Tränen über die Pausbacken. Da wird Schwesterlein gerührt und gibt ihm das Tuch zurück mit den Worten.: „Gut, hier hast du ds; du darfst es meinetwegen auch benutzen, aber nur da, wo die Franzosen stehen!" hb. * Der zerstreute Professor. Ein wegen seiner großen Zerstreutheit berühmter Professor steckte unlängst früh beim Ausstehen seine Taschenuhr aus Versehen in die rechte anstatt in die linke Westentasche. Als er nun in der Schule aus die Uhr schauen wollte, griff er wie gewöhnlich in die linke anstatt in die rechte Westentasche, aus der ein Bleistift zum Vorschein kam. „Krieger," sagte der Herr Professor nach kurzem Bedenken zu seinem Lieblingsschüler, „gehen Cie schnell in meine Wohnung und holen Sie meine. Uhr! Sie muß noch auf bem Nachttisch liegen." Damr griff er in bie rechte Westentasche, zog die Uhr hervor und Mach: „Jdtzt ist es acht Uhr dreißig; um acht Uhr vierzig rönnen Sie wieder da sein."--Sehr einfach. Bauer: Jetzt, Herr Justizrat, möcht' i' do gern wissen, tote die 612 — G'schicht' mit dem neuen G'setz is, wo der Tierhalter für sein Vieh haftbar is! Was versteht ma' denn eigentli' unter Tierhalter?" — Justizrat: „Das ist sehr einfach, mein Lieber! Tierhalter ist derjenige, der die Gewalt des! Tieres, von dessen Standpunkt aus, der auf Grund der von ihm erkannten oder der exante bei normaler Einsicht und Umsicht erkennbaren Bedingungen sich als eine Realisierung der Tiergefahr darstellende Anfangerfolg adäquat verursacht erscheint!" —- Unter Freundinnen. „Einen wunderschönen Hut haben Sie, beste Freundin; der gefällt mir wirklich von Jahr zu Jahr besser!" (Flieg. Bl.") (ipc.) Wie die Chinesen die Welt sehen. Ein Weltreisender, dem es durch ganz besondere Protektion gelang, auch in den Kaiserpalast von Peking zu gelangen, entwirft eine sonderbare Schilderung von einer chinesischen' Weltkarte, die er dort zu Gesicht bekommen hat. Aus dieser Karte kann man sich ungefähr eine Vorstellung machen, welche Ansicht die Chinesen von der Welt haben. Die Karte? ist ungefähr sechzig Zentimeter breit und einen Meter lang. In der linken oberen Ecke ist ein Meer ersichtlich, das ungefähr einen Quadratdezimeter groß ist. In diesem ist als' eine sehr kleine Insel Europa eingezeichnet. In Europa; liegen dann England, Frankreich, Deutschland, Holland und Portugal, sowie Afrika und sämtliche Länder sind ungefähr von gleicher Größe. Am größten ist Holland, am kleinsten; Afrika. Dann ist noch Rußland zu sehen, daß die nordöstliche Grenze von China bildet und die übrige Fläche der Karte bedeckt fast vollständig China, während für Amerika; noch ungefähr gerade soviel Platz bleibt, wie für Japan. * Iu der Sommerfrische. Dame (zum Wirt): „Ach) ist bas ein langweiliges Nest, da gibt es ja gar keine Abwechslung." — „Aber ich bitt' S', gnä' Frau, wir haben jetzt doch jeden) Tag ein anderes Wetter!" Literarisches. — Der Guckkasten. Paul Keller, der bekannte Romanschriftsteller, gibt unter dem Titel „Der Guckkasten"- eine buntillustrierte Wochenschrift für Humor, Kunst und Leben heraus, von der uns das erste prächtig ausgestattete Heft vorliegt. Das im besten Sinne moderne Blatt ist aus der bekannten humoristischen Zeitschrift „Die Lustige Woche" hervorgegangen und zeigt wie Paul Keller in feinem gemütvollen Vorwart selbst sagt: Humor und Leid, Karikatur und ernstes Menschen- und Landschaftsbild, Begeisterung und Spott, das flache Leben und die blauen Berge des Sehnsuchtslandes." Als Mitarbeiter der gediegenen Zeitschrift, deren kerniger und gesunder Humor auch für die Familie geeignet erscheint, finden wir unsere besten Schriftsteller und ersten Maler. Die zum Teil in Vierfarbendruck gehaltenen Reproduktionen sind mustergültig ausgeführt. Rätsel. Die erste Silbe ist ein Ruf, Der überall gemein; Bald drückt er Ueberraschung aus, Bald Freude oder Pein. Fügst du ihr noch ein Zeichen zu, Nennt sie dir eine Kraft, Die, Forschern der Natur bekannt. Geheimnisvolles schafft. Ein Zeichen mehr, hast du ein Lied, Im Altertum gepflegt, Tas in der Dichtung hohem Schwung Dich zu den Sternen trägt. Ein Zeichen noch hinzugesetft Lästt dich nach Osten schauen; Dort zeigt des Wortes Silberband Dir schöne deutsche Gauen. Wenn dir, mein lieber Rätselfreund, Dein Raten nicht gerät, So wisse, daß in dem Gedicht Das Wort schon einmal steht. A. Ammann. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: H i r n g e s p i n n st. Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.