Vommmg den 50. 3«n 1908 — Nr. 118 i ^MUN^^W äH^S$™lS !MUIWG :PS£EbU John Darrows Tod. Roman von Melvin L. Severy. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Maitland fuhr fort: „Als Herr Darrow ermordet wurde, saß er in der Mitte des Zimmers int Kreise seiner Gäste. Wollen Sie dem Gerichtshof mitteilen, wie Sie, ohne entdeckt zu werden, in das Zimmer und wieder hinaus gelangen konnten?" Von neuem zauderte der Zeuge und sah sich unentschlossen, fast furchtsam um, bis er schließlich aus Godins Blick, so sah es aus, Sicherheit zu gewinnen schien. Es ist sonderbar, wie der straffe Wille des Starken den schwankenden Schwachen zu steuern vermag, ähnlich wie große Schiffe kleinere in ihr Fahrwasser hineinziehen. Die erregten Zuschauer hingen atemlos an Latours Lippen. Jetzt endlich sollten sie erfahren, tote dieses Wunder von einem Verbrechen in Wirklichkeit verübt toorden ivar. Jeder beugte sich etwas vorwärts, und die Schwerhöriger: hielten sich die Hände an die Ohren, um keine Silbe von der Lösung des Rätsels zu verlieren. Herr Latour aber — blieb stumm. Der Vorsitzende Richter blickte ihn streng an und sagte: „Beantworten Sie die Frage! Wie kamen Sie in das Darrowsche Zimmer?" „Ich — ich bin — nicht hineingekommen." Wieder wurden halbunterdrückte Ausrufe des Erstaunens laut. „fett Sie nicht ins Zimmer kamen, wie haben Sie mit der Spritze Ihr Opfer erreichen können?" Einen Augenblick hatte es den Anschein, als würde der Zeuge ganz zusanunettbrechen, aber mit sichtbarer Anstrengung raffte er sich auf und es benahm uns fast den Atem, als er antwortete: „Ich — ich habe Herrn Darrow gar iticht mit der Spritze berührt." Die Zuhörer saßen.buchstäblich mit offenem Munde da, während der Richter heftig Latour anfuhr: „Was soll das heißen, daß Sie uns zuerst sagen, Sie haben Herrn Darrow durch Einbringung von Gift in seinen Körper mittels einer besonders konstruierten Injektionsspritze getötet, und uns dann sagen, Sie haben ihn gar nicht mit dieser Spritze berührt? Was soll das bedeuten? Antworten Sie!" Eine plötzliche Aenderung kam über den Angeklagten. Seine ganze Aengstlichkeit schien im Augenblick zu schwinden, als er sich zu seiner vollen Höhe aufrichtete und den Richter anschaute. Mir machte es den Eindruck, als hätte er bisher die Hoffnung genährt, er würde nicht genötigt sein, die Einzelheiten seines schrecklichen Verbrechens zu erzählen, sei aber nun zu der Einsicht gekommen, er würde doch alles enthüllen müssen, und wolle das Unvermeidliche mannhaft tragen. Mit ruhiger Würde antwortete er unter allgemeiner Spannung: „Euer Ehren ist im Irrtum. Ich sagte, ich hätte eine besonders konstruierte Hautspritze verwandt; ich habe nicht gesagt, daß ich Herrn Darrow damit berührt habe. Es liegt also kein Widerspruch in meinen Aussagen." Wieder hatte der Angeklagte einen Treffer gehabt, und wieder tauschten die Zuhörer beifällige Blicke, die offenbar sagen wollten: „Der ist euch allen über." Hierauf fragte der Richter weiter: „Waren Sie auf dem Darrvwschen Grundstücke, als Herr Darww seinen Tod fand?" „Ja, Euer Ehren." „Wo?" „Gerade vor dem östlichen Ziutniersenster, Euer Ehren." „Haben Sie den tödlichen Handgriff getan?" „Nein, Euer Ehren." „Wie? Haben Sie nicht gesagt, Sie tragen die Berans Wortung für den Mord?" „Ja, Euer Ehren." „Ah, ich sehe! Sie hatten einen Genossen?" „Nein, Euer Ehren." „Nun, siitd Sie endlich geneigt, uns selbst etwas zu erzählen, ober müssen wir alles stückweise aus Ihnen herausfragen?" „Keine Gewalt kann mich zum Sprechen bringen, wenn ich nicht will, und ich will nur auf Fragen antworten. Bestrafung wegen Nichtachtung des Gerichtshofes wird einen Mann' in meiner Lage schwerlich zu etwas vermögen und mich am Ende dazu bringen, überhaupt keine Aussage mehr ju machen." Aergerlich wandte sich der Vorsitzende ab, wobei man von neuen: die Bemerkung wachen konnte, daß ein großer Teil des Publikums dem Angeklagten Beifall spendete. Nach einer kurzen Besprechung des Richters mit Maitland und Jenkins nahm darauf mein Freund in seiner leichten, gewinnenden Mise das Verhör wieder auf, indem er sagte: „Sie Haben erklärt, die Verantwortung für John Darrows Tod zu tragen. Das Instruments mit dem er getötet wurde, war direkt oder indirekt Ihrer Hande Werk, und doch haben Sie den entscheidenden Streich nicht getan und haben aitch keinen Genossen gehabt. Ist das im wesentlichen zutreffend?" „Es ist völlig zutreffend." „Sehr gut. Ist John Darrows Tod die Folge einer vergifteten Wunde gewesen, die mit dem von Ihnen beschriebenen Instrument beigebracht wurde?" „Ja, gewiß." Wir sahen ratlos einer den andern an, als wollte jeder sagen: „Was nun?" und wir alle — von mir weiß ich's, und den anderen konnte mans ausehen — hatten das sichere Gefühl, wir seien der Lösung des Rätsels ferner als je. Maitland fuhr in gleich methodischer Weise fort: „Der Stich ist geführt worden, doch weder von Ihnen, noch Von einer andern Person, die als Ihr Gehilfe tätig war. Hat ihn Herr Darrow selbst geführt?" „Nein." „Wie ich mir dachte. Hat ihn überhaupt eine Person ausgeführt?" „Nein." Map hörte, wie die Zuhörer, wie auf Verabredung, tief Atem holten. Zu deuken hatten sie aufgehört. Immer wieder glaubten wir sicher, eine Silbe nur trenne uns von der Wahrheit, und immer wieder sanden wir uns in der Irre. Wir hätten uns kaum noch gewundert, wenn der Angeklagte uns erHiirt hätte« 470 Herr Darrow sei noch am Leben. Nach einer kurzen Besprechung mit seinem Kollegen hob Maitland wieder an: „Ging der Stich Überhaupt von einem Wesen ans, das lebt?" „Nein." „Haben Sie irgend einen leblosen Gegenstand oder Gegenstände vor dem östlichen Fenster oder sonstwo auf dem Grund- stück in der Weise aufgestellt, daß er oder sie Herrn Darrsdw die Wunde beibra-chten?" „Nein — keinen Gegenstand außer der schon genannten Haut- spritzc." „Auf meine Frage: „Ging der Stich überhaupt von einem Wesen aus, das lebt?" haben Sie verneinend geantwortet. Lassen Sie mich nun fragen: „Ging er überhaupt von einem Wesen aus, das damals lebte?" „Ja." Im ganzen Saale wurde es unruhig. Jetzt hatte man endlich ein Zugeständnis, das zu iveiteren Enthüllungen führen konnte. Das Verhör trieb der Krisis zu. „Und Sie sagten, cs sei keine Person gewesen. War es nickst ein Tier?" „Ja." „Ein Tier?" riefen wir alle mit der Einmütigkeit eines griechischen Chores. So laut wurde tiott manchen Zuhörern, die bis dahin wie gebannt dagescssen hatten, ihrem Unglauben Ausdruck geliehen, daß der Vorsitzende mit Räumung des Saales drohen mußte, ehe Maitland sortfahren konnte. „Haben Sie einen kleinen Kapuzineraffen abgerichtet, diesen Stich zu führen?" „Ja." Ein Seufzer der Erleichterung, untermischt mit zahlreichen Mbewußten Ausrufungen, durchzitterte den Raum, ohne daß der Präsident, der sich selbst trotz seiner Würde einer halb unterdrückten .Gefühlsäußerung nicht enthalten konnte, eingrisf. Maitland begann ivicder: „Damit der Affe, nachdem Sie ihm das Instrument in die Hand gegeben hatten, nicht den Unrechten ^ergriff, lehrten Sie ihn, gewissen Signalen Folge z-u leisten, die Sie ihm durch leichtes Ziehen an der Schnur, an der Sie ihn Kelten, gaben. Ein gewisses Zeichen ließ ihn leise vorwärts Weichen, ein anderes beit Stich tun, ein drittes mit der Waffe schnell zurückkrischen. Als die Umstände Ihren Absichten ausnehmend günstig zu sein schienen —■ das heißt, als Fräulein Darrows Gesang und die Klavierbegleitung alle Aufmerksamkeit ablenkten, — ließen Sie leise Ihren Affen durch die Fenster- öffnung ins Zimmer fallen und gaben ihm dann die Signale. Als Herr Darrow aufsprang, riefen Sie den Affen zurück und eilten fort. Ist das nicht eine annähernd richtige Schilderung des Verlaufes?" „Sie ist wörtlich richtig." „Und hinterher haben Sie den Affen getötet, damit er Sie sticht Perraten könnte, wenn er seine kleinen Kunststücke bei einer unpassenden Gelegenheit zum besten , gäbe. Ist es nicht so?" „Ja. Ich habe ihn getötet, obwohl er der Liebling meiner Tochter war." Wir waren ganz verblüfft, wie Maitland so auf einmal alle Schleier zerriß. Selbst Godin schien überrascht. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Maitland den ganzen Tatbestand schon vorher gekannt? Hatte er nur, — wer kann sagen, warum? — mit denk Zeugen gespielt? Herrn Godins Gesicht war in diesem Moment des Ansehens wert. Er hatte aufgehört, mit seinen Augen Latour zu fixieren, und wandte die blitzenden Augen auf Maitland, in den sie sich bis zur Tiefe seiner Seele zu versenken schienen. Offenbar war Herr Godin über den Beweis von Geschicklichkeit, den Mait- lgnd gegeben hatte, erstaunt. Brown, der während der ganzen Verhandlung Maitland mit einem so deutlichen Ausdruck der Abneigung angeschaut hatte, daß es jedem ausfallen mußte, schien mir jetzt noch finsterer auszusehen als je. Was war ihm denn noch besonders Unangenehmes widerfahren? Wahrscheinlich war ihm entweder gerade etwas Aergerliches eingefallen, oder es erfüllte ihn der Neid gegen den Verhaßten Nebenbuhler, der auch bei diesem Prozeß wieder seinen wohlverdienten Ruhm vermehrte. Seine Abneigung gegen Mait- chnd stieg noch infolge seiner Eifersucht, beim seine leidenschaftliche Bewunderung Florences mußte jedem auffallen. Ich war vollstän- dlg überzeugt, er würde ohne Bedenken, wenn cs ihm nötig schiene, sein eigenes Leben oder auch das irgend eines anderen Menschen um ihres Besitzes willen in die Schanze schlagen, und stahm mir vor, George vor ihm zu warnen. Nach einigen Flüsterworten, die er mit Jenkins und dem Vertreter der Anklage wechselte, wandte sich Maitland an den Angeklagten und sagte: „Das wird genügen. Herr Latour kann den Zeugenstand verlassen." Nach der Ansicht.der Zuhörer War jetzt alles aufgeklärt, und sie setzten sich bequem zurecht, um nun in aller Ruhe der rein formalen Beendigung des Prozesses bcizuwohnen. Wie verwundert waren sie daher, als Maitland fortsuhr und zn den Geschworenen sagte: „Die Beweise gegen den Angeklagten scheinen allerdings überwältigend, auch wenn wir nicht sein Geständnis Wtten. Außer seinem eigenen Geständnis sind aber die belastenden Aussagen nur von dem Hauptzeugen für die Anklage, Herrn Godin, gemacht worden. Da es diesem Herrn mit großer Anstrengung gelungen ist, Latour den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, so ist ihm natürlich vieles klar, was andern, die den Fall nicht so ergründet haben, rätselhaft erscheinen mag. Ich denke, er wird manche Punkte für uns aufhellen. Herr Godin wird gebeten, den Zeugenstand einzunehmen." (Fortsetzung folgt.) Der spuk. Von Margarete Todt in Gießen. (Nachdruck verboten.) Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt! Von diesem Ausspruch Hamlets hatten die guten Giun- berger gewiß keine Ahnung, aber dessenungeachtet waren sie mit ihm einer Meinung. Ja wahrhaftig, es gab Dinge----na kurz und gut, in Ginnberg spukte es. Nicht im Dorfe selber, Gott sei Dank nein, aber draußen am „Nuppe Stroh", da unten, wo die Erle so munter zwischen Weidengestrüpp und saftig-grünen Wiesen dahinfließt und wo der Fischfang am lohnendsten war. Allmitteruächtlich konnte man dort geisterhafte Gestalten über den weiten, mondscheinbeglänzten Wiesenplan schweben sehen. Mit unheimlichem Gebaren bewegten sie sich dann; an dem Wasser hin und her, griffen mit endlos langen Armen um sich, schlängelten sich an den Boden hin — kurzum, betrugen sich wie leibhaftige Gespenster. Tie Ginnberger waren aufgeklärte Menschen und durchaus nicht abergläubisch, bewahre. Aber was das Auge sieht, glaubt das Herz. Schüttelte noch jemand zu dieser Spukgeschichte den Kopf, so brauchte man ihn nur um die Mitternachtsstunde, wenn der goldne Mond am Himmel stand, vor das Dors zu führen und ihn hinunter nach dem Erlenbach sehen zu lassen — er war bekehrt! Ganz Ginnberg lebte denn auch in einem gelinden Grusel. Spinustuben gab es nicht mehr und die einzige. Wirtschaft war abends wie ausgeblasen. Selbst Bartel, Melchior und Gottlieb, die drei stramm- sten, kecksten Burschen im Torfe, die sich sonst vor nichts, auf der Welt fürchteten und derartige Erzählungen alter Leute stets verlacht und verhöhnt hatten, war bas Herz in die Schuhe gerutscht; sie gingen abends nach neun Uhr nicht mehr aus dem. Hause, ja um zehn Uhr lagen sitz schon tief vergraben in ihren gewaltigen Federbetten und zogen sich, wie sie freimütig jedem versicherten, vor Angst und Entsetzen, die Decken hoch über die Ohren. Nur einen gab es in dem Dorfe, der fürchtete sich nicht, denn er glaubt nicht an den Spuk, trotzdem auch er ihn schon mit eigenen Augen gesehen hatte. Tas war der rote Anton, der Sohn des Lindenwirts. Ihm tat von allen Ginnbergern der Spuk am meisten Schaden und deswegen zürnt er ihm auch am gründlichsten. Anton war ein schlankes elastisches Kerlchen von etwa 20 Jahren mit einem Paar kluger heller Augen in dem scharsgeschnittenen schmalen Gesicht. Ter „rote" Anton hieß er der brandroten lockigen Wolle wegen, die seinen Schädel überwucherte. In diesem Schädel nun fpukte die vertrackttz Spukgeschichte Tag und Nacht und ließ ihm keine Ruhe. Zu mitternächtlicher Stunde gog sie ihn aus den warmen Federn und trieb ihn in den Obstgarten hinter dem Hause. Von hier aus konnte er den Wiesengrund überschauen. Hier stand er stundenlang und beobachtete das Tun und Treiben der Gespenster, deren blendende Weiße geisterhaft in dem Mondlicht leuchtete und deren Bewegungen unklar mit dem Tunst verschwammen, der aus dem Wasser aufstieg. Anton kam es immer vor, als ob die Gespenster sehr systematisch arbeiteten. Fast erschien es ihm, als ob sie fischten. Dieser Gedanke war natürlich Unsinn, eine Ausgeburt seiner Phantasie — denn Geister fangen doch keine Fische! 471 Doch was sie da Unten eigentlich trieben, das hatte er Mr zu gern gewußt. Er hatte schon an seine drei Freunde Bartel, Melchior und Gottlieb das Ansinnen gestellt, mit ihm gemeinschaftlich einmal dem Spuk zu Leibe zu rücken, war aber bei denen aus eitel Entsetzen, ja Zorn gestoßen. Krasser Egoismus sei es von dem roten Anton, sagten die drei, daß er sie dazu verführen wolle, ihr Leben in die Schanze zu schlagen; er ärgere sich ja doch nur, daß die Leute ihr Geld nicht bei ihm vertränken. Ta überlegte Anton: sollt er sich allein auf diese eigenartige Forschungsreise begeben? Es schien ihm gewagt, denn er war mehr flink und gewandt als stark. Einen tüchtigen Eichenknüppel hatte er sich schon zurecht gestellt; ausgerüstet mit diesem hätte er es trotzdem schon mit zwei Gespenstern versucht; doch untrüglich spukten drei im Wiesengrund. Eines Mittags schlenderte er gedankenvoll durch den Hellen Sonnenschein die Dorsstraße entlang. Er wollte nochmals zu seinem Freunde Bartel und sehen, ob dem großen Hasenfuß nicht doch etwas Mut beizubringen sei. Die Fenster von Bartels freundlichem Häuschen standen weit auf und den weißen Kopf seiner alten Mutter sah man zwischen deni grünen Weingerank, das die Fenster der gemeinschaftlichen Wohnstube umspann. Eben zog Anton sein Hütchen und wollte ein fröhliches „Grüß Gott", zum Fenster hineinrufen, da erscholl die Stimme der alten „Smiedwäs", wie die Mutter Bartels als die Frau des Dorsschmiedes im ganzen Dorfe' genannt wurde, laut und keifend: „Unn ich sag, Bartel, iwwer mei Leinetuch host mer nett zu gieh. Was hoste do dro zu suche? Fier olle mol verbitt ich mers, daß du mer mei scheene Leinticher so durchenanner schmeißt. Wos denkste dann? Js das e Ort, die ganze Dicher uffzuzause, unn so inn die Truh zu werfe? E Schann is es unn e Spektakel!" Anton legte den Finger an den Mund, spitzte die Ohren und lauschte. Sein Gesichtsausdruck wurde immer vergnügter und seine Augen lachten immer Heller. Was hatte er da gehört von Leintücher? Ihm ahnte etwas. Er trat, wie er sich vorgenommen hatte, in das Haus, doch seine Rede fiel wesentlich anders aus, als er vorher beabsichtigt hatte. „Bartel," sagte er, „du hast recht mit de Gespenster, ich bin jetzt iwwerzeugt. Es sein Gespenster, die in dem Missegrunö herum spuke, und Gespenster soll mer in Ruh' losse. Hoffentlich verschwinne sie bald Widder unn treiwe wo annerst ihr Uwesen." „Hohoho, biste dann endlich iwwerzeugt, du ungläu- wiger Thomas?" lacht Bartel vergnügt. „Was soll's denn ach annerst sei wie Spuk? Nadierlich, eines Tags sein die Widder verschwunne." Natürlich, dachte Anton, wenn die Zeit des Fischfangs Vorüber ist! An diesem Abend huschte Anton flink wie ein Eichhorn durch den Garten und durch die Hainbuchenhecke, die den Garten von dem Wiesengrund trennte. Hier hockte er, bis der Nachtwächter seine Runde durch das Dorf machte und das schöne Lied mit tiefster Brummbaßstimme fang: „Hört, ihr Leut', und laßt euch sagen, die Glock' hat eben elf geschlagen. Wer das noch hört, und nicht vergißt, gewiß kein Furchthas' von Ginnberg ist!" Da schlüpfte lachend Anton hinaus in den Wiesengraben, rutschte in diesem entlang bis zu dem Wasser, schlängelte sich dann an den Weiden entlang und blieb hier, etwa 10 Schritte von dem unheimlichen Orte, wo der Spuk zu erscheinen Pflegte, still' und sprungbereit, gleich einer Katze, hocken. So verging eine Stunde. Zwölf schlug es von der Uhr des hohen alten Kirchturms mitten im Dorf. Das war die Geisterstunde. Mit dem zwölften Schlage erschienen sie, die erwarteten Gespenster, denn auch richtig auf der Bildfläche; doch nicht wie aus dem Boden gewachsen, wie man das von ordentlichen Gespenstern erwartet, sondern ganz vorsichtig kamen sie aus dem kleinen Tannenwäldchen von der Anhöhe herunter, drückten sich an den mannshohen Machholdersträuchern her und schritten dann mit langen wiegenden Schritten, in weiten fliegenden Geistermünteln über den Wesenplan. ^Jedes der drei Gespenster trug ein Etwas in Händen, damit fuchtelte es auf oie unheimlichste Weise in der Luft herum. Als Anton ihrer ansichtig wurde, schlug ihm das Herz bis zum Halse — aber nicht vor Angst und Schrecken, sondern vor eitel Vergnügen, vor freudiger gespannter Auflegung. Fleißig, wie die Gespenster waren, machten sie sich sofort an die Arbeit. Ganz sachlich machten sie Fischgeräte zurecht, spannten Netze aus und ließen sie in das Wasser. In dresem Moment stürmte Anton mit lautem „Hallo!" hervor, und ehe sich diese es versahen, hatte er eines, das vorderste der Gespenster, an den Schultern. Doch wie der Wind, oder richtiger wie eben Geister, waren diese entschwunden. Anton hielt noch ein weißes Leintuch in den Händen und sah mit dummem Gesicht auf das Angelgeräte der Geister. Wo waren sie denn hingekommen? Hatte sie der Erdboden verschlungen? Anton schüttelte es nun doch.--■ Aber gleich daraus brach er in schallendes Lachen ans. Er hörte die Geister im Wasser plätschern und einen Moment darauf sie im Sturmschritt auf der anderen Seite des Baches auf der Landstraße dahinrennen. „Bartel, Melchior, Gottlieb, Ihr Gespenster vo Fleesch unn Blut, laaft nett so, ech krieh och doch!" rief er ihnen nach. Tann sagte er zu sich selber: „Jetzt awwer Ham; amol sinn se der entwischt, das zwate mol soll mer des nett bassiere. Ten Bartel, den fang ich ab, dos is des Hauptgespenst." Und wie der Wind sauste er über die Wiesen in das Dorf zurück. Er mußte lange warten, denn die Gespenster eilten sich nicht so sehr mit dem Nachhausekommen. 4 Uhr hatte es schon geschlagen und immer wartete er noch unverdrossen in guter Geduld. Da endlich wurde diese belohnt. Bartel suchte zwar immer noch nach Ausflüchten, als ihn bei seiner Heimkehr Anton in der Haustür empfing — mit einem ganz vergnügten: „Guten Morjen, Gespenst. No, wie war das Geschäft in der Nacht?" Bartel stellte sich dumm und sagte: „Was willste? Ich verstieh dich nett." Doch Anton hielt ihm der Schmiedwäs Leintuch unter die Nase und folgende Moralpredigt: „Bartel, des sollste awer nett mache, daß de deiner Motter ihr Weißzeug so verdeckst. Geh, dos sei mer awer ka Bosse. Unn dann, Freund Bartel, den Fischfang in der Erle, den hat mei Vatter gepacht, unn wenn do en annere beim Fische erwischt wird, dos kost Strof. Unn ohne-Strof kimmste nett ob, Bartel, scho nett, weil de die gute Ginnberger nu scho wochelang in Angst unn Schrecke hältst. Weil de awer en Kolleg von mer bist, werr ich dich nett «zeige, sonner ich will der die Straf selbst diktiern. Tu gibst, bis Sonntag awend an Faß, verstehste, unn dos e richtig großes!" Ta machte Bartel gute Miene zum bösen Spiel und erklärte, die Strafe annehmen zu wollen. „Tu bist en Schlaukopp, Anton," sagte er, „dir haw ich jo von Afang nett getraut." Sonntag abend lief denn richtig beim Lindenwirt ein großes Faß. In der Wirtsstube war der Betrieb so lebhaft, wie lange nicht, und der Lindenwirt machte glänzende Geschäfte. Bei jedem Taler, den er einstrich, sagte er: „Dos is für die Fisch, die mi die Rackers gestohle hawwc." Die Spukgeschichte wurde nun natürlich tüchtig belacht nnd auf einmal hatte sich kein Ginnberger je gefürchtet! Bewahre! Im Gegenteil! Alle hatten sie sich von Anfang die Geschichte so gedacht! Bartel, Melchior und Gottlieb behielten aber den schönen Beinamen „die drei Gespenster" ihr Leben lang. VsNmßschtes. * Ein staats gefährlicher Ochse. Eine Pariser Zeitschrift teilt nach in Nationalarchiven aufgefun- denen Akten ein Polizeigeschichtchen mit, das den Geist der Restaurationsepoche in köstlicher Art illustriert. Als nach Napoleons Fall Ludwig XVIII. ans Ruder kam, nahm das Spitzelsystem geradezu groteske Züge an. Ueberall witterte die Polizei unehrerbietige Anspielungen auf die neuen Herren, freilich nicht immer ganz ohne Grund, da der kecke Volkswitz immer neue Sportworte und Anzüglichkeiten fand. (Grabbes „Napoleon" gibt in der Einleitungsszene ein lebendiges Bild dieses Treibens.) In dieser Zeit war es nun, daß ein — noch heute bestehendes — Restaurant in der Nähe des Palais Royal seinen Namen „Le Boenf a la mode" durch ein Schild illustrierte, das einen Ochsen in modischer Tracht, mit Schal und Strohhut zeigte. Der Name des neuen Gasthauses muß die Polizei stutzig gemacht haben. Ein Ochse, 472 ein modischer Ochse dazu — sollte da nicht eine Bosheit gegen die allerhöchste Person geplant sein? Und der an das Ministerium erstattete Bericht vom 13. Juni 1816 stellte »ine erdrückende Menge von Verdachtsmomenten zusammen. Es heißt da: „Dieses Tier, das Symbol der Gewalt, ruft schon durch die Art seines Aufputzes und seiner Kopsbedeckung, die sich aus einem roten Kaschmir und einem Strohhut mit weißen Federn und blauem Band zusammensetzen, viel Gerede hervor. Ein anderes Band von gleicher Farbe ist um seinen Hals gelegt und trägt eine Art goldenen Vließes, wie es die Souveräne tragen. Der Hut, der die Krone darstellt, ist rückwärts gerutscht und im Begriff zu fallen. Dieser Umstand und namentlich die Vereinigung der drei verbotenen Farben (der von der Revolution geschaffe- neit Trikolore), zeigen offenbar eine schlechte Absicht an und bis in das gemeine Volk hinab sieht man in dieser Allegorie eine schmutzige Karikatur gegen seine Majestät." Das Ministerium nahm die Anzeige ernst und beauftragte die Polizeipräfektur, Nachforschungen zu pflegen und die politischen Gesinnungen der Inhaber der Restaurants zu erkunden, jedoch hierbei, wie bei der etwa zu veranlassenden Entfernung des Schildes die angemessene Diskretion LU bewahren. — Die Nachforschungen scheinen zu- gunsten der Restaurateure ausgefallen zu sein und erwiesen zu haben, daß diese keinen Hochverrat „im Schilde führen" und einen wirklichen, vierbeinigen Ochsen und nicht Ludwig XVIII. meinten. Denn dem „Boeuf a la mode" wurde das Leben gelassen und er hat sogar die Bourbonen überlebt. Er hat allerdings das Kostüm gewechselt und präsentiert sich heute als harmloser, jeglicher polit. Nebenbedeutung barer Faschingsochse. C. K. Schminkeals Ehescheidungsgrund. Mit aller Energie gehen jetzt die gesetzgebenden Männer von Georgia ans Werk, um die Bürger ihres Staates davor zu bewahren, „den Schlichen und Ränken des weiblichen Geschlechts zu unterliegen und ihr Leben lang die Folgen einer böswilligen Täuschung tragen zu müssen." Im Parlament ist jetzt ein Gesetz eingebracht und nach einer außerordentlich interessanten Diskussion einer Kommission zur Weiterberatung überwiesen worden, in dem vorgesehen ist, daß alle Ehen für null und nichtig erklärt werden, in denen der Munn seine Gaftin des Gebrauchs von Schminke, falschen Haaren oder falschen Zähnen überführt, ohne daß er vorher davon wußte, wie überhaupt immer, wenn der Bräutigam durch raffinierte Toilettekünste, durch verführerisches Linnen, Pariser Schuhe und andere künstliche Schönheitsmittel zur Heirat verlockt worden ist. Der Urheber des Gesetzes, Mr. George Glenn, ist selbst verheiratet und in der Verteidigung seines Entwurfes fand er schwungvolle Argumente von unwiderleglicher Beweiskraft. Es gift, den Enttäuschungen vorzubauen, die so oft in der Ehe den ersten Tagen des Honigmonds folgen, wenn der Gatte schaudernd bemerken muß, daß die prachtvollen Locken der Geliebten nur ein Kunstwerk des Friseurs, ihre leuchtend weißen Zähne nur das geschickte Werk eines Zahnarztes und der zarte rosige Teint nur das Ergebnis Lester Pariser Schminke ist. Alle diese Ehen sollen künftig für nichtig erklärt werden, weil sie einem Vertrag gleichen, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zustande gekommen ist und in feinem tiefsten Wesen auf unsittlicher Grundlage beruht. Die Damen von Georgia sind außer sich vor Empörung und arbeiten mit allen Mitteln, um die Volksvertreter zur Ablehnung des Gesetzentwurfes zu bewegen. Aber Mr. Glenn antwortet auf alle Einwürfe, daß es ihm durchaus fern liege, den Gebrauch von künstlichen Verschönerungsmitteln überhaupt zu verbieten; nur die Frauen, die beabsichtigen, zu heiraten, sollen dieser unlauteren Mittel sich entschlagen. Die anderen aber, die ohnehin die feste Absicht haben, ledig und ans sich selbst vertrauend allein durchs Leben zu schreiten; die sollen sich, so erklärt Mr. Glenn, schminken und pudern, soviel sie wollen und den Friseuren möglichst viel zu verdienen geben. * Unter der Spitzmarke Alltagsdiuge und woher sie kommen, plaudert O. Promber in der „Frauen-Ztg.": Uober bie, Entstehung des Hutes ist nichts bekannt; jedoch ist es erwiesen, daß schon bie alten Griechen ihr Haupt bnrd) eine Kopfbedeckung zu schtchen suchten. Doch trug man vor Jahrtausenden in Griechenland einen Hut nur daun, wenn schlechtes Wtztter war, oder wenn man auf Reisen ging. Die Form der Hüte war sehr verschieden; so trug man tn Thessalien niedrige und schirmförmige, in Arkadien breitkrempige Hüte und in Böotien solche, die einem Tannenzapfen nicht unähnlich waren. Der Stoff dieser Hüte war entweder Ziegenfell, gewebte Molle, dickes Tuch oder Filz.. Die Filzhüte kamen erst auf, nachdem schon längst Hüte aus den anderen Stoffen hergestellt worden waren. Wir vermögen nicht anzugeben, wer zuerst Ohrringe getragen hat. Jedenfalls sind solche schon vor Jahrtausenden von Indianern getragen worden. Sehr kurz ist dagegen das Dasein des steifen Damenkragens, der erst gegen das Ende des vergangenen Jahrhunderts aufgekommen ist. Sehr alt soll die! Bluse sein, die nach Annahme der neueren Forschung aus dem Orient stammt und bei Gelegenheit der Kreuzfahrer! eingeführt worden ist. Uralt ist das Korsett. Die Gattin Karls VI. von Frankreich war die erste, die dem Mieder' metallene Stäbchen einfügte. Auch die Naturvölker sind nicht frei von diesem Marterinstrument der Fraueneitelkeit. Wie der Forschnngsreisende W. A. Cook berichtet, ist eine Art Korsett bet den Bororoindianern, einem Urvolk Brasiliens/ bekannt. Er sagt darüber: „Im jugendlichen Alter tragen die Frauen eine Art Korsett, das den Leib einschnürt und aus der Rinde eines Baumes verfertigt wird. Das Taschentuch soll von den Chinesen, die Papiertaschentücher verwenden/ zu uns gekommen sein. Der Pantoffel scheint ebenfalls asiatischer Herkunft zu sein. Früher glaubte man, daß der Fingerhut von dem Amsterdamer Goldschmied Nikolaus van Benschoten erfunben worben sei, der ein goldenes Fingerhütlein seiner geliebten Dame verehrte. Indessen schon Walther von der Vogelweibe hat diesen Gebrauchsgegenstand besungen, und es ist erwiesen, daß der Fingerhut schon zu Ende des 12. oder zu Anfang des 13. Jahrhunderts bekannt gewesen ist, wenn auch vielleicht noch nicht allgemein verbreitet. Eine ehrwürdige Vergangenheit hat der Schirm. Auf alten griechischen Basen, auf Bildnissen der alten Aegypter und Römer kam er bereits zur Darstellung. In Frankreich waren Schirme bis Ende des 16., in England bis Ende des 17. Jahrhnnderts unbekannt. Danach wurde er erst in Deutschland allgemein bekannt und in Gebrauch genommen. Auch der Fingerring ist so alt wie die älteste Kultur, schon zu Pharaos Zeiten wurden mittels des Ringes gewisse Abmachungen besiegelt. Die ältesten Ringe wurden aus Eisen oder Kupfer gefertigt. Das Portemonnaie wurde von Karl Heue erfunden, der als Buchbindergeselle 1842 von Dresden nach Amerika auswanderte, und die Vereinigten Staaten haben das Portemonnaie zuerst in den Handel gebracht. * Naturkunde. Onkel (auf dem Lande): „Diese Kuh ist zwei Jahre alt."' — Nichte (aus der Großstadt): „Woran siehst du denn das?" — Onkel: „An den Hörnern." — Nichte: „Ach so! Weil sie zweie hat." Tatkraft. Wenn dich dein Herz zu edlem Werke drängt, So zaudre nicht und stärke deinen Willen! Die ganze Kraft, die dir gegeben, setze ein, Laß schwellen alle Segel deines Schiffes, Gib Flügel den Gedanken, die dich treiben. Daß rasch sie wandeln sich in mut'ge Tat! llnd hole aus dem Feuer deines Geistes Was du ersinnen kannst, um zur Vollendung Und zur Vollkommenheit dein Werk zu sühreu! Ein rechter Mann strebt nach den höchsten Zielen llnd haßt das Stückwerk; besser unterlassen Als nicht des Ruhmes Würdiges vollbringen. A. Ammann. Rätsel. Das Ganze ist den Menschen unentbehrlich, Ob arm, ob reich, sie könnens nicht vermissen. Doch den Betroffenen es traurig stimmt, Wenn du die erste Silbe weggestrichen. Und läßt du dann die zweite auch noch fern, Was dann draus wird, das leistet niemand gern. Herma n n Lindaue r. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Hi m mel — Hu m m el — Ha inmel. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheri UniversilätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen