M8 Samstag den 30. Mar Ws SSfcgi®, Ä! i ]•_ s HÜ' W^W ÄurfS . 6ÄÜ Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wilhelm Bartikow stand vor ihm. Wie durch einen wallenden roten Nebel sah Hein- das blasse, verschwommene Gesicht mit dem wirren blonden Haar, das kein Hut bedeckte —■ die in wahnsinnigem Haß glühenden Augen — die keuchende Brust. „Abrechnung," quoll es' von dem verzerrten Munde, in dessen herniederhängender Faust eine Messerklinge blitzte. „Abrechnung," zischte er noch einmal, und noch einmal fuhr der Stahl, flirrend im Dämmerlicht, in die Hohe. Aber er kam nicht mehr zum' Stoß. Irgendwo in nicht allzuweiter Ferne ertönten Stimmen, wohl von heimkehrcnden Pilz- oder Beerensuchern: der Feigling schreckte zusammen, stutzte, warf das Messer zur Erde und wandte sich zur Flucht. Tie Stimmen kamen näher — lachende Kinderstimmen waren darunter —, Heinz fühlte, wie das Blut im warmen Strom über seinen Rücken riselte, seine Schwache steigerte sich; und wenn er auch daran gedacht hätte, er wäre nicht imstande gewesen, um Hilfe zu rufen. — Ferner klangen schon die lachenden Stimmen, verhallten allmählich ganz. Tunklerc und immer dunklere Schatten webte der sinkende Abend zwischen den Stämmen. Heinz, der kraftlos, mit bnwmmenem Köpf, am Pfosten der Gittertür lehnte, richtete sich mühsam taumelnd gerade. Wie lange stand er denn da? ... . „Vorwärts'," machte er sich Mut, „vorwärts nach Hause. Die Sache wird so schlimm nicht sein. Wäre die Lunge getroffen, lägst du schon am Boden. Vorwärts, nach Hause, ehe dich der Blutverlust gänzlich umwirft." Er bis; die Zähne zusammen und setzte schwerfällig einen Fuß vor den andern. Seine Gedanken gingen in die Runde. Alle paar Schritte mußte er stillstehen, sich an einen Baum lehnen, Kräfte zu sammeln und sich zu besinnen, wo er war und wohin er wollte. Das Atmen bereitete ihm Pein. Ter klaffende Riß in der Schulter mit dem glühenden Eisen darin schien bis in die Lunge hineinzureichen. Bei jcdenr Schritt, den er tat, mußte er aufstöhnen. Und immer schwerer, immer wüster wurde ihm der Köpf. Er sah kaum noch, wohin er trat: und alles, was ihn mn!gab: die Bjäume und Sträucher, der Waldboden und die Sterne, alles schien sich um ihn im Kreise M drehen. , Allmählich ließ der Schmerz nach, als hätte er seine Wut Erschöpft und ausgetobt, wurde zuletzt ganz still. Plötzlich — als er den Wald schon hinter sich hatte und wie trunken über das freie Feld toitmelte — war es ihm, als ging Isabella an seiner Seite. Er fühlte ihre Hand, die seine Hand umfaßt hielt, fühlte ihren Arm, der ihn liebreich stützte. Oder war es gar nicht Isabella? .... Martha Bartikow wohl? . . . . Nein, auch Martha Bartikow nicht .... Seine Mutter wars, seine Mutter!..... Ten von wildem Fieberwahn Durchrasten nahm die Kindesseele in Schutz und Führung, lenkte und leitete ihn heim in ihrem sicheren Gefühl, daß sie in allen Leiden des Lebens nirgends so wohl aufgehoben ist, wie am Mutterhcrzen und in Mutters Händen. । Am Schulhaus wankte Heinz vorbei — cs fiel ihm gär' nicht ein, daß er da wohnte — und auf den ausgetretenen Stufen, die zum Kramladen seiner Mutter emporführten, brach er zusammen. Die Ktzaft, nach der Klinke zu greifen, hatte er nicht mehr. -. j ; , Vierzehntes Kapitel. Als am nächMn Vormittag die Nachricht ins Schloß gelangte, Hilfsprediger Vollrath wäre überfallen worden und läge mit einer gefährlichen Verwundung schwer krank danieder, geriet Isabella außer sich. „Hin zu ihm!" rief es in ihr. „Was willst du denn?" fragte der Kdmmerzienrat, als er die Schluchzende von ihrem Sessel aufstehen und zur Tür wanken sah. „So antworte mir doch, was du willst!" wiederholte er dringlicher, und väterliche' Angst zitterte durch seine Baßstimme. I ■ „Hin zu ihm will ich", schluchzte Isabella. Rasch hinkte FriedheüN ihr nach — deutlicher als km lang!-, sam gemessenen Schritt trttt seine Lahmheit bei hastiger Gangart zu Tage —, ergriff die Hand, die sich schon nach dem Türgriff ausgcstreckt hatte, und sagte mit leisem Vorwurf: „Was redest du denn für Unsinn, Isa. Komm setz' dich wieder, beruhige dich erst. Und dann beichte mir mal? was' gibt cs zwischen dir und Vollrath?" Aber es war nicht so leicht, aus der Verzweifelten eine klare Antwort herauszubekommen. Von ihrer Liebe und dem Konflikt, der trennend oder wenigstens störend zwischen ihr und Heinz stand, sprach sie ja schließlich in abgerissenen Sätzen. Aber von Bartikows Attentat auf Isabella, von Vollraths Abwehr und seinem Versprechen, alles aufzubieten, um den Un- sinuigcn so rasch wie möglich aus dem Dorf zu entferne;:/ erfuhr der Kommerzienrat erst durch Werner, der nach einer Weile, gestiefelt und gespornt, ins Zimmer trat und die Absicht kundgab, nach Fichtenwalde hinüber zu reiten, um zu sehen, wie es seinem Lehrer ginge. „Also los, los, mach', daß wir endlich vernünftigen Bescheid kriegen", drängte Fricdheim, als er alles wußte, „und suche Doktor Schröders habhaft zu werden. Frage ihn, ob er die Hinzuziehung eines Professors für geboten erachtet. Ich wil! dann sofort telegraphieren oder auch persönlich fahren, den Herrn herzuholen." Einen Augenblick später saß Werner schon int Sattel. Seines Vaters Passion für den Reitsport lag auch ihm im Blut, und nach einem schlankgestveckten Galopp von knapp zehn Minuten parierte er fein Pferd vor der Tür des' Bollrathschen Ladens. „Er ist schon wieder bewußtlos", gab Frau Vollrath, die beim Anschlägen der Türglocke mit gewohnter Hast in den Laden getrippelt war, auf Werners teilnahmsvolle Erkundigung Auskunft. „Er war überhaupt nur zweimal — erst gestern abend, als die Wunde gereinigt wurde, und dann heute Morgen —t auf einen Augenblick wach und bei Sinnen. Jetzt ist der Dvktptz 334 — bett ins Wie wieder btfn bei ihm. Er sagt, es wird schon alles wieder gut werden." „Darf ich ihn sehen?" Frau Vollrath nickte. Sie sah blas; und übernächtig aus, schien aber sonst gefaßt zu sein. Ter Gedanke, daß ihr Liebstes und Teuerstes ihr 'entrissen werden 'könnte, kam ihr gar nicht. So grausam konnte Gott nicht sein. . . Als Werner in das trotz der offenen Fettster von betäubendem Karbolgeruch erfüllte Krankenzimmer trat, konnte er von Heinz zunächst nichts wahrnehmen. Doktor Schröders breiter Rücken und die Gestalt eines jungen, blonden Mädchens — es war Martha Bartikvw, die Werner nicht kannte — versperrten ihm jede Aussicht auf das Bett. Es verging wohl eine Viertelstunde, bis der Arzt — der damit beschäftigt war, den am vergangenen Abend angelegten Notverband, durch einen regulären, kunstgerechten zu ersetzen — sich umwandte und Notiz von dem Eingctretenen nahm. „Ah, der junge Herr Baron," nickte er — er hatte stets, auch in den ernstesten Situationen, I ein nicht immer ganz zartes' Scherzwort bereit —; und als Werner ihm zur Begrüßung die Hand hinstreckte, schüttelte er den KVpf und parodierte, auf das Blut . an seinen Fingern deutend: „Kami dir die Hand nicht reichen —." Während er sich dann die Aermel seines Oberhemdes noch höher auskvenrpte, sagte er zu Martha, die ihm ein Waschbecken mit frischem Wasser brachte: „Also Sie wollen sich wirklich mit Frau Vollrath in die Pflege teilen? Na, mir kaun's recht sein und dem Kranken auch: wir haben Sie ja schon öfter im Schwesterdienst zu erproben Gelegenheit gehabt. Tie Behandlung bleibt vorläuf'g so, wie ich sie gestern abend bestimmte." Werner war auf den Zehenspitzen an seines Lehrers Bett geschlichen und starrte auf das totbleiche Gesicht des immer noch Bewußtlosen, dessen Augen-unter den Lidern eingesunken waren und durch dessen bläuliche Lippen kein lebenspendender Bluts- trvpsen zu fließen schien. Tr. Schröder trat, sich die Hände trocknend, neben ihn. „Ja, ja, Jüngling, was man so alles erleben kann, bis man Großvater wird!" \ „Steht's schlimm?" fragte Werner, und die aufsteigenden Trauen würgten ihm die Kehle zu. Ter Arzt zuckte die Achseln. „Abwarten! Ich , denke, die Lunge wird nicht allzuviel abgeknegt haben. Wissen Sie übrigens", wandte er sich zu Frau Vollrath, „wo der Förster Ihres Sohnes Hut gesunden hat, den rch vorhin mitbrachte? Am Fließ unten. Ihr Sohn muß das Messer also schon dort, mitten im Wald, zwischen me Rippen gekriegt _ haben. Wenn ich wüßte, wo er die Kraft hergenommen hat, sich noch bis nach Hause zu schleppen mit dieser scheußlichen Wunde, die — wenn sie nicht schräg durchs Schulterolatt ginge — sein Tod hatte sein müssen auf der Stelle." L. , „JAs wahr", fragte Werner, „daß man Verdacht hat ans diesen Menschen, den Bartikvw?" Tü Schröder zog wieder die breiten Schulterrr hoch. . man nicht eher was sagen, als bis der Kranke selbst ferne Meinung kund getan hat. Uebrigens" ... er wies mrt vorstellender Handbewegung auf Martha, die durch das Fenster starrte —: „das ist die Schiwester von ,dem Menschen' • Fraulein Bartikow!" j , Werner machte eine ungeschickte Verbeugung und schwieg verlegen. Fran Vollrath.aber trippelte an Martha heran, nahm ihre Hand, streichelte sie und sagte: „Und wenn er's wirklich ivar, feit kannst nichts dafür, du, mein liebes, bestes Mädel du!" Martha biß sich auf die Lippen, strich sich mit der Hand über das Haar und ging zur Tür hinaus. Tr. Schröder, fZrail Vollrath und Werner traten rasch zu ihm hm; nur Martha verharrte regungslos, wie gelähmt, Tuch, auf den sie die Eisschüssel niedergesetzt hatte. Schoer ließ sie den Kvpf auf die Brust sinken und grub die Zahne in die Unterlippe. >,Isabella", flüsterte Heinz noch einmal. Schm in der Nacht, als Martha bei ihm Wache gehalten, Mtte sie ihn den Namen zweimal rufen hören. Und jetzt Werner, noch immer betreten, brachte mit stockenden Worten Auftrag vor, den sein Vater ihm gegeben hatte. Gerade als Martha, eine Schüssel voll Eis tragend, wieder Zimnier trat, regte sich der Kranke. „Isabella", murmelten fein: Lippen. Seine Hand irrte, suchend über die Bettdecke. wieder Und wieder war es ihr, als erwüchse eine Eisensaust in ryrer Brust und Preßte ihr Herz zusammen. „Frisches Els , rief Tr. Schröder ihr zu. Sie schreckte auf, bereitete eme neue Kvmpresfe, trat ans Bett und legte sie Heinz "uf die Stirn Sie sah wohl, daß Frau Bollrath sie mit einem schüchtern-mitleidsvollen Blick streifte, aber sie gab sich den A-7- siübst' °I§ ,a&e 16 ES "lcE>t Sie schon wieder Herrin ihrer Der Kranke schlug die Augen auf. Ms er Werner bemerkte, gltti ern mattes Lächeln über sein Antlitz, eine Sekunde lang • bann aber huschte sein Blick suchend über die Gesichter derer bte fein Lager umstanden. herzlich grüßen", schluckte Werner mit träuen- deiugte । sich M:r Vollraths' Hand hernieder und kugle sie. Laß er sie nicht nur in seinem Namen küßte, sondern ancy im Namen einer anderen, wagte er in Gegenwart so vieler Zeugem nicht zu sagen. Wer die Seele i>eS Kranken schien es rn”’ $ei}n E>as Lächeln, das schon wieder auf feinen blauen Zügen lag, vertiefte sich. Dann schloß er die Augen . Martha zweifelte nun auch nicht mehr daran, daß Wilhelnt Heinz das Messer in den Rücken gestoßen. ,Tie Eifersucht hat ihn toll . gemacht', dachte sie. Fester heftete sich ihr Blick auf das Antlitz des noch im Schlaf Lächelnden. Ter sonst so leichte, federüde Gang ihrer Gestalt erschien nachtwandlerisch gleichsam, als sie wieder zum Tisch trat, unt ne Eisolase neu zu füllen, feie sie von Vollraths wunder Schulter genommen hatte. , Mit heimlicher Bewunderung sah Werner ihr nach. »Welch' ein schönes Mädchen', dachte er, ,eine blonde Madonna.' ... j Eine Woche ging hin und noch eine, bis Tr. Schröder konstatieren konnte, daß Heinz außer Gefahr wäre — „ohne Zutun jeder Berliner Kapazität", wie er dem Kommerzienrat berichtete. Isabelle verbrachte ihre Tage wie im Fieber. Nun, da die dingst um das Leben des geliebten Mannes sie nicht mehr folterte, riß das Verlangen, ihn wiederzusehen, an ihrem Herzen und Eifersucht auf Martha Bartikow, von deren Schönheit und Wesen Werner ihr nach jedem seiner Besuche neue Wunderdinge zu erzählen wußte, brachte sie um die ruhige Ueberleguug. Als Friedhelm Ende Mai in Geschäften nach Schlesien gereist war, wo er ein unter die Leitung eines seiner Brüder gestelltes Bergwerk besaß, vermochte Isabella ihre Sehnsucht nicht zu zügeln. Die schönsten Rosen, die in den Treibhäusern und an den sonnigen Hängen des Ziergartens wuchsen, ließ sie schneiden und machte sich eines Spätnachmittags auf den Weg, sie dem Geliebten zu bringen. Zu Fuß brach sie auf, nur von Zanga begleitet, , der dort, wo der Wald aufhörte, zurück- bleiben und auf ihr Wiederkommen warten follte. O, sie würde Heinz, dem Zweifler, schon beweisen, daß sie ganz gut ohne Equipage . fertig werden konnte, — auch hatte sie das einfachste Kleid, das sie besaß, ein enganliegendes aus dunkelblauem Tuch, angelegt und kam sich darin schon vor wie eine kleine, bescheidene Frau Pastor — und bitten würde sie den Heißgeliebten/ sich doch jetzt schon öffentlich mit ihr zu verloben, damit sie vor aller Welt ein festgegründetes Anrecht an ihn hatte. Daß sie, mit diesem Anrecht ausgerüstet, sofort Mittel und Wege suchen wollte, die schöne Pflegerin aus ihres Bräutigams Nähe zu verbannen, war nicht das geringste Motiv zu ihrem Vorsatz. Als sie, den Vollrathschen Laden betrat — einen zweiten Eingang hatte das kleine Häuschen nur vom Hofe aus —, legte sich die muffige Luft, die den dunklen, niedrigen, mit Regalen, Tischen, Kisten, Fässern und Säcken über und über bestellten Raum erfüllte und hauptsächlich durch die scharfen Gerüche von Essig, Petroleum und Zwiebeln gesättigt erschien, beklemmend aus ihre Brust. Mein Gott', dachte sie, ,wie schrecklich, hier leben zu müssen'. Aber rechtzeitig siel ihr ein, daß auch ihres Vaters Vater den Grundstein zu seinem Vermögen in einem Materialwarengeschäft gelegt hatte, und dann überwog in ihr ein sozusagen kulturhistorisches Interesse: ,Alfo auS_ diesem Milieu ist der Mann hervorgegangeu, den du liebst. Der Mann, dessen Empfinden so fein ist wie das des zartfühlendsten Künstlers, und dessen Stolz sich mit dem eines Ritters vom alten Schrot und Korn getrost messen kann'. Frau Vollrath, die eben von ihrem Sttibchen aus in den Laden trat, machte verwunderte Augen. „Ah . . . das Fräulein vom Schloß", sagte sie, nicht übersi mäfjig, freundlich: „womit kann ich dienen?" Und fie strich sich die blaue Wirtschaftsschürze glatt. .(Fortsetzung folgt.)' 335 — Oberhessische WuMMren. . Von Wilhelm Hotz. ». (Nachdruck verboten.) Es gibt sicher noch ältere Leute in der Wetterau, die sich eines gewissen Mannes erinnern, der vor etwa 50 Jahren in einem Dörfchen an der Horloff als Polizeidiener feines Amtes waltete und unter dem Namen „Orbeshannes" weit und breit bekannt war. Es war auch einer von den Gesetzeshütern, die „in zwei Tagen mehr tranken, als in einem", und er hatte vorab den verantwortungsvollen Beruf, seine Trunksucht meist in den Häusern zu befriedigen, in denen jemand krank war. Das kam daher, daß er neben seinem Gemeindedienst auch „Heilkünstler" war und bei besonderen Krankheiten, wie bei der Gicht „dafür konnte". In der damaligen Zeit behandelte ntcm ja jede Erkältung, Gliederschmerzen, Rheumatismus usw. als Gicht, und gegen Gicht vermochte nach dem törichten Glauben der Leute ein Kurpfuscher mit Geheimmitteln weit mehr, als der geschickteste Professor in „Gäisse". So was ähnliches, wie ein Kurpfuscher, d. h. einer, der Sympathie gebrauchte, war der Orbeshannes, und seine Kuren taten Wunder, aber nur gegen „ein Gicht". Es gab nämlich „77, und wenn's gar zu schlimm war, 99 Gegickster", und der Orbeshannes konnte nur gegen eins von diesen; hatte aber das Glück, daß es in seinem Dörfchen eben nur dieses „eine Gicht" war, das mit der armen Menschheit sein Wesen trieb und den Menschenkindern als „mittendes, beifendes, reisendes, kaltes und warmes Gichts" große Schmerzen machte. Das Mittel, das der Orbeshannes gegen diese Gicht anwandte, war neben einem lächerlichen Hokuspokus eine einfache Schwitzkur, die er dadurch herbeizuführen wußte, daß auf seinen Rat das Bett des Patienten unmittelbar hinter oder an dem Ofen auf dem Fußboden gemacht wurde, und der Kranke mit einem Berg von Kissen-zugedeckt werden mußte. Dieser Orbeshannes wurde einst in ein Bauernhaus gerufen, um an einem neunjährigen Jungen — er wurde groß und ist nunmehr im Dienst der Schule ergraut — seine Kunst zu probieren. Nachdem er sich an einem Handkäse und einem Viertelchen Branntwein genügend gestärkt hatte, trat er an das Bett des Jungen und fragte ihn: „No! Jungche, kannste dann schuhnt (schon) de Glauwe gebüarn? Wann nitt, därfst de nnr'n and) geläafe." Kaunr war dies geschehen, wurde das „Jungche" von ihm mit gewichtiger Miene untersucht, einige geheimnisvolle Worte „gepischbilt", die Glieder gestrichen und zum Schluß festgestellt: „Hoaste das Gicht, für doas eich kann, gedänk' eich's ze packe." Die pflegende Mutter wurde sodann angewiesen, das Bett des Knaben hinter dem Ofen auf den Boden zu machen; und mit einem kräftigen Abschiedstrunk war der Orbeshannes für diesen Abend entlassen. Arn andern Tag forschte er genau, rrrn welche Zeit des Nachts die Schmerzen am heftigsten waren, und mrf die Angabe: „zwischen 12 unn 1 hatts Bübche oarg gejammert", erklärte er: „Ja! Do hunn eich nach gebraucht. Es hott das Jängche kriminoal ohngepackt, oawer düi Hauptfach casf', es hott's Gicht, fier doas eich kann, eann inn 4 Doag kanns uffgestiehn." Das war auch tatsächlich der Fall und setzte damals das „Jängche" und mehr noch seine Mutter in Erstaunen. Die Hauptsache bei der ganzen Heilkur war aber, daß dein Orbeshannes für jeden Gang und jeden Rat ein Kännchen und ein Handkäse als Tribut entrichtet iverden mußte. Als nach einem Jahr das „Jängche" beim Garnauswaschen an der Horloff aus Unvorsichtigkeit ins Wasser geraten war und sich dadurch wiederum eine rheumatische Erkältung zugezogen hatte, brauchte der Orbeshannes nicht mehr feines Dienstes zu walten, da die besorgte Mutter zur Erkenntnis gekommen war, daß nicht das „Brauchen" und der nötige „Hokuspokus", sondern allein die Schwitzkur der gewiesene Weg zur Heilung solcher Krankheiten ist. — Der Orbeshannes hat bis auf den heutigen Tag noch viele „Kollegen", die sich auf das „Brauchen", auf Schreiben von Gichtzetteln und Schmieden von Gichtringen verstehen, und denen es nicht an Kundschaft gebricht, weil — wie sie selbst sagen — die Dummen nicht alle iverden. Und wie machen sie manchmal ihr Glück! So erzählt man sich von einem Schäfer, der die Not und Armut seiner kinderreichen Familie nur dadurch abzuwenden vermochte, daß er sich aufs „Brauchen" verlegte. Ihm hatte nämlich einst ein wohlmeinender Nachbar, dem er seine bittere Not klagte. . den Rat gegeben: „Probiert's e mol mit dem Hexe! Gibt's Mallör in em Viehstall, dann geht hin eann faat zum kranke Vieh de Spruch: Schadt's naut, So batt's naut,, De Schinner kritt dich doch! Awwer baß uff, doß' en keiner verstitt." Wie gesagt, so getan; der Schäfer machte Ernst, suchte da und dort seiner neugelernten Kunst Eingang zu verschaffen, und bald waren seine „Heilkuren" im ganzen Dorf bekannt. Nun wollte es der Zufall, daß der treue Nachbar, dem er sein Glück verdankte, an einem Halsgeschwür erkrankte und bereits drei Tage und drei Nächte die furchtbarsten Schmerzen ausgehalten hatte. Seine besorgte Hausfrau, die alles ver- fuchte, um durch „Schmierwerk" und „Einnehmsel" das böse Geschwür zum Aufgehen zu bringen, war schließlich ratlos und sagte mit mehr Ernst als Scherz: „Eann etzend lang' eich de Scheffer, der kann aach für kranke Leut." Der Schäfer kam und stotterte seinem Retter in der Not verlegen entgegen: „Soll eich; . . . soll eich dann wirklich des Sprichelche duhn?" „Als droff!" flüsterte der Kranke. Mit gewichtiger Miene trat der „Wunderdoktor" ans Bette, legte seine rechte Hand um des Kranken Hals und begann in salbungsvollem Ton: „Schadt's naut, so batt's naut." Ausreden konnte er nicht, denn den Kranken überfiel bei dieser Komödie ein solcher Ausbruch des Lachens, daß durch die plötzliche, anstrengende Körpererschütterung das Eitergeschwür aufging, und die Krankheit gehoben war. „Die Scheffer huhu doch Gleck!"' Aus Heinrich Dernburgs MHenterrzeit.') . . . Eine elektrische Spannung lag zu Beginn des Winters 47/48 in der Luft, das Vorgefühl, daß man vor besonderen Ereignissen stehe. Auch der Jugend hatte sich eine Art Unruhe bemächtigt, und in den oberen Klassen des Gymnasiums — es war das durch Ecksteins Schulgeschichten berühmt gewordene Gießener Gymnasium — in diesen Klassen war die Disziplin nur noch äußech lich und mit Mühe aufrecht zu erhalten. Die jungen Männer aber, die zur Hochschule entlassen waren, jahrelang gewohnt, mit den großen Republikanern des Altertums zu verkehren, genährt mit der politischen Lyrik jener Tage, mit den aufregenden Geschichten der französischen Revolution, der tragischen Erhabenheit Shakespeares und Schillers — diese Studenten sahen um sich — und alles, was ihnen staatlich ins Auge fiel, trug den Stempel eines kleinlichen und argwöhnischen Schematismus. Damit war die Achtung vor ben öffentlichen Gewalten verschwunden, jeder Stoß wider sie galt als eine befreiende Großtat. Niemand aber konnte den Weg zeigen, der aus Zuständen herausführte, die noch mehr lächerlich als drückend erschienen. Als Ziel galt die Einheit und Freiheit Deutsch)- lands. Der Feuerschein, der aus den Vorgängen in der Schweiz und Italien nach Süddeutschland herüberfiel, wies auf das letzte Heilmittel: die Revolution. Da kam die Kunde, daß sie wirklich erschienen sei, große, völkerbefreiende Revolutton, in Paris; und als man nur auf das Losungszeichen gewartet, begannen Städte und Dörfer, groß und klein, jedes auf eigene Hand seine Revolution zu machen. Natürlich blieb Gießen nicht zurück, in dessen Traditionen ja .noch die Erinnerung an die Schwarzen von Gießen lebendig war. Die Geschichte des Jahres 1848 ist die, daß ein ungeheurer Enthusiasmus, der jubelnde Aufschrei einer befreiten Volksseele in Reden, in leeren und oft kindischen Demonstrationen, in vereinzelten, schlecht geleiteten Unternehmungen verpuffte. Niemals in der Geschichte hat neben dem Erhabenen so dicht das Lächerliche gelegen. Mein Bruder Heinrich stand in seinem neunzehnten Lebensjahre, er war in seinem zweiten Semester Fuchs bei dem Korps der „Teutonen", voll Temperament und sprühendem Jugendfeuer, alle Ideale, die der Jugend vor- fchweben können, in Poesie, Kunst und Politik, mit Begeisterung erfassend. Die Mädchen fanden in seinem Aeuße- ren etwas, was an den jungen Goethe erinnerte, der Jurist steckte noch sehr bei ihm in den Halmen. Seine nächsten Freunde waren Moritz Bardel eben, der vor mehreren Jahren als Präsident des Oberlandesgerichts Celle starb, der damals eine Gedichtsammligig unter dem Titel „Rote *) Aus d-cm „Berliner Tageblatt".. 336 — Rosen" herausgegeben hatte, und Karl Hillebrand, der sich als Völkerpsychologe so einen großen literarischen Rainen gemacht hat. Sie waren mit Herausgabe eines Musenalmanachs beschäftigt, ju dem die Beiträge von allen Seiten herbeisttömten. Da trat die Februarrevolution in diesen Kreis, und die Poesie entwich. Ich erinnere mich noch des Abends, als die Meldung von den Pariser Ereignissen mit den Frankfurter Zeitungen eintraf. Ein einspänniges, leichtes Fuhrwerk, das „Post- kärrchen", besorgte den Schnelldienst. Alt und jung waren in der Wohnung eines Professors versammelt, als Karl Vogt, der berühmte Zoologe und spätere Reichsregent hereintrat und die große Neuigkeit verkündete. Mein Vater, der immer die Partei von Louis Philipp gehalten hatte, legte erschüttert die Karten aus der Hand; doch es gab standhafte Whistspieler, die verlangten, daß unabhängig von dem französischen Spektakelstück der Robber zu Ende gespielt werde. Die Jungen aber ergriffen Flaschen und Gläser, stürmten nach dem nächsten Kreuzweg, und ein donnerndes Lebehoch der französischen Republik erschütterte die Luft des friedlich ruhenden Gießen. Von diesem Augenblick ab war es allerdings um die Ruhe Gießens getan. Es begann die Aera der Katzenmusiken gegen Mißliebige, der ersten Versuche , zur Bildung einer öffentlichen Meinung in Volksversammlungen. Ein alter Flüchtling aus der Demagogenzeit, August Becker, der rote Becker genannt, erschien, und ließ eine wilde Zeitung ausgehen mit dem Titel „D e r j ü n g st e T a g". Aus Feuerstrahlen ragten große Dromekken, Flinten und Sensen heraus, womit in der alten Welt aufgeräumt werden sollte. Es bildete sich ein linker republikanisch-radikaler uni) ein rechter „konstitutioneller" Flügel. Vogt, um seine Wahl ins Parlament zu sichern, balancierte zunächst nur zwischen beiden. Von den drei Freunden gehörte Karl Hillebrand zu den Linksten, Moritz Bardeleben als ein standhafter Preuße hielt sich entschieden rechts, mein Bruder mit staatlichem Instinkt wollte zunächst die Einheit um jeden Preis, ein neues Deutschland sollte und mußte erstehen, er stand bei den Diskussionen in der Mitte. Karl Hillebrand und Heinrich Dernburg ließen ihr Licht kn den Vereinen und Versammlungen leuchten, denn damals redete alles. Moritz Bardeleben hielt sich skeptisch zurück. Die hochgespannten Erwartungen auf die Ergebnisse der Frankfurter Nationalversammlung sanken, wahrend der Redestrom in der Paulskirche immer wuchs. Da schien sich die Versammlung zu einer Tat aufzuschwingen, sie verwarf den von Preußen abgeschlossenen Waffenstillstand von Malmoe. Ein Parlamentsheer sollte zum Schutz der Paulskirche gebildet werden. Wer auch die Bundestruppen waren zur Stelle. Es kam zu den Straßen kämpfen vorn 18. September. Ich hatte mit einigen Kameraden eine Fußreise an Lahn und Rhein gemacht. In Geisenheim ani Rhein fiel mir ein Zeitnngsblatt in die Hände, in dem ich las, daß der Studiosus juris Heinrich Dernburg verhaftet und unter die Anklage zur Aufforderung zum Hochverrat und des bewaffneten Aufstandes gestellt war. Das hatte sich wie folgt abgespielt. Rach Gießen war die Kunde gekommen, daß das Frankfurter Parlament vergewaltigt werde, daß man ihm die Freiheit seiner Entschließung genommen habe. Heinrich Dernburg stellte sich an die Spitze eines Aufrufs zu einer Volksversammlung behufs Schutzes der Nationalversammlung. Die Volksversammlung soll nach einer feurigen Rede Heinrich Dornburgs, per aufforderte, der Paulskirche bewaffnet zu Hilfe zu ziehen, einen enthusiastischen Verlauf genommen haben Energische Beschlüsse wurden gefaßt, ein Rendezvous für den Morgen zu gemeinsamem Zug nach Frankfurt bestimmt. Auf dem Rendezvousplatz erschien nur Heinrich Dernburg, bewaffnet mit einem Karabiner, ein sächsischer Student namens Leistner — und sein treuer Pylades Moritz Bardeleben, der den Freund in dieser Fährlichkeit nicht im Stiche lassen wollte. Als die beiden in die Nähe von Frankfurt kamen, hörten sie von dem schlimmen Stande her Bewegung. „Heinrich," sagte Bardeleben, „gib mir einmal deinen KarabinerDamit ergriff er die Waffe und warf sie in kühnem Schwünge in die vorbeifließende Nidder, in deren Fluten sie verschwand. (Schluß folgt.) Humoristisches« * Schul h u m v r. Folgende zwei wortgetreue Briefe an erne Lehrerin und einen Lehrer ivurden einem rhcin.- Blatte zur Verfügung gestellt: Geehrtes Freulein. Meinen Sohn Gustav hätte ich gern zur Schule geschickt, aber S-re werden entschuldigen, daß er übergesahren wurde und bekam eins mit der Deichsel ins Kreuz, daß er hinfiel und war gans zunincht, und ich dachte, daß es noch schlimmer sein könnte, er könnte noch tot gefahren sün, aber der liebe Gott hat ihm noch so beschützt, was Sie gewiß entschuldigen werden. Frau B. Geehrter Herr Lehrer! Indem daß Sie meiner Tochter Auguste eine gänzlich unschuldige Ohrfeige gegeben haben und dann noch auf den Kopf, verbiete ich Ihnen ganz ergebenst, daß mir daß nicht wieder vvrkomwt. Wenn Sie durchaus hauen müssen, dazu sind die andern Kinder da, nicht meine Auguste. Besten Gruß! Literarisches. — Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Ausl, in der neuesten für Deutschland, Oesterreich und die Schweiz gültigen amtlichen Rechtschreibung. Nach des Verfassers Tode vollständig neu bearbeitet von Karl v. B a h de r und Hermann H i r t, a. o. Prof, an der llniversität Leipzig, und Karl Kant, Privatgelehrtem in Leipzig. Herausgegeben von Hermann Hirt. Verlag von Alfred Töpclmann in Gießen. (Vollständig in 12 Lieferungen zu je 1,60 Mk. die in zwei- bis dreimonatlichen Zwischen- rchrmen erscheinen.) „Weigands Wötterbuch", das erste,. welches die Etymologie (die wahre Bedeutung und Erklärung eines Wortes nach seiner Abstammung) genügend berücksichtigte, bewahtt unter Prof. Hitts Leitung diese Eigenart, die ihm hauptsächlich sein Ansehen beim Publikum vor manchem andern Wötterbuch eingetragen hat. Dem Urteile der Brüder Grimm nach das zuverlässigste aller kurzen deutschen Wörterbücher, bietet es außer dem Vorzüge des Neuaufbaues auf dem Grunde der jüngsten Ergebnisse der germanischen Sprachwissenschaft den praktischen, daß die int deutschen Sprachgebiet eingebürgerten Fremdwörter einbezvgen sind. Die eben erschienene dritte Lieferung bietet die Reihe „drunten — Fratz" in mustergültiger Ausstattung des Textes (reinem Druck in einer großen Lateinschrift mit Hervorhebung des Artikelkopfes durch fette Lettern und der etymologischen Formen durch Schrägdruck, auf starkem leicht gelblichem Papier), so daß auch unsere Überanstrengten Augen int Buche zu ihrem Rechte kommen. Goldene Worte. Gesund an Leib und Seele sein, Tas ist der Quell des Lebens, Er strömet Lust durch Mark und Bein, Die Lust des tapiern Strebens. Was man mit frischem Herzensblut Und starkem Wohlbehagen tut, Das tut mau nicht vergebens. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Nösselsprungs aus voriger Nummer: Siegend steigt die neue Sonue Aus des Todes dunklem Haus, Strahlet Licht und Glut und Wonne Heber alle Seelen aus. Und es tönt durch alle Lüste: „Diesen Tag hat Gott gemacht I* Und es öffnen sich die Grüfte Und die Toten sind erwacht. Und mit denen, die da leben, Singen sie dem Herren Preis, Ter uns einen Tag gegeben, Ter von keinem Abend weiß. I u l i u s Sturm. Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Sleindruckeret, R. Lange, Gteßeit,