M8 Donnerstag den 50. April SM 8 LI 3 jll MM WW sWU MW M W n i-Wli^W Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. Machdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ja ja," sprach er, „das haben wir uns gewiß nicht gedacht, damals vor fünf Jahren, als du Abschied nahmst, daß du mich so hilflos wiederfinden wtlrdest. Gottes Hand trifft schwer. Aber ich bin still und geduldig in dem Trost, daß er die, die er lieb hat, oft mit besonderer Harte straft. Noch habe ich zu keiner Stunde gegen seinen Ratschluß gemurrt, und ich weiß, er wird die Schwäche und Hilflosigkeit, mit der ec mich heimgesucht hat, auch wieder von mir nehmen. Ich habe ja noch so viel zu tun in seinem Namen. Gerade jetzt. . . ein Glück, daß du endlich da bist... an allen Enden fehlt in der Gemeinde die feste Hand des energischen Seelsorgers. Und... — du kannst uns ruhig allein lassen, Amalie; wir brauchen dich nicht," wandte er sich au seine Frau, die Heinz hineingeführt hatte and nun noch immer mit beobachtenden Blicken in der Nähe der Tür stand. „Oder" — fragend sah er zu seinem jungen Gast auf — „darf ich dir eine Erfrischung anbieteu? Es ist warm draußen — ein wundervoller Herbst —, aber du weißt, bei mir giebt's auch für den liebsten Freund keinen anderen Willkommenstrunk als Milch oder Limonade, weil ich den Alkohol, den der Teufel selbst in die Welt gebracht hat, hasse als des Menschen schlimmsten Feind. Und wie der Unglaube immer mehr um sich greift, so auch dieser Krafteutsauger und Verstandesräuber. Den, der einst der reichste und angesehenste war in unserem Ort, Bartikow, hat er, seit seine Frau ihm nicht mehr die. Zügel straff halten kann, an den Rand des Abgrundes gebracht . . ." Finster runzelte er die Weißen, buschigen Brauen, die wie zwei Flügel über den tiefen Augenhöhlen standen. Und nach einem schweren Seufzer fuhr er fort: „Aber cs scheint heutzutage nicht mehr anders zu gehen, als daß jeder ein reichlich gemessen Teil seines Verdienstes dem Moloch Fusel opfert. Besonders in Schönanc, wo unser neuer Schloß,Herr eine Glashütte gebaut und die Buddelei nach Braunkohlen wieder in Angriff genommen hat. Dort nnserm Gott zu retten, was zu retten ist, wird deine schwerste und — so hoff' ich auch — dankbarste Arbeit sein. Eine schlimme Zeit ist über uns ge- kommen Doch, wie ist's? Was darf ich dir bringen lassen, Milch oder Limonade? Auch Mineralwasser dürfte da sein . . Heinz dankte; aber die Frau Pfarrerin verharrte trotzdem noch weiter aut, ihrem Veobachtnngsposten. Erst als Reichardt mit etwas schärferer Betonung sagte: „Du kannst wirklich nun deiner Wirtschaft nachgehen, liebe Amalie," zog sie sich zögernden Schrittes zurück. „Ich habe dich noch nicht nach deinen Erlebnissen draußen im fernen Osten gefragt," sprach der Alte weiter, nachdem er sich, sichtlich mit schmerzhafter Anstrengung, wieder tief in seinen be- Quenten Sessel zurückgelehnt hatte. „Aber daß dir die Boxer nichts getan haben, und daß dir die Luft bei den schlitzäugigen Ehinesen gut bekommen ist, das verrät dein blühendes Aussehen. Und auch dessen bin ich ohne deinen Bericht sicher, daß du getan hast, was in deinen Kräften stand, um den Heiden den Namen unseres Heilandes als froheste Botschaft zu predigen und so viele, wie sich nur willig zeigten, aufzunehmen in den Bund unseres allmächtigen Herrn und Vaters. Doch —" er schloß für einen Moment die Augen und fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen —: „es ist so viel Wichtiges, was ich mit dir zu besprechen habe, und schon merk' ich, daß mein bißchen Kraft wieder erlahmt, — das Wiedersehen mit dir hat mich doch mehr erregt, als ich dachte." Seine Stimme wurde merklich unklarer, seine Sprechweise langsamer, als er nach einigen keuchenden Atemzügen hinzu- setzte: „Die Frühpredigt halte nur am Sonntag hier ab und den Zehnuhrgvttesdienst in Schönaue. Tic Fichtenwälder werden schon aus Neugierde deine Kirche füllen, iucnn auch km in deinem Heimatdorf kein angenehmer Prophet sein wirst. Diesen Abtrünnigen helfen keine Propheten mehr — mit Feuer und Schwefel müßte der Herr über sie kommen, wie einst über Sodom und Gomorrha. — Und wasche dieser Rotte Korah die Kopfe — daß sie zittern und beben —, verheiße ihnen ein himmlisches Strafgericht — wenn sie nicht in sich gelten und Buße tun. — Und wie vor dem Alkohol, so warne sie vor dem Sozialismus. Es weht jetzt lvieder ein vernünftigerer Wind von oben zu uns." Reichardt schloß wieder die Augen und saß so eine ganze Meile regungslos unb scheinbar apathisch. Heinz stand auf und umfing des Kränkelt große, abgezehrte Hand mit liebevollem Druck; und wie er mit bangem Forschen in das blasse Leidensgesicht sah, war cs ihm, als streifte schon der dunkle Fittich des Todes darüber hin. „Mollen Sie sich nicht lieber niederlegen?" fragte Heinz leise und ängstlich; „ich bin ja nun hier, unb Sie werden täglich Gelegenheit haben, mir Ihr Herz auszuschütten." Langsam, als erwache er ans traumartiger Erstarrung, schlug der Alte die Lider auf. „Noch eins — muß ich — dir sagen," sprach er stoßweise, lallend. „Wilhelm Bartikow, den Sohn — nimm scharf aufs Korn. Er sitzt wie ein Pfahl int Fleisch unseres Gemeindekörpers. Tit kennst ja seine Vergangenheit. Auf der Schule hat er nichts getaugt; — so viel sich's der Alte auch hat kosten lassen, nicht mal bis zum Einjährigen hat's das verwöhnte Muttersöhnchen gebracht. Und mit so vielen Berufen es der Haltlose auch versucht hat, in keinem ist er vorwärts gekommen. Baufach — Ingenieur- Wissenschaft — Landwirtschaft — Handel .... überall hat er die Nase hineiirgesteckt und ist spornstreichs davon gelaufen, sobald er gemerkt Ijat, daß es in allen Fächern und Betrieben heißt: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ein in der Wurzel verdorbener Baum, der zu nichts weiter nütze ist, als abgehcmeu und ins Feuer geworfen zu werden. Eilt Ber- kommener, eine katilinarische Existenz. Jetzt sitzt er schon seit Jahr unb Tag untätig zu Hause und verzehrt das Wenige, was seines Vaters Leibenschafteu vom kargeir Ertrage der überschuldeten Bartikowschen Wirtschaft übrig lassen. .Und wenn die gute Martha nicht wäre, die das lecke Boot des väterlichen Besitztums mit schier übermenschlicher Anstrengung vor dem Untergang zu retten sucht, daun gingen die Bartikows, Vater unb Sohn, wohl längst schon beide betteln, oder sie lügen int Selbstmörderwinkel hart 270 an bet Kirchhofsecke. Toch wenn Wilhelm Bartikow nur ein Faulenzer und Tagedieb wäre — ich könnt's ihm verzeihen. Aber er ist Schlimmeres. Er ist ein Aufioiegler, ein Meuterer gegen die bestehende göttliche und weltliche Ordnung. Frei und öffentlich predigt er Abfall vom Glauben, Aufhören der Familie, Vermögenseinziehung und dergleichen Unsinn mehr. Schon hat er mir die Mehrzahl der Besitzlosen in der Gemeinde irre gemacht. Diesem Bartikow musst du dich entgegenwerfen mit all deinem Mut. Mit all deinen Kräften mußt du einen Tamm zu bauen suchen gegen den verheerenden Einfluß, den er ausubt." Völlig erschöpft sank der Alte zurück; und so entging es ihm, dass sich auf Heinz Bollraths Stirn eine dunkle Wolke legte, und daß sein Mund sich fest zusanimcnkniff.------- Als Heinz dnö Pfarrhaus verließ, läutete Kantor Nagel gerade mit den üblichen nenn Schlägen der kleinen Glocke die Mittagsstunde ein. Es war die Zeit der zweiten Wiesenmahd; die breite Dorf- straße, auf beiden Seiten von uralten Kastanien und Linden flankiert, war erfüllt von hochbeladenen Ernteivagen, die sich eilten, die letzte Vormittagsfuhre unter Dach und Fach zu bringen. Mit wahrhaft hochsommerlicher Glut, sengend und gewitterschwül, brütete die Sonne, und den schweren Wolken weißgrauen Staubes, welche die Hufe der Pferde aufwirbelten, mischte sich der starke Tust des Heus zu, in dessen weichen Bergen, halb verborgen, Schnitter und Schnitterinnen voll lauten Uebermntes schäkerten und lachten. Heinz hatte für dieses Bild heißpulsievenden Heimatlebens, dessen Anblick er jahrelang hatte entbehren müssen, kein Auge Gesenkten Hauptes schritt er dahin und achtete nicht der Leute, die, grüßend oder ohne Gruß, ihm begegneten. Trübe Gedanken quälten ihn: Rcichardt war derselbe geblieben, trotz der schweren Heimsuchung, die ihn getroffen. Derselbe in seiner heißen, treuen Liebe zu Gott, in seinem festen unwandelbaren Vertrauen, derselbe in seiner eifernden Sittenstrenge, derselbe in seinem wilden und blinden Haß gegen alle politisch anders Gesinnten. Wie hätte er sich auch ändern können, dieser Ivie aus Eisen geschmiedete Charakter, dem die von den Vätern und Urvätern überkommenen Zustände und Ueberlieferungen als von Gott selbst gewollt und eingesetzt und darum als unantastbar und unverbrüchlich galten, dieser Eherne, der kein Begreifen und kein Verzeihen für diejenigen kannte, die sich gegen die alten Traditionen auflehnteu. Und Heinz? Auch er stand fest und unerschütterlich im Glauben; auch er hatte sich vorgesetzt, der Menschen Fehler und Schwachen zu bekämpfen mit aller ihm verliehenen Kraft. Aber er war selbst durch die tausend Wirrnisse, Versuchungen und Zweifel des Lebens mitten hindurch gegangen, und wenn er sich auch nu heißen Ringen den Sieg erkämpft hatte, so stand er doch dem Verschulden der Menschen nicht gegenüber als ein harter, un- erbitllicher Richter, sondern als ein emsig forschender Arzt, der den Krankheiten und Leiden der Welt dadurch begegnen will, daß er ihre Ursache zu ergründen und zu beseitigen trachtet. o, Von tiefem Mitleid für die Enterbten des Glücks war Heinz Vollraths etcle erfüllt. Mit brennendem Schmerz fühlte er die Aust, oie zwischen Reich imb Arm klaffte und die mit dem glänzenden Aufschwung, den Handel und Industrie nahmen, gewaltiger, unüberbrückbarer wurde von Tag zu Tag. , "Nd wenn auch von Seiten der Kirche und des Staates viel Gutes geschehen war, die Gegensätz!e auszugleichen noch immer gab es Menschen, die verhungerten oder gar ihr oder der Ihrigen Leben selbstmörderisch vernichteten, noch immer gab es Bejammernswerte, die in Schnee und Kälte umkamen, weil kein Obdach sich ihnen austun wollte.... Nun und nimmer konnten solche Zustände dem Willen Gottes entsprechen, nun und nimmer. Hatte sein Sohn, den er in die Welt geschickt, zur Erlösung der Sünder, nicht wieder und wieder gepredigt: „Ihr.aber seid alle Brüder ..." — „Habt die Brüder ~ „Liebe deinen Nächsten wie sich selbst. . .?" ■— i Ultc ^0^ , von leider gar so sehr wenigen nur gehört und verstanoen, klang durch das Brausen des Stnrm- Uut ferne göttliche Warnungsstimme: Geht in euch, tut, was mein «ohn euch geheißen . . . liebet euch untereinander, aus daß "ötig habe, die Wellen der entfesselten Flut über euch vahinjturzen und euch verschlingen zu lassen . . . ... cS denn kein Mittel, die Tauben aufzurütteln, daß sie die göttliche Sttnnne vernahmen? War es denn nicht möglich, die Vruae der Versöhnung zu schlagen von hüben nach drüben? .. strich Heinz sich mit der Hand über die Stirn, die ihm wie im Fieber glühte. Träume. . .lockende Träume! Vertraute Gäste waren sie An,.von seiner Studentenzeit her. Damals waren es sogar ge- iahrnche Traume für ihn gewesen: denn nicht viel hatte gefehlt und sie hätten ihn, den Heißblütigen, Unausgereifteu, in das Lager der Sozialdemokraten hinübergetrieben. Und der Wunsch sich ihrem Bann zu entziehen, war mit ein Grund gewesen, daß er den Staub der.Heimat von seinen Füßen geschüttelt und in den fernen Osten gegangen war, den Heiden das Evangelium zu predigen. Tie gefährlichen Träume, die ihn vielleicht in seinem über die Maßen geliebten Beruf hätten Schiffbruch leiden lassen, hatte er überwunden. Aber die lockenden Träume waren noch und die Stimme des Mitleids rief: Hilf deinen unglücklichen Brudern. . .! „Na, so tief in Gedanken?" Heinz schreckte zusammen, dicht an seinem Ohr klang die Frage. Onkel Nagel, der eben aus der Kirchtür trat, hatte sie getan. Da Heruz ihm nicht antwortete, zog er die schwere Eichentür zrl und schickte sich an, den großen eisernen Schlüssel im Schloß herumzudrehen. ° Heinz legte ihm die Hand auf den Arm. „Laß, bitte, stecken. Ich möchte einen Augenblick hineingehen." Der Kantor schloß wieder auf. Tankend nickte ihm Heinz zu und trat an ihm vorbei in b ' stille, liebe, altertümliche Dorskirche, seiner Jugend geheiligte W chistätte, in der die Sehnsucht nach seinem Beruf ihn zuerst durchglüht hatte, wie ein vom Himmel gefallenes Feuer, und suchte im heißen Gebet Klarheit zu gewinnen über den Weg, den er zu gehen hätte. (Fortsetzung folgt.) Der kommenden Weiblichkeit. Die heut' du trittst ins Leben ein, Wie gut wird dir's, o Jungfräulein: Dich grüßt als erste Schicksalsgunst Die Neuerung: „Dein Kind die Kunst!" Zehn Jahre alt — ja, cs geht schnell — »Klärt» man schon „auf" dich „sexuell». Bald wird dir an die Hand gegeben Als heil'ge Pflicht: „Dich auszuleben». Du wächst heran: es tritt in Kraft Tas holde „Recht auf Mutterschaft». Gern zeigst du dich dazu bereit, Toch nur im „Ehestand auf Zeit". Dann, statt als „Haustier» dich zu quälen, Läßt in den Reichstag du dich wählen, (Denn längst verwirklicht ist zu schauen Die „Gleichberechtigung der Frauen"). Und bist du erst im Reichstag drin, Wirst du wohl gar Ministerin, Kannst selbst des Kanzlers Stelle erben lind — ganz zuletzt — „in Schönheit sterben». (Aus der „Ju gend».) Kelmutl- von Lonlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ~ Aus bet Tür war er schon, plötzlich ganz Leben, ganz Tatkraft — aber er kehrte doch noch einmal um und sah hinein: „Wilhelm — bn und Anne! — Wir ich siebzehn Jahre langt blind gewesen?" Tann war er fort. Ter Kutscher rieb und bürstete noch an dem Rappen, da mußte der schon wieder gegurtet werden und der Rittmeister galoppierte durchs Dorf, daß die Enten und Gänse schreiend aufslatterten. Er wußte nun, woran er war. In Bardes waren unterdessen die Vorbereitungen zu einem Gartenfest mit Tennispartien und was die Jugend sonst wünschest nwchte, getroffen worden. Unter den einzelnen, -en Park be- 271 „Ms kommst bu denn her?" — fragte sie etwas erstaunt, „komm, ich stelle dich den anderen Mädels vor." Und so war denn Edeltraut plötzlich mitten in der Gesellschaft. Die junge'n Herren drängten sich heran, so was lebte in erreichbarer Whe von Braunstadt und man hatte es noch nicht zu Gesicht gekriegt! Marie Anne vermittelte mit mütterlichem Wohlwollen die Vorstellungen bei den MamaS, wo Vorstellung nötig war, und ehe Loysen nur in die Nähe kam, saß Ede'ltraut unter einer dieser alten Eichen, zu ihrer Rechten der junge Prancken, links ein Leutnant ans Braunstadt und vor ihr drei junge Mädchen. Sie fühlte sich inmitten dieser ihr ganz gleichgültigen Meuscyen einfach heimatlos und verlassen. Dazu erblickte sie plötzlich mit Entsetzen jemand, dem sie nie im «eben wieder zu begegnen ge- l-ofst hatte. Es war der Graf (! i flj>v Trauen, den sie auf ihren ersten Ball kennen gelernt und dec ihr vier Wochen spater einen Heiratsantrag gemacht hatte. Ta stand er in seiner kleidsamen Husarenunisorm, an einen Baum gelehnt, und sah unverwandt z>i ihr herüber. Jawohl, zu ihr. Ter Mensch war seit fünf Jahren verheiratet, er hatte Frau und Binder hnd er sah sie an, genau so wie auf jenem ersten Ball. War es ihr damals bei diesen Micken ungemütlich geworden, so enipfand sic jetzt einen förmlichen Ekel. , , r , Die Familie Trauen war überhaiipt mehrfach vertreten, denn natürlich war der alte Herr hier und auch Gräfin Henny, die vor einem Jahr einen berühmten Sportsmaun geheiratet hatte, mit dem sie sich beständig zankte und der als Oesterreicher auf den Namen Graf Bubi hörte. Henny schüttelte Edeltraut burschikos die Hand und setzte sich daun auf eine Stuhllehne. Hier balanzierte sie und erzählte von einem Distanzritt, den sie gemacht lMtte, «.gestikulierte, bis die Lehne krachte mein allgemeines Gelächter entstand. Der junge Prancken fing sie m seinen Armen, aus, was sie sich denn auch ganz ruhig gefallen ließ. Edeltraut gab sich redliche Mühe, dies ergötzlich und das Himbeereis labend zu finden, aber es wollte nicht gelingen. Immer stahl sich ihr Blick zu Anne Marie hinüber, die fein und blaß-, bläulich schillernd wie eine Libelle ganz abseits auf einem Streck stuhi saß und mit weltentrücktem Gesicht in die Baumkronen Durch einen Spalt im Menschenwall konnte Edeltraut auch Loysen sehen und den griechischen tzaarknoten und die wundervollen Schultern der Valois. Eine nie gekannte Mtterkeit erfüllte ihr nie Hausfrau ging vorüber und fragte, ob Tennis gespielt werden solle. Nein, dazu war es doch viel zu heiß — ganz nn- möglich. Auch der unternehmungslustigste Backfisch duckte sich im Schatten. Nun kam Loysen näher — die schöne Ada immer! an seiner Seite. Edeltrant sah, daß er in sie hineinsprach, eifrig, dringend, bittend und wie sie nur immer den Kopf schüttelte. Ihre tiefe tönende Stimme drang bis herüber, aber verstehen konnte man-sie doch nicht. . Mein Himmel!" — sagte Gräfin Henny plötzlich hell aut- I lachend, „Papa wird ja der Schlag rühren! Unsere öennoitta weife auch, wo die schönen Männer wachsen, wie ich sehe . . . I Tu wirst dich für Papa duellieren, Bubi, das erwarte ich von dir. „Mit Vergnügen, wenn du mir sagst, wen du für einen schönen Mann erklärst." . . I „Natürlich Freund Loysen. Er hat sich m Afrika in em er Weise cnibelliert .... verblüffend. Gut sah er immer aus, retzt I aber mit dem sonnenbraunen Kvpf und der rassigen Gestalt I einfach elegant." „ „Ich werde die. Pistolen holen, aber nicht nur für Papa, ma I sernme, auch für mich." Tas erregte stürmische Heiterkeit. lFortsetzung folgt.) 3um Mai. Ter „Wönnemvnat" Ijält morgen seinen Einzug, mit feinem ganzen Troß von singenden Vögeln und wenigstens einigen driftenden Blumen. Tas bisher noch schwache und zarte Fruhlingskrnd muß ja nun doch bald zu einein kräftigen, anmutigen >emig- linge heranreisen. Zwar muß er auch noch den Kampf mit den abziehenden winterlichen Reifriesen ansnehmen, wenn vom IT. Vif 13 Mai die gestrengen Herren Mamertus, Pankratius und Servatius ins Land ziehen und mit eisigem Hauche über die frischausgrünende Erde einen weißen Hermelin werfen; doch meist nur kurze Zeit dauert der ungebetene Besuch der unwillkommenen Gäste. Dann erstrahlt, wenns Jupiter Pluvius nicht anders will, die Welt in mildem Fvühlingslichte; von allen Zweigen fällt blendender Blütenschnee; die Triiten erglänzen im Istngm, grenzenden Eichen toasten Bänke uiid Tische und ein Zelt, in I ivelchem die Erfrischungen gereicht werden sollten, aufgestellt. 1 Bunte Kissen lagen auf den Bänken, bunte Decken auf den Tischen. Tie beiden großen Springbrunnen waren zu voller Wasserkraft geschraubt und verbreiteten eine erquickende Kühle. Tie Spielplätze waren hergerichtet, ■ aber die Damen kamen überein, daß I f§ wohl zu heiß zum Spielen sein werde. Diese Damen waren noch immer allein, Recknitz und Loysen waren noch nicht wieder zum Vorschein gekommen. Anne Marie -und die Balms saßen ! im Schatten eines Baumes unb fächelten sich Kühlung zu, die I Recknitz; echauffiert und etwas atemlos, leitete die Vo.rrich- I tungen, wobei ihr Edeltraut hilfreich zur Lette stand. Der war cs 'eine Wohltat, sich regen, ettvas tun zu können, und da sie die Erlaubnis erhalten hatte, war sie sowohl im Freien wie in bet Küche und im Keller tätig, wo die verschiedenen Eis- formen, Gelscs und Crsrnes ihrer Bestimmung harrten. Endlich erschien auch Recknitz im Garten, dehnte sich und I sah heiß und etwas beschämt ans, denn er hatte viel länger I geschlafen, als sonst nach dem Essen. „Wo ist Helmuth?" — rief Marie Anne, die gerade, ge- | folgt" von zwei Dienern mit Tellern und Gläsern, über den | geschorenen Rasen nach dem Zelt schritt. „Weife nicht. Denke, er ist bei euch." . . „Alter, du hast kolossal lange geschlafen, ich glaube zwei Stunden, sind denn die Zigarren in Ordnung und die Whist-- I tische?" I „'Jia, wir wollen mal sehen. Geschlafen habe ich übrigens I gar nicht, nur so mal ’n Nicker gemacht." . „Himmel, da kommen ja schon die Ellenhelms! Natürlich — I ben Wagen kenne ich doch . . . und eine halbe Stunde zu früh. I ^Nachdem die Hausfrau ihren Gefühlen auf diese Weise Lust gemacht hatte, ging sie den Gekommenen mit dem liebenswürdigsten Lächeln entgegen. In diesem Augenblick trat Loysen aus dem Hause. Er war lischt nur rechtzeitig wieder zurück, er hatte auch Zeit gefunden, | sich völlig umzuziehen, und da er zu jenen gehörte, die bei großer Hitze erblassen, so sah ihm auch niemand sein Reiterstück an. Er sah sich um und um. Von Edeltraut war nichts zu cr- blicken, statt deren kamen die Ellenhetms heran, und fast zu gleicher I Seit stand die schöne Valois an seiner Seite. Sie stand borst so, | als nehme sie die ihm überreichlich gespendete Bewunderung semcr | Taten, die Glückwünsche und Huldigungen mit an. „Nicht wahr?" — sagte sie langsam, „nicht wahr, man kann I stolz sein?" I Unb bann kamen alle bic anbereit. Voran bie Prauckcus, I die nächsteii unb getreuesten Nachbarn, die Bessenborfs, bie Rietelns, ! unb wie sic alle hießen. Sie bilbrten alle einen dichten Kreis um den heimgekehrten „berühmten Mann", sie begrüßten ihn mit I einer überschwenglichen Beflissenheit, die nicht dem KvwNialoffizier, I sonbern bem Witwer galt. Das besagte so viel, wie: Sv, du bist nun wieber unter uns aufgenommen. Deine Vergangenheit streichen wir. Du hast bas unerhörte GM gehabt, bet der Sache mit einem blauen Ange davonzukommen, sie kann begraben und vergessen werden. Loysen fühlte das nur zu deutlich, fein Nacken steifte sich und mit einem unbeschreiblich hochmütigen Ausdruck stand er da, ganz kühle Abwehr. Aber barum kümmerte sich niemand. Das 1 War ein Lachen unb Glückwüiischen und Händedrücken ohne Eilde. Auch bie jungen Damen drängten sich heran unb dekorierten ihn mit Eichenzweigen unb von ben nächsten Lorbeerbäumen abgerissenen Blättern. So zog man auf bic Sitzplatze unter ben alten Eichen, unb Loysen immer in der Mitte der liebenswürdigen Nack>- barn unb Aba Valois immer an seiner Seite, gönnerhaft gnädig auf bie jungen Mädchen herablächelnd — unb er liefe alles über sich ergehen, doch während er antwortete unb Schmeicheleien abwies, schweifte iciu Mick immer suchend umher, .bis er fand, was er suchte. Dort, vom Schlosse her, kam sie, gefolgt von dem jungen Schwarzen, der sich merkwürdig schnell in Barbes ein- gelebt hatte und bereits in Livree steckte. Er trug ein großes Tablett mit Erfrischungen, sein Erscheinen erregte Aufsehen, man erfuhr, daß der Rittmeister ihn mitgebracht Hatte, unb alles ries und iärmte durcheinander. Dann aber entstand ein Stutzen und Fragen. Wer war denn die junge Dame in Weiß? flüsterten einige. „Ach, tut doch nicht so," sagte Erna Rieteln, „das ist doch die Haide." „Na, erlauben Sie mal, Fräulein Erna," sagte die Beisen- dorf, „wie soll man denn wissen? Diese Haides sind in ner Gegend nachgerade zu einem Mythus geworden." Erna ging Edeltraut entgegen unb schüttelte ihr die Hand. 772 frischen Stillt, und die Lerche läßt aus blauen Lüften trillend ihr Lied erschallen. Schon ein liederfrvher Ritter des dreizehnten Jahrhunderts, der schwäbische Graf Könrad von Kirchberg, begrübt den Einzug des Wonnemonats mit folgenden Versen: Auf, der Mai kam in das Land, der da löst der Sorgen Band, Kinder, Kinder, seid gemahnt, seine Pracht zu schauen! — Auf der lichten Heide breit sind die Blumen ausgestreut,' Wie ein Teppich, weit und breit, schimmern Feld und Auen. Ta hört man die Nachtigall auf dem blütenschweren Reise Singen Lenzes Lob mit Schall. Berg und Tal grünen ihm zum Preise. — Freut euch, ihr Jungen, Blumen sind wieder entsprungen! Nun schlinget den Reihen und jauchzet dem prangenden Maien! lind wie viele mag seit jener Zeit Maienlust und Maien- wonne in den Sattel des Tichterrosses gehoben haben! Auch der Redaktwnspapierkorb der „Gießener Fam.-Bl." weiß davon zu erzählen! Jsts ein Wunder, daß die Luft überschäumt, wenn nach langer Winterzeit des Jahres schönere Halste folgt? Merkwürdig berührt cs uns auf den ersten Blick, daß der Volksglaube mit dem Einzug des Maien den Hexensabbat zu- sammen fallen läßt. Die Hexen, eins der häßlichsten Gespinste menschlicher Phantasie, sind aus den Elfen und Priesterinnen des sinnreichen Göttevglaubens unserer Vorfahren entstanden. Wenn Himmel und Erde, oder Wodan und Freia, der lichte Sonnengott und die Beherrscherin des alles erzeugenden mütterlichen Bodens, Hochzeit feierten, dann führten am Vorabende auf wolkengeküßten Bergeshöhen die Priesterinnen und Göttinnen den Hochzeitsreihen auf. Der christlichen Kirche waren die im Volksgemüte fortlebenden Erinnerungen ans alter. Zeit unbequem, und sie suchte sie zu vernichten. Sie weihte den 1. Mai der ~ heiligen Walpurgis, einer Enkelin des Bvnifacius, des Apostels der Deutschen. Göttinnen und Priesterinnen verwandelte die abergläubische Phantasie in häßliche Gestalten, die in der Nacht zum 1. Mai auf Ofengabeln, Besen, Stecken, feurigen Böcken und Katzen und fliegenden Pferden zu ausschweifenden Gelagen nach deut Brocken und anderen Bergen zogen. Diese Tiere und Gerätschaften standen in Beziehungen zum Donncr- gvtte, der um die jetzige Zeit in der Regel die ersten Blitze schleuderte. Die Walpurgisnacht ist also ein verunstalteter Ueber- rest der altertümlichen poetischen Auffassung der um den 1. Mai statifindenden Natur-Erscheinungen, die unsere Altvordern in kindlicher Unbefangenheit zu Gottheiten personifizierten. — Boykott zum Heimatschutz schlägt der „Kunst- wart" (Verlag von Georg D. W. Callweh in München, viertel- Mrllch 4 Mk.) vor. Er schreibt: In den Zeitungen erläßt eine Münchener Frrmenschilder-Fabrik und Reklame-Anstalt große An- zeigen über ihre „augenfälligste und eigenartigste, darum erfolg-- sicherndste aller Reklame-Unternehmungen", nämlich den Anschlag an ausgesuchtesten, von allen Seiten zugänglichen Plätzen und Orten wie die bestbesuchtesten Ausflugsorte an Seen und M Gebirge auf eigenen freistehenden und schön stilisierten Tafeln". Wenn die Tafeln so schön sind wie das Deutsch, so werden sie ausnehmend schön sein. Daß aber der Satz wahr ist: „dauernden und nachhaltigen Erfolg verbürgt einzig und allein die Plakät- Reklame auf dem Land", das glauben wir doch nicht. Zwar, es trifft zu: „der Passant muß verweilen, kann nicht vorüber- stbhen wie m der Stadt", und ist er einer von uns, so ekelt An das Treiben so, daß er die Rektamefirmen auch im Gedächtnis behalt. Aber das kann die Folge haben, daß er später von ihnen kauft — ober, auch ;bie: daß er später von ihnen nicht kaust, Und wenn die Herren Reklainemacher merken, daß das Ausschreren ihrer Firmen zwischen den Naturschönheiten wie das Ausnehmen in eine schwarze Liste wirkt, dann werden sie sich schwer hüten ihr Geld auf die Dauer für derlei auszngeben. Gerade an die reisenden Naturfreunde wenden sie sich ja mit tyreit Reklamen, aber eben die reisenden Naturfreunde sind auch zu einem sehr großen Steife in allerhand Organisationen vcr- vunöeu, b’.e Boykott-Erklärungen mit ganz vortrefflichem Erfolge Konnten. Wie schnell war seinerzeit in Marburg die brave alte Mauer all ihrer Reklamczier entkleidet, als die Stu- „wrlarten: wer da mitmacht, von dem kaufen wir nicht. “re m-n^. 'V1’'*5 ’.uin versuchen, ob ein entsprechendes Bor- .Großen ''uirft äderen Organisationen nicht auch im 5« Aufsätzen einer höheren Tochter, gemachterWort, ein schwer geprüfter, viel durch- E®!.?\j;te Waste ist ein einsamer Ort, an welchen Man ,ich nur unter dringenden Umständen begibt. Die neue Mischehe. Professor Bernelot, ein holländischer Zoologe und Botaniker, hat den genialen Plan gefaßt, tm Kongostaate eine Versuchst statron zur Kreuzung von Anthropoiden und einer niederen Neger-, raste zu errichten, um auf diese Weise die zwischen Mensch und Affen fehlende Zwischenstufe festzustellen. Selbstverständlich rechnet der Professor auf die Unterstützunr der Beteiligten und wird den ganzen bereisen, um durch populär-wissenschaftliche Vorträge für seine Idee zu werben. freiwillige Kongostaat Anhänger „„ ,Iber es scheint ihm schon vorgearbeitet zu sein, denn die neueste Nummer der „Kongoer Affenpost" enthält im Anzeigen- ^s,sEon eine Reihe von Helratsgesuchen, die dem Professor schnitte"- ^ieU^e machen werden. Wir bringen ein paar Aus- dor^ilia aus altadligem Geschlecht, elegante Erscheinung, mit beinahe aufrechtem Gang, im besten Affenalter, wünscht sich mit vermögender Bantu- Negerin, nicht über fünfzig, zu verheiraten. Offerten unter „ A h n e n r e i ch ", kamelpostlagernd in Mussumba. ^Für meine Nichte,^ kräftige Basoko - Negerin, tüch- iige Hausfrau, bescheiden erzogen, wird ein achtbarer Anthropoid, nüchtern und sparsam, als Gatte gesucht. Bewerber mögen sich schriftlich unter Beifügung ihres polizeilichen Ftth- rungsattestes an den Basoko- schinicd A m b o s a m b o s in Jambumba wenden. M"kiage! Bcugala-Witmer Mariage! gut situiert, kinderlos, lebenslustig, null sich wieder verheiraten. Negermnen ausgeschlossen. Junge Schimpansiimen oder Gorilla- madchen aus guter Familie und von angenehmem Aeußeru, rot- haangc bevorzugt, mit Sinn für glückliches Ehelebeu, bitte um Photographie und Angabe der Mitgift. Diskretion Ehrensache. Adresse: Erstes Zimschenstusen-Vermittelungsbiircau, Am Aequator- platz Nr. 23. Einheirat! Orang-Utang, in. ein. kleinen Assen a. erster Ehe, wünscht in em gutgehendesPariümerie- geschäft in gleichviel welchem Negerstannne einzuheiraten. Ich sehe weniger aus schönes Gesicht als auiVerträglichkeit und gute Erziehung. Offerten unter Mbo-Mbo 3719 an die Expedition dieses Blattes. smNMLLWdÄ angenehmem Aeußeru, musikalisch, Freundin des Klettersports, sucht einen ebensolchen Lebensgefährten, am liebsten N b a n g i - Neger, in sicherer Stellung und mit entsprechender Bildung. Persönliche Besichtigung : Donnerstag abends gegen 11 Uhr an den Stanley- Fällen. Kennzeichen: Glasscherben int rechten Ohrläppchen. Familienhäuser. Das Verlangen nach Vorbildern für Einfamilienhäuser, Villen ’c. ist in unserer Zeit gar groß. Mancher Leser wird daher mit Interesse davon Kenntnis nehmen, daß im Verlage von Seemann & Co. in Leipzig ein Heft erschienen ist, das Ein- und Mehr- familienhäuser enthält, deren Herstellungskosten 10 bis 12 000, 20 und 40 000 Mark betragen. Das Material des Heftes entstammt einem von der Regierung zu Breslau ausgeschriebenen Wettbewerbe zu Wohn- und Logierhäusern für die Bäder Landeck und Reinerz, Es ist ein interessantes Material in Schaubildern, Grundrissen, Schnitten re. auf 61 Seiten inner Beigabe von 7 farbigen Abbildungen vereinigt. Bilderrätsel. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Hasten, Husten. fRcbnftton: P. Wittko. Rotationsdruck und Berlag der Brühl'fchen Universitäts-Buck- und Steiadruckerei, R-Länge^Gießem