M8 Donnerstag den 29. Oktober MF iyy Herr Lecoq. Kriminal-Roman ton E. GaboriaU. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 23. Kapitel. Wenngleich der menschliche Wille keine Schwanken kennt, so sind doch leider die menschlichen Mäste begrenzt. Der junge Beamte hatte auf der Straße noch keine zwanzig Schritte gemacht, als ihm schwmdlich wurde und seine Beine unter ihm zitterten. Die Natur verlangte gebieterisch ihr Recht; seit zwei Tagen und Nächten hatte er keine Minute Schlaf gehabt und den ganzen letzten Tag noch keinen Bissen gegessen. Ich werde doch nicht etwa unwohl? dachte er besorgt bei sich selbst, sa'ls er sich vor Erschöpfung auf. eine Bank setzen mußte. Er hatte noch so unendlich viel zn tun. Zunächst — — um Nur das allerdringlichste zu erwähnen — den Bericht des alten Absinth entgegenzunehmen, dann in der Morgue uachzu- fragen, ob eines der Opfer erkannt wäre, sich in den Gasthöfen in der Nähe des Nordlmhnhvfes zu vergewissern, ob Mais Angaben auf Wahrheit beruhten, endlich sich die Adresse von Polhte Chupins Frau zu verschaffen, um ihr die Borladung zuzustellen. Die Notwendigkeit drängte zu gebieterisch, er musste seiner Schwäche Herr werden und es gelang ihm auch; er stand auf, indem er murmelte: Ich will aus jebeit Fall in der Rue de Jerusalem und in der Morgue vorsprechen; nachher werden wir dann sehen. Aber auf der Präfektur fand er den alten Absinth nicht und Niemand wußte etwas von diesem. Der gute alte Absinth war Nicht dagewoscn. Auch wo die Schwiegertochter der Witwe Chupin wohnte, konnte er nicht herausbeklommen. Dafür machten sich Nicht wenige von feinen Kollegen ganz offen über ihn lustig. Ach, du bist ja ein wahrer Glückspilz! sagten sie ihm, du hast, wie es scheint, eine großartige Entdeckung gemacht. Man spricht davon, ldn würdest das Kreuz bekommen. Gevrols Einfluß war deutlich erkennbar. Der Inspektor erzählte itt der Tat jedem, der ihm in den Wurf kant, der arme Lecoq wäre vor Ehrgeiz verrückt geworden und versteifte sich daraus, einen ganz gemeinen Galgenvogel für eine vornehme Persönlichkeit zu halten. Bah! dies Gerede konnte Lecoq nicht berühren; „wer zuletzt lacht, lacht tarnt besten!" dachte er bei sich. Nur des alten Absinths langes Ausbleiben beunruhigte ihn ernstlich; ihm kant sogar der Verdacht, ob nicht etwa Govrol in seiner rasenden Eifersucht imstande wäre, absichtlich die Fäden der Untersuchung zit verwirren. In der Morgue wurde ihm feilt besserer Bescheid zuteil. Nachdem er drei- oder viermal geläutet hatte, fort endlich ein Aufseher und erklärte ihm, die Leichen wären immer noch nicht erkannt, und den alten Kriminalschutzmann hätte man seit dem frühen Morgen nicht wiedergesehen. Der .Anfang ist entschieden schlecht, dachte Lecoq bei sich. Ich will Nur einen Bissen essen gehen; vielleicht wendet sich! inzwischen das Glück, und jedenfalls habe ich die Flasche guten! Wein, die ich mir leisten will, redlich verdient. ES war wirklich ein guter Gedanke von ihm'. Eine SuPW und zwei Gläser Bordeauxwein flößten ihm neuen Mut u«8 neue Tatkraft ein. Die Müdigkeit war nicht ganz geschwunden- aber sie war jedenfalls erträglich geworden, als er, eine Zigarre int Munde, die Speisewirtschaft verließ. In diesem Augenblick hätte er gern den Vater Papillon mit seiner Droschke und seinem guten Pferde zur Stelle gehabt. Zum Glück fuhr gerade eine andere Droschke vorbei; er sprang hinein und fuhr nach dem Nord« bahuhof. Es schlug gerade acht Uhr, als er auf dem Bahnhossplah ansstieg. Einen Augenblick überlegte er, dann begann er feine Nachforschung. Natürlich trat er in den Gasthöfen nicht in feiner Eigen« schäft als Kriminalbeamter auf; das wäre das beste Mittel gewesen, gar nichts zu erfahren. Er setzte sich den Hut in den Nacken und stülpte den Kragen seines Ueberziehers hoch; das gab ihm schon ein ziemlich ausländisches Aussehen, das noch verstärkt wurde durch einen ausgesprochen englischen Akzent, wo» mit er sich nach einem fremden Arbeiter erkundigte. Aber vergeblich bot er seine ganze Gewandtheit auf; überall erhielt er die gleiche Antwort: Kennen wir nicht! Haben wir nicht gesehen! Eine andere Antwort würde Lecoq auch sehr überrascht habest- denn er war überzeugt, daß der Mörder diese Geschichte von einem! im Hotel hinterlassenen Reisekoffer nur erfunden halte, um feinet Geschichte das Gepräge größerer Wahrheit zu geben. Trotzdem fuhr er in seinen Nachsuchungen fort und notiert- in seinem Notizbuch alle bereits abgesuchten Gasthöfe; denn et wollte den Angeklagten bei der nächsten Vernehmung der Lüge überführen können. In der Rue ide Saint-Quentin war der erste Gasthof, den er besuchte, das Hotel du Marienbourg, ein Haus von bescheidenem- aber sauberem und nettem Aussehen. Lecoq trat durch eine! Glastür in den Hausflur ein und von dort in das Bureau des Gasthofs, ein hübsches Zimmer, das von einer Gasflamine i.n matter Glasglocke erleuchtet wurde. In dem Bureau befand sich eine Frau. Sie kniete auf einem Stuhl, das Gesicht gegen einen mit schwarzem Glanzkattun verhangenen Vogelkäfig geneigt und wiederholte beständig drei oder vier deutsche Worte. Sie war in diese Beschäftigung so vertieft) daß Lecoq husten und mit dem Fuße scharren mußte, um ihres Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Endlich drehte sie sich unk. Ah! schönen guten Abend, Madame! sagte der junge Beamte. Wie ich sehe, sind sie dabei, Ihren Papagei sprechen zu lehren. Das ist kein Papagei, den ich hier habe, mein Herr! antwortet« die Fmn von ihrem Stuhl herab; es ist ein Star; ich möchte, daß er stuf deutsch sagen könnte: Hast du gefrühstückt? Ach, die Stare können sprechen? So gut, wie manche Leute, jawohl, mein Herr! sagte die Fraik- zur Erde springend. In diesem Augenblick fiitg der Vogel, als hätte er begriffest, daß von ihm die Rede Ivar, ganz deutlich an zu rufen; »— 678 Camilla! Wo ist! Camilla? Aber Lecoq hatte zu viele anbett Sachen int Kopf, um sich UM den Star und den voit diesem ausgespwchenett Namen zu bekümmern. Madame, begann er, ich möchte gerne mit dem Besitzer des Hotels sprechen. Das bitt ich, mein Herr. Ach, sehr schön! Also: ich habe mich mit einem' Arbeiter aus Leimig verabredet, mich' mit ihm in Paris zu treffen. Ich wundere mich sehr, daß er noch nicht gekommen ist und möchte fragen, ob er nicht vielleicht bei Ihnen abgestiegen ist. Er heißt Mai. Er hätte Sonntag abend ankommen müssen... Es ist ein 'armer Teufel. Das Gesicht der Frau hellte sich auf und sie rief: Warten Sie doch! Ist vielleicht Ihr Arbeiter ein Mann in Mittleren Jahttn, von Mittelgröße, sehr dunklem Haar und Bvll- bart und mit sehr lebhaftetr Augen? Lecoq zitterte. Es war die genaue Beschreibung des Mörders. Ganz recht! stammelte en. So sieht mein Mann ans. Jawohl, mein Herr, er ist am Nachmittag des FaschingZ- fonntags bei mir eingekehrt. Er verlangte ein sehr billiges Zimmer, und ich zeigte ihm eins im fünften Stock. Da der Kellner gerade nicht da toar, so wollte er dtirchaus seinen Koffer selber hinauftragen. Er tat es auch. Ich bot ihm an, er möchte etwas zu sich nehmen; er schlug das aber aus unter dem Borgeben, er hätte es sehr eilig. Hierauf ging er fort, nachdem er mir zehn Franken Angeld gezahlt hatte. Und wo ist er? fragte Lecoq eifrig. Mein Gott, lieber Herr, der Manu ist nicht wiedergekommen, N'nd ich bin darob einigermaßen in Unruhe. ! Paris ist so gefährlich für Fremde. Merdings spricht er französisch wie Sie itnb ich. Doch gleichviel, ich hctbe schon gestern abend Auftrag gegeben, daß dem Polizeikommissar Meldung gemacht würde. Gestern! dem Kommissar? Ja. Nur weiß ich nicht, ob der! Auftrag auch ausgeführt ist. Ich hatte es vergessen. Gestatten Sie, daß ich dem Kellner klingle, um ihn zu fragen. Wäre Lecoq ein Eimer eiskalten Wassers aus einer Höhe von zehn Metern über den Kopf gegossen worden, so hätte ihn dies Nicht mehr erstarrt als die Erklärung der Besitzerin des Marien- dnrger Gasthofes. Also Hätte der Mörder doch die Wahrheit gesagt? War das' möglich? Dann hätten also Gsvrol und der Direktor des Untersuchungsgefängnisses recht. Dann waren also Segmüller und er, Lecoq, hirnverbrannt und rannten Seifenblasen nach! Die wunderbare Reihenfolge scharfsinniger Schlüsse Hatte also ein Loch bekommen; das schöne Gerüst der Anklage brach zusammen, und es blieb nichts übrig als eine lächerliche platte Wirklichkeit. Dies alles schoß wie ein Blitz dem jungen Beamten durch den Kopf. - „ Aber er! hatte keine Seit, lange nachzudenken. Der herbei- genifene Kellner erschien, ein gutmütig dicker Bursche mit vollen Backen und aufrichtigem Gesichtsansbruck. Fritz, ftagte die Wirtin ihn, sind Sie beim Kommissar gewesen. Jawohl, Madantt. ' Was hat er Ihnen gesagt? Ich habe ihn nicht getroffen, aber ich sprach mit seinem Sekretär, Herrn Casimir. Er sagte. Sie möchten sich nicht bcun- kNhigeit; er würde selber kommen. Er ist nicht bagwefcit. Der Kellner hob seine beiden Arme hoch und zuckte die Achseln, die beredest« Art, nm, ohne zu sprechen, die Antwort auszudrücken: Was soll ich dabei machen? Sie sehen, mein Herr. . . sagte die Wirtin, augenscheinlich tu der Erwartung, daß der hartnäckige Fragesteller nunmehr tzrhen würde. Das war aber nicht Lecoqs Absicht; im Gegenteil, tr rührte sich nicht und sagte: Das ist recht unangenehm, oh! sehr! Damit bin ich nicht weiter als zuvor und noch viel mehr im. Ungewissen, denn ich glaube wohl, der Mann ist der von mir gesuchte, trotzdem aber habe ich gar keine Gewißheit darüber. Aber, mein lieber Herr, was soll ich Ihnen denn noch sagen? Lecoq runzelte die Augenbranen und kniff die Lippen zu- saNkmen, als sachte er krampfhaft nach einem Mittel, nm aus der Ungewißheit herausÄtkommen. In Wirklichkeit suchte er irgend Sine geschickte Anknüpfung, um sich von der Frau das Fremdenbuch vorlegm zu lassen, worin die Gastivirte nach polizeilicher Borschrift Namen, Vornamen, Stand nnd Wvhnort aller von ihnen beherbergten Reifenden eintragen ntüffcn. Er wollte , aber durchaus keinen .Verdacht erregen. Demnach also, Madame, fing er wieder an, erinnern Sie sich durchnns nicht des Namens, den den Mann Ihnen angegeben! hat? Horen Sie, war es Mai? Bitte denken Sie mal ordenb- lich nach! . . . Mai, Mai! Ach! ich habe so viele Sachen itt meinen Kopf zu nehinen! Man könnte wohl, murmelte der junge Kriminalbeamte, indem er tat, als ob er endlich gehen wollte, ja, man müßte eigentlich! die Namen der Reisenden eintragen, wie man es in England! macht. Aber malt schreibt sie ja ein, mein Herr! versetzte die Frau> unb. sogar jeden Tag, in einem besonderen gedruckten Buch, mit einer Rubrik für jede Frage. Und wirklich da fällt Mr ein, ich kann Ihnen ja, um Ihnen einen Gefallen zu tun, nieiit Buch zeigen; es ist hier, in dem Schubfach meines Schreibpults. Na, das ist schön! Nun kann ich meinen Schlüssel nicht finden! Während die Wirtin, die augenscheinlich nicht mehr Hirn besaß, als ihr sprechender Starmatz, alles im Bureau durcheinander warf, betrachtete Lecoq sie verstohlen. Sie Ivar eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, sehr blond- wohl erhalten, wie alle Blonden, wenn sie sich erhalten, d. h. frisch, weiß, mollig, gesund und rnndbusig, appetitlich wie eine jener schönen reifen Früchte, deren Saft einem die Lippen entlang läuft, wenn man hineinbeißt. Uebrigens war ihr Blick frei nnd offen, ihre Stimme wohlklingend, ihr ganzes Benehmen einfach und vollkommen natürlich. Aha! rief fie endlich triumphierend, da ist ja dieser verflixte Schlüssel! Sofort öffnete sie ihr Schreibpult, nahm das Fremdenbuch heraus, legte es auf die Platte und begann zu blättern. Sie benahm sich dabei ziemlich linkisch, so daß Lecoq mit seinen! Luchsaugen konstatieren könnte, daß das Bilch gut imstande gepi halten ivar. Endlich kam sie an das Betreffenbe Blatt und sagte: Sonntag, dien 20. Februar, sehen Sie hier, mein 5>err,: hier aus der siebenten Reihe; „Mai, ohne Vornamen, Jahrmarkts^ künstler, von Leipzig kommend, ohne Papiere". Während Lecoq mit ganz verblüffter Miene diese Eintragung prüfte, fiel der Frau noch etwas ein und fie rief: Ach, jetzt weiß ich auch, warum ich diesen Namen „Mai" und auch dieseir komischen Beruf „Jahrmarkisküitstler" nicht im! Gedächtnis behalten hatte. Ich habe diese Eintragung nämlich nicht selbst gemacht. Wer denn sonst? Der Mann selber, mein Herr, während» ich zehn Franken! zusammensuchte, um ihm auf seinen Louis hemuszngeben. Sie müssen doch sehen, daß cs eine ganz andere Handschrist ist, als die Eintragungen darüber und darunter. Ja, Lecoq sah es, und das war eilt unwiderlegliches Argto- ment, kurz und knapp, nnd es traf ihn wie ein Stockschlag. (Fortsetzung folgt.) Die Trinkgelder. Ein Mahnwort an die Frauen von Anny' Wothe'. Nachdruck verboten. Das Gesellschaftsleben hat seinen Anfang genommen. Wir sind Gäste beim Bankier, beim Gerichtsrat und dem! Professor, in Kaufmanns- nnd Offizierskreisen. Ueberall spielt das Trinkgeld die gleiche Rolle; überall, wohin man auch kommt, muß man sein Abendessen oder sein Diner bezahlen. Und das nennt die Welt Gastlichkeit! Es ist schon genug über die Unsitte der Trinkgelder gesprochen und. geschrieben worden und, dagegen zu Felde ziehen, ist eigentlich eilte ganz nutzlose Sache, wenn man nicht Mittel und Wege findet, diese Unsitte mit allen Wurzeln auszurotten. Das kann aber weder der Hotelwirt, noch der Kellner, der mehr oder minder darauf angewiesen ist, von den Trinkgeldern zu leben. Auch nicht von: grünen Tisch aus läßt es sich erreichen, sondern die Trinkgelder aus der Welt schaffen, können nur die Frauen. Die Frau ist Königin in ihrem Hanse. 'Sie bestimmt den Ton, die Sitte, sie gibt das Beispiel, sie allein kann beit Grundstein legen für eine Bewegung, die so tief in alle wirtschaftlichen Verhältnisse eingreift. Fort mit allen Trinkgeldern! sei zuerst inaT für die Gesellschaftssaison das Losungswort der Frauen. „Das kann ich nicht," wird mir manche Hausfrau antworten, „da bliebe mir kein Dienstbote im Hanse, und 679 — was schadet es, wenn meine Gäste Trinkgelder geben, ich muß ja auch welche zahlen!" Bist du so ganz sicher, daß du zahlen mußt, wenn Wan bei dir nicht zahlt? §afi du es je versucht, durch Beispiel zu wirken? Nein, dazu sind die meisten zu bequem. Sie schimpfen zwar, wenn sie hier und da eingeladen sind, mächtig über das Trinkgeld, das im Verein mit Droschke nsw. hingereicht hätte, das Abendessen in einem feinsten Restaurant ein- znnehmen, aber sie machen den Unfug ruhig mit und rühren keine Hand, diesem Unwesen zu steuern. Es gibt nach meiner Auffassung keine größere Beleidigung für' bie Gastgeber, als wenn die Dienstboten Trinkgelder für das, was man seinen Gästen geboten hat, erhalten. Ich bin zwanzig Jahre lang verheiratet, und in unserem Hause hat sich stets ein großer gesellschaftlicher Kreis zu- jlammengefunden, aber noch niemals ist da ein Pfennig Trinkgeld gezahlt worden. Wenn ich Dienstboten annehme, frage ich sie, welche Lohnansprüche sie stellen. Antwortet mir ein Mädchen beispielsweise „270 Mark", so sage ich ihr ungefähr fol- ßendes: „Ich Iverbe Ihnen anstatt 270 Mark 300 Mark geben, ich mache Sie aber barauf aufmerksam, daß in meinem Hause trotz großer Geselligkeit keine Trinkgelder gezahlt werden. Ist Ihnen das recht? Der geringste Versuch der Trinkgelbannahme würde sofort Dienstentlassung zur Holge haben. Ueberlegen Sie sich wohl, ob sie unter diesen Verhältnissen die Stelle annehmen wollen." In den ganzen 20 Jahren ist es mir nur ein- oder zweimal passiert, daß die Mädchen erklärten, auf die Stelle verzichten zu wollen. In den meisten Fällen gingen sie Jreubig auf meinen Vorschlag ein, überhaupt wenn ich hnen vielleicht noch folgende Erläuterung gebe: „Mein Mann und ich möchten nicht, daß unsere Gäste das Gefühl haben, ihr Essen hier bezahlen zu müssen, und dann finden !vir auch, daß es für ein Dienstmädchen, das von seiner Herrschaft für seine Arbeit bezahlt wird, ein ganz unwürdiger Zustand ist, sich zwischen Tür und Angel Von den Gästen ein Trinkgeld in die Hand drücken zu lassen. Wir meinen, Dienstmädchen sollten ebenso viel Ehrgefühl haben, wie die Herrschaft selbst." Nicht um die Welt würde ein Dienstmädchen, dem ich so das Selbstgefühl wecke, ein Trinkgeld annehmen. Sie wird so viel als möglich die Gelegenheit vermeiden, baß es ihr beim Abschied der Gäste geboten werden kann, ober sie wird es bescheiden, aber bestimmt ablehnen. Meine eigenen Gäste haben mir schon oft erzählt, wie nett und doch bestimmt die Mädchen die gebotenen Trinkgelder abgelehnt hätten. Mein Mann begleitet gewöhnlich die Gäste, wenn sie noch in unserem Hanse Neulinge sinh, bis zur Haustür. Die Mädchen sind nur beim Ankleiden zugegen. Alle unsere näheren Bekannten wissen seit Jahren, baß bei uns Trinkgelder verpönt sind, und die Vertrauten sagen mir oft: „Wir freuen uns über jede Einladung bei Ihnen doppelt, schon weil es keine Trinkgelder kostet, die in besseren Häusern jetzt so hoch sind, daß man sie kaum noch er- schwingen kann." Die Menschen sind so au bas Trinkgeldgeben gewöhnt, daß neulich ein Herr, der in unserem Hause noch fremd war, in Gegenwart meines Maimes, der ihn hinausbegleitete, in seinem Portemonnaie nach einem geeigneten Geldstück für das Trinkgeld herumkrabbelte. „Fehlt Ihnen etwas?" fragte mein Mann „Ach ich möchte nur dem Mädchen" — stotterte er verlegen. „Hier ist kein Wirtshaus", gab mein Mann ernst zurück, worauf sich der betreffende Herr mit einem „Verzeihen Sie", empfahl. Als er nach einigen Tagen bei uns Besuch machte, entschuldigte er sich und sprach sein Vergnügen darüber «ms, daß mein Mann so energisch seine Hausehre gewahrt. Die Unsitte der Trinkgelder, meinte er, hätte aber schon so überhand genommen, baß man selbst gar nicht mehr das Unwürdige, das im Geben und Nehmen liege, empfinde. Ist es nicht haarfträubeub, wenn man beispielsweise ein paar Stubenten zu sich einlabet ober eine junge Künstlerin, einen Maler, den man vielleicht protegieren will, oder sonst jemand, dem man Gelegenheit geben möchte/ sich im geselligen Kreise zu freuen, daß er sein Abendessen mit einem Trinkgeld bezahlt, das ihm vielleicht teures wird, als wenn er sich sein Abendbrot gekauft Hätte? Aber nicht nur der Unbemittelte seufzt unter der Plage, sondern der Mittelstand und auch die Reichen empfinden es als eine, Last, immerfort Trinkgelder geben zu müssen, die int Laufe des Winters ein kleines Vermögen repräsentieren. Ich weiß, daß in Berlin, Leipzig und anderen Städten 10 Mk. und mehr Trinkgeld von einzelnen Personen bei hochoffiziellen Abendessen gezahlt werben, bie der Diener mit unbewegtem Antlitz, stolz wie ein Fürst, entgegennimmt. Ist das nun Unfug ober nicht? Man gebe seinen Dienstboten einen anständigen Lohn/ so daß sie keine Trinkgelder brauchen, und wenn der Lohn/ den du mehr zahlst, auch vielleicht lange nicht zu der Höhe der Trinkgelder hinanreicht, die sie vielleicht in deinem Hause erhalten hätten, du wirft keinen Dienstboten dadurch verlieren. Menschenwürde bei ihnen wecken ist auch ein Geschenk, das ihnen niemand bezahlen kann. Die Trinkgelder auf Reisen und in Hotels und anderen öffentlichen Verkehrsanstalten können wir nicht so ohne weiteres ab* schaffen, in unserem Hanse aber sind wir die Gebietenden, Das ist unser Feld, und das zu beackern, ist unsere Ausgabe. Im Hanse liegt der Lebensnerv für das große Getriebe in der weiten Welt. Wenn jede Fran, die gesellig lebt, beit Versuch machen würbe, die Trinkgelder in ihrem eigenen Hause abzuschaffen, sie würde bald nicht mehr darüber zu klagen haben, daß der Winter so viel Trinkgelder kostet wie eine kleine ©ommerreife. Ist das Trinkgeld erst in den Familien, in den Privathäusern abgeschafft, so können wir auch daran denken, bis allgemeinen Trinkgelberfragen zu lösen, so lange ist alleH Reden eitel Spreu. Daß es möglich ist, hat mir die Praxis gezeigt. Ein großer Teil unserer Bekannten ist durch unser energisches! Vorgehen gegen die Trinkgelder im eigenen Hause veranlaßt worden, es uns gleich zu tun. Zuerst war es ihnen Wohl peinlich, daß wir bei ihnen Trinkgelder zahlten, während sie bei uns nie Gelegenheit dazu hatten, trotzdem sie vielleicht öfter bei uns zu Gast waren, als >vir bei ihnen. Der Hausherr raffte sich also auf und schloß uns bie Haustür auf, während der dienstbare! Geist in die Küche verbannt wurde. Bald aber machte es der Hausherr nicht mir mit uns, sondern auch mit seinen anderen Gästen so, und jetzt haben wir die Freude, baß schon eine ganze Reihe bekannter Familien in ihrem eigenen Hause fein Trinkgeldergeben dulden. Wer arbeitet in diesem Geiste mit uns? Das ist auch eine Fra nett frage. Wichtiger vielleicht als manche andere, die doch nie gelöst werden kann, wie dis Trinkgelderfrage, bie vom sozialen und wirtschaftlichen Standpunkt von so großer Wichtigkeit für die weitesten Kreise ist. Nicht dadurch schaffen wir die Trinkgelder ans bep Welt, daß wir selber keine geben, sondern dadurch, daß loir sie in unserem eigenen Hause nicht dulden. Wer macht den Versuch? * Merkwürdige Wirkungen der Farben. Im „Gil Blas" kiest man: Wie alle andern Dinge dieser Welt, haben auch die Farben ihre guten und ihre bösen Etgeit- schaften. Es ist ja wohl allgemein befannt, daß wir „im Verkehr mit den Farben" ebensosehr von Sympathien und Antipathien beherrscht werden wie im Verkehr mit den Menschen: Während wir für gewisse Farben eine ausge- Moch'ene Vorliebe haben, behaupten wir von anderen, daß sie unserm Ange nicht zuträglich seien, ja daß sie uns direkt krank machen können. Man weiß, daß viele Leute grünes Briefpapier benutzen, um sich beim Schreiben nicht so leicht die Augen zu verderben: Für das, grüne Schreibpapier tritt unter anderen Henri Rochefort ein, und da er in seinem Leben schon sehr viel zusammengeschrieben hat, dürfte er auf diesem Gebiete einige Erfahrungen haben. Gelehrte Männer haben bemerkenswerte Experimente gemacht, um festzustellen, welchen Einfluß die verschiedenen Farben auf die Tiere haben. Man hat bei diesen Studien und Versuchen ergründet, daß die blaue Farbe im allgemeinen eine gewisse deprimierende Wirkung ausübt. Wenn man die Schlangen mit einem intensiv blauen Licht bestrahlt, scheinen sie gerade- zn krank zu sein: sie liegen dann ganz willenlos, träge ititb wie niedergeschmettert da. Die Erdwürmer lieben das weiße Licht und suchen regelmäßig Plätze aus, die weiß beschienen ; wie etwas Unheilvolles aber fliehen sie das rote Licht. Das blaue Licht übt auch auf die Pflanzen eine niederdrückende Wirkung aus: unter seinem Einfluß verlangsamt und verschlechtert sich ihre Ernährung, ihre lebhaften Farben verbleichen, und Blüten und Blätter beginnen, wie von einem schweren Siechtum heimgesucht, zu verwelken und langsam abzusterben. Es ergibt sich daraus, daß sowohl die Tier- als auch die Pflanzenwelt der blauen Farbe feindlich gegenüberstehen, von der grünen Farbe aber in sehr günstiger Weise beeinflußt werden. * Uebertriebene Höflichkeit. Eine Schweizer Zeitung erzählt ein reizendes Geschichtchen aus längst vergangenen Tagen: Ein Franzose besuchte auf seiuer Reise durch die Grafschaft Northumverland einen alten, etwas kurzsichtigen Engländer. Der gastfreundliche Herr sagte dann: „Ich will Ihnen von meinem Sauterner Wein zu kosten geben, der seit 35 Jahren im Keller lagert. Dergleichen finden Sie selbst in Ihrer Heimat nicht!" Bald darauf brachte der Diener eine mit Staub und Spinngewebe bedeckte Flasche, in der der Wein goldig schimmerte. Der alte Herr schenkte ein Gläschen voll, das der Gast leerte. „Nun?" fragte der Engländer gespannt. „Köstlich", erwiderte der Gast und schloß wie verzückt die Augen. Jetzt schenkte sich auch der Engländer ein. Kaum hatte er am Glase genippt, als er es wegwarf, zu speien und husten begann, vom Stuhl aufsprang und einen Heidenlärm schlug. Der Diener hatte sich nämlich vergriffen und statt des vorzüglichen Weines — Brennöl gebracht. Bleibt die Frage: Hat der Franzose aus übertriebener Höflichkeit oder aus Bosheit das Getränke für köstlich erklärt? * Mexikanische Schullehrer pflegen ihre Zu- kriedeuheit mit den Leistungen eines Schülers dadurch zu bekunden, daß sie dem betreffenden gestatten, während der Unterrichtsstunde eine Zigarre zu rauchen. Ist die ganze Klasse fleißig gewesen, so wird die Erlaubnis zu einem Generalrauchen erteilt, und selbst die jüngste Schülergeneration darf sich bei dieser Gelegenheit eine Zigarette an- zünden. Der Lehrer selbst raucht eine Zigarre, deren Größe Und Qualität seiner superioren Stellung entspricht, und trinkt dazwischen aus der beständig auf seinem Pult stehenden Likörflasche. Ist diese geleert, so wird sie von den Eltern seiner Schüler, die sich um diese Ehre zu streiten pflegen, durch eine neue ersetzt. * S ch iffbr ü chige Huude. Von einem schrecklichen Seeabenteuer berichtet der Kapitän der „Jllanita", eines französischen Segelschiffes, welches in der Nähe von Neufundland am 2. .September gesunken ist.. Kapitän Mert ist der einzige Ueberlebende seines Schiffes. Als die „Juanita" zu füllen begann, erzählt der Kapitän, retteten sich fünfzehn Manu von der Besatzung in zwei Boote. Das eine Boot versank sofort, das andere einige Minuten später, während der Kapitän, welcher mit 10 Mann auf der „Juanita" zurückgeblieben war, sehen mußte, wie seine Genossen elendiglich umkamen. Es verging eine Stunde der Angst und Sorge und daun wurde die „Juanita" in die Tiefe gerissen. Nur der Kapitän rettete fich, indem er sich au einen großen Balken anklammerte, alte feine Kameraden ertranken im Meer. Als Kapitän Mert wieder ein wenig zur Besinnung gelaugte, bemerkte er, daß zwei große Hunde, welche einem Offizier des Schiffes gehört hatten, feinem Balken zu- schwammen, aus demfelbeu Rettung sucheich. Er freute sich sogar ein wenig dieserhalb, weil die Hunde die einzigen lebenden Wesen waren, welche außer ihm von der gesunkene» „Juanita" übrig geblieben waren. Mer seine Freude verwandelte sich in Schrecken, als nach 30 stündigem Umher-« treiben auf dem Meere er bemerkte, wie die Hunde, vor Hunger toll gemacht, daran gingen, ihn anzugreifen. Es gelang ihm trotz seines geschwächten Zustandes, das eine: der Tiere, welches ihn, offenbar in der Absicht, seinen Körper nachher anzusressen, zu beißen begann, mit seinem Taschenmesser zu toten und das andere zu erwürgen. Dieser Kampf mit den beiden Hunden, sagt Kapitän Mert, welcher bald darauf von einem vorüberfahrenden Schiffe ausgenommen wurde, war die schrecklichste Viertelstunde, welche ich je durchgemacht habe. * Er kennt ihn. Mutter: „Wenn du dem Franz das Geld nicht zum bestimmten Tage sendest, hat er sicher eine schlaflose Nächt!" — Vater: „Und wenn ich es ihm sende, mehrere."' ______ („Fl. Bl?) Rene Bücher. (Besprechung erfolgt nuu, ;.i.v..... Eine Verpflichtung zur Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eiugesandter Bücher wird meßt übernommen.) R. Kaulitz-Niedeck: Goethe und Jerusalem, Gießen« Otto Kindt. Dr. G. Stresemann: Jndustriepolitik. Berlin, Verlag der Neuen Revue. Dr. K. Steinbrück: Handbuch der gesamten Landwirt-, schäft. 48—50 Lief. Hannover, Dr. M. Jänecke. Allgemeiner deutscher U n i v e r s l t ä t s k a l e n d e r, Rostock i. M. G. B. Leopold. Kunstwart. 1. Novemberheft. München, G. D. W. Call- iv et). Süddeutsche Monatshefte. 5. Jahrg., Heft 11« München, Süddeutsche Monatshefte. Th. Kaemmerer. Kiel? — WilhelmshafeN! Etwas von der wahrscheinlichen Kriegsbasis unserer Flotte. Strau- bing, El. Attenkoser. Die Religion. Handwörterbuch, herausgegeb. von F« M. Schiele, Tübingen. 1. Lief. I. C. B. Mohr (Paul Siebeck). G. A. Müller: Eeee homo! Erzählung aus Jesn Tag!n, Leipzig, C. F. Amelang, Wegweiser für die Berufswahl der Volksschüler« Tarnowitz, I. Rieger. Adolf V ö l cke r s „Fastebretzel und Kimmelweck", Allerhand in Frankfurter Mundart. I u g end r un ds chau. Herausgeb. Otto Fritz. Nr. 1< Karlsruhe, G. Braun. Der Guckkasten. Jll. Wochenschrift für Kunst undi Humor. Nr. 42, 43. Koehlers Zeppelin-Kalender. 1. Jahrgang. Leip« zig, F. C. W. Koehler. Ernst Dresing. Christus Monist? Magdeburg. 3t, Hesse u. Co. H. Meisner, Ernst Moritz Arndt. Leipzig, Max Hesse, O. H a r t w i ch. Moltke. Hannover, O. Goedel. V. Stief. Die Jesuiten unserer Kolonien. Offenburg,- Verlag Modernismus. Praktische Jugendfürsorge. Herausgeb. S. Rel- nickeus. Essen, Selbstverlag. Karl Chr. 3t Ücker t. Das Theaterkiud. Roman. Straßburg, I. Singer, Eva Treu. Inge Paulsen. Goldschmidts Bibliothek süv Haus und Reife. Berlin, A. Goldschmidt. M. E i tue r. Hüben und drüben. Berlin, A. Goldschmidt', H. Bernstor ff. Marie-Magdalene. Berlin, A. Gold« schmidt. Dr. A. Guthmann. Naturgemäßes Leben und Denken«; Stuttgart, Schwabacher. Berwandlungsrätsel. Eber — Einig — Reno — Hammer — Igel — Bigi — Puck — Aber. Jedes dieser Wörter ist dadurch in ein anderes zu verwandeln, daß sowohl der Auiangs- als auch der Endbuchstabe geändert werden, z. B. Hals in Wald, Scliai in Achat. Die Anfangs- und Endbuchstaben der gefundenen Wörter bestätigen die Richtigkeit der Löstmg. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung de§ Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Sorge und Plage Wächst alle Tage; Mußt sie verjagen Oder ertragen. Redaktion: E, Anderson, — Rotationsdruck und Vertäu bei Brühl'schen UntversttätS-Buch- und Slemdruckeret, R. Lange, Gießen,