M8 i B W W Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher-, (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Doch Heinz kam nicht mehr. Zwei Tage wartete er auf eine Nachricht von Isabella. Dann sandte er ihr alle Briefe zurück, die sie ihm geschrieben, alle ihre Bilder und alle Geschenke, die sie ihm gemacht hatte. Vorbei. — Die Wochen gingen hin. Des Sommers Glut verglomm, die Felder würden kahl, und der Herbst kam. Als Heinz seiner Mutter von der Auflösung seiner Verlobung Mitteilung gemacht hatte, war sie ihm tränenden Auges nm den Hals gefallen und hatte ihr Gesicht voll warmer Zärtlichkeit an seine Wange geschmiegt. „Junge, Junge! Ich kann dir ja gar nicht sagen, wie froh ich bin. Wie ein Stein fällt mir's vom Herzen. Nun weiß ich doch, daß bit noch glücklich werden kannst, und nun brauch' ich doch auch keine Angst mehr zu haben, daß ich dich einmal ganz verliere. Die Zierpuppe nnb du — ich versteh' noch immer nicht, wie du dich mit der zusammengefunden hast." An Martha war nichts von freudiger Erregung bemerkbar geworden; mit keinem Wort hatte sie je über die Auflösung der Verlobung gesprochen, nm keinen Hauch hatte sie ihr gemefsen- freundschaftliches Wesen gegen Heinz geändert. Die Wochen gingen hin. Martha rüstete zur Reise, von der nur noch wenige Tage ,ie trennten. Und bei jedem Stück Wüsche oder Kleidung, das sie fertig in Koffer oder. Korb packte, hätte Heinz ihre Hände nehmen, sie festhalten und sagen mögen: „Laß doch. Geh' doch nicht. Bleib bei uns!" Oft, wenn sie die Nadel durch Tuch oder Linnen zog, beobachtete er sie heimlich. Und ihm war, als wäre sie blaß geworden in letzter Zeit, als hätte ein Zug herber Trauer sich um ihren Mund eingegraben. Dann fragte er sich wohl: „Hat das sie blaß gemacht, daß sie so viel in der Stube hockt, daß Luft ihr so selten um die Stirn streicht — gränit sie sich noch immer um Vater und Bruder, für die's doch am besten war, daß sie starben — oder fällt der Abschied ihr nun doch schwer auf's Herz?" Immer drängte cs ihn, sie zu fragen, von dem, !vas seine Brust stürmisch bewegte, zu ihr zu sprechen: aber so oft er sich's vornahm — eine beklemmende Scheu ließ ihm immer das Wort auf der Zunge erstarren. Der Tag des Abschiednehmens kam. Mit Küssen und Segenswünschen hatte Frau Vollrath Martha bis an die Tür begleitet. Nun saß sie in ihrem Stübchen, fuhr mit dem Schürzenzipfel über die Augen und war voll Zornes gegen Heinz, den sie in Gedanken einen dummen Jungen nannte. Underdes ging Heinz an Marthas Seite durch den Heimatwald dem Bahnhof zu: — trotz ihres Protestes hatte er sich's nicht nehmen lassen tvolleü, sie an den Zug zu bringen. Es war noch in der ersten Morgenstunde. Still lag der Wald, über dessen Boden der fallende Herbstnebel einen seinen Schleier breitete. Die Stämme der Buchen am Wege erschienen rot, von goldener Glut übergossen. Rein wölbte der Morgenhimmel seine Kuppel. Außer Heinz und Martha kein Mensch: — sehr zeitig waren sie von Hause aufgebrochen, und nur Wenige benutzten um diese Jahreszeit den Frühzug, der mit dein ersten Oktober einging. Irgendwo im Holz schrie ein Eichelhäher, eine Meise piepte in der Krone einer Eiche, und das welke Laub, raschelte unter den Füßen. ■ v Plötzlich blieb Heinz stehen. „Martha!" sagte er. Martha machte Halt und blickte Heinz fragend an. Schwer atmete feine Brust. „Martha!" wiederholte er und nahm ihre Hand, die sich willig in die seine legte, „Martha, ich kann dich nicht ziehen lassen, ohne dich um Verzeihung zu bitten. Dafür, daß ich in die Irre geriet, daß ich an dir achtlos vorbeiging. Ich weiß nicht, ob du begreifst, wie's geschehen konnte. Ich felbst begreife es heute nicht mehr und kann dir's jetzt, in dieser Abschiedsstunde, nicht erklären. Ich war blind. Darf ich dir schreiben, dir alles klar zu machen versuchen, in Ruhe und Gründlichkeit?" Martha schüttelte leise den Kopf. „Ich begreife alles, sah. Wie alles kam und ging, und habe dir nichts zu verzeihen." Sie wandte sich und wollte weitergehen. Heinz aber hielt ihre Hand fest und ließ sie nicht. „Ich habe nur dich lieb," fuhr er fort, „nur dich. Darf ich — wenn noch einige Zeit vergangen ist, wenn du mir ganz gewiß vergeben hast — wenn nicht der Hauch eines Grolles mehr dein Denken an mich trübt -— darf ich dann kommen, dich wieder heimzuholen?" Martha hatte beit Blick gesenkt. Zwei Tränen rannen über ihre Wangen. „Du kannst kommen, wann du willst. Ich hatte mein ganzes Leben auf dich gewartet." Beseligt lächelnd sah sie ihn an. John Darrows Tod. Rom.a.n von Melvin L. Severy, - r (Nachdruck verboten.), i . - I. Sn der Däm m ern ng. 1. Kapitel. Da ich bei den Ereignissen, die ich berichten Will, Mehr die Rötst eines unbeteiligten Beobachters gespielt, als selbst mitgewirkt habe, so kann ich mich über meine eigene Person kurz fassen. Ich habe an einer Universität des amerikanischen Westens Medizin studiert, bin nun Arzt in Boston nnd erfreue mich einer ausgebreiteten Praxis, feit ich das Glück hatte, daß eine an, - ' 398 sesehene Dame in mein Sprechzimmer kant und sich durch meine Behandlung — Gott weiss, mit welchem Rechte — von ihrer Krankheit geheilt glaubte. Als damals mein Stern im Aufsehen begriffen war, machte ich auch die Bekanntschaft von Georg Maitland, einem jungen Chemiker, dessen Studien mich sehr interessierten. Als Kind wohlhabender Eltern hatte er niemals die ausgezeichnete Schule der Entbehrung durchgemacht. Sofort nach Erlangung der Universitätsreife studierte er Rechtswissenschaft und wurde Anwalt. Hierbei war er jedoch weniger der eigenen Neigung gefolgt, als einem väterlichen Wunsche, und bald erschien ihm der Anwaltsberuf so widerwärtig, dass er ihn in Wirklichkeit kaum noch ausübte und sich nur mit chemischen Studien beschäftigte. Wenn er auch hin und wieder einen Prozeß annahm, dein interessante wissenschaftliche Fragen zu Grunde lagen, so schluckte er hierbei, wie er mir einmal erklärte, die bittere An- waltspille nur üm des Zuckers der Wissenschaft willen, in den sie gehüllt war. Dies alles hörte ich erst später von ihm, als wir näher miteinander bekannt geworden waren. Zunächst kam er lvegen eines angeblichen Leidens zu mir, aus dem ich trotz allen Bemühens nicht klug werden konnte; doch setzte ich demungeachtet auf seinen lebhaften Wunsch die Behandlung fort. Erst nach einiger Zeit gab er mir in einer vertraulichen Stunde lachend den Schlüssel zu dem rätselhaften Leiden, dessen mir geschilderte Symptome ich auf keine Weise hatte deuten können. Die Krankheit, die ihn zu mir führte, war einzig und allein das Verlangen, mit mir bekannt zu werden, aber nicht etwa um meiner Person willen, sondern weil ich der Hausarzt von John Darrow und toctl dieser wiederum der Vater von Florence Darrow war! Mein Patient hatte Florence zum erstenmal bei Gelegenheit einer Gemäldeausstellung zu Gesicht bekommen. Beim ersten Blick hatte sein Leiden begonnen und sein Schicksal sich entschieden; von Stund an hatte sein Tun nur noch das eine Ziel verfolgt, Fräulein Darrow näher zu kommen. Er hatte es verstanden, ihr so oft zu begegnen, bald auf der Straße, bald int Konzert oder in Geschäftsläden, daß er aus ihrem Verhalten bereits ent» nehmen z» müssen glaubte, sie fange an, diese häufigen Begegnungen für etwas anderes als bloßen Zufall zu halten. Endlich war er, wie gesagt, auf ben Gedanken gekommen, durch meine Vermittelung eilte Anknüpfung zu suchen. Natürlich war ich gern bereit, ihm in dieser Richtung gefällig zu sein, bemerkte aber sofort, es scheine mir das beste, lvenn er zunächst die Bekanntschaft des Vaters mache. Auf meine weitere Frage, ob er Krocket spiele, erwiderte er mir, er rühme sich, in diesem Spiele Meister zu sein. Unter diesen Umständen ergab sich der einfachste Weg, mit dem Vater bekannt zu werden, ganz von selbst. Denn John Darrow stand in der ganzen Nachbarschaft in dem Rufe, geradezu ein Krocketnarr zu sein. Viele Hunderte von Dollars hatte er sich die Ausstattung seines Spielplatzes kosten lassen, der eben jetzt neu ausgeschüttet und frisch hergerichtet wurde. Bälle, Klöppel, Reisen ronren von ausgesuchtester Beschaffenheit, und Darrow selbst verstand es, die Kugeln mit tödlicher Sicherheit an den gewünschten Ort zu befördern. Maitland und Darrow zusammenzubringen, hielt also nicht schwer; _ die erste kurze Proberolle meines Freundes auf dem Darrowschen Kiockctplatze verlief zur völligen Befriedigung des alten Herrn, und vor lluserm Aufbruch wurdeit Maitland und ich eingeladen, in der folgenden Woche an einer Sechserpartie teilzunehmen. Der Tag kam. Die Partie bestand, außer Darrow und seiner Tochter, Maitland unb mir, aus zwei jungen Herren, die ich persönlich noch kaum gescheit hatte, wenn sie mir auch den Namen nach bekannt waren. Der jüngere, Clinton Brown, war ein junger Künstler, dessen Porträts anfingen, iit Boston die Aufmerksamkeit weiter Kreise zu erregen, und der ältere, Karl Herne, ein nicht unbegabter Schriftsteller aus dem Westen, dessen Name «sber in den östlichen Staaten kaum genannt würd'. Bon letztgenanntem Herrn ist nichts Besonderes zu sagen. Mit bett Worten: „Er ivar wohlgebaut, wohlerzogen und auf geistigem Gebiete wohlbewandert" würde man, denke ich, dem Urteile säst aller seiner Bekannten entsprochen haben. Anders Herr Brown. Mittelgroß, voll Leben und Anmut in allen seinen Bewegungen und selbst int Zustand der Ruhe elastisch, wie eine zum Spruuge bereite Katze, fesselte er eines jeden Blick, der einmal auf ihn gefallen war. Es gibt Gymnastiker, deren einfache Bewegungen langsam ausgeführtc Sprünge sind. Alt einen solchen Athleten erinnerte Clinton Brown. Dabei war sein Gesicht edel gebildet und nur der fast wilde Glanz seiner schwarzen Äugen gab diescnt Gesichte, mitunter einen unheimlichen Ausdruck. I ®8,tr halten an jenem Nachmittag ein interessantes Spiel, ooch trug sich bis zunt Abend weiter nichts Erwähnenswertes zu wenigstens nichts, was mir damals von Belang schien, wenn ich mich auch nachher erinnerte, daß Darrows Benehmen sonderbar Ivar. Er schien merkwürdig aufgeregt und fuhr einmal nervös zusammen, als ich hinter ihm hustete. Er habe — so gab er vor in der verwiche neu Nacht einen unangenehmen Traum gehabt, so daß er nicht mehr habe schlafen können, und nun plagten ihn die Nerven. Als die Dämmerung anbrach, begaben wir uns alle in das Empfangszimmer, wo uns Fräulein Darrow etwas Vorsingen wollte. Das Haus, muß ich hier bemerken, liegt an der Dorchester-Bai. Der Nachmittag war sehr heiß gewesen, aber Bei Sonnenuntergang hatte sich ein kalter Ostwind erhoben, und dieser war bei der noch nicht weit vorgerückten Jahreszeit unserem Wirte unbehaglich; denn er ;aß mit dem Rücken dein offenen, nach Osten gehenden, wenn auch fast zweieinhalb Meter entfernten Fenster zugekehrt. Aufmerksam, wie immer, bemerkte dies Maitland sofort und fragte, ob er das Fenster nicht schließen solle. Der alte Herr schien die Anrede zu überhören und gab erst auf eine wiederholte Frage, iuic aus einem Traum erwachend,' die Antwort: „Wenn es den übrigen nicht zu warm ist, würde ich es bei dem kalten Winde gern bis auf eine Handbreit geschlossen sehen," worauf er wieder in seine Träumerei zu versinken schien. Maitland konnte das Schiebefenster nur mit einiger Kvast- anstrengung herunterbringen, da es sich int Rahmen klemmte,' und als cs endlich nachgab, geschah dies mit lautem Kreischen, dem das hörbare Anschlägen der Gegengewichte folgte. Bei diesem Geräusch sprang Darrow auf und rief: „Wieder! der gleiche Ton! Ich wußte es doch!" Aber diesmal war Florence schon an feiner Seite, drückte ihn sanft auf seinen Stuhl zurück uud sagte mit leiser Stimme, doch so, daß wir alle es Hören konnten: „Was hast du, Vater?" Statt ihr zu antworten, drückte ihr der alte Herr nur zitternd die Hand, während er zu uns entschuldigend sagte: „Sie müssen verzeihen, meine Herren. Es quält mich ein schrecklicher Traum, die Vorstellung, als täte jemand aus dem Dunkel hervor einen Stoß nach mir. Letzte Nacht hatte ich den Traum zum siebenten Male, und als ich erwachte, hörte ich das Fenster hier öffnen. An dem Ton, den ich eben hörte, ist nicht zu zweifeln, und es ist der gleiche, den itf). in der letzten Nacht vernahm. Ich sprang aus dem Bett, nahm ein Licht und eilte die Treppe hinunter hierher, denn ich fürchte mich vor nichts, !vas meine Augen wahrnehmen können, aber das Fenster tu ar fest geschlossen, wie ich es gelassen hatte! Was meinen Sie, Doktor," fragte er, zu mir gewendet, „sind Träume vorbedeutend ?" „Ich habe," versetzte ich, nm ihn zu beruhigen, „für meine Person niemals etwas erlebt, was einen solchen Schluß rechtfertigen könnte." Eigentümliche Erfahrungen, die Freunde von mir gemacht hatten, behielt ich für mich, und so wurde er nach und nach wieder ruhig. Maitland, der über das Gebaren des alten Herrn erschrocken war, ging nun wieder zunt Fenster und schob es etiua fünfzehn Zentimeter in die Höhe. Alle anderen Fenster waren geschlossen, aher die Luft war so frisch, daß die geringe Oessnung zur wünschenswerten Abkühlung der Zimmertemperatur völlig genügter Hieraus forderte Darrow, der offenbar aus die musikalischen Leistungen seiner Tochter nicht wenig stolz war, diese auf, ein Lied zu singen, worauf Florence sich ans Klavier setzte. „Soll ich die Lampe anzünden?" fragte ich. „Ich danke, es ist Iticht nötig," erwiderte Herr Darrow, „Musik klingt in der Dämmerung am schönsten." Zum Verständnis des folgenden muß ich genau beschreiben, Ivie sich die Anwesenden im Zimmer verteilten. Dieses selbst ist groß, fast quadratisch uud nimmt die südöstliche Ecke des Hauses ein. In seiner östlichen Wand hat cs ein Fenster, eben das, welches um fünfzehn Zentimeter emporgezogen war, und in der südlichen zwei, die beide fest zugemacht und deren Jalousien von ein paar Malern, die am Morgen die Ost- und Südseite des Hauses mit einem frischen Anstrich versehen hatten, geschlossen worden waren. Auf der Nordseite des Zimmers, aber unweit der Westseite, befindet sich eine Rolltür, die zur Zeit fest geschlossen war. Au der westlichen Wand steht das .Klavier, und links davon, unweit der Südwestecke, führt eine Tür in den Hausflur, die ebenfalls geschlossen war. Darrow saß in einem hochlehnigen Polsterstuhl dem Klavier gegenüber, fast in der Mitte des Zimmers. Das ein wenig geöffnete Fenster in der östlichen Zimmerwand befand sich direkt hinter ihm, aber wie bemerkt, in einer Entfernung von fast zweieinhalb Meter. Herne und Brown säßen rechts von Darrow und etwas vor ihm nach der Rolltür zu, Maitland und ich zu feiner Linken zwischen 399 Hm und der FluviLr. Florence faß- am Klavier. Schließlich wäre noch zu erwähnen, daß es keine Nischen, Wandschränke oder Türvorhäuge im Zimmer gab. Ob nun die int Zimmer herrschende Dämmerung dazu Anlaß gab, oder ob es bloßer Zufall war, ich weiß cs nicht; jedenfalls begann Fräulein Darrow mit tiefer, voller Altstimme von berückend melancholischem Zauber das Lied zu singen: „In der Dämmerung". Jeder Ton erklang so voll und weich, alö rührte eine Meisterhand die Saiten des Cellos. ■ i , „In der Dämmerung, Geliebte, Wenn die Schatten facht Bon den Bäumen niederwallen, Leis der Wind erwacht Und in sanften Schmeicheltönen . ’ Kündet fel'gc Nacht: । , > Denkst du -da in Liebe meiner, / Wie du einst gedacht?. '. „ In der Mmmerung, Geliebte, Denk nicht grollend mein, 1 \ 1 Ging ich schweigend auch von hinnen, . Ließ dich dort allein! Ach, mein Herz toctxl wund von Zweifel Und von banger Pein. - Was für uns so süß gewesen, Kann nie wieder —" ! ■ , 1 -f. Aber die letzte Zeile blieb Unvollendet. Mit einem wilden Aufschrei, mehr der Furcht als des Schmerzes, fuhr Darrow in die Höhe. „Meine Herren, ich bin gestochen!" war alles, was er sagte, worauf er wieder schwer in seinen Stuhl zurücksank. Die rechte Hand hielt er an seine Kehle gepreßt, und seine Augen schienen aus ihren Höhlen springen zu wollen, als er mit rauher Stimme hervorstieß: „Ern Licht, ein Licht! Um Gottes toiUcit, laßt ihn nicht noch einmal ans dem Dunkeln irach mir stoßen!" Schon war Maitland dabei, das Gas anzuzünden, und Herne und Brown suchten, wie Brown mir nachher erzählte, dett Angreifer .zu fassen. In der Tat erinnerte ich mich, als alles vorüber war, daß Brown eine rasche Bewegung nach dem dunkelsten Winkel im Zimmer, gemacht hatte. Jetzt flutete helles Licht durch den Raum, und ich sah mich nach dem Täter um. Aber es war keiner zu sehen! 9iicntanb als Florence, Darrow und wir vier befanden sich im Zimmer! Die Türen waren geschlossen, die Fenster unverändert. Unmöglich konnte jemand beit Raum betreten oder verlassen haben, aber wo war dann der Täter? Nur eine Lösung blieb noch übrig: Darrow litt unter dem Eindruck einer Sinnestäuschung, und Florences Stimme brachte ihn vielleicht wieder zur Besinnung. Als sie zu sprechen anfing, trat ich näher, um zu sehen, welche Wirkung ihre Worte auf ihn ansü-bten. „Sei ohne Furcht, Vater," sagte sie leise, während sie ihr Gesicht an seine Wange legte, „hier ist niemand, der dir etwas zu Leide tun kann. D-u bist krank — ich will dir etwas Stärkendes zu trinken geben, und es ist im Augenblick vorüber." Sie wollte sich erheben, aber ihr Vater faßte sie krampfhaft am Arm, und in heiserem, ängstlichem Flüstern. kam es von seinen Lippen: „Geh nicht weg! Siehst du nicht? Geh nicht weg!" Zum erstenmal entfernte er hierbei die Hand von seiner Kehle, nahm Florences Kopf zwischen seine Hände und schaute ihr mit flehendem Blick in die Augen. Er wollte wieder sprechen, vermochte es. aber nicht ünd sah uns mit einem Ausdruck der Hilflosigkeit an, den ich niemals vergessen werde. Maitland, dessen Augen den. alten Herrn nicht loslicßen und der seine Gedanken zu ahnen schien, zog schnell einen Bleistift und ein Notizbuch hervor und hielt es ihm hin, aber Herr Darrow bemerkte es nicht, denn er hatte Florences Gesicht zu sich herabgezogen und küßte sie leidenschaftlich. Im nächsten Augenblick war er auf den Füßen, und ans dem An- schwellen seiner Venen, die an seinem Halse wie auf seiner Stirn aufquollen wie Stricke, konnten wir erkennen, welche schreckliche Aiistrengnng er machte, ein Wort hervorzubringen. Endlich kamen die Töne, als würden sie mit Gewalt herausgerissen, zischend aus seiner Kehle; nach jedem Wort holte er tief Atem: Florence — ich wußte — es! Leb — wohl! Halte — dein — Versprechen !" Hierauf fiel er, eine regungslose Masse, in seinen Stuhl, nach meiner Ueberzeugnng von der entsetzlichen Anstrengung, die er gemacht hatte, überwältigt. Maitland nahm ein GlaS Wasser und befeuchtete ihm das Gesicht. Ich löste ihm die Kleidung am Halse, und während ich dies tat, sank sein Kopf nach hinten, das Gesicht mir zugewendet. .Die Gesichtszüge waren verzogen — die Augen gläsern und starr. Ich fühlte nach seinem Herzen: er war tot. , (Fortsetzung folgt.) Nachteile und Vorteile der Erdbeeren. Die englische medizinische Wochenschrift „The Lancet" beschäftigt sich znr passenden Zeit mit der gesundheitlichen Bedeutung der Erdbeeren. Da diese Frucht allgemein verbreitet ist, ist cs erklärlich, daß Ban sich vielfach über ihre Vorteile und Nachteile für den menschlichen Organismus unterhält. In Bezug auf die letzteren wird man häufig von einer Idiosynkrasie gegen Erdbeeren sprechen, die in der Hauptsache Kinder betrifft. Solche Personen bekommen schon bei dem Genuß einer einzelnen Beere einen eigentümlichen 'Hautausschlag, der mit dem bei Masern, große Aehnlichkeit hat. Anderseits aber herrscht die Ansicht, daß der Genuß der Erdbeeren von Vorteil gegen die Gicht sowie in Bezug auf die Haut und die Verdauung nicht schädlich sei. Wenn man die Frage vom medizinischen Standpunkte aus betrachtet, so unterliegt es keinem Zweifel, daß der Säst der Erdbeeren in hervorragender Weise die B e r d a n u n g fördert. Um das festzustellen, hat man Versuche mit hartgekochtem Eiweiß gemacht, das aufgelöst wird, wenn man das Ei mit dem Safte der Erdbeeren bestreicht. Hieraus läßt sich die auflösende Wirkung des in dem Ei enthaltenen Enzyms auf das Eiweiß erkennen.. Es findet also unter Umständen eine Verbesserung der Ernährung durch die freie Verwendung der Erdbeeren statt, wenn es auf die Förderung von Ausscheiduitgsprodukten und eine Abschwächung der ernstesten Erscheinungen der Gicht ankommt. Indes teilt die Erdbeere diese Eigenschaft mit dem Safte anderer Früchte, denn auch diese enthalten häufig ein Ferment, das in gleicher Weise auf die Vertäuung einwirkt. Personen, die aus irgend! welchen Gründen ihrem Körper keinen gewöhnlichen Zucker zu- führcn dürfen, sind die Erdbeeren sehr nützlich, denn die geringe! Menge von Zucker, die sie enthalten, ist leicht verdaulich. Mag man aber über die Heilkraft der Beeren denken, wie man will, das. eine ist jedenfalls sicher, daß aus das Blut insofern eine günstige Wirkung ausgeübt wird, als dieses infolge der in der Frucht verteilten alkalischen Salze selbst alkalisch wird. Aber auch hierin steht die Erdbeere nicht allein da, sondern bei anderen Früchten findet sich die gleiche Beeinflussung unseres Blutes. Leider muß noch auf einen Nachteil aufmerksam. gemacht werden, den der französische Gelehrte Pros. Metchnikoff hervorhebt. In unserm Berdauungskanal befinden sich nämlich täglich nicht weniger als 128 Billionen Bakterien, von denen die einen nützlich, die anderen aber schädlich find. Nach ihm soll man so. weit wie möglich fremde Bakterien fernzuhalten suchen, wenn mau alt zu werden wünscht. Daher will er ungekochten Salat und ungekochte Früchte vermieden wissen, und ganz besonders. Erdbeeren. Gerade diese Frucht unterliegt nämlich sehr leicht einer Beschmutzung, namentlich infolge des Düngens, obgleich eine Strohdecke eine Berührung der Früchte mit dem Boden! verhindern könnte. Auch bei der Ernte ist mannigfache Gelegenheit zum Beschmutzen der Beeren gegeben, weshalb sie unter allen U 11t st ä 11 b e n v 0 r d e m Genuß a b g e w a s ch e n werden sollten. Sonst ist man der Möglichkeit von Störungen seitens der Verdaunngsorgaite nach dem Genuß von Erdbeeren ausgesetzt, wenn man eine derartige Vorsicht nicht beachtet. Werden sie jedoch vor Berührung mit anderen Bakterien geschützt, so liegt fein Gründ vor, weshalb diese beliebte Frucht, wenn sie selbst gesund und reif ist, nicht durchaus bekömmlich sein sollte. * Gold in Deuts ch - N e u g u i n c a! Um die Jahreswende 1907/08 hat Herr W. C. Dmnmkochler, der sich durch mehrere kühne Expeditionen ins Innere von Neuguinea in geographischen und kolonialen .Meisen ritten Namen gemacht hat, das bisher ganz un- bekannte Gebiet zwischen dem Huongolf und der Astwlabebai, das Stromsystem des Markham- und Ramuflnsses, erforscht und dabei festgestellt, daß dieser Teil unsrer Kolonie nach verschiedener Richi- tuug wirtschaftlich sehr aussichtsvoll ist. Die Ergebnisse seiner Reise sind in der Zeitschrift „Kolonie it-ud Heimat" (Verlag E. Buch- maitit, Berlin SW., Wilhelmstr. 4.5) veröffentlicht. Der Zweck des Unternehmens war nicht allein, das Land im allgemeinen zu erforschen, sondern namentlich zu sehen, welche Gesteiuarten sich im Krätke- und Bismarck-Gebirge finden, - um das Vorkommen von Gold fest,zustellen. Dammkoehler hatte schon vor Jähren nut oberen Raum geringe Mengen von Gold gesunden und vor zwei Jahren gutes Golderz. Außerdem würde sich seiner Ansicht nach die große Steppe mit ihrem vorzüglichen Boden sehr für Baumwoll-Kulturen eignen. Er hat aut' oberen Ramu in den Monaten Juli bis Oktober eine richtige Trockenzeit beobachtet. Die Regenzeit währt von November bis Mai. Die Ernte der Baumwolle würde also in die Zeit der Trockenheit fallen. In den südlich vom ersten Teil seiner Marschroute nahe der englischen Grenze gelegenen Gebirgen liegen die neuesten Goldfunde, die 'jetzt so viel von sich reden nrachen. Da hast überall in Neuguinea in den Flüssen Gold vorkommt, so würde cs wohl sehr aussichtsvoll sein, wenn eine Anzahl unabhängiger kleiner Leute als Prospektoren drüben ihr Glück versuchen würden. Wenn jetzt wirklich Gold.in größerer Menge festgestellt wird, so dürfte äuch die Grundlage für eine Erschließung des Markhamgebielcs durch eine Eisenbahn gegeben fein. Es brauchte ja vorläufig nur eine Feldbahn von etwa — b400 — 200 Kilometern bis zur Wasserscheide zu feilt, die in dem zum großen Teil ebenen Grasland leicht zu legen und billig wäre. Da- uiit würde der größte Teil des Hinterlandes unsrer Kolonie erschlossen, und die großen Kokospalmenbeshttnde, die,D. auf seiner Reise angetroffeu hat, würden der Bahn sofort eine lohnende Beschäftigung sichern. Eine seltene Gelegenheit, ein neu erforschtes Gebiet auch gleich wirtschaftlich nutzbar zu machen! * Aus derNatuPge schichte. Lehrer: „Hans — nenne mit vier wilde Tiere!" — Schüler: „Ein Tiger — ein Wolf — und — zwei Löwen!" * Drastis ch. Herr (zum Huthändler): „Wie Sie mich mit dem Pauamahut hineingelegt haben, das ist schon der reine — Panamaskandal!" Falsch gebildete BefehlssorWerr. „Komme, bitte, heute Nachmittag zu mir imb nehme j (so!) den Kaffee bei mir ein!" So schrieb mir einmal ein | Freund, der eine gute Schulbildung genossen hatte und einen ansehnlichen Bücherschatz nicht nur besaß und fortwährend vermehrte, sondern anch eifrig benutzte. Und kürzlich las I ich sogar bei einem hervorragenden Schriftsteller: „Solltest l du zur Zeit in H. oder M. beschäftigt sein, so treffe (!) rechtzeitig in P. ein". Aehnliches Undeutsch hab' ich in der guten Gesellschaft wer weiß wie oft zu hören bekommen: Esse doch etwas (aber nie anders als: Friß, Vogel, oder sttrb)! Vergesse ja nicht, was ich dir gesagt habe (aber: Vergißmeinnicht)! Spreche dich nicht so in Hitze! usw. Aber alle bis hinab zu den Schulkindern beugen richtig: du nimmst, triffst, ißt, vergißt, sprichst — "ebenso: er nimmt, trifft usw. — und es ist gar nicht schwer, von allen hierher gehörige:: Zeitwörtern oder doch von den gebräuchlicheren die Befehlsform richtig zu bilden, wenn man sich fragt, wie die entsprechende Wirklichkeitsform heißt. | Denn es gilt durchaus folgende Regel: Alle Zeitwörter mit stammhaftem c (ä, ö), die in der zweiten und dritten Person der Einzahl der Gegenwart der Wirklichkeitsform i haben, haben auch in der Einzahl der Befehlsform i. Es sind folgende 33: befehlen, bergen, brechen dreschen, empfehlen, erlöschen (mittelhochdeutsch erleschen), erschrecken (im ziellosen sintransiitivcnj Sinne)'*, essen fechten, flechten, fressen, gebären, (mittelhochdeutsch gebern), geben, gelten, helfen, lesen, messen, nehmen, quellen (ziellos)*, schelten, schmelzen (ziellos)'*, schwellen (ziellos)*, sehen, sprechen, stechen, stehlen, sterben, treffen, treten, verderben (ziellos)*, I vergessen, werben, werfen; dazu kommen noch 2, die auch „regelmäßig" (schwach) abgewandelt werden: bersten und melken, bei dem die „regelmäßige" Abwandlung üblicher I ist. Die 5 mit * versehenen haben auch zielenden (transitiven) j Sinn und werden dann „regelmäßig" abgewandelt; von I verderben gebraucht man, besonders in Norddeutschland, | gewöhnlich auch im zielenden: Sinne die »unregelmäßigen" I (starken) Formen. Die Frage liegt nahe, wie es kommt, daß in diesem I Falle so viele Deutsche von ihrem Sprachgefühl im Stiche I gelassen werden. Die Antwort ergibt sich' einfach aus der I Tatsache, daß bei den meisten dieser Zeitwörter die Befehls- I form sehr selten angewendet wird. Wo hört oder liest man I Formen wie drisch, quill, schmilz, schwill, stiehl, birst! Wenn aber unserem Sprachgefühl ein Erinnerungsbild mangelt, dann ligt es uns nahe, ein Zeitwort nach der häufigsten und bequemsten Bildungsweise zu beugen, d. h. „regelmäßig", mic ja auch alle fremdländischen Zeitwörter so gebeugt werden. vait Hoffs. Litcramfchss. Lanrids Br'uun: Pan. Roman'. Deutsch von Julia^ Koppel. — Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin 35. Preis 3 Mk. — „Die Schlange, die Eva in einer Hellen, stillen Sommernacht lockte — das war niemand anders als Pan mit seiner Flöte. Er ist es, der uns arme Menschen von Ordnung und Gesetz fortlockt — fort von de;p Sichern und Gewohnten —- hinaus zu dem großen, befreienden Sündenfall." — Mit diesen Worten erklärt der Drchter den Titel seines Romans, dessen fvrtstürmeiide Handlung srch in „so einer gesegneten, Hellen und stillen Sonnnernacht, da Pan sich aus seinen stillen Wäldern hervorwagt und mit seiner Flöte auf Abenteuer ausgeht" —' absprelt. Diese aufregende Sommernacht, die den Leser ernspmnt ut ihren nordischen Zauber und deren Gescheh- nrsse ihn mit fortreißen, weiß der Dichter mit leidenschaftlichem Temperament hervorznzaubern. . - Als 5000. Bändchen der Univerfalbibliothek (Leipzig, Philipp Reklam jun.) erschienen eine Anzahl Novellen und Skizzen von Otto Ernst. Sie sind unter dem Titel „Born Strande des Lebens" zusammengefaßt Und zeigen den Dichter in seinem eigensten, köstlichen Gewände des lachenden Philosophen. Dr. Hermann Diez in München hat die Einleitung dazu geschrieben und darin einige biographische Notizen über Otto Ernst mitgeteilt. Aus Fichtes Schürften. Es ist nicht ein bloßer frommer Wunsch für die Menschheit, sondern es ist die unerläßliche Forderung ihres Rechts und ihrer Bestinimung, daß sie so leicht, so frei, so gebietend über die Natur, so echt menschlich auf der Erde 'lebe als es die Natur nur irgend verstattet. Der Mensch soll arbeiten • aber nicht wie ein Lasttier, das unter seiner Bürde in den Schlaf sinkt und nach der notdürftigsten Erholung der erschöpften Kraft zum Tragen derselben Bürde ivieder ausgestört wird. Er sott angstlos mit Lust rmd mit Freridigkeit arbeiten und Zeit übrig behalten, seinen Geist und sein Auge zilm Himmel zil erheben, zu dessen Anblick er gebildet ist. Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit beinern ganzen Sehnen suchst und anstrebst, wenn du den wahren Genuß deiner selbst zu finden hoffst, — und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet. Was du liebst, das lebst du. Diese angegebene Liebe eben ist dein Leben und die Wurzel, der Sitz und der Mittelpunkt deines Lebens. Alle übrigen Regungen in dir sind Leben nur, inwiefern sie sich nach diesem einzigen Mittelpunkt hinrichten. Daß vielen Menschen es nicht leicht werden dürfte, auf die vorgelegte Frage zu antworten, indem sie gar nicht wissen, was sie lieben, beweist nur, daß diese eigentlich nichts lieben, und eben darum auch nicht leben, weil sie nicht lieben. Au- und Einsichten. Es gibt nichts Beglückerendes für einen Mann als die unbedingte Ergebenheit eines weiblichen Gemütes. W.v. Humboldt. * Ohne Dienstboten keine Kultur. v. Treiischke. Individualität ist überall zu schonen und zu ehren, als Wurzel jedes Guten. I. Paul. m ZanSerquadrat. Die Buchstaben sind so zu ordnen, daß die wagrechten und die entsprechenden senkrechten Reihen bezeichnen: 1. Dichtungsart, 2. letzthin viel genannte Festung, 3. Abfindung, 4. Fluß, 6. Insel. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: 1. Ebers, 2. Leutnant, 3. Eger, 4. Karo la, -< 5. Truchseß, 6. Rhone, 7. Iwan, 8. Seeraub, 9. Canossa, 10. Heinrich, 11. Eupen. I —11. Elektrische Straßenbahn. Redaktion: P. Wittko, — Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.