Mittwoch den 29- April 1908 Wfc'' Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Auch Frau Vollrath wurde der Weg weder lang noch sauer; denn was hat eine Mutter den einzigen Sohn, von dem sie jahrelang durch Meere und Länder getrennt gewesen, nicht alles zu fragen, wie oft muß sie ihm nicht verstohlen in die Augen blicken, um darin zu forschen, ob er auch froh und glücklich ins Leben schaut, oder ob irgend ein heimlicher Kummer ihu dviicken mag. Daheim aber in ihrem kleinen einstöckigen Häuschen, das der Schule gerade gegenüber im Mittelpunkt des Torfes lag, bekam sie cs doch gewaltig mit der Eile, die Tür ihres Ladens aufzuschließcn und nach allen Seiten hin Umschau zu Ijalten, ob nicht irgend ein einkaufsbegieriger Künde, der etwa eben erst vergeblich ihre Klinke niedergedrückt, sich noch in der Nähe befände und durch einen einladenden Ruf verhindert werden könnte, fein Geld zur Konkurrenz zu tragen, die audj. in Fichtenwalde üppig blühte. Erst nachdent sie sich überzeugt hatte, daß im Augenblick nichts zu versäumen war, kehrte sie in ihr kleines, mit spartanischer Einfachheit ausgestattetes Wohnstübchen zurück, in das hinein ihr Heinzens männlicheschöne, mit vornehmer Schlichtheit gekleidete Gestalt garnicht zu passen schien. „Junge, Junge," sagte sie mit einem ängstlichen Blick ans die niedrige, rissige Decke, „mir scheint, du bist noch gewachsen, und aussehen tust du wahrhaftig wie ein Graf. Aber komm mal, ich will dir was zeigen." Mit einem Schelnrenlächeln, das ihrem Runzelgesicht sonderbar genug anstand, nahm sic den Arm ihres Sohnes und schob ihn in das angrenzende, weit geräumigere Zimmer. Das hatte dem alten Vollrath, der nach einer im sechziger Kriege davon- gctragenen Invalidität Ovtsvorsteher, Standesbeamter und Schiedsmann gewesen, dereinst als Bureau gedient, war aber nach seinem Tode so gut wie gar nicht mehr benutzt worden. Erstaunt, beinahe fassungslos blieb Heinz auf der Schwelle stehen. Von dem dreiarmigen Kronleuchter utj der Decke bis zu dem Axminsterteppich, der den frischgestrichenen Fußboden verhüllte, prangte der ganze Raum in funkelnagelneuer Einrichtung; und die beiden hohen Bücherschränke, der große, breite Schreibtisch mit der Statue des gekreuzigten Christus darüber und das Harmonium — alle Möbel aus dem gleichen dnnkeltönigen Nußbaumholz gefertigt — ließen keinen Zweifel, für wen all' die blanke Herrlichkeit bestimmt war. „Mutter, was gibst du für Geschichten an," sagte Heinz, der seine Rührung hinter der Maske des Humors zu verbergen suchte, „das sieht ja ivahrhaftig aus, als wenn du auf deine alten Tage noch mal heiraten wolltest." „Naseweis du," antwortete Fran Vollrath lächelnd und machte mit der Hand eine Bewegung/ als wenn sie Lust hätte, ihrem großen Jungen einen Klaps auf den Mund rn geben. Dann aber fuhr sic leise, beinahe schüchtern fort: „Daß du nämlich drüben bei Onkel Nagel wohnen willst, das inöcht' ich nicht, weil unser Schulhaus doch schon 'n bißchen sehr baufällig ist und vor allen Dingen mächtig feucht — Onkel hat sich gehörig 's Reißen geholt in der ollen Bude, und zu 'nem Neubau hat die Gemeinde natürlich- kein Geld, und der Herr Kommerzienrat vom Schloß erst recht nicht —" hier klang wieder bittere Ironie durch ihre Stimme —, „na und gegen die Art, wie die Lene drüben die Wirtschaft führt, ließe sich auch manches sagen . . . Und dämm hab' ich gedacht, du solltest einfach bei mir bleiben. Es wär' das so hübsch, und du hättest daun doch auch gleich deine vernünftige Ordnung." Heinz schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall, Mütterchen. Du hast mit deinem Laden und deiner Wirtschaft doch wohl gerade Arbeit genug!" „Ach, das bißchen Esscnkocheu und Reinmachen für dich besorg' ich schon noch mit." „Nein, nein! Ich denk' nicht dran, dir zur Last zu fallen." „Red' doch nicht solchen Unsinn! Zur Last fallen! Was das heißen soll!" > Heinz'legte den Arm um die schmächtige Gestalt seiner Mutter, zog ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr dünnes, graues Haar. „Gib dir keine Mühe, du Gute, du Beste. Ich tu's nicht. Nun und nimmermehr. Aber weißt du, was ich oft gedacht hab' in dien Jahren, da ich fort war? Dn solltest dein Geschäft aufgeben und mit mir ins Schulhaus rüberziehen. Wenn mein Gehalt auch nicht groß ist, für uns beide reicht's schon zu." Frau Vollrath machte sich beinahe unwirsch aus der Umarmung ihres Sohnes frei. „Dn bist nicht recht gescheidt. Zur Ruhe soll ich mich setzen mit fünsundsechzig Jahren? Das wär' mir was. Zehn Jahre später, mit fünfundsiebzig — wenn mir der liebe Gott so lange das Leben schenkt — können wir eher mal drüber reden. Vorläufig muß ich noch sparen. Ich muß immer dran denken, wie schwer du dich nach Vaters Tod mit Stundengeben und so durch die Universität quälen mußtest, und darum hab' ich mir's in den Kopf gesetzt: So viel will ich noch zusammenraxen, daß dein Sohn, wenn du mal einen haben wirst, von meinem Hinterlassenen studieren kann, ohne daß du darum knausern und jeden Pfennig dreimal umdrehen mußt, wie Pastor Reichardt, dem die Sorge um seine Jungens durch sechs Jahre nicht erlaubt hat, daß cr sich mal einen neuen Anzug machen lassen konnte." Heinz war sehr ernst geworden; mit trübe verschleierten Augen blickte er ins Leere. „Wie geht es Reichardt jetzt?" fragte er; „steht's immer noch nicht besser mit ihm?" i Fran Vollrath zuckte die Achseln. „Seinen Verstand hat er ja wieder," antwortete sie, „und die Sprache auch, mitunter wenigstens, aber die Lähmung der rechten Seite wird sich wohl nicht mehr kurieren lassen, wie Doktor Schröder meint, wenn Reichardt selbst ja auch natürlich immer! noch hofft und hofft." 266 „Hatte er denn große Aufregungen oder seelische Erschütterungen durchzumachen, bevor der Schlaganfall ihn traf?" „Nein. Mitten in der Wcihuachtsprcdigt, die er vor all' seinen auf Besuch gekommenen Kindern hielt, mitten in dem Satz: „Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren ist," brach er auf der Kanzel zusammen, als wenn ein Blitz auf ihn niedergefallen wäre." „Der Arme! Gerade ihm hätte ich nach dein heißen Lebenskampf, den er zu bestehen gehabt hat, so recht viel Glück und Sonnenschein gewünscht ans seine alten Tage!" „Ja, es ist schrecklich. Aber sieh," — Frau Vollrath lächelte beklommen — „wenn das Unglück nicht passiert wäre, dann Hütt' ich dich doch setzt nicht hier bei mir, bann wäre doch hier nie eine Hilfspredigerstelle für dich frei geworden." Bor dem großen, vorwurfsvollen Blick, mit dem ihr Sohn sie nach diesen Worten ansah, schlug sie betreten die Augen nieder, faßte sich aber rasch und fuhr fort: „Tas hat der liebe Gott doch nun mal so eingerichtet im Leben, daß des einen Unglück des anderen Glück ist. Also wirds wohl so gut sein. Und ich habe doch wohl gerade genug duvch- gemacht, und du auch, daß uns nun ein bißchen Freude zu gönnen ist." Ta Heinz noch immer in dumpfem Schweigen stand, trat sic an das neue Plüschsofa, streichelte die Lehne und fragte: „Du hast noch gar nicht gesagt, ob dir nun alles so gefällt? Aber ich glaube, du hast dir die Sachen noch nicht mal richtig angesehen." „Aber doch, doch, Mütterchen," beeilte Heinz jich zu erwidern, indem er mit einem flüchtigen Blick die hübsche Einrichtung streifte. „Es ich herrlich, ganz herrlich, viel zu schade für mich. Nun und nimmermehr halt' ich selbst mir so schöne Möbel gekauft. Aber nun hab' ich wohl eine schöne Rechnung bei dir zu bezahlen?" Fran Vollrath blickte ihren Sohu mit großen Augen erstaunt an, „Bezahlen? Du bei mir? Tas schenk ich dir doch natürlich alles'" „Aber du —!" Hecirz ergriff seiner Mutter Hände, die von vieler Arbeit rauh und rissig waren, und küßte sie. „Du Liebe, Einzige. Das kann ich doch gar nicht von dir annehmcn!" Iran Vollrath lächelte beglückt. „Ach, es hat mir ja so viel Spaß gemacht, das alles so, ein Stück nach dem andern, für dich anznschaffen. Gerade so ein Stück nach dem andern, wenn mich auch Onkel Nagel immer darum ausgelacht hat. Und bis du heiratest — darauf kannst du dich verlassen —, kauf' ich dir noch eine vollständige Wohnungseinrichtung zusammen; das Geld hab' ich schon im Kasten liegen." „Aber" — Heinz suchte feine Rührung wieder hinter einem übermütigen Wort zu verbargen —, „wenn ich mir nun eine ganz Reiche zur Frau nehme, dann . . ." Frau Vollrath sah ihren Sohn groß an. „Das ist doch man dein Spaß," entgegnete sie, sichtlich betreten; „ober . . . aber nein, du nimmst ja doch keine andere als Martha Bartikow." Heinz b.iß die Lippen zusammen und starrte träumend ins Leere. Wie eine Vision, sieghaft, berückend, war wieder das Bild seiner schönen Eoupagenossin vor seinem geistigen Auge auf- gctaucht. Frau Vollrath zupfte pn ihrer Schürze. „Aber nun muß ich 'raus, mein Schwein und meine Ziege besorgen, auch den Hühnern Futter geben," sagte sie. „Paß mal derweile 'n bißchen nach'm Laden auf. Wenn einer kommt, rufst du mich, lind nachher koch ich uns Kaffee. Zwetschenkuchen hab' ich auch gebacken, weil du den doch immer so gerne ißt." Eilig trippelte sie zur Tür. Heinz sah ihr rach! und sah noch nach her Tür, als diese sich schon hinter der lieben Gestalt der Davoneilenden geschlossen hatte. Ja . . ._fo wie seine Mutter, dachte wohl auch Martha Bartikow selbst. Hatte er ihr denn eigentlich ein Recht dazu gegeben? . . Während er über diese Frage nachdachte, trachtete er, das Antlitz des Mädchens, das seine Gedanken beschäftigte, aus dem Tunkel der Erinnerung in die Helle seines geistigen Blickes zu rücken; aber sein Bemühen war umsonst. Zlvar wußte er, daß Martha Bartikow blond war und rosige Wangen und blaue Augen hatte; aber das Bild, das ihm vor Augen stand, nicht wcgzu- wischen, unaustilgbar, war das Bild der schönen Amazone im dunklen Haar und goldschimmernden Mantel, wie sie mit hochmütiger Miene die Peitsche über den blanken Viererzug hin- jchwippeu ließ. Zweites Kapitel. Als Heinz Vollrath am nächsten Vormittag in das weiße, lindenüberschattete Pfarrhaus kam, empfing ihn die Frau Pastor Reichardt, eine kleine, sehr korpulente Fünfzigerin, mit so gemessener Höflichkeit, daß er sich sofort sagen mußte: „Sie sieht in dir nicht den dienstbereiten, freundwilligen Gehilfen, sondern den gc- fährlichen Nebenbuhler, der gekommen ist, ihren kranken Mann vollends aus seiner Stellung zu vertreiben." Und doch — mit so hohen Plänen Heinz auch der ihm bevorstehenden Tätigkeit in seinem Heimatdorfe entgegengiug, so hegte er doch ganz gewiß keinen innigeren Wunsch, als daß Reichardt so bald wie möglich in voller Gesundheit und Kraft sein seelsorgerisches Amt wieder selbst möchte versehen können. Tenn war Heinz schon an und für sich ein Mensch, der sich durch alle Verlockungen des heute mit tausend Zungen gepredigten, „allein seligmachenden" Egoismus zur selbstlosen, wahrhaft christlichen Nächstenliebe durchgerungen hatte, so kam hier noch hinzu, daß er sich dem älteren Kollegen zur tiefen Dankbarkeit verpflichtet fühlte. War dieser es doch gewesen, der die alten Vollraths erst auf den Gedanken gebracht hatte, ihren begabten Sohn von der Volksschule weg aus's Gymnasium zu schicken, und hatte er sich doch, trotz all' der vielen Lasten, die auf seinen Schultern lagen, die schwere Mühe nicht verdrießen lassen, Heinz in einem halben Jahre in Latein und Mathematik für Quarta reif zu machen, damit der damals Zwölfjährige. nur ja die ersten beiden Gymnasialklassen überspringen könnte. Und wie er seinem Schützling int weiteren Verlauf der Schul- und Studienjahre noch manches liebe Mal mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, so war auch das auf seine eigenste Initiative zurückzuführen, daß Heinz, und nicht irgend ein beliebiger anderer Kandidat, ihm für die Zeit seiner Krankheit als Hilfs- Prediger beigegeben wurde. So war Heinz denn aufrichtig froh, Reichardt in besserem Zustand, als er zu hoffen gewagt hatte, und in sehr zuversichtlicher, zukunftsfreudiger Stimmung anzutreffen. „Gott segne deinen Eingang, mein Sohn," rief der Alte dem die Schwelle Ueberschreiteuden mit lauter, wenn auch etwas schwerfälliger Stimme zu, beugte seine Hünengestalt mit offenbarer Anstrengung im Lehnstuhl vor und streckte Heinz die vom Schlagflnß verschont gebliebene linke Hand entgegen, soweit er nur irgend reichen konnte. Heinz sah das schneeweiß gewordene Haar des, verehruugs- würdigen Greises, er sah die krankhaft fahle Blässe, die das glattrasierte, scharfkantige, magere Antlitz bedeckte, und die tiefen Runzeln, die das harte Leiden um den schmalen Duldermund und nm die großen, Hellen, ein wenig geisterhaft blickenden Augen eingegraben hatten, und impulsiv führte er die ihm zum Willkommen dargebotene Hand an die Lippen. In Reichardts Mienen zuckte es, halb in Freude, halb in Schmerz, als er dem jungen Amtsgenosscn die Hand wie zum Legen auf das braune Haar legte. (Fortsetzung folgt.) Kelmuil) von Lovlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „•Sie machen mich traurig, Wilhelm. Ich bin es, die das zerstört hat. WaS soll ich tun? Ach, da ist nichts zu tun, nichts." Er lächelte nur und sagte leise: „Sic sollen meinen Liebling doch noch jubeln sehen. Und was dann, Anne Marie?" Sie antwortete nicht und ging rascher. „Trautchen! Sie sind frisch und schön, wie eine weiße Hyazinthe. Nun kommen Sie! Adieu, mein Freund, auf Wiedersehen !" Es war eine lange, heiße Fahrt, aber Edeltraut ließ auch das schweigend und ohne Bemerkung über sich ergehen. Sie saß in ihren leichten Mantel gehüllt, den weißen Basthut hatte sie sich in die Stirn gezogen. Tas Pony trabte fleißig und ein kleiner silbergrauer Pintfcher begleitete das Gefährt. Die Sonne schien von wolkenlosem, indigoblauem Himmel. Ter Wind hatte sich ganz gelegt und der Staub, welcher unter den Rädern hervorquoll, wälzte sich langsam über die Straße. Von den Pappeln hingen die Blätter regungslos herab und im Grase schrieen die Grillen. Cdeltraut blickte unwillkürlich prüfend über ihre FeEier hin, denen Regen. nottat. Dann dachte sie bitter: Meine Felder? Darf ich das wirklich noch sagen? Anne Marie sprach- von Zeit zu Zeit, um das Schweigen zu unterbrechen. Sie tonte, daß mau in Bardes grade zum 267 — „fürchte nichts". , , , „ . , .., Edeltraut hörte das alles. Ihr Gefecht versteinerte sich ! förmlich, sie wandte sich von Loyscn, der sic noch immer, achtlos aus die übrigen, wartend und bittend ansah und ging, ohne ein Wort zu verlieren, mit der Hausfrau in den Salon. „Alter Junge!" —hörte man Regitz .rufen mit seiner Stentor- ftiuntte — „kommst dn eine Zigarre rauchen?" Er drehte sich kurz nm, aber anstatt in das Rauchzirnnier, ging er stracks in die Borhalle und die Treppe hinab. Mochte Recknitz denken, daß er vorgezogen habe, den Tarnen Gesell,chasl zu leisten. Draußen stand er einen Augenblick und hielt sich die Hand vor die Stirn. Klarheit mußte er haben, und zwar gleich. Nicht eine Stunde konnte er diesen Zustand länger aushalten. Klarheit konnte ihm aber nur Wilhelm bringen — also zu Wilhelm. In drei Stunden kamen die, Gäste, die ihm zu Ehren geladen waren, er hatte Recknitzens versprechen müssen, da zu sein also galt rs eilen. Edeltraut durfte auch nicht ahnen, wo er gewesen. , „ „ .... , . . . Während er d>is dachte, lvar er schon im Stall, öffnete seines Mittag ankäme, die Gäste wurden erst am Nachmittag erwartet. i Zum Essen würde man ganz „unter- sich sein. Dann kam erst die Frage: „War Helmuth heute morgen, in Rothmde? Ja er hatte es mir schon gestern gesagt. Deshalb lud ich ihm seine Schwägerinnen ein. Wilhelm war nicht zu Haufe, I er war zu einem Schwerkranken gegangen." . „Seine Schwägerinnen?" wiederholte Anne Marie Ja Frieda und Julchen. Sie freuten sieh so sehr, ihn - !£ L * ** - Endlich wa/ BacdcS ^reicht. TaS Psiw WJj«#*] ben Kopf und Anne Marie liest es im Schritt durch den Part I gehen. Als man aus diesem heraus in die Anlagen tarn mit I ihren Springbrunnen und Blumenroiidells, erblickte Edeltrant I rechts auf der Bank unter deii alten Eichen em Paar sitzen — Lohseu und die schöne Ada von Valois. I Das also nannte Anne Marie „ganz unter uns . vss l wurde ihr jetzt erst klar, dast ihr dies Bild während der ganzen Fahrt vorgeschwebt hatte, und sie wunderte sich, datz sie es so im voraus gewusst hatte. , I Das Paar erhob sich, als das Dogcart in sicht kam, und i näherte sich dem Hanse. Lohseu grüßte, vergeblich auf einen Gegengrust wartend. Ada sagte, als fw in Hörweite waren vernehmlich mit ihrer tiefen Stinnne. „Oh! - Gesuch? Und ich hoffte, wir mürben bis zum Nachmittag unter uns bleiben. Ihr Begleiter achtete gar nicht ans ihre Bemerkung, ferne Blicke folgten der Gestalt im wehenden Staubmantel, die schon Dom Wagen gesprungen und zwischen Marie Anne und Anne Marie im Portal verschwunden war. Da war nur Zeit zu einer kurzen Begrüßung, dann ging es zu Tisch. Es mar wirklich nur eine kleme Tafelrunde und Edeltrant fast dein schönen Paar gerade gegenüber. \.oi)jeit redete sie mehreremal an nnd sie antwortete mit erzwungener Heiterkeit und bereute mit jeder Sekunde mehr, hierher gc- kommen zu sein, denn wahrlich, so gestand sie sich mit Ber^ wundern, hier luar es noch unerträglicher als zu Haufe. Dix schöne Ada hatte das Talent, die Unterhaltung zu I beherrschen. Sie sprach dabei sehr langsani und leise, aber ihre । gehaltvolle Stimme drang an jedes Ohr und konnte Nicht ig- noriert iverden. Natürlich sprach sie von Loysens Aufenthalt in Afrika und schien alles zu wissen, was er getan und erlebt hatte. Edeltrants Ohr sing die in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen wiederkehrendcn Versichernngen ihrer Teilnahme imb Sätze aus, luic: Das hat mir ben tiefsten Eindruck ge- macht! — Tas hat mich stark ergriffen! — Tas gab mir am meisten zu denken. , , „ ,, Endlich war die Mahlzeit beendet, allgemeines Händeschütteln. Marie Anne küßte Edeltraut herzlich und ganz un- besangen, zog dann bereit Hand durch ihren Arm und führte sie, von Lilly nnd den Kadetten erzählend, in den «alon, al» Lohseu ihnen in den Weg trat. Er verneigte sich vor Edel- traut und sie reichte ihm ihre freie Hand, — die Linke. , „Ich bitte um Ihre Hand, aber um die Rechte, trautem Don Haide," sagte er — es war ihm unmöglich, sie vor der Fremden beim Taufnamen zu nennen. Ada Valois, die mit Marie Anne vorausging, nickte dieser lächelnd zu: „Fräulein von Haide wird das für einen Heiratsantrag nehmen," sagte sie scherzend — „cs klang beinah so. „So — phantasievoll ist Trautehen nicht, bemerkte Anne Marie mit all der ihr zu Gebote stehenden leisen Bosheit, Gaules Box, führte ben Rappen heraus, legte ihm den Sattel ans, warf ben Zaum über, und als der erschrockene Reitknecht herbei* stürzte, war Fra Tiavolo schon gesattelt und der Rittmeister ritt bir-eft hinter dem Stall unter den alten Linden hin in den Park. Zuerst im Schritt, dann, als der Park erreicht war, im Trabe und dann in Galopp fallend. Seine Hand strich über des Rosses Mähne, „alter Freund," sagte er, „du sollst heute dein Meisterstück machen. Es gilt!" — und dann gab er dem Pferde Raum, e§ griff in mächtigen Sätzen aus. Tast er gar Nicht tut Reitanzug, sondern im schwarzen Rock war und Lackschuhen, fiel ihm erst em, als der Park schon weit hinter ihm lag. Einen Hut hatte er, aber weder Handschuh, noch Gerte, noch Sporen. Trotzdem merkte Fra Tiavolo plötzlich, dast cs Ernst sei — er durste nicht nur, er musste, lind da fuhr es ivie Feuer in des Pferdes Gliedei, es streckte sich und nahm den Weg mit Windeseile in langen, flachen Sätzen. Der Weg ivar weit und Fra Tiavolo halte ihn heute schon einmal gemacht, aber Loyscn hatte sich mast iiiihin getäuscht Unter der sengenden Somieuglut trug ihn das vTcro in einer Zeitspanne, die er nachher nie zu nennen langte, gen Rothaide, durch den alten Torweg in den Hof hinein. Am i Stall hielten sie. Der Schwelst sloß dem Tier m ertönten I am Leibe herab, der Atem flog, aber das Äluge blickte nut all der gewohnten trotzigen Wildheit, und von Ermüdung zeigte ,tch Abreiben!" — rief Lotsten dem Kutschet zu und sprang dann 'ins Haus, direkt in Wilhelms Zimmer. Der fast rechnend am Schreibtisch und blickte sich bestürzt um, als Loyfen ohne weiteres einen Stuhl herbeizog, sich setzte, mit dem Taschentuch über seine Stirn fuhr und sagte: I „Wilhelm, ich habe mit dir zu reden. Was ist mit Edel- I l‘T „Lieber Helmuth — ich bin noch ganz erschrocken. Tn hier? Was" ist uttt Edelttaut!" — wiederholte Helmuth hartnäckig, „ich "gehe liicht, bis ich das weist! — Sie ist, ja nicht rnehÄ dieselbe. Sie kann kaum ihre Briefe felbst gefchrreben haben. Stumpf, gleichgültig, stumm sitzt sie da — iimgewandett und ""^Lieb^Freund, jt1 ihr ist etwas, geschehen Ich habe darauf gewartet, dast du mich tragen würdest. Ich mußte emcntlich fagen, mir ist etwas geschehen, aber das ist ja ^-fchen Cd l und mir dasselbe. Ich must also von mir reden. Emmi erst du dich, I daß ich dir einmal hier von einer Jugendneigung spracy, der "Lulle stammelte Lohseu völlig verwirrt — er fühlte sich I auss peinlichste berührt und wußte selbst kaum, daß er laut dachte. I Wilhelm fuhr auf und sah ihn sprachlos an. I Verzeih Wilhelm, ich hätte den Namen nicht nennenjoHen Ä nun ift üe ja nicht mehr. Dein Geheimnis war - Luise? - Stand,. armer Helmuth, hast du das wirklich geDachl? für immer Als Luise in unser Haus kam, war mein Herz langst für immer burd) die Eriunermtg an eine andere gefeit. Nun mid ■ diese anbere . . . siehst du, dir muß ich's sagen! ™ war deine Schwester ^""Loysen chst sprachlos rar Statuten. Tas war ihm unfaßlich. Wilhelm erzählte ihm nun alles — auch wie sie sich M nach siebzehn langen Jahren wiedergefunden hatten m treuer Freundschaft. Denke nicht, daß ich mit so ilnzureichendeni Namen nenne, was "einen höheren Titel beansprucht. . ich bm ^r tchm das, vin-t fühlt ganz klar, aber fie will es fo uninen. Und nun hast du den Schlüssel zu Edeltrants Wesen — 1>e weiß hierum. Begreifst du,was das heißt. und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Ich hätte es mir denken können!" - murmelte ei - i „nur' das konnte sie so verändern." Er stand und sah starr ins Leere. „Als ein entwurzelt Bäumchen steht sie da/ fuhr Wilhelm fort „und ich denke, du allein kannst es wieder einpslauzM. Da "ging es wie ein Ruck durch die Gestalt des anderen, I cd neckte sich empor und ein helles Feuer leuchtete in seinen | Augen. , ~ „Für das Wort danke ich dir, Wilhelm! — Und nun I6H I mich • . • ich weiß genug!" (Fortsetzung folgt.) 768 Gießen. Kür die Krauen. ' Glücklich sein trotz Heirat. Man sieht mitunter Ehepaare, von denen man meinen möchte, sie haben ganz vergessen, daß sie sich doch nur geheiratet haben, um einander glücklich zu machen. Eine Frau dagegen, die immer lieb und vertraglich ist, zeigt damit, daß sie entweder eine Philosophin ist oder eine größere Portion weiblichen Instinktes besitzt. Solch eine Frau hat erkannt, daß die menschliche Natur mangelhaft ist und hat sich deshalb vorgenommen, immer gefällig zu sein und kleine Nörgelein und Aergerlichknten zu übersehen, weil daraus größere Streitigkeiten entstehen können, die gar zu leicht den Sonnenschein in der Familie dauernd zu trüben imstande sind. Fühlt sich eine Frau nach der Ehe enttäuscht oder mit ihrem Gatten unzufrieden, so soll sie sich daran erinnern, daß vielleicht auch der Gatte mit ihr unzufrieden i ifh ®ic menschliche Natur ist ja so unvollkommen und jedes I Ding hat zwei Seiten. Was wir zu tun haben, ist: immer | das Beste wollen und nicht die Schuld an jedem kleinen Dina auf den anderen schieben. J Die Emanzipation der türkischen Frauen hat, >vie David Sandler im 15. Heft der illustrierten Zeitschrift „Ueber Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) ausführt, in den letzten Jahren überraschende Fortschritte gemacht. Schoii der äiißere Wandel in der Tracht verglichen 1,1 d ber vor etwa fünfzehn oder zwanzig Jahren, ist äußerst auffallend. Der „Jaschmak" (Schleier) und das „Feredsche" (Obcikleid) haben große Veränderungen erlitten. Der erstere der nach mündlicher Ueberlieferung die Gesichtszüge der Hanum vor den Blicken der Uneingeweihten, der Fremden und Passanten besonders aber der Männer aufs sorgfältigste verhüllen muß' fallt nunmehr allmählich fort. Die meisten der Türkinnen spazieren gegenwärtig in den Straßen Konstantinopels aam unverschleiert und lassen unverhohlen, manchmal mit sichtlicher ®S°,"bern?er ^ettcrie und Wohlgefallen die Reize ihrer , Gesichtszuge sogar von Giaurs bewundern. In iveniaer bte Farbe der Haare, d,e Umrisse des Gesichtes und das Fabren"kr "b"'tl,ch sehen kann. Tas Feredsche, das in früheren Jahren breit und lose war, um die Konturen des Körpers nicht zum Vorschein zu bringen, ist jetzt sehr häufig nach euro- Mu ter zugeschmtten und iveist nicht selten einen Gürtel um die brülle auf. Wie bekannt, ist es den inoslemitischcn ^,ailcn nie gestattet, sogar mit den nahen Verwandten ^bschlechts im Harem und noch weniger auf der lJn,9?ng zu pflegen. Nunmehr jedoch ist es keine Cmre '^«"tische Schöne in einem Wagen oder „Kail (schmaler, spitzer, flinker Nachen) in Begleitung eines "'m ^"'vandtenund nicht Eunuchen, r.mherspazieren zu sehen. Vor zivanzig Jahren wurden die Possenstreiche des ^genannten Karagöz" (Schwarzauge, eine Art volkstümlichen Polichinelles) nur in den Hare,l>s zur Beluktiaunö kan?'!nan^ oTmTT Woüum§ »«fgeführt. Heute jedoch S, K K - oanze Gruppen von Hanums, besonders aber wahrend des Festmonats Ramazan, wo bei Tage gefastet unb I /Är? Wachts geschmaust und gejubel? wird, dem im Schähzadeviertel von Stanibul I zustromen sehen. Die Zeit wird von den fortschrittlich gesinnten I ^urlinnen sehnlichst hcrbeigewünscht, wo sie auch imstande sein i iDcr&c», das europäische Schauspielhaus in Pera oder die I öffentlichen Kaffeehäuser, wo ein kühles Nargile" und I duftender Mokka verabreicht werden, zu besuchen 9 e _ Vermischtes. imn fn nn ^lQl,er ü rger IN e i st e r. Die Pocken. äs « Zeitschriften. »ÄÄ’Ä ää SVLÄurS g« s?,X’®„K sL?'Lm-»L°L" a äääää;?» Zcitiing bnngt auch sonst des Jnlereffanten die Fülle, z. B einen ®ph?rM^° 9ms U0U „Haits im Gluck«, Novellen und Gedichte, Bilder und Berichte aus dem sozialen und poliiikben oeftp'm h» jN^euwart. Eine Kunstbeilage ist dem Sterte vormi- ? l | die Modenbeilage bringt Frubiahrstoiletten, m>d die Kinder- "_?uv "nsere Jugend ist das Entzücken der kleinen Welt. D Haufrau findet ni den „Praktischen Alitteilungen" Anregung lind Ratschlage für Küche und Haus, Gesundheitspfleae unä Er. ziehung. ^Verlag W. Vobach & Co., Leipzig.) J H 9 ö onifen haben einen schiveren Stand, wenn sie die Bevölkerung r» S\':lSr “ä Ä r’ 1 dcb Alkalde von Madrid alif einen klugen Einfall ge-° k°U'MM, durch> den er viele zu der segensreichen Kuh-Lumphe s-)ntr brli e bct f^'uem Plan a,if die Spielleiden, schäft, die so ziemlich m allen Kreisen der spanischen Be. völkerung mächtig ist, und eröffnete eine Lotterie, deren Ziehungen einige Jahre hindurch alle drei Monate stattfinden werden und für die jede Person ein Los gratis erhält wenn er sich unpsen lagt. Die Wirkung dieses Mittels war über alle Erwartungen erfolgreich. Die Aerzte konnten gar nicht S-nug «»mph. h-rl>,i,ch„ff,m f» virfe &„l, w-M-n K bJ5°ä.ebui’ vornehmen lassen, und das Vorurteil war plötzlich bei den meisten besiegt. Rätsel. hff/l Eal's nut „n", als ging es um die Wette, Bekam s nut „n"; der Arzt besaht „Zu Bette !" Auflösung in nächster Nummer. ' Geschick. i- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen. Auflösung der gleichlautende Wörter mit verschiedenartiger Bedeutung in voriger Nummer: ........... - Goldene Worte. Wer nur zu schenken bat, ist wie ein Edelstein, »«.«• f'ch "ueh kehrt, strahlt seiner Klugheit Schein! Wie letcht ists Neichen, klug zu sein! 1 r Friede, v. Hagedorn. ... Die meisten Erfahrungen über mich selbst habe ich in Auaen- ebrfmii'itefleilmC)f' ’U0 ,d) b,c Eigentümlichkeiten anderer Menschen ' „ Fr. Hebbel. Jedes Alter hat sein Hoffen, Jede Zeit ihr stilles Blühen. Hallet Äug' und Herz nur offen, Laßt das Glück euch nicht emfliehen! Das L'eben gleicht einem Buche. Toren durchblättern es lsltur'einmal lesen könnet? ®Cbad)t' ‘Uei( fie 'E°", daß sie