Samstag den 29. Februar 1908 5 ‘1 i l L W Kelmutß von Lovlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) In diese Empfindung hinein klang das jubelnde Geschrei der spielenden Kinder, es hallte wider von beit hohen Steingewölben der Treppenflure mit Rufen und Kommandieren, und rückte näher und näher. Loysen empfand die lärmende Heiterkeit wie eine körperliche Qual. Er riß die Mütze vom Halter, warf sich den Mantel um und verließ ans einer Seitentreppe das Haus. Nur hinaus und gehen, ganz gleich wohin, nur schnell gehen, bis zur Ermüdung. So sah er sich bald auf der nach Braunstadt führenden Chaussee und schritt achtlos auf Weg und Wetter immer weiter. Ter Stegen rieselte an ihm herab, ohne daß er cs beachtete. Seine Gedanken arbeiteten jetzt wie losgelassene wilde Dämonen. Er glaubte fest, es sei der Anfaug zu einem Gehirnfieber. Unerträglicher Zustand. Abschütteln läßt er sich nicht, er sitzt fest wie eine Harpune. Ihm war, als stünde er gebunden einem Dod- feinde gegenüber, und seine Wehrlosigkeit war es, die ihn so maßlos reizte. Aber das ist ja Unsinn. Er muß sich raffen, klar sehen, einen Entschluß, fassen. Entschluß? Welchen denn? Für ihn gab es gar keine Entschlüsse mehr. Tas ist das Hoffnungslose,, daß er einem Gewesenen gegenüber steht. Was geschehen ist, ist geschehen. Es ließ, sich nicht ungeschehen machen, am wenigsten ließ es sich gut machen. Gut machen? Was sollte denn das heißen? Auf seiner Stirn perlten Tropfen, die nicht aus den Regenwolken stammten. Er kann nicht nur nicht gut machen —• er darf ja gar nicht. Daran ist gar nicht zu denken. Also fort mit dem Schreckgespenst. Ein nasser Ast schlug ihm klatschend ins Gesicht. Mit einem zornigen Griff riß er ihn herunter und warf ihn seitwärts ins Feld. „Elende Wegverwaltung —!" schimpfte er, als sei ihm dies eben die Hauptsache. Dann ging er mit großen, eiligen Schritten weiter. Ter Regen ließ nach, nur von den Pappeln tropfte es noch herab, am Himmel entstand eine lichte Stelle, die Wolken wurden schleierhaft, sie schienen von Glanz durchleuchtet und von Blau durchschimmert. Ein paar Goldammern flogen, ihr Gefieder schüttelnd, mit hellem Ruf von Baum zu Baum. Tas hatte nun wieder gar keinen' Zweck. Weshalb konnte es nicht fortregnen? Ihm paßte das viel besser als dies verheißungsvolle Leuchten. Ter Schatten, der fein ganzes Leben zu verdunkeln drohte, wich damit ja doch nicht, nein, dunkler nur, intensiver formte und ballte er sich, bis er Ge^ statt anzunehmen schien und, näher und näher rückend, flüsterte: Und du wirst es bodji tun! — - Doch tun? Was denn? Es war eigentlich noch gar kein fertiger Gedanke, es war ein Schrecken,, der lag gleich einem formlosen Keim auf dem Grunde der Todesangst, die seine Seele erfüllte. Mit gefurchter Stint und zusammengebissenen Zähnen ging er weiter. Es ist eben alles ungeheures Pech und weiter nichts. Man muß es eben abwarten, nicht mehr daran denken, unberirrt weitergehen auf dem nun einmal erwählten Wege. Und doch — die Furcht verließ ihn nicht. Seltsamerweise nicht die Furcht vor all den Schwierigkeiten, die es jetzt zu überwinden güt, vor den. neuen Hindernissen, mit denen er rechnen muß, um sein Ziel zu erreichen — sondern Furcht vor sich selbst. Keine fremde Gewalt wird sich gegen ihn erheben — in sich selbst ahnt er seinen Glücksmörder. —. — — --- Eins war gut. Sein Urlaub ging ohnehin binnen kurzeist zu Ende. Er konnte ihn noch abkürzen, irgend ein Vorwand wird sich finden. Marie Anne wird denken, daß er sich beim' Fräulein von der Haide einen Korb geholt hat, aber es ist ihm so furchtbar gleichgültig, ob sie das denkt oder nicht. Als cv endlich wieder in .Barstes ankam, durchnäßt unb' müde, zog er sich um und wollte nun an Wilhelm schreiben, aber er kam damit nicht zustande. Was denn anch um Hirns melswillcn? < Man hatte seine Abwesenheit gar nicht bemerkt, es fiel daher auf, daß er nach dem- Abendessen, als er mit Recknitz Billard spielte, fieberheiß aussah und über Kopfschmerz klagte. Marie Anne begriff nicht, wo er sich das geholt haben könne, aber es war sicher, daß er die nächsten Tage mit einem heftigen Erkältungsfieber — zu Stubenarrest verurteilt war. Ihm selber war bte körperliche Krankheit eine Wohltat. Sie bewahrte ihn vor Schlimmerem. Am zweiten Tage schrieb er nun doch an Wilhelm, teilte ihm mit, daß er krank sei, und sowie er hergestellt, in seine Garnison zurückkehren müsse. T-er kurze Brief hatte eine Schlußbemerkung: „Vor drei Tagen besuchte mich Gotthard Becker, unb fa erfuhr ich er ft, daß die Familie diesen Namen führt. Ich habe das nicht gewußt." Für Wilhelms feines Verständnis ist das genug. Nun weiß der, weshalb sein Freund nicht wieder in feilt Hans kommen kann, darin eine Luise wertgehalten ward — noch weniger aber in jenes andre Haus, welches den alten Mann birgt, der noch unlängst segnend vor ihm gestanden. Noch drei Tage und er war reisefertig, ließ den Burschest packen und schickte ihn mit dem Pferde voraus, verabschiedete sich in der nächsten Nachbarschast durch Abwerfen von Kartest und konnte es nun kaum erwarten, selbst fortzukommen. Nur hier heraus. Ihm wird erst wieder wohl fein, wenn er an der Spitze feiner Schwadron reitet und SchnadewitzcnS schnarrende Stimme räsonieren hört! Nun war noch der Abschied von den Geschwistern zu 6e* stehen, die nicht einsehen wollten, weshalb er um den ihm doch sicheren Nachurlaub nicht emgekommen sei. Aber sie wußten ja, wo er nun einmal am liebsten war, und ergaben sich; und so reifte er denn eines Tages mit dem einzigen Knrier- zng, der Jarowitz passierte, ab, in aller Herrgottsfrühe, beiist Morgengrauen, ungeduldig und erwartungsvoll — mir heraus aus dieser Luft! — — — — —. — 134 And jeA lvatt er nun schott seit mehreren Wochen wieder in Klippingen, ganz Menst, ganz militärische Interessen, früh in den Reitbahnen oder im Feld, abends mit den Kameraden im SchützenhanS nm Schwanenteich, ivo sie von Manöver,,, Rennen, Bällen, Verlobungen sprachen, und er, wie immer, der Allbeliebte, Gesuchte war. Wer ihn nicht genauer kannte — unb der Grundzug seines Wesens lvar sehr wenigen bekannt — mußte glauben, daß nach wie vor all feilt Denken und Wollen in seinem Svldatenbcrns wurzelte, und das Zukunftsbild, dereinst • nn der Spitze seines Regiments zu stehen, unentwegt vor ihm stand. Das war ja vielleicht auch noch so, nur sah er Kbt dies Zukunftsbild gleichsam in einem Spiegel, dessen Glas, zersprungen, das Geschaute verzerrt und gebrochen wiedcrgab. Ihm war manchmal so seltsam zu Mut, als sei er tot und blicke von oben auf seine einstige Gestalt zuruck, die, noch mcht vernichtet, ein mechanisches Scheinleben führte. So lange er ine Dienst überhaupt i» Aktion war, kam ihm diese Vision nicht, aber allein mit sich überfiel ihn oft «ine tödliche Erschlaffung, so groß, daß sic ihm den gesunden Schlaf raubte. Schnadewitz war derjenige, der, außer dem Obersten, das alles ahnte, aber seht zu sehr von seinen Bräutigamspflichten und -gefühlen in Anspruch genommen war, um für wachsame Beobachtung Zeit zu finden. Für das, was er sah, fand sich bald eine etwas sonderbare Erklärung. Ein blutjunger Leutnant, der Verwandte in Braunstadt hatte, war kürzlich ans einige Tage nach Schlesien gereist, um eine Hochzeit mitzumachen und brachte unter dem Siegel der Verschwiegenheit die interessante Nachricht mit, die schöne Ada von Valois habe seiner Taute Landrälin angebeutet daß sie sich nicht entschließen könne, dem Rittmeister von So liiert ihre Hand zu reichen. Da hier niemand die als Schönheit posierende Tome kannte, glaubte man an einen Korb, und wenn Loyseir nicht ganz so frisch und fröhlich wie sonst ins Zeug ging, sah man sich verständnisvoll an, und seine Leutnants, die beide für ihn schwärmten, murmelten: „dumme Gans!" Schnadewitz kam wie immer nach dem Dienst ans zehn Minuten in Loysens Zimmer — er wohnte im selben Hause — nm ihn zmn Frühstück abzuholen. Unter anderen Umständen wäre es Lohse» ein Gaudinue gewesen, diesen Wunderlichen in seinem Glück zu sehen, jetzt empfand er dies Glück nur als eine Schnadewitzens Aufmerksamkeit ablenkende Wohltat. Er brauchte selber gar nicht zu reden, das besorgte Schnadewitz. Zwar war der -immer furchtbar verlegen und brachte alles stolpernd vor — aber reden mußte er. Helenens Nachgiebigkeit, Helenens Sanftmut, Helc- itenS Fleiß, Pflichtreue, Opferwilligkeit, das waren unerschöpfliche Themata und dem sonst ewig Spöttelnden lauter Wunder und Offenbarungen. Er konnte sich keinen besseren Zuhörer wünschen. Loysen kämpfte nicht einmal mit einem Lächeln. Der Humor war ihm abhanden gekommen. Tie einsamen Ritte durch Dobraner Revier waren ihm jetzt durch das einige Grübeln über den Konflikt in ihm- zu einer Marter geworden. Anfangs ging es immer ganz gut. Er ritt lange vor Begin» des Dienstes schon aus, mit dem Vorsatz, alle Albernheiten in den Wind z» schlagen und zu genießen, jvas ihm Labsal war. Der junge Mvrgenglanz färbte die Kiefernstämme, -daß sic gleich schuppigen, bronzenen Panzern leuchteten, und die Luft strich, frischen Erdgeruch mit sich führend, durch das steife, schilfige Gras an den Wasserlachen, in denen sich der Himmel und die leuchtend grünen Kicfernäste spiegelten. Wiesen breiteten sich aus, die im Silberschmuck des Morgen- laues schimmerten, die W-aldamseln flöteten und hoch in den Lüsten klang der helle scharfe Schrei eines schwebenden Raubvogels. Fra Tiavolo schnob und streckte die kraftvollen Glieder im schlanken Jngdgal-opp und Loyse» fühlte sich stark und mutig Md dachte an nichts als an fein Pferd und seine» Weg, bis irgend ein geringfügiger Nebengedanke plötzlich all jene Nachtvögel ausflattern ließ, die er feit Jahren aus den Grund seiner Seele gebannt hatte. Auch dann war er anfangs »och ganz trotzige Abwehr: Es ist ja alles Unsinn, Hirngespinst, sagte er sich,, ein jämmerlicher Wicht,. der nicht einen bösen Zufall, ein widrig Geschick unter sich zwingt und die Fran, die er sich erkoren hat, doch heimführt! — Und dann begann schon dies qualvolle Durchdenken des Ganzen, womit er sich z» Klarheit und Ber- inuuft emiporarbeiten wollte, unb was nur immer zu einem Kamps führte, darinnen sich seine Seele zerarbeitete. Dann ritt er nach Hause, erbittert und erschöcht, und suchte ein neues Heilmittel seiner „Geisteskrankheit", wie er es nannte, in gewissenhafter Tiensterfiilluttg. Da hatten freilich keine anderen Bor- stellungen Raum- und er atmete wieder auf, bis sich nach Beendigung der Arbeit hie Depression wieder einstellte. Ter Oberst fragte ihn einmal freundlich, was ihm fehle, er sehe feit einiger Zeit nicht so gut ans, wie sonst. Loysen versuchte zu scherzen: Einem Soldaten fehlt nie etwas, Herr Oberst! — Aber dann gab er zu, daß er an Schlaflosigkeit leide. Run kam Tante Kvmmandöschen an mit vielen guten Ratschlägen und erschöpfte sich in Liebenswürdigkeit. Sie nötigte ihm ein Mittel auf und wirklich schlief er in dieser Rächt — aber mit dem Schlaf kamen Träume, denen fein Geist wehrlos gegenüber stand. Tas Gesicht des Pastors tauchte vor ihm auf, kummervoll und bleich, die schwarze Gestalt wuchs ins Unendliche und hielt die segnenden Hände über ihm-, und er sank vor ihm nieder, von einer ungeheuren Last erdrückt, und je tröstlicher die segnenden Worte klangen, desto .schwerer ward die Last. Dann stand er wieder unter einem dunklen Himmel in öder, verlassener Gegend, dem Kandidaten gegenüber, die Pistolen erhoben — die Schüsse krachten und er sah sein Gegenüber blutend zufarnmen- stürzen — so fällt, wer nie wieder aufsteht. Er hatte ihn getötet. Er hatte „Genugtuung geben wollen" und hatte dem Vater den einzigen Sohn gemordet. Und wieder stieg diese schattenhafte Priestergestalt vor ihm auf, und er wollte das Gesicht nicht sehen und rang mit verzweifelter Kraft gegen Schlaf und Traum, bis beides zerrann und er, schwer atmend, mit heftig klopfendem Herzen erwachte und aufsprang. Wenn das noch lange so dauert, werde ich verrückt, dachte er, das wäre schließlich das Allervernünstigste, was ich tun könnte. Um nicht wieder einzuschlafen, zündete er Licht nn, nahm ein Buch und begann zu lesen. Aber das ging nicht. Er stand noch zu sehr unter dem Einfluß des Traumes. Eine unsägliche Sehnsucht erfaßte ihn, an Wilhelm zu schreiben, sich mal all das vom Herzen zu schreiben, was ihn quälte. Dabei muß ihm doch selber leicht werden, und er lernt cs einsehen, daß er ja im Grunde unschuldig ist — aber Wilhelm, der sah die Tinge so auf seine Weise an, der konnte ihn hier doch nicht verstehen. Tann flüsterte wieder die innere Stimme: Es ist ja weder Wilhelms Urteil was du fürchtest, noch alles, was sich dir sonst hindernd in den Weg stellt, sondern deine eigene Hand ist es, weil sie es sein wird, die dein Leben in Stücke schlägt ... So ging es hin mit ihm, Woche auf Woche, und endlich kam die Manöverzeit. Er atmete aus. Tas war's, was ihm Heilung bringen wird. Tie. Vorbereitungen nahmen ihn ganz in Anspruch, er schlief wieder gut und seine Träume waren eine lange Reihe von Kriegsbildern, deren Held er war. So kam der Abend vor dem Ausrücken. Pferde und Mannschaften waren in Bereitschaft, Loysen hatte Grund, nnzuuehme», daß seine Schwadron sich auszeichnen werde. Er saß in seinem Zimmer, während der Bursche seinen Kvsscr packte nnd dann nach dem- Gepäckwagen trug. Einmal allein, sing er an,^in feinen Schiebfächern Ordnung zu machen und namentlich den Schreibtisch duvchzusehcn. Morgen früh händigt er, wie jedes Mal, der guten Fran Ktansewald den Schlüssel seiner Wohnung ein. (Fortsetzung solgt.) £oiü$ piftor. (Originalbeitrag der „Gieß. Fam.-Blätler") In tat Schriften, die zur dritten Jahrhundertfeier der Gießener Universität erschienen, wurde selbstverständlich auch das „Studentenleben der Vergangenheit" berücksichtigt. Eines Mnsen- lohneS alten Schlags wird darin nicht gedacht, 6er s. Zt. viel von sich reden machte und von dem heute noch ■— weil er ein Original war — in Gießen, Darmstadt und anderswo gesprochen wird. Ich meine den stud. jur. Louis Pi stör, den sein Freund Reinhard v. Dalwigk, der spätere Hess. Staatsminister,^poetisch verherrlicht hat. Pistor lvar ein Darmstädter Kind; seine Familie hatte Beziehungen zum Grvßherzoglichen Hose, daher kam eS, daß er und Dalwigk näher mit zwei hessischen Prinzen bekannt wurden, die gleichzeitig mit ihnen die Universität Heidelberg besuchten. Hier entwickelte sich bald ein lustiges Studenteuleben: es it-urbe rommersiert, gepaukt, Ulk getrieben und viel Geld verpulvert. Tas Studium war Nebensache. Pistor war sehr freigebig: er pumipte tat Freunden seinen letzten Groschen. Auf einer Fußtour von Darmstadt nach Heidelberg verjubelte er mit einem Freunde feinen Wechsel von 260 Gulden, eine für dte damalige Zeit — zu Anfang der zwanziger Jahre —. bedeutende Summe. Stolz wie ein König war Pistor, wenn er seine Komun- litoncn untern Tisch trinken konnte. Auf Drängen seiner Angehörigen verließ Pistor Heidelberg und bezog die Landesuniversität Gießen, wo er seine Studien beendigen und das Faknltätsexamen ablegen sollte. Eine stattliche Anzahl von Semestern verstrich, bis er sich endlich dazu entschloß. Bon einem sog. „Einpauker" vorbereitet, mit „Spickern wohl versehen und vom Glück begünstigt, brachte es Pistor soweit, daß er zum „mündlichen" Examen zngelassen wurde. , Dieses „Mündliche" schildert Dalwigk in ergötzlicher Weise poetisch, "t der-Form von Kortüms „Jobsiade". Dalwigk nannte sein Poem 135 „P istoriad e", das aber nur handschriftlich verbreitet Wurde. Lier einige Proben: Was nahet so dumpf, was walzt sich so schwer Hin zu dem Hause des Herrn von. S ö h r? Tie Professoren sinds der Juristenfakultät, Ter Kanzler an ihrer Spitze geht. Und hinter ihnen, nicht auf Rosen, Schreitet Herr Pistor in kurzen. Hosen; Heut hilft kein Auszug, kein Extrakt, Heut wird er im „Mündlichen" angepackt.*) Tie Professoren nahmen Platz: sekundiuni ordinem. Dekan ^vvn Löhr hält den» Kandidaten eine kleine Standrede über seine ' Maturität, sein Betragen, seinen Fleiß. Tas stand alles in den Mkten. Ganz säuberlich waren die Tinge nicht. Da aber Pistor „fein Demagoge gewesen", wird er zum Examen zugelassen. „9hir Mut und Geistesgegenwart" empfiehlt Herr von Löhr und fragt: „Was ist die falcidisch-e Quart?" Tas Gedicht fährt fort: „23ei dieser Frage des Herrn Dekan Sah ihn der Pistor voll Erstaunen an Und sprach: „Daß ich oftmals dabei bin gewesen, Ist deutlich in meinem Gesichte zu lesen. In Heidelberg schlug ich wohl manche Quart, Doch niemals eine von dieser Art. Toch will ich gleich eine Wette wagen, Tie Falcidische lern' ich auch noch schlagen." Tie Professoren waren von dieser Antwort wenig befriedigt: . in der „Pistoriade" heißt es: .„Bei dieser Antwort des Herrn Pister Entstand ein allgemeines Geflüster; Tie Fakultät schüttelt mit lautem Hem! Hem! Die Köpfe extra ordinäm." Herr von Löhr legte dem Kandidaten noch eine Frage vor: „Was ist der Grund, au5 dem das corpus jnris canpuicb Aufhob die Wirkung der Infamie, Was ist die legis ratio?" -Pistor antwortete: „Ich ahne, was den Herren im Köpf gesteckt hat, Sie haben gedacht: Varia tio delectat." Run begann Professor von Lin de los**) zu sragen: „Herr Kandidat, können Sie mir sagen: Wer hat die goldene Bulle verfaßt?" Und der Pistor ries: „,Tarauf hab' ich lang gepaßt, Was weiß ich genau und wills nur gestehen, Ich Habs in Darmstadt im Theater gesehen, Es war der Otto von Wittelsbach, Ter den Götz von Berlichiugen meuchlings erstach." Prosessor von Linde los fragte weiter: „Was verstehen Sie unter Aktenextrakt?" Pistor antwortete: „Extrakte kennt jedes Schaf, Es sind Auszüge in kleinem Oktav, Tie, wenn sie das schriftlich« Examen wagen, Tie Kandidaten in ihren Stieseln tragen." Run begann Herr v. Linde zu examinieren: „Was nennt man Apostel im Prozeß?" Pistor antwortet: „Tie Apostel sind vor anderen/Leuten Bei unserem Herrn Christus bis ans Ende gebkieben> link haben hernach die Bibel geschrieben." Herr von Linde fragte weiter: „Was mag die Lungenprobe sein?" sllnd der Pistor mit lächelnder Miene fiel ein: ■ „Herr Professor, bevor Sie weiter sprechen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie unterbreche, Sie taten die Lungcuprvbe sagen And wollten gewiß nach der Nagelprobe fragen Tenn diesc„. bekomm' ich ein Bierglas zu fassen, .Hab' ich noch niemals darinnen gelassen." IWseffor v. Linde prüfte weiter: „Herr Kandidat darf ich Sie bitten, Mir zu sagen, was man einen Wechsel nennt?" Weich ries der Pistor: „Ein jeder Student, Weiß einen Wechsel zu definieren, Es ist Geld zum Kneipen und Suitisieren, -Einen Wechsel bekam ich blank und bar, Mach Heidelberg jedes halbe Jahr." Darauf nahm der Präsident v. Areus das Wort, .And setzte die Prüsnng also fort: „Herr Kandidat, sagen Sie mir, was man Konvent In jure ecclesiastico nennt?" *) T,efe Verse entrissen wir bereits während, des Aniversitäts- subckaums der Vergessenheit und druckten sie in unserem Haupt- blatte ab. D. Red. **) Ter spätes Hess. Jush'zmiuister. Pistor war sich nicht klar darüber, deshalb antwortete err „Erlauben Sie mir, daß ich auf die Frage Um eine Erklärung zu bitten wage. Ta man verschiedene Dinge so nennt. Meinen Sie den Bier- oder Korpskonvent?" Ergötzlich ist, was Dalwigk über den Pros. Stickel meldet, nämlich: Als nun die Reihe weiter zu fragen, An Herrn Stickel kaue, hat es sich zugetragen, Daß er über dem Mittagessen Tas Examen und sich selber vergessen. And es trat für solche häusige Fälle Herr Professor von Linde an seine Stelle. Und sprach: „Sie haben in so langer Zeit Und bei so guter Gelegenheit Historischer Studien sich beflissen. Trum wünscht' ich des Lehnrcchts Geschichte zu wissen." Auch in dieser Disziplin schwatzte Pistor einen Haufen Ansinn, Weshalb Herr v. Linde die Prüfung im Naturrecht ganz unterließ. Zuletzt begann Professor Ma re zoll zu examinieren. Er wollte wissen, was man im „Jus" einen Köter nennt. Pistors Antwort erregte allgemeines Gaudium. Tauu sragte M arezoll: „Was ist die carolina criminalis?" Und der Pistor sprach: „Virgo maritälis' Die Tochter des Kriiyinalrichters Danz, Tie schönste im Gießener Mädchenkranz, Sie soll unter anderen guten Gabeir Auch 60000 Taler haben. Wen sie zum Manne sich auserseheu, Ter braucht in kein Examen zu gehen." Nun folgt der Schluß der „Pistoriade" mit solgenden Versen: „Bei dieser Antwort des Herrn Pister, Entstand ein allgemeines Geflüster, Tie Fakultät schüttelt mir lautem .Hem! Hem! Tie Köpfe extra ordinem. Und zuletzt schüttelte der alte Akruarius Ten seinen Hintern: Ofen zum Schluß, Und mit Recht hat Pistor gesagt und geschrieben: „Keine Antwort bin ich schuldig geblieben. Und cS ist die größte Schikane von allen, Daß ich bin durch das Examen, gefallen." Betrübt, gekränkt, verärgert wandte Pistor der alma mater Ludoviciana beu Rücken, sein ungeheurer Durst blieb fein treuer Begleiter. Durch Vermittlung von einflußreichen,Freunden und Gönnern erhielt er in Darmstadt die Stelle eines Sekretärs deins Oberschulrat. Nach wie vor verübte er immmc Streiche; eines Tages erregte er öffentliches Aergernis vor dem GroM. Palais, er wurde abgesetzt, erhielt aber einen Gnadengehalt, den er in Schaafheim^ einem schönen Marktslecken, etwa 6 Kilometer! südlich von Babenhausen gelegen, verzehrte. Mit Geld verstand Pistor nicht umzugehen; deshalb erhielt er einen Kurator, der allmonatlich Kvst, Wohnnng, Kleider, Brennmaterial und dergl. von vornherein bestritt und ihm den kleinen Rest anshändigte. Wenige Tage später war der Rest vertrunken. Ich lernte Pistor in den 50er Jahren kennen, er unterrichtete uns in Herstellung des Crambambnlis, eines Trankes, der außer Kurs und Mode gekommen ist. In Pistors Wohnung, „Burg Zion" genannt, sah cs fürchterlich aus. Selten verließ er die Bude. Geschah es einnml, so spazierte er gravitätisch durch die Straßen; eine hoch heraufgehende schwarze Lastingbinde, aus denen zwei bis unter die Ohren reichende Vatermörder hervor-- drangen, ein alter Hut, den Rohrstock in der Hand, weder rechts noch links schauend, machten ihn zu einer eigenartigen Erscheinung. Besuchte man ihn aus seiner Bude, so war er sehr freundlich. Teu Namen „Dalwigk" durfte man nicht nennen, sonst wurde Pistor zornig, wobei er kollerte wie ein Truthahn. Nie besuchte er eine Mrche. Trotz seines unregelmäßigen Lebens erreichte er das hohe Alter von 77 Jahren. Wäre er jung gestorben, so hätten die Leute gesagt: Ter Mann hat sich totges--•. Er ist aber alt geworden, drum hieß es: den hat der Wein erhalten. VSDMSßcL-LSS. * Die kostbarsten Kleider der Welt. Welche ungeheuren Werte in kostbaren Kleidern niedergelegt find, das beweisen die Aufstellungen einer englischen Zeitschrift, die die teuersten Kleider der Welt herzählt. Au der Spitze steht die Königin von Sianr mit ihrem Staatsmantel, den sie nur einmal im Jahr anlegt. Dieses seidene Klei- duugsstück ist über und über mit Diamanten, Smaragden, Rubinen und Saphiren besetzt, so dicht wie die Milchstraße mit Sternen, und der Wert dieser herrlichen Edelsteine läßt sich nur ungefähr schätzen, übersteigt aber sicher die Summe von 20 Millionen Mark. Eine der beiden Schwestern des Zaren, die Gattin des Großfürsten Alexander Wichaclowitsch, steht der siamesischen Herrscherin nicht viel nach, denn fie besitzt ein wundervolles Kleid in der russischen — 135 Nationaltracht, das ebenfalls ganz mit Edelsteinen beseht ist. Das Mieder und die dreispitzartige, niedliche Mütze bestehen eigentlich nur aus Juwelen unb sind daher so schwer, daß sie nur selten angelegt werden können. Hinter den Herrscherinnen wollen die amerikanischen Millionärinnen nicht zurückstehen. Sie haben zwar nicht ein so kostbares Kleid, aber dafür viele, die sehr viel kosten. Ein Kleid der Fran Mackie z. B. Miet, 200 000 Mark, denn bic Dame, deren Gatte durch einen aiisgedehnten Schweiuehandel ungeheure Reichtümer gesammelt hat, geht nicht anders, als in den schönsten Brüsseler Spitzen und in echter Perlenstickerei. Zwei Brüsseler Schals, die sie als Fichu auf einem Kleide verarbeitet hat, sind allein 100 000 Mark wert oder mehr als 200 mal ihr Gewicht in Gold. Eine russische Millionärin besitzt einen langen Mantel aus Silberfuchs, dessen Wert nicht abzuschätzen ist und der jedenfalls nicht bezahlt werden könnte, wenn man ihn auch ganz mit Goldstücken belegte. Der Halskragen allein hat 12 000 Mk. gekostet. Einen einzigartigen Reichtum an Pelzen besitzt auch die Witwe des chinesischen Staatsmannes Li Hung Chang, in deren Garderobe 600 Pelzroben der allerkostbarsten Art sich befinden. Den Millionärinnen suchen die Stars der Bühne an ausgewählten Toiletten nicht uachzustehen. Die Schauspielerin Langtrv trägt Toiletten, die ans Edelsteinen, Spitzen und Seide so verschwenderisch kvmopniert sind, daß sie nicht selteii den Wert von 200 000 Mark übersteigen, und sie bringt es fertig, ihre Kleidung an einem Abend sechsmal zu wechseln. Auch die Sängerin Melba trägt Juwelen au ihren Kleidern, deren Wert sich sogar bis auf eine Million beläuft. Bon französischen Schauspielerinnen sind die „göttliche Sarah" und die Röjane ihrer kostspieligen Toiletten- launen wegen berühmt, wenngleich ihre Gewänder selten mehr als 20 000 Mark kosten. * Die Chemie der Vulkane. Eine neue Erklärung für das Wirken eines Vulkans veröffentlicht der Schweizer Gelehrte Albert Brun. Seine Theorie, zu der er jahrelang Studien an Kratern gemacht Hat, ist rein chemischer Natur und geht von einer Erscheinung ans, die man bisher falsch erklärt hatte: die ungeheuren Wolken, die dem Vulkan unter Blitzerscheinungeu entquellen, hat man für Wasserdampf angesehen, dessen Reibung die Feuer- erscheinuugen erklären sollte. Dies stand mit der andern falschen Annahme in Zusammenhang, daß Wasser in das glühend flüssige Innere des Vulkans gelangt und durch die plötzliche ungeheure Dampferstickung eine Art Explosion hervorruft. Bei allen Untersuchungen hat nun Brun ge- funden, daß überhaupt kein Wasser vorhanden ist. Die Dampfwolken bestehen aus Salmiak, Salzsäure und Kohlensäure, so daß nichts ials die Annahme übrig bleibt, daß oas chemische Zusammenwirken dieser Stoffe die Ursache des Ausbruchs ist. Auch die Flammenerscheinungen finden so ihre Erklärung; denn diese Gasmassen sind bei der hohen Temperatur des Vulkans imstande, sich an der freien Luft zu entzünden. Eure weitere Stütze für diese Erklärung ergab die Untersuchung der Lavamasfen: Steinproben, die von verschiedenen Vulkanen entnommen waren, enthielten ausnahmslos Salmiak. Die Wasserdampfwolkeit, die mitunter auch beobachtet werden können, verdanken ihr Entstehen nur dem Regen. Auf der Insel Lanzarvte, wo es überhaupt nicht regnet, ist dementsprechend der Timanfaha- Vulkan vollständig frei von Wasserdanipfwolken. Astronomsskhös. * Woraus die Stern e b esiehen. Bor 40 Fahren war die Himnielskunde noch eine ganz andere als heute, so daß man in jene Zeit fast die Grenze einer alten und neuen Astronomie verlegen könnte. Damals beschäftigte sich der Astronom im wesentlichen damit, die Stellungen der Gestirne und die Gesetze ihrer Bewegungen festzustellen, und erst dann kam die Möglichkeit hinzu, auch die Zusam- Mensetzuug der Himmelskörper zu erforschen. Was die Spektralanalyse in dieser Richtung geleistet hat, kann dem Menschen so recht zur Warnung dienen, er solle nie etivas in alle Zukunft für unmöglich bezeichnen. Der berühmte Astronom David Gill hat jetzt in einet» Vorträge daran erinnert, daß vor 60 Jahren ein großer Philosoph, als es ihm darauf ankam, das Unerkennbare zu kennzeichnen, sagte, es sei für den Menschen unmöglich, zu wissen, woraus die Sterne bestünden. Jetzt hat die Spektralanalyse in Verbindung mit der Photographie dies Philosophenwort ganz und gar Lügen gestraft, denn wir wissen heute ziemlich genau, aus welchen Stoffen die Sonne und andere Sterne aufgebaut sind. In der Atmosphäre der Sonne findet sich wenigstens die Hälfte aller Elemente, deren Vorhandensein auf der Erde bekannt ist und wahrscheinlich wird es mit der Zeit möglich sein, überhaupt alle Grundstoffe unseres Planeten auf der Sonne nachzuweisen, soweit nicht etwa die rastlose physikalische und chemische Forschung bald dazu konrmt, manche der bisher für Elemente gehaltenen Stoffe ihres Nimbus zu berauben. Die außerordentlichen Verhältnisse von Temperatur, Druck und elektrischer Erregung, unter denen der Sonnenball steht, lassen übrigens die Spektra der Elemente in merkwürdigen Aenderungeu erscheinen, bereit genauere Erforschung vielleicht noch zur Auffindung neuer wichtiger Gesetze führt, wie ja beispielsweise auch die Kepplerschen Gesetze durch die Untersuchung scheinbarer Unstimmigkeiten gefunden wurden. Diese Erscheinungen hängen wahrscheinlich mit den ungeheuren Ausb.rüchen der Sonne zusammen, von denen wir uns nach unseren „Vulkänchen" aus der Erde keine Vorstellung machen können. Für die Küche. — Ka l t e M e e r r e t t i ch s a u c e z u H i r s ch b r a t e tt. Kürz vor dem Aufträgen des Bratens zerreibt man eine Stange frischen Meerrettich, gibt Salz, Zucker, frischen, gesiebten Zitronensaft und soviel dicke süße Sahne dazu, daß eine bündige Sauce entsteht. Durch längeres Stehen büßt sie ihre Aroma ein! _ — Karpfen blau mit gefrorener Sch lag - sahne und Meerrettich. Ein Karpfen von 2»/z kg wird vorsichtig ausgenommen und geschuppt. Dann legt man beit Fisch auf eine große Schüssel und übergießt ihn mit heißem Essig, durch beit er ein blaues Aussehen ge- ivinut. Mit gesalzenem Wasser, einer Zwiebel, Gewürz und einem geringen Essigzusatz weich gekocht, gibt man ihn auf einer gebrochenen Serviette, garniert ihn mit Zitronenscheiben und Petersiliensträußchen und reicht dazu zerlassene Butter nebst gefrorener Sahne. Diese wird mit dem Rutheubesen steif geschlagen, mit geriebenem Meerrettich und eilt wenig feinem Zucker durchzogen, nt eine Eis form gefüllt und muß in geschlagenem gesalzenen Eis erstarren, um dann gestürzt angerichtet zu werden. Weishcrtswortc. Das Weib ist das Hauptwerk, die Krone der Schöpfung, ist bc5 Himmels bestes, letztes Geschenk. * Milton. Bewahre deine Zunge, denn cS quillt der Strom des Lebens auS ihr! Der Mensch ist eigentlich ein fleischgewordencs Wort: daS Wort, das er spricht, ist der Mensch selbst. Sind die Augen ivohl deswegen in unseren Kops gesetzt worden, daß wir setzen, oder nur deswegen, das; wir uns verstellen und mit einem Schein von Wahrheit behaupten, wir hätten gesehen? Ward uns die Zunge in den Gaumen gehängt, daß sie getreulich das erzähle, was sie gesehen, daß sie den Menschen zum Bruder seines Nächsten mache, oder bloß, um leere Töne und verwirrendes Geschivätz von sich zu geben und so durch finstere Zaubermauern die Vereinigung aller Menschen zu vereiteln? Tu, der du jenes sinnreiche, vom Himmel erschaffene Organ besitzest, bedenke es ivotzl I Zeh bitte dich darum : Sprich nicht i ruh er, als bis dein Gedanke in Sctzivcigen gereift ist.Johnson. Rätsel. Verdopple mein Erstes und ein Laut Erklingt, sür jedes Kind so holt und traut. Ein Zeichen hänge an: o welche Zeit Der bllitejungen SchövsungStzerrlichkeit l Ein wcitreS Zeichen, und ein silbern Band Der Fluten wälzt sich durch bcsruchtet Land. Nun füge noch ein Zeichen an den Schluß, Du hast die goldne Stadt an jenem Fluß. 64 i e ß e n. Dr. H. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung bev Charade in voriger Nummer: Noß-bach. Redaktion; P. Wittko. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl'jchen llniversitäts-Buch- und Stciadruckerei, R. Lange, Gießen.