1908 ENK' cZ Ji MWM u?’ Herr Lecoq. Kriminal-Roman von E. Gaboriäm Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Erfand Lecog diese Geschichte zu feinem Vergnügen', belustigte vr nur seine Einbildungskraft mit dieser Szene? Heuchelte er Nur diesen Ton der Ueberzengnng, womit er seine Schilderung gleichsain wie eine lebendige Wirklichkeit vorführte? Ter alte Absinth hatte noch gelinde Zweifel, aber ihm fiel ein Mittel ein, sich unfehlbare Gewißheit zu verschaffen. Er nahm schnell die Laterne auf und eilte zu den Fußspuren hin, die er gesehen, ans denen er aber nichts Hatte lesen können, die für ihn stumm gewesen waren, aber einem anderen ihr Geheimnis verraten hatten. Er mußte sich vor dem Augenschein ergeben. Alles, was Lecog beschrieben hatte, fand er wieder: die ineinander übergehenden Fußtapfen, den durch die Röcke gebildeten Kreis, das Aufhören der von den eleganten Stiefelchen hinterlassenen Spuren. Als er zurückkam, verriet sein Gesicht nur noch eine mit Respekt gemischte Bewunderung: er sagte mit einer begreiflichen leichten Verwirrung: Man muß es einem Alten von der alten Garde nicht übel nehmen, wenn er ein bißchen den ungläubigen Thomas macht . . . Ich habe mich handgreiflich überzeugt und möchte jetzt gerne die Fortsetzung wissen. Ter junge Polizist hatte ihm seine Ungläubigkeit natürlich Nicht übel genommen, da sie für ihn so schmeichelhaft war. Er fuhr fort: Hierauf läuft der Komplize, der die Flüchtlinge gehört hat, ihnen entgegen und hilft der Frau mit dem breiten Fuß die andere tragen. Tie letztere war wirklich unwohl. Sofort reißt der Komplize seine Mütze vom Kopf und schlägt damit den Schnee ab, der auf dem Balken lag. Da er den Platz noch nicht fite trocken genug hält, so toischiie er ihn mit dem Schoße seines Ueberziehers ab. . . . Sind diese Bemühungen reine Galanterie, oder entspringen sie der gewohnheitsmäßigen Zuvorkommenheit eines Untergebenen? Das ist mir fraglich geblieben. So viel steht fest: während die Fran mit dem kleinen Fuß halb ausgestreckt auf bem Balken lag, um wieder zu sich kommen, zog die andere den Komplizen fünf oder sechs Schritte weit auf die Seite, nach links, neben diesen mächtigen Stcinblock. Hier spricht sie mit ihm, und während er zuhört, legt der Mann ganz mechanisch auf die schneebedeckte obere Seite des Blocks seine Hand, die dort einen Abdruck von wunderbarer Genauigkeit zurückläßt. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stützt er seinen Ellbogen auf den Schnee. Wie alle Leute von beschränktem Verstände mußte der alte Absinth unfehlbar von seinem vorherigen einfältigen Mißtrauen zu einem übertriebenen Vertrauen übergehen. Er konnte von nun an alles glauben, gerade wie er vorher nichts geglaubt hatte: für ihn war der durchdringende Scharffinn seines Kameraden von nun an einfach grenzenlos. Er fragte also in allem Ernste: Und !vas sagten der Man» und die Frau mit den plattest Schuhen zu einander? Lecog lächelte über die Naivität, was der andere nicht bemerkte und antwortete: Auf diese Frage läßt sich' ziemlich schwer! erwidern: ich glaube indessen, daß die Frail dem' Manne auseinandersetzte, von welcher großen Gefahr ihre Beglciteriil bedroht würde, und daß sie beide über die Mittel berieten, wie dieser Gefahr zu begegnen sei. Vielleicht überbrachte sie Befehle, die der Mörder ihr zugerufeu hatte. So viel ist sicher, daß sie zuletzt den Komplizen bat, nach der „Pfefferbüchse" hinzulausen und zu versuchen, ob er nicht herausbekommen könnte, was dort vorgegangen wäre. Und er läuft dorthin, denn die Fußspur des Hinweges geht von diesem Steinblock aus. Und, wenn man daran denkt, rief der alte Polizist, daß wir in diesem Augenblick in der Kneipe waren! Ein Wort von Gsvrol, und wir Hütten die ganze Bande gefaßt! Was fite ein verdammtes Pech! Lecogs Selbstlosigkeit ging nicht so weit, daß er das Bedauern seines Kollegen geteilt hätte. Im Gegenteil, er segnete Gsvrol ob seinem Fehler. Verdankte er nicht diesem Fehler, daß er den Fall untersuchen durfte, der immer geheimnisvoller wurde, in den er aber dennoch einzudringen hoffte? Um zum Schluß zu kommen, fuhr er fort: Der Komplize kommt sogleich zurück, er hat die Szene gesehen, Angst bekommen und ist schleunigst weggelaufen. Er zittert davor, die von ihm gesehenen Schutzleute möchten auf den Einfall kommen, das freie Feld abzusuchen. Er wendet sich an die Frau mit den kleineir Füßen und beweist ihr die Notwendigkeit schneller Flucht, da jede verlorene Minute Todesgefahr bringen könnte. Als sie seine Worte hört, rasst sie alle Energie zusammen, steht auf und entfernt sich, auf den Arm ihrer Begleiterin gestützt. Hat der Mamr ihnen den Weg beschrieben, den sie gehen mußten, oder kannten sie den W^eg selbst? Tas werden wir später erfahren. So viel steht fest, daß er sie ein Stück Weges begleitet hat, um sie zu beschützen. Aber außer seiner Pflicht, die beiden Frauen zu beschützen, hat er noch eine heiligere Aufgabe, nämlich, wenn möglich, seinem Komplizen beizustehen. Er kehrt also um, kommt wieder bei dieser Stelle vorbei, und hier sehen Sie seine letzte Fußspur, die in der Richtung der Rue du Chateau des Rentiers läuft. Er will wissen, was aus dem Mörder wird, und beschließt, sich auf dem Wege, den man mit diesem nehmen wird, auf die Lauer zu legen. Wie ein Theaterliebhaber, der mit seinem Beifall bis zum Ende des Stückes wartet, so hatte auch der alte Absinth seine Bewunderung gezügelt. Erst als er sah, daß der junge Polizist fertig war, ließ er seiner Begeisterung freien Lauf und rief: Tas ist 'ne Untersuchung. Und man sagt, der Gsvrol versteht was! Er soll nur kommen! Hören Sie, soll ich Ihn eit was sagen? Gegen Sie ist der General ein Waisenknabe! Tie Schmeichelei war sehr plump, aber unverkennbar ansi richtig gemeint. Und dann mar es auch das erstemal, daß Lecocst Eitelkeit von solchem Lobe betaut wurde; er war entzückt, antwortete aber in bescheidenem Ton: 606 Dah! Sie sind zu gütig, Papa. WaI habe ich int Grunde bcmt so besonderes geleistet? Ich habe Ihnen gesagt, der Mann stehe in mittleren Jahren... daS war nicht schwer au seinem gewichtigen und schleppenden Gauge zu erkennen. Ich habe Ihnen die Höhe seines Wuchses angegeben. Das war kein Kunststück: Als ich bemerkt hatte, das; er sich auf de» Block da links gestützt hatte, habe ich diesen Stein gemessen. Er ist 160 Zentimeter hoch; ein Mann, der seinen Ellbogen darauf legen konnte, must mindestens 180 Zentimeter zählen. Der Abdruck seiner Hand hat mir bestätigt, dast ich mich nicht geirrt hatte. Als ich sah, daß der den Balken bedeckende Schnee abgewischt war, fragte ich mich, womit das wohl geschehen sein könnte; ich dachte, vielleicht wäre eine Mütze dazu benutzt worden, und ich fand eine von dem Mützenschirm hinterlassene Spur, die mir bewies, dast ich mich nicht getäuscht hatte. Farbe und Stoff seines Paletots erkannte ich daran, daß beim Abwischen des Balkens an einigen Holzsplittern diese kleinen Flocken von dunkelbrauner Wolle hängen geblieben sind; sie werden unter den Beweisstücken fungieren. MaS Ist also dies alles? Wir stehen kaum bei den ersten Anfängen des Falles. Wir halten allerdings den Faden in der Hand, aber wir müssen diesen bis zu Ende verfolgen. Vorwärts also! i Ter alte Polizist war elektrisiert und wiederholte freudig: Vorwärts! 5. Kapitel, In dieser Nacht fanden die Vagabunden, die in der Gegend der „Pfefferbüchse" Zuflucht gesucht hatten, nicht viel Schlaf, und ihr bißchen Ruhe wurde noch dazu durch ängstliche Traume von einer polizeilichen Razzia gestört. Durch den Knall der von dem Mörder abgeseuerten Schüsse aufgeweckt, dachten sie zunächst, irgend einer ihrer Kameraden sei mit Polizisten handgemein geworden, und die meisten von ihnen blieben auf den Beinen wie ein Rudel von Schakalen, bereit, beim geringsten Anzeichen von Gefahr sich aus dem Staube zu machen. Anfangs entdeckten sie nichts Verdächtiges. Aber später, so gegen zwei Uhr morgens, als sie sich gerade etwas beruhigt hatten, wurden sie Zeugen eines Phänomens, das sehr geeignet war, ihre ganze Unruhe wieder aufleben zu lassen. Mitten auf den öden Feldern, die von den Anwohner» jener Stadtgegend schlechtweg „die Ebene" genannt werden, machte eine kleine, sehr stark leuchtende Laterne die eigentümlichsten Bewegungen; sie beschrieb unerklärliche Zickzacklinien, bald dicht über dem Boden, bald in größerer Höhe, eine Zeitlang unbeweglich, dann wieder in der nächsten Sekunde wild umherschießend. Tie mit einem Anflug von Bildung begabten unter dein Spitzbubengesindel dächten an ein Irrlicht — wozu allerdings Ort und Jahreszeit nicht stimmten — an eines jener leichten; Flämmchen, die plötzlich aus Sumpfdünsten fich entzünden und im Windhauch hin- und herschwebeu. Dieses Irrlicht — war die Laterne der beiden Polizisten, die ihre Nachspürungen fortsetzten. Ehe sie den Schuppen verließen, wo Lecoq sich so plötzlich seinem ersten Schüler gegenüber offenbart hatte, waren noch peinigende Zweifel und Ungewißheiten Au besiegen gewesen. Secog hatte noch nicht den sicheren Blick, bett nur die Praxis Verleiht; er hatte vor allen Dingen noch nicht die Kühnheit und Schnelligkeit des Entschlusses, die nur ans einer erfolgreichen, Vergangenheit hervorgehen. Er schwankte also zwischen zwei Entschlüssen, die Hetze gleichviel für sich hatten: Er stand vor zwei verschiedenen Spuren, nach der einen Richtung lief die der beiden Frauen, nach der anderen die des Komplizen. Welche sollte man verfolgen? Denn, beide Spur-eu auf- iichmeu zu können, das lag außer dem Bereich der Hoffnung. Lecog saß auf dem Balken, an dem er noch gleichsam die Körperwärme der Frau mit den kleinen Füßen zu spüren meinte, stützte den Kopf in die Hand und dachte nach, wog seine Aussichten ab. Wenn ich deut Manne folge, murmelte er1, so erfahre ul) nichts, was ich nicht schon erraten habe. Er hat sich auf dem Wege der Polizeipatrouille in Hinterhalt gelegt, ist ihr von ferne gefolgt, hat gesehen, wie sein Komplize eingelocht wurde, endlich ist er ohne Zweifel um die Polizeiwache herumgestrichen. Wenn ich mich auch noch so schnell auf seine Spur werse, kann ich hoffen, ihn einzuholen, ihn festzunehmcn? Nein, es ist zu viel Zeit verstrichen. Der alte Absinth hörte diesem Selbstgespräch mit einer glühenden Neugierde zu und zugleich mit einer Vertrauensseligkeit, Ivie ein naiver Spießbürger, der eine Wahrsagerin wegen eines verlorenen Gegenstandes befragt hat und ihre Antwort erwartet. Wenn ich den Frauen folge, fuhr der junge Polizist fort, wohin wird mich das führen? Vielleicht zu einer wichtigen Entdeckung, vielleicht zu nichts. Auf dieser Seite liegt das Unbekannte; mit allen seinen Enttäuschungen, aber anch mit allen seinen Aussichten auf einen glücklichen Erfolg. Er sprang auf; sein Entschluß war gefaßt. Nun wohlan! rief er, ich wähle das Unbekannte! Alter Absinth, wir heften uns au die Fußspuren der beiden Frauen und gehen so weit, wie sie uns führen! Von gleichem Eifer beseelt, machten sie sich auf den Weg. Am Ziele, dem sie zustrebten, bemerkten sie, wie ein magisches Leuchtfeuer, der eine die Gratifikation, der andere den Ruhm des Erfolges. Sie gingen sehr schnell. Im Anfang war es ein Kinderspiel, den deutlichen Spuren zu folgen, die sich in die Richtung auf die Seine zu entfernten. Aber sehr bald sahen sie sich gezwungen, eilt langsameres Tempo anzuschlagen. Das wüste Feld hörte auf, sie kamen sozusagen bei den Ausläufern der Zivilisation an, und jeden Augenblick mischten sich fremde Fußspuren mit beiten1 der Flüchtlinge. Ferner war an vielen Stellen, die der Sonne ausgesetzt gewesen waren, das Auftauen recht weit vorgeschritten; sie trafen auf große Stellen, die gänzlich vom Schnee befreit waren. Da hörten also die Spuren auf, und es war, um sie wiederzu- finden, SeeonS ganzer Scharfsinn und der ganze Diensteifer seines alten Kameraden nötig. Kamen sic an solche Stellen, so stieß Absinth bei der zuletzt aufgefundeneu Spur seinen Stock in das Erdreich, und Leeog und er beschnüffelten und durchsuchten beit Umkreis um diesen Punkt herum, wie Jagdhunde, die die Spur verloren haben. Bei diesen Gelegenheiten machte die Laterne: ihre sonderbaren Zickzackbewegungen. Trotz alledem hätten sie! zehnmal den Weg verloren, oder wären auf eilten falschen geraten, ohne die eleganten Halbstiefelche» der Frau mit dem kleinen Fuß. Diese Stiefelcheu hatten so hohe, so spitze und so eigentümlich ausgeschweifte Absätze, daß ein Mißkennen unmöglich war. Sie waren bei jedem Schritt drei bis vier Zentimeter tief in beit Schnee ober bic Erde eingesunken und boten Abdrücke, die so deutlich waren wie ein Wachssiegel. (Fortsetzung folgt.) von einem, der den Csd bezwungen. Von M. T. in Gießen. (Nachdruck verboten.) Wer kannte ihn nicht, den langen Johann-Konrad! Jedes Kind aus der Dorfstraße kannte ihn und liebte ihn auf seine Art. Besohlte und flickte er ihnen allen nicht ditz Schuhe klein und groß, wenn sie zerrissen waren und die Regennasse eindraug? Und was wußte er sür^ Späße zu machen, wenn er aus seinem Schusterschemel saß unten ist der kleinen Stube im Armenhaus. Aber nicht nur Späße verstand der Johann-Konrad zu machen, er hielt auch, ja er hielt mit Vorliebe lange Vortrage und Ermahnungen, Moralpredigten auf seinem drei- beiuigeu Thron, an seine großen und kleinen Kunden. Ja, ja, der lauge Johann-Konrad war ein gescheiter und erfahrener Mann. Der „lauge" hieß er, weil er gut einen Fuß länger war wie der größte Mann int Dorfe und dazu spindeldürr. Der blaue Kittel, den er stets sauber gewaschen und geflickt über dem wollenen gestrickten Wamse trug, ob Som- mer, ob Winter, hing ihm um feine eckigen Schultern, als habe er ihn einstmals, als er — nämlich der Kittel — noch bessere Tage gesehen — von einem viel Dickeren, viel Kürzeren geschenkt bekommen. Und so wird es ja anch ivohl gewesen sein. Die grauen gezwirnten Hofen reichten auch nicht ganz bis hinab auf die Holzpantoffeln, uni) was ihnen an Länge fehlte, daS war ihnen an Weite gegeben. Besonders von hinten besehen wirkten sie sehr unzugehörig zu der langen schlotternden Gestalt. Es hatte dies aber nicht viel zu sagen, denn bei seinem Geschäft als Schuster saß er mehr, wie er stand; da fiel es weiter nicht auf. Daß er sehr gescheit und sehr erfahren war, das ivußte natürlich der Johann-Konrad selber am besten und wurde sehr ärgerlich auf jeden, der dies nicht sofort einsehen konnte. Dann verwandelte sich fein altes Faltengeficht in die schönste Ziehharmonika und fein' eisgrauer struppiger Bart wippte vor Empörung immer auf und ab; das kam daher, weil er bann den großen -zHnlosen Mund immer auf und zu machte, nm nach Luft zu schnappen, die ihn: in einem solchen Falle stets auszugehen drohte. Diejenigen, welche den alten Mann hin und wieder in eine solche Aufregung versetzten, waren meist junge, nase- 607 weise Burschen, die, wie Johann-Konrad sagte, „noch nett trocken hinner de Ohre sinn." Alle-anderen Leute und besonders die Frauen des Dorfes waren von der Gescheitheit und Erfahrenheit des Alten völlig überzeugt. Erfahren mußte er ja Wohl sein, er war alt genug dazu, bereits 89 Jahre, und seinem grauen Kopf mit den verwitterten Zügen, seinem gekrümmten Rücken sah mau es an, daß manches Unwetter über ihn hingegangen war. Und gescheit war er toie ein Doktor, das stand bombenfest. Er kurierte i)emi auch alle Kranken tut Dorf, d. h. nicht mit teurer Medizin, bewahrte. Er kochte ja wohl für Wunden und derartige äußerliche Gebrechen eine Wundersalbe, die alles unfehlbar heilte, doch sein Haupttalent bestand im Heilen mit Sprüchen und Reimen. Die Leute sagten: Der lauge Johann-Konrad kann „brauchen", und er „brauchte" für Gicht, Mundfäule, Zahnweh und dergleichen Uebel. O, der Johann-Konrad war ein sehr gescheiter Mann, er konnte sogar Geister beschwören! Davon hatte man zwar keine Beweise, aber er sagte es und machte seine fürchterlichsten Augen dazu, die zum Glück fast hinter den buschigen weißen Augenbrauen verschwanden. „Gebraucht" hatte er schon viel in seinem Leben; zum Meisterbeschwören sollte er auch noch kommen. Und das kam so: Selbstverständlich war ein so alter, erfahrener und gescheiter Mairn mit seinem Leben völlig im Reinen. Der Tod konnte jede Stunde konrnreu und fand ihn gefaßt und marschbereit. So wenigstens erzählte er jedem mit Pathos. Sagte einmal einer: „9&i, na, Johann-Konrad, es is doch nirgends schecncr wie uff der Welt un mit dein Sterwe Hots noch gut Weil!", verschwor er sich: „Lieber heute sterben wie morgen!" „Johaun-Kunrad," sagte eines Tages ein Bursche zu ihm, „Du wirscht dich ach noch besinne, wenn der Gevatter- Tod an deiner Diehr kloppt, ob de sogleich mitgehe sollst." „Nicht eine Minute, mich findet er bereit!" versicherte der Alte mit der stolzen Ueberlegenheit, die ihm sein Alter und seine Weisheit verliehen. Und mit höhnischem, verächtlichem Lachen setzte er hinzu: „Mir gehts nett wie owe dem Geisbock, der Hot scho lang kei Atem mehr und will immer noch lewe!" Mit dem „Geisbock" war ein armes Schneiderlein gemeint, das wohnte in der Stube über dem Schuster, eine. Stiege hoch im Armenhaus. Der war schon mehr tot wie lebendig und sein Leben war nur noch ein elender Kampf um das bißchen notwendige Lust. Dem hielt Johann-Konrad die meisten und die längsten Borträge, denn der konnte nicht fortlaufen, er mußte auf feinem Schmerzenslager stillhalten itnb sah denn immer nur bewundernd zu dem Hausgenossen hinüber, der so viel mehr Mut zum Sterben besaß. Doch eines Abends, da sollte unser Johann-Konrad beim Wort genommen werden. Es wär schon säst ganz dunkel in' der Armenhausstubo Und Johann-Konrad hielt seiner Gewohnheit gemäß, und um noch etwas das Oellicht z;u sparen, im Scheine des Holzfeuers sein Dämmerstündchen. Da klopfte es auf einmal ganz unvermittelt und so stark gegen die wacklige wurmstichige Tür, daß sie von selber anfging. Johann-Konrad hob erstaunt den Kopf — und was gewahrten seine alten Äugen in dem Spalt der Tür? Den Tod, den leibhaftigen Tod! Wer konnte cs denn sonst sein, die schneeweiße geisterhafte Gestalt? Johaun-Kvnrad wurde denn auch nicht im Zweifel gelassen; mit entsetzlicher, donnerähnlicher Stimme fragte die Gestalt: „Bist du Johann-Kunrad? Ich bin der Dod und kumme, dich ze hole!" Johann-Kunrads graues Gesicht wurde nun doch noch einen Schein grauer und seine zitternden Lippen stammelten ein „alle guten Geister" ucsch dein andern. Auf einmal sah er in die Lust, wie er immer getan hatte, wenn er einen guten Gedanken, finden wollte —. und da hatte er auch schon einen! „Dod!" sagte er hastig. „Dod, schieb owe nuff, ich sci's nett." Und der Tod schob oben hinauf. , Wenigstens hat in dieser Nacht das arme krächzende Schneiderlem in. der Ober- stube der Tod geholt. Ganz im Geheimen bildete sich Johann-Konrad ja nun etwas Rechtes ein auf seine Kunst im Geisterbeschwören^ hatte er doch sogar den Tod beschworen. Doch sagen durste er das nicht, die Leute konnten ja sonst glauben, er sei nicht bereit zum Sterben. Doch o Schrecken und Graus! Woher wußten es bemt schon des anderen Morgens in aller Herrgottsfrühe die jungen Burschen? Wer an seinem Fensterchen vorbeiging, und merkwürdigerweise schien heute hier jeder einen Gang vorüber zu haben, tief hinein: „Dod, schieb owe nuff, ich seis nett!" Woher wußten das nun wieder die „naseweisen Racker, die noch nett mal trocken hinner be Ohre?" vom Salate. Während die alten Römer imb Griechen den mit Essig und Oel augemachteu Salat als Delikatesse ansahen und mit ihm das Mahl einleiteten, dauerte es ziemlich lange, bis er sich in Deutschland, wo et durch italienische Mönche eingeführt wurde, einbütgette. Dem ersten Beh'ge für dessen Verwendung begegnen wir bei Ekkehard, der den Salat als Gericht für die vornehmen Leute preist. Im Volke brachte man dieser Speise aber immer noch Mißtrauen entgegen, und erst ein paar Jahrhunderte später wurde man sich seiner Bedeutung als gesundes, blutbildendes Nahrungsmittel bewußt. Konrad von Megenberg (1309 bis 1378) schreibt in seiner Naturgeschichte — nebenbei der ersten in deutscher Sprache — über die beliebteste Salatpflanze, den Lattich, folgendes: „Laetuca haizt lac-, tukenkraut, daz ist daz alletebenmözigst traut an seiner art, daz unter allen Kräutern ist, und macht gout plout." Im späten Mittelalter sehen wir dann den Salat über ganz Deutschland verbreitet. Man hatte an ihm solchen Gefallen gefunden, daß man neben den im Garten gebauten Pflanzen noch eine Menge wildwachsender Kräuter dazu verwendete, worunter der Sauerampfer, die Rapunzeln, das Mauerhabichtskraut, das Löffelkraut und die Zichorie am meisten begehrt wurden. Auch die frühen Blätter des! Löwenzahns wurden nicht verschmäht und die armen Leuts aßen sogar die jungen Buchenblätter als Salat. In der neueren Zeit, im 16. und 17. Jahrhundert, war der Salat neben dem Mische die Harchtspeise. Verhältnismäßig große Summen wurden für dessen Zubereitung aus- gegeben, und die Knust des .Salatmachens entwickelte sich — zumal in Frankreich — zu einem eigenen Berufe, too gab es in London einen vielbegehrten französischen Salatkünstler, der sich eine eigene Equipage hielt, um den an ihn gestellten Anforderungen zu genügen. Eine andere berühmte Salatkünstlerin lebte in Berlin. Diese nahm an der Tafel selbst Platz und bereitete bann, sobald der Salat erschien, ihn vor den Augen der Gäste, nachdem sie dis langen weißen Handschuhe abgestreift und die Hände gewaschen hatte. Auch der Soldateuköuig Friedrich Wilhelm I. hatte neben mancher anderen Liebhaberei die des Salat-Zu- bereiteus. Er pflegte au der Offizierstafel zu Potsdam „mit höchsteigenen §änben eine Schüssel Salat anzumachen. Mit Vergnügen schauten ihm dabei feine Offiziere zu. Der hohe Herr ging gar appetitlich dabei zu Werke; er wusch sich drei- bis viermal die Hände und trocknete sich ebensooft an reinen Servietten ab." Sehr lange brauchte es, bis sich die Russen an daS Essen der „grünen Blätter" gewöhnen konnten. Olcarius schreibt darüber in seiner 1647 erschienenen „Offt begehrten Beschreibung der Newen Orientalischen Reise, so durch Gelegenheit einer holsteinischen Legation an den König in Persien geschehen": „Lattich und auberen Salat haben die Russen niemals gepflanzt/ noch geachtet, noch gegessen, sondern haben die Deutschen bei Nießuug desselben ausgelacht, nun aber beginnen etliche! mitanzubeißeu." Eine Wirkung des Salates, die luir anscheinend vergessen haben, rühmten seinem Genüsse die klassischen Völker des Altertums nach. Die damaligen Heilkundigen ver- orbneten Nämlich, den Salat allgemein als Schlafmittel. — 608 Der berühmte griechische Arzt Galenus (200 n. Chr.) schreibt über seine eigenen Erfahrungen mit diesem folgendes: „Als ich älter zu werden begann und das richtige Maß der Zeit schlafend hinbringen wollte, war ich, teils durch die Gewohnheit nachts zu wachen, teils weil im Alter der Schlaf von selbst oft fehlt, nur dadurch imstande, mir den nötigen Schlaf zu verschaffen, daß ich abends eine Portion Salats verspeiste." _________ Hintzpeler-MekdoLen, die sich an den Aufenthalt des Mannes in Schlitz' knüpfen (bekanntlich war Hintzpeter der Erzieher des Grafen Emil von Schlitz gen. von Görtz), und die damals viel belacht wurden, werden uns von einer Leserin mitgeteilt: Hintzpeter war außerordentlich wohltätig. Er scheute sich nicht, in die ärmsten Wohnungen zu gehen — an Armut war in jener Zeit in Schlitz kein Mangel — und die Klagen seiner Menten anzuhören. In Linderung der Mot übertraf er aber in einem Fall sogar den heil. Cris- pinus. Der verflieg sich nur bis zum Leder, das er stahl, um den armen Leuten Schuhe daraus zu macheu. Hintzpeter brachte es sogar bis zum — na sagen wir Ferkelchen, das er aber auch nicht einmal stehlen konnte, sondern für sein gutes Geld kaufen mußte. — Die Sache ivar so gekommen: Einem seiner Schützlinge — in der „Laimkutt" — war das Einlegeschweinchen „drailfgegangen". Bei seinem Besuch wurde Hintzpeter in epischer Breite vorgejammert, welch schweres Geschick die arme Frau betroffen hatte. Hier mußte geholfen werden! Hintzpeter verschafft sich einen Kartoffelsack, ersteht in der gräflichen Burggüterverwaltung einen passenden Ersatz für das Hingeschiedene Tierlein und verbringt seinen Erwerb in der Art, wie er Vs bei Schlitzerländer Bauersleuten schon oft gesehen hatte, im Sack auf dem Rücken nach dem Domizil seines Schützlings in die „Laimkutt". Ob Hintzpeter erfahren hat, daß die Nachkommen dieser Frau in Amerika noch zu großem Wohlstand gekommen sind? * * * Hintzpeter blieben auch die trüben Erfahrungen in Ausübung der Charitas nicht erspart. Da hatte er noch einen lärmen kranken Leinweber. Alle Welt weiß, was vor vierzig Jahren Leinweberlos war. Hintzpeter machte in dem Haus häufig Besuche, er bringt Arzneien, Stärkungen, auch bares Geld. Aber mit dem Kranken wills nicht vorwärts gehen. Da einmal hört er bei gelegentlichem Besuch vom Hausflur her den Sprößling der Familie in die geflügelten Worte äusbrechen: „Babe ins Bäatt, der .Hinzepeter kimmt!" — Das arme Leinweberchen hatte sich eben bei Hintzpeters Zuwendungen besser gestanden, als bei seiner Arbeit hinter dem Webstuhl; nur hatte ihn diesmal sein Trick im Stich gelassen. Bezeichnend ist es aber, daß auch solche Erfahrungen seinen Wohltütigkeitsbestrebungen keine Ziigel anlegen konnten. VevmsfHLss. * Zur Geschichte des Bettes. Der „Newyork Herald" veröffentlicht eine Plauderei über die ästhetischen Wandlungen, die das Bett im Laufe der Jahrhunderte durch- gemacht hat. Von den hölzernen Betten der Aegypter und den nur aus Polstern bestehenden Betten der Orientalen bis zu den mit Elfenbein und Metall inkrustierten Betten der Korinther und Karthager — welch eine Mannigfaltigkeit, welch ein Reichtum der Formen! Die bei den Ausgrabungen gefundenen pompejanischen Betten lassen sich, 'obwohl sie vom I-euer arg mitgenommen worden sind, leicht rekonstruieren. Mit Silber auf bronzenem Grunde geschmückt, ruht das Holz des Bettes auf vier Füßen, die zierlichen Säulen gleichen. Alle diese Betten waren von einer wunderbaren Leichtigkeit und so klein, daß sie selbst in den engen pompejanischen Zimmern noch reichlich Platz hatten. Im Mittelaller waren die Betten nicht mehr transportabel, sondern fest; sie wurden zu währen Bauwerken, disj sozusagen ein Zimmer im Zimmer bildeten. Später kam ivieder das Holz zu Ehren; unter Ludivig XIV. aber wurden die großen Bettvorhänge Mode, und man verwandte den Stoff so reichlich, daß er das Bett vollständig einhüllte. Die Vorhänge waren prächtig, voll Fransen, Börtchen nnb Knötchen aus goldenen, silbernen und seidenen Fäden. Ludwig XIV., der die schöueu Betten für sich allein haben wollte, verbot seinen Untertanen den Besitz von silbernen; und goldenen Betten bei einer Buße von 3000 Franken. Unter der Regentschaft wurden die Betten wieder zierlicher, einfacher, graziöser: sie waren nicht mehr überladen mit Stoffen, Gold und bunten Farben. Unter Ludwig XVI. waren die Formen ruhig und schlicht: das bedeutete eine' Rückkehr zu dem gesunden Geschmack für die antiken Zimmerarchitekturen. Unter der Revolution und dem Kaiserreich dagegen machte sich in der Ausstattung der Wohnungen eine sklavische Nachahmung des griechisch-römischen Stils geltend: man kopierte in Holz die Metalle der Möbel von, Pompeji. * Enttäusch t. Neuvermählter Gatte: „Nicht wahw Schühchen, wenn ich rauchte, das würde den Gardinen doch sehr schaden?" — Frau: „Du bist doch der beste, aufmerksamste Mann, den es gibt; gewiß würde es das." — Mann: „Ja, daun hänge die Gardinen ab." Literatur. Die S ch a u b ü h n e, Herausgeber Siegfried Jacob-« sohn, enthält in Nr. 39 vom 24. September u. a.: Theaterlust (Stefan Großmann). — Für eine Edle (Peter Altenberg). — Das Berliner Theater (S. I.). — Terakoha (Willi.Handl). — Rosa Bertens (Julius Bab). — Die Sprache des Operntextes (Georg Caspari). — .Heinrich v. Kleist (Wilhelm .Herzog). — Gewitternacht (Jakob Picard). — Guten Abend, Jungfer! (Robert Walser). — Mannheimer Saisonbeginn (Hermann Sinsheimer). — Aus der Praxis. — DasT Heater. Schauspielhaus und Schauspielkunst vom griechischen Altertum bis auf die Gegenwart. Bon Dr. Christian Gaehde. Mit 20 Abbildungen. („Aus Natur und Geisteswelt". Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens^ 230. Band.) Verlag bon 'S. G. Teubner in Leipzig. 8. 1908, Bei aller Freude an der dramatischen Kunst unserer Zeit und bei aller Hoffnung auf ein noch nie dagewesenes goldenes Zeitalter der deutschen Bühne können wir uns doch, nicht verhehlen, daß den Völkern der Antike, vor allem den Griechen, wenn auch unter wesentlich anderen Bedingungen, eins gelungen ist, wonach wir noch immer vergeblich streben, — die Schöpfung eines Nationaltheaters. Dieses Ziel, das in der neueren Zeit die Spanier zur Zeit von Calderon, die Engländer mit Shakespeare, bie_ Franzosen wenigstens teilweise im Zeitalter Ludwigs XIV. erreicht hatten, ist uns heute, wo nicht mehr eine einheitliche Weltanschauung, sei es nun eine religiöse oder politische, das ganze Volk beherrscht, recht ferne gedrückt. Weder Lessings Bemühen, noch die Tätigkeit genialer Theaterdirektoren ivie Goethe, Jffland, Laube und Dingelstedt vermochte mehr zu erreichen als einen Höhepunkt lokaler Theaterkunst und zu einem Nationaltheater, wie es Wagner für sein Musikdrama in Bayreuth schaffeu wollte, kam es für das Schauspiel nicht. Das Verständnis für die hohe kulturelle Bedeutung des Theaters und für die hierbei ausschlaggebenden Momente kann vor allem die Einsicht in seine Geschichte fördern. Eine solche Darstellung gibt das hier vorliegende Büchlein. Die durch Abbildungen erläuterte Darstellung darf jedem, der vom Theaterliebhaber zum verständnisvollen Theaterfreund sich heranbilden will, warm empfohlen werden. Charade. Körperlich ist mein erstes und doch des jungen Gedankens Wiege, Dem Geiste verwandt, — wie? das enthüllest du nicht. Kunst des Menschen und Tieres erzeugt mein zweites und drittes. Aber das lustige Ganze gebiert ein törichter Irrtum. Baust du auf diesen Grund? — Fürchte Gelächter und Hohn. Auflösung in nächster Nummer: Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: B ache, Drache, Lache, Mache, Rache, Sache, Wache. Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversiläts-Vuch- und Steindruckerei, N. Lange, (Sieben.