Dsrmerttag den 27. Vigust 2jiIuA.>OTsW BjOÄM 8 jMnärg Ä@li; 6=i ■j Z > Der Dorfkönig. Roman von Karl Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 2. Kapitel- Wieder brausten Stürme durch das fülle Waldtal. Doch dics- mäl waren es Frühlingsstürme. Von den Höhen rann und rieselte) es in tausend Bächlein, und der Talsluß bäumte sich in trotziger Kraft, ohne jedoch mit seinen wuchtigen Eisblöcken die wohl- gefugte Brücke zu erschüttern. Das monotone Stampfen und Zittern der Mühle, zu welchem der Mühlgraben mit seinem Rauschen die Untertöne wob, lag Tag und Nacht über dem Grunde. Das' Geräusch war da und doch hörte es niemand mehr; es gehörte mit zur Heimat wie das vielzackige Fichtenmeer der anstrebcnden Höhen und wie der Schrei des Kuckucks im düsteren Walde. Ostern stand vor der Tür. Da kam eines Morgens ein Trupp Arbeiter die Bergstraße herein. Die qualmende Deckelpfeife in einem Mundwinkel hängend, im anderen schmierigen Tabak kauend und im bunten Sack- tüchlein allerhand Handwerkszeug — so blieben sie vor dem Herrenhaus stehen und betrachteten mit müßiger Neugier den Hof- Einer von ihnen, in besserem, kariertem Anzuge, betrat die Flur des Herrenhauses, wurde aber vom alten Elan, der über den Hof stelzte, nach dem Kontor in der Mühle gewiesen. Dort empfing ihn Guttermann. Der Führer des Trupps italienischer Arbeiter meldete sich mit den dreißig Mann, und der Herr rief kurz dem Buchhalter zu: „Jrmscher, instruieren Sie den Mann!" Der Buchhalter wies nun den Fremden ihre Wohnstätte an, eine unbenützte Scheune, nahm allen die Papiere und das Feuerzeug ab, und dann führte er sie über die Brücke, den schmalen Steig flußabwärts und machte endlich Halt, wo niedriges Gestrüpp die Berglehne bewaldete. Die Leute kannten ihre Arbeit. Etliche errichteten aus da- liegenden Pfosten und Brettern eine Baubude, andere beseitigten das Gestrüpp, und als es in der Talmühle Mittag läutete, war mitten in der Berglehne, mitten int wohltuenden, gleichmäßigen Waldesgrün ein großer Schandfleck entstanden: Die Anlage eines Steinbruches. In den nächsten Tagen kamen noch Steinmetzen aus der Stadt, die die großen Granitblöcke zurichteten, und Elan und Merlin fuhren sie mit den Ochsengespannen hinten nach der Mühle. । । Ganz anderes Leben !var im Tale cingezogeit. Das Donnern der Sprengfchüsse int Steinbruch wälzte sich die Höhen hinauf, und von dem' obersten Waldrande zurückgegeben, rollte cs im dumpfen Echo wieder herab, sich an dieser oder jener Schneise brechend, dann langsam in der Talmulde hinkriechend, bis cs vom Rauschen des Wehrs verschltingen ward. Und am Abend schlenderten die Italiener am Flusse entlang,. und die Wellen trugen ihre melancholischen Weisen murmelnd) herauf bis zum Mühldorf. Da saßen sie alle, die Müller und) Knechte und Mägde und lauschten, und der böhmischen Magd ward es ganz weich ums Herz, und der Rosenkranz glitt schnellest durch die müde Hand. Zu der Zeit, da die Weidenbüsche drunten am' Flusse Kätzchen trugen und die goldgelben Köpfchen den noch gelberen Primeln Kuraunten: „Heio — 's wird Frühlingszeit!" — zu dieser Zeit traf auch der Baumeister ein. Fritz Hennig, so hieß er, war dem alten Guttermann wa'rstt empfohlen worden als tüchtiger und billiger Mann. Das erste war gut — das zweite besser. — Wer als der Talherr den jungen Mann mit dem offenen Mick, mit dem ehrlichen, vom' blondeit Vollbart umrahmten Antlitz sah — da regte sich irt seinem Innern das Mißtrauen. Dem verschlossenen, ränkebpüten-, den Alten war solch gerade Natur zuwider. Cs war Freitag, als der Baumeister einzog. Er bctrachtet-tz sich zunächst den Bauplatz, verglich alles mit den Plänen und) unternahm dann einen Weg nach dem Steinbruch. Mit deut alten Elan schlenderte er am Abend zurück nach dem Mühlgut, wo er im Seitengebäude zwei kleine Zimmer angewiesen btz? kommen hatte. Von dem alten Kutscher erfuhr er mancherlei über Gutter^ männs. Doch er gewann wenig Interesse an diesen Geschichten; sie kamen ihm so dumpfig vor, zu muffig für diese reine Bergest lüft, di: frisch und doch frühlingswarm' ihn umwehte. Im kleinert Hintergärtchen des Mühlgutes, gerade unter den Fenstern seiner Wohnung, setzte er sich in eine alte, morsche Lattenlaube und ließ seinen Blick auf die jenseitigen Berge schweifen. Dieses Viclzackige und doch so Gleichmäßige, zu dem die Muhls den Rahmen bot, wirkte wohltuend und sättigend auf Auge und Ge-i mitt- Mit halb geschlossenen Augen schaute Hennig die Talbiegung entlang. — Er überfann des gebens Kontraste- Gestern noch int Gewühle Dresdens und heute in diesem Erdenwinkel, — gestern int Verkehr mit modernen Kulturmenschen, heute inmitten schlichtest Gebirgler, die nichts weiter kennen als Arbeit und Hcrrendienst. Aber hier gefiel cs ihm. Seiner poetischen, fast träumerischen Natur war das Waldcsgrün und Wassermurmeln gerade recht» er wollte schwelgen in Natur und Ruhe. Eilt Plätschern int Wasser schreckte ihn auf. — Ein ©teilt, von unsichtbarer Hand geschleudert, slog klatschend auf den Fluß, tauchte unter, huschte wieder hervor und hüpfte ein Stück auf der Wasseroberfläche hin, nm daun wieder in den kleinen Wellen zu verschwinden. —- — Dann ward es still- Jetzt fiel wiedest ein Stein ins Wasser, doch der sank sofort unter und wob Kreise, erst kleine, tiefe, dann größere, flache, die endlich von bett Wellen verschluckt wurden. Das wirkte einschläfernd. — Baumeister Hennig schloß die Augen, für Augenblicke — so meinte er, doch als er sie wieder öffnete, wallten von den Bergen herein graue Nebel, die sich mit denen vorn Tal vermischten und Nun wie flaiterttde Fetzen hin und hcrtrieben. Er betrachtete eine Weile das Nebelsptel und Log dabei feine Uhr hervor. Ü34 „Genair '42 Minuten, mein Herr I" ertönte e# neben ihm, und dann erschall ein kurzes, herzliches Lachen- Hennig fuhr erschrocken auf und griff verlegen in seinen Mondbart. Neben ihm stand ein junges Mädchen und lächelte. Und blinzelte ihn schelmisch an. Das Lächeln bannte ihn- — Endlich fasste er sich. „Sie kleiner Kobold oder Wassernixe oder was Sie sonst sein mögen, — wie kommen Sie in meine Laube?" Sie lachte wieder, so daß ihre Zähne blitzten- Doch plötzlich Mrd sie ernst und es zog wie düstere Nebel über ihr Gesicht. „Ich bin ausgerissen — aus dem Kuhstall." Das klang so unendlich komisch. Hennig musste laut auf- lgchen. „Lachen Sie nicht! — Die Sache ist furchtbar ernst." Er gehorchte und ward ernst. — Das Mädchen blickte scheu Unt sich und wiederholte leise: „Ich bin ausgerissen." „Aus dem Kuhstall!" setzte noch leiser Hennig hinzu. Sie nickte. — „Ich soll melken und mag nicht. — Tas riecht so stark.--Ich bin die neue Mamsell-" „Sie sind die neue Mamsell?" fragte der Baumeister zweifelnd Und blickte verwundert auf die weißen, zarten Händchen des Mädchens. „Ja,--bin erst heute hier angctreten,--wie Sie." „Ja, — zum Teufel, — wenu Sie einmal Mamsell sind, darf Ihnen doch der Kuhstall nicht zuwider sein!" Das hatte Hennig wohl härter gesagt, als er wollte, und die flüchtige Mamsell starrte entsetzt und voll Angst hinauf nach denk großen Mann. „Das hat mein Vater auch gesagt, — aber ich bin doch noch so jung!" In Hennig regte sich sofort der Kavalier. „An Ihrer Jugend habe ich nicht einen Augenblick gezweifelt, Utein Fräulein, — aber je jünger man zum Lernen kommt, desto Mehr kann mnn im Alter." „Ich mag über gar nichts lernen! — Denken Sie, ich habe Lust, den ganzen Tag in der Milchkammer zu stehen oder Eier tzu zählen oder den Quark so lange anzugucken, bis Käse daraus Wird?" Das dachte ja nun Fritz Hennig nicht. — Da er sich aber .über den Begriff „Pflicht" vollständig klar war, äußerte er: »Wenn Sie zu diesen Dingen nicht Lust haben, dursten Sie tzben die Stelle als Mamsell nicht annkhmen!" Das kleine Madel wurde immer zorniger. „Hab ich ja gar nicht--nie — nie. — — Ich wollte wach Lausanne in die Pension und mein Vater hat mich in den Kuhstall gesteckt." Von Mitleid mit sich selbst überwältigt, kamen der armen Mamsell die Tränlein, so sehr sie sich auch dagegen sträubte. Sie stieß der Bock, wie man wohl sagt, und zwar so sehr, daß der dicke Blvndzopf beunruhigend auf und nieder wippte. Fritz Hennig konnte nicht verkennen, daß zwischen Lausanne unti dem Kuh stall einiger Unterschied besteht. — Die ganze Geschichte kam ihm immer schleierhafter vor, und er fragte nun direkt, wer denn der hartherzige Vater sei, der so wenig Verständnis für ihre Pensionsgelüste zeige? „Mein Vater ist drüben--der alte — — Guttermctnn." „Der Talherr?" Sie nickte und die letzte Träne hüpfte von ihren rosigen Wangen. „Wenn das Ihr Vater ist, — so wären Sie ja . - ." — „Seine Tochter!" ergänzte sie, und diese verblüffende Logik Mächte ihr nun wieder Spaß, noch mehr aber ein entsetztes Gesicht und seine tiefe Verbeugung, als er sich vorstellte: „Fritz Hennig, Baumeister aus Dresden." Sic reichte ihm ihre kleine Patschhand und zog ihn neben sich auf die Bank. „Ihr Dasein wird mir das meine leichter machen- — — Ich heiße Irene, — — Irene Guttermann, — und nun erzählen Sie mir von Dresden!" Und Hennig erzählte von Dresden, von der alten und von der neuen Stadt, von Palästen und Schlössern und von seiner Wohnung draußen au der Rosenstraße. — Als er schwieg, wollte sie, noch Mehr wissen: Ob er König Johann kenne und den Prinzen Albert, und ob er verheiratet sei und schon in der Hof- vper gewesen wäre, und ob es wahr sei, daß es in deut Gange, der vont Schloß in die katholische Kirche führt, spukt? Und als mit der sich senkenden Dunkelheit der Talwind frischer ward, da rückte sie dichter an ihn heran und wärmte sich an seiner Whe. Ihr kam die Welt auf einmal ganz anders vor- Das falte, finstere Leben, das sie bis jetzt int düsteren Herren- Kausö drüben verlebt, versank in sein eigenes Dunkel, und ein neues, helles, warmes Leben stieg herauf, ein Leben voller Hoffnung und Wünsche. Bon dem tannenzackigen Bergrücken gegenüber sah man nur noch schwache Umrisse, vom Fluß hörte mau trauliches Murmeln, und ganz aus der Ferne klangen sehnsuchtsvolle, italienische Weisen- Die Talmühle klapperte gleichförmig ihr ewiges Lied, das Lied vom weißen Mehl und roten Gold. Nachdem Mamsell Irene aus dem Gärtchen geschlüpft war, suchte Fritz Hennig sein Stübchen auf. Noch lange stand er mit offenen Fenster, noch lange lauschte er dem fernen Sang und aus der Poesie der sinkenden Frühlingsnacht stieg, noch dicht um- schleiert, leise, leise Liebe in ihm auf, Liebe zu diesen Bergen, Liebe zu diesen Wäldern und Liebe zu diesem heimlichen Erdcn- winkcl. (Fortsetzung folgt.) Die Spefitlation. Von Gustav Mauk in Wieseck. Nachdruck verboten. „Ich will d'r däi Platt verkaefe," sagte der Ausmärker Johannes Beil zu seinem Grundstücksnachbar Kaspar Müller aus R., nachdem sie beide, auf dem großen Acker des ersteren stehend, lauge genug alles Mögliche und Unmögliche politisiert hatten. „Ea hält 5 aale Moarge, ean ich gaewe dir'n, wann du glaich bezoahlst, für 25 Honnert Mark." „Schwei' m'r stell vo' Aecker se kaefe, ich hü met meine mei' Last," wehrte der Kaspar ab. „No lvaeßt d '.nir denn mei' Last," wehrte der Kaspar ab. „No ivaeht d' mir deuit sonst keau Kaefmaun?" „Oh joa, ich waeß d'r een, ean oach ean ganz gourer Bezähler, den scheck ich d'r. Doas Hal ich in'r oawer aus, woaß ea üwer die 3 Tausig Mit, doaß eaß mei'. Kannst rouhig 3500 foarreru ean off deine väir Aege stitz bleiwe, ea gett d'r sehe." „Gout, ich sei d'met eanverstanue," erwiderte der Hannes über diese Auskunft hoch erfreut. „Adje, Hanues." „Adje, Kapper." Oefter vor sich hinlachend, schritt nun der Kaspar seinem Dorfe zu. ,,S' gebt ea Aria" (Spaß), murrnelte er halblaut vor sich hin, „wauus gerät, eanschoarre (schaden) dout's eam naut, wanne emol gepäetzt werd", fügte er hinzu. Er wog nun alle Sünden, die sein Nachbar — denn mit diesem beschäftigte er sich eben — gegen ihn schon verbrochen hatte, ab und kam schließlich zu dem Resultat, daß sein Coup, wenn er ihm gelang, doch Wohl den Aerger über manchen Kuhhandel, dessen Mißlingen von seinem getreuen Nachbar inspiriert worden war, ausheben würde. Als er mittlerweile vor seinem Hause angelangt war, blieb' er stehen, kratzte sich bald hinterm linken, bald Hinterm rechten Ohr, blickte die Gasse hinauf und hinab und ging endlich, als er annahm, daß ihn sein Nachbar lange genug beobachtet habe,- in den Hof. „Woaß lachst d' dann so für „dich," fragte Kaspars Frau ihren Mann, der bei jedeiu Wissen, den er in den Mund nahm, durch die Nase prustete, „du weaßt woaß, doas sehn ich d'r o." „Goar naut waeß ich, woaß soll ich dauu waesse," beschied sie ihr Mann, halb belustigt, halb ärgerlich. „Du mußt m'rsch saa." „Was soll ich dann saa, ich waeß joa naut." Doch die Neugierde war nun einmal in der Frau erwacht. Sie schmeichelte, schmollte und beteuerte, nichts sagen zu wollen, solange, bis ihr Mann uachgab. „No will ich dir'sch dann saa," fing er endlich an, „eaß (es) eass (ist) ea Spekulation ean (in) Aussicht. Drowe d'm Beils Hannes aus D. sein grüße Aecker wenn ea poar Frankfotter Herrn kaefe ean wenu (wollen) ea Sanetoriunt drof stenn (stellen), ich kohin groad d'zou, wäi se messe ean oabschreire drof däere." „Woas eaß dann doas, ea Sauetorium," unterbrach ihn seine Frau. „Ei no, doas eaß so ea Ostahlt, wu däi nervößigck 635 Stoadleu' eanean gestoppt wearn," belehrte sie der Kaspar, ob der Unwissenheit seiner Frau mitleidig lächelnd. „Moan froih (morgen früh) gih ich eannüwer zoum Beilshannes ean knef eam d' Aecker oab, hernoch müsse däi Franlfotter mir komme. So, itu waeßt d' die Neuiglaet, eans Maul gehale, Gret, wann d' eh Woart verlaure leßt, dann sollst d' emol seh'." Mit diesen Worten erhob der Kaspar drohend den Finger. Er wußte ganz genau, je schärfer er seiner Frau das Hüten des Geheimnisses anriet, umsomehr brannte es ihr auf der Zunge und umso sicherer konnte er darauf rechnen, daß sie es sobald wie möglich ausplauschen würde. Und in dieser Annahme täuschte er sich auch jetzt nicht. Der Grete wurde es bald zu eng in der Stube, am liebsten wäre sie sogleich zu ihren Bekannten geeilt, um die Geschichte sofort durchzuklatschen. Aber das durfte ja nicht jeiit, das schadete ja dem Plan. So ging sie denn vorläufig nur in den Garten, um Unkraut zu rupfen, wie sie ihrem Mann gesagt hatte. Ein Freudenschein ging über ihr Gesicht, als sie gleich bejm Eintreten in den Gemüsegarten die Nachbarin in dem ihrigen erblickte. Auch diese hatte die Grete sofort bemerkt. „No, m'r ineent, d' hast ean goure Kaffi tzetrunke," ruft sie ihr schon von weitem entgegen, „weil d' so ea frouh Gesicht mächst." „Doas auch, oawer doas net eallee (allein). Die Hauptfach, daaß ich so frouh sei, wäi d' sehst, doas eaß die Spekelation." Aber rappelte da uicht der Scheunenladeu? Feuerrot im Gesicht, wendet sich die Grete herum. „Ach, ich soll joa uaut faa," meinte sie ganz verlegen." „No, wann d' uaut saa sollst, daun will ich dich nach nait weirer folltern," gab sich die Liese sofort zufrieden. Damit ivar das Gespräch abgebrochen, und beide Frauen wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Mit dem Jäten war es aber bei der Grete heute nichts. Sie verdarb mehr, als sie gut machte. Sie schielte bald wieder zwischen den Latten hindurch und über den Zaun hinüber. Liese jedoch schien an der ganzen Sache kein -Interesse mehr zu haben. Slhnte sie denn gar nicht, wie es in ihrer Freundin Grete brannte und zur Explosion drängte? „Lies'?" „Ja." Die Angeredete hebt den Kopf und lauscht gespannt hinüber. „Lies', ich glaewe, d' gönnst m'r mei' Gleck uäit." „Del' Gleck? Woas für ea Gleck?" „Ach, woas ich d'r eawer vezehn (erzählen) ivollt. Siehst d', wann m'r keeir selige Mensch hott, wu m'r so rächt erüwer ean eannüwer metschwätze kann, Wann ehm das Herz so voll für lauter Fraeh eaß, danu eaß 's ehm so. Mei' Kapper, siehste, der kappt mich immer glach oab ean haeßt mich ea domm Eul', wann ich üwer so Hänuel (Händel) mit eam schwätze will. Ean austausche will m'r sich doch aach emol. Wann isi Männer aach manchmoal struppelich sei üwer so allerhand Krehm, doas brach is naut se schiniern." „Die Mannsleu' sei ea so," bemerkte die Liese philosophisch, „verzehl nor, woas d' waeßt." „Ja, woas ich saa wollt. Du kennst doch dem Donner Beil sein grüße Aecker do owe ohm Hollerbusch, do soll en Sanetoriuni droff gestehlt wern. Waeßt d', doas eas so eOart Ohstahlt, wu däi nervigte Stoadleu' eneann komme. Mei' Kapper kohm groad d'zou, wäi en poar Franlfotter Herrn droff nteasse ean oabschreire daere, du waeßt joa, mei' Kapper eaß ewink (ein wenig) konnterwittisch (klug), ean hatt's bäht aus ean erausgebrohcht." „No deswege brachst d' doch näit so frouh se sein," bemerkte die Liese lauernd. „Ach joa, doas eaß joa aach groad näit," erwiderte die andere zögernd, „ich meen —" „Aha, aweil fällt nrir'sch ean", unterbrach sie die Nachbarin rasch, „ihr gedenkt mitt (euren) Aecker vielleicht inet se verkaefe." „Joa, joa," bestätigte die Grete schnell, „so woas aach." Innerlich war sie froh, daß es ihr Liese so leicht gemacht hatte, gerade den eigentlichen Kern der Spekulation zu verschleiern, was ihr vielleicht sonst nicht so leicht geglückt wäre. „Deaß dei'm Kapper eabbes eam Köpp erim geng, doas hunn ich geästen seh könne, dann mei' Fritz, der nohm mich 6et’nt Oarn ean saat wirre mich, guck emol, d' Kapper scheint wirre de Kopp voll Hänuel se hu," bemerkte die Liese nach einer Pause wichtig. Die Beiden erörterten nun des Langen und Breiten big Vorteile, die so eine Anstalt dem Dorfe bringen könne in Bezug auf Lieferung von Milch, Eiern usw. Am nächsten Morgen wurde in der Wohnung des Winkelfritz früh gelichtet und die Müllers waren kaum aus den Federn gekrochen, da hallte schon der hastige Schritt des Nachbars auf dem Pflaster. „Wu wärd dann der Fritz ean aller Herrgottsfroih schun hie welle," äußerte der Kasper, während er mit halb offenen Augen durch die Scheiben blinzelte, mit einem Tone, aus dem man nicht recht schließen konnte, ob er mit sich selbst oder mit seiner Frau sprach. Der letzteren mochte aber doch eine böse Ahnung aufdämmern, daß die frühe Reise des Nachbars doch wohl mit dem gestrigen Gartengespräch in einem gewissen Zusammenhang stehen könnte, denn sie machte sich schleunigst aus der Stube. Mit einem zufriedenen Lächeln blickte ihr ihr Mamt nach. „Aha, es gerät," murmelte er vor sich hin. Nach Verlauf von zwei Tagen wurde es im Dorfe bekannt, daß der Winkelfritz den Beil'schen Acker gekauft habe und zwar für 3500 Mark. „Do steckt woas dahinter," sagten' die Leute, „sonst hätt sich der Schlaumeier däi Last' näit off de Hals geloare." „No, Heist d' dann noch näit Aecker soaht" (satt), fragte der Kaspar eines Abends seinen Nachbar, als dieser mit noch einigen anderen Bauern vor seinem Hause stand und wieder mal das Gespräch den Ackerkauf berührte. „Gelle, eas ärgert dich", gab der Angeredete schadenfroh zurück, „daß du ean näit gritt (kriegt) hoast, hast äeher off muffe stete (steigen)." „Ach, ich sei goar näit bies drüwer, dann ich harr ernt joa Tausig Mark billiger krigge könne," erklärte der Kaspar gelassen. „Hah, hah, hah!", lachte der Winkelfritz übermütig. „No, Kapper, ich bezoahle (bezahle) d'r aach ea Viertelche, weil d' mir behelflich woarfcht." „Ich will naut vo d'r bezoahlt hu." „Du nimmst doch ea Viertelche, danu vo Wehm sein ich dann sonst anuerscht gewoahre woarn, deaß do owe ea Ohstahlt hiegebaut wearn soll, als vo dir. Ich wär —" „Aha," rief der Kaspar dem Fritz ins Wort fallend, „eaweil gitt mir ea Licht off. Siehste, Fritz, wann d' mir doch ea Woart devoy gesaat häst, dann wärscht d' näit glach zoum Beilshannes gestürmt ean hast eam sein Aecker oabgekaeft. So oawer host d' dich vo dem domme Weisleu- geschwätz dorchenaunermache lasse. Mit deare Ohstahlt do eaß joa natierlich eabbes dro, awiver näit, deaß m r droff spekeliere kann. Siehste, die vierig Woch, do staun ich . beim Beil off seim Aecker ean, do saare wirre mich, Kapper, üwer däi bieste Grenndköppel do douht die best Loft straiche, weeßt d' woas, ich wünscht, eas köme so ea poar rache Franksotter Herrn ean bere off bem biese Die iß- kopp ea Sanetorium für nervößige Leu baue, bann bchr ich ernt doch mit Gerück (auf gute 2lrt) lus wearn." Nach bieser Eröffnung des Kaspar entstaub eine Pause, währeub welcher die lauernben Blicke der Umstehenden auf den Winkelfritz gerichtet waren. Dieser verzog das Gesicht immer mehr zu einer schmerzlichen Grimasse. „Ich weaßj näit, ich hu hau (heute) fresch Brut geasse, do hun ich Leibschmerze vo gritt, eas eaß b’ Best, ich lege mich kromin." Mit biesen Worten wandte sich bet Fritz tun und schritt in seinen Hof, b.ie geballte Hand aus bie Wageiigegend drückend. Ein dröhnendes Gelächter der Bauern folgte dem Fortzi *— 636 'gehenden. „Fritz," ruft ihm sein Nachbar nach, „ich wäeß d'r ea gout Mettel für Leibschinerze, doas eaß, wann d'r die Sanetorinmsmänner dein nane Aecker abkaefe, dann vergieh se wirre (wieder)." Wertschätzung Napoleons L in veutschlan- vor joo Jahren. Wie hoch man vor 100 Jahren Napoleon I. in Deutsch- .«nb einschätzte, beweist folgende, sehr bezeichnende Titulatur, die sich eingangs eines auf ihn verfaßten gedruckten Pasquills befindet, dessen Titelblatt, jedenfalls als Seltenheit, im städtischen Museum zu Bremerhaven aufbewahrt wird. „Titel des großmächtigen und unüberwindlichen Kaisers der Franzosen. Der in Gottes Zorn gemachte und mit der rothen Blutkappe gekrönte Kaiser der Franzosen, Beherrscher von mehr als 500 000 Windbeutels, Ritter des großen Rabenordens, Hauptanführer einer gräßlichen schwarzen und rothen Räuberbande, Großpeiniger der Schweiz, Großheuchler in Egypten, Kron- und Thronräuber von Neapel und Spanien, Erzschurk zu Malta, Heiligthumsschänder und Kirchendieb in Italien, Churfürstenthumshändler von Hannover, Thronumwälzer, gefräßiger und unersättlicher Wolf vom deutschen Reiche, Königlich-Churfürstlicher Pferdedieb von Berlin, braungelber Spitzbube von Sanssouci, Schärpe-, Degen- und Ringkragen-Dieb, Riegel- und Siegelbewahrer des grünen Gewölbes zu Dresden, Schatzauskramer zu Gassel, Großverderber von Polen, Blutigel von Holland, Aussauger und Bedrücker der Armuth, Mordbrenner von Europa, wirklich bestimmter Erzengel des Satans, erster Beisitzer der höllischen Ritterschaft der Ewigkeit rc. :c." Daß man es in Deutschland wagte, den allmächtigen Usurpator trotz des Spür- und Schnüffelsystems seiner Kreaturen öffentlich zu beschimpfen und herunterzureißen, zeigt, wie sehr die .Volksseele unter dem schmachvollen Druck des Tyrannen blutete, daß man selbst die Todesstrafe nicht fürchtete, die die Verbreitung der Schmähschrift nach sich zog. War doch auch um diese Zeit der Buchhändler und Verleger Palm in Nürnberg von französischen Gendarmen verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden, weil er edelgesinnt den Verfasser einer Flugschrift nicht nannte, die Über Deutschlands tiefe Erniedrigung klagte und das Freiheitsgesühl des Deutschen zu wecken suchte. —e— Vermachter« * DieHeilkraftdes Bienenstiches. Die interessante Erfahrung, daß der Stich der Bienen auf die Heilung des Rheumatismus in seltsam günstiger Weise einwirkt, hat bereits zu Versuchen geführt, das qualvolle Leiden mit diesem Mittel zn bekämpfen; nun ist ein findiger Amerikaner auf den Einfall gekommen, diese Versuche praktisch quszubenten. Es ist ein großer Bienenzüchter, der sich kürzlich bei einem Apotheker von Philadelphia einfand, nm in aller Form den Vorschlag zu machen, diese eigenartige Heilkraft des Bienenstiches nutzbringend zn verwerten. Da die Einwirkung gegen den Rheumatismus durch das im Bienenstachel enthaltene Gift bewirkt wird, bedarf es nur der Sammlung von größeren Mengen von Bienenstacheln, Um ausreichende Giftmengen zu erlangen, die sich dann leicht zu einem pharmazeutischen Präparat verarbeiten ließen. Und der findige Amerikaner hat bereits auch einen SÜrict erprobt, um sich die Stacheln zu verschaffen. Er hüllt sich in ein Kautschukgewand, das vorher mit Pferdehaaren abgerieben wird, und geht dann zwischen seinen Bienenstöcken spazieren. Durch den Geruch des Pferdes gereizt und erbittert, stürzen sich die wütenden Insekten auf ihn, stechen und lassen dabei ihren Stachel zurück- Auf diese Art will er täglich Tausende von Bienenstacheln erlangen können; wie der „Gil Blas" erzählt, stellt er sie das Tausend zu 20 Mark zum Verkauf und hofft auf diesem Wege bald Millionär zu werden. * Die Erschaffung des Weibes. Eine altindische Sage erzählt: Als der Schöpfer das Weib erschaffen wollte, machte er die Wahrnehmung, daß der zu seiner Verfügung stehende Stoff bei der Schöpfung des Mannes aufgebraucht war. Da nahm er die Windungen der Schlange, das Sich-fest-klammern der Kletterpflanzen,^ das Zittern des Grases, die aufrechte Haltung des Schilfe rohres, den Samt der Blume, die Leichtigkeit des Blattes, den Blick der Gazelle, die Heiterkeit des Sonnenstrahls, dis Tränen der Wolken, die Unbeständigkeit des Windes, dis Hitze des Feuers, die erstarrende Wirkung des Eises, das Schwatzen der Elster, mischte alle diese Elemente zusammen und bildete ans ihnen das schöne Weib. — Von den Sagen aber, die nur von den Fehlern der Frauen zn reden wissen,^ läßt sich eine in einer altjüdischen Erklärungsschrift stehende wegen ihres gemäßigten Tones am ehesten hören. Bei der Erschaffung des Weibes sagte Gott: „Ich mag sie nicht aus dem Kopfe des Mannes erschaffen, damit sie nicht ihren Kopf stolz erhebe, nicht ans dem Ange, damit sie nicht neugierig sei, nicht aus dem Ohr, damit sie nicht horche, nicht ans dem Munde, damit sie nicht geschwätzig sei, nicht aus denk Herzen (das ist die Denkwerkstätte in der israelitischen' Psychologie), damit sie nicht zänkisch werde, nicht aus deq Hand, damit sie nicht alles betaste, nicht aus dem Fuße, damit sie nicht herumlanfe. Ich will sie aus einer verborgenen Stelle an Adam, und zwar aus einer solchen machen, die er, wiewohl er selbst ganz nackt ist, doch bedeckt hält." — Bei jedem Glieds nun, das Gott am Weibe schuf, sprach er zu ihm: „Sei ein frommes, bescheidenes Wesen!" — und doch finden sich alle jene Fehler an ihm. Literarisches. — Lagerlöf, Selma:WunderbareReisedesklei^ ilenNils Holgersson mit den Wildgänsen. 2. Band. Uebersetzung von Pauline Klaibcr. 322 S. München, Albert Langen. — Nils Holgersson macht eine Reise über Schweden auf dem Rücken des Gänserich. Und das Land mit seinen Bergen, Fjorden, stillen Seen und rauschenden Strömen, mit seinen gradlinigen Menschen und klugen Tieren liegt so klar da, als wäre jeder Leser der kleine Nils, der auf wunderbare und doch so einfach erklärte Weise Zugang zu den Seelen und Wohnungen der Menschen und Tiere erhält. Wer Schwedens Reiz nicht kennt, dem offenbart er sich in diesem Buch. Gedanken und Betrachtungen. Von HelvStius. . „ Wenn man uns weiSmachen will, daß Tugend allein glücklich mache, so heißt das, die Menschen zu sehr als Kinder betrachten. Man muß erst den physischen Bedürsnissen genügt haben. Es erscheint uns sonst wie in den Rittcrgcschichten, ivo die Helden immer in Beivegnng sind, stets kämpsen imb sechten, ohne zum Essen oder zum Schlafen Lust zu haben. Altäghptische Hieroglyphe«.