1908 UM°! e MM W M John Darrows Tod. Roman von Melvin L. S e v e r y. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) < Bischer bin ich in meinem Bericht völlig aufrichtig gewesen und habe weder bei meinen Freunden, noch bei mir das geringste verhehlt. Um daher diesem Grundsatz bis zum Ende treu zu bleiben, muß ich gewisse Anwandlungen unterdrücken, die mich zum Verschweigen veranlassen wollen, und mutz einiges bekennen, das uian mir schwerlich zur Ehre rechnen wird. Aber mag man von mir halten, was man will, der Wahrheit soll hier keine Gewalt angetan werden. Einer der Gründe, warum ich jetzt Maitland so oft aufsnchte und so lange bei ihm blieb, war der, daß ich ihn regelmäßig auf seinem Posten ablösen durste. Mit einer Art Telephonhorcher am rechten Ohr und das Auge auf die Mattscheibe des Apparates richtend, saß ich stundenlang da und erspähte mit Auge und Ohr das Tun und Treiben der beiden sm Nebenzimmer. Eine Reihe von Tagen suchte ich mein Gewissen zu beschwichtigen, indem ich mir sagte, ich sei im Interesse der Gerechtigkeit tätig und kein gemeiner Lauscher. Aber nach kurzer Zeit hörte dieser Selbstbetrug auf, und meine Ehrlichkeit zwang mich zu dem Bekenntnis, daß ich nichts anderes tat, als andere Leute zu meinem eigenen Vergnügen ausspionieren. Doch diese Selbsterkenntnis bewog mich nun nicht etwa, auf meinen Ablösungsdienst zu verzichten, wie ich es hätte tun sollen. Wie wir schwachen menschlichen Geschöpfe uns in unfern Handlungen mehr durch Wünsche und Gefühle als durch Grundsätze, Erkenntnis und Urteil leiten lassen, so tat auch ich. Tag für Tag beobachtete ich mit immer wachsender. Gier, bis ich mich nur noch mit Unwillen von Meinen andern Pflichten hinwegrufen ließ und drauf und dran war, diese ganz zu vernachlässigen. Auch will ich erst gar nicht zu verhehlen suchen, daß nicht sowohl der Mann int Nebenzimmer, als vielmehr die junge Dame mein Interesse gefangen nahm. Als mildernden Umstand für die Beurteilung meiner Schuld kann ich nur die Unwiderstehlichkeit der Versuchung geltend machen. Man denke sich nur! Ein junges Weib von einer für mein Gefühl unbeschreiblichen Schönheit, mit himmlischen blauen Augen, üppigem Haar, wie aus Gold gesponnen, und einer Stimme, so melodisch wie das Quellwasser, wenn der Winter von den Bergen steigt, um seinen schlummernden lieblichen Bruder, den Frühling, wachzurufen! Wer hätte an meiner Stelle anders gehandelt? Freilich war ich ein Junggeselle in den besten Jahren, der fast ihr Vater hätte sein können. Aber was tut das? Ist das Herz weniger hungrig, weil es hat darben müssen? Viele Monate sind seitdem vergangen, und doch überläuft mich ein süßer Schauer, denke ich an jene Stunden! Bei diesen Besuchen wechselten Maitland und ich nur sehr wenige leise Warte, und während ich beobachtete, ereignete sich nichts Interessantes, das heißt nichts, was ihn interessierte, und wenn es etwa der Fall war, so bemerkte ich es nicht, weil anderes, was mich interessierte, meine Aufmerksamkeit abzog. Mehrmals machte er dunkle Andeutungen, er habe Neues in Erfahrung ge^ bracht, das er mir zu seiner Zeit mitteilen würde. So gingen etwa zwei Wochen hin. Jeden Tag wanderte ich zu Maitland, und jeden Tag wob das schöne Geschöpf da-! neben sein Zaubernetz enger um mich Als ich um diese Zeit eines Abends heimkam, faird ich Alice in großer Aufregung» Sie erwartete mich au der Tür und sagte, Florence bedürfe sofort meiner Fürsorge. Ohne weiter zu fragen, eilte ich ins Wohnzimmer, Uw Florence auf dem Sofa lag. Sie befand sich in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie nichts erwecken zu können schien. Umsonst versuchte ich, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre weit geöffneten Augen starrten auf mich, scheinbar ohne mich zu sehen. Ich erkannte, sie hatte eine schwere Nervenerschütterung erlitten; so reichte ich ihr ein Veruhiguugsmittel und nahm dann Alice beiseite mit der Frage, was geschehen sei. Sie sagte, Florence und sie hätten den ganzen Nachmittag nähend am Fenster gesessen und von Maitland gesprochen. Etwa um fünf Uhr wurde toie gewöhnlich die Abendzeitung hereingebracht. Alice überflog die Nachrichten, als sie unerwartet unter „Neuestes" die Ueberschrift las: „Lösung des Darrow-Geheimnisses". Dies hatte sic laut gelesen, ohne daran zu denken, in welche Aufregung die plötzliche Mitteilung Florence versetzen könnte, doch verriet die schreckliche Blasse auf dem Gesicht des jungen Mädchens die Gefahr, und sie hielt inne. Ihre Freundin hatte aber inzwischen schon mit krampfhafter Handbewcgung die Zeittmg an sich gerissen und in fieberhafter Erregung halblaut gelesen: „SoIm Darrows Ermordung. Eine Spielschuld, die den Mörder nicht bezahlen konnte, der Beweggrund zum Verbrechen. Vorzügliche Leistung eines französischen Detektivs. Das Netz" — Aber hier war das Blatt Florences Händen entglitten, und sie war zu Boden gesunken, ehe Alice sie halten konnte, j V. Des Rätsels Lösung. 1. Kapitel. Erst nach einigen vergeblichen Versuchen war cs Alice gelungen, Florence aufs Sofa zu bringen; alle ihre Bemühungen, die Ohnmächtige zu vollem Bewußtsein zurückzurufen, waren aber vergeblich gewesen. Florence verharrte in demselben Zustande, wie ich sie dann fand. Ich fragte Alice, ob sie wisse, warum die Nachricht solchen Eindruck auf Florence gemacht habe, worauf sie mich erstaunt anblickte. „Hast du vergessen," versetzte sie, „was Florence ihrem Vater versprochen hat? Hat sie dir nicht schon gesagt, sie würde das Versprechen halten, was für ein Opfer es sie auch kosten sollte? Sie ist also völlig auf Gnade und Ungnade Herrn Godin preis- gegeben und muß ihn, will sie ihres Vaters Willen erfüllen, dies auch wissen lassen. Ist das ein Nichts für eine gefühlvolle Natur wie sie? Wenn sie irgend welche Zuneigung zu einem andern fühlt, muß sie diese aus ihrem Herzen reißen, denn sie gehört jetzt Herrn Godin an." „Wir wollen das auf sich beruhen lassen," versetzte ich, „und zunächst sehen, daß wir, Florence zu Bett bringen.". 462 Als dies geschehen und der Arnim für die Nacht alles möglichst bequem gemacht worden war, nahm ich die Zeitung an mich, griff nach meinem .Hut und eilte zn Maitland. Eine Nummer des „Herald" lag auf seinem Tisch und zeigte mir, daß ih!m die überraschende Wendung, welche die Sache genommen hatte, schon bekannt war. Er erzählte mir, daß er zuerst davon durch das Ausrufen des Zeitungsjungen erfahren habe. Als ich ihm von Florences Ohnmachtsanfall Mitteilung machte, wollte er sofort zu ihr, ich bedeutete ihm aber, er müsse bis morgen tvarten, da sie schon zu Bett und, wie ich hoffe, in festem Schlafe sei. Auch konnte ich ihm die Zusicherung geben, eine Nacht Schlaf und meine Medizin würden sie die Folgen der heftigen nervösen Erregung überwinden lassen. Nachdem ich so seine Besorgnisse zerstreut hatte, hoffte ich, er würde auch die meinigen beseitigen, und fragte, was aus dem jungen Mädchen im Nebenzimmer geworden sei. Ohne ein "Wort zu erwidern, führte er mich zu seinem Apparat, damit ich mich persönlich überzeugen könnte. Sie saß am Tisch in der Mitte des Zimmers und hielt ihr Gesicht in den Händen begraben. Lange beobachtete ich sie, ohne eine andere Bewegung an ihr wahrnehmen zu können, als daß fick) von Zeit zu Zeit ihre Brust krampfhaft hob und senkte. Der Kapuzineraffe war nichit mehr zu sehen. „Sie haben heute morgen ihren Vater fortgeführt," sagte Maitland, „nach der ersten Aufregung versank sie in diese trostlose Haltung und hat sich seitdem kaum geregt. W!enn ich sehe, in welche Verzweiflung sie die Verhaftung des Vaters gestürzt hat, so möchte ich nüch fast freuen, daß ich keinen Teil daran hatte, und doch — es gibt kein großes Unglück, das nicht zu irgend etwas gut wäre — niemand wird jetzt behaupten, John Darrow habe sich selbst das Leben genommen, wie? Was denken Sie, werden unsere Freunde Osborn und Allen nun sagen? Sic waren so fWr, daß ihre Theorie die allein haltbare sei. Ja, ja, wir sollten immer auf Ueberraschungen gefaßt sein." „Und auf Notfälle auch," fuhr ich fort, „und hier scheint mir einer vorzuliegen. _ Das junge Mädchen dort bedarf unser, wenn ich mich irgend auf Symptome verstehe, und ich gehe hinein." „Nutzt nichts, Doktor," versetzte Maitland, „die Tür ist zu, und fee kann oder will nicht aufmachen. Ich habe eine Stunde lang gepocht m der Hoffnung, ich könnte ihr helfen. Sparen Sie stch bte Mühe; sie macht-doch nicht auf." „Macht nicht auf? Gut, so renn ich die Tür ein!" ries ich in einem Tone, daß mich Maitland ganz überrascht an den Schultern faßte und mir ins Gesicht schaute. , „Ganz recht, George," sagte ich in Erwiderung auf seinen erstaunten Blick. „Ich gehe hinein und frage nicht lange, wie." , Tütnit ging ich auf den Flur und klopfte laut an die Tür. Keine Antwort. Dann schlug ich dagegen, daß es das ganze Vaus gehört haben muß, aber alles blieb still int Zimmer. Nun war es klar, daß ich vergeblich auf eine' Einladung zum Eintreten wartete. Ich ging daher vier oder fünf Stufen auf I Der Treppe der Tür gegenüber hinauf und sprang von dort herab mit aller Macht gegen die eigensinnige Tür. Ich bin j letn schwerer Mann, aber die Küaftwirkung hängt von beiden ab, deni GewM und der Schnelligkeit, imb ich ersetzte durch letztere, was an ersterem fehlte. Die Tür riß nach innen aiis I beit Angeln, und beide, ich wie sie, stürzten mitten ins Zimmer. Denke ich daran zurück, so muß ich jedenfalls sagen, es war der überstürzteste Krankenbesuch, den ich in meiner Praxis je giHKmj'i Ijübe. 266nn bie junge Name ettonS von meinem ungewöhnlichen Eintritt wahrnahm, so war jedensalls, als ich wieder aufstand, nichts mehr davon zn bemerken. Ich sprach zu ihr, aber allem Anschein nach hörte sie mich nicht. Ich hob ihren Kopf. Ihre Augen standen weit offen und stierten iuich groß an, aber mit einem so inhaltsleeren Blicke, daß ich klar erkannte, daß sie nicht Herrin ihrer Sinne war. Die zusammcn- gezogenen Brauen, die gefaltete Stirn, die starren Züge zeugten von einer unerträglichen Anspannung. Auf den Wangeti waren Spuren von längst versiegten Tränen sichtbar, die Fieberhitze hatte sie getrocknet. Ihr Fall erschien mir weit ernster als der von Florence, und ich beschloß, sie unverzüglich in Behandlung zu nehmen. Sie ohne eine Erklärung anzurühren, kam mir aber so sehr tote eine Entweihung vor, daß ich, als ich sie am Arm ,)m' i"gte: »Sie find krank; ich muß Sie von hier fort» bringen, obwohl ich wußte, daß sie mich nicht verstehen konnte. Ich trug sie in Maitlands Zimmer hinüber und schickte ihn vltnn nach1- einer Medizin, welche die Spannung lösen und ihr zum Schlafen verhelfen sollte. Als ich ihr diese eingeflößt hatte, besprachen Maitland und ich, was weiter zu tun sei, und kamen zii dem Entschluß, sie in mein Haus zu nehmen, wo sie mit Florence die fürsorgliche Pflege meiner Schwester genießen sollte Allerdings Hegte ich einige Zweifel, wie Florence die Sache auf» nehmen würde, aber Maitland erklärte, als ich dieses Bedenken laut werden ließ: „Sei deshalb unbeforgt; Fräulein Darrow Ijnt viel Zu fcfyc tveiblidjicn ©init, um bie ©ünben eiiteSi schuldigen Vaters an einer unschuldigen Tochter heimzusuchen und überdies, auch dieser Mann — sein wahrer Name ist, wie es scheint, Latour, nicht Cazenove — muß als unschuldig gelten, bis seine Schuld bewiesen ist." Mein Freund hatte recht, denn als Florence sich so weit erholt hatte, um voll zu verstehen, was ich getan hatte, zeigte! sie nicht nur keine Abneigung gegen die neue Hausgenossin, sondern im Gegenteil das größte Interesse für sie. Das war mir sehr erfreulich, nicht nur um Fräulein Latours willen, sondern weil auch Florence für sich vor allen Dingen etwas brauchte, was sic interessierte. Denn sie war wieder in ihren alten Zustand der Passivität versunken, in dem nichts ihr nahe zu gehen schien. Gerade diesen Zustand der Willenlosigkeit und Gleiche gultigkett fürchte ich für meine Kranken am meisten. Was Wunder, daß ich mit Freuden bemerkte, wie sich Florence für die artne Jeanette interessierte? Es dauerte aber lange Zeit, bis Jeanette dieses Interesse mit etwas anderem vergalt, als einem träumerischen, verlorenen Blick, der nichts Bestimmtes erfassen wollte. Erst nach und nach konnte ich mit Genugtuung wahrnehmen, daß sich in ihren Augen ein schwacher Ausdruck der Verwunderung malte, und als dieser täglich an Stärke zunahm, da wußte ich, daß sie anfing, sich ihrer neuen Umgebung bewußt zu werden und sich zu fragen, ob sie noch träume. Aber die Sprache hatte sie noch nicht wiedergefunden; es war, als fürchte sie sich vor dem Klang ihrer eigenen Stimme und sei entschlossen, das Ge- heimnis, das sie umgab, ohne fremde Hilfe zu entschleiern. Ich ersuchte alle, weder eine Frage an sie zu richten, noch sonst den Versuch zn machen, das Schweigen zn brechen, denn ich wußte, die Zeit würde kommen, wo sie es aus freiem Willen täte. Zufällig richtete sie das erste Wort an mich, und während ich dies niederschreibe, durchrieselt mich noch in der Erinnerung ein wohliger Schauer. Ich hatte eine Medizin für sie bereitet und hielt den Becher an ihre Lippen, damitFie trinken sollte. Sie faßte mein Handgelenk, schob den Becher sanft beiseite und sagte mit nachdenklichem Blick auf mich: „Haben Sie mich nicht hierher gebracht?" „Ja," versetzte ich Sie langte nach dem Becher, trank seinen Inhalt und sank mit einem Ausdruck halber Befriedigung in die Kissen zurück, als habe meine Antwort ein Rätsel gelöst, aber viele andere noch ungelöst gelassen. Von diesem Tage an ging es mit Jeanette beständig vorwärts, und nach vierzehn Tagen waren sie und Florence bereits zu einem guten Einvernehmen gelangt. Auch Alice erhielt ihr gut Teil von der Zuneigung der kleinen Französin. Sie hatten sich nicht viel int Vertrauen mitzuteilen, wie sonst wohl Freun- dimien, denn Alice war, wie Maitland zu sagen pflegte, eins von jenen seltenen sanften weiblichen Wesen, die nur wenig reden, aber auf ihre ganze Umgebung sozusagen eine befreiende! Wirkung ausüben, so daß sie die Atmosphäre durch ihre bloße Gegenwart erheitern. (Fortsetzung folgt.) hoffmaM. (Zn seinem 60. Geburtstag.) Von Phil. Hofmann, Grünberg. (Nachdruck verboten.) Heute, am 27. Juli, begeht einer unserer liebenswürdigsten Dichter sein 60. Wiegenfest, Hans Hoffmann. Er ist kein Modeschriftsteller, sondern pilgert still und zurückgezogen feilte Pfade. Aber immer mehr wird er bekannt und hoffentlich auch immer mehr gelesen. Er verdient es. Wir können ihn ruhig neben Raabe, Storm und Heyse nennen. Geboren Ivurde Hoffmann in Stettin, besuchte dort das Gymnasium, studierte in Bonn, Berlin und Halle Philologie, wurde 1871 zum ersten Doktor im neuen Deutschen Reich promoviert und trat im folgenden Jahre ein Lehramt in seiner Vaterstadt an. Später unternahm er Reisen nach Italien und Griechenland, wurde Gymnasiallehrer in Stolp, später in Berlin. Schließlich gab er 1879 den Beruf alZ Lehrer auf. Es ging ihm, wie es vielen Dichtern geht. Sie können nicht zwei Herren dienen, können nicht zugleich Pädagoge und Dichter sein. Hoffmann konnte nicht über eine Rangenschar herrschen. Er konnte keine Zucht halten. Es muß eine harte Zeit für ihn gewesen sein: „Es war wirklich ein Dulden. Die Berliner Rangen waren mir zn intelligent. Schon Goethe nannte die Berliner 463 ein verwegenes Geschlecht. Ich kam nie unter den Schlitten, aber auch nie recht ans Kommando in den Räuberhöhlen der Quarta und Tertia, in die ich immer wieder verstoßen wurde. Zuletzt geriet ich an eine Realschule im Nordosten. Wer die Gegend kennt, weiß, was das besagen will. Und da hatte ich Lateinisch zu geben, eine dort tief verachtete Hilfswissenschaft. Und dann geschah es eines Tages, daß ein mir persönlich wohlwollender Gymnasialdirektor in meiner Klasse „hospitierte" und dann — wie mir unter der Hand mitgeteilt wurde — meinen Unterricht für langweilig erklärte. Im Vollbewußtsein verfehlten Berufes drückte ich mich still bei Seite." Er wurde unabhängiger Schriftsteller und lebt nach mehrfachem Wechsel seines Aufenthaltsortes in Weimar als Generalsekretär der Schiller-Stiftung. Hoffmanns Sprache ist schlicht und einfach und doch voller Poesie. Man wird oft an Storm erinnert, aber nicht daß man von einer Abhängigkeit sprechen könnte. Nein, Hoffmanns Eigenart tritt immer in den Vordergrund; er gestaltet, ahmt nicht nach. Er tritt nicht in die Spuren anderer, sondern geht seine eigenen Wege. Er begann mit den Novellen „Unter blauem Himmel", denen dann eine ganze Reihe Novellensammlungen folgte. Auch zwei Romane hat er geschrieben, „Der eiserne Rittmeister" und „Wider den Kurfürsten?" Namentlich der erste ist von Bedeutung. Die Handlung spielt zur Zeit Preußens Erniedrigung. Der Held August von Jageteufel, „der eiserne Rittmeister", ist Kantscher Philosoph. Er will Volkserzieher fern. Im Gegensatz zu ihm steht der Physikus Gugelmann, eine der gelungensten Gestalten, die Hoffmann je geschildert hat. Doch es fehlt dem Roman der Mittelpunkt, um den sich alles gruppiert. Dasselbe gilt auch vom „Wider den Kurfürsten". Größer ist Hoffmann in der Novelle. Da find vor allem „Die Geschichten ans Hinterpommern" mit dem köstlichen „Teufel vom Sande", ferner der „Hexenprediger" und „Landsturm". In ihnen spiegelt sich am klarsten Hoffmanns eiqen- ürtige, aber kräftige Erzählerkunst. Und dann liegt Wer den meisten Novellen ein sonniger Humor. Ich möchte Hoffmann zu den ersten deutschen Humoristen zählen. Wer freut sich nicht, wenn er die Erzählungen über „Tante Fritz- chen , die „Bozener Märchen" mit dem Prachtstück „Wasser! Ein Wein Märchen", die „Ostseemärchen", mit „Der arme Krebs , „Der Toten Sehnsucht" liest! Schaut nicht des Dichters lachendes Antlitz hinter jeder Zeile? Auch „aus der Schule spricht Hoffmann, wenn er aus dein „Gymnasium zu Stolpenburg" erzählt oder uns „Allerlei Ge- vorfuhrt. Eine Novelle besonders möchte ich als wünsch sehr feht hervorheben, „Erfüllter Beruf". Der alte Rober muht sich vergebens, Zucht in seiner Klasse zu halten. ®.’e, Zungen wachsen ihm über den Kopf. Müde geworden Nh schließlich Pensionieren, bis er eines Tages einen Dorfschullehrer kennen lernt, der in seiner Schule eine strenge Zucht ausübt. Da packt eö den alten Röber noch einmal er will es trotz allem probieren. Er vertritt den Volksschullehrer. Aber auch hier geht es nicht. Er kämpft vergebens mit der Schuljugend. Bis er zuletzt auf dem Katheder sterbend zusammenbricht. Da endlich kommt die Ruhe in die Klasse, die er erfehnt hatte. Was ihm das Leben versagte, gewährte ihni der Tod---, Nur eilte Sammlung Gedichte hat er uns geschenkt, „Vom Lebenswege". Aber manches Schöne finden wir auch darin. Möge des Dichters heutiger Ehrentag ihm manchen neuen Freund zuführen! Em Jenaer Student um $630. Als eine Jubiläumsgabe zu der bevorstehenden Feier des 350jährigen Bestehens der Universität Jena läßt ein Verlag ein Büchlein erscheinen: „Ein Jenaer Student um 1630". Der Student, um den es sich handelt, ist Eberhard Wolff von Todenwarth. Im Besitze der Hamburger Stadt- bibliothek befindet sich ein stattlicher Band, der den ganzen Briefwechsel, sowie auch die Rechnungen enthält, die sich auf Eberhards Jenenser Zeit beziehen. Es ist feilt Vater gewesen, der diese Schriftstücke sorglich als „Tomus 3. de educatione filii mei Eberhard!“ in einem Bande vereinigt hat — und diese originelle Sammlung hat die Quelle gebildet, aus der Kelter feine interessaitte Schrift geschöpft hat. Eberhards Vater war ein hochansehnlicher Mann, Kanzler des Landgrafen Georg II. von Hessen. Hochansehnlich war auch das Geschlecht der Wölffe, die 1401 mit der Burg Todenwarth an der Mündung der Schmalkalde in die Werra belehnt worden waren und, beiläufig bemerkt, noch heute diese Burg besitzen. Eberhard war 1614 geboren, hatte in Marburg und Köln studiert und sollte nun noch die berühmte Hochschule im Saaletale beziehen. Sein Begleiter war ein Weilburger, der Candidatus juris Johann Jacob Kolb. Fürsorglich bereitete der hochmögende Herr Vater alles für den Studienaufenthalt des Sohnes vor, schrieb rechtzeitig an den Juristen Professor Hartleder, der apch sein Lehrer ge- wcseit war, sowie an den Theologen Professor Gerhard und arbeitete für den Sohn und seinen Präzeptor eine genaue Lebens- und Studieninstruktion aus. Am 17. April 1630 fuhren die beiden hessischen jungen Herren in Jena ein und bezogen Quartier in der sogenannten „Schmidtei", die da- mals „Zum güldenen Stern" hieß. Für ihre Kammer bezahlten sie einen Reichstaler für das halbe Jahr, aber die Betten hatten sie besonders zu bezahlen und zwar jedes mit vier Reichstalern und neun Groschen. Ihr Hausherr war kein anderer als der Professor Gerhard selbst, eine berühmte Leuchte des evangelischen Glaubens. In jenen bewegten Zeiten — erinnern wir uns, daß wir uns mitten in die Tage des großen Krieges zurückversetzt haben — war das Einkommen eines Universitätsprofessors nicht so bedeutend, daß er nicht auf Nebeneinkünfte hätte bedacht fein müssen. Dem Herrn Professor Gerhard war die Regierung sein Jahresgehalt von 350 Gulden damals schon seit vier Jahren schuldig geblieben, aber der Gottesmann war auch ein geschickter Haushalter und wußte sich trotz der Not der Zeit so gut einzurichten, daß er bei seinem Ableben ein Vermögen und ein Rittergut hinterließ. Das verdankte er hauptsächlich feinen Kostgängern, deren ihm oft bis zu 20 das Haus füllten und dje nicht allein für die Verpflegung bezahlten, sondern auch zuweilen recht erhebliche Geschenke machten. Ach, es ging damals den Herren Professoren überhaupt im ganzen herzlich schlecht, und viele mußten in ihrer Verzweiflung dazu ihre Zuflucht nehmen, selber einen Bier- und Weinausschank zu halten. Das veranlaßte sie natürlich dazu, die wüsten Zechgelage der Studenten zu begünstigen.' Der Trinkzwang, der in Jena regierte, war unter allen Roheiten der damaligen akademischen Zustände wohl die schlimmste. In Jena, das war die allgemeine Ansicht der Herren „Purschen", war man nicht studierenshalber. Bei den Bechern, nicht bei den Büchern faß mau. Eberhard und fein Herr Präzeptor hielten sich den rohen Trinksitten soviel wie möglich fern; aus ihren Rechnungen ist ersichtlich, daß sie beide, den Diener wohl eingeschlossen, an Wiem zusammen täglich t/g Liter, an Bier 4y2 Liter verbraucht haben. Das war für das damalige Jena ein verächtlich geringer Konsum. Aber das Mütterlein zu Haufe war wegen des kalten Jenenser Bieres immer in Angst und riet dem Sohne immer wieder, er solle sich doch lieber „einen glitten trunck Rimbmifsen (rheinischen) Weins hollen". Trotz des verhältnismäßig bescheidenen Verbrauches scheint aber Eberhard sich schließlich dem Trinkzwange doch nicht ganz haben entziehen zu können; daraus ist wohl seine etwas mige- griffene Gesundheit zurückznführen, von der wir gegen Ende des Aufenthaltes hören. Was nun aber die Studien anbetrifft, ach, damit war es recht übel bestellt. Erst nach vielen Laufereien, vergeblichen Bitten und hohen Versprech- ititgen kam nach einem Vierteljahre ein Kolleg über die Institutionen zusainmen, und obendrein — rara avis! — eines ohne die üblichen Zechereien, die Eberhard und fein Präzeptor gar nicht mochten. Und dies blieb byS einzige juristische Kolleg, das Eberhard in Jena überhaupt zu hören bekam. Dagegen trieb er die lateinische Sprache, auf die der Vater großen Wert fegte, mit Etfer und, wie seine Briese beweisen, mit Erfolg, hörte auch bei dem M. Sanne- Mann ein geographisches Kolleg. Was corporis exercitia betrifft, so erklärt der biedere Hauslehrer, daß die „meisten theils in dem bestehen, daß man entweder int übrigen zu- trincken geschäfftig ist, oder in verpleibnng dessen zum wenigsten ans dem Marck oder Creutz nit ohne sonderbaren Pracht hin und hehr spacire und srembden Leuthen durch vielfältige discoursitationes und Martialische gesticulationes sich nuhr weidlich znerkennen geben". Man sieht, daß die Zustände in Jena, obgleich die Stadt von der Kriegsfurie bis dahin noch ziemlich verschont geblieben war, doch ganz das Gepräge der wüsten Zeit trugen. Um so Heller hebt sich von diesem dunklen Grunde das freundliche Bild des 464 innigen, zärtlichen und frommen Familienlebens ab, das unter allen Mitgliedern des Wolfsschen Kreises herrschte. Im Jahre 1631 hat Eberhard dann Jena verlassen; er hat später noch eine Reise nach Frankreich gemacht und 1638 sich mit einer Schenck zu Schweinsberg verheiratet. JU hohen Aemtern und Würden ist er 1663 gestorben. VeNMefchtes. * Ideale und Interessen. Der Dürer-Bund schreibt uns: In launisch gewundenem Lauf schlängelt sich das von Weidengebüsch umsäumte Bächlein dnrchs frühlings- grüne Wiesental. Wie oft habe ich mich darüber gefreut, wenn die Schwertlilien blühten, wenn von versteckten: Tümpel die Wildenten aufflogen, oder wenn die Forelle durchs klare Genoässer huschte. Aber, o bittere Tropfen der Wehmut, es sott „zusammengelegt" werden, rmd richtig, da stelzen sie schon herum, die Apostel der geraden Linie, visieren und stecken ab mit ihren schönen rotweißen Pfählen: in ein paar Jahren wirst du begradigt sein, mein Bach! Dann ade, Weidengesträuch, ade, ihr goldenen Lilien, ade auch ihr Forellen. — Aber da kommt mir das Lachen: da oben steht, in stitter Leidenschaft angelnd, unser Amtsrichter; der schimpft jetzt auch im Gemüte, aber aus anderem Grunde als ich — und ebenso ohnmächtig! Ohnmächtig in diesem Einzelfalle, aber sollten wir nicht noch mehr als bisher ein materielles Interesse mobil machen können gegen die zunehmende Landschaftsverschandelung? Ich freue mich jedesmal, wenn ich im Anzeigenteil unserer illustrierten Blätter das Reklameklischee des Marburger Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs sehe. Ja, das ist das alte gemütliche Bergnest ;von der „ChinesischenMauer", durch die sie inMarburg die alte Schönheit ruiniert haben, sieht man da nichts. Die Marburger Herren wissen also recht wohl, was schön war cm ihrer Stadt, sonst würden sie doch wohl ein neues, der Wahrheit entsprechendes Klischee wählen, das „allen Komfort der Neuzeit" ahnen ließe. Aber das alte Bild muß doch mehr ziehen. Dieses stillschweigende Zugeständnis könnte uns nun eigentlich recht freuen, wenn es nicht eben nur ein Reklametrick märe. Auch hier könnte den Beteiligten noch mehr als bisher klargemacht werden, daß ihre eigenen materiellen Interessen leiden, wenn in der jetzt geübten Weise fortgefahren wird, kostbares Erbgut, das erhalten werden könnte, zu ruinieren. In kluger Berechnung die Interessen den Idealen dienstbar machen: das wollen wir nirgend versäumen, wo sich die Gelegenheit bietet. Dr. Hofmann-Rosenthal. * Diplomatische Reklame. Herr (hustend): „Hören Sie, wie ich huste?" — Apotheker: „Ja." — Herr: „Und ich habe Ihr Mittel gebraucht, von dem Sic schrieben: Sie husten nicht mehr, wenn Sie Schlaumanns Pastillen nehmen." — Apotheker: „Ja, husten Sie denn jetzt mehr?" * Lebensregel. Sei sparsam, dann behältst du sehr viel Geld zum Verschwenden übrig! Das Leben der Pflanze. R. H. F r a n c o, „D a s L e b e n d e r P f l a n z e", 1. Abteilung: „Das Pflanzeuleben Deutschlands und der Nachbarländer" (vollst, in 26 Lief. Lex. 8» mit 350 Abbildungen und 50 Tafeln und Karten). 17/26 Lieferung ä 1 ,Mk. Verlag des „Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde" (Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart). — Von dem ersten Teil dieses auf 7—8 Bände berechneten Werkes liegt wieder eine größere Anzahl Lieferungen vor, und bei jedem neu erscheinenden Heft muß der Leser wiederum erstaunt eingestehen, daß sich ihm itene Perspektiven eröffnen in eine Kleinwelt der Wunder, die er früher nur duukel geahnt hat. Francs ist nicht nur ein Gelehrter, er ist gleicherweise ein Künstler, ein Meister der Feder, und Ivie den: Wissenschaftler in der organischen Natur alles beseelt erscheint, weiß er auch als Künstler durch die glühende Liebe zil seinem Stoff die Darstellung mit warm pulsierendem Blute zu erfüllen. Frances Buch ist unstreitig eines der am besten geschriebenen Bücher in der naturwissenschaftlichen Literatur. Es ist die erste Botanik, die mehr bietet als bloße Systematik und Physiologie und damit eine oft empfundene Lücke ausfüllt, wie es zugleich den von Laien gehegten Irrtum beseitigt, die Pflanzenkunde sei eine trockene oder nur eine für den fachmännisch Vorgebildeten verständliche Wissenschaft. Die neuesten Fortschritte der Naturwissenschaften haben uns beide Reiche des Lebens als einheitlich und den gleichen allgemeinen Gesetzen gehorchend kennen gelehrt. So behandelt nun auch Francs das Pflanzenleben als Glied im großen Kreise der Natur und in innigstem Zusammenhänge mit dem Tierleben. Pflanzen und Tiere verkörpern nur verschiedene Stufen des Lebens, beide sind Ausdrucksformen der lebendigen Kräfte und treten uns, weil sie in steter Wechselwirkung stehen, in der Natur immer zusammen entgegen; die Ursachen und Folgen dieser Wechselwirkung werden in dem Werke in anziehendster Weise gemeinverständlich dargestellt. Die Pflanzenwelt hat aber auch tausenderlei Beziehungen zu dem Menschen und zu unserer Kultur gewonnen, die in der glänzenden Schilderung des Verfassers nun zum erstenmal ihrer ganzen Bedeutung nach ans Licht gerückt werden. — Daß es sich bei Francos „Leben der Pflanze" um ein Werk zum Lesen und Studieren, nicht um die beliebte „Zierde des Bücherbretts" handelt, geht aus dem Gesagten genugsam hervor. Wir wünschen deshalb dem Werk, das alle Voraussetzungen in mustergültiger Weise erfüllt, daß es bald wie Brehms Tierleben Gemeingut des deutschen Volkes werden möge. Der Verlagshandlung sei schließlich noch unsere besondere Anerkennung ausgesprochen für die glänzende Ausstattung: jede einzelne Lieferung ist den modernen Erfordernissen gemäß reich illustriert durch Farbentafeln, Karten und zahlreiche.Text-Abbildungen, zum Teil Reproduktionen berühmter Gemälde erster Meister, so daß das Werk zugleich einen kostbaren und einzig dastehenden Atlas der Blumen- und Landschaftsmalerei, sowie kunstgewerblicher Motive umfaßt. Wir werden nicht verfehlen, unsere Leser über das weitere Erscheinen dieses großangelegten Werkes, das selbst, dem Laien Auge und Herz für die Pflanzenwelt zu öffnen vermag, stets auf dem Laufenden zu erhalten. Hauswirtschaft. — Filzhüte reinigt man durch Abreiben mit einem Flanelläppcheu, das nur wenig nut Salmiakgeist benetzt wurde, wobei das Läppchen gedreht und gewendet werden muß, wenn die in Gebrauch genommeue Stelle schmutzig geworden ist. Man darf aber den Hut beim Reinigen nicht selbst zu feucht werden lassen, weil er sonst seine Form verliert. Nachdem wird der Hut mit einem trockenen leinenen Lappen abgerieben und glatt gebürstet. — Taillenschutzhüllen für den Kleider- schrank. Ausrangierte, dünne oder sonstwie beschädigte Kissenbezüge geben ausgezeichnete Schutzhüllen für helle, empfindliche Taillen ab. Man bessert die schlechten Stellen aus uyd macht in die obere Mitte ein kleines Loch zum Durchstecken des Bügelhakens. Nun wird der Bezug einfach über die auf dem Bügel hängende Taille gezogen und unten zugeknöpft. Au- uud Einsichten. Sehr wahr ist, ivas ein weiser Mann uns lehrt, daß „Zweiiel irgend einer Art nicht anders entfernt iverden kann, als durch Handeln". Aus diesem Grunde möge der, ivelcher mühsam im Finstern oder in unsicherem Lichte tastet, diese anderweitige Vorschrift zu Herzen nehmen, welche für mich von unschätzbarem Werte war: Tue die Pflicht, welche dir nm nächsten liegt, von welcher du weißt, daß sie eine Pflicht ist! Deine zweite Pflicht ivird dann chon viel klarer geworden sein. Carlyle. Der Schmerz dient in der Schöpfung als Warner vor der Gefahr. R. v. Ihering. Tausch-Rätsel. Onkel, Frost, Land, Senne, Moos, Talk, Aase. Es sollen ans diesen 7 Wörtern dnrch Veränderung eines Buchstabens neue Wörter gebildet werden. Die neu eingesetzten Buchstaben nennen einen Dichter, die fortgelassenen eines einer Werke. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Rübe — Rabe — Robe — Rebe. Redaktion: B.Wittko. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäts-Buch- und Steindruckerei^R. Lange,"©iefeey,