Donnerstag den 27. Mrmr Nr. ss PV8 «KT raags ZWMW fFCTsTil 1 «rf • Kelmuth von Loy len. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Onkel," rief Lilly aus ihrem Fenster herüber, „hast du schon je einen so langweiligen Sonntag erlebt? Ich noch nie. Weißt du, daß die Mademoiselle ihre Strümpfe stopft? Erst hat sie an ihren Bräutigam geschrieben und jetzt stopft sie ihre Strümpfe. — aus Langerweile, sagt sie, denn eigentlich versteht sie gar nicht, Strümpfe zu stopfen." „Sehr indiskret von dir, mir das zu verraten. Bon den Strümpfen deiner Mademoiselle darf ich nichts wissen." „Warum? Onkel! Hurra! Da kommt was! —Da kommt Be—such!" „Schrei nicht so, ich bitte dich!"— _ Unter den nach der Parkseite befindlichen Fenstern klang das schwache Knirschen von Rädern im aufgeweichten Kies. Ein kleiner Einspänner ward sichtbar, durch drei aufgespannte Regenschirme fast überdacht. Obgleich. nichts zu sehen war wie der triefende Pserderücken und .die triefenden Schirmdächer, schrie Lilly nur noch lauter: „Hurra! Die Rieteljungens aus Jaro- witz. Famos! Na, nu kann's aber losgehn!" — Dieser verheißungsvolle Schlußsatz veranlaßte Loysen augenblicklich, das Feld zu räumen. Er nahm. sich aus dem anstoßenden Bibliothekzimmer ein Blich und ging hinauf in fein stilles Turm gern ach, vor dessen Fenstern der Regen durch die Lindenäste rauschte. Hier warf er sich aufs Sofa, daß es krachte, Kündete sich eine Zigarre an und begann zu lesen, wobei auch er ein herzhaftes Gähnen nicht bemeistern konnte. _ In 'diesem Augenblick trat der Diener ein und übergab ihm eine Visitenkarte : „Ter Herr Kandidat bittet, dem Herrir Rittmeister seine Aufwartung machen zu dürfen." . „Ich lasse bitten." Ter Diener ging hinaus und schloß die Tür. Loysen richtete sich aus seiner liegenden Stellung auf und warf dabei die Karte, die er noch in der Hand hielt, auf den Tisch. Da lag sie verkehrt, und ihm fiel ein, er könne sich wohl die Mühe nehmen, nachzusehen, wie sein Besuch heiße. Es war eigentlich komisch, daß er das noch nicht wußte. Also drehte er die Karte um und las : Gotthard Hermann Becker Cand. theol. Loysen stutzte, aber dann dachte er gleichgültig: Warum auch nicht? Es gab ja so viele dieses Namens in der Welt. Ihm fiel jetzt ein, daß Wilhelm schon an jenem ersten Sonntag, als sie zusammen in der Kirche gewesen waren, den Namen beiläufig erwähnt hatte, er hatte nur nicht acht darauf gegeben. Es war ja auch ganz egal, wie jene Leute hießen. Während er sich noch so Gleichgültigkeit aufzwang, lief ihm der erste Schreck noch wie. ein kalter Nervenschaner über den. Rücken.. Mit aller Macht kämpfte er dagegen und jagte sich selbst immer wieder: Sonderbar! Nun müssen die auch noch Becker heißen! Nicht gering mit der dummen Aehnlichkeit neulich. Eigentlich komisch! Tie Tür ging nach einigem Scharren und Streichen draußen, mrd und) kurzem Pochen auf und die breitschultrige Gestalt des jungen Mannes erschien. Er war schwarz gekleidet und hielt den Zylinder in der Hand, so ungeschickt wie möglich, und doch verlieh die angeborene selbstbewußte, trotzige Ent-, schiedenheit der ganzen Erscheinung eine gewiss: Würde. „Entschuldigen der Herr Rittmeister," sagte er, da Loysen ihm entg-egenkäm, „ich komme — ich meine, Sie waren so freundlich, die Meinigen zweimal zu besuchen, und da nicht Batet alt und kränklich ist und nie mehr nach auswärts kommt, hat er mich beauftragt, Ihnen in seinem Namen —" „Aber ich bitte Sie, Herr Kandidat, das habe ich doch auch nicht erwartet. Freue mich indessen. Sie zu sehen — und bei dem Wetter! Alle Achtung! — Wollen Sie - Platz nehmen?" — Gotthard Becker kam der Aufforderung zienilich unbeholfen nach In ihm keimte eine still: Zuneigung zu trief em liebenswürdigen Kavalier, der ihm« echte Freundlichkeit gezeigt hatte, und das vermehrte sein Ungeschick. „Ich bin so frei," sagte' er, „da ich mich meiner Galoschen und meines Mantels unten entledigt habe . . ." Na, dachte Loysen, ich werde mir so bald wie möglich Beruhigung verschaffen. Ties elende Wetter macht mich noch zirm schreckhaften alten Weibe. „Sie tarnen mit Ihren Schülern, Herr Kandidat?" „Jawohl. Gewiß. Tie Kinder wollten den Besuch Lillys erwidern, den sie neulich verfehlten." Nemesis! dachte Loysen, jenen Besuch hatte ich ins Werk gesetzt! —• Er versuchte, immer noch mit sich selbst zu scherzen. Dabei schlug sein Herz in schweren langsamen Schlägen. „Ich hatte das Vergnügen, der Geburtstagsschokolade. imj Hause Ihres Vaters beizuwohnen. Es war sehr heiter. Zwischen den Haides und Ihrer Familie fdieint große Freundschaft zu herrschen." , , . . , „Herr von Haide war stets gütig für uns, und das gnädige Fräulein ist mit meinen Schwestern von Heilt auf bekannt und befreundet." „Ihre Frau Mutter haben Sie leider verloren?" — „Ja. Gott hat sie zu früh für uns heimgerufen." „Auf Ihrem Vater lastet dieser Kummer, man sieht's ihm an." „Auf ihm lastet noch mehr." Loysen zwang sich, zu lächeln. „Sorge um Sie drückt ihn nicht nieder, Herr Kandidat, selten kann ein Vater so von seinem Sohne reden, wie er es tdt/' । „Tas wäre auch schlimm, wenn er es nicht könnte." „Haben Sie noch Brüder?" — „Nein." — 130 „Also nur noch diese beiden Schwestern, die ich bei jener Gelegenheit sah." „Ich habe nur noch diese zwei Schwestern," sagte Gott- hart Becker nut fester harter Stimme. Ter Ton aber siel dem Rittmeister aus die Nerven. Er griff nach der auf dem Tisch liegenden Karte und bog sie zwischen den Fingern. „Hier lese ich erst heute Ihren Namen. Ist das nicht merkwürdig? Ich bin im Hause Ihres Vaters gewesen, ohne recht zu wissen, wie er hieß. . „Was iut's?" stieb Becker hervor, „der Name ist — er ist doch nicht „Aber er ist mir grabe interessant, weil ich eine junge Dame dieses Namens kannte, die vielleicht mit Ihnen verwandt ist?" Tor Kandidat saß da, den wuchtigen, buschigen Kopf vor- geneigt, und starrte aus verdüsterten Augen auf den Sprecher. An seinen breiten Schläfen pulsierten blaue Adern und sein Atem ging schwer. „Ich meine ein Fräulein Luise Becker," fuhr Loysen fort, „deren Ähnlichkeit mit Ihrer kleinen Schwester mir sehr aus- fic! . . . Ta Sie nun keine Schwester mehr haben, kann ich wohl annchmen, daß es sich nm eine Cousine handelt?" Becker erhob sich und stand, die Hände auf die Tischplatte gestützt, da. In seinem Gesicht arbeitete es. Mit säst feindlichen Blicken sah er herab, grade . vor sich hin, und würgte das Zugeständnis heraus. . „Sie zwingen mich, zu bekennen, was ist, Herr Rittmeister. Ich hatte noch eine Schwester, aber ich zähle sie zu den Taten." Zn seinem Grimm immer nur aus den großen schwarzen Fleck starrend, den Knabenungestüm einst in die Tischplatte gebrannt hatte, entging es ihm völlig, wie sein Gegenüber die Nachricht aufnahm-. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Rittmeister sprechen konnte, dann freilich geschah es in ruhigem Fragekon: „Etwa deshalb, weil Ihre Schwester zur Bühne ging? Tenn Fräulein Becker ist Schauspielerin." „Würde das nicht genügen?" „Nach meiner Ansicht, nein! Es ist ein Beruf wie jeder andere." Loysen hatte sich jetzt so weit in der Gewalt, daß er, denn Gast Zigarren und Aschenbecher zuschiebend, Miene machte, ihm ein Streichhölzchen anzuzünden. Ter aber dankte hastig, alle Formen vergessend. „Meinen Sie?" fragte et| rauh. „Tie Tochter eines Seclcn- hirtcn, die Schwester eines Theologen gehört nicht auf die Bretter. Hat sie selbst nicht so viel Schamgefühl, das sie daran verhindert, so sollte sie es aus Rücksicht für Eltern und Geschwister bleiben lassen. Ist ihr's zu eng im Elternhause, so gibt es viele Wege ehrlicher Arbeit, in denen sich Tatkraft und Nächstenliebe betätigen können. Wollte sie ihre Stimme verwerten, so brauchte dies nicht mit Schminke und Mummenschanz verbunden zu sein. Eitelkeit und Ruhmsucht wären ihr freilich auch in den Kvnzertsaal oder in die Kirchenkonzerte gefolgt — aber doch nicht das — das —" er ließ sich schwer ans dcn Stuhl fallen, und fast, den Kopf in beide Hände ge- stützt, da. Loysen warf einen Seitmbiick auf ihn, dann wandte er sich halb ab, legte den Arm! lässig auf die Tischplatte und strich sich den Schnurrbart. Er hatte ein Bein über das andre , geschlagen und wippte unablässig mit der Fußspitze. Er zitterte in allen Nerven, nur geringe Anzeichen verrieten dies. „Ich bezweifle, ob es Sie interessiert, wenn ich mehr sage, Herr Rittmeister —" „Ich bitte darum!" „Sie werden es vielleicht gav nicht begreifen, vielleicht lächeln Sie, wlenn ich Ihnen sage, daß ein jeder von uns in seiner Art an den Folgen ihrer Handlungsweise zu leiden gehabt hat. Völlig gleichgültig dagegen, was sie uns damit antat, verlieh sie das Elternhaus.^ Meiner zarten, herzleidenden Mutter brach darüber das Herz. Mein Vater, ein rüstiger, heiterer Mann, ist darüber alt und schwermütig geworden. Von uns Geschwistern will ich nicht viel sagen, aber daß mir dies Kreuz auf allen meinen Wegen folgt, können Sie sich denken, es ist mir ein Hemmnis und ein Aergernis geworden. Konnte Luise nicht ihre maßlose Ruhmbegierde zügeln und uns das Opfer ihrer Wünsche bringen, anstatt uns ihrer Ichsucht zu opfern? — Wohin kämen wir denn, wir Menschen, wenn ein jeder, wie es die gottfreunde neue Lehre predigt, über Leben und Glück der Nächsten hinwegschreitet, seinem Ziele zu, alles unter die Füße tretend, was schwächer ist oder sich hinderlich erweist? — Tas führt- zuletzt zur Selbstanbetung k— zum Wahnsinn . . ." Er fuhr auf und sah sich verstört nut. „Ich bitte um Entschuldigung — ich rede und rede — es ist so ungeschickt von mir. Sie mit meisten Ansichten zu belästigen. Ueberdem muß ich nach meinen Schutzbefohlenen sehen — sie könnten der Französin zu viel Mühe machen . . er stand aus und verbeugte sich — „ich empfehle mich, Herr Rittmeister — ich habe die Ehre —" „Leben Sie wohl, Herr Kandidat, und nehmen Sie sich diese Sache nicht so zu Herzen. . . ich danke Ihnen für das mir bewiesene Vertrauen." Ein Händedruck und nach noch zwei viel zu tiefen, eckigen Verbeugungen verließ Gotthard Becker das Zintmer, bis zu dessen Tür ihn der Rittmeister höflich begleitete. Er war allein. Zuerst stellte er die Zigarvenschachteln und den Aschenbecher wieder ans das Rauchtischchen, dann trat er an das Fenster, riß cs auf und sah in den trostlosen, grauen Tag hinein. Ihm wurde ganz schlecht. Ich muß, einen Kvgnak nehmen, dachte er, dies miserable Wetter und dieser gräßliche Mensch mit seinen Jevemiaden. — Plötzlich siel ihm Edeltrant ein. Als habe ihn ein Schuß getroffen, so taumelte er und hielt sich die Hand vor die Stirn. Wie ein Schleier zerriß, was ihm unverständlich geblieben war bei seiner letzten Unterredung mit ihr, bei seinem Besuch bei Wilhelm. Tiefest beiden ivar Luise Becker mehr gewesen toie die Pastors-? tochter — sie war dort als Kind im Hanse angesehen worden, sie war Cdeltrauts Gespielin, Schwester, Freimdin gewesen, gemeinsam hatte Wilhelm beide unterrichtet, hatte dem begabten, reizvollen Mädchen vielleicht jene stille Neigung geschenkt. . . Nein! sagte er ganz laut, nein! Das ist alles gar nicht wahr! Ist Blödsinn — Unsinn! — Er schlug mit der geballten, Faust auf den Tisch. Aber sein Gedächtnis kam ihm grausam zu Hilfe. An einem! schönen Abend, da sie wieder mal aus der bescheidenen „Sternwarte" saßen und die sunkelnde Welt des Unermeßlichen über sich in kühnen Phantasiebildern durcheilten, hatte Edeltraut ihm von einer Schulgenossin erzählt, und auch-Wilhelm« hatte dies und das ergänzend hinzugefügt. Ter Name wurde nicht genannt, was ihm damals etwas auffiel — aber im Tone der beiden lag eine zärtliche Weichheit, imd Edeltraut hatte gesagt: „Wir hatten sie lieb!" Sie war's gewesen — sie! — Ihm war zn Mut wie deut waghalsigen Bergsteiger, der siegessicher über Gletscherspalten und steile Schneefelder zur eisigen Höhe emporsteigt, ein Beherrscher und Uebrrtmnder des Bergriesen unter sich — und plötzlich stürzt in wirbelnden, erdrückenden Massen mkt elementarer Gewalt die riesenhaste Schneelast von der Spitze des Berges herab, Schlünde und Schluchten füllend, und Land und Wald, Torf und Menschen fortreißend in ein Scynee- grab . . . und Sühne Waghalsigkeit, Siegessicherheit und stählerne Kraft sind zermalmt mit ihrem Träger, und dieser selbst nur ein Atom in dem unermeßlichen Grabe. (Fortsekung folgt.'1 LMHarö. (Schluß.) Recht unterhaltend sind auch die Fahrten — „Bierreisen" wurde ni an's heutzutage nennen —, die Sind, theol. Fritz Laukhard zu beuachbarteu Universitäten unternahm/ um dort den „Komment" zu studieren, ja, sogar als Reformator (uif. diesem Gebiet aufzutreten. Er hat sie mA nach Jena bin ausgedehnt. Aber auch in Wetzlar ist er gewesen und hat dort einer Wallfahrt nach Jerusalems („Werthers") Grabe beigewohnt. Ein Kabinettstück der empfindsamen Zeit, das allein schon zur Lektüre des Laukharo- schen „Lebens" auffordern dürfte. Nimmt man noch hinzu, daß auch Studiosus Laukhard selber seine Wertherzeit durchmachte — eine Liebesepisode von zartromantischer Färbung/ deren Andenken in der Ferne der Jahre wie ein freundlicher Stern in sein verwüstetes Leben zurücklenchtet —i so darf man sagen: Der Typus des wilden Studenten fin de siede des achtzehnten Jahrhunderts tritt uns selten so rein und unverfälscht wie in der Gestalt dieses Menschen entgegen. Und auch ole damals jedem langen, hübschen/ gradgewachsenen Kerl beständig drohende Gefahr, den überall umherspähenden Werbern eines der verschiedenen Reichs- kontiugente in die Hande zu fallen, auch diese stand eines Tages drohend vor seinem Lager, als er nach durchs schwärmten Nacht an einem schönen Morgen in Fran k- furt erwachte und von einem österreichischen Korporal, nut dem er sich nm Abend zuvor etwas zu tief eingelassen, als Rekrut begrüßt wurde. Nur der Edelmut eines kaiserlichen Majors rettete ihn diesmal vor der Zwangsjacke; aber als ein furchtbares Meue-Tekel erscheint diese Begebenheit im Leben des leichtsinnigen Menschen, der lange Zeit wie ein Nachtwandler an Abgründen einherschreitet, bis ihn doch zuletzt das Verhängnis ereilte. Jetzt freilich hielt noch der Vater seine sorgende Hand über den ungeratenen Sohn, und da es sich bei den wiederholten Prüfungen, die er zur Ferienzeit mit ihn anstellte, zeigte, daß sein Fritz doch mehr Kollegin gehört, auch in selbständiger Arbeit mehr Kenntnisse erworben hatte, als sein sonstiger Wandel erwarten ließ, so schickt ihn der gute Alte noch zu Ostern 1778 auf ein Jahr nach Göttingen, wo der „Komment" notorisch schlecht, aber die Wissenschaft etivas mehr zu Hause war als in Gießen. In Göttingen aber fühlte er sich flügellahm. Versuche, in der Heimat als Pfarrer emporzukommen, fcheiterten an unglücklichen Umständen und seinem unpastoralen Leben, Um den Sohn reifer werden zu lassen, ergriff der alte Pfarrer das unglücklichste Mittel von allen, er schickte ihn noch einmal aus die Universität und zwar nach .Halle. Hier fand er bei dem Freund seines Vaters, dem D. Semmler, dem „Vater der modernen Theologie", Ivie ihn Frehtag in seinen „Bildern aus Deutschlands Vergangenheit" nennt, eine Stütze. Er gab auf der Schule des Waisenhauses lateinische, griechische und hebräische Stunden und alles schien sich gut anzulassen. Sein Wissen war nicht geringer als das fleißigerer Studenten, er war ein offener Kopf, der ein starkes Bedürfnis nach einer Anhäufung von Material hatte und es geschickt verarbeitete. Das Magisterexamen, dem er sich auf Anraten Semmlers unterzog/ schien ihm nicht mehr als eine „akademische Spiegelfechterei". Aber die Verführungen des Studentenlebens, die es. auch hier in Fülle gab, wurden wieder das Verderben des Magisters, der sich dazu hergab, mit den Studenten die lüderlichstm Häuser und die gemeinsten Kneipen aufzusuchen. Die Kollegen nahmen Anstoß, die Frauen waren gegen, den rüden Gesellen, die Kollegiengelder gingen schwach ein, die Schulden wuchsen, und schließlich gab der Trotz, der im Aerger der Bürger ein Vergnügen fand, auch wenn es ihm selbst das Leben kosten sollte, den Ausschlag: zum Entsetzen Halles ließ er sich eines schönen Tages als preußischer Soldat anwerbtzn: Halle 'wurde nun für ihn Garnisonsort. Run muß man ivissen, was damals ein Soldat war: ein auf Lebzeiten augewor- bener Söldner, der zwar ganz menschlich behandelt, aber nicht als voller Bürger angesehen wurde. Man. vergaß freilich auch beim Militär nicht, daß der Grenadier ein Magister war, der seine Lateiner weiter las. An Aufschlüssen über das Garnisonleben der preußischen Armee ist dies Kapitel reich, wie überhaupt der Wert der Aufzeichnungen darin besteht, daß auf dem Hintergründe der offiziellen Gefchichte das tägliche Leben der großen Masse den Teilnehmern zugänglich wird: erst dadurch werden die Zeiten für uns wirklich lebendig. Das gilt auch von der interessantesten Periode in Laukhards Leben, die jetzt beginnt. Er macht bett Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich mit, den berüchtigten Feldzug in die Champagne. Als Einleitung werfen wir einen Blick in die Luder- wirtschaft der Emigranten in Kvbleuz. Daun ging es ihm merkwürdig: er war zu intelligent und in seinem innersten Wesen zu unabhängig, hatte auch zu. viel von der Welt, der Großen, wie des Volkes, gesehen, um nicht die werbende Stimmung fühlen zu können, die von Paris ausging, in dem die Welt von Grund aus umgestaltet zu werden schien, und vott den wirklich freiheitsbegeisterten uttd tapferen Revolutionsheeren. Bei der Belagerung von Landau ereignete sich ein Umstand, der ihn aus Jahre lang gättzlich mit Frankreich bekannt machen sollte. Iw preußischen Hauptquartier ivitßte man, daß er ein alter Bekannter des bürgerlichen „Repräsentanten" der Revolutiousfestung Landau, des ehemaligen Pfälzers Dentzel war. Er wurde vom Prinzen Friedrich von Braunschweig seines -Soldateneides ledig gesprochen, um als angeblicher Desertettr Dentzel zur Uebergabe unter der Hand bereden zu köitucn. Äaukhard wurde in der Festung aufs beste ausgenommen, aber seine Aufgabe konnte er nicht erfüllen. Dentzel blieb standhaft. Als Laitdau von einem französischen Heere entsetzt wurde, mußte er mit den übrigen Deserteuren nach Straßburg ziehen und dann nach der Gegend vott Lyon als einzelner Soldat marschieren, der jeden Tag auf den Etappenstationen sein Geld in Assignaten, sein Fleisch, sein Weißbrot und seinen Wein erhielt. Im Elsaß herrschten damals Eulogius Schneider und die Guillotine, und überhaupt !var alles französische Land in einer einzigartigen Aufregung. Der Gang der Geschäfte, das gewohnte Leben überhaupt schien auf ein paar Jahre aufgehoben ztt sein, um einmal reinen Tisch zu machen und die Vorbereitungen für eine neue Ordnung zu erledigen. In der Provinz herrschte nicht der Bluttaumel wie in Paris, aber alles fügte sich in ihn wie in etwas Notwendiges. In Lyon erlebte Laukhard das Strafgericht, das über die unglückliche Stadt von den Schreckensmännern verhängt worden war: sie sollte gänzlich vorn Boden getilgt werden und nur eine Schandsäule daran erinnern, daß hier einst eine rebellische Stadt zerstört worden fei. Es kam nicht ganz so schlimm, aber die Sanskulotten, der Buswurf, die aus- übenoen .Henkersknechte, wüteten noch genug. Weiter nach dem Innern verschlagen, wurde er, der nach seinen eigenen Worten nacheinander „Schüler, Studettt, Kandidat, Bikarius, Jäger, Lehrer am Halleschen Waisen- haits, Magister, Soldat, Emissär, Sanskulotte" gewesen war, mm auch noch „infirmier subalterne", d. h. Lazarettpsleger. Sehr hübsch ist, wie ihm der trotz aller Schreckenstage so fröhliche, freundliche und arbeitsame Geist des französischen Volkes zum Bewußtsein kommt. Er hätte vollauf Gelegenheit gehabt, ein guter Bürger der Republik zu werden und! zu Ansehen zu kommen, aber ihn lockten trügerische Hoffnungen, die er au das Versprechen knüpfte, das ihm die Preußen vor Landau zttr Belohnung für seinen Versuch in Aussicht gestellt hatten: er kehrte nach Deutschland zurück und machte in Berlin Eingaben. Es Wttroe auch eine Professur in Halle für ihn vorgesehen, aber die Fakultät ivnßte sich gegen bett Mann mit der schlimmen Vergangenheit zu wehrett. Er ließ seinem Haug zur Lüderlichkeit wieder die Zügel schießen, heiratete eine Soldateniochter, mit der er unglücklich wurde, uttd schlug sich durch Stundengeben, Mnkeladvokatttr und Romanschntieren durch. Am Ende des Jahrhuttdcrts brechen die sicheren Nachrichten ab, um so verwunderlicher ist, daß er in die Heimat zurückgekehrt ist und dort als Pfarramtsverweser sich auf- gehalten hat. Die defittitive Anstellung verweigerte ihm die französische Regierung, vielleicht infolge einer Broschüre, die er früher gegen den Konsul Bonaparte geschrieben hatte. Nach 1810 wird das Dunkel immer dichter, et scheint ruhelos und heruntergekommen umhergewandert zu fein, und ist 1822 in Kreuznach gestorben, nachdem er eine Zeitlang eine Art europäischer Berühmtheit genossen hatte. „Sein non omnis woriar, feine Selbstbiographie, wird ihn, des sind wir gewiß, um Jahrhunderte überleben", schließt der Herausgeber. In der Tat, Laukhards „Leben und Schicksale" finb seelische Dokumente. Walter Georgi. Der färben frohen Kunst Walter Georgis, des Schöpfers des schonen Wandkalenders des „Gieß. Auz." vont Jahre 1903, ist der Leitartikel des Februar-Heftes der Monatsschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" (Darmstadt, Alexander Koch) gewidmet. Paul Kühn (Leipzig) weiß in feiner Weise der Bedeutung fetter Versuche der Künstler- Bereinigung Scholle, die Kuitst wieder mit dem Leben ztt verbinden durch Eroberung eines neuen Stoffgebietes für sie und durch Begrütiduitg einer neuen dekorativen Ma- 1erei, gerecht zu werden. Aus deut Stile der Raumtualerei und ihrett Erfordernissen weiter Dimensionen und weniger, aber dafür wirksamer Farben erwächst die neue Aesthetik jener Arten von Wandbildern, Wie Georgi, Erster, Münzer, Putz, Eichler sie geschaffen haben. Vom Frei-Licht-Bild ist Georgi ansgegangen, durch ein reges illustratives Arbeiten für die Fugend, durch die große Folge von farbigen Zeichnungen und Lithographien ist fein Weg unterbrochen worden. Den Geist feiner farbigen Zeichnungen weiß Kühn folgendermaßen zu charakterisieren: „Diese Kunst Georgis ist frisch Wie ein reifer Äpfel; in dem ganz volkstümlichen Charakter, in dem er das Landleben, die deutsche Landschaft (besonders den Herbst), Arbeit imb Vergnügen durch- empfindet und mit einer rustikalen Frische und Gesundheit, der aber ost jene leichte Melancholie beigegeben ist, die für die deutsche Volksseele, wie sie so nachhaltig im Liede sich ausspricht, bezeichnend ist, ist er ein Fortsetzer 132 Dürers, L. Richters und Schwind-. Mit diesem Stilgefühl mm, das die farbige Zeichnung durch die Kultivierung der Linie und die Auswahl weniger sympathischer Farben leitiqte, geht Georgi an die Konzeption ferner großen Malereien Was er dabei an malerischer Feinheit verliert, ersetzt er durch eine außerordentliche malerische Frische. Sicherheit der Naumbildung, gleichzeitiger Aufbau auf die Idee der Linie und der Farbe, Bewußtheit und Klarheit bei diesem Aufbau, ist das Charakteristische von Georgis Kunstschaffen. Die Art des zeichnerischen Aufbaues, die Umgrenzung der Darstellung mit ihren kühnen Rahmen- Werschneidungen, die Kühnheit der Bildmotive werden besonders gerühmt. Prächtig ist sein farbiger Aufbau, der sich wieder auf einfache Elemente reduziert, bewundernswert die Treffsicherheit und Jllusionsfähigkeit ftiner besonderen Techniken. Als Porträtist liegt feilte Starke tn der durch die Beschränkung erzielten Berttesuug, tu der Pflege des Kultus, des Tones und der farbigen Nuance. Der Aufsatz. Kühns wird durch eine große Anzahl von Reproduktionen aus dem Gemüldezyklus „Ein Herbsttag und anderer Wandmalereien, sowie einiger Meisterporträts, darunter das ganz außerordentlich sprechende Porträt Professor- Karl Lamprechts unterstützt; Reproduktionen, die ganz besonders dadurch an Wert gewinnen, daß sie in ihrer Schwarz-Weiß-Tönung die Vorstellung der Farbwirkung tu ganz außerordentlicher Weise festhalten und so dem, der irgendwann Originale von Georgi gesehen hat, außerordent- lich lebendige Farberinnerungen wachrufen. Vermischtes. ** Eine Eisenbahn iin Atlantischen Ozean. Zu den vielen großartigen Leistungen der amerikanischen Eiseubahntechnik ist, wie wir tut 10. Heft der illustrierten Zeitschrift „lieber Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) lesen, in letzter Zeit eine neue hinzugetreten, die auf der Erde ihresgleichen nicht hat: die Bahnstrecke, die als Verlängerung der an der Ostküste von Florida südwärts ziehenden Florida East Coast Railway Wer das Meer nach Key West führt. Kurz nach Homestead, dem letzten größeren Ort auf dem Festland, setzt sie auf die in westsüdwestlicher Richtung laufende Kette der dort vorgelagerten Koralleninseln über. Auf mächtigen Dämmen oder Viadukten überschreitet sie die zwischen den einzelnen Inseln befindlichen Wasserstraßen, deren Breite zwischen 600 und 23 000 Fuß variiert. Bis jetzt ist von der über die See führenden Strecke nur das etwa 64 englische Meilen lange Stück bis Küights Key fertiggestellt und in Betrieb genommen, von dem rund 14 Meilen auf die Viadukte und tut Meer ausgeführten Dämme kommen. Von Upper Matecumbe nach Lower Matecumbe führt ein Damm von 11950 Fuß Länge mit einer für den Schiffsverkehr eingeschalteten 120 Fuß langen Zugbrücke, von Lower Mate- cumbe nach Song Key ein Damm von 21800 Fuß Länge. Zwischen Long und Graffy Key, die über 19 000 Fuß von- einanoer entfernt sind, befindet sich der längste Viadukt der ganzen Ueberseestrecke (10 500 Fuß), der an beiden Enden in einen festen Damm übergeht. Tie noch im Ban befindliche Strecke von Küights Key nach dem Endpunkt Key West ist im ganzen 47 Meilen lang, wovon etwa 29,5 auf Dämme und Viadukte kommen. Auf dieser Strecke be- gidet sich, zwischen Pigeon und Little Duck Key, der größte eeresarm, der eine Breite von 22 900 Fuß hat, und zwischen Bahia Honda Key und West Cumberland Key eine weitere, 250 Fuß lauge Zugbrücke. * Frauenhaare bilden nach dem Berichte des britischen Generalkonsuls in Pokohama einen neuen Aus- fuhrartikel Japans. Der Wert der Ausfuhr dieses Artikels betrug im Jahre 1904 nur 280 Pfund Sterling, ist aber schon während der ersten 11 Monate des Jahres 1907 auf 10 421 Pfd. Sterl. (über 200 000 Mark) gestiegen. Das Haar ist schwarz und nicht sehr fein und stammt durchweg von den Frauen und Mädchen der unteren Bevölkerungsklassen. Es wird im Frühjahr und Herbst gesammelt. Die beste Qualität kommt aus dem Jzu-Bezirk, wo das Haar der japanischen Frauen eine ganz außerordentliche Länge erlangt. Nachdem das Haar ausgekämmt und gereinigt ist, wird es sortiert und gelangt in Bündeln zur Ausfuhr. Der größte Slbuehmer für das japanische Frauenhaar ist Frankreich, wohin im Jahre 1907 115 710 Pfund im Werls von 5528 Pfd. Sterl. zur Ausfuhr gelangten. 32 253 Pfund im Werte von 2653 Pfd. Sterl. gingen nach den Bereinigten Staaten. Großbritannien nahm 3578 Pfund im Werte von 170 Pfd. Sterl., oder weniger als 2 Prozent der ganzett Ausfuhr ab. Der Wert eines Pfund Haares stellt sich rund auf 1 Mk. Der Einkaufspreis beträgt aber kaum 25 Pfg., so daß der Gewinn der Händler bisher noch sehr beträchtlich ist. *Schlimme Folgen. Lehrer: „Tein Vater scheint heute Zahnschmerzen zu haben, Peter, weil er so geschwollen ist?!" —- Peter: „O nein! — Aber wie er gestern abend mit uns geoetetz hat, da hat er bei den Worten: „und erlöse uns von denk Nebel" auf die Mutter hing'schaut und sie hats bemerkt." Literarisches. — Balla d eubuch, 2. Band: Aeltere Dichter („Hausbücherei", Band 25/26). Verlag der Deutschen Tichter-Ge- dächtnis-Stiftung in Hambürg-Großborstel. 518 Settern Preis gebunden 2 Mk. Die Deutsche Dichter-Gedachtms- Stiftung hat ihrem ersten Balladenbuch, das Gaben neuerer Dichter enthält, einen zweiten Baud mit einer Auslese des filteren Balladeuschatzes hinzngefügt. Das preiswerte, umfangreiche Buch muß als eine echte Volksgabe bezeichnet werden. Erzählende Lyrik findet leicht den Weg zum ^olks- Herzen; sind doch fast alle unsere überlieferten Volkslieder^ Balladen. Einige der schönsten sind tu dies Buch aufgenommen worden. Die echte Ballade verarbeitet tu erzählender Weise eine Lebettserfahrttng, die etnfach, noec. weltumfassend ist, so daß der Mensch von Mal zu Mal, da er wiederum die Ballade liest, die in ihr ausgedrückte naive Weltweisheit immer mehr begreift. Ein gutes Balladeubuch ist darum immer ein gutes Hausbuch. Das vorliegende enthält z. B. Balladen von Clemens Brentano, Bürger, Chamissv, Droste-tzülshofs, Eichendorfs, Goethe, Anastasius Grün, Heine, Herder, Kerner, Theodor Korner, Kopisch, Lenau, Julins Mosen, Platen, Prntz, Reunck, Schiller, Schwab, Seidl, Uhland, Johann Nevomuk Vogl und Zedlitz. Im Inhaltsverzeichnis sind für jeden Autoren biographische Einzelheiten beigegeben., Dieses umfangreiche und trotzdem so überaus billige Buch ist wohl geeignet, das Ziel der Deutschen Tichter-Eedächtnis-Stiftung, der brerten Masse die von unfern Dichtern geschaffenen Lebenswerte zu übermitteln, erreichen zu helfen. Weisheitsworte. Grüne Jugend, was prahlst da so? Ein jeder Halm wird endlich Stroh. . Paul Hey,e. Wer den Freund auirichlig empfängt, Verwandte mit Achtung, Frauen mit Höflichkeit, Arme mit Gaben und Gunst, Stolze mit Demut, irrende Menschen mit sanfter Belehrung, Weise nach ihrem Gemüt, der ist der freundliche Mann.^^^^ Charade. (Zweisilbig.) Entschieden war die Schlacht I Und lodesmatl Floh das französische Heer vor preußischen Degen, Die, von des Feindes Blute nimmer satt, Ihn ahn' Erbarmen aus dem Lande fegen. Und in der Flüchtigen angsterfüllten Hanf' Trabt aus der Ersten auch ein müder Reiter, Vorn sperrt die Zweite seinen Laust Hinten der Feind — er kann nicht weiter. Da drückt der blut'ge Reitersmann den Sporn der Ersten in die Weichen, 9)iit letzter Kraft trägt sie ihn durch die Zivetle dann Und es gelingt, das User zu erreichen. Und dunkel senkt die Nacht sich auj's Gefild Noch immer donnert's vor den Schanzen, Und fragst du wo gefochten man so tvild, Die große Schlacht, — sie war beim Ganzen. Gießen. K. L. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des rätselhaften Satzes in voriger Nummer: A lustiger Bub verdirbt nie das Spiel und wenn er verliert so, machls ihm nicht viel. Redaktion: P. Witsko, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, R. Lauge, Gießen«