NlsnLag den 21. Januar V68 ts! ■ 9f /■ '- WWA! Kelmuilj von LoVlen. Roma» von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Helmuth Loysen war im Grunde kein leichtsinniger Vergeuder seiner Jugend. Davor bewahrte ihn das Alldenken an die Sterbestunde seilles Vaters, der im Jahre 1870 bei St. Privat tödlich verwundet wurde und nach etwa acht Tagen fernen Wunden erlag. Tie Mutter hatte noch Zeit hinzureisen, und sie nahm den Knaben mit, der erst sechs Jahre zählte. So jung er gewesen, so konnte er sich noch heute deutlich jener traurigen Tage und der Stunde erinnern, in welcher sein Vater den Heldentod starb und die Worte, welche er, abschiebnehmend, gesprochen, waren dem Sohn wie mit eisernem Griffel ins Gedächtnis geschrieben. Etwas Großes, Ernstes war damit schon früh in sein Leben getreten, ein Samenkorn, welches ausging und mit den Jahren heranwuchs, eine feste, feilte Kette, welche seinen Uebermut in Schwanken hielt. Sein wiar der Wille, das Rechte zu tun, und wenn er fehlte, so kam er nicht so leicht darüber hinweg, wie hundert andere. Aber trotze alledem, — wie die Zeit hinging, und sich Wiliter Und Sommer folgten, begann Luisane ftlr ihn zu den Vergessenen zu gehören. IX. Ter Zug hielt an der Haltestelle Jarowitz-Rothaide. Rittmeister Helmuth von Loysen, in der ganzen sreudigstolzen. Zufriedenheit der funkelnagelneuen Beförderung, sprang aus seinem Mteil und hatte kaum den Boden erreicht, als er von ein paar mächtigen Händen bei den Schultern gepackt und umgekehrt wurde, worauf er in ein rotbraunes, von ansehnlichem Vollbart umwalltes Mäimernntlitz blickte und auf jede Backe einen schallenden Kuß erhielt. Tas war sein Schwager Recknitz. „Wahrhaftig, alter Junge! — Endlich mal wieder. Laß dich nur ansehen. Der Rittmeister steht dir, steht dir, steht dir! Straff und schneidig siehst du aus. Donnerwetter, wo ist beim der Kerl, der Träger? He! Sie da! Gib ihm deinen Schein. So. Na, und nun komm. Ich sage dir, die Mieze zappelt und die Kinder wollten durchaus alle mit. Alter Junge, alter Junge!" Tas ward fast zärtlich gesagt und der Rittmeister dabei auf dm Rucken geklopft. Dann gingen sie Arm in Mm durch das kleine Bahngebäude. Dahinter hielt ein, mit zwei schmalen, nervösen ungarischen Braunen bespannter Jagdwagen. Recknitz in seiner grau-grünen Lodenjoppe kletterte wuchtig auf den Bock und nahm dem auf dem Hintersitz stehenden Kutscher die Zügel ab. Neben diesen wurde Loysens Kvsftr hingestellt, der Träger abgefertigt, und dann sprang Loysen auf den Platz links von seinem Schwager. Er sah so recht tiefinnerlich froh und sorglos aus und blickte lächelnd nm sich in die Gegend. Eine von Pappeln flankierte Chaussee ging's entlang, mit werten Ausblicken, rechts und links, in die fruchtbare, fruhlings- helle Gegend. Mit vogelähnlicher Schnelligkeit griffen die flüchtigen Pferde aus und so entrollte sich Bild auf Bild., In weitgc- schweiften Mulden hob und senkte sich das Terrain. Frischgeackerte, tiefbraumi Felder wechselten ab mit Wiesen, welche das junge Grün des Aprils überzog. Hier und da leuchtete ein blühendes Rapsfeld auf in lichtem Gelb, ober schimmerte der weiße Blütenschnee der Schlehenhecken und Pflamnenbäume. Torfes deren rote Ziegeldächer freundlich und Wohlstand verratend zwischen den Obstbäumen hervorblickten, tauchten auf und glittest vorbei, während der gleichmäßige Hufschlag der Pferde erklang^ und der leichte Wagen auf der glatten Landstraße IjinroUte., „Lieber Sohn," sagte Recknitz gemütlich, „Mieze wird dich auszanken, darauf mache dich gefaßt." „Weil ich wirklich unverantwortlich lange nicht bei euch war? Darauf bin ich gefaßt. Solche Schelte sind eigentlich schmeichelhaft. Ihr wißt ja aber wie es ging — vorigen Sommer wollte ich wirklich und da wart ihr an der Ostsee! Na, man hat sich ja gesehen dort — aber freilich, es war nicht Bardes, und Bardes ist nun mal das „zu Hause"." „Siehst du, das höre ich gern, alter Sohn. Ho! ho! Willst du gleich?" — dies letztere zum heftig scheuenden Sattelpferd. „Tn, die Gäule sind famos," sagte Loysen. Recknitz schnalzte vergnügt. „Sind auch. Gelegenheitskauf. Tas muß ich dir erzählen." Während er das tat, sah er immer mit väterlichem Wohlwollen >a uf den Schwager, dessen Vormund er einst gewesen. Er hatte die drei Waisen (»ei sich ausgenommen und ihnen Bardes zur Heimat gemacht. Helmuth kannte hier seit Knabenzeit jeden Weg und Steg. Er ließ sich auch in buntem Durcheinander von den verschiedenen Nachbarn berichten. Oberamtmann Rieteln auf Jarowitz hatte Grenzstreitigkeiten mit Lobwitz und der Ta» litzschiw hatte eine Zuckerrübenfabrik angelegt. Und Hochwerth, ja Hochwerth, die Krone der Landschaft, gehörte wahrhaftig diesem Geldbaron Ellenheim, von dem niemand recht wußte, wo er heriam — der Sprecher zeigte mit dein Peitschenstiel in eine bestimmte Richtung, da bläuliche Höhen den Horizont abschlossen. In Nothaide stand wohl alles beim alten und Graf Trauen lebte mit feiner letzten, noch unverheirateten Tochter nun in einer Villa bei Braunstädt nnd die Komtesse brächte Leben in die stille Geselligkeit der guten alten Stadt. „Ist sie hübsch geworden?" — fragte Loysen. „Na — nicht Geschmack nicht gerade, aber ihr junges Volk ne Mit es wobl so." „Bitte einen alten Haudegen von Rittmeister doch nicht so ohne weiteres zum „jungen Volk" zu werfen," verwahrte sich Loysen — „also die kleine Henny ist hübsch. In welchem Alter sind denn jetzt die Besseichorfs?" „Na, auch man solche flügge Gören." „Und in Rothaide steht alles beim alten?" „Doch nicht, nein, es steht besser. Der Haide scheint auS den Sorgen heraus zu feilt. Alle Achtung sage ich!" — „Hatte er wirklich Sorgen?" „Und ob. Ein schönes, aber ganz heruntergekommenes Gut iind Schulden drauf. Unter uns gesagt, ich bot ihm mal meine nachbarliche Hilft an — nun, er nahm es aber nicht an." „Ich werde wahrscheinlich schon morgen hinveiten." „Das dachte ich mir." Sie schwiegen beide nnd Loysen sah wieder mit anaenehmest — 58 ~ Empfindungen in den klaren Frühlingstag hinein und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Auf den Pappeln am- Wege flatterten die goldgrünen Ammern und schrieen unaufhörlich, über den Feldern jubilierten die Lerche». Ucbcrall sah man die Landleute auf Wiesen und Aeckern beschäftigt, und über ihrer Tätigkeit lag dieselbe schaffenssrohc Hoffnung tote über der ganzen Natur. Endlich war die Grenze von Barbes erreicht, von nun an wurden Fragen und Erklärungen unaufhörlich geivechselt, bis der Wagen in den Park einbog, welcher für eine Sehenswürdigkeit galt. Zwischen alten Eichen in bräunlich-goldenem Knospenschmuck, und Linden und Ahornbäumen bog sich der Fahrweg hin und beschrieb zuletzt einen Bogen um frischgrüne Rasenplätze, ans denen bnnte Frühlingsblumen blühten. Das alte schloßartige Herrenhaus wandte seine Vorderseite diesen Anlagen zu, indessen sich rückwärts der mächtige Wirtschaftshof, der Stolz des Besitzers, anschloß. Natürlich waren sie schon bemerkt worden nnd von allen Seiten kam» herbei, die Hunde mit Gebell, die Kinder mit in- dianerhaftem Jubelgeschrei, die Hausfrau, stattlich und rosig mit ausgebreiteten Armen, die sich fest um des Bruders Nacken legten, während ein herzhafter Kuß ihm Willkommen bot. „Aber, guter, lieber Helma — so hat man dich leibhaftig wieder!" Nun wurde er ins Haus geführt, von den Kindern am Arni gezerrt, von den Hunden umsprungen, von der Schwester in der neuen Würde bewundert. Marie Anne war durchaus heiter nnd von jener gesunden, gelassenen Zufriedenheit, welche des Lebens Behaglichkeit mit sich bringt. Im Hanse herrschte immer Vergnüglichkeit, namentlich wenn, wie eben, die Kadetten Helmuth nnd Heinz anwesend waren. Das Leben war, trotz gediegenen Wohlstandes, einfach, und mehr dein Familienglück, wie der Geselligkeit gewidmet. Loysen ward in sein Zimmer geführt, um den Reisestaub abzuschütteln, gebeten, „recht rasch zu machen", da das Mittagessen gleich serviert werde, und dann allein gelassen. Ties alte Zimmer mit dem tiefausgebauchteni Erker, an dessen Fenster ein Lindenbaum seine jungen, grünknospenden Zweige legte! Er hatte es schon als Knabe zu eigen erhalten, wenn er aus dein Kadettenhaus auf Ferien zum Vormund Recknitz kani. Alle Erinnerungen an seine Knabenzeit, Jagdtrophäen in Gestalt von Rehgehörnen, ausgestopften Habichten nnd Nußhähern, bildeten im Verein mit Kriegsbildern den Schmuck der Wände. Auf der braunpolierten Tischplatte befand sich noch der Brandfleck, den er durch Umwerfen der Lampe verursacht hatte und in den Fensterscheiben fanden sich zahlreiche Inschriften, Taten und Karikaturen eingekritzelt, welche der Vormund danials als „nnge- hörig" gerügt hatte nnd die von Marie Anne jetzt wie Reliquien aus der Kinderzeit gehütet wurden. Aus beit Fenstern sah man in den großen Hos, hörte die Fohlen in ihrer Koppel hinter den Stallen wiehern, sah die Schar der Hühner und Enten durcheinander lausen, mit jener scheinbar planlosen Eile, die ihnen eigen ist, hörte bi-e Kühe brüllen und das Peitschenknallen der Knechte, wenn sie morgens den Hof verließen. Ein großer, weißblühender Birnbaum stand neben der Lindx, dicht unter den Fenstern. Spatzen lärmten auf den Tüchern nnd Tauben flogen mit klatschendem Flügelschlag über den Hof. Er sah das alles uitb freute sich darau. Ter Mittag vereinigte die Familie in dein langen Eßzimmer zu ebener Erde mit der tiefroten Tapete, den schwarzen Wandbrettern, auf denen seltenes Porzellan und mächtige Trinkkrüge prangten, beim geschnitzten Büfett, an welchem der Diener stand, tadellos in blauer Livree mit Silberlitzen, aber nicht so seelenlos maschinenmäßig wie bei Anne Marie, sondern durch langjährigen Dienst in dieser heiteren Familie, zu sehr mit den Tagesinteressen vertraut, um nicht mit Sorge zuzusehen, wenn Lilly ein Glas zerbrach, oder es noch rechtzeitig zu verhindern, wenn ein Gast ein minderwertiges Stück Braten anstach. Recknitz, b#cr sonst nicht viele Worte mochte, sondern der Ansicht war, daß der Mittag zum Essen da sei, war freudig aufgeräumt, hatte eine Flasche Extrawein aus dem Keller geholt und stieß mit Loysen an. Die vier Kinder waren kanin in Zaum zu halten, die Gouvernante hatte ihre Not, namentlich da sich die Kadetten ihrer. Autorität entwachsen hielten. Marie Anne hatte das dreijährige Annchen neben sich und schnitt ihr das Fleisch, hatte aber dabei ihre Augen und Ohren, überall und. auch noch Zeit, den Bruder nach allen Familienereianissen der Garnison nusznfragen. Ein Ausbruch besonders wilder Freude von feiten der Kinder unterbrach seinen Bericht. Der Vater nahm einen Nickel aus der Westentasche und warf ihn iv eine auf dem Tisch stehende bunte Sparbüchse. Er hatte an- gesangen von einem Wirtschastsürger zu reden nnd das war verpönt. Wer es tat, ob Hausherr oder Hausfrau, mußte einen Groschen Strafe zahlen. Auch diese Sparbüchse kannte Loysen seit vielen Jahren, sowie den scherzhaften Streit der Ehegatten über die künftige Anwendung des Geldes. (Fortsetzung folgt.) Aaiftr Wilhelm II. Eine Charakteristik von Professor Karl Lamprecht. Darüber, daß der Kaiser in besonderem Maße begabt ist, ist alle Welt einig; nicht minder darüber, daß, er in hohem Grade die Neigung besitzt, seiner besonderen Auffassung Geltung zn verschaffen. Kein Geringerer als Fürst Bismarck hat von ihm das prophetische Wort gesprochen, daß er einmal sein eigener Kanzler sein werde. Aber auch darüber, daß er in vielen Dingen tatsächlich leitet, besteht Uebereinstimmung. Er wendet die Kräfte, die ihm das allgemeinen Gründen verdankte Steigen der monarchischen Gewalt von Tag zu Tag reichlich zuwachsen läßt, in nicht minder reichlichem Sinne zur Betonung eben seiner Auffassung an, nnd er besitzt daneben eine außerordentliche, rein persönliche Gewalt über Gedanken und Sinne seiner UM-, gebung; wer hente Minister Hört, wird immer erstaunt fein,; bis zu welchem Grade sie nichts wiedergebeil als Auffassungen! des Kaisers; nild wer jemals Gegner des Kaisers aus persönlichen Unterredungen mit diesem scheiden sah, wird sich nicht minder verwundert haben, bis zu welchem Grade sie, wenigstens wüh- ren'd einer noch unmittelbaren Nachwirkung der kaiserlichen Worte, unter dem Zauber der Persönlichkeit des Herrschers standen. Fürst Bismarck und Kaiser Wilhelm II. find, ihrer staats'-- männischen Veranlagung, wie die Franzosen der Äourgetschen Schule sagen würden: ihrer sensibilite politique nach absolute Gegensätze. Bismarck war Realist, der Kaist ist Idealist p dieses Moment allein schon hätte bei der persönlichen Bedeutung! des Fürsten das Zusammenwirken beider auf die Dauer unmöglich gemacht. Ter Kaiser ist nicht der Mann von Maßregeln, die den Tag dem Tage verknüpfen. „Es ist mein Grundsatz", hak er im Jahre 1899 einmal gesagt, „überall, wo ich kann, neue Punkte zu finden, an denen wir ein fetzen können, an denen in späteren Zeiten unsere Kinder nnd Enkel sich ansbanen und das zu Nutze machen können, was wir ihnen erworben haben." Und im bewußten Gegensätze wohl znm Fürsten Bismarck hat er schon! im Dezember 1890 von dem Großen Kurfürsten, dem Flotten-- gründer und Kolonisator, gerühmt: „Er trieb Politik im großen Stile, weitausfchauend, wie man sie jetzt treibt." Mit dieser Grundlage hängt ein Zug zusammen, der unter! allen, die sich bei eingehender Lektüre der Reden des Kaisers aus der gesamten Zeit seiner Regierung ausdrängen, am entscheidend- sten — und dem allgemeinen Zielbewußtsein gegenüber gewiß un- erwartet — hervorsticht: eine außerordentliche Zähigkeit im Fest-, halten allgemeinster politischer Ziele. Bor allem auf den Gebieten der Kulturpolitik tritt sie deutlich hervor: so in der immer und immer wieder nach gewissen Zielen hin aufgegriffenen und fort» geschobenen Schulpolitik, vornehmlich aber auch in der Kirchenpolitik, die konsequent von ganz bestimmten Vorstellungen der christlichen Kirche nnd des Verhältnisses der Bekenntnisse in ihr ausgeht. So aber auch auf Gebieten, wo selbst allgemeine An-- schauungcn bene Schwanken leicht ausgesetzt sein können, wie auf den» Felde der äußeren Politik; man erinnere sich hier nur der Unermüdlichkeit, mit der der Käiser für die Vergrößerung der Marine, als eines Instrumentes der Weltpolitik, wie er sie versteht, eingetreten ist, aber auch feines Verhältnisses zn England, Nation, Hof und Regierung. Es ist eine Selbstsicher-, beit und-Festigkeit der obersten Ziele, die genaueren Beobachtern schon früh als eines der entscheidenden Kennzeichen der kaiser-i jichen Persönlichkeiten anfgesallen ist: der Prinz war schon in jungen Jahren, auch in schwierigsten Fragen, er selber. Hinz-, pcter, der Erzieher des Kaisers, erzählt in der kurzen Charakteristik seines Schülers, die er »ach dessen Thronbesteigung veröffentlichte, unter anderem: „Tie Kirchenlehre wurde dem Prinzen geraume Zeit von einem liberalen und dann, nach plötzlichem! Wechsel, von einem streng orthodoxen Geistlichen vorgetragen. Tie gefürchtete Verwirrung der Begriffe trat keineswegs ein; die! eigentümliche Fähigkeit dieses in seinem Wege unbeirrbaren Geistes, überall das zu nehmen, was ihm zusagt, ließ ihn auch seine religiösen Vorstellungen aus bent gebotenen Material mit eigener Arbeit zu persönlichem Gebrauche zusainmensteUen." Indem aber so der Kaiser mit zäher Unverbrüchlichkeit fernen, ihm rein persönlich zugeborenen Idealen der inneren wie äußeren Politik znstrebt, zeigt er einen weit weniger starken Sinn für die Tnrchbildnng der konstanten Mittel, die zur Verwirklichimg! jener Ideale zu entwickeln und einzustellen wären. Vielmehr das Ziel stets im Auge, wechselte er rasch in der Wahl der Wege, auf denen seine Erreichung möglich erscheint; und mit dein Wechsel! der Wege fallen nicht selten alte Beziehungen, AnMipfungen, tauchen neue empor. Es ist der Zug der kaiserlichen Politik, der am ehesten auffällt; in oft unglaublich kurzen Zeiträumen toaita bei« sich ixe sekundären Kvnstellativnen, bie zu den allgemeinen nnd primären Zielen, fuhren füllen; und die außerordentlich entwickelte Affoziationssähigkeit der kaiserlichen Natur, ein echtes. — 59 — Historismus, dem gleichsam die Germanen Zeitgenossen und dem! Karl der Große und Friedrich Barbarossa noch lebendig gegen- wärtig sind, sind! die Grundborstellungen des Kaisers hervor- gewachsen zu frischem und gucllendem Tasein in dieser alternden Welt, mögen sie sich nun auf die geistliche oder mögen sie sich ans die weltliche Seite des öffentlichen Daseins beziehen. Wie archaisch in ihren Formen, wie ungeteilt christ- l i ch ohne grundsätzliche Anerkennung des Unterschiedes der Konfessionen neuerer Zeiten, wie noch in letzten Momenten des Ahnenkultus wurzelnd erscheint doch die Frömmigkeit' Wilhelms II.! Ta taucht der Christengott auf als Herr der Heerscharen, wie einst Lei den gewaltigen Ahnen des 17. und 18. Jahrhunderts, deut Großen Kurfürsten und König Friedrich Wilhelm I., und da gilt es, das Reich dieses Gottes auszudehnen über die Reiche dieser Welt hin bis zu den fernen Küsten der gelben Rasse. Und da stehen für solche Ziele doppelte Heere zur Verfügung, ein Heer der Streiter, das draußen in China für das Kreuz gekämpft mit Kanonen und Bajonett, und ein Heer der Beter, die christliche ' Gemeinde daheim, und keines kann siegen ohne die kraftvolle Hilfe des anderen. Es sind Gedanken, die der Kaiser in einer Schiffs- Predigt angesichts der helgoländischen Küste seiner Mannschaft nahegelegt hat; wundersam! erinnern sie an Anschauungen de« karolingischen Zeit, in der Herrscher wie Karl der Große von der Kooperation ihrer beiden Armeen, des Heeres der Krieger im Felde und des betenden Heeres der Mönche hrtljeinr, sprachen: nur daß an die Stelle der Mönche unter dem Einflüsse reformatorischer Gedanken die betende Gemeinde getreten ist. Und haben die staatsrechtlichen Anschauungen des Kaisers etwa ein .anderes Fundament? Im Grunde gehen sie zurück auf die Idee der altgermanischen Gefolgschaft, der Treue und des Gehorsams des Volkes, der Huld und der Führerpflicht des Herrschers. Beide, Volk und Fürst, gehören eng zusammen, UNd feiiicä kanu bestehen ohne das andere. „So wie ich als Kaiser und Herrscher mein ganzes Tun und Trachten für das Vaterland hiugebe", ruft Wilhelm II. seinen Soldaten gelegentlich einer Rekrutenvereidiguug zu, „so habt ihr die Verpflichtung, euer ganzes Leben für mich hinzugeben". Es ist ein Gedanke, den er inttt biin Lebendigen Kraft rednerischer Agitation immer und immer wieder vorlrügt, vor jeglichen: Stande und! in wechselnden Formen, wie sie der mannigfachen Art de« verschiedenen Stände angemessen erscheinen. So ruft er z. B. den Bürgern zu: „Wenn ein jeder Bürger seine Pflicht tut, dann bin auch ich iinstande, für sie zu sorgen und zu unser aller Heil und Ruhe und Frieden die Geschicke des Vaterlandes zu lenken". lind wiederum anders fpricht er vom gleichen Thema vor den „Edelsten der Nation", dem Adel. Nun versteht sich, daß eine so archaische Anschauung, die nur den Herrn kennt, der führt, und den in blinder Treue helfende» Gefolgsmann, so lieb sie dem Kaiser ist, nicht ohne weiteres aufzugehen vermag in moderne Verhältnisse und in Zustände einer beschworenen konstitutionellen Verfassung. Aber mit instinktiver Sicherheit zieht der Kaiser die Linien, die dennoch leicht das eine Mit dem anderen verknüpfen. Was die Verfassung angeht, so hat er alsbald im Anbeginn seiner Regierung erklärt, er werde sie halten, nicht bloß,, weil er sie beschworen habe, sondern auch, weil er die durch sic getroffenen Einrichtungen und die in ihr ausgesprochene Teilung der Gewalten für angemessen erachte. Wo liegen da nun die Mitglieder zwischen der Herrschaftsidee und einem verhältnismäßig so modernen Ideengehalt, wie deut der preußischen und Reichsver!- fassung? Sie sind — bis zu einem gewissen Grade— überflüssig gemacht durch eine Idee, die beide, Herrscher und Untertan, Fürst und Volk, überhöht und nochmals zu einer unlöslichen Einheit verknüpft: durch die Idee des christlichen Staates. Es ist die Stelle, wo sich, wie auf religiös-kirchlichem Gebiete, der Eintritt reformatorischer Ideale in das Denken des Kaisers beobachten' läßt. Gewiß: das Volk soll dem Herrscher folgen, aber der Herrscher ist gebunden an den staatsrechtlichen Gehalt der christlichen Offenbarung. Es sind die Gedanken vor allem Luthers, die hier auftauchen: es ist die Lehre von dem patriarchalischen Absolutismus, dessen genialster Vertreter auf deutschem Boden vielleicht der Große Kürfürst gewesen ist: darum verehrt der Kaiser sseradc diesen Ah» zärtlich, wie ihn unter allen Germanen außerhalb des Reiches die Norweger besonders aus Herz gewachsen sind: sie als letzte Vertreter angeblich urger- manischer Treue und Gefolgschaft. Und von dem christlichen Ideal des Herrschers sucht der Kaiser dann den Weg zur konstitutionellen Gegenwart: wenn ihm auch die Verantwortlichkeit vor Gott höher steht als die vor dem Volke. Tenn auch das Volk hat schlechthin denn christlichen Gedanken zu bienen und ist ihm unterworfen bis zu dem Grade, daß es ihn lebendig pflegen muß, will es seiner geschichtlichen und öffentlichen Pflichten froh feilt. „Wer kein braver Christ ist," so stellt der Kaiser einmal seinen Rekruten vor, „der ist kein braver Mann und kein preußischer Soldat und kann unter keinen Umständen das erfüllen, was in der preu- ßi scheu Armee von einem Soldaten verlangt wird." „Leicht ist eure Pflicht nicht; sie verlangt von euch Selbstzucht und Selbstverleugnung, die beiden höchsten Eigenschaften des Christen; ferner unbedingten Gehorsam und Unterordnung unke« den Willen eurer Borgefetzten." Es sind dieselben Pflichten, die am, Ende dem ganzen Volke obliegen, Pflichten, di« in sinngemäße.« Aenderung, Zeichen reizsamer Veranlagung, fördert immer neue Kombinationen zutage. Dabei sollen sie rasch verwirklicht werden; und so verbindet sich mit ihnen jene böige Form der Willensmcinuug, jene Impulsivität, die den Zeitgenossen ebenfalls als ein Charakterzug des Kaisers gilt. Ergeben sich aus diesem Nebeneinander von Eigenschaften nicht selten eigenartige Komplikationen der inneren wie äußeren Politik, so beruht gerade auf ihnen auch wieder die starke Wirkung der Persönlichkeit des Kaisers in Nation und Umgebung. Ein stetig lebendiger Will« wirkt sich in tausend Einzelzügen aus und gestattet dem Herrscher jenen häufigen Ortswechsel, der ihn in großen Teilen des Reickies gleichsam ständig heimisch macht: mit nicht zu unterschätzenden Wirkungen für die. Idee des Kaisertums überhaupt. Tenn der Deutsche will seinen Herrscher täglich schauen von Angesicht zu Angesicht; keiner unserer großen Kaiser des Mittelalters, der nicht ein großer Reifer gewesen tonte; keiner der wirklich «bedeutenden hohenzollerufchen Ahnen, der nicht ein gut Teil seiner Herrscherzeit im Sattel oder im Wagen zugebracht hätte. Aus dem außerordentlichen Reichtum au Assoziationen aber erfließt dann der Kaiser die schicksalsreiche Gabe des begeisterten Redners wie der Zauber und die Anmut der Unterhaltung. Denn Ueberftuß an Gedankenzusammenhängen bildet Leben in Aphorismen und.damit Virtuosität der Gedauken- verarbeitung in Rede und Gegenrede ebenso sehr aus, wie Meisterschaft des kurzen monologischen Wortes. Freilich nur des kurzen; hier kann der Kaiser geradezu als erster großer Vertreter des künstlerisch gerundeten Telegramms gelten wie als einer unserer besten Rhetoriker des repräsentativen Stiles; soweit dagegen längere Reden von ihm bekannt geworden sind, außer den schlagend gefaßten Paräneseu der Schiffspredigt, bestehen sie aus aueinander- gereihtett aphoristischen Zügen, deren innerer Zusammenhang nicht einfach einleuchtet. Im ganzen aber erscheint das Charakterbild Nach all diesen Richtungen hin einfach; lebhaft angeregter und Anregender, psychomvtrisch nicht gleich stark veranlagter, impulsiv! wirkender und doch hohen Zielen mit zäher Ausdauer zugewandter Monarch. Kaiser Wilhelm II. ist Idealist; eben in der subjektivdisiau- zierenden und in hohem Grade pathetischen Auffassung der Welt, des Makro- wie der Mikrokosmos, besteht das Innerste feiner Persönlichkeit. Sollte er da der Stützung feiner Natur durch geschichtlich gegebene Gebundenheit ferngeblieben sein? Keineswegs: eben in dem Bedürfnis historisch-pathetischer Fundamentierung hat er die Grundzüge des Inhaltes seines Idealismus entwickelt: und nur der wird sich dem Verständnis dieser merkwürdigen Persönlichkeit nähern, der ihr konkretes Empfinden, Denken und Wollen von dieser Seite her betrachtet. In ihrer historischen Fundamentierung aber ist die Persönlichkeit des Kaisers vor allem Höhenzollerisch: nichts geht ihm über die hohen Traditionen seines Hanfes und seines Geschlechtes. Man weist wie er die Großen unter seinen Ahnen verehrt: aber auch die Gesamtz- reihe ist ihm mehr als nur lieb und teuer. Für die jüngsten Vorfahren gar, und vornehmlich wieder für Kaiser Wilhelm den Alten, erheben sich seine Empfindungen geradezu in den Bereich des Ahuenkultus; er hat das Palais Wilhelm I. unter den Linden «ine „geweihte Stätte" genannt; wir hören ihn von dem „geweihten Fuße" des Kaisers sprechen, und im Jahre 1896 ist von dem Kaiser als einer „uns geradezu heilig gewordenen Persönlichkeit" die Rede: „Wenn der hohe Herr im Mittelalter gelebt hätte, er wäre heilig gesprochen, und Pilgerzüge aus allen Ländern wären hingezogen, um an seinen Gebeinen Gebete zu verrichten." In einem so ausgeprägten Familiensinne, in dieser Dankbarkeit, in dieser Verehrung gegenüber den Ahnen, in dieser besonderen, gleichsam natürlichen Frömiuigkeit vor allem wurzelt des Kaisers Herz. Und von diesen 'Empfindungen wird er weit aus unseren Zeiten hinaus und' hinweggetragen in die Urzeiten aller geschichtlichen Menschheit — in die Zeiten, in denen die natürlichen Zusammenhänge der Familie und des Geschlechtes noch den geschichtlichen Verlauf beherrschen —; innerhalb der Geschichte der Nation hinein in die Empfindungen der cäsarischen und tacilei- schen. Jahrhunderte und ihre Folgezeit. Dem entspricht dann — in sehr merkwürdigen- Formen — seine historische Anschauung. Gewiß hat er modernen Geschichtsunterricht genossen, und wenn er vor Kreisen spricht, die spezifische Träger der modernen Bildung sind, etwa vor den Bonner Studenten, so verläuft seine Auffassung der natstmalen Vergangenheit in dem Denken etwa Rankes, ireuerdings unter leisen Zusätzen aus Chamberlain. Aber die eigentlich originale Geschichtsauffassung des Kaisers ist das nicht. Wo sie zu Tage tritt, da hören wir nichts von Rasse und von geschichtlichen Ideen, von Tendenzen und Nationalismen und UuivcrsalisMen, sondern alle Geschichte erscheint zurückgeführt auf das Walten einiger weniger großen Personen, denen sich die anderen alsbald wunderlich gefügt und untergeorduet haben, erscheint zurückgeführt vor allem' auf die Fürsten und ihre Gehilfen. Es ist die epische Anschauung des alten Germanentums, die hier hervortritt, mag sich der Kaiser nun, gleich dem Sänger des Heldenreiches frühester Zeiten, in rührenden Totenklagen nach halb lyrischer Art ergehen, oder mag er sich in fortgeschritteneren Formen dem Tone des anekdotischen Epos des 10. und 11. Jahrhunderts nähern, so, wenn er etwa allerlei Erinnerungen an die Paladin« Kaiser Wilhelms des Alten aussrischt. Ans dieseni — 60 — auch der Kaiser auf sich-zu teilten hat: teilt er ist em Herrscher mir von Gottes Gnaden. Dieses Königtum nur von Gottes Gnaden aber hat Kaiser Wilhelm der Alte der Welt und besonders dein Deutschen Reiche wicdergegeben; „das Königtum mit fernen schweren Pflichten, niemals endenden, stets andauernden Muhen und Arbeiten, mit seiner furchtbaren Verantwortung vor dem Schöpfer allein, von der kein Mensch, kein Minister, kern Abgeordnetenhaus, kein Volk den ^Fürsten dispensieren kann.' Wozu der Kinematograph gut ist. Die Verwendung des Kinematographen im Dienste der Heilkunde, die bisher nur als eine interessante' Ausnahme bekannt geworden, tritt in ein neues Stadium. Gin englisches Krankenhaus hat den entscheidenden Schritt getan. Das Middlesox-Hospital steht unmittelbar vor dem Abschluß der Verhandlungen, deren Ziel die vollkommene Ausrüstung der Operations- und Untersuchungssäle mit Mnematographenapparaten ist. Schon mehrfach hat man hier versucht, die lebende Photographie der Forschung dienstbar zu machen und für das Studium von Nervenkranken wertvolles Material gesammelt. Bisher freilich beschränkte man sich auf wenig besonders bemerlLrw- werte Fälle. Die Versuche haben ergeben, daß mit der genauen photographischen Fixierung der flüchtigsten charakte- rischen Bewegungen bei solchen Erkrankungen für die Wissenschaft außerordentlich interessante Anhaltspunkte gewonnen werden. Auch in der Chirurgie sind auf diesem Wege wertvolle .Hilfsmittel zu Lehr zweck en gewonnen worden. Schon vor zehn Jahren hat der bekannte Pariser Arzt Dr. Doyen Versuche mit der Photographie bei seltenen Operationen' angestellt, die zur Veranschaulichung der chirurgischen Technik treffliche Dienste leisten. Auch in der Naturwissenschaft hat man den Wert lebender Photographien erkannt, und der Kinematograph bringt eine erwünschte Ergänzung der Aufnahmen, die man von dem freien Leben der Tierwelt mit Mühe gewonnen. Der Naturforscher F. Martin Duncan gab in einem Vortrag in London einen interessanten Ueberblick über die Stellung des Kinematographen im Dienste der Naturwissenschaft. Er selbst hat es sich zur Spezialaufgabe gemacht, derartige Naturaufnahmen zu gewinnen und manches gefährliche Abenteuer dabei bestehen müssen. „Das Schlimmste freilich erlebte ich im Tiger käsig bei Hagenbeck in Hamburg. Ich betrat immer die Zwinger, um meine Aufnahmen zu machen. Bei einer solchen Gelegenheit schlug ich auch bei den Tigern meinen Apparat auf. Während der Aufnahme aber verlor eine der Bestien die Geduld und mit grimmigem Geheul sprang sie auf mich zu. Glücklicherweise schien weniger ich als der Apparat der Anlaß zum Zorne. Das Instrument fiel um, der Tiger packte das Gestell und knirschend brach das Holz zwischen seinen Zähnen. Das beruhigte ihn offenbar; gemächlich setzte er sein Zerstörungswerk fort, während ich glücklich aus dem Käsig entkam." Ein anderes amüsantes Erlebnis hatte Duncan in Südamerika. „Damals erwarb ich mir das Verdienst, mit meinem Apparat eine Revolution — wenigstens eine Zeitlang — zu unterdrücken. Es war vor drei Jahren, ich besuchte eine der Republiken und war gerade in die Zeit der ortsüblichen Revolution geraten. Die Kämpfer beunruhigten sich sehr über meinen Apparat, sie mochten es für eine Höllenmaschine oder ein Maschinengewehr halten, kurz, die stellten ihre Schlacht ein und nahmen mich gefangen. Man schleppte mich ins Gefängnis und die Kombattanten unterwarfen das verdächtige Instrument einer vorsichtigen und eingehenden Prüfung. Als sie den wahren Charakter meiner Maschine endlich erkannten, gab es tausend Entschuldigungen, ich ward freigelassen, und man beeilte sich, den Freiheitskampf wieder fortzusetzen." Besonders interessant war die kinematographische Aufnahme zweier riesiger Ameisen- Heere, die Duncan vorführte. Die beiden Haufen lieferten sich eine furchtbare Schlacht. Die Ameisen schienen dabei aufrecht zu stehen, und mit unbeschreiblicher Wut stürzten sie aufeinander, griffen an, wurden zurückgeworfen, Gegenattaüen erfolgten, bis das Schlachtfeld mit Hunderten von Toten bedeckt war. VesMschSE • Zum Hochzeitstest eines chinesischen Kaisers ist folgendes Lied gedichtet: Die kleinen Enten nisten schon Im Strom am Jnselriff, Der trägt die holde Braut zum Thron Auf einem Königsschiff. Seerosen schaukeln auf der Flut, Die stolz der Kiel durchfährt. , Still ist und rein und hochgemut Das Weib, das er begehrt. Begehrt im Wachen und im Schlaf, In Träumen heiß und schwül, Seitdem ihr Bild fein Auge traf, Wälzt er sich auf den, Pfühl. * Uetzer die „teutsche Schreibwuth^ klagte vor 60 Jahren eine württembergische Zeitung Herz und Stein erweichend also: „Jedermann hat sicherlich den bescheidenen Wunsch, daß endlich einmal dem maßlosen Schreitzunwesen Ziel und Schranke gesetzt werde. Mit dem festesten Willen, „diesem Unfug ein Ende zu machen", ist unsere Regierung schon vor Jahren aufgetreten, und siehe dal, nach wenigen Jahren sind die Dinge ärger denn zuvov geworden. Es ist auch dieser Umstand leicht erklärlich. Abgesehen davon, daß schon das 6-jährige Kind zuerst schreibt und dann liest, macht sich dieser Schreibergeist besonders in den höheren Schichten und Schulen geltend. Der Student schreibt, daß er schwitzt Wird der Bursche vollends Philister, dann Adieu Wort und Tat! Der gekrümmte Rücken, ein verdächtiges Hüsteln lassen uns auf den ersten Anblick den Staatshämorrhoidarius erkennen. Geht es so fort, wie bisher, so werden uns bald die Lokale mangeln, die aufgehäuften Aktenmassen auch nur aufzubewahren..." Was würde dieser „Anti-Staatshämorrhoidarius" heute für eine Jeremiade anstimmen, hätte ihn ein gütiges Geschick nicht vor der modernen Schreibwut, die Plage des papierenen Zeitalters, geschützt. Unmodern ist seine Mage auch heute noch nicht, wovon sich männiglich überzeugen kann.... Ermunterung. Fort mit deinem alten Laster ! Allen Mißmut ausgefegt! Für die Wunden, die es schlägt, Reicht das Leben auch das Pflaster. Riß der Strom hinweg die Brücke, Mutig in den Kahn hinein! Nahm die Kugel dir ein Bein, Greife rüstig nach der Krücke! D. Fr. Strauß. Goldene Worte. Ich habe für das Wahre, vielleicht mehr noch gegen das, was mir als unwahr erschien, fort und fort gekämpft und bin darüber an die Schwelle des Greiseualters gekommen. Da vernimmt jeder ernstgesinnte Mensch die Mahnung: „Tue Rechnung von deinem Haushalt." Daß ich mm ein ungerechter Hausvater gewesen wäre, dessen bin ich mir nicht bewußt. Ein ungeschickter mitunter und wohl auch ein lässiger; aber im ganzen rat ich, wozu ich Kraft und Trieb in mir empfand, und tat es, ohne rechts oder links zu fetzen. D. F. Strauß. Dreisilbiges Rätsel. Die beiden ersten Silben hier Hat jeder Mensch fast jedes Tier. Und dann die dritte Silbe mein Kann janftmutsvoll und-zornig sei». Das ganze ist in schnellster Zeit Vorbei, zur Lust bald, bald zum Leid. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Auch festes Eis macht die Sonne zu Wasser. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.