M8 Donnerstag den 26. Kovemher SffisäfeE LU IH Z W Herr Lecoq. Kriminal-Noman ton E. GabvrlLü, Nachdruck verboten, (Fortsetzung.) Auf dem Flur erwartete der alte Lakai, der sich! nicht erlaubt hatte mit einzutreten, die Beamten. Er hatte jedenfalls Weisungen empfangen, denn er fragte sie höflich, ob sie nichts nötig hatten, und ob es ihnen nicht angenehm wäre, nach der anstrengen-- den Nacht eine Schnitte kaltes Fleisch und ciu Glas Wein zu genießen. Des alten Absin-HZ Angen funkelten. Er dachte ohne Zweifel, man müßte in bi.,ent beinahe königlichen Palast wunderbare Sachen essen und trinken, wie er sie in seinem Leben noch nicht gekostet. Aber Lceoq lehnte mit kurzem Dank ab und verließ das Hotel Satrmeuse, seinen alten Kameraden mit sich ziehend. Der arme Bursche hatte das Bedürfnis allein , zu sein, allein mit seiner Wut und Verzweiflung! Mai verschwunden, spurlos, wie in Luft aufgegangen! Bei diesem Gedanken glaubte er verrückt werden zu müssen. Das ton ihm selbst für unmöglich Erklärte war also eingetrctcn! Sobald sie auf der Straße waren, trat er vor den alten .Absinth hin, kreuzte die Arme und sagte in scharfem Ton: Run, Alter? was denken Sie davon? Der Alte schüttelte den Kopf und sagte in aller Unschuld: Ich denke, Gsvrol wird sich die Hände reiben! Leeoq zuckte zusammen wie ein verwundetes Tier. Oho! Gövrol hat noch nicht die Partie gewonnen. Wir haben Mai verloren — das ist ein Unglück. Aber der Komplize bleibt uns. Er ist sicherlich geschickt und dem andern ergeben, aber wir wollen sehen, ob feine Ergebenheit vor der Aussicht aufs Zuchthaus stand hält. Und Zuchthaus bekommt er sicher, wenn er schweigt und sich dadurch als Mitschuldigen des nächtlichen Einbruchs bekennt. Oh, ich bin unbesorgt, Herr Segmüller wird schon die Lösung des Rätsels auS ihm herausholen. Und Lecoq schwang drohend die geballte Faust: dann setzte er in ruhigerem Tone hinzu: Aber wir wollen auf die Wache gehen, wohin der Mann gebracht ist. Ich will ihn selber fragen! 39. Kapitel. Es war bereits heller Tag, gegen sechs Uhr morgens, and !als Leoog und der alte Absinth auf das Polizeirevier kamen, fanden sie den Wachhabenden bereits tot seinem Tischchen sitzen und den Morgenbericht anfertigetr. Er drehte sich kaum nach ihnen um, da er sie in ihrer Verkleidung nicht erkannte; sobald er aber ihre Namen gehört hatte, streckte er ihnen sichtlich erfreut die Hand entgegen und rief: Donnerwetter! ich wünsche Ahnen Glück zu Ihrem schönen Fang von heute nacht. Was für ein Fang? fragten sie beide gleichzeitig. Na, ton dem Individuum, das Sie mir heute nacht so pmchw toU verschnürt Uischickten. Wieso? Oh, Sie kennen also Ahr Glück noch gar nicht! rief bac Wachtmeister, laut lachend. Nun, dann hat der Zufall Sie gut bedient und Ahnen eine großartige Gratifikation eingebracht. Ra, wen haben wir denn eigentlich gefangen? fragte bce alte Absinth ungeduldig. -Einen Schurken ton der schlimmsten Sorte, einen ent-» sprimgeuen ZuchMuslev, der seit'drei Monaten vergeblich gesucht Wirb, und dessen Signalement Sie ganz gewiß in der Tasche haben — mit einem Wort: Joseph Couturier. Bei den letzten Worten wurde Lecoq leichenblaß: er mußt« sich auf einen Stuhl setzen und stammelte, anscheinend ohne zu wissen was er sagte: Joseph Couturier! Joseph Conturier, ein entsprungener Zuchthäusler ! Der Wachim-eistw begriff nicht, warum Lewa so blas; wurdo und der alte Absinth ein so enttäuschtes Gesicht machte. Hoho! rief er. Der Erfolg verdreht euch wohl die Köpfe. Der Fang ist ja allerdings famos. Ich sehe schon Gsvrvls lange Nase! Gestern noch behauptete er, er allein könne den gefähv- licken Kerl einfaugen. Angesichts einer solchen Ironie des Schicksals fand Lew- plötzlich seine ganze Energie, wieder. Sie müssen sich irren, rief er dem Wachtmeister zu. Der Mann ist nicht Conturier. Ich irre mich nicht, beruhigen Sie sich. Sein AusfelM stimmt Zug für Zug mit der Beschreibung des Steckbriefs über- ein. Außerdem fehlt ihm, genau ivie es geschrieben steht, der kleine Finger an der linken Hand. Oh, das ist ein Beine iS! seufzte der alte Absinth. Richt wahr? Na, ich ioeiß aber noch einen besseren. Couturier ist ein alter Bekannter von mir; ich habe ihn schon 'mat eine ganze Nacht im Quartier gehabt, und er hat mich sofort iviedereMnnt, wie ich ihn. Hiergegen war nichts zu sagen. Lewa wandte sich daher, in ganz anderem Ton, an den Wachtmeister mit der Frage: Sie erlauben doch, Kamerad, daß ich ein paar Fragen ack unseren Gefangenen richte? Aber bitte, so viel Sie wollen! Unter Beobachtung a^Borsichtsmaßregeln wurde der Man« mit dem Filzhut aus der Arrcstantenzelle vorgeführt. Er tüdjel'te ganz freundlich, denn er hatte schon die ganze Sorglosigkeit des Gewohnheitsverbrechers wiedergefunden, der, wenn er einmal verlostet ist, gegen die Polizei leinen Groll mehr hegt. Lecoq erkannte en ans den ersten Blick. Ah, Sie sind's, sagte er, der es mir besorgt hat. Na, Sie können von sich sagen, daß Sie ein tüchtiges Handgelenk haben. Der Nacken tut mir noch weh von Ähren Liebkosungen. Also, wenn ich Sie um einen Gefallen bäte, so würden Sie ihn mir nicht tun? , Öh doch! doch! Ich habe nicht mchr Galle als etn Hühnchen, und Ihr Gesicht gefällt mir. Worum handelt es sich? Ich utöchte einiges ilüer Ihren Kameraden von heute nachr hören,- 742 'EMturteiZ Gesicht Verdüsterte sich nnb er antwortete: - Bon mir jedenfalls nicht! Warum nicht? Weil ich ihn nicht kenne; ich häbe ihn vor gestern, abend nie tzeseheir. Das ist kaum zu glauben'. Für eine derartige Unternehnmng vertraut mail sich nicht dem ersten besten an; ehe man mit einem zusammen arbeitet, erkundigt man sich doch. . . Nu ja, ich sage ja auch nicht, das; ich nicht 'ne Dummheit gemacht habe. Ich «lächle mir sogar die Finger deswegen abbeißcn. lind wissen Sie, ich las; es mir nicht ausreden, der Schwerenöter ist einer tont Kriminal gewesen. Er hat mir 'ne Falle gelegt, ich bin hineingegangen. Aber geschieht mir recht, warum war .ich so biinuir. Du irrst dich, mein- Junge, sagte Lccog. Der Mensch gehört glicht zur- Polizei; ich gebe dir mein Wort darauf. Ich glaube Ihnen! sagte Couturier nach einem langen prüfcn- deic Blick. Darum will ich Ihnen auch erzählen, wie es herge- gangcn ist: Gestern abend sitz ich allein in einen Wirtschaft, da vbcn in der Rue Monsfetard, und esse, da kommt der Bursche ilnd setzt sich ail meinen Tisch. Natürlich fangen wir an zu sprechen, und er macht auf mich den Eindruck eines Kameraden. Wie das Gespräch darauf kommt, weis» ich nicht mehr, genug, er sagt lmir, er habe Kleider zu verkaufen-. Ms der gute Kerl, der ich bin, führe ich ihn zu einem Freund, der sie ihm abkaust. -Das war doch ein Dienst, nicht tvahv? Also, natürlich gibt er einen aus, ich revanchiere mich, na, und von einem Gläschen zum- pudern, um Mitternacht sehe ich doppelt. Tiefen Augenblick sucht er sich ans, mir von einem Geschäft z'n sprechen, das- uns alle beide auf eimual reich machen müsse, sagt er. Es handle sich darum, das ganze Silberzeug eines kolossal reichen Hauses nuszuräumen. „Für dich ist dabei nichts zu risAeren," sagt er, „ich übernehme alles, du brauchst mir blost gl» helfen, über eine Gartenmauer zu klettern; nachher musst dir Schmiere liehen'. Ich garantiere dir dafür, das; ich iir drei Reiseir mehr silberne Geschirre lind Schüsseln bringe, als wir tragen Minen." Das war verlockend, nicht wahr? Sie selber hätten an meiner Stelle sofort eingeschlage». Ra, wisse«» Sie, ich — Nicht! Ich zögerte. So betrunken ich war, hatte rch doch Miß- trane-st. Aber der andere dringt in mich, er schwört, er wisse genau mit dem Hanse Bescheid, jeden Montag sei großer Galtrabend; da würde es jedesmal spät, und die Bedienten liehen alles hermmliegen. Na, schließlich— gehe ich mit ihm. 1 Eine flüchtige Röte überzog Leroqs bleiche Wange««. Weisst du ganz bestimmt, fragte er lebhaft, daß, das Individuum zu dir gesagt hat, den Herzog von Sairrrrense habe jeden Montag Empfang? Ja, zum Tonnertvctter, sollte ich's denn ettva geträumt haben? Er nannte auch den Namen, den Sic eben sagten, etwas auf „ense" wars jedenfalls. Ein seltsamer Gedanke durchfuhr Lecog: Sollte er es etwa sein-? Wären Mai und der Herzog von Sairmense ein und dieselbe Person? Aber sofort verwarf er die Idee; er schstt sich sogar das» -er fortwährend sich von seiner lebhaften EinhildungMaft der- führen ließ. Wozu mrch so märchenhafte Lösungen für so einfache Frage«! suchen?. Was war Ueberraschendes dabei, daß ein Mann, den er für einen Angehörigen; der vornehmen Gesellschaft hielt, de,« .Empfangstag des Herzogs von Sairmeufe kannte? Aus Couturier war jedenfalls nichts mehr herauSzubriuge«. Er dankte ihm, schüttelte dem. Wachtmeister, die Hand, und verließ, auf des alten Absinths Arm . sich stützend, das Pvlizeigebäude. Denn Lecog, der uitcrmüdliche Lecog, hatte eine Stütze nötig! 40. Kapitel. Nach einem so anstrengenden Tage- und Nach-twerk, wie die beiden Kriminalbeamten es hinter sich hatten, sollte mair meine», sie hätten ein unwiderstehliches Ruhebedürfnis gehabt. Aber Lecog Wurde von seinem verwundeten Stolz und.vor» einet letzten Hoffnung wuf Erfolg aufrecht gehalten; der alte Absinth aber war wie einer jener alten Dr-oschkengänle, die gar nicht mehr «v-issm. Was Ruhe ist, und imutier weiter! und weiter trotten, bis sie er- schöpft Iusammenbrechen. Sie gingen in Lecoqs bescheidene Wohnung, !v-o sie ihre Ber- Ucidung ablegtew; dann nahmen sie ein leidliches Frübstück ein, daS sie mit eiltet' guten Flasche Burgunder befeuchteten, uud machlen sich wieder auf den Weg. Lecog hatte einen Einfall gehabt. Ein Mann ist noch da, sagte er zum alt«!« MsinK bet- uns Mkest kann, ein Mann-, der! sehen wird, ms ich nicht geschen, begretsetk ward, «vas tch nicht begriffen habe. Ihn wollen wir um Rat fragen, und nach feiner- Antwort werde ich mich richten. Vorwärts! Die beiden Beamten begaben sich nach der Rue Saint-Lazare, ganz dicht beim Bahnhof, und fragten iir einem der schönsten; Häuser den Pförtner: Herr Tabaret? llnser Herr? Ach, der ist krank. Ernstlich? fragte Lecog beunruhigt. Hm, man weiß es nicht recht; er leidet an der Gicht. Und mit geheucheltem Bedauern setzte der Pförtner hinzu: Der Herr ist nicht vernünftig, ein solches Leben zu führen. Die Weiber — düs ist gut, wenn «Mi« jung ist, aber in seinem Alter. . , Die beiden Beamten tauschten einen eigentümlichen Blick aus und begannen zu lachen, sobald sie dem Pförtner den Rücken gedreht hatten. Die HausHältcrin, die ihnen auf ihr Klingeln öffnete, sagte, Herr Tabaret Nehme Besuche au, obwohl er das Bett hüten müsse. In diesem. Augenblick jedoch, fügte sie hinzu, ist der Arzt bei ihm. Wollen die Herren warten, bis er fort ist? Die Beamten bejahten und wurden von der Haushälterin! in! ein schönes Bibliothekzimmer geführt. Tiefer Herr Tabaret, ein wohlhabender Hausbesitzer, beit Lecog um Rat fragen wollte, ivar auf der Polizeipräfektur berühmt wegen seiner wunderbaren Klugheit, wegen seines an das Unglaubliche grenzenden Scharfsinns. Man konnte indessen Nicht sagen, daß er 'der Präfektur als Beamter angehörte. Zn einem Amt gehört auch ein Gehalt, und Tabaret nahm niemals auch nur einen Sou an. Was er tat, geschah zum Vergnügen, zur Befriedigung einer ihn völlig beherrschenden Leidenschaft, es geschah um des Ruhmes, um der Ehre willen. Er betrieb in Paris eine Jagd auf Verbrecher, lute andere in den Wäldern Wildschweine jagen, und er war der Ansicht, daß seine Jagd viel nutzbringender, vor allem aber auch viel aufregender fei. Bei einer solchen Denkungsart konnte es ihm natürlich an Feinden nicht fehlen. Für nichts arbeitete er fo viel, ja mehr, als zwei Inspektoren. Sein bloßer Name versetzte Gevrol in Zuckungen. Es hatte denn auch an Schikanen nicht gefehlt, und schließlich erschien Tabaret nur noch selten auf der Präfektur. Aber wenn man in der Rue Jerusalem gar nicht mehr aus noch ein wußte, dann sagte man: „Wir wollen ,Tiran-> clirir' befragen". Siefen Spitznamen verdankte er seiner Lieblingsphrase, die er immer im- Munde führte: Tas müssen wir mal „ans Licht ziehen". Vielleicht trug der Beiname dazu bei, das Geheimnis seiner polizeilichen Tätigkeit zu sichern. Bon seinen Freunden hatte keiner -eine Ahnung davon. Da er aber ein sehr unregelmäßiges Lebet« sühren mußte, wenn ee gerade einen „Fall" vorhatte, da er bei solchen Gelegenheiten recht sonderbare Besuche emp- sing, so hatte er Nach einem Deckmantel suchen müssen. Er hatte diesen gefunden, indem er eine seinem Alter recht wenig ange- «nefsene Leidenschaft für das weibliche Geschlecht vorschützte. Sein Pförtner ließ sich dadurch ebenso täuschen, wie seine Freunde und Nachbarn. Man lachte nicht wenig über den alten Herrn, der ganze Nächte auswärts verbrachte, man nannte ihn „Schürzenjäger" und gab ihm ähnliche schöne Ehrentitel. Aber, niemals kam jemand auf den Gedanken, daß Tirauclaiu und Tabaret eilte und dieselbe Person wären... Diese ganze Charakteristik des alten Sonderlings ließ Lecog sich während des Wartens dnrch, den Kopf gehen, um feilte Hoffnung daran anfzunchten. Endlich erschien die Haushälterin wieder und führte die beiden Beamten in Tabarets Schlafzimmer. (Fortsetzung folgt.) Ernstes und helleres aus allen AniversitäLszeiten. Wenn uns ein ernster Gelehrter, der jahrzehntelang von« Universitätslehrstiihl ans Tansenden von .Hörern Vor- getragen hat, Erlebnisse ans seiner Dozentenzeit initteilt, so sind das sicherlich Momente, die des Interesses wegen von vielen gewürdigt iverbett. Wenn nun der bekannte Kircheurechtslehrer Dr. Fviedr. von Schulte, ans dessen Prager ititb Bonner Zeit noch viele, viele seiner früheren Hörer mit Liebe uiib Hochachtung auf ihren alten Uuiversi- tiitslehrer blicke«», in seinen Memoiren (Gießen, Emil Roth) einiges Ernste und Heitere mitteilt, so wirb bas besonders einem großen Kreise von Interesse sei». In Nachfolgendem erzählt Schulte tit seiner schlichten, offenen Art über bie. Prager lsuivevsitätsverhältnisse: /Xn den österreichischeit Universitäten gab es, als ich nach Prag kam, keinen gesellschaftlichen Zusammenhang unter Professoren. Vor 1850 waren sie infolge des ,Kvn- £Ä';,r bic erledigte Stelle wurde ausgeschrieben, die sich Meldenden einer schriftlichen und mündlichen Prüfling unterworfen, nach deren Ausfall bezw. nach deren guten Fürsprache besetzt — durch den Zufall zusammengewürfelt: manche waren aus der niedrigsten Volksschicht hervor- gegangen; Kriecherei und Unterwürfigkeit nach oben, .Hochmut nach unten war das Erbgut nicht weniger. Eine Folge der Verhältnisse war, daß einige unter ihnen Frauen ge- uommeu ha.ten, die ohne Bildung der guten gefellscoaftlichen Haltung entbehrten. Wie tief die Professoren in der Achtung standen, und bicy verdienten, beweist die mir nicht etwa von einer Person, sondern von den verschiedensten Seiten, auch von Professoren selbst verbürgte Tatsache, daß man es vor 1850 wagte, den Professoren, bezw. den Frauen, Geschenke anzubieten, wenn der Sohn, Bruder, Neffe und dergl. vor dem Examen stand. Reiche Advokaten/Gutsbesitzer usw. ließen cs sich viel kosten: goldene Armbänder, Broschen und dergl., Zigarren, Wein usw., auch Geld, je nach der Persönlichkeit bildeten das Mittel. Obwohl es vor 1850 keine Kollegiengelder gab, die Gehälter sehr klein waren, befanden sich namentlich Professoren der Rechte in der i.age Geld zu machen. Vom wissenschaftlichen Gesichts- punkte stand nur die Medizin hoch, die juristische Literatur und Lehre beschränkte sich auf die systematische Verarbeitung des gesetzlichen Stoffes mit mehr oder weniger äußerem Beiwerk. Prag galt als zweite, Wien als erste Universität, dre Folge ivar dasBersetztiverden namentlich von Lembera (seit 1846 auch Krakau) nach Prag. Man begreift, daß die Berufung von Professoren „aus dem Reich«" seit 1850 einen Strich durch die bisherigen Anschauungen gemacht hatte, der „deutsche" Kollega manchem sehr unsympathisch war. Durfte man dies nicht hervorkehren, so äußerte es doch seine Wirkung nach Möglichkeit, t' .■ /*iwl) Prag fi'.ii!, gab es in der juristischen Fakultät 6 ordentliche Professoren und 2 Privatdozenten. Der einzige anßerösterreichische Deutsche war Chambon, welcher als Nachfolger von Schwanert int Herbst 1863 von P.ena nach Prag gekommen ivar. Er war ein durchaus wissouschaftlicher Manit, liebenswürdig, heiter, ein ansgc- j zeuhneter Lehrer, welcher die Liebe aller Zuhörer besaß. rit1 eine wahre Bestürzung hervor; die Au- häugUchleit zeigte sich dadurch, daß eine Anzahl von Stu- I Eten die Leiche nach Jena begleitete. Auf deut Friedhofs haben diese, dann auch ein tschechisches Lied gesungen, was Veit Jenaern imponiert hat, wie der Deutsche ja dem Fremden überhaupt zujauchzt. An Chambons Stells traten Karl Esmarch und Brinz. Mit beide,t verband mich feste Freundschaft, .die sich im Briefwechsel bis zu deren Tode fortgesetzt hat." «schon aus dieser Skizze, die Schulte von dem Milieu cniivirft, in welchem er hier anfangs wirkte, geht hervor, daß da Zustäilde herrschten, in denen der BureaukratismUs notwendigerweise üppig gedeihen mußte. Von seinem Walten berichtet Schulte erheiternde Episoden. So erzählt er: , Aus allerlei Quellen flössen kleine Summen in die Universitätskasse, die sich ansammelten und schließlich dein Schicksal anheimfallen konnten, daß über sie vom Minister verfügt werde. Als ich Rektor war, hatte die Kasse eine ganz hübsche Summe. Nach den bestehenden Vorschriften konnte der Rektor über zehn Gulden in einer Protvkoll- unmntkr verfügen. Das Einlaufsprotokvll mußte in der Scuatssitznug vorgciragen werden. Bor Schluß des- Sln- dieujahres trug ich dem dies Protokoll führenden Syndikus auf: Nr. a) Schreiben Sie: Dem Syndikus 10 ff. Nr. b) Dem Aktuar 10 ff. Nr. c) usw. vom Syndikus bis zum untersten Pedell und so mehrere Male hintereinander, bis der Vorrat ziemlich erschöpft war. Als ich dies nun trocken in der Senatssitzung vorlas, Staunen und Ausrufe einiger früheren Rektoren: „Ja, wenn man das gc- 743 — wußt hätte," worauf ich lächelnd sagte: „Meine Sextett, das El des Kolumbus". ' Dieser Fall und der folgende mit dem Grafen Belcredr liefern den Beweis, daß mit Energie alles zu erreichen ivar.^ An Energie Hat. cs mir nie gefehlt. Die Universität stand bezüglich der Bermögensverival- tnng unter der Statthalterei, war also für jede Kleinigkeit auf diese angewiesen. Naturgemäß führte das zu Mißständen, wie einige Beispiele beleuchten mögen. Im Winter 1855 ließ der Dekan-der philosophischen Fakultät für den Hörsaal Höflers ein Stehpult machen, weil Höfler das Sitzen nicht vertragen konnte, und zwar ohne Anweisung der Statthalterei, weil sonst Monate darüber hingegangen sein würden. Ob dessen an die Fakultät von der Statt- halterei ein Wischer „über solche Nngeziemlichkeit'eu und Ungehörigkeiten", der zur Danachachtung den anderen Fa- knltäten mitgeteilt werden mußte. Im Karolinnm, worin sich die juristischen und medi- zimschen Säle, der Senatssaal, die Aula befanden, hatte im ersten Stockwerke der Professor der Tierarzneikunde einen Hörsal. In diesem war int heißen Sommer 1865 ein Pferdekadaver seziert und die Fleischabfälle in einen Abtritt geworfen worden, der keinen Abfluß hatte. Der Gestank war unerträglich, eine Eingabe an die Statthalterei fruchtete, nicht, da machte ich als Dekan eine direkte an den Statthalter Grafen Belcredi und bat ihn, sich „hineinznlegen". Er teilt dies in der Sitzung der Statthalterei mit, ist wütend über dieses Benehmen, wird aber vom anwesenden Landesmedizinalrat Professor Dr. Löschner aufmerksam gemacht, daß die Sache ctn Skandal sei, er über den Dekan; keine Jurisdiktion habe und riskiere, daß dieser, wemt er beit, geringsten Schritt tue, die Sache in die Oeffentlich- keit bringe. Und siehe, jetzt wurde sofort Wandel geschaffen. Im Dezember 1868 unter meinem Rektorate kam der sonderbare Fall vor, daß der Leiter der Statthalterei, Frhr, v. Koller, Feldmarschalleutnant, das juristische Professoreu- kolleg anfforderte, einen Studenten vom Kollegiengeld zu befreien. Ich berichtete dies an den Minister und forderte! Remedur. Die Antwort war folgender in meinem Besitz' befindlicher Originalbrief des damaligen Uuterstaatssckre- tärs an mich: „Euere Magnifizenz beehre ich mich im Auftrage Sr. Exzellenz vertraulich utitzuteilcn, daß in bezug auf die Einmischung der Statt- halterei in Kollegiengelder-Angelegenheiteit dafür gesorgt wurde, daß eine Wiederholung nicht zu befürchten fei. Eine offizielle Notifikation au die akademische Behörde glaubt mau mit Rücksicht auf die schwierige Lage des Leiters der Statthalterei nicht ergehen lassen zu sollen.. Mit vorzüglicher Hochachtung; Euerer Magnifizenz ganz ergebener In lins Glaser." Wien, 28. Dezember 1868. ■ Es war richtig, daß die Verhältnisse schwierig, dis Tschechen damals aus Rand und Baud waren und deshalb! ein strammer Soldat zum Leiter der Statthalteret ernannt wurde. Koller war übrigens sonst ein praktischer Manu^ besuchte mich in meiner Wohnung, „nm die Maßregeln zu besprechen, welche geeignet seien, die Ruhe in der Uni» versität zu erhalten." Ich erklärte ihm, daß ich dafür; einstehe, daß sie nicht gestört werde unter zwei Bedingungen r 1. daß ohne meine Aufforderung kein Polizist die Universität betrete, 2. daß die Statthalterei keinen Studentenvereiu genehmige ohne ausdrückliche Zustimmung des Rektors. Er! ging darauf ein, hielt daran fest und nichts kam während meines damaligen Rektorats vor, das tut geringsten störend! ivar." „An Energie hat es mir nie gefehlt." Wohl hatte Schulte das Recht, dies von sich zu behaupten. Energie,- aber auch Takt bewies er namentlich gegenüber dem tschecht- schcu Teile seiner Hörerschaft. „Persönlich — erzählt er —5 hatte ich unter der wachsenden nationalen Gereiztheit nicht gH [eiben, da ich niemals im Amte einen Unterschied zwischen Deutschen nnd Tschechen gemacht hatte, die Führer der letzteren, insbesondere Eduard Gregr, meine Schüler gewesen waren und ich bewiesen hatte, daß mir Furcht fern lag. Der einzige Fall, wo man im 5kolleg zu demonstriere,: suchte, war im November 1860 eingetreten. Das Oktoberdiplom hatte beit Tschechen die Köpfe verrückt. Ich sprach in der deutschen Rechtsgeschichte über die Aufnahme des deutschen Rechts in Böhmen, ein tschechischer Student scharrte laut. Ich hörte mit dem Vortrage auf und sagte, den Scharrer unverwandt fixierend : „Meine Herren! Prin- cipiis obsta, Sie wissen, daß ich stets objektiv war, ich habe streng wissenschaftlich die wirkliche Geschichte vorzutragen; wem das nicht behagt, der bleibe meinen Vorträgen fern. Demonstrationen dulde ich nicht, ich habe das Vertrauen zu meinen Herren Zuhörern, daß sie einen Ruhestörer so behandeln •— die Verantwortlichkeit nehme ich auf mich I— daß er den Hörsaal verläßt." Allgemeiner Beifall. Ich trug ruhig weiter vor. Der tschechische Jüngling aber kam nach der Vorlesung zu mir und. bat unter Tränen um Verzeihung. Eines Morgens int November 1865 kommt der Pedell Goth in meine Wohnung — ich war Dekan, an jenem Tage durch Unwohlsein verhindert, Vorlesungen zu halten — und sagt: „Ew. Gnaden, im Karolinum ist Revolution, die Studenten haben Prof. Höfler aus der Vorlesung gedrängt, man kann nicht ins Gebäude kommen." Gut, sage ich, da muß ich gehen, ich nahm einen Fiaker, fuhr mit dem Pedell, ging durch die Seitentür und hörte, wie Rektor NLhlowski tschechisch in ganz unwürdiger Weise die Tumultuanten flehentlich bat, ruhig zu sein. Mit Gewalt machte ich mir Platz, drang bis zur Treppe vor, rief fallt: „Ich befehle, sofort das Karolinum zu verlassen", faßte zwei Rechtshörer, die tschechisch opponierten, bei den Armen und schob sie iit den Vorraum des Sitzungssaales, mit dem Bemerken, „Sie bleiben hier, ich werde mit Ihnen ein Protokoll aufnehmen", drängte die Tumultuanten anseiu- ander, hatte die Satisfaktion, daß das Gebäude in fünf Mtnuten geleert war und der klägliche Rektor allein dastand; ich ließ die Tür schließen, ging ins Sitzungszimmer und traf dort Höfler zitternd und bebend. In der nächsten Nummer der „Narodni Lisch" stand, daß ich brutal zwei Studenten gefaßt, mit den Köpfen zusammengestoßen und die Treppe herunter geworfen hätte. Meine Kollegen meinten, ich müsse eine berichtigende Erklärung in dieselbe Zeitimg setzen. „Gott bewahre, erklärte ich, wenn die Tschechen mir eine solche Kraft zutrauen und mich für so verwegen halten, dies zu tun und zu können, obwohl es so voll war, daß kein Apfel hätte zur Erde fallen können, so werde ich mich hüten, diese gute Meinung von mir zu zerstören." So lange ich in Prag war, ist keine Störung mehr vorgekommen. Als ich Prag verließ, haben die tschechischen Rechtshörer mehrere Deputationen zu mir geschickt, welche das tiefste Bedauern über meinen Rücktritt ausdrückten und Mich ihrer Verehrung und Anhänglichkeit versicherten." IPerKsiSdbte», * Als Hof-Zahnarzt in Fcz. Aus der Residenzstadt Mulai Hastds wird von den Vergünstigungen und von den Vorteilen berichtet, die ein spanischer Journalist beim Sultan und seinen Getreuen in kurzer Zeit zu erringen wußte: nicht als Reporter, sondern dank dem Umstande, daß er im Nebenberufe aiS Zahnarzt sich erprobt. Seine Versuche untren von einem Erfolge gekrönt, den er selbst kaum erträumt hatte. Der Sultan nahm seine Dienste in Anspruch, und wie es scheint, sehr aus- giebig: denn zur Zeit ist der spanische Journalist iwch damit beschäftigt, 14 schmsische Backenzähne mit Goldplomben zu versehen. Tenn das Gebiß des Sultans hat nie die Segnungen der Aahnheilkunde erfahren und befand sich in durchaus reparaturbedürftiger Verfassung. Aber auch Fez hat seine Snobs, deren Ehrgeiz es ist, auch in den kleinen Aeußerlichkeiien dem Sultan MwlMsifern; sie alle empfanden nun plötzlich das Bedürsttis, ßieöatuon; E. Anderson. — tiioiauonsötud und Vertan bei Br ihre ZSHiür „vergoldet" Sil sehen, rnS der spanische ZeituWK» niaun ist kaum imstande, allen Wünschen seiner zahlreichen Klienieu! so rasch nnd prompt gerecht Zn werden, wie die ungeduldigen Edle« von Marokko es verlangen. Aus seinem Heimatland hat er sich nun ausreichende Vorräte und eine ansehnliche Sammlung zahn- technischer Instrumente Nachkommen lassen, und er hegt die Absicht, sich in Fez als Zahnarzt dauernd niederzulassen. Miilah Hafid hat ihn bereits zum Hof-Dentisten ernannt, und sogar die Schonen des Harems wurden seiner kundigen Hand anvertrauü- Mehrere der Sultansfrauen haben seine Dienste in Anspruch genommen, doch selbst dem Zahnärzte war es dabei nicht vergönnt, die Gesichter der Schönen zu sehen. Mit tief und sorgsanlj verhülltem Angesicht empfangen sie den fremden Zahnkünstlerh so gründlich ist die Verschleierung, daß kaum die Berührung bet' Lippen möglich wird. Eine Anzahl Sklaven weicht während beti Operation nicht von der Seite des Spaniers: sie wachen darüber« das; der Fremde nicht der Versuchung uachgibt, die phantastisches Schleier ein wenig zu lüften. * Die japanische Franenuniversitat. Dies Frauenbewegung hat im fernen Osten insbesondere bei den wissens- durstigen Jap'anerinnen, lebhaften Widerhall gefunden, der rasH in Taten sich umgesetzt hat. In Tokio besteht bereits eine Jrauennniversität, der eine Präparandenanstalt beigesellt ist: aU der Nniversität ist die Zahl der Hörerinnen bereits auf 300 an- gewachsen und in der Vvrbereitungsanstalt studieren 500 Japanerinnen. Die Frauen arbeiten dort nicht um die Erringung eines Titels ober eines Rechts auf öffentliche Anstellung. Ihn einziges Ziel ist die Entfaltung ihrer geistigen Fähigkeitei!, die Bereicherung der Bildung nnd die Erweiterung ihres Gesichts- kreises. Der Lehrgang ist sehr streng und erstreckt sich auch euch die „Wusliche Wissenschaft", in der Philosophie, Akoralthwrtc, Nationalökonomie, Physiologie, Hygiene und Hauswirtschaft gelehrt werden. Körperpflege nnd Leibesübungen bilden ein besoii- dercs llnterrichtsgebiet und alle Studentinnen unterziehen si« gemeinsam den praktischen Hebungen, die der Entfaltung nn» Stählung des Körpers dienen. * Wie man die Honigschwiudler entlarve« kann. Der Jmkerverein für den Kreis Teltow hat in einer Versammlung die Mittel erörtert, um HonigfÄschnn- gen festzustellen. Das Kennzeichen des unverfälschte« Honigs ist nach dem Ausspruch der Sachverständigen dev Eiweißgehalt. Wenn Eiweiß künstlich in den Honig herein- gebracht wird, ist das immer bei der Probe zu erkennen, da das aus dem Biencukörper ftammenbe Eiweiß sich nicht imch- ahinen läßt. Wer guten Honig ick Spiritus auflöst, fault in der klaren Auflösung die schleimig-flockige Eiweißmasstz als Niederschlag beobachten. Zucker setzt sich an den Wände«, ab, Zuckerverfälschung ist daher leicht zu ermitteln. * A.: „Nun, Ihre Tochter war so lange krank, hat ihr der Doltor geholfen?" — B.: „Ja, er hat sich mit ihr verlobt!" * Falschmünzer (vor der ReichÄwuckerei zu seinem Komplizen): „Siehste, Ede, da driun machen se noch Banknote« w Neue L sicher. (Besprechung erfolgt nach Auswahl, Eine Verpflichtung zu» Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eiugesanotr« Bücher wird nicht übernommen.! DieGrimmschenMärcben, Jubiläumsausgabe. Zeichnungen von Otto llbbelohde. Eingeleitet und heranSgegebei« von Dr. Rvb. Riemann. LeiMig, Turm-Verlag. Theod. R e h t w i s ch: Bon der Etsch bis an den Belt. Geschichtsbilder. Leipzig, Turm-Verlag. Ä. Ebers Bismarck-Buch. Hannover, Earl Meyer. Ludwig Finckh, Rapunzel. Stuttgart, Deutsche Ver- lagsanstalt. , . , „ „ Jos. Angerer, Die Feiubärkeret nn Beruf und HauN> München, Jos. Angerer. . „ , _ , r Lord Chesterfields Briefe an semen Sohlt. Frei bearbeitet von Dr. Karl Mundiug. Stuttgart, Schwabacher. W. Schultz-Riesen berg : Sizilien, Griebens Reiseführer, Bd. 119, Berlin. Albert Goldschmidt R. Martin, Deutschland und England. Em offenes Wort an den Kaiser. Hannover, Sponholh. . „ ,, , Zur Psychologie des My'itarismns, von. rmem Soldatem Leipzig, Otto Wigand. Kryptogramru» Rhinozeros — Rhythmus — Felleisen — Thran — Wartburg — Rosette — Brenner. Aus jedem der vorsiebeudeu Wörter sind der Reihe nach zwer zusannnenhängeude Buchstaben zu entnehmen, so daß sich daraus ein Sprichwort ergiebt. Auflösung in nächster Nummer-. Auflösung der altegyptischen Hieroglyphen tu vor. Sfammcct Das Leben ist ein Kampf, wo nl emand siegt. »l'ichev llntv«ksuäts-Buch- uk6 ©teusöiudetei. 8L Lange» (Sieben.