1908 Montag den 26. Oktober m W E - u w W Herr Lecoq. Kriminal-Roman von E. ® ab ort du. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Des Richters Hieb war gut, aber die Parade war besser. Der lächelnde Protokollführer konnte sich nicht enthalten, eine beifällige Grimasse zu schneiden. Er war übrigens von vornherein stets auf feiten:i>ro Angeklagten — platonisch natürlich! Kommen wir also jetzt zu den Vorgängen unmittelbar nach Ihrer Festnahme, fuhr der Richter fort. Warum haben Sie auf alle- Fragen b:c Antwort verweigert? Ein wirklicher oder angenommener Groll funkelte int Auge des Mörders, und er brummte: Ein Untersuchungsverhör ist wohl völlig hinreichend, nut aus einem Unschuldigen einen Schuldigen zu machen. Ich ersuche Sie, in- Jhveur eigenen Interesse höflich zu bleiben! sagte der Richten streng. Die Beamten, die Sie verhafteten, haben bemerkt, daß Sie alle Formalitäten kannten nnd mit dem Gefängnis Bescheid wußten. Aber, Herr Richter, habe ich Ihnen nicht gesagt, ich sei mehrere Male verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden, immer nur, weil ich keine Papiere hatte? Ich sage die Wahrheit, daraus werden Sie mir Lioch wohl keinen Fallstrick drehen wollen. Er hatte feine Maske heiterer Sorglosigkeit abgelegt und kehrte jetzt einen mürrischen und unzuftiedenen Ton hervor. Er war aber noch nicht ans seinem Ungemach heraus, der ernstliche Angriff sollte erst beginnen. Segmüller legte auf seinen Schreibtisch ein Leinensäckchen nnd fragte: Kennen Sie dieses? Gewiß. Es ist das Paket, das int Protokollzimnür vom Direktor versiegelt wurde. Der Richter öffnete den Beutel nnd schüttete die darin enthaltene Erde ans ein Blatt Papier. Es ist Ihnen genau bekannt, Angeklagter, daß diese Erde von dem getrockneten Schlamm herrührt, der Ihre Füße bis zu den Knöcheln bedeckte. Der Kriminalbeamte, der diese Erde von Ihren Füßen abfchabte, hat sich nach der Polizeiwache beigeben, wo Sie die Nacht zubrachten, und hat festgestellt, daß zwischen dieser Erde nnd derjenigen, die den Boden des Arrestanten- lokals bildet, eilte vollkommene Uebereinstimmung besteht. Also haben Sie sich ganz bestimmt auf der Polizeiwache absichtlich schmutzig gemacht. Welche Wficht hatten Sie dabei? Ich wollte... , Lassen Sie mich ausreden. Nachdem Sie sich entichlonen hatten, das Geheimnis Ihrer Persönlichkeit aufrecht zu erhalten, und sich für einen Menschen aus den niedrigsten Gesell, chaftv- klassen, einen Jahrmarktskünstlcr, auszugeben, da ftel Ihnen ein, daß Sie durch die Leibesimtersuchung verraten werden konnteii, wenn Sie bei der Einlieferung ins Untersuchiingsgefängins fu') tmsziehen müssen und ans Ihren unsauberen groben ausgetretenen Stiefeln so sorgfältig gepflegte Füße wie die Ihrigen heram kamen — denn Sie pflegen Ihre Füße gerade so wie Ihre Hände, nnd die Nägel sind mit der Feile geglättet. Was taten Sie also? Sie schütteten den Wasserkriig auf den Lehmboden und traten mit den nackten Füßen im Schlamm herum. Während dieser Bemerkung hatte Mais Gesicht zuerst Unruhe ausgedrückt, dann ein höchst komisches Erstaunen, dann Ironie und zuletzt eine offene Heiterkeit, die sich in einem Ausbruch tollen Gelächters Lust machte. Ja, so gehts! sagte er, sich nicht an den Richtet, sondern an Secoq wendend, ja, so gehts, wenn man den Mond am hellest Tage sucht! Die Wahrheit ist sehr einfach: Als man mich auf die Polizeiwache brachte, hatte ich seit achtundvierzig Stundest die Stiesel nicht von den Füßen gebracht, davon wat ich sechs-- unddreißig auf der Eisenbahn gefahren. Meine Füße waren rot/ geschwollen und brannten mir wie Feuer. Was habe ich also gemacht? Ich habe Wässer darüber gegossen. Und weiter: ich habe eine weiße und. Zarte Haut, weil ich etwas auf meinen Körper halte. Außerdem trage ich, wie alle Leute meines Berufes, stets nur Pantoffeln. Das ist so wahr, daß ich nicht mal eigene Stiefel besaß, als ich von Leipzig abreiste, und deshalb gab mir Mistet Simpson dieses Paar alte, die er nicht mehr trug. Lecoq hätte sich die Haare ausraufen mögen. Dummkopf, der ich bin! dachte er. Elender alberner idio*. tischer Dummkopf! Ich hätte bis zuist Verhör warten müssen/ um diesen Umstand zur Sprache zu bringen. Als dieser gescheite Mensch mich die Erde aufheben sah, hat er meine Wsichtest erraten; er hat stach einer Erklärung gesucht und hat eine gesunden — und sogar eine plausible; das Schwurgericht würde sie gelten lassen. . Genau dasselbe dachte Segmüller. Wer er war durch diese große Geistesgegenwart weder überrascht, noch in seiner lieber* zengung erschüttert. Fassen wir unser Verhör zusammen! sagte er. Beharrest Sie, Angeklagter, bei Ihren Behauptungen? Ja, Herr Richter. Nun, so sehe ich mich genötigt, Ihnen zu sagen: Sie lugen! Die Lippen des Mörders zitterten sichtlich, nnd er stottertet Ich will am ersten Bissen Brot ersticken, wenn ich auch nur eine einzige Lüge gesagt habe! Eine einzige! — Warten Sie. . Ter Richter nahm ans seiner Schublade die von Lecoq ab* genommenen Gipsabdrücke der Fußspuren heraus und zeigte ft£ dem Mörder. Sie haben mir erklärt, fuhr er fort, die beiden Frauen waren gewachsen gewesen „wie Dragoner". Nun, hier sind die von diesen' so großen Fvaueit hiitterlassenen Fußspuren. Sie wärest „schwarz wie die Maulwürfe", behaupten Sie. Ein Zeuge wird Ihnen sagen, daß die eilte von ihnen klein und zierlich ist, eine sanfte Stimme nnd herrlich blondes Haar hat. Er heftete seinen Blick auf die Augen des Mannes, und setzte langsam hinzu: , r, ,. Und dieser Zeuge ist der Kutscher, nt besten Dro,chke die Heiden Fliehenden in der Rue du Chevalerct eingestiegen fink. Dieser Satz traf den Angeklagten wie ein Beilhieb; er wurde 670 bleich, schwankte, und mußte sich, um nicht hinznjinkcn, an die Wand lehnen. Ah, Sie haben mir die Wahrheit gesagt! fuhr der Richter unbarmherzig fort. Wer ist dann dieser Mann, der auf Sie wartete, während Sie in der „Pfefferbüchse" waren? Wer ist! dann dieser Komplize, der nach Ihrer Verhaftung in die Schenke einzubringen wagte, um dort einen kompromittierenden Gegen- stand zu holen, einen Brief ohne Zweifel, von dem er Wichte, das; er in der Schürzentasche der Witwe Chupin sich befand? Wer ist dieser aufopfernde und kühne Freund, der beit Trunkenbold so gut vx spielen wußte, daß die Schutzleute sich täuschen ließen und ihn mit Ihnen zusammen einsperrten? Wollen Sie behaupten, daß Sie nicht mit ihm Ihr Verteidigungssystem verabredet hatten, daß er sich hierauf nicht des Beistandes der Witwe Chupin versichert hat? Mer Mai hatte schoir mit einer übermenschlichen Anstrengung seine Selbstbeherrschung wicdcrgefuuden. All das, sagte er mit heiserer Stimme, ist eine Erfindung der Polizei. Segmüller hatte schon geglaubt, den Mörder schwach werden hu sehen, jetzt begriff er, daß noch mehr als ein Ansturm gegen diesen harten Charakter nötig sein würde; seine Stimme hatte daher durch/die getäuschte Erwartung einen schärferen Klang bekommen, falls er erwiderte: Sie streiten osfenbar gegen den klaren Augenschein an! _ Ter Mörder war wieder fest wie Eisen geworden, ilnzweifel- haft empfand er eilt bitteres Bedauern über seine vorübergehende Schwäche, denn eine höllische Kühnheit funkelte jetzt aus seinen Micken. Welchen Augenschein? ries er, die Brauen zusammenziehend. Der von der Polizei ersonnene Romjan ist wahrscheinlich, ich bestreite bas nicht. Aber mir scheint denn doch, die Wahrheit ist Mindestens ebenso wahrscheinlich ! Sie sprechen mir von einem Kutscher, der in der Rue du Chevaleret zwei kleine und blonde Frauen in seine Droschke ausgenommen hat . . . wer beweist aber, daß diese wirklich dieselben sind, die sich in dieser Unglücksschenke befanden? Tie Polizei hat ihre Spuren auf dem Schnee verfolgt! In der Nacht, mitten über ein von Schlammpfützen bedecktes, freies Feld, eine ganze Straße entlang, während ein seiner Regen fiel, und der Schnee schon auftaute! Das ist eine große Leistung! Er streckte den Arm, gegen Lecog aus und fuhr in schneidend verächtlichem Ton fort: Ein Kriminalbeamter muß ein großartiges Selbstvertrauen, oder eine wilde Sucht nach Maueement haben, um zu verlangen, daß man auf einen solchen Beweis hin einem Menschen den Klopf abschlägt! Der lächelnde Protokollführer beobachtete den Angeklagten, Mährend er zugleich seine Feder über das Papier fliegen ließ. Piff, paff, ins Schwarze! sagte er zu sich selber. Furchtbar war in der Tat der Vorwurf, und er traf den jungen Beamten mitten ins Herz. Er vergaß den Ort, wo er sich befand, sprang wütend auf und rief: Dieser Umstand wäre gar nichts, wenn er nicht das Glied einer langen Kette bildete, die. . . Ruhe, Ruhe! unterbrach ihn Segmüller, und, sich zum Angeklagten wendend, fuhr er fort: Das Gericht benutzt die von der! Polizei gesammelten Anzeichen nur, nachdem es sie geprüft und ihren Wert bemessen hat. Einerlei, murmelte der Mann, ich mochte wohl mal diesen Droschkenkutscher sehen. Seien Sie unbesorgt, er wird seine Aussage in Ihrer Gegeip- wart wiederholen. Na, dann werde ich zufrieden fein. Ich werde ihn fragen, tote ers macht, um die Gesichter von Leuten zu unterscheiden, wenn es so pechfinster ist wie in einem Schornstein! Ohne Zweifel gehört dieser schöne Personenbeschreiber zum Geschlecht der Katzen, die bei Nacht besser sehen als bei Tage. Er unterbrach sich und schlug sich vor die Stirn, als sei ihm plötzlich ein Licht aufgegangen. Ach, bin ich dumm! rief ev. DH rege ich mir die Gall« auf wegen dieser Frauenzimmer, während Sie wissen, wer sie sind. Denn das wissen Sie doch, nicht wahr, mein Herr, ixt ja der Kutscher sie nach ihrer Wohnung gefahren hat? Segmüller fühlte, daß er durchschaut war. Ein nnvergleicl)!- licher Schauspieler, hatte Mai diesen Satz im Ton der aufrichtigsten Einfalt vorgebracht. Aber die Ironie war offenbar, und natürlich erlaubte ev sich diesen Spott nur, weil er wußte, daß er hon dieser Seite her nichts zu befürchten Hatte. Wen,n Sie konsequent sind, begann der RWeV wieder, so leugnen Sie auch den Beistand eines Komplizen, eines — Kameraden. Wozu leugnen, mein Herr', da Sie ja doch nichts von meinen Behauptungen glauben? Vor einem kurzen Augenblick bchnw- beiten Sie meinen Prinzipal, Mister Simpson, als imaginäre! Persönlichkeit, was soll ich also von diesem angeblichen Komplizen sagen? Oh, die Beamten, die ihn erfunden haben, machen ja eine famose Puppe daraus. Ohne Zweifel wird er nicht damit zufrieden sein, daß es ihnen das erstemal entwischt ist, und wird sich aus eigenem Antrieb noch einmal in ihre Klauen begeben. Diese Herren behaupten, er habe sich erst mit mir besprochen und hinterher mit der Wirtin. Wie hat er denn das angefangen? Demnach hat man ihn wohl, als! er ans meiner Zelle herausgelassenl war, mit der Alten zusammen eingcsperrt? Der Protokollführer Goguet schrieb und bewunderte! Das ist mal, dachte er, ein Bursche, der nicht auf dm Mund gefallen ist; der wird vor den Geschworenen keine Mvokatcnzunge nötig haben! Kürz und yut, fuhr Mai fort, was liegt denn eigentlich gegen mich vor? Ein Name, Lachenenr, der von einem Sterbenden gestammelt wurde, Fußspuren in dem schmelzenden Schnee, die Erklärung eines Droschkenkutschers, ein unbestimmter Verdacht hinsichtlich eines Betrunkenen! Das ist alles? — Das ist gar nichts! ~ Genug! unterbrach Richter Segmüller ihn. Ihre Sicherheit ist jetzt groß, aber Ihre Verwirrung vorhin war noch größer. Was war die Ursache dieser Verwirrung? Die Ursache! schrie der Mörder in einer Art Wut, die Ursache! Sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie mich fürchterlich, mitleidslos foltern, mich, den Unschuldigen, der mit Ihnen unc sein Leben kämpft? Seit so und so viel Stunden drehen Sie mich hin und her, ich liege sozusagen unter dem Fallbeil der Guillotine, und bei jedem Wort, das ich aussprvche, frage ich mich, ob nicht dadurch das Beil fallen wird. Meine Verwirrung überrascht Sie, und ich habe zwanzigmal das kalte Eisen an meinem Halse zu spüren vermeint! Hören Sie, eine solche qualvolle Strafe möchte ich meinem erbittertsten Feind nicht wünschen! Er litt augenscheinlich furchtbar, man sah cs an seinen von Schweiß feuchten Haaren, an den großen Tropfen, die ihm unaufhörlich über sein bleiches Gesicht rannen, und die er von Zeit zu Zeit mit seinem Rockärmel abwischte. Ich bin nicht Ihr Feind, sagte Segmüller freundlich; er hatte jedenfalls das letzte Wvrt des Mörders auf sich bezogen. Ein Untersuchungsrichter ist weder Freund noch Feind eines Angeklagten, er ist nur der Freund der Wahrheit und der Gesetze. Ich suche weder einen Unschuldigen, noch einen Schuldigen, aber ich will finden, tote die Sache sich verhält. Ich muß erfahren, wer Sie sind — und ich werde es erfahren. (Fortsetzung folgt.) Das kindliche Spiel. Bon A. E i in e r. Nachdruck verboten. In beit ersten Lebensjahren, also vor bet Schulzeit des Kindes, ist das Spiel der Hauptinhalt seiner Beschäfti- ßungen und seiner Gedanken. „Spiele sind wichtige Kiein.g- teiten," sagt Gutsmuths, und er faßt sie richtig ans. Viele Menschen finden das Kinderspiel eine müßige Zeitverschwen- bnng, eine Spielerei, die ganz ziel- und zwecklos ist. Sie, verstehen jedoch nicht die Seele des Kindes und wissen nicht, welchen Schaden sie ihr durch Verweigerung des Spieles Sen. Obgleich das kindliche Spiel größtenteils nur eins z ihmung der Tätigkeit der Erwachsenen ist, so ist es doch ein Beweis der Arbeitsfreudigkeit, die sich in dieser anmutigen Form äußert und nicht unterdrückt werden darf. Weil aber die Menschen jetzt so sehr auf den Erwerb bedacht sind, und nur das, was augenscheinlichen Nutzen bringt als richtig und gut anerkennen, so trüben sie durch allerlei Verbote und Gebote die goldene Jugendzeit. Darum können! viele Eltern die Zeit nicht erwarten, daß ihr Kind in dis Schule kommt, um hier den Ernst des Lebens schon kennen! zu lernen. Wie wertvoll das Spiel für ihr Kino ist, sehen! sie einfach nicht ein. Oder, wenn sie eine Ahnung davon! haben, verschließen sie sich dieser besseren Einsicht, nm ihren Erziehungsgrundsätzen nicht untreu zu werden. Indem das Kind das Tun und Treiben der Erwachsenen in seiner Weiss nachahmt, wächst es unmerklich aus seiner nur eingebildeten! Märchenwelt ins reale Dasein hinein. So gelangt es von! dem rein Aeußerlichen zu dem Kern der Sache und tut damit einen großen Schritt vorwärts. Das Mädchen bereitet sich durch das Spiel mit der Puppe, wie durch ihre Beschäftig $71. HUttg in der Puppenstube and Küche auf ihren Hausfrauen- berüf vor. Der kleine Knabe zeigt schon seine Neigung KU dieser oder jener Tätigkeit im Spiel an. — Im frühen Kindesalter genügt das allereinfachste Spielmateriast Pa- pierschnitzest Hölzchen, Steine, ein Ball, zur angenehmsten Unterhaltung, das ohne Gefährten die Zeit gut ausfüllt. Später erst zeigt sich der Hang zur Geselligkeit. Bei jedem Spiele treten die allerverschiedensten Eigenschaften des Kindes hervor, und der Beobachter sollte nrit Fleiß darauf merken, um Fehler und Tugenden zu unterscheiden. Wie die Spiele schon das Kind unbemerkter Weise in die Schule nehmen, so lehren sie auch den Erzieher Aufmerksamkeit. Wie das Kind eine Sache ansieht, so sucht es sie spielend darzustellen, indem es ymandert und formt, wie es ihm angebracht erscheint, und so wendet es seine Körper- und Geisteskräfte, gleicherweise an. Was aber angewandt wird, das erstarkt, und somit dient auch das Spiel zum Besten des ganzen Körpers. Der Wert des kindlichen Spieles darf in keiner . Art unterschätzt werden, denn nicht allein, daß dadurch, wie schon bemerkt, die guten und bösen Regungen und Neigungen zu Tage treten, also gefördert oder bekämpft werden können, sie dienen auch zur Stählung der Nerven, zur Anspannung des Mutes, zur Schärfung des Auges, zur Belebung der Phantasie, zur Kenntnisnahme der näheren und weiteren Umgebung, wie auch der Raturkräftc. Aus allen diesen Gründen leitet sich das Recht des Kindes auf das Spiel ab, welches ihm durch keine ungesunde Anschauung geraubt werden darf. Die LebensermnerunM der Lore Zuller. In den nächsten Tagen erscheinen im Buchhandel unter dem Titel: „Fünfzehn Jahre meines Lebens" die Memoiren der Lote Fuller. Während es allgemein bekannt sein dürfte, daß Lote Fuller den Serpentintanz kreiert hat, wissen nur wenige, das; die Tänzerin mit dem geschmeidigen Körper und dem pikanten Gesicht allch die Sada Pacco und die Hanako in Paris lanciert hat. An einer Stelle ihrer Memoiren erzählt Lote Fuller mit Humor, in welcher Weise sich die Einführung des Kawakami in Paris abspielte. fJni „Matin" ivird dieser Abschnitt des Memoirenwerks mitgeteilt: „Wer ist der Autor der Stücke, die Sada Yacco spielt?" fragte mich eines Tages ein bekannter Schriftsteller. „Kawa- kami, ihr Mann." „Richtig. Aber ich halte es für notwendig, daß er in die Gesellschaft der Autoren eingeführt wird." Und wir beschlossen seine Kandidatur. Am festgesetzten Tage führte ich ihn in die Socisto des anteurs ein. Ich war überrascht, und Kawakanii nicht minder, als er sah, daß die Herren des Komitees vollständig versammelt waren. Man führte uns in den Saal, in dem die Mitglieder um eine runde Tafel saßen. Sardon präsidierte, und empfing uns mit liebenswürdigen Worten. Er begrüßte Kawakanii als das erste literarische Bindeglied zwischen Frankreich und Japan. Er beglückwünschte Kawa- kami zu dein Mute, eine Truppe so weit von ihrem Heimatslande nach einer Stadt geführt zu haben, in der kein Mensch ein Wort Japanisch versteht. Er machte ihm Komplimente über Komplimente und nannte ihn „teurer Bruder". Dann schloß er. Nun entstand eine Pause, und ich'begriff, daß man von Kawakami eine Antwort erwartete. Aber dieser dachte nicht im entferntesten daran, das Wort zu ergreifen. Er blieb ruhig sitzen und betrachtete eingehend die Gesichter der Anwesenden. Ich fühlte die Notwendigkeit, daß etwas geschehen müsse. Irgendeiner mußte eingreifen, und ich übernahm, koste es, was es koste, diese Rolle. Ich wandte Wich zu Kawakami und fragte ihn mimisch: „Haben Sie verstanden?" Er schüttelte mit dem Kopfe. Da meinte Sardon: „Miß Fuller, übersetzen Sie ihm doch, was uh gesagt habe!" Nebcrsetzen. Das war gut gesagt, indessen es mußte sein. Ich nahm alle meine Kräfte zu- fammen und erklärte Kawakami auf Englisch, wovon er kein Wort verstand, daß Sardon ihm soeben du Hochachtung ausgedrückt habe, weil er ein japanischer Autor sei, weil er seine Truppe nach Paris gebracht habe, und daß die Gesellschaft der Autoren ihn mit Freuden empfange. Ich brückte alsdann Kaivakami mit der ganzen Kraft der Pantomime, deren ich fähig war, ans, daß er sich jetzt erheben und einige Worte auf Japanisch sagen müsse. Die Hauptsache bestand ja doch darin, daß diese Herren glaubten, ich hätte Sardous Worte übersetzt. Kawakami erhob sich auch sofort und hielt unter lebhaften Gesten und Gebärden eine Rede, die einen sehr ernsten Charakter zu haben schien. Kawakami ist nämlich ein bedeutender politischer Redner. Nachdem er geendet, betrachtete ihn alle Welt offenen Mundes mit Bewunderung. Keiner hatte ein Wort verstanden. Ich natürlich auch nicht. Es entstand eine peinliche Pause; dann fragte Sardon: „Was hat er gesagt, Miß Fuller?" Das war der Gipfelpunkt. Ich verstand ja ebensowenig Japanisch wie die anderen Herren hier. Dennoch fühlte ich eine gewisse Verantwortung dafür, daß die Sache nicht entgleiste, nahm meinen Mut in beide Hände, erhob mich und sprach. Ich versuchte das zu sagen, was auch Kawakami gesagt hätte, wenn er sich an meiner Stelle befunden, und tont mit Emphase und großen Worten auch glücklich ans Ziel. Bevor ich mich setzte, versicherte ich noch: „Das hat er gesagt, meine Herren!" Meine doppelte Rolle war damit vollendet. Es gab laute Bravos, und das Eis war gebrochen. Die Unterhaltung wurde allgemein und die Sitztlng endete mit einem großen Erfolge für Kawakami. Das Resultat war, daß Kawakami Sardous „Patrie" in Japan spielte und mit diesem Stücke einen ebenso großen Erfolg erzielte wie mit den Dramen Shakespeares, die er ebenfalls irach Japan verpflanzt hat." ,Jch hatte einen Aufsatz auf. Ich sah, wie ' ’ • ' Ich fing an zu arbeiten, aber VsfmischSss. * DaS größte Schulhau8 Deutschlands besitzt nach der „Berl. Volkszig." jetzt Ripdorf, das am Dienstag fein neues 72klassiges BoikSfchulgebände in der Boddinüraße einweihte und der Benutzung übergab. Das Schuihaus übertrifft das bisher größte deutsche Schulhaus, das in Box- Hagen-Rummelsbiirg, noch um zivei Klassen. Es stellt einen gewaltigen Gebäiidekomplep dar, der in der äußeren architektonischen Ausgestaltung der Baulichkeiten gefällig angeordnet und gegliedert ist. Die innere Einrichtung und Ausstattung sind zweckmäßig gehalten. Die Mauern der Korridore und die der einzelnen Schnlzimmer zieren künstlerische Wandbilder. Dazu ist das Riesenschulhaus mit allen modernen schultechnischen Errungenschaften, Brausebädern, Lerrazzo- fußböden, Zentralheizung nstv. verseheit. Der Bau hat 950 000 Mark gekostet und ist im Laufe von fünf Jahren errichtet worden. Erbauer ist der Ripdorser Stadtbaurat * Die Folgen der Faulheit. Ein Leser aus Hautburg schreibt der „Tgl. R.": Fritzcheu, das hoffmingsvolle Solm- cheu eines meiner Bekannten, hat einen Austatz sich die Schule machen sollen. Aber die Luft zum Spiel war swrker als der Trieb zur Arbeit, und so legt er abends dem tmtci eine »Mett tooi, in der es von Fehlern und Nüchügleiten erschrecklich wimmelt. Fritzchen bekommt des BateiK Hand zu spüren, und als Ergänzung der Strafe muß er hem Baier einen Aufsatz schreiben iiber das Thema: Die Folge,t der Faulheit nu, spateren Leben. Fr'tzckpm geht reuevoll in sich und bringt unter Tränen und Scham lochende Niederschrift fertig: „Ich Ijntte einen Aufsatz auf. ^ck) sah, ttne mein Bruder fleißig arbeitete. Ich fing an auitten,