samstag den 26. ZepLemher ■Bf 1908 — Nr. \5\ » Herr Lecoq. Kriminal-Roman von ®. Gabvria u. Nachdruck verboten, (Fortsetzung.) Donnerlitzchen! murmelte er, die eine von den Frauenzimmern hat einen netten kleinen Fuß aufzuweisen! Er hatte recht. Die eine der beiden Spuren verriet einen niedlichen koketten schmalen Fuß, in elegantem Halbstiefelchen, mit hohen Msätzen und feinen Sohlen, die andere dagegen einen dicken kurzen, vorne breiter werdenden Fuß in sehr plattem, derbem Schuh. Dieser Umstand wollte wenig bedeuten: trotzdem genügte er, Lecoq alle seine Hoffnungen wiederzugebcn. Mit klopfendem Herzen kroch er einen Meter weiter vor, um andere Spuren zu untersuchen, beugte sich darüber und ließ sofort einen Ausruf hören. Was gibts? fragte lebhaft der Alte. Was hast du gesehen? Sehen Sie selber, Papa! Ta! Papa Absinth bückte sich und seine Ueberraschung war so stark, daß er beinahe die Laterne hätte fallen lassen. Oh! rief er mit erstickter Stimme. Ein Männerfuß! Stimmt! Und der Kerl hatte tüchtige Stiefel an. Was für eine Spur! Wie sauber, wie deutlich! Man kann die Nägel Köhlen. Ter würdige alte Absinth kratzte sich wütend hinter dein Ohr; das war so seine Art, seine trage Einbildungskraft an- Kustacheln. Aber wie mir scheint, brachte er endlich heraus, kam dieses Individuum nicht von der Unglückskneipe her? Tas will ich nieinen ... die Richtung des Fußes spricht klar genug. Nein, er kam nicht von da her, sondern er ging dorthin. Er ist jedoch nicht weiter gekommen, als bis zum Fleck wo wir stehen. Er kam auf den Fußspitzen heran, reckte den Hals aus, spitzte die Ohren, da hörte er plötzlich Lärm, kriegt Angst, läuft weg. Oder auch, mein Junge, die Weiber kamen gerade herausgelaufen, als er ankam, und da . . . Nein, die Frauen waren schon außerhalb des Gartens, als er in diesen hineinging. ( Tiefe Behauptung schien dem braven Alten denn doch zu kühn und er sagte: Na, na! Tas kann man doch nicht wissen. Ich weiß es aber und sogar ganz bestimmt. Sie zweifeln, Papa! ... Ja, Ihre Augen werden eben alt. Kommen Sie ein bißchen näher heran mit Ihrer Laterne und Sie können sehen, daß hier — ja, ganz recht, da wo Sic mit dem Finger sind — der Mann seinen großen Stiefel gerade auf eine von den Spuren der Fran mit dem kleinen gesetzt und sie zu drei Vierteln ausgetreten hat. Gegen diesen unwiderleglichen Tatbestand konnte der alte Polizist nichts sagen. Nun fragt es sich, fuhr Lecoq fort, sind diese Schritte wirklich vonr Komplizen, auf den der Mörder wartete? Könnten sie nicht von irgend einem Vagabunden sein, der etwa durch die Schüsse herangelockt war? . . . Das müssen wir yerausbringcN — und wir werden es herausbringen! Kommen Sie! Ein Zaun von schräg über Kreuz genagelten Latten trennte das Gärtchen der Witwe Chupin vonr freieir Felde. Als Lecoq um das Haus herumgelaufen war, um dem Mörder den Weg abzuschneiden, war er auf diesen Zaun gestoßen und hinübergeklettert, um nicht zu spät zu kommen; er hatte sich nicht darum' bekümmert, ob ein Zugang vorhanden wäre. Aber es gab einen. Eine leichte Lattentür erlaubte aus- rnrd einzugehen und gerade auf diese Tür zu führten die Fußspuren, denen die beiden Polizisten folgten. Dies mußte dem jungen Beamten auffallcn; er blieb plötzlich stehen und flüsterte vor sich hin: Oho! die beiden Frauen kamen heute abend nicht zum erstenmal in die „Pfefferbüchse"! Glaubst du, mein Junge? fragte der alte Absinth. Ich möchte es beinahe behaupten. Wie kann man eine Ahnung von diesem Ausgang haben, trenn inan nicht in der Spelunke Bescheid weiß? Kann man ihn wohl in dieser dunkeln Nacht, bei dem dichten. Nebel sehen? Nein! Denn ich, der ich, ohne mich rühmen zu wollen gute, Augen habe, ich habe ihn nicht gesehen. Ja, das stimmt! Die beiden Frauen aber sind ohne Zaudern, ohne herumtappen zu müssen, in gerader Linie darauf losgelaufen; noch dazu haben sie den Garten in schräger Richtung durcheilen müssen. Ter Veteran hätte viel darum gegeben, wenn er gegen diese Bemerkung einen Eintvand hätte machen können; aber leider fand er keinen. Tn hast, meiner Seel, eine eigene Art des Borgehens, knurrte er. Tn bist bloß ein Rekrut, ich bin ein alter Praktikus, ich habe in meinem Leben mehr Untersuchungen initgeulacht als du Jahre zählst, und niemals habe ich gesehen. . . Bah! unterbrach Lecoq ihn, Sie tverden noch ganz was anderes sehen. Ich kann Ihnen zum Beispiel gleich verraten, daß, im Gegensatz zu den Frauen, die genau die Lage der kleinen Tür kannten, der Mann nur voin Hörensagen davon Bescheid wußte. Na, na! Tas laßt sich beweisen, Papa! Betrachten Sie mal genau die Fußtapfen des Kerls; Sie sind ja schlau genug und werden sofort erkennen, daß er einen teufelsmäßigen Umweg gemacht hat. Er war seiner Sache so wenig sicher, daß er mit vorgestreckten Händen nach der Pforte tasten mußte . . . mtb seine Finger haben auf der dünnen Schneeschicht, die den Zaun bedeckt, Spuren hinterlassen. Ter gute Absinth hätte für sein Leben gern selbst danach gesehen, und er sprach auch davon, aber Lecoq hatte es eilig und sagte: Vorwärts, vorwärts! Ein andermal können Sie sich von der Richtigkeit meiner Behauptungen überzeugen. Sie verließen also das Gärtchen und folgten den Spuren, die in der Richtung auf die äußeren Boulevards, jedoch ein wenig rechts ab, nach der Rue du Patah zu liefen, Sitz brauchte^ 602 nicht mehr so angestrengt auszupassen; niemand außer den Fliehen- den hatte seit dem letzten Schneefall diese öden Felder betreten. Ein Kind hätte den Spuren folgen können, so klar und deutlich waren sie. Vier scharf unterschiedene Spuren liefen nebeneinander her; zwei rührten von den Frauen her, die beiden anderen von dem Mann, der einmal hin- und einmal zurückgegangen war. Mehrere Male hatte dieser seinen Fuß auf die Spuren der beiden Weiber gesetzt; cs ließ sich also der genaue Zeitpunkt fcstsetzen, wann er, spionierend, an die „Pfefferbüchse" herangekommen war. Ungefähr hundert Schritte vom Hause entfernt, packte Lecoq plötzlich scinen Gefährten am Arm und befahl: Halt! wir kommen gleich an die richtige Stelle; ich wittere bestimmte Indizien! Tiefe Stelle war ein verlassener Fabrikschuppen, der einem Bauunternehmer als Lager für seine Materialien diente; es waren vor dem Schuppen eine große Menge teils behauener, teils rohe Steinblöcke und viele grob zugehäuene Balken aufgestapelt. Vor einem dieser Balken, von dessen Oberfläche der Schnee abgewischt war, liefen alle Fußspuren zusammen und gingen ineinander über. Hier, sprach der junge Polizist, haben unsere Flüchtlinge den Mann getroffen und mit ihm Rat gehalten. Eine von ihnen, und zwar die mit dem kleinen Fuß, hat sich hingesetzt. Davon müssen wir uns noch erst näher überzeugen, sagte der alte Absinth, wichtig tuend. Aber sein Kamerad kümmerte sich nicht um seine Rede, sondern sagte: Hören Sie, Alter, Sie werden mir die Freundlichkeit erweisen, vollkonimen ruhig stehen zu bleiben, geben Sie mir die Laterne und rühren Sie sich nicht. Lccoqs vorher so bescheidener Ton war plötzlich so gebieterisch geworden, daß der wackere Schutzmann nicht zu widersprechen wagte. Wie der Soldat beim Kvmmando: „Still- gestanden!" nahm er die Hacken zusammen und blieb unbeweglich und stumnl stehen, mit neugierigen und verdutzten Blicken den Bewegungen seines Kollegen folgend. Ter junge Polizist ließ den Strahl der Laterne nach jeder gewünschten Richtung spielen und untersuchte die Umgebungen ihres Standortes in einem ziemlich ausgedehnten Umkreis. Wie ein Spürhund, der eine verlorene Fährte sucht, ging er hin und her, drehte sich um, trat zur Seite, lief anscheinend zwecklos herum; er klopfte, kratzte an dem Erdboden, den Hölzern, den Steinen; er untersuchte sogar die kleinsten Gegenstände; zuweilen stand er, meist aber kniete er, zuweilen lag er platt auf dem Bauch, das Gesicht so nahe am Boden, daß unter seinem heißen Atem der Schnee schmolz. Er hatte einen Maßstab aus der Tasche 'gezogen und handhabte diesen wie der geschickteste Feldmesser; ermaß, maß'und maß! Und alle diese Bewegungen begleitete er mit seltsamsten Gesten, als wäre er nicht bei Sinnen; bald fluchte er ärgerlich, bald lachte er kurz auf, als wenn ihm etwas Vergnügen machte. Endlich, nachdem er eine Viertelstunde lang sich in so seltsamer Art herumgetummelt hatte, kam er zum alten Absinth zurück, setzte seine Laterne auf den Balken, trocknete sich die Hände am Taschentuch ab und sagte: Jetzt weiß ich alles! Oh, das ist vielleicht ein bißchen zu viel . . . Wenn ich sage „alles", so meine ich damit alles, was sich auf diese Episode des bei der Witwe Chupin vorgefallcnen blutigen Dramas bezieht. Dieses schneebedeckte freie Feld ist wie ein großes weißes Blatt, worauf die von uns gesuchten Leute nicht nur ihre Bewegungen und Handlungen ausgeschrieben haben, sondern sogar ihre geheimen Gedanken, ihre Hoffnungen und die quälende Angst, von der sie getrieben wurden. Was sagen Ihnen, Papa, diese flüchtigen Spuren? Für mich sind sic lebendig wie die Menschen, von denen sie herrühren; sie sind beseelt, sie sprechen, sie klagen an! Der alte Schutzmann sagte still für sich: Der Junge ist ganz gewiß intelligent und tüchtig; aber er ist übergeschnappt. Ich habe also folgenden Hergang daraus gelesen, fuhr Lecoq fort. Während der Mörder sich mit den beiden Frauen in die „Pfefferbüchse" begab, ging fein Kamerad, den ich seinen Komplizen nennen will, an diesen Ort, um auf ihn zu warten. Ter Komplize ist ein Mann in mittleren Jahren, von großer Figur ■— wenigstens 180 Zentimeter hoch; er hat auf dem Kopf eine weiche Mütze, trägt einen dunkelbraunen Paletot von flockigem Tuch und ist wahrscheinlich verheiratet, denn er trägt einen Ehering nm kleinen Finger der rechten Hand. Wilde Gebärden seines alten Kollegen zwangen ihn inne- zuhalten. Tiefe Personalbeschreibung eines Menschen, von bent man nur wisse, daß er existierte, diese genauen Einzelheiten, die in einem Ton völliger Zuversicht vorgetragen wurden, warfep des alten Absinths Gedanken gänzlich über den Haufen und machten ihn abernrals völlig verblüfft. Das ist nicht nett, knurrte er, nein, das ist nicht anständig! Tu sprichst mir von Gratifikation, ich nehme die Sache ernst, ich höre auf dich, gehorche dir in allem, und du machst dich über mich lustig! Wir finden was, nud anstatt der Sache nachzu- 0eilen, hältst du dich damit auf, dummes Gerede zu machen. 95ein, antwortete der junge Polizist; ich spaße nicht und habe Ihnen noch nichts gesagt, wofür ich nicht tatsächliche Gewißheit habe, nichts als die strenge unbestreitbare Wahrheit. Und du verlangst, ich soll glauben--. Haben Sie keine Angst, Papa, ich werde Ihren Ueberzengungen nicht zu nahe treten. Wenn ich Ihnen meine Untersuchungsmethode erklärt habe, tverden Sie über die Einfachheit des Ihnen jetzt unbegreiflich Erscheinenden lachen. Meinetwegen denn! sagte der Biedermann in resigniertem Ton. Wir standen, mein lieber Altor, bei dem Augenblick, wo der Komplize hier auf Wache stand und ihm die Zeit lang tvurde. In seiner Ungeduld ging er fortwährend die hundert Schritte vor diesem Holzschuppen auf und ab; zuweilen unterbrach er dieses eintönige Hin und Her, um zu lauschen. Ta er nichts hörte, stampfte er mit dem Fuß auf; ohne Zweifel sagte er zu sich selber: „Was zum Teufel macht denn der andere da drüben?" Er war ungefähr dreißigmal auf und ab gegangen — ich hab's gezählt — als plötzlich ein dumpfes Geräusch die Stille unterbrach: die beiden Frauen kamen angelaufen. Bei dieser Erzählung Lecoqs kreuzten sich alle Gefühle, die ein Kind beim Anhören eines Märchens empfindet: Zweifel, Glaube, Bangigkeit, Hoffnung in des alten Absinths Gehirn. Was sollte er glauben und was nicht? Er wußte cs uicht. Wie sollte er das Wahre vom Falschen unterscheiden, da jede einzelne Behauptung mit gleicher Bestimmtheit vorgetragen tvurde? Andererseits konnte bei dem sicherlich ungeheuchelten Ernst des jungen Polizisten der Gedanke an einen schlechten Witz nicht aufkommen. Schließlich getvamr die Neugier die Neberhaud und er sagte: Na, dann sind wir also jetzt bei den Frauen. _ Mein Gott ja! antwortete Lecoq. Hier jedoch hört die Gewißheit auf; es sind keine Beweise mehr vorhanden, sondern; nur noch Mutmaßungen. Ich habe allen Anlaß zu glauben, daß unsere Flüchtlinge das Schankzimmer gleich beim Beginn der Rauferei verlassen haben, noch ehe das Geschrei erscholl, auf welches hin tvir herbeieilten. Wer sind sic? Darüber kann ich nur Vermutungen haben. Ich möchte aber annehmcn, daß sie nicht von gleichem Stande sind; ich denke, die eine ist die Herrin und die andere die Dienerin. Allerdings, warf der Alte dazwischen, die Verschiedenheit ihrer Füße und des Schnhzeugs ist sehr ausfallend. Diese sinnreiche Bemcrkimg entlockte dem jungen Polizisten ein Lächeln. Diese Verschiedenheit, fuhr er sodann ernst fort, ist allerdings cttvas, aber nicht daraufhin habe ich mir meine Meinung gebildet. Wenn der gesellschaftliche Rang von der mehr oder minder großen Vollkommenheit der Hände und Füße abhinge, so müßten viele Herrinnen eigentlich Dienerinnen fein. Nein, mich brachte eine anders Beobachtung auf biefen Gedanken: Als die beiden armen Frauen entsetzt aus dem Hause der Chupin heransstürzcn, gewinnt die Fran mit dem kleinen Fuß mit einem Sprunge beit Garten, sie rennt davon, sie reißt die andere mit fort, sie eilt ihr voraus. Das Grauenvolle ihrer Sage an einem so verruchten Ort, die Augst vor einem Skandal, der Gedanke, daß fie ihren Ruf retten muß, dies alles verleiht ihr eine wunderbare Energie. Aber, wie cs zarten und nervösen Frauen immer geht, ihre Kraft hält nur für wenige Sekunden vor. Sie hat noch nicht die Hälfte des Weges von der „Pfefferbüchse" bis zu dieser Stelle hier zurückgelegt, da wird ihr Lauf schon langsamer, ihre Beins brechen unter ihr zusammen. Zehn Schritte weiter hin schwankt sie und strauchelt. Noch einige Schritte weiter, und sie sinkt nieder, so daß ihre Röcke den Schnee berühren und auf demselben' eine leichte kreisförmige Spur hinterlassen. In diesem Augenblick holt die J-rau mit den breiten Schuhen sie ein. Sie faßt ihre Begleiterin um die Hüften, stützt sie — ihre Fußspuren! vermischen sich — bann, da sie sieht, daß sie wirklich ohn- mächtig wird, hebt sie sie auf ihre kräftigen Arme und trägt sie und die Fußtapsen der Fran mit dem kleinen Fuß hören auf. (Forlfetzuug folgt.) 603 EmköMssst. Novellette von Clara Aulepp-StübS. (Nachdruck verboten.) In Ober-Holdorf rauschten die Sensen durchs Korn und die Halme fielen in langen Schwaden, lieber Inspektor Königs Gesicht aber legte sich ein Zug von Nachdenklichkeit, wenn er die Felder sah und dabei an seine Herrschaft dachte. Wie? Die junge Fran Baronin reiste in der Welt herum tind kam möglicherweise nicht einmal zum Erntefest? — Das mochte bei den großen Damen jetzt wohl so Mode sein, aber er, der Inspektor König, fand diese Mode sehr wenig nett. Geradezu greulich eber sand er den mit modernstem Kunstgeschmack eingerichteten, blaßblauen Salon der jungen Baronin. Als er den Salon gesehen hatte, da führte der Inspektor despektierliche Reden, zu bettelt seine liebe Freundin, die Wirtschafterin, Frau Peißel, nur lachte. „Ja — was wollen Sie? Die junge Frau Baronin ist eben ein feiner Luxusgegeustand und kann sich nicht nm Milchwirtschaft und Federvieh bekümmern," sagte sie. „Na — da möcht' ich bloß wissen, was sie den ganzen Tag wohl tut," brummte der Inspektor. „Nichts," war die lakonische Antwort der Peißel, die dabei mit einem verlangenden Seufzer an die schönen, neuen Bücher aus dem bronzebeschlagenen, weißlackierien Lesetischchen der jungen Baronin dachte. Gott, sie las für ihr Leben gern Romane! Das blieb aber vor aller Welt ein tiefes Geheimnis, denn sie gehörte zu jenen, die das Lesen belletristischer Schriften als absolute Zeitversäumnis betrachten. „Die gnädige Frau Baronin iveiß noch nicht recht, was sie will," sagte König eines Tages unwirsch. „Eine junge Frau gehört doch ins Haus und zu ihrem Mann. Der Herr sieht so schon aus, als ob ihm etwas passiert sei," setzte er leiser hinzu. „Hm — er wird sich nach ihr sehnen!" „Kein Wunder — in Afrika hat er ja die Frau lange genug entbehren müssen." Axel von Holdorf sah auf die schon teilweise abge- ernteten Felder hinaus. Drüben, den Horizont grenzte ein Fichtenwald ab, der sich meilenweit erstreckte. Und dort, wo die Lichtung mit den Feldern zusammenschlug, hatte man mit dem letzten Schnitt begonnen. Die blitzenden Sensen sunkelten in der Sonne, Und auf den braunen Gesichtern der Schnitter perlte der Schweiß, aber unermüdlich fuhren sie in ihrer Arbeit fort, so daß die Mädchen und Frauen, die die Garben zusammenbauden, ihuett kaum folgen konnten. Aber Lust und Fröhlichkeit herrschten da draußen, Trübsinn und düsteres Sinnen dagegen drinnen im Herrenschloß, das so still dalag, als sei es unbewohnt. Das lichte, schöne Gartenzimmer, die prächtigen Salons, das trauliche Gemach der jungen Schloßfrau — alles war schon seit Wochen verschlossen. Damals, als Irma sich nur wenige Tage von ihrem Gatten trennte, nm den kränkelnden Vater mit ihrem Besuch zu erfreuen, war es immer, als entströme ihren täglich. eintreffendeti Briesen eine Duftwoge von Liebe und Sehnsucht. Und jetzt? Fremd klangen ihre Worte hinein in ein heißes Mannesherz. Die junge Frau vertröstete den unruhig Wartenden von Tag zu Tag. Sie hatte Unpäßlichkeit vorgeschoben und suchte offenbar immer denselben Vorwand, um noch länger fernbleiben zu können. Axel von Holdorf fühlte sich niedergedrückt; tote eine finstere Wolke lag es über seiner Seele und eine Verstimmung hatte ihn ergriffen, die er nicht loswerden konnte. Irma toeilte in Berlin. Ihm war, als ob ihr Fernbleiben mit einer geheimen Hetze zusammenhinge, die ihm kurz vor seiner Berhei- ratting, einige Zeit nach seiner Rückkehr aus Afrika, schon böse Stundeit gemacht, und plötzlich packte ihn eine fieberhafte Unruhe. Er hatte ja keinerlei Anhalt, aber er fühlte, daß die Kälte seines jungen Weibes nicht auf einer harmlosen Ursache beruhte. Er trat eines Mittags beim Inspektor König ein. Der schaute überrascht auf. „Herr Baron?" „Ich reife nach Berlin, lieber König." „Aber —" Der Inspektor sah feinen Herrn verdutzt au und bemerkte einen düsteren Ausdruck in seinen Angen. »Und zum Erntedankfest?" „Bin ich natürlich wieder zurück. Das heißt — ein unglücklicher Zufall könnte es vielleicht fügen--doch nein — wozu jetzt darüber reden." Er reichte dem Inspektor freundlich die Hand, die dieser mit beiden Händen warm umfaßte. „Ich erschrak bis ins Herz hinein," sagte er später zu der Wirtschafterin, „der Baron sah so sonderbar aus, so ähnlich wie damals, als er sich auf Pistolen duellierte. Na, da ging alles noch gut ab, aber wenn's jetzt dazu kommen sollte, daun — toer weiß —" „Ach Gott, ach Gott, du möchte man ja gleich blutige Tränen weilten," meinte die erschrockene Fran Peißel. Ein Sonntagmorgen brach herrlich an, aber Irmas Eltern hatten heute keinen Sinn für die Schönheit desselben. Im Frühstückszimmer saß die Mutter allein.. Sie machte sich bittere Vorwürfe, ihrer Tochter zu diesem Be- stiche in Berlin zugeredet zu haben. Sie hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Irma erfahren könnte, was man sich noch immer über ihren Mann zuraunte. Daß dieser Klatsch auch gar teilt Ende nehmen wollte! Es War kurz vor der Abreise der jungen Frau gewesen und sie sah, wie sehr sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Gatten freute. Da war Irma von einem Ausgang zurückgekommen. „Was würdest dn vazu sagen, Ma, wenn ich noch ein Weilchen hierbleiben möchte?" „Ja — aber, Kind — dein Mann —" „Ach — der wird sich nicht langweilen —" Dann — in der Nacht, hatte sie die junge Frau stundenlang über sich schluchzen zu hören gemeint, aber als sie erschrocken aufgestanden war und an ihre Tür geschlichen, war alles still gewesen und auf ihre besorgte Frage, ob der Tochter etwas fehle, kam keine Antwort. Am Morgen lag Irma mit fieberheißem Kopf int Bett und klagte über große Schmerzen. Der Arzt kam und sehr ernste Ständen folgten. Und jetzt ganz tränenlos, ertrug sie die junge Frau tapfer. Aber immer hatte sie ein herbes „Nein", wenn die Mutter von einer Mitteilung an ihren Mann sprach. „Er soll nicht kommen — nein, er soll nicht —" Und nach wenigen Tagen schon zivang sie sich zu einem kurzen Brief, dem sie in regelmäßigen Pausen noch mehrere folgen ließ. Und das waren die Briefe, die Axel von Holdorf so nervös und unruhig machten. Einmal entschlossen, reifte er noch mit dem Abendzug nach Berlin. Er sollte die Erfahrung machen, daß dort eine neue Sorge seiner wartete. Die peinigte ihn mit fürchterlichen Vorstellungen von Innas Leiden. Er setzte sich au ihr Bett und nahm zärtlich ihre Hände in die seinen. „Was macht mein Liebling mir denn für Geschichten hier?" Zuerst sah Irma müde an dem Gatten vorbei, aber dann lagen die größer gewordenen Augen plötzlich in stummem, seltsamen Forschen auf des Mannes Zügen, und es war, als trete ihr eine Frage auf die blasser gewordenen Lippen. Aber sie sprach sie nicht ans, sprach überhaupt kaum. Das peinigte Holdorf unsäglich. Fast zaghaft sagte er nach einigen Tagen zu seinem Weibe: „Nun fahren wir aber bald nach Hans, da ist es jetzt herrlich und mein Lieb erholt sich dort rascher." Ein zartes Rot huschte flüchtig über Irmas schmal gewordenes Gesicht, sie zerrte mit niedergeschlagenen Augen nervös au den blauen Schleifen, die den weißen Spitzenkragen abschlosseu. „Ach — der Doktor meint, ich könnte mit den Eltern an die See reifen —" Die Fran sah nicht den wehen Zug int Antlitz des Mannes. Schwer lehnte er am Fenster und starrte auf die Straße hinaus. Tiefe Bitterkeit überflutete sein Herz. Also über ihn hinweg hatte sie schon Bestimmungen getroffen — ihn einfach beiseite geschoben wie etwas lieber» flüssiges. - Einen Augenblick stand er fassungslos, dann wandte er sich langsam und sah ruhig in das nun wieder mit einer matten Blässe überzogene Gesicht seines Weibes. Seine Stimme klang ganz leise: „Warum willst du nicht mit mir gehen, Irma? Kann es denn etwas in der Welt geben, was uns trennt, sprich!" „Ja — hier," sagte die junge Frau, öffnete mit zitternden Avaeru eins Att Schmuckkafsette, die auf bem 604 Nachttischchen stand und warf ein zerknittertes Papier auf die seidene Decke, die sie umhüllte. „Hier — und dann noch — dann noch —" „Ebensolche Schäudlichkeiten! Ja, natürlich, Schänd- lichkeiten, wohin man sieht! Klatsch, Verleumdung! Und daß mein Weib daran glaubt, höchst ehrenvoll für mich!" Die junge Frau sah scheu auf den Aufgeregten. Sie sah die durchfurchte Stirn, sah, wie seine Hände bebten und fragte endlich mit verhaltenem Atem: „Ja — ist es denn nicht wahr, was da steht?" „Nein," erwiderte Holdorf heftig. Dann langsamer, gequält: „Und doch — manches vielleicht — aber nicht so — nicht so — —" Er warf den zerknüllten Brief verächtlich auf den Boden. Nur einen einzigen Blick hatte er hinein getan. Irma aber zuckte zusammen. O — soeben hatte sie wieder an ihn glauben wollen — und nun konnte sie es doch nicht. Sie legte den Kopf zurück und weinte. Da setzte sich Axel von Holdorf zu ihr und wieder klang seine Stimme ganz leise, aber sie war dunkel von Schmerz und Zorn: „Irma — willst du dich um solcher Nichtigkeit willen von mir trennen? Nun gut — dann sollst du aber zum wenigsten wissen, wie meine Liebe zu dir ist! Nrm — sie würde niemals auch nur um ein Atom geringer werden, wenn feige schleichendes Spiel widersinnigsten Klatsches mein Ohr berühren würde. Und wenn du gesteinigt lägest :— nichts könnte mich von dir trennen — nichts im weiten All!" Der Mann schwieg, fast erschöpft von der eigenen Erregung. Die Frau lag regungslos. Eine Stille war in dem Raum, als halte selbst das Schicksal den Atem an. Dann ein Tom Ist es ein Wehefchrei oder ein Jauchzen? ^Äxel!" „Irma!" Der Mann kniete vor dem Bett seines Weibes und ihr Kopf lehnte an seiner Brust. Zwei Wochen später wurde in Ober-Holdorf das Erntedankfest gefeiert und Inspektor König schmunzelte sehr vergnügt, wenn er auf seine Herrschaft sah. Freilich, die junge Frau Baronin sah recht blaß aus nach ihrer Krankheit, aber — die sollte hier schon ihre roten Backen wieder- kriegen. — Ja, der Herr Inspektor war vor lauter Seligkeit heute sogar in der Kirche gewesen und hatte dem lieben Rott sein Danklied gesungen. Das ging ihm nun, trotz allen Festlärms, den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf und des Abends, bevor die Leute auseinandergingen und die Herrschaft längst im Schloß weilte, machte er erst merkwürdig taktmäßige Bewegungen mit beiden Armen und plötzlich sang er mit dröhnender Stimme. Die Leute fielen ein und „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren" stieg es zum dunklen Himmel empor, und drüben im alten Herrenschloß sangen zwei Menschen aus vollem Herzen mit — Glückliche — denen das schöne, reiche Leben aufs neue die Adern schwellte. NsVMZschSs». * Kakteen ohne Dorne n. Wir lesen im Stuttgarter „Neuen Tageblatt": Luther Burbank, der berühmte „Pflanzenzauberer" von Kalifornien, hat jetzt das Ziel langjähriger stiller Arbeit erreicht; es ist ihm gelungen, Kakteen ohne Dornen zu züchten, und die Früchte erweisen sich dabei überraschend wohlschmeckend. Dieser Erfolg des amerikanischen Züchters ist von unabsehbarer Tragweite; fast ein Viertel des gewaltigen Gebietes der Vereinigten Staaten, von Texas bis hinauf nach Kalifornien, bringt in gewaltigen Mengen Kakteen hervor und selbst die schauerlichen Einöden der weiten trockenen Staked Plain", in denen so viele verirrte Reisende verschmachteten und eines elenden Todes starben, find streckenweise mit ganzen Kaktuswäldern bedeckt. Tausende von Meilen weit erstreckt sich das Gebiet dieser Pflanze, von der ungezählte Abarten existieren, die aber bis heute noch unausgenützt bleiben mußten, weil es nie gelingen wollte, die saftige Pflanze rhres schützenden Stachelkleides zu berauben. Schon oft ist das Problem erörtert worden, die großen natürlichen Kakteenwälder auf irgend eine Weise nutzbar §it machen, und erft vor wenigen Jahren entsandte die amerikanische Regierung einen Sachverständigen, David Griffiths, der an Ort und Stelle die Chancen einer Kaktusausnützung erwägen sollte. Denn die Farmer des Südens hatten längst erkannt, daß der Kaktus für das Vieh ein außerordentlich gutes Futter darstellen würde, wenn es gelänge, ihn seiner Stacheln zu entkleiden; es existieren auch bereits Hackmaschinen, die die Pflanze in kleine Stücke zerteilen. Dies Futter wird von dem Vieh, mit Vorliebe genommen, allein nicht selten richten die in her Masse enthaltenen Stacheln doch noch Verheerungen an, so daß man schließlich von der Fortsetzung dieses Experimentes absah. Trotzdem hat mancher Viehzüchter des Südens nur denk Kaktus es zu danken, wenn es ihm gelungen ist, in Jahren der Trockenheit durch die saftige Pflanze seinen Viehstand zu erhalten und bis zur Regenzeit hinüberzuretten. Der oben erwähnte Sachverständige der Regierung hat übrigens darauf hingewiesen, daß einige Abarten mexikan. Kakteen geradezu eine Delikatesse sind und als erfrischendes Obst von delikatem Aroma von den mexikan. Gutsbesitzern schon heute genossen wird. Auch zu Gelees und Fruchtmarmeladen kann der Kaktus verwendet werden; die Mexikaner, essen die jungen Schößlinge als Gemüse oder verarbeiten sie zu Pickles, andere Kaktusarten werden zu Süßwaren verarbeitet und gelten gezuckert als eine Delikatesse. Außerdem wird die kleine nußähnliche Frucht, die unmittelbar in der Blüte sich bildet, schon heute in den Vereinigten Staaten als ein schmackhafter Zusatz zu Salaten hoch geschätzt und sehr teuer bezahlt. Der glückliche Erfolg der Bnrbankschen Züch- tungsversnche eröffnet mit einem Schlage die Aussicht, diese üppig wachsende Pflanze auszunutzen imb die gewaltigen: Gebiete in Texas einer geregelten Kaktuskültur zu erschließen, jene großen weiten sandigen Wüsteneien, die bislang als ödes Brachfeld unbenutzt dalagen, da keine Pflanze hier die nötige Nahrung findet, um §it leben und sich zu entfalten, keine Pflanze als der Kaktus, der bis in das Herz der Wüste vordringend, hier bis zu gewaltiger Größe sich entfaltet und unabsehbare Hecken, Wälder und Büsche bildet. Literatur. — Dr. Julius Kapp: Frank Wedekind. Verlag von Hermann Barsdori, Berlin W. 80. — Frank Wedekind hat sich nach jahrelangem heftigem Kamps doch seinen Platz in der deutschen Literatur zu erobern gewußt, die Aufführung seiner die größten Geheimnisse der Menschheit behandelnden Werke sind Taten und Ereignisse in der Theatergeschichte geworden. Merkwürdig und seltsan:: Ihm, der sich mit redlichem Ernst und bemerkens- wertem Mut auf ein Gebiet gewagt hatte, das seither nur von leichtherzigen Schwankdichtern zu srivolen Späßeu bearbeitet worden war, ihm untersagte man die Aufsührung seiner Werke lange Zeit, obwohl die unartigsten Schwänke unbeanstandet blieben. — Kapp hat cs nun mit gutem Erfolg lmternoinmen, eine zu- sammenfassende Würdigung' de? Vielnmstrittcuen zu geben, die durchaus sachlich sämtliche Werke des Dichters ausführlich und verständnisvoll erläutert, ohne schnlmeisterlich zu werden. Tie an- genehine Ansdrricksweise des Verfasser? und die Uebersichtlichkeit des Merkchens, das anch auf die von Wedekind behandelten Zeitsragen eingeht, ist noch besonders zu erwähnen. K. N. An- und Einsichten. Der Erwerb soll dem Menschen nur insoiveit Zweck sein, als er Mittel zur Erfüllung höherer Zwecke wird, Mittel kür Gesundheit mib Arbeitskraft, für Genuß imb Macht, für Bilbung und Wohltätigkeit. v. Sybel. Jeder große Fortschritt der Menschheit beginnt mit dein Zweifel und zeigt sich in einem Protest gegen überlieferten Dogmatismus. Schmoller. Denn das glaub ich lest: ein Weib ist das Mächtigste aus Erden, und in seiner Hand liegt es, einen Mann dahin zu leiten, wo Gott der Herr ihn haben will. Ibsen. Rätsel. Mit B ein gefährliches Tier; Mit Dr ein ungesährliches gefährliches Tier; Mit L ein ungefährliches Wasser; Mit M eine gefährliche Veranstaltung; Mit R eine gefährliche Sache; Mit S das ist so eine — nicht ungesährlich; Mit W eine Anstalt gegen Gefahr. -g. Auslösung in nächster Nummer: Auflösung der Charade in voriger Nummer: Trost, Rost, Ost. Redaktion; E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleindruckerei, R. Lange, Gießen.