Mittwoch den 26. Februar u: |908 — Nr. 32 SS^W SW WAtD DW KelmuLH von Lovsen, Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Erst jetzt schien seine Zuhörerin von iximi, was er sagte, wirklich gefaßt zu werben. Bisher hatte fie nur so hingehört wie auf etwas ganz Fremdes und Unwirkliches. Jetzt war sie ganz Aufmerken und in ihren Augen ein Fragen und Wundern und eine schmerzliche Betroffenheit. „Sie malen diesen Charakter mit schrecklicher Genauigkeit," murmelte sie, „die anderen blieben mir Phantome, — diese ist ein wirklicher Mensch mit Fleisch und Mut. Mir ist, als kennte ich sie nun bereits." „Gott verhiite! Sie und — die!" „Weshalb?" fragte sie rasch, „war auch sie schlieUich eine Lüge?" „Nein," bekannt« er ehrlich, „sie blieb sich und mit bis zuletzt treu." „Was heißt bis zuletzt? Starb sie?" „Nein. Wir trennten uns." „Tas heißt. Sie haben sie verlassen?" ,/Wenn Sie es so nennen wollen. Aber ich tat es nicht, Weil ich ihrer überdrüssig geworden war, sondern weil es das einzig Richtige war, was ich tun formte, und weil die Umstände es so mit sich brachten." „Was ist denn aus ihr geworden?" „Sie ging darrn doch noch zum Theater, aber nicht zur Oper, sondern zum Schauspiel." Edeltraut wurde rmrul)ig' und vermied es, dabei ihn an- zusehen. „Was waren denn ihre Eltern? Hatte sie denn niemand, der sie vor Elend und Schande bewahren formte ?" „Wer ihre Eltern waren, weiß ich nicht, auf jeden Fall hatte fie sich von ihnen losgesagt, sowie sie mündig geworden, weil dieselben ihre Theaterlaufbahn nicht billigten. Ich nehme an, daß fie niederen Standes waren, sie erwähnte einmal, glaube ich, ihr Bruder hätte Schmied werden sollen." „Ta war sie Nwhl ganz ungebildet?" fragte sie rasch. Ihre Wangen brannten jetzt und sie sah beharrlich seitwärts über die blumige lange Wiese nach dem Schlosse. „Nein, sie war für ihre Verhältnisse ungewöhnlich gebildet. Irgend jemand hatte sich ihrer belehrend angenommen. Tas erwähnte sie. Daraus schloß ich auch-, daß ihre Eltern arm und ungebildet waren." Tas Mädchen sprang auf, fah sich wie verwirrt um und stammelte: „Ich muß zurück, es ist — es ist Zeit. Wilhelnr wird fort wollen." Er war sofort an ihrer Seite, beugte sich herab und versuchte, einen Mick zu erhaschen. „Bergeben Sie mir, daß ich Ihnen das alles erzählt habe, Fräulein Edeltraut, es hat Sie verletzt und Ihre frohe Stdst- stmng getrübt." „Es hat mir weh getan, das letzt« meine ich. Sie hattest recht, mit dieser Geschichte legen Sie- keine Ehre ein — aber wozu sage ich das. Ich bin nicht Ihr Richter. Wir! wollest rascher gehen, ja? Wilhelm wartet." Sie bogen nun auf einen zwischen der Wiese und dep Buchenwaldung hinführenden Weg, der gerade auf jene Liche, tung zuführte, die das alte, efeubewachsene Schloß mit feinest spitzen, braunerr Giebeldächern und den stumpfen Turm töte in eist Medaillon faßte. Edeltmut ging voraus mit beflügeltest Schritten, der Weg toast schmäl genug, um dies zu rechtfertigen.^ Beide schwiegen, er in banger Erwartung. Plötzlich fragte fies „War sie hübsch?" „Ich bitte Sie!" — bat er, „nichts mehr Hiestvon. Nicht wahr? Ich habe alles gesagt, was ich zu sagen hatte, und bist dankbar) daß es geschehen ist," „Aber ich möchte dies eine doch noch wissen. Es — in* tevessiert mich. Wie sah sie aus? Groß? Blond oder braun?" Er atmete erleichtert auf, ja, es ging ein Leuchten auf in seinen Augen. Doch nur ein Weib, wie andere auch, dachte er — Svenn sie so ungestüm fragt, ob die, welche der Mann geliebt hat, schön gewesen, so gibt es ihm dies schon die Gewähr einstigest Sieges. Er hatte Mühe, sich diese frohe Erregung nicht mer* fort zu lassen, als er antwortete: „Sie war klein, schmächtig und schwarzhaarig. Ihr Ge* sicht war scharf geschnitten, fast farblos und mager. Sie er wie gut cs die Katze hat. Sie hat ihren Korb irrt Schlafzimmer! und ein Kissen drin und — aber komm! Nein, sticht dorthin; zu den Erwachsenen! Komm mit!" Edeltraut ließ sich fortzerren. Es war ihr ganz recht so. Sie verschwand mit Lilly hinter beit Bosketts, während Lvysest sich wieder zu den übrigen gesellte. Wilhelm sah ihn liebe-, voll forschend an. „Waren die sieben Zwerge liebenswürdig?" — fragte Mari« Anne. „Wir sind leider an ihnen vorbeigegangen. Fräulein Edel« traut wird gleich foistmxn, sie besichtigt die Katze," 126 das eine," bat er, „hast du Helmuth ab lange und gut du dich auch freuen. Ich habe ihn recht lieb wirst mich ja nicht mißverstehen, wenn ich das ihn vom Fragen abgebracht zu haben, aber er - ' Sie faß da mit künstlich besorgt. „Sag mir nur gewiesen?" Ein grenzenlos „Da kannst, gewonnen. Tu sage." Sie hoffte, anhalten." ,Das hat er nicht getan?" „Er benft gar nicht dran. Glaubst du, daß das ein Manu ist, wie der Leutnant Trauen ober Erich Prämien, die um ein Mädchen anhalten, weil es gelbe Zöpfe und blaue Augen hat, oder nachdem sie einen Walzer, mit ihr getanzt haben? — Nein, da nach, bis sein seiner Sinn den ganzen Zusammenhang aufge-- spürt hatte. Edeltraut wollte es, da sie ihn so in Gedanken verloren sah, benutzen, und sagte, ihm die Hand auf die Schulter legend: „Und nun Gutenacht, Bruder, es ist Zeit." Sie wollte schnell das Zimmer verlassen, er aber suhlte sogleich wieder die Hast heraus. Förmliche Angst erfaßte ihn. „Edeltraut! Was ist das nur ? Tn verbirgst mir die Hauptsache. Was hat dich so erschüttert?" Ta mußte sie denn heraus, die bittere Wahrheit: „Luise, unsere Luise — die mir wie eine Schwester gewesen — die hier zu deinen Füßen gesessen und von dir des Griten und Schönen empfangen hat — war seine Geliebte!" Und dann sank sie neben ihm auf die Kniee und weinte! bitterlich. war doch noch nicht ganz ruhig. „Es ist aber irgend etwas vorgefallen, Edel. Worüber habt ihr denn gesprochen? — Tu kamst verstört — verändert zurück. Ich sorge mich um dich." Er nahm liebevoll ihre Hand. Sie stand jetzt neben seinem Sessel und schob ihm das Polster bequem. „Mir fehlt wahrhaftig nichts. Bon mir war gar nicht die Rede. Wir sprachen über — wie war nur der Anfang? — Ja, Über Helenens Verlobung, und er lobte den Bräutigam und sagte, er sei tüchtig und solid, und ich sagte: also wie Sie! — Darauf sagte er, ich dürfe ihn nicht für besser und moralischer halten, Ivie er fei. . . ich habe ihn nämlich für einen Tugendhelden gehalten. Tu nicht auch?" „Ich achte, daß er besser ist, als hundert andere, Edel. Nicht weil er nie gefehlt haben mag, sondern weil er über feinen ^Verirrungen steht und nicht unter ihrer Gewalt. Was hat er dir gesagt?" „Er kam auf trie sonderbare Idee, mir seine Liebschaften herzuzählen. Ich will dir sagen, Wilhelm", sie wurde lebhaft Und sprach wärmer, „es hat ihm schließlich in meinen Augen Nicht geschadet. Als ein ungemein ehrlicher und, Wetfit irrend, so doch nicht leichtfertiger Mensch ist er mir aus seiner merk- würdigen und vielleicht unpassenden. Beichte hervorgegangen. Ich sehe immer mehr ein, daß er deiner Freundschaft wert ist." „Helmuth, Helmuth," murmelte ihr Zuhörer, „das war so ganz wie du gehandelt." Er schien gerührt und dachte den Beweggründen des Freundes Lcmihm'd. Es sind noch feilte hundert Jahre her, seit Laukhards Name in der gesamten deutschen Leserwelt eine große Rolle spielte, sogar darüber hinaus durch die Abenteuer,, die sein Träger bestanden hatte, bekannt war. F. Ehr. Laukhard wurde in eine der aufgeregtesten Perioden hui- eingestellt, die die westdeutschen Lande erlebt haben: die der französischen Revolution und der Napoleonischen Zett, und man muß es ihm lassen, daß er Sinn sür den Geist der Zeit hatte und Augen und Ohreu austat. Das Besondere XVI, Es regnete schon seit drei Tagen. In feinen grauen Schnüren stand das Wasser in der Luft, aus all den Drachenköpfen der Dachtraufen plätscherte es, und der Park mit seinen imposanten Eichengruppen stand verschleiert in Tunst, und Nebeln. Die Kinder saßen gähnend im Fenster und Lilly suchte Trost für die Langeweile dieses Sonntaguachmittags in dem erfolgreichen Bemühen, ihre Nase an der Glasscheibe platt zu drücken, an der das Regenwasser in breiten Bändern herabfloß. Tie Luft im Zimmer war bedrückt, und es schien, als hafte Feuchtigkeit an den Möbelstoffen und Portieren. Tie Hausfrau war in den Regionen der Wäscheschränke mit Visitieren und Aufräumen tätig, Recknitz, der sich um kein Wetter scherte, beaufsichtigte schon seit Stunden eine Grabenonlage, durch welche ein gefährdetes Feld vor Neberschwemmung gesichert werden sollte. Loysen hatte ihm bis jetzt dabei Gesellschaft geleistet, dann aber das Zwecklose seiner Gegenwart ein-, gesehen. Jetzt stand er, die Hände in den Taschen seiner Lodenjoppe, im anderen Fenster des Wohngemaches und dachte drüber nach, was ihm diese Tage gebracht hatten. Im ganzen nicht viel, und ein unbestimmtes Gefühl einer vorhandenen unfaßbaren Verstimmung beherrschte ihn. Er schob diese Depression lediglich auf den Einfluß des Wetters. Ten Tag nach dem Besuche der Haides hatte der Landregen angefangen. Er war trotzdem', in seinen weiten, weißen Regenmantel gehüllt, die Kapuze über dem Kvpf, nach Rothaide geritten, anzuschauen wie ein Beduine. Tort empfing ihn Enttäuschung. Tas Fräulein war wieder einmal in der Schäferei und der Herr nach einer schlaflosen Nacht sehr gequält von Nervenschmerzen. Loysen wollte wieder fortreiten, als Wilhelm selbst in der Haustür erschien. Gerade heute wollte er den Freund nicht abweisen und so verbrachte dieser eine Stunde mit ihm, halb als Krankenpfleger, halb als Gast. Er beklagte es, daß die Fahrt so schlechte Folgen gehabt. Wilhelm, immer freundlich und geduldig, schwieg dazu. Ta kam Loysen erst der Gedanke, die schlechte Stacht könne eine Folge seiner kühn gewagten Unterredung mit Edeltraut gewesen sein, die diese sicherlich dem Bruder berichtet hatte. Er drang in den Freund, ihm zu sagen, ob er ihm wegen seiner sonderbaren Beicht« zürne. Aber der erwiderte ernst und herzlich: „Im Gegeii- teil. Tas war so ganz wie mein Helmuth gehandelt — und sie achtet dich höher deswegen." — Damit war diese Sache abgetan, sie sprachen vorn« Familienglück der Recknitze, Loysen erzählte von seinem Paten, dem Kadetten Helmuth, den er von _ den Kindern der Schwester am meisten lieble '— und während dieses harmlosen.Gespräches, das er aus Schonung für den Leidenden absichtlich so harmlos erhielt, war ihm doch immer, als sähen ihn Wilhelms nur zu ausdrucksvolle blaue Augen traurig an. Er ritt fort, ohne Edeltrant gesehen zu haben, und der nächste Tag brachte ihm lvieder eilt Brieschen von ihr, mit der Bitte, heute und morgen nicht zu kommen, da Wilhelms Ner- ven völliger Ruhe bedürften. So schien denn, nachdem man ihn schon als völlig gekräftigt angesehen hatte, wieder eine jener Niederlagen bevorzustehen, bereit er früher so viele biirn> gemacht. Er beklagte ihn, aber noch mehr sich, dem jeder .Lag wertvoll war. Morgen reitet er auf jeden Fall wieder hin. — (Fortsetzung folgt.) denke ich doch höher von deinem Helniuth." „Liebchen, du tust deinen beiden einstigen Freiern unrecht, glaube ich und was Helmuth betrifft, fo seid ihr doch nun schon lange und gut miteinander bekannt. Ich freue mich daran." reich frag: „Nun? Hast du mir nichts zu sagen, Kleine? „Nicht heute — heute nicht!" — wehrte sie und ärgerte sich daun über ihw Hast und ihre Worte, ‘ die ihn ja unfehlbar beunruhigten, ihm, vielleicht 'die Nacht verderben würden. .. . . „G»el!' Was ist? So fprich do/h!" unglücklichem Gesicht und schwieg. Er wurde erstaunter Blick traf ihn. „Abgewiesen — Helmuth Loysen? Liebster! Natürlich hätte ich ihn abgewiesen, aber dazu müßte er doch erst um mich Ms Edeltraiit bald darauf erschien, Annchen auf dem Arm, Lilly zur Seite, war sie ganz heiter und ruhig, fetzte sich zu Marie Anne und machte fick) mit der Kleinen zn schaffen, die sie noch nicht kannte und herzig sand. Nur Wilhelm sah, daß sie geweint hatte, er fühlte auch ihrem ganzen Wesen die innere Unruhe ab, die sie sich so sehr bemühte, zu verbergen. Loysen bagegcit sah aus wie einer, der mit noch mehr Zuversicht als bisher ins Leben blickt. Bald daraus ward der Wagen gemeldet, der Abschied war herzlich und Pläne häufigeren nachbarlichen Verkehrs wurden gemacht. ' ... . Während der Fahrt faß Edeltraut ganz gegen ihre Art still und gedrückt. Wilhelm war ermüdeter, als er zeigen Wollte, und dabei von banger Sorge erfüllt. Was war zwischen den beiden erörtert worden? . In Rothaide angekommen, sprang sie als erste eilend aus dem Wagen und lief sogleich in den Hof, um nach dem Rechten zn sehen Tas war auch befremdlich, daß sie es dem alten Diener überlieL für des Bruders Bequemlichkeit zu sorgen. Tie Großmutter entschwand in der Küche. Sie hatte mit Marie Anne einen Gang durch die stattlichen Wirtschastsräume des Schlosses gemacht und war noch ganz erfüllt davon. Sie bestellte das Abendbrot und schickte das Hausmädchen zur Schullehrerswitwe. Eine Aussprache über alles, was sie gesehen und gehört hatte, war ihr Bedürfnis. Edeltraut kam erst zum Abendbrot herein. Sie hatte das seelische Gleichgewicht so ziemlich wiedererlangt, als sie aber 'dann mit Wilhelm in dessen Zimmer allein war und er. lieb- 127 ist, daß er selbst zur Feder gegriffen hat, um sein Leben zu schildern, und zwar nicht erst in späten Tagen, sondern erstmalig in einer trüben Periode, als alles noch Fluß und Bewegung war und der unruhige Geist, der die geschilderten Ereignisse heraufbeschwor, noch in dem Schreiber selbst sein Wesen trieb. So gewinnen diese Bilder eine außerordentliche Lebhaftigkeit. Dazu kamen noch einige verstärkende Momente: sie sind in der rücksichtslosesten Offenheit geschrieben und ihr Verfasser war ein gebildeter Mann. Jenes bewirkt, das; sie ein Kiilturdoknment ersten Ranges, eine Fundgrube für den Sittenforscher darstellen — dieses, daß sie zu den besten literarischen Memoiren deutscher Sprache gehören. Freilich gelten alle diese Vorzüge nicht mehr für den fünften Teil; dieser itnirbe um des reuten Lebenserwerbes willen geschrieben und verliert sich in Kleinlichkeiten. Während der vier ersten Teile konnte ntnit noch immer hoffen, daß ein begabter Mensch für sein Leben eine starke Richtlinie werde finden können. Mit Recht hat Viktor Petersen, der Herausgeber der „Leben und Schicksale" (Stuttgart, Robert Lutz, Memoirenbibliothek, II. Serie, Band 14) sich auf den nur stellenweise gekürzten Abdruck der vier ersten Bände beschränkt und über die weiteren Schicksale Laukhards einen kurzen Neberblick gegeben. Lankhard wurde im Jahre 1758 .zu Wendelsheim in R h e i n Hessen als Sohn des protestantischen Pfarrers geboren, dessett Patrott — der Kurfürst von Mainz Ivar. Lankhard läßt Feinen Zweifel darüber, daß der geistliche Fürst mit dergleichen Pfarrstellen einen manchmal skrupellosen Handel trieb: es kam vor, daß der Kandidat eine Maitresse des Erzbischofs heiraten mußte, um Kvrriere machen zu könnens Laukhards Vater unterschied sich von seinen Amtsbrüdern in mancher Hinsicht, auch darin, daß er ein stärkerer Kopf war. IN feiner Jugend Wolsfianer, war er allmählich ein Freigeist geworden, der schließlich noch auf ben „berüchtigten Spinoza" verfiel. Nach Lauk- hards Meinung wurde der Grunb ztt seinem ganzen unglücklichen Leben in ber schwachen Erziehung gelegt, die ihm zuteil wurde. Es war zu wenig Aufsicht und ztt viel Verführung durch Knechte und Mägde da. Maßlose Trunksucht, Häudelsüchtigkeit und Zotenreißerei werben immer wieber unterstrichen. Die einzige lichtere Episode in Lauk- hards Leben fällt auch itt diese Jugenbzeit: er verliebt sich in ein Mäbchen aus. katholischer Familie. Wer auch sein ganzer Charakter tritt hier schon zutage: seine bei- den Hauptzüge sind Grundsatzlosigkeit und Gleichgültigkeit gegen alle wärmeren Gefühle, vor allem dagegen, wirklich geliebt zu toerben. Sofort faßt er zwar ohne weiteres ben Entschluß, ber Familie seiner Freundin wegen heimlich katholisch zu werdett, aber die Zuneigung verfliegt auch bald, und sein ganzes Leben lang sucht er das Weib in ben gemeinsten Verhältnissen, unb seine erotische Auffassung läßt au Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Es war für ihn bei seiner Beanlagung ein Unglück, daß er in jungen Jahren zur Universität kam. Der junge Theologiestudent kam nach Gießett. Vater Lauk- hard schickte Anno 1774 den erst Siebzehnjährigen mit einem Sack voll guter Wünsche und einem für die damaligen Zeiten ganz anständigen Wechsel auf die Lndwigs-Uni- versität zu Gießen, die zwar nicht durch wissenschaftliche Leistungen ihrer Mitglieder hervorragte, aber dafür in dem Rufe staub, neben Jena und Halle eine besonders treue Hüterin des „Komments" zu sein. Was die wissenschaftliche Seite anlangt, so erzählt Lankhard, dessen Mitteilungen, wenn auch übertrieben, doch nicht vereinzelt dastehen, daß die Gießener Lehrstühle zum größten Teile jämmerlich besetzt waren. In ber theol. Fakultät war bie Orthodoxie vorherrschend ; Philologie und Orientalin waren schwach bestellt; in ber Medizin scheint es vor allem an genügenden Hilfsmitteln gefehlt zu haben, Und auch was Gießens Aristarch, der Literatur-Schmid, seinen Jüngern vortrug, erhob sich nicht über das Mittelmaß; doch regte er seine Zuhörer zur Bildung eines sind en tis ch en Li eb h a b er th e a t ers an und entzog sie hierdurch zeitweilig den entsetzlichen Orgien, bie in bett Stubentenkneipen, im „Rappen", im „Stern", der „Reiberei", den beiden „Bn sch er eien" und beim „Stan- genwirt Balthasar" gefeiert zu werden pflegten. Es ist nicht angängig, das wilde Bursche n leben der Gießener Studentenschaft jener Tage zu schildern. Ein Bild mag sich der Leser nach den schönen Versen machen, die ein Bekannter Laukhards, ein gewisser Hild aus Saarbrücken, damals niederschrieb. „Man kann daraus ersehen", sagt jener, „ivas für Eigenschaften man von einem honorigen Gießener Burschen gefordert hat." Hild definiert biefett, sowie fein Gegenbild, das wegen solider Eigenschaften von den Musensöhnen sogenannte „Drastikttm" folgenderntaßen: Wer ist ein rechter Bursch? Der so am Tage schmauset, Des Nachts herumschwärmt, wetzt*) — Der die Philister schwänzt,**) die Professores prellt, Der stets im Karzer sitzt, einhertritt wie eilt Schwein, Der überall besaut, nur von Blamagen rein. Und ben man mit der Zeit, iücim er g'nng renommieret. Zu seiner höchsten Ehr' ans Gießen relegieret. Das ist ein firmer Bursch; unb wer's nicht also macht, Nicht in den Tag ’nein lebt, nur feinen Zweck betracht, Ins Saufhaus niemals kommt, nur ins Kollegium, Was ist das für ein Kerl? — Tas ist ein Drastikum! Die Roheit des deutschen Studententums, die sich erweisbar aus den langen und tiefen Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges herschreibt, und die erst unter dem veredelnden Einfluß der burschenfchaftlicheu Bestrebungen nachgelassen, hat Erscheinungen gezeitigt, die ans Unglanb-- liche grenzen. Wie später die Bttrschenschaft, so traten schon damals die „Orden" für eine Besserung dieser Verhältnisse ein; sie versuchten es wenigstens, doch verfielen auch sie gar bald wieder in die hergebrachte Sittenlosigkeit, und ihre reformatorischen und humanen Bestrebungen verliefen im Sande. Die Geschichte der Studentenorden hat etwas Geheimnisvolles, und diese Verbindungen haben durch ihr okkultistisches Wesen, das sie bet ben Behörden verdächtigte und ihnett vielfache Verfolgungen zuzog, selbst dafür gesorgt, daß auch bie Nachwelt über ihr Leben und Treiben so lange im unklaren war, bis vor allem bie Arbeiten des studentengeschichtlichen Forschers Wilhelm Fabricins eine bessere Würdigung der interessanten Erscheinung aubahn- ten. Zu den -Quellen, aus denen Fa'bricius schöpfen konnte, gehört nun in erster Linie wieder unser Lankhard, der das Ordenswesen in einer besonderen Schrift behandelt hat. Wem das äußerst selten gewordene Werkchen nicht zur Hand ist, kann sich übrigens nn der Hand der jetzt wieder allgemein zugänglich tuerbenbett Lankhardschen Lebensbeschreibung über das Treiben der verbreitetsten und mächtigsten dieser Verbindungen, des Amieistenordens, genügende Aufklärung verschaffen. Unser Held hat diesem Orden geraume Zeit angehört, wie auch einem landsmannschaftlichen Kränzchen ber Pfälzer, bessert Senior er gewesen, unb über dessen Verfassung und Lebensführung er gleichfalls recht unterhaltend berichtet. Er war ein äußerst „firmer" Bursche, unser Friedrich Christian, der alle Tollheiten seiner Kumpane gründlich mitgemacht hat und daher als klassischer Zeuge zu reden weiß. Auch an ben großen „Auszügen" der Gießener Studentenschaft, in ben Fahren 1776 und 1777, von benen der erste nach Butzbach, der zweite ins Weil bürg i sch e ging, hat er teilgenommeu, und im Lager zu Gleiberg, wo bie Herren Kommilitonen wochenlang hausten, ist er einer ihrer vornehmsten Feldhauptleute gewesen. Auch einen eigenartigen Lehrstuhl hat er dort innegehabt: er ist nämlich „Professor der Zoto- logie" gemefett, und seine Kenntnis auf diesem Gebiete — das beweisen Laukhards Schriften leider zur Genüge — muß respektabel, auch die Originalität seiner Erfiu- bttngen erstaunlich gewesen sein. Wie schade, daß ber Phosphor bieses reichausgestatteten Gehirns in so elendem Feuerwerk großenteils verpuffte! ___ (Schlitz; folgt.) *) b. h. mit dem Hieber auf bas Pflaster haut, daß bie Funken sprühen. ** ) b. h. anführt, indem er nicht bezahlt. VevmischLss. * Der b e tt t s ch e B a u e r u n d Ern st M o r i tz Arnbt. Im Januar 1815 beabsichtigte Arubt „lieber ben Bauernstand und seine Stellvertretung" eine 5 Bogen starke Abhandlung in dem „Preuß. Korrespondenten", einer Tageszeitung, zu veröffentlichen. Er wollte darin ben beutfchen Bauern lehren, baß ihm ber Zutritt zu Nationalversammlungen mit ebensoviel Recht gebühre, wie seinen — 128 Brudern in Schweden, Norwegen und in der Schweiz. Es fehle ihm nicht, so führte Arndt darin aus, an Fähigkeiten, fernem Interesse kräftig vorzustehen — und der Adel sei ebenso wenig vermögend, ihn zu vertreten, als er den Adel. Der Zensor bemerkte indessen dazu: „Ganz übertrieben wird dabei dem Bauernstände geschmeichelt. In ihm beruhen die Kräfte und die Macht des Staates, die ersten Tugenden des Menschengeschlechts; er übertrifft alle übrigen Stände an Redlichkeit, Frömmigkeit und Tapferkeit. Ohne Herrn Arndt seine Vorliebe abzustreiten, schien mir feine Abhandlung nicht für eine Zeitung geeignet, tvo sie bruchstückweise, ohne Zusammenhang und ohne Anleitung in die Hände unbelehrter oder gar unbefugter Leser fallen und unfehlbar zu Mißverständnissen und Mißdeutungen Anlaß geben würde. Ich habe ihm daher vorgeschlagen, selbige für das statistisch-politische Journal seiner Mitarbeiter Rühs und Genossen aufzusparen, da ich ihr dann mein Imprimatur nicht versagen werde." Arndt aber achtete dieses Rates nicht und veröffentlichte diese Broschüre, in der er dasselbe ausführte, aber wesentlich erweitert. Dazu äußerte sich der Zensor Renfner folgendermaßen: „Die Zusätze sind meistens historisch, und die Schrift, die manches Wahre und Gute enthält, mag im 'ganzen, so wie sie fetzt erscheint, weniger populär sein als in ihrer ersten Anlage. Meines Erachtens wird ihr aber der unbefangene Beurteiler immer eine überspannte Vorliebe für die intellektuellen und moralischen Eigenschaften des Bauers und eine unpassende Gleichstellung des deutschen mit dem schwedischen und schweizerischen Bauernstände vorwerfen. Hinzugekommen ist auch noch großer Tadel gegen Hannover, das in seiner neuen Verfassung die Bauern durch den Adel vertreten läßt." *Tanagra in der Pariser Mode. Die Pariserin hat ein neues Modeideal gefunden, dem sie mit Eifer Und Geschmack nachstrebt. Ihre neuesten Toilettemodelle sind die entzückenden farbig gemalten Tonfigürchen, mit denen die Gräber der beotischen Stadt Tanagra die Welt um ein eigenartig kokettes Bild der Antike bereichert haben. Der grazile Reiz flatternder Gewandung, zierlich geraffter Draperien und entzückender Haartrachten, eingeordnet in die beherrschten Linier: einer großen, durch die Marmor- Plastik erzogenen Kunst, reizen mondäne Damen zur Nachahmung dieser locker gelösten und doch streng zusammen- gefaßten Formen. Das Rauschen plissierter Volants, die anmutige Bauschung gekräuselter Jabots, das Rieseln weicher Spitzengarnituren und der Fall der fein gefältelten Manschetten über das Handgelenk, all das webt um die schlanke, mit tiefer spitzer Korsage gegürtete Gestalt einen flatternden schwebenden Hauch, dem sich die üppige Verschwendung bunter Stickereien und durchbrochener Nadelarbeit in preziöser Kostbarkeit vereinigen. Aber diese unruhige, im tanzenden Liniengewirr die Figur umklingende Melodie wird zu einer strengeren plastischen Wirkung geläutert durch das Zusammenfassen der flatternden Gewänder in großen Rosetten, löst sich der einfach gehaltenen griechischen Frisur, die die Massen des gewellten Scheitels in vollem Knoten zusammenfaßt oder die Haare in Rollen über die Ohren legt. Und dieses Pikante Gemisch von antikem Formgefühl und kokett kapriziöser Unruhe wird bekrönt von dem großen malerischen Hut mit Aigretten, Vögeln und Blumen, dessen freie große Wirkung die moderne Pariserin doch nicht der spitzen, naiv schlichten Kopfbedeckung von Tanagra geopfert hat. ®eY Gründ. „Denke dir, Anna, die Mali heiratet den Schlangenmenschen vom Kolosseum!" — „Na ja, der paßt auch lnr ne am besten, die muß einen Mann haben, den sie um den Finger Nuckeln kann!" , .AHch st e Devotion. „Trinkt denn der Herr Sekretär fo viel? Er hat ia eine gänz rote Nase!" — „Die schminkt er sich nur semem Vorgesetzten zuliebe, der 'ne echte hat." Literarisches. — Das deutsche Dorf. Vott Robert Mielke. Mit 51 Abbildungen. („Aus Natur und Geisteswelt." Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus alten Gebieten des Wissens. 192. Bändchen.) Verlag von B. G. TeubUer in Leipzig. Geb. 1.25 Mk. —' Es ist eine reizvolle Aufgabe, gerade heute, wo ein volles Jahrhundert hindurch wirtschaftliche, politische und geistiges Strömungen doch vorwiegend von der Stadt ausgegangen sind, und wo wir darum den Anteil der städtischen Kultur an der Gestaltung unseres gesamten Volkslebens leicht zu überschätzen geneigt. sind, hervorzuheben, wie stark auch heute uoch die Kulturkräfte des Landes sind und wie im deutschen Dorfe trotz aller Industrialisierung unseres! Vaterlandes eine wertvolle bodenständige Kultur vorhanden ist als das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung, die von der Urzeit an in ununterbrochener Folge langsam Schicht auf Schicht hat wachsen lassen. Um diesH Aufgabe zu lösen, geht Mielke, unseren Lesern als Verfasser der vortrefflichen Abhandlung „Die Erhaltung des Dorfes" (Fam.-Bl. Fg. 1907 S. 547 ff.) wohl bekannt, von den Anfängen der Siedelungen in Deutschland aus und zeigt, wie sich mit dem Wechsel der Wohnsitze die Gestaltung des Dorfes änderte, wie mit neuen wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen das Bild immer reicher wurde, bis es im Anfang des 19. Jahrhunderts ein fast wunderbares Mosaik ländlicher Siedelungstypen darstellte. Die mit einer zusammenfassenden, über die Kultur des Dorfes schließende Darstellung läßt erkennen, daß die geographische Grundlage ein wichtiger Faktor in der Entwicklung des Dorfes, seiner Häuser, Gärten und Straßen war und gelangt unter diesem Gesichtspunkte zu einer gleichmäßigen Würdigung der mit der wachsenden Bewegung für Heimatschutz. immer mehr in den Vordergrund tretenden künst- lerischell wie der wirtschaftsgeschichtlichen Momente. Dem Büchlein ist eine große Zahl von Abbildungen beigegeben, die gerade bei diesem Gegenstände dazu beitragen, die Anschaulichkeit des Dargebotenen zu erhöhen. Für die Küche. — Kalbsmilch en fricandeau. 10 Personen. Bereitungszeit 11/2—2 Stunden. Zutaten: IV2 kg Kalbs- milch, 125 g fetter Speck, 2 Löffel geschnittenes Suppengrün, 1 Zwiebel, 1 Kräuterbündchen, einige Nelken-Gewürzkörner, V4 Liter kräftige Bouillon aus Liebigs Fleischextrakt, 1 2reifg Tomaten, 2 Chalotten, 90 g frische Butter, Salz nach Geschmack, 50 g Mehl, 1 Glas Weißwein. Die blanchierten! Kalbsmilche werden in Scheiben geschnitten, fein gespickt, mit dem übrig gebliebenen Speck, dem Suppengrün und Gewürzen in eine Kasserolle gelegt, mit Bouillon übergossen und eine Stunde bei gelindem Feuer und unter fleißigem Begießen gedämpft. Währenddessen schneidet man die Tomaten in Hälften, entkernt und schmort sie mit den Chalotten und streicht sie durch ein Haarsieb. Von der Butter und dem Mehl wird ein Weißmehl bereitet, das man mit dem durchgeseihten Fond der Kalbsmilche und einem Glase Weißwein verkocht; dann gibt man das Tomaten-Püree hinzu, läßt die Sauce mit diesem ungefähr 10 Minuten durchziehen, so daß sie dick sämig wird, und richtet die Kalbsmilche in dieser schön rot aussehenden Tunke an. Weisheitsworte. Suchst du den Frieden? Die Erde hat ihn nicht! Blumen hat sie, die vergehst«, Düite hat sie, die verwehst«, Nächte hat sie, ohne Licht, Doch den Frieden hat sie nicht. Herder. Was ist das höchste Glück? Ach, Glück zu gebe». Rätselhafter Satz. ALUS. TIGER. BUBVER. D IRB. T NIED AS. 8. P. IEL. U. N. D- W. ENN. E. R. VER. LIE. R. T. SOM. VIII. 81. HM. N. ICH. T V. IEL. Auflösung in nächster Nummer. 1. Godesberg. 2, Labrador. 3. Elbe. 4. Jstib. 5. Bregenz. 6. Elefant. 7. Nuue. 8. Gustav. Redaktion: P. Wittk-u — Rotationsdruck rmd Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiadruckerei, N. Lange, Gießen.