1908 Mittwoch den 25. November ■äü» il&Ux? LB JliflC I Herr Lecoq. KÄminal-Roman von E. Gabsriau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 38. Kapitel. Der rätselhafte Mai hatte seine nicht vbrauchu sehende Absicht mit einer solchen Geschwindigkeit ausgeführt, das; Lecoq keine Zeit hatte, dazwischcnzntrcten, ja, das, er nicht einmal daran dachte. Aber wie ein harter Stoß durchzuckte ihn plötzlich eine Ahnung, daß ihn in diesem Augenblick ein großes Unglück betroffen habe. Zehn Sekunden lang blieb er wie versteinert stehen; dann aber kam blitzschnell das Bewußtsein über ihn, wie der Fehler wieder gut zu machen sei. Mit sicherem Auge maß er die Entfernung bis zu Mais Komplizen, sprang hervor und war in drei Sätzen bei ihm. Der Mann mit dem Filzhut wollte schreien — eine Eisenfaust erstickte jeden Laut in seiner Kehle. Er nullte sich wehren, aber ein Stoß mit dem Knie in die Seite streckte ihn wie ein Kind zu Boden und ehe er noch Zeit gehabt hatte, sich zu besinnen, war er gebunden, geknebelt, und halb erstickt in die Rue de la Chaise getragen. Kein Wort, kein Fluch hatte dabei Mai auf der anderen Seite der Mauer von dem Borgefallenen Kenntnis geben können. Das ist 'ne Geschichte I murmelte der alte Absinth, der so verblüfft war, daß er gar nicht daran dachte, seinen! jungen Kollegen hilfreiche Hand zu leisten. Das ist 'ne Geschichte. Wer hätte auch gedacht. . . O, genug! unterbrach ihn Lecoq mit rauher Stimme, genug! Schwatzen können wir morgen. Jetzt muß ich mich entfernen. Sie, Papa, bleiben vor diesem Garten auf Posten. Wenn Mai wieder- erscheint, so packen Sie ihn und lassen Sie ihn nicht wieder tos. Bei-Ihrem Leben, lassen Sie ihn nicht entwischen! Ich verstche. Aber was machen wir mit dem da? Vorläufig kann er bleiben, wo er liegt. Ich habe ihn sorgfältig gefesselt; cs ist also nichts zu befürchten. Wenn eine Schutz- mannspatrouille vorbei kommt, liefern Sie ihn an diese ab. In diesem Augenblick ließen sich von der Rue de Grenelle her schwere taktmäßige Schritte vernehmen. Da sind die Schutzleute! rief der alte Absinth. Ah, das wage ich kaum zu hoffen. Da hätte ich ja ein ganz besonderes Glück. Lecoq hatte .es . . . zwei Schutzleute eilten herbei; in kurzen Worten setzte Lecoq ihnen das Notwendigste auseinalrdcr. Es wurde abgemacht, daß der eine den Mann mit dem Filzhut nach der Polizeiwache bringen, der andere aber mit dem alten Absinth zusammen auf Mais Zurückkommen ivarten solle. Und nun, sagte Lecoq, laufe ich in die Rue de Grenelle und schlage Lärm. Zu welchem Hause gehört der Garten? Was? antivortete der eine Schutzmann ganz überrascht. Sie kennen den Park des Herzogs von Sairmeuse nicht, des zehnfachen Millionärs, des früheren Freundes von. . . Ich weiß, ich weiß, rief Lecoq. Ja, fuhr der andere fort, der Spitzbube, dec hier über die Mauer gegangen ist, hat entschieden keine schleckte Rase. Es ist heute Empfangsabend — wie übrigens jeden Montag — und das ganze Haus war voller Gäste. Und sie sind noch, nicht mal alle fort, fügte der andere Schutzmann hinzu. Als tvir eben bei dem Hause vorüberkamen, hieltet noch fünf oder sechs Wagen vor der Tür. Lecoq machte sich, so schnell er laufen konnte, auf den Weg. Er begriff, daß Mai sich nicht in der Absicht, einen Dielstahl zu begehen, über die Mauer geschwungen hatte, sondern in der Hoffnung, die Verfolger von feiner Spur los zu werden. Wie sehr war nicht zu befürchten, daß er in dem Wirrwarr des Gc- sellschaftsabcnds die Rue de Grenelle erreichte! Damit wäre natürlich seine Flucht geglückt gewesen. Die ungeheure Fassade des in fürstlicher Pracht erbauten Hotels Sairmeuse war noch hell erleuchtet; doch der Wagen der letzten Gl st: hatte soeben den Hof verlassen, und Lakaien kamen mit Leitern heraus, um die Außenlaternen auszulöschen. Der Schweizer, ein prachtvoll gewachsener Riese, in dessen Gesicht ein unendlicher Stolz auf seinen goldgestickten Rock ausgeprägt lag, wollte gerade die beiden schiveven Flügel der Haupttür schließen. Lecoq trat auf den imposanten Mann zu und fragte: Dies ist doch das Hotel Sairmeuse? Der Schweizer hielt in 'seiner Beschäftigung inne und maß von oben bis unten den ftechen Bummler, der ihn anzureden wagte. Dann sagte er grob: Ich rate dir, Freundchen, geh deines Weges! Ich liebe die Spaßvögel nicht und habe einen guten Vorrat von Besenstielen zur Hand, Lecoq hatte sein Bummlerkostüm ganz vergessen. Ach so! rief er. Aber ich bin nicht, wonach ich aussehe. Ich bin ein Beamter der Kriminalpolizei, heiße Lecoq, hier ist meine Marke, wenn Sie meinem Wort nicht glauben nullen. Ich wollte Ihnen sagen, daß ein Verbrecher bei Jhneil über dil Parkmauer geklettert ist! Ein Verbrecher!! Der junge Beamte dachte, ein bißchen Uebcrtreibung kömüs nicht schaden und antivortete: Ja, und einer der allergefährlichsten: ein Mörder, au dessen Händen schon das Blut von drei Menschen klebt. Wir haben gerade eben seinen Komplizen fcstgenommen, der ihm über dir Mauer geholfen hatte. Die Rubinen auf der Nase des Schweizers erbleichten sichtlich und er stotterte: Da muß ich gleich die Bedientenschaft zusammenrufen! Zugleich streckte er die Hand nach dem Klingelzuge aus, aber Lecoq hielt ihn zurück: Noch erst ein Wort! Hat der Verbrecher nicht etwa einfach durch das Haus hindurchgchen und durch diese Tür unbemerkt entwischen können? In diesem Fall tväre er natürlich schon weit! Unmöglich! Aber . . . — 738 -- Erlauben Sie, ich iu'etß, was ich sage. Erstlich ist der Ausgang nach dem Park geschlossen; er wird an den großen Einpfangs- lagen geöffnet, aber nicht an den intimen Montagabenden. Zweitens verlangt Monseigneur, daß ich an Gescllschaflsabcndcn direkt auf der Türschwelle stehe. Noch heute hat er mir diesen Befehl wieder einschärfen lassen, und Sie können sich denken, daß ich sticht ungehorsam bin. Wenn das so ist, versetzte Lecoq ein wenig beruhigt, so werden wir unseren Mann vielleicht finden. Benachrichtigen Sie die Bedienten, aber ohne die Glocke zu ziehen. Je weniger Lärm wir machen, desto mehr Aussicht auf Erfolg haben wir. In einem Augenblick waren die fünfzig Bedienten aus den Vorzimmern, den Stallungen und der Küche des Hotels Sair- meuse auf den Beinen. Große Wagen- und Stallatersten wurden herb eigebracht, und mit einem Zanbcrschlage war der ganze Park erleuchtet. 'Wenn Mai sich hier versteckt hat, dachte Lecog, ganz glücklich über eine solche Anzahl von Hilfskräften, so kann er unmöglich entkommen. Aber vergebens wurde der ganze Park abgesucht, in jedes Gebüsch hineingeleuchtet, sogar jeder Baum erstiegen. Der Mörder wird auf demselben Weg, wie er hereingekommen ist, sich wieder aus dem Staube gemacht haben ! wiederholte hartnäckig intimer wieder der Schweizer, der sich mit einer gewaltigen Steinfchloßpistole bewaffnet hatte. Um ihn zu überzeugen, mußte Lecog sich mit deut alten Absinth, der mit den beiden Schutzleuten auf der Straßenseite anfpaßte, in Verbindung setzen. Der Schutzmann, der den Komplizen auf die Wache gebracht hatte, war Nämlich wieder zu ihnen gestoßen. Alle drei verschworen sich hoch und teuer, es wäre keine Fliege über die Mauer gekommen. Die Nachforschungen im Park sollten auf Leeogs Befehl Don Neuem ausgenommen werden, als plötzlich ein Herr mit würdevollem glatt rasiertem Gesicht in den Lichtkreis trat. Herr Otto! flüsterte der Schweizer Leooq ins Ohr; Monseigneurs erster Kautmerdiener! Diese tvichtige Persönlichkeit kam im Auftrag des Herrn Hersogs — er sagte nicht „Monseigneur" — um sich nach der Bedeutung des Lärms zu erkundigen. Aks matt ihm Auskunft gegeben hatte, geruhte Herr Otto, deu jungen Beamten zu der Entdeckung des Verbrechers zu beglückwünschen; ja, er legte ihm sogar dringend ans Herz, das Palais vout Dach bis zunt Keller zu durchsuchen. Nur dadurch würde die Frau Herzogin sich beruhigen lassen. Er entfernte sich, und die Nachforschungen begannen mit einem Eifer, der durch ein gewisses Versprechen des Herrn Kellermeisters neu entflammt war. Aber alles >vav vergebens. Mai blieb unauffindbar. Es wäre ■ kindisch gewesen, noch länger den Garten zu durchsuchen. Lecog rief also seine Leute zusammen und sagte ihnen mit vev- zweifelter Stimme: Genug! Es steht fest, daß der Mörder nicht mehr im Garten ist. Hatte er sich also in irgend einen Winkel des großen Gebäudes verkrochen? Das war die allgemeine. Ansicht der Dienerschaft, besonders des Schweizers. Ich bin nicht von meiner Türschwelle gewichen, schwor er; unmöglich hätte jemand herauSkommen können, ohne daß ich ihn gesehen hätte. Durchsuchen rvir also das Haus! sagte Lecog. Vorher aber will ich meinem Kollegen in der Rue de Barennes sagen, daß er hereinkommen soll. Es hat keinen Zweck mehr, daß er vor der Gartenmauer Wache steht. Sobald der alte Absinth gekommen war, wurden alle Ausgänge des Erdgeschosses geschlossen, und Lecog mit seinen Leuten! begann das ganze Haus zu durchsuchen. Mit einem geradezil wütenden Eifer ging er den anderen voran und trieb sie immer von neuem an. Wie eine Feder hob er die schwersten Möbel hoch und schob Sessel und Sofas von der Stelle; er sah in Waiid- und andere Schränke hinein und betastete Wandteppiche, Gardinen und Türvorhänge. Kein Winkel, vom Keller bis zum Dachr- boden, wurde vergessen. Schließlich kroch Lecog sogar ans einer Luke" heraus und untersuchte alle Dächer. Endlich, nach zwei Stunden übermenschlicher Arbeit, stand Lecog luieber auf dem Flur des ersten Stockwerkes. Nur fünf «der sechs Bediente waren noch bei ihm; alle andern Hattert sich nach und nach gedrückt; das Abenteuer, das ihnen. anfangs Vergnügen gemacht, war ihnen schließlich langweilig geworden. So, jetzt haben die Herren alles gesehen, erklärte ein alter Lakai. Alles? unterbrach ihn der Schweizer, Gewiß- nicht. W sind noch Monseigners Gemächer und die der Frau Herzogin' zu durchsuchen. Ach, wozu denn? murmelte Lecog. Aber der Schweizer hatte schon leise au eine der auf den Flur hinausgehenden Türen gepocht. Sein Eifer war womöglich noch größer als der der Kriminalbeamten. Sic hatten den Mörder hineingehen, er hatte iTm nicht herausgehen sehen — also war er im Gebäude, und darum sollte und mußte er durchaus gefunden werden. Die Tür wurde ein wenig geöffnet, und man sah das würdevolle glattrasierte Gesicht Ottos, des ersten Kammerdieners. Mag zum Teufel wollen Sie denn? fragte er ärgerlich. In Monseigneurs Wohnung eintreten, antwortete dec Tür- fchweizcr, und uns versichern, daß der Verbrecher sich nicht der hinein geflüchtet hat. Sie sind wohl verrückt! erklärte der Herr Kammerdiener. Wann und wie sollte er denn heveingekommen sein? Uebrigenss darf ich nicht dulden, daß m!an den Herrn Herzog stört. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und nimmt jetzt eben vor dem! Schlafengehen noch ein Bad. Der Schweizer schien über den Rüssel sehr empfindlich zu sein, und Lecog brachte einige Entschuldigungen vor, als eine Stimme von drinnen rief: Lassen Sie doch, Otto! Lassen Sie die braven Leute ihre Schuldigkeit hin! Aha, hören Sie? flüsterte der Schweizer triumphierend. Sehr schön. Der Herr Herzog crlaubt's. Dann ist es nmS anderes. Kommen Sie, ich werde Ihnen leuchten. Lecog trat ein, doch durchschritt er nur der Form wegen die verschiedenen Wohnzimmer, die Bibliothek, ein wundervolles Arbeits-, ein entzückendes Rauchzimmer. Als er durch das Schlafzimmer ging, statte er dlie Ehre, durch die halboffene Tür einer kleinen, wcißmarmornen Badestube einen flüchtigen Blick auf den Herrn Herzog von Sairmeuse zu tun. Nun? rief dev Herzog fröhlich. Ist der Böseivicht immer noch unsichtbar? Immer noch, Monseigneur! antwortete der junge Beamte ehrfurchtsvoll. Der Kammerdiener teilte nicht die gute Laune seines Herrn. Ich denke, meine Herren Beamten, sagte er, Sie können sich die Mühe ersparen, auch noch die Gemächer der Frau Herzogin zu durchsuchen. Ihre Frauen und ich haben das schon besorgt, und zwar hat i wir sogar In die Schubladen hiueingeguckt . . . (Fortietzung folgt.) Die Hemiramis des Gstens. Das „Reich der Mitte" steht vor einer großen Umwäl- S; der Kunde von dem Tode des Kaisers folgt eine ,richt von weitaus größerer Tragweite für das Geschick des chinesischen Reiches: Tau-Hsi, die allgewaltige Kaiserin- Regentin, die mit drei Jahrzehnten die Geschicke des Landes unumschränkt lenkte, liegt schwer erkrankt darnieder, und es mehren sich die Stimmen, die auf das Sterben der heute vieruudsrebzigjährigeu Fran Hinweisen. Ein romantisches Dunkel breitet sich noch heute über die Herkunft und die Jugend der Regentin, aber wie weit die verschiedenen Versionen auch auseinandergehen, in einem stimmen sie überein, von Kindheit an erregte das Mädchen nicht nur durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihre Energie, ihre Klugheit und ihren Wissensdrang Aufsehen. Sie entstammt dem Maudschu Stamme; aber nicht aus dem Purpur ward sie geboren, ihre Eltern waren verarmt und nach dem Süden ausgewandert und der Lebensgang der heutigen Regentin führt in seinen Anfängen zurück in Tage bitterster Erniedrigung und dunkelster Rot. Sie selbst, noch ein Kind, soll den Vater überredet haben, sie als Sklavin KU verkaufen, um die Not der Familie zu lindern. Der Hunger ist ein unwiderstehlicher Ratgeber, nach langem Kampfe rangen sich die Eltern den bitteren Entschluß ab, und Tfu-Hfi kam als junge Sklavin in das Haus eines reichen Mannes, der als ein chinesischer General, von anderen als ein im Süden lebender reicher Tartare geschildert wird. Eine andere Version läßt freilich Tsu-Hsi als die Tochter eines hohen Würdenträgers in Peking geboren werden; sicher aber ist, daß schon das achtjährige kleine Mädchen seine Lehrer durch seinen Wissensdrang überraschte und daß sie als Kind bereits lesen und schreiben lernte, in einer Zeit, wo dies in China ein Privileg der Gelehrten' war. Wie dem auch sei, der Wendepunkt in ihrem Schicksal tritt ein an dem Tage, da in den Straßen der Städte Prokla- 739 I Er machte es kurz mit dem Abschied. Als er mit dem Vater schon draußen war, betete die Tante mit geschlossenen I Augen noch laut darinnen. Sie wußte nicht, war er schon gegangen, oder war er noch bei ihr, das Täubchen, der einzige Trost, den man in diesem Leben hatte? I Und sie betete noch, als sie plötzlich harte schwere Tritte, eine polternde Stimme draußen, und die jammernde I des Simon Simonitsch hörte. ' Mit Schimpfworten auf die Juden, die man totschlagen j muffe, da sie sich beut Dienst entziehen und ihr Leben I nicht für den Zaren — Gott schütze ihn! — lassen wollten, I stolperte ein Polizeibeamter ins Zimmer, Vater und Sohn I vor sich herstoßend. Da wußte Maria Bronzowska: nun war alles vorbei. Und sie ging zitternd und wimmernd in ihre Ecke, verhüllte ihr Haupt und rührte sich nicht. Sinion Simonitsch aber lvurde plötzlich sehr freundlich. „Väterchen," sagte er zu dem Beainten, setzen Sie sich! Die Schwester wird ein Glas Tee machen und wir werden sprechen miteinander Ivie vernünftige Leute." Der Beamte fühlte einen Schein in seiner Hand und fetzte sich brummend an den Tisch. Maria Bronzowska besorgte die Teeumschine. Ihre Züge waren schmerzentstellt und hoffnungslos. Sie kannte Simon Simonitsch. Sophron stand bewegungslos in einer Ecke. Simon Simonitsch aber flüsterte eifrig mit dem Beamten, steckte ihm Banknoten zu und schien gilt Freund mit ihm zu werden. Plötzlich schrie er aiif: „Gott meiner Väter, dreihundert Rubel! Nicht nrehr als zweihundert, keine Kopeke mehr!" Er war ganz blaß geworden und stierte den Beamten wütend an. Der lachte dröhnend und fing dann plötzlich: lvieder an zu schimpfen: „Totschlägen sollte man euch, ihr Hunde," brüllte er, „lvie das anderswo im heiligen Rußland geschieht, ihr Ungeziefer uub Volksverderber." Maria Bronzowska, die sich wieder in ihre Ecke zurückgezogen hatte, zitterte am ganzen Leibe. Sie sah zu Sophron hin, der gespannt seinen Vater beobachtete. Da giilg mit Simon Simonitsch eine Veränderung vor sich. Er langte zitterttd in die Tasche seines schnmtzigen Kaftans, brachte mit -ebenden Fingern einige Scheine hervor und schob sie dem Beamten zu. Der zählte. „Fehlet; noch 25 Rubel, Freundchen!" Um 25 Nübel. Skizze von Paul R Ü t hn i n g (Dresden), Die Tante saß weinend und betend in einem Winkel, der Stube. knurrte er, „Mach schnell, Simon Simonitsch. Meine Zeit ist um." Der aber war aufgesprungen. Schaitm stand vor seinem Munde. „Keine Kopeke — keine Kopeke weiter!" lallte er. | Marte Bronzowska war ein schwaches Weid Miß- billigend blickte sie ihr Bruder Sinton Simonitsch an Wis konnte sie dem Jungen das Scheiden so schwer machen' Saß er nicht da wie ein Lamm, das den Tod erwartet? Ode« I wollte sie etwa, er sollte bleiben? Nun gut, liebe Seele! Aber dann kann es nur noch kurze Zeit dauern, kann es heute schon feilt, daß man ihn greift, um ihn zum Svl- I baten zu machen und in den Krieg zu schicken. „Gott meiner Väter," sagt Simon Simonitsch, „das nicht!" — He, Täubchen," ruft er dann laut. „Schwester, sag' dem Sophron ade! Er muß eile». Sonst fährt der: Wagen ohne ihn ab. Was man tun will, muß man in dieser Zeit schnell tun." s-ophron erhob sich, willenlos. Er war in diesen testen Tagen zur Maschine geworden. Um nichts hatte er 'sich gekümmert. Simon Simonitsch-hatte alles selbst besorgen muffen, als er hörte, die Mobilisierungsorder sei unterwegs, sei vielleicht schon bekannt gegeben. Aber hätte er nicht schon längst uuterivegs fein können? War Simon Stmonitschs Geiz nicht fchttld, daß er noch hier saß und ! Nch Mer zu Tode ängstigte? Mußte nicht die allerbilligste Gelegenheit zum heimlichen Davonkommen ausbaldowert werden, statt daß man es möglichst eilig hatte! Ja, Sophron zitterte vor Aufgeregtheit, Zorn und Angst. Am Ende würde noch im letzte;; Augenblick alles vereitelt. matiorwn anMchlagei; waren, ;n denen alle Jungfrauen des Mandschu-Stammes aufgefordert wurden, nach Peking zrr konrmen und der Kaiserin-Mutter sich vorzustellen, da der Kaiser e;ne zweite Gemahlin nehmen wolle, nm ihm den «ohn zu gebaren, den die erste Kaiserin ihru nicht geschenkt hatte. Romantische Traume von Glanz und Macht mimen das junge Mädchen erfüllt haben, das diese Aufforderung las und bedachte; sofort war sie entschlossen, den Versuch zu wagen,und wenige Wochen später stand sie als eine unter Hunderten m dem Vorzinrmer zum Gemache der Kaiserm- Mutter. Das kluge und anmutige Mädchen kam in die engere Wahl und siegte schließlich auch in dieser. Während Tausende mit gebrochenen Hoffnungen wieder heimkehrten, blieb sie als Erwählte zurück, und die Richter bezeichneten sie als „ein Geschlechtes und an Intelligenz ebenbürtig^denen die das erste kaiserliche Exanlen rühmlich bestanden haben. Wenige Wochen später war sie die zweite w ’ • ^it dein ersten beispiellosen Erfolge wuchs auch ihr Ehrgeiz und mit dem Ehrgeiz ihre Kraft An dem Tage, da sie einem Sohne das Leben gab, besiegte Se ^chtmaßrge Gemahlii; des Kaisers und errang den Vortritt, weitblickende Klugheit aber ließ sie jede Krän- rung der Nebenbuhlerin vermeiden, die gleich dein.Kaiser dvn der Willenskraft und der liebenswürdigen Anmut uvnu fasziniert war und unbewußt dem Einfluß ihres stärkeren Geistes erlag. Als der Kaiser im Jahre 1861 starb, umr der siebenjährige Sohn Tsn-Hsis Erbe des Kaiser- tyrons. wer verstorbeiie «ohn des Himmels hatte genaue Verfügungen über bte Verwaltung des Reiches getroffen, em Regentschaftsrat aus zwei kaiserlichen Prinzen und einem i.cmyh e war eingesetzt, aber die Bewachung und Erziehung des jungen Kauers blieb in den Händen der beiden Kaiserinnen. -tsn-Hsis weitfliegenden Plänen konnte es nicht geungen im Palaste zu herrschen und die Reichsmacht einem Regentschaftsrat zu überlassen. Ohne Zögern and ohne Zaudern begann sie zu handeln, und der Staatsstreich, der sich mit dem Namen des Prinzen Kung verknüpft, ist in snm'.m<--lrr r™ ibiner späteren Ausnutzung das Werk Lfn-Hsis. Man verlor keine Zeit und hatte den Mut zu ganzen Maßregeln, die zlvar grausmn und blusig waren, aber bei, Erfolg verbürgten. Unmittelbar nach der Beerdi- S".ug des sterbenden Kaisers wurden die Mitglieder des Regentschaftsrates verhaftet, man klagte sie an, wichtige Zeremonlen beim Begräbnisse vernachlässigt zu haben, und schoii am Abend gab es fernen Regentschaftsrat mehr. Prinz Kung, der jüngere Bruder des verstorbenen Kaisers übernahm die Zugel der Regierung. Aber Tsu-Hsi war nicht ge- sonnen, sich mit der Herrschaft eines anderen anszusöhnen die Hofkreise zu beschränken Prinz '^^e erfahrtm, daß er zu gehorchen habe, und sie wagte den kühnen Schritt: eines Morgens erschien ein kaiser- *f.rv‘y Zdilt, das den Prinzen aller Würden entkleidete. Er fügte sich und wurde auch nach einigen Wochen mit aller- dlngs beschranktei, Vollmachten wieder in feine Ann ter eingesetzt, aber nun wußte jedermann, wer in China wirklich herrschte. Als ihr Sohn starb nnd eine junge Witwe zürück- ÜR" me in lvenigen Monaten ein Kind erwartete, fand W.u-Hsi die ^attrast zu einem neuen Staatsstreich, der ihr wiederum ans lange Zeit die Macht sicherte. Ohne die Geburt des Thronerben abzuwarten, eilt sie um Mitternacht ur das Lchlafgemach des kleinen Prinzen Kwang-sü, ihres I Neffen, und läßt ihn im Thronsaäl zu in Kaiser proklamieren. Der Vater, Bruder des alten verstorbenen Kaisers, ist I em gutmütiger, kunstsinniger Mann ohne Herrscherehrgeiz: j er wird Regent und Werkzeug des kühnen Frau. Niemand I tut Lande wagte einen Protest; der Selbstmord eines Ge- | lehrten, der damit gegen die gewaltsame Unterbrechung I ber Erbfolge demonstriert, ist das einzige Echo. Seit jenen I Tagen herrscht Tsu-Hsi nnnmschränkt über das große Reich I ber Mitte. Bis zum Jahre 1881 teilt sie mit der ersten | Kaiserin, wenn auch nicht die Macht, so doch die Würden, Und bezeichnend sür Tsu-Hsi Staatsklngheit ist, daß sie -8 Jahre lang friedlich und in herzlichem Einvernehmen I mit der Nebeutaiserin anskam. Seit deren Tode aber herrscht I ba§ „kleine Sklavenmädchen ans Kanton" allein über das I 400 Millionen-Bolk. 740 „Wie du willst," sagte der Beamte und ging aus der Tür. Gleich darauf kam er mit einigen Männern zurück. „Ihr nehmt beide mit euch," herrschte er sie an. „Der Kerl, der Simon Simonitsch hat sich auch der Beamteu- bestechuug schuldig gemacht." Es war umsonst, daß Maria Brouzolvska niederfiel und um Erbarmen flehte, umsonst, daß sie sich verschwor, viele hundert Rubel beschaffen zu wollen, so viel, wie der Gewaltige, der Gebieter nur wünschte. Water und Sohn wurden abgeführt. „Das Schlimmste, Gatt meiner Väter, ist, daß er ihn um 25 Rubel verkauft hat," stöhnte die Zurückbleibende. „Straf' ihn der Herr dafür!" schrie sie dann verzweifelt auf, „straf' ihn der Herr dafür tausendfach!" Vevm!dchtes. * lieber ein venezianisches „Abenteuer" des Prinzen August Wilhelm wird dem Berl. Börs.-Eour. geschrieben: „Eines Abends kehrte Prinz August Wilhelm mit seiner jungen Frau während seines venezianischen Aufenthaltes in einem jener bekannten italienischen Gasthöfe ein, die nicht mit Unrecht, ton dem Fremden als Sehenswürdigkeit gepriesen werden. Still und unerkannt sitzt das junge Paar an einem Tisch und betrachtet interessiert seine Umgebung. Zwei Italiener sitzen am Nebentische vor dem vollen Glase. Mit der ihren Landsleuten eigenen Freimütigkeit trinken sie dem prinzlichen Paare zu und knüpfen ein Gespräch an. Bald rücken sie naher und setzen sich — nach vorheriger Anfrage — an den Tisch August Wil- helms. „Sie trinken Asti", meint der eine, „das ist ein Getränk für Kinder und Greife, aber nichts für Kenner. Laßt euch doch den guten „Weißen" des Wirtes geben. Er ist zwar etwas teurer, doch darauf darf es einem auf der Reise nicht ankommen." Der Prinz winkte -b»2in oamericne und bestellt das Gewünschte. „Hvchseitsreise?" fragt der andere Italiener leichthin. August Wilhelm nickt. „Ihr tedesci kommt immer mit einer Bürde zu uns — entschuldigen Sie, gnädige Frau, es ist nicht böse gemeint", fährt er fort und der süffige Wein beginnt seine Zunge zu lösen, „entweder mit einem Weibe oder mit einer Kiste voller Bücher. Ihr werdet Italien nie verstehen lernen. Wie schmeckt der Wein?" August Wilhelm lobt ihn, anscheinend mit zu wenig Begeisterung. „Er ist gut genug, junger Freund, um von einem veritablen Grafen getrunken zu werden. Sie sind wohl Maler, wie die meisten Deutschen, die zu uns kommen?"— „Nein, politischer Doktor." — „Ei, ei, das ist etwas ganz besonderes", meint der Italiener, der den Ausdruck nicht kennt. „Dann setzen Sie mir die gegenwärtige politische Lage auseinander, die besonders verworren zu sein scheint." August Wilhelm sagte einige ganz allgemeine Redensarten. „Das ist nicht das Richtige", erwidert darauf der andere. „Warum bekämpfen sich die Völker und bauen große Kriegsschiffe und unterhalten Armeen? Die gemeinsame Eintracht und die Liebe der Völker ist das Schönste. Der Weltfrieden soll leben!" Die Gläser klingen aneinander. „Und die Frauen dazu", sagt der andere, der seine frühere Ungeschicklichkeit gut machen will. Man fährt ab, die Italiener in der Gondel des Prinzen; man tauscht gegenseitig die Visitenkarten aus. Großes Erstaunen" . . . * Kolonialer Humor. Das Tischgebet. Schulmeister (zum Klippkaffernschüler): „Nun sage mal, Apollo, hältst du denn auch täglich dein Tischgebet?" Apollo: „Nein, Mynheer, ich kann nicht." Schulmeister: „Warum denn aber nicht?" Apollo: „Ich habe keinen Tifch." — Tro st bedürftig. Der Missionar traut ein ernst und zivilisiert aussehendes Hottentottenpaar. Nach der Trauung tritt der junge Ehemann an ihn heran und sagt: „Mynheer, ich danke sehr für die trostreichen Worte!" — Das verkannte Fieberthermometer. Die Hererofrau Katrina fühlt sich „sick, banje sick" (krank, sehr krank) und bekommt das Fieberthermometer in den Arm. Als es nach zehn Minuten herausgenommen wird, erklärt sie aufatmend: „Danki, jetzt schon viel besser." Citcrarifdics. Neue philosophische Bucher. Das Interesse für psychologische Forschung nimmt un- zweifelhajt zu, und das ist ja in unserem Zeitalter der naturwissenschaftlichen Speziolforschung auch natürlich. Die Philosophen der alten Schule stehen dieser fungaufblühen- den Wissenschaft zum Teil noch recht skeptisch, ja sogar unfreundlich gegenüber, aber das hat rhren Fortgang bisher nicht zu hemmen vermocht. Die Psychologie erobert sich fast täglich neues Terrain. Ein solches ist u. a. auch die Kinderpsychologie. Vom Gießener Philosophen Karl Gross liegt über dieses Thema gegenwärtig ein sehr interessantes Werk vor, die zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage seines Buches über „Das Seelenleben des Kindes" (Verlag von Reuther & Reichard in Berlin). Der Verfasser nennt die Kinderpsychologie eine liebenswürdige Wissenschaft, eine „Wissenschaft vom Teuersten, Liebsten und Liebenswürdigsten, was wir auf der Welt haben, was wir hegen und pflegen, eben darum' aber auch studieren und verstehen müssen." Diese Worte charakterisieren den Verfasser und sein Buch, das dem Erzieher, dem Lehrer und den Eltern eine Fülle der Anregung zu nützlichen Beobachtungen und mancherlei Winke bei der Erziehungstätigkeit gibt. Das Mich wendet sich natürlich in erster Linie an die Männer und Frauen vom Fach, aber auch der Laie wird es mit Ntttzen studieren. Eine außerordentlich reichhaltige Literaturangabe gibt eine dankenswerte Orientierung über das ganze in Betracht kommende Gebiet. Von besonderem Interesse erscheinen in diesem Buche die Erörterilngen über die intentionale Beziehung, über Assoziationen, das Humesche Problem, das Gedächtnis und die Erinnerungstäuschungen. Dieses Bucht gibt keine trockene Theorie, die Darstellungsweise wird vielmehr durch Beispiele belebt, und das kommt der Klarheit und Deutlichkeit des Buches sehr zu statten. Ein zweites, ebenfalls recht lesenswertes Buch aus dem gleichen Gebiete der Psychologie ist: Th. Ribot, Die Psychologie der Aufmerksamkeit. (Uebersetzt von Dr. Tietze; Leipzig, Verlag von Eduard Maerter. 1908.) Der Verfasser behandelt in diesem Buche zunächst die beiden verschiedenen Formen der Aufmerksamkeit, die natürliche, absichtslose und die künstliche, willkürliche. Die erste, von den Psychologen am meisten vernachlässigte, ist die Ur- und Grundform der Aufmerksanlkeit. Die zweite ist lediglich ein Ergebnis der Erziehung. Der Mechanismus der Aufmerksamkeit ist nach Ribot wesentlich motorisch, d. h. die Aufmerksamkeit ist „ein Stillstand, der nur erzeugt werden kann durch einen physiologischen Mechanismus, der die Abgabe von wirklichen Bewegungen in der sinnlichen Aufmerksamkeit, Bewegungen int Entstehungszustande in der Reflexion verhindert." Aufmerksamkeit bedeutet kurz Konzentration und Hemmung der Bewegungen. Die Aufmerksamkeit ist, wie Ribot meint, ein Augenblickszustand des Geistes, kein dauerndes Vermögen wie die Sensibilität oder das Gedächtnis. Briefkasten der Redaktion. L. M. Wie in den früheren Jahren lueiöen wir natürlich auch in vielem Jahre ein Weihnachts-Preisrätsel 'ne unsere jungen Leser veranstalten. Am Samstag abenb könnt ihr euch schon die kleinen Kopie zerbrechen. — Cb du einen Preis erhältst, können wir nicht wissen, denn wir können doch unmöglich wissen, ob du die neblige Lösung findest. Jedenfalls haben wir schöne Preise ausgesucht, die unseren kleinen Freunden willkommen sein iverden. _____________ Altegyptische Hieroglyphe«. (Jedes Bild bezeichnet den An'cmgsbnchslaben seines Namens z. B. Sonne = s, Glas ----- g, re. Tie Vokale sind zir ergänzen.) e. 1 Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzvätsels in voriger Nummer: AAS n u o d t h A n