1908 ,i»l m Ji ll UM SKM s® John Darrows Tod. Roman von M e l v i n L. ©euer y. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ' Mein Freund warf einen hastigen Blick auf das Haus und sagte dann, mich ungeduldig am Arme fassend: „Es ist eine riesige Mietskaserne. Vorwärts! Die Jagd ist noch nicht aus." So gingen wir eilig hinein. Die junge Dame war verschwunden, aber beim Eintreten horten wir, wie im Stockwerk darüber eine Tür zugemacht wurde, und waren unserer Sache sicher, dast sie dort hineingegangen war. So geräuschlos als möglich stiegen wir die Treppe hinauf und horchten im Treppcn- flur. Wir unterschieden eine weibliche und hin und wieder auch eine männliche Stimme, vermochten aber die Worte nicht zu verstehen. Zu unserer Rechten stand eine Tür etwas offen. Maitland stieß sie vollends auf und schaute hinein. Das Zimmer war unbewohnt und nicht möbliert, von einem baufälligen Ofen abgesehen, der au der Wand nach dem Zimmer zu stand, in dem die junge Dame verschwunden war. Maitland winkte mir, und ich folgte ihm in das Zimmer. Innen steckte ein Schlüssel im Schloß, den er leise umdrehte, worauf er genaue Umschau hielt. Mit dem Zimmer, in dem wir nns befanden, standen noch drei andere in Verbindung, die mit ihm zusammen offenbar eine Mietswohnung ausmachten. Alles war in schlechtem Zustande, wie es zumeist in den billigen Mietswohnungen dieser Gegend der Fall ist. Der letzte Inhaber der Wohnung hatte es für Luxus gehalten, die Räume beim Verlassen zu säubern, und seinem Nachfolger' gewissenhaft allen Schmutz ungeschmälert hinterlassen. ’ Als wir mit der Besichtigung fertig waren, kehrten wir in das erste Gelaß zurück, das offenbar die Küche vorstellte. Wir konnten hier die Stimmen hören, aber undeutlich. „Bleiben Sie hier, Doktor," flüsterte Maitland. „Ich will alte Kleider für uns besorgen und den Hausbesitzer aufsuchen. Die Wohnung hier will ich für mich mieten, um die Nachbarn dort etwas besser kennen zu lernen. Sogleich bin ich wieder da. Lassen Sie keinen Menschen jenes Zimmer verlassen, ohne sich zu vergewissern, wohin er geht." Daniit ging er fort, und ich fand bald in seiner Abwesenheit eine gute Beschäftigung für mich. In der Wand über dem Ofen, wo das Rohr durch die Zwischenmauer in das Zimmer des Nachbars führte, war ein so großer Spalt, daß ich, auf dem Ofen stehend, den größten Teil des anstoßenden Gemaches übersehen konnte. Ich nahm mir diese Freiheit, wenn auch nicht ohne dieselbe Gewissensregung, wie ich sie vorher bei der Verfolgung der jungen Dame gefühlt hatte. Das Zimmer war schlecht möbliert, und doch, trotz der dürftigen Ausstattung, war ein guter Geschmack unverkennbar. Alles war peinlich sauber, und die wenigen billigen Bilder an den Wänden stellten Meisterwerke dar. In der Mitte des Zimmers stand ein kleiner Tisch von Tannenholz, an dem mir gegenüber der Mann saß, der den Brief offenbar geschrieben hatte. An einem Ende des Tisches saß auf einer Stuhllehne ein ’ Kapuzineraffe, der feinen Herrn mit nüchterner und kritisches Mine musterte. Auch ich betrachtete den Mann aufmerksam^. Er hatte eine große schlanke Gestalt, maß an sechs Fuß und wog meiner Schätzung nach nicht über huudertundfünfzig Pfund. Sein Gesicht war zusarnntengeknisfen und vergrämt, doch wurde dieser Eindruck mehr als wettgemacht durch ein Paar große dunkle Augen von einer Tiefe und Macht, wie ich sie nie gesehen habe, obschon ab und zu daraus eine Wildheit blitzte, die ihrer tiefen, gehaltvollen Schönheit Eintrag tat. Die Brauen nnd die Haltung des Kopfes bezeugten sofort den Gelehrten. Während ich ihn so beobachtete, kam das junge Mädchen aus einer Ecke des Zimmers, die ich nicht übersehen konnte, und legte ihm meinen Brief vor. Während er ihn öffnete, stand sie hinter seinem Stuhl, streichelte ihm das Haar und gab ihm von Zeit zu Zeit einen zärtlichen Kuß. Er machte eine Pause im Lesen, hob beide Annie auf, zog sie zu sich nieder, küßte sie leidenschaftlich, seufzte und nahm den Brief wieder zur Hand Kein Wort, keine Bewegung, keinen Blick ließ ich mir entgehen Mit Ueberraschung bemerkte ich, eine wie innige Zuneigung die beiden zu verbinden schien, und ich erinnere mich, wie der Gedanke mein Gehirn durchfuhr: „Was für zwiespältige Wesen sind wir doch sämtlich! Hier ist ein Mensch, der allein Anscheine nach einen harmlosen Mann, ohne Grund und kalten Blutes meuchlerisch umgebracht hat. Man sollte meinen, solch ein Mörder müßte maßlos selbstsüchtig und roh sein, unzugänglich für jedes bessere, edlere, menschliche Gefühl, nnd doch sieht man beim ersten Blick, daß das junge Mädchen hier feine Seele ganz erfüllt." Inzwischen hatte der Mann meinen Brief durchgelesen und mit einem Ausruf der Entrüstung auf den Tisch geworfen. „Bah!" sagte er, „der Mensch hat die Unverschämtheit, mir als neue Methode anzupreisen, was schon seit länger als einem Vierteljahrhundert als Broadbents Methode bekannt ist! Wahrhaftig sehr neu! Werde ich je einen Arzt finden, der wahrhaft wissenschaftlich vorgeht? Ich kamt das Suchen einfach aufgeben. Mon Dien! Und dabei nennen iie die Medizin eine Wissenschaft! Bah!" und stirnrunzelnd ließ er seinen Kopf verzweiflungsvoll auf seine Hand sinken. Das junge Mädchen strich ihm sanft über die Stirn und schwieg fast eine Minute laug. „Du befindest dich heute nicht wohl, Vater," sagte sie schließlich. „Herr Godin ist in meiner Abwesenheit hier gewesen." „Herr Godin!" rief ich beinahe und faßte das Rohr, um nicht vom Ofen zn fallen. „So ist unser Nebenbuhler dicht auf der Spur, wahrscheinlich noch vor uns. Wie in aller Welt" — aber ich brachte den Satz nicht zu Ende. Als ich das Rohr berührte, hatte dessen Fortsetzung durch die Gipswand über mir ein hörbares Knistern vernehmen lassen. Das rasche Ohr des jungen Mädchens hatte den Ton wahrgenommen, und ihre Augen richteten sich argwöhnisch auf den Spalt, durch den ich spähte. Ich dachte, sie müßte mich sehen, und doch wagte ich nicht mich zn rühren. Nach einer Weile schien sie sich beruhigt zu haben und fuhr fort: „Ich wußte, daß er hier gewesen war. Du bist immer so, wenn er mit dir gesprochen hat. Warum kommt er jetzt immer, wenn ich fort bin?" Die Frage schien ganz harmlos, und doch wurde der Manu, an den sie gerichtet war, purpurrot liitb foiwnit aschfahl. Als er sprach, war es peinlich zu sehen, welche Anstrengung ihn die Selbstüberwindung kostcic. „Wir haben ein Privatgeschäft, Liebe, ein Privatgeschäft." Er zögerte einen Augenblick, und wieder blitzte die Wildheit aus seinen Augen, die ich sofort beiuerkt hatte. „Ich verkaufe ihm etwas, — so teuer wie mein Herzblut, und ich hoffe, genug zu erhalten, das; du vor Mangel geschützt bist." „Und du, Vater?" fragte das junge Mädchen innig. Es sah niir aus, als laufe ein Beben über seine Gestalt, als er ihr Gesicht zu dem seinen herniederzog und sie küßte. „Ich? Laß dich das nicht kümmern, der Krebs hier macht jede andere Sorge überflüssig." Sie erwiderte nichts, sondern wandte sich ab, uni" die Tränen zu verbergen, die ihr aus den Augen sprangen. Ich habe niemals als besonders gefühlvoll gegolten, — das heißt, nicht mehr als andre Durchschnittsmenschen — aber in ihren Zügen lag ein Ausdruck, der mir ins Herz schnitt wie ein Messer. Es war mir, als müßte ich mit ihr weinen. So vertieft war ich in die Betrachtung des Schauspiels vor mir, daß ich Maitlands Eintreten nicht bemerkte, bis er mich am Rock faßte und veranlaßte, herunterzuffeigen. Unten im Flur erzählte er mir, er habe die Wohnung.gemietet, und entwickelte mir seinen weiteren Plan. Sobald er aufgehört hatte, zu sprechen, sagte ich zu ihm: „Maitland, Sie sind zweifellos aus der rechten Fährte. Der Mann da drüben iff der, welchen wir suchen, ganz sicher, aber ich fürchte, wir kommen ein bißchen zu spät." „Zu spät!" rief er in einem Ton, daß ich schon fürchtete, man würde uns hören. „Was soll das heißen?" „Das soll heißen, daß Godin schon das Wild gestellt hat." In den nächsten Minuten durchlief Maitlands Gesichtsfarbe die ganze Farbenskala, und ich rückte ihm näher, nm ihn gegebenenfalls Vvrm Umsinken zu bewahren, doch es kam nicht so weit. „Godin!" brachte er schließlich hervor. „In aller Götter Namen, Doktor! Der iff wirklich, ivofür er gilt, und hat dabei ebensoviel Glück ivie Verstand." Bei diesen letzten Worten zog eine schwere Wolke über sein Gesicht. „Machen Sie," fuhr er ärgerlich fort, „und sagen Sie mir nur gleich alles, was Sie Nüssen." . H ! i , s Ich teilte ihm hierauf mit, toaS ich gehört harte, und fragte ihn am Ende, was er nun zu tun gedenke. „Zu tun?" versetzte er. „Ich kann nur eines tun. Da gibts gar feine Wahl," und dabei schloß er seinen Mund mit einem Ausdruck von Energie, dessen Bedeutung mir wohlbekannt war. „Hier werde ich mich niederlasien," sagte er, „bis ich alles, was ich brauche, über unsere Nachbarn in Erfahrung gebracht habe. Ich habe mich bereits mit Instrumenten versehen, die mir gestatten werden, jede ihrer Bewegungen zu beobachten und, wo nötig, zu photographieren und jedes Wort, das sie äußern, zu hören und festzuhalten. Sie sehen mich überrascht an, aber die Sache ist sehr einfach Ich befestige meine Linsen vor dem Spalt, durch den Sie geschaut haben, — ich hätte ihn künstlich hergestellt, wenn er nicht schon vorhanden wäre, — und bringe das Bilden meinen Apparat. Mit dem Hören ist es noch einfacher. Ich werde heute nacht den Gips auf dieser Seite der Zwischenwand vorsichtig beseitigen, bis ich zu der Tapete, welche die Seite drüben bekleidet, gelange. Tie Tapete bleibt nnver- sehrt und dient als Membran. Ich brauche dann nur meinen Stift daran zu befestigen, und siehe da, wir haben ein Mikrophon oder Telephon, _ wie Sie es nun lieber nennen wollen. Ich - acuß nur darauf bedacht sein, das Instrument hoch genug anzn- bringen, damit die Tapete nicht zufällig von der andern Seile einmal beschädigt wird, und bei Entfernung des Mörtels geräuschlos zu verfahren. Ich werde natürlich ein Stück schwarzen Ms darüber tun, um das Durchscheinen unseres Lichtes zu verhindern und die Geräusche, die von hier kommen, zu dämpfen. Auf diese Weise werden wir alles, was im andern Zimmer vor sich geht, hören können, aber wir brauchen vielleicht eine phono- graphische Festlegung dessen, was drüben gesprochen wird. Tas Verfahren, dessen ich mich zu diesem Zwecke bediene, ift eine Erfindung von mir, die ich Sie bitte, bis ich mir das Patent erworben habe, geheim zu halten. Die Technik im ciu- zelnen werden Sie seiner Zeit zn sehen bekommen. Jetzt gehen ferne, bitte, und schicken mir so bald als möglich die hier verzeichneten Gegenstände." Er gab mir ein Papier und fuhr fort: „Wir wollen die Flinte noch nicht ins Korn werfen; vielleicht kann unser schlauer Nebenbuhler die Beweiskette nicht so schnell schließen wie wir. Auf alle Fälle werde ich, wenn er wiederkommt, mich überzeugen, wie weit er bereits ist. Ehe ich beit. Mann da drüben verhaften lassen kann, muß ich erst noch einige Punkte aufklären, und es ist mir zweifelhaft, ob Herr Godin in dieser Beziehung besser daran ist als wir. Beim Zeus, ich gäbe was drum, wüßte ich, wie der Teufelskerl so weit gekommen ist, ohne auch nur verlauten zu lassen, daß er einen Schritt in der Sache getan hat. Bitte, sagen Sie Fräulein Darrow, ich folgte einer vielversprechenden Spur — vielversprechend wenigstens für diesen oder jenen — und könnte mich eine Zeit- lang nicht sehen lassen." Ich führte den Auftrag aus, und wenn ich mich irgendwie auf die Deutung der Symptome weiblicher Herzensregungen verstehe, so bereitete meine Botschaft Florence fein ungetrübtes Vergnügen. Jeden Tag besuchte ich Maitland, um nach seinen Wünschen. zn fragen und ihm seine Post zu bringen, denn er verließ seinen Beobachtungsposteu nicht. (Fortsetzung folgt.) Aus der Geschichte der Universität Jena. (Zur Jubiläumsfeier am 30. Juli.) Vvu Dr. Alexander E l st e r (Jena). Ein Zeitraum von 350 Jahren, der für ein Städtchen im Herzen Deutschlands nnd eine Metropole des Geistes fast eine Wiederspiegelung der Geschichte Deutschlands in dieser Zeit bedeutet, ist so ungeheuer reich an lebensvollen Bildern und Gestalten, an interessanten Zuständen wie an Entwicklung und Fortschritt, daß es ein kühnes Unterfangen ist, ihn kurz überblicken zu wollen. Aber die „hohe Zeit", die setzt für die hübsche Universitätsstadt der Saale gekommen ist und sie als Jubilarin und als Besitzerin eines herrlichen neuen Universitätsgebäudes begrüßt," diese Zeit fordert von den Zeitgenossen, daß sie sich wenigstens der Hauptetappen besinnen, die den Entwicklungsgang dieser interessanten Hochschule und ihres Stndentenlebens ausmachen. Aus ganz bescheidenen Anfängen hat sich die Universität Jena entwickelt. Nicht mit der Pracht einer Vollgründung trat sie ins Leben; ihr Stifter, Johann Friedrich der Großmütige, war eüt im Felde geschlagener, seiner Kurlande beraubter Fürst in des Kaisers Gefangenschaft, als er für das ihm verlorene Wittenberg einen Ersatz suchte. Und so ließ er, der selbst in der Gesangenschaft "den Kampf des Geistes hochhielt, 1548 wenigstens ein Akademisches Gym- . nasium gründen, das in Jena seine Stätte fand in einem früheren Panliner Kloster. Theologie und Beredsamkeit waren die ersten und anfangs einzigen Fächer, die hier vertreten waren. Zu den Professoren Johannes Stigel und Viktorin Strigel, die diese Wissenszweige und neben ihnen noch mancherlei andere lasen (Physik, Geschichte), kamen ein Pädagog, der zugleich die Mathematik vertrat, dann der tüchtige Theologe Erhard Schnepf, der zuvor in Tübingen eine Professur gehabt hatte, ferner Justus Jonas n. a. m„ insonderheit einen Kreis von Theologen bildend, die alsbald als Gegner der Wittenberger Theologie von sich reden machten. In dem Mediziner Johann Schröter aber wurde der Mann gewonnen, der dank seiner hohen Beziehungen und feiner* Diplomatie beim Kaiser Ferdinand die Erteilung der Privilegien und der Genehmigung einer unumschränkten Volluniversität erlangte. Das wollte sehr viel besagen. Denn mitten im Glaubensstreit von dem katholischen Habsburger diese Genehmigung für eine neue im Kampfgeist geschaffene protestantische Universität zu erlangen, war alles Mögliche und trug dem später geadelten Joh. von Schröter, den ersten Rektor der Universität Jena, viele Ehren ein. Sv ward am 1: Februar 1558 dies akademische Gymnasium zur Universität geweiht. Ihr hochherziger Gründer hat diesen Tag nicht mehr erlebt; er war schon 1554 gestorben, nachdem er doch noch 1552 bei seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft die Freude gehabt hatte, die Studenten und Professoren seines akademischen Gymnasiums zu begrüßen und voll Hoffnung dem frischen Geiste der jungen Gründung zuzuschauen, der ihm Gutes zn versprechen chien. Für die Einwohner Jenas war die Gründung der Aka- d.emie, wie es scheint, eine Lebensfrage gewesen; denn sie ührten den Mein aus, den sie bauten, um Getreide dafür einzukaufen, und es wird uns berichtet, daß die Konjunktur gerade zu jener Zeit sich recht ungünstig gestaltete, weil eine Aeihe ihrer Abnehmer begannen, ihren Wein selbst zu bauen: Durch die Universität wurde ihnen ein neuer Erwerbszweig, 459 — die Beherbergung und Beköstigung der Studenten, in ihre Mauern getragen. In diesen Mauern aber erhob sich bald theologischer Streit. Zwischen den Professoren Flacius und Schnepf und Strigel andererseits entbrannte, von Flacius verschuldet, ein häßlicher Zwist über die Erbsündentheorie und endigte mit Einkerkerung der in der Disputation Unterlegenen. Während es in den anderen Fakultäten verhältnismäßig still zugeht, ist, entsprechend dein Geiste der religiös aufgeregten Zeit, die Theologie in lebhafter Bewegung und bringt auch immer wieder bedeutende Lehrer hervor, so bald nach der Jahrhundertwende „die preiswürdrge johan- neische Trias", als die Professoren Johann Maior, Johann Gerhard und Johann §imtttel sich hier zusammengefunden hatten. An all den Meinungsverschiedenheiten und Geisteskämpfen nahmen die Studenten lebhaften, und oft allzu tätigen Anteil. Ihr Jugendmut übersetzte oft genug die Geisteskümpfe in Handgreiflichkeiten und drückte so auf "mehr als ein Jahrhundert. hinaus dem Jenaer Studentenleben ein Siegel auf, das nur allzu kenntlich war. Denn während auf den älteren Universitäten das Burschen- und Klosterleben die akademische Freiheit durchaus beschränkt hatte, war in Jena von Anfang an dem Studenten eine große persönliche Freiheit eingeräumt, der er, wie nicht anders zu erwarten, nicht ganz fähig war. Umsoweniger in der Zeit des 30jährigen Krieges, da „alle Bande frommer Scheu" gelockert wurden und der Geist des Kriegszustandes und der Roheit sich leicht in der so freigelassenen akademischen Jugend festsetzen konnte. Dazu kam wohl auch, daß in Jena, obwohl es von Kriegsnöten nicht zu hart bedroht war, einige Unstetigkeit dadurch geschaffen wurde, daß die ganze Hochschule wegen Pestgefahr einigemale auswandern mußte..... Kurzum, mancherlei Gründe — auch wohl die Anwesenheit vieler „älterer Semester" gerade in Jana — wirkten dazu mit, in dieser kleinen Stadt, wo der Student dominierend war und sich deshalb sehr viel, ja mitunter alles, erlauben durfte, ein Studentenleben erstehen zu lassen, das im 17. Jahrhundert wegen seiner Zügellosigkeit von sich reden machte. Waffentragen und Trinkwescn. . . dies waren — fast wie heutzutage auch noch — die Angelpunkte der studentischen Lebensäußerungen, nur daß beides in damaliger Zeit in erschreckender Weise ausartete. Bon Fleiß der Studenten war nicht viel zu spüren, die jüngeren wurden dank der bekannten Einrichtungen des „Pennalismus" die Sklaven der älteren; sie mußten — verhauen, eingeschüchtert und mittellos wie sie waren — den älteren dienen und ihnen alles abtreten: Ehre, Kleidung, Gewasfen. Sie duckten sich scheu an den Häusern herum, während der Bursch gestiefelt und gespornt, im spanischen Mantel und mit dem Degen einherging und den großen Mann markierte. Die Deposition, die sogar unter der Universität- Auspizien ausgeübt, in ihrer Prozedur etwas Erniedrigendes für den neuangekom- menen „Fuchs" hatte, trug das ihrige dazu bei — beim Fechten wie beim Sanfen erging es dem armen Jungen schlecht. Die Burschen aber fochten und tranken auf dein Markt und auf offenen Gassen, ans den Dörferu der Umgegend und auf ihren Buden; ja selbst hier und da bei ihren Professoren, bei denen sie in Pension waren. Raufereien, Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung, sowohl untereinander als gegen die Bürger und die Miliz. Wurde das Bier teurer, so warf man die Fenster ein, und die nächtlichen Scharmützel hörten nicht auf. Daneben aber — fern von dem Treiben dieser teils rohen, teils renommierenden Hochschulbummler — förderte der fleißige Lehrer und Student, wie es uns z. B. aus dem Hause, des Professors Gerhard bezeugt wird, viel Arbeit zutage und mehrten nnd förderten die Wissenschaft, die blühte und gedieh. Ja es waren derer recht viele, nur daß der stille Studio die Welt nicht so mit seinen Taten ansüllte. Diese webten und wirkten still und halfen doch allmählich auch den landsmannschaftlichen Studenten, der später fast allein noch die Traditionen der Wildheit bewahrte, einem gesitteteren Leben entgegenzuführen. So ging die Universität Jena ihrer ersten Blüte zu Beginn des 18. Jahrhunderts entgegen. Eine ganze Reihe berühmter Lehrer — freilich mehr Sammler und Polyhistoren als bahnbrechende Forscher — übte eine große Anziehungskraft aus, und das kleine Städtchen konnte selbst bis zu 3000 Studenten in seinen Mauern sehen, gewiß eine erstaunlich hohe Frequenzzahl, von der uns da berichtet wird. Nach dem siebenjährigen Kriege nahm die Zahl etwas ab, blieb aber immer noch beträchtlich und hob sich dann wieder, als zu Ende des 18. Jahrhunderts die zweite, größere Blüte der Thüringer Hochschule einsetzte, die sich an die Namen Schiller, Fichte, Schelling und Hegel knüpft. Denn es regierte ein Herzog von Weimar zu jener Zeit, der für Geistesfreiheit und geistigen Hochstand Sinn hatte, Carl August, der Dichterfreund, und dem es daran gelegen war, in Jena die Koryphäen des Geistes zu sammeln. Das gelang ihm denn auch glänzend. In den zwanzig Jahren 1790—1810 sah die Thüringer Hochschule die bedeutendsten Männer jener Zeit als Lehrer auf ihren Kathedern. Die berühmten Theologen Döderlein, Griesbach und Paulus eröffnen den Reigen, die Juristen Hufeland und Thibaut, die Mediziner Loder und Ehr. Will). Hufeland schließen sich an, und von besonderem Glanze war die philosophische Fakultät. Da lehrte der berühmte Reinhold, der wie selten ein Professor die uneingeschränkteste Liebe der studentischen Jugend sich gewann; diesem folgte Fichte (1794—99) und nach dessen Aussehen erregender, durch Mißverständnisse und Eigensinn herbeigeführten Amtsentsetznug wegen atheistischer Lehren dann Schelling (1798—1803) und Hegel (1801—1806). Mas diese führenden Geister für Deutschlands Wissenschaft und mithin zugleich für die Jenaer Universität bedeuteten, ist zu bekannt, als daß darauf, ebensowenig wie auf Schillers begeisternde und ideale Lehrtätigkeit, im einzelnen hier näher cingegangen werden müßte. Was aber diese Männer auch für die Geistes- und Herzensbildung der Jenaer Studenten bewirkt haben, das zeigt sich mit vollster Deutlichkeit in der einen Tatsache, daß 1792 eine von den Studenten ausgehende Bewegung zur Abschaffung des Duells einsetzen konnte — mit einer Eingabe, die von mehr als 300 Studenten unterzeichnet war. Durch merkwürdige Verkettung von Umständen und ungeschickte Behandlung von oben kau: es zu Unruhen über diese Angelegenheit, — zu einem Wachstum der Studentenorden statt ihrer Unterdrückung, zu größeren Tumulten und endlich zu dem Auszug der Studenten am 19. Juli 1792 nach dem in der Nähe gelegenen, damals kurmainzischen Dorfe Nohra, von wo sie nach diplomatischen Vermittlungen zum größten Teil erst am 23. Juli zurückkehrten. Aber der bessere Geist in der Studentenschaft !var lveit genug ausgebildet nnd kräftig genug, auch diese letzten Zuckungen zu überwinden und allmählich in diejenigen Formen überzugehen, die wir in ähnlicher Weise heute noch! finden. Da loderte der Burschengeist noch einmal zu höchsten Höhen aus. Der Jenaer Student war zu einem für alle Ideale kämpfenden Patrioten geworden, der seine Freiheit für hohe Aufgaben der Aufklärnng, der Begeisterung, ja für die vaterländische Tat selber nutzbar machte. Die Jenenser traten meist in Lützows Freikorps und kämpften heldenmütig für das Vaterland, viele ihr junges Leben als Pfand hingehend. Geläutert iiitb männlich erhoben kehrten die Sieger zurück und — unzufrieden mit dem kleinlichen Geist der Renommisten nnd Stutzer der Zeit der Erniedrigung — wollten sie das studentische Leben in neue, höhere und reinere Formen gießen. Es ist die Zeit der bekannten Gründung der deutschen Burschenschaft in der „Tanne" zu Jena, lvo ein neuer deutscher Gedanke zuerst Fuß faßte unter der Jugend und sich ausbreitete auf die akademische Jugend anderer Hochschulen. Die Wärtburg- feste hielten den Gedanken wach — und war auch viel Gären, Stürmen und Drängen dabei, so hat diese Begeisterung iinb diese Jugenderziehung doch recht behalten und gutes gewirkt zum Ruhme Jenas und in majorem gloriam und zum Segen des größeren Vaterlandes. Aber es folgte — als gewisser häßlicher Nachklang — die Ermordung Kotzebues durch den Studenten Sand. Die dem freiheitlichen Geiste Jenas schon lange abholden orthodoxen Kreise Deutschlands brachten diese unselige Tat eines Einzelnen, weil er zuletzt Jenaer Student gewesen war, mit dem Geist der Gesamtstudentenschaft Jenas in unauflösliche Verbindung und agitierten gegen die Universität. — Die große Blüte der Thüringer Hochschule war vorüber, ihre Bedsu- tung schien zu sinken, und ihre Frequenz, die Ende deÄ 18. Jahrhunderts noch etwa 1000 betragen hatte, sank langsam aber stetig, bis 1835 auf 600; sie sank auch weiter, so daß sie sich von da bis 1880 um 400 bis 500 bewegte. Von da an aber ging sic allmählich bis 1902 auf 700 hinauf 460 und neuerdings in rascher Steigung auf den gegenwärtigen Stand von mehr als 1500 Studenten, eine seit langem nicht mehr erreichte Höhe. Hing die Schwankung früher mit tiefgreifenden politischer! Ereignissen ebenso wie mit dem Erstehen anderer Universitäten zusammen, so gibt jetzt mehr und mehr in dem großen geeinigten Deutschland die Ausstattung einer Hochschule mit hervorragendem Lehrapparat, mit landschaftlichen Vorzügen und geschälten Eigenschaften den Vorzug. Dies aber gehört nicht mehr der Geschichte an; es gibt denr heutigen Betrachter Jenas indes einen recht erfreulichen Abschluß des wechselvollen historischen Bildes und einen freundlichen Blick in die Zukunft dieser im Glutschein einer heißloderuden Geistesgeschichte flammenden Vergangenheit der Jenaer Hochschule. Da§ gekrankte Bremerhaven. Unsere Leser erinnern sich des Bremerhavener Reisebriefes unseres Mitarbeiters Tr. A. Z. Das in verhältnismäßig sehr kurzer Frist aus dein Nichts herausgewachsene Konglomerat von ausdruckslosen Maurermeisterbauten für meist ärmliche Bremer Vorortbewohner kam in der Schilderung des Dr. Z ziemlich schlecht weg. Darüber ist man nun aus voll berechtigtem Lokalpatriotismus in Bremerhaven baß erbost und rümpft über den bösen Dr. Z. die Vorstadtnasen. Die berufene Hüterin des Bremerhavener Geineinsinnes, die dort erscheinende, übrigens recht respektable „Nordwestdeutsche Zig.", faßt ihre Zurückweisung des raschen Urteils des Dr. Z. in folgende Worte zusammen: Die Stadt des Grauens nennt ein Dr. A. Z im „Gießener Familieu-Blatt" nnser Bremerhaven. Dieser Ber- >aner, der jedenfalls die Schriftstellerei als Dilettant und nicht als Beruf betreibt, hat auf der Reise »ach Amerika Bremerhaven Passtert und «ich hier anscheinend schlecht amüsiert, so daß er nun die schale seines Zornes über unfern Ort ausgießt. Er ruft aus: „Wie überwältigte mich der erste Anblick von Hamburg, wefches liebe Erinnern an Stunden reichen Genießens knüpft sich nur an die Quais von Antwerpen, ja, wie oft nnd Ivie gern 123 )ch mir die Nase voll T.erduft an den Ufern der Spree!" So schreibt der Herr wörtlich und macht dann die Unterweserorte ui einer Weise herunter, die erkennen läßt, daß er infolge maugel- hafter Orientierung von unfern Sehenswürdigkeiten nichts zu sehen bekommen hat. Kein Wort von dein Ausblick vom Weser- d?ch- kein Wort von dem Gecstemünder Fischereihafen oder dem mesigen Baumwollverkehr, kein Wort von der imponierenden Kauerschleuse oder den ihres Gleichen suchenden Schnelldampfern. Auch von unseren Wersten und Docks hat er nichts gesehen. Sollle &m Dr. A. Z. auf der Rückreise von . Amerika wieder über Bremerhaven kommen, so erbieten wir uns, ihn herumzufuhren, und er wird dann jedenfalls nicht mehr in seiner iöetntflt so verkehrte Ansichten über die Unterweserortc anskramen. . freundliche Anerbieten der Kollegin von der Weser, unsern Herrn Mitarbeiter mit dem halben Dutzend der Bremerhavener Sehenswürdigkeiten bekannt gif machen, Aurde Herr Dr. Z., soweit wir ihn kennen, gewiß mit Tank annehmen und sich gern belehren lassen; er würde Irrtümer gewiß bereitwilligst richtig stellen — wenn er nicht, was die Bremerhavener Redaktion nicht wissen kann, als des Norddeutschen Lloyd sie vielleicht gründ- licher kennt als diese selbst! Tie Handvoll Sehenswürdigkeiten die das Matt aufzühlt, hat so ziemlich jede Hafenstadt und sie charalteristeren nicht Bremerhaven speziell. Darum wohl unterließ Dr. Z. deren Erwähnung. Sie bilden zum min- desten keine besonderen Vorzüge für jemanden, der ästhetisch zu schauen gewohnt ist, wie nnser Dr. Z., den wir den Unfern nennen, weil er, wie die Kollegin an der Uuter- we,er ganz richtig vermutet, ein geborener Gießener ist. «öto übrigen pflichten wir aus unserer eigenen Kenntnis Bremerhavens Herrn Dr. Z.'s Urteil vollkominen bei, wenn wir auch zugeben, daß dem Ausdrucke „Die Stadt des Grauens" Wohlwollen nicht gerade anhaftet. D. Red. der Gieß. Fam.-Bl. Vermachtes. Heiratsvermittler. AuS LoU- if?®te, W?r®ette einer seltsamen Liebesgeschichte ff ??’“ tn. das Heiratsregister der alten Heinen Dorfkirche, von tn FuMy eingetragen worden. Die Braut war eine Engländerin, Miß Ethel Brignall aus Wallington; wacher. amerikanischer Ingenieur ans New- 9 6 rc1 S'ltco.lll6-. Vor zwei Jahren war der ■} merikaner auf einer Europareise tn London eingetroffen, verblieb dort mehrere Wochen nnd besuchte auch die Tate-Galerie. Vor einem Bildnis von Ralph Pearock blieb er stehen; es stellte zwei Schwestern dar und die reizenden Gesichtszüge der jüngeren, die großen tiefblauen Augen, die schüchterne Grazie ihrer Be- wegung gefielen dem Amerikaner außerordentlich. Am Nachmittag kam er wieder, um das Bild noch einmal anzusehen, die eine Schwester erichien ihm noch schöner wie am Morgen, und als er am dritten Tage wiederkehrte, ertappte er sich dabei, daß er sich regelrecht in diese entzückende kleine gemalte Engländerin verliebt hatte. Nach einigen Bemühungen erfuhr er die Adresse des Künstlers und bat Mr. Peaeock, ihm doch eine Kopie von dem Gemälde anzufertigen, das er unter allen Umständen besitzeit müsse. Der Maler, der sich sträubte, fein eigenes Werk zu wiederholen, führte ihn bei einem Kollegen ein, der die Arbeit übernahm, und im Laufe des Gespräches erfuhr nun der Amerikaner, daß die reizende kleine Engländerin die Schwägerin Peacocks war. Er wurde schließlich in das Haus des Malers eingeführt/ stand dem Original des Bildes gegenüber und fand, daß der Schwager mit seinem Pinsel nicht geschmeichelt hatte. Mit ameri- kaniicher Entschlossenheit vermied er jeden Zeitverlust, er erzählte Miß Ethe.l die Geschichte von dem Bilde, das sein Herz ans dem Gleichgewicht gebracht habe, die Sache endete in einer regel- rechten Liebeserklärung. Wenige Wochen später war die „Schwester" feine Braut Nnd jetzt hat diese romantische Liebesgeschichte vor dem Altar einstweilen ihren Abschluß gefunden- Die junge Frau ist in ihrer Heimat als ein außerordentlich schauspielerisches Talent berühmt; bei den alljährlich stattfindenden Dilettantenaufsiihruugen hat die Begabung des jungen Mädchens großes Aufsehen erregt, aber nun wird Amerika ihr Vaterland werden. * Erster Theaterdirektor: „Ihr erster Liebhaber muß aber schwer zu behandeln sein."--Zweiter Theaterdirektor: „Ist er auch. Es gibt nur einen, von dem er sich etwas sagen läßt." — Erster: „Und wer ist das?" — Zweiter: „Der Sonffleur." i * Wieder neu vermählt. Es ist doch etwas Schönes/ solche Hochzeitsreise! Ich begreife nicht, wie die Menschen früher mit einer einzigen zufrieden sein konnten. An- und Einsichten. Kühnen und Wagenden steht tmgefehen das Glück bet, plötzlich ist etwas geraten. Jak. Grimm. • Des Tages Geschähe sind für viele der Art, daß sie für Dinge, welche des Eifers nicht ivürdig sind, alle Kräfte üt Bewegung setzen. Je hastiger nnd atemloser dies geschieht, um so mehr wird der Mensch von den Kleinigkeiten des Augenblicks überwältigt nnd seinen ivahren Interessen entfremdet; er verliert sich selbst. » E. Surfing. Wer sich um Weisheit müht und nicht anwendet die Weisheit, gleicht dem Manne, der pflügt nnd zu säen vergißt. Herder. Rätsel. Zwei Silben nnd vier Zeichen Bringt dieses Rätsel dir; Es ist der Tiere Nahrung, Doch auch der Tafel Zier. Nimm weg das ziveite Zeichen Uni) setz' eilt andres ein. Siehst Vögel in den Lüsten Du ziehn in düstern Reih'». Vertausch das ziveite Zeichen Nun noch ein ziveites Mal, Nennt dir eilt Schneiderkunstwerk, Des Ehemannes Qual. Vertausch' zum dritten Male Des zweiten Zeichens Laut: Des Winzers Lust und Wonne Dir froh entgegenschant. A. A in in a n n. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung de§ Arithmogriplis in voriger Nummer: Anna Ritter. B l t B r it u o - ...... —.....- .... E i s c » T V 0 i a S t e r tt E i s e Redaktion: P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'schen^i^e^tätS.Buö^'mtdSteüchrttckeret, R. Lange. Gießen.