LM I«1 JA W Lv s b - I I W 1908 — Nr. N HelMuiK Von LonlLN. , Romän^von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) \ (Fortsetzung.) sagte er, „ich komme. Ich werde mir in Berlin daS ^^Tas lvird schon möglich sein und ich will vir sie öffnete ihre .Handtasche und kramte schon ganz gescha^g Nähzeug und ein Stink Trauerflor heraus, „stehst du! Halte mal hptt beT, icb bette btt b*(i3 ein. , . hielt den Arm ausgestreckt und sah schweigend zu, wie sie mit geschickten Fingern (Mutierte und ihm einen glatten schivarzen Streifen auf dem hellgrauen Tuch befestigte Tabei füllten fcch ibre gutherzigen Augen mit Tranen, wahrend sie lächelte. ' Tu böser, schlechter Mensch," sagte sie klagend, „eben wo ich wieder etwas für dich hut kann, sühleuch so recht, wie^wuiend ick auf dich bin! — Ten .Kopf könnte ich dir abrerßen. Wäre noch nicht das Dümmste. "Redet keinen Unsinn," knurrte Rccknitz, „seinen Kvpf wird er wohl noch brauchen, um sich eine neue Existenz zu schassen und wo? wenn man fragen darf?" — , . ,, m A ik Nun kam auch das wieder zur Sprache, und obwohl Reckrntz dabei hoch aufhvrchte und sich lebhaft für Loysens Plan zu en- teresstereu begann, konnte er es doch nicht lassen, anzuicutc , > ß er in dieser Verbannung eine gerechte ©träte für leine Jh] etn chh" wurde auch dies Gespräch zu einer nerv^aufreibenden Marter Keines von beiden erwähnte Rothawe mit einem Wort, ja cs war, a!s zürnten sie den Haides, daß sie "ufgemumnei und damit diese Heirat gleichsam sanktioniert batten. Und wenn Marie mehr und mehr den fast mütterlich zärtlichen Lon früherer Tage wird-rsand, so blieb er ihr doch der unartige Knabe, der leine Schüte kriegt und dann wieder geliebkvst wirb, weil man L nun mal lieb hat. Aber ein Bubenstreich blieb ihr, was ihm Gewisseuspflickt gewesen war. Als sie Berlin erreichten, trennte man sich. Loch.n war «j elnaekallen daß er seinen schwarzen Trauungsanzug bei seinem LS Ä- i»UU. w„ bkSm.l M °i»k°> »---.»UI- «w6t S'l'i»*'“» firinneit und suchte dann noch einen Notar aus, >0 0-18 er men nitzeus erst am nächsten Vormittag auf dem Bahnhof wiedersah Tie Talrt ging nach Rotthofen, der Dobrau am nächsten liegenden Haltestelle. Loysen war während der Fahrt sehr schweigsamgewesen. Tie Gewißheit, das; das Regiment ^i der Feier sta vertreten sein würde, drängte sich ihm auf. Daran hatte er noch aar nicht so recht gedacht. Aber es hals nun nichts, er mutzte durch. Als der Zug hielt, entstiegen ihm ^/AaiintsckMft Berliner Trauergäste, lauter Herren aus Twßens Bekatint,chast ,,ud frtff nfte aml> Loysen bekannt. Ta war auch Nicht Liner, der ihn nicht mit gespannter Miene begrüßt hätte- Einige verhielten sich zurückhaltend, anderen, stand neugieriges Forschen, ra ~ > lustigung unverhohlen im> Gesicht. — Tr Man bestieg die bereitstehenden Wagen nndsuhr nach Dobrmi. Loysen saß mit drei dieser Herren zusammen. Man sprach wahr end Miiwsch dm 25. MarZ^ v e,!' 9 ber Fahrt fast immer von „diesem famosen Kerl, dem armen, guten Troß", on welchem die Tugenden plötzlich aussproßten tote &&. Trotz dieses Gesprächsthemas fühlte ich LoYsm aber doch als Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Als er sich einmal räusperte, fuhren alle Kopfe herum. Man dachte, er habe etivas sagen wollen. In Tiobrau war im alten Schloßhof der volle Mrauerpomp entsaltet. Tor Sarg stand unter dem offenen Schloßportal, von Kandelabern und Palmen umgeben. Eine Gruppe Damen tu tief em! Sckswarz, denen sich Marie Anne zugesellte, blieb sehr m der Minderzahl gegen die Menge der anwesenden Herren, ^dsen stellte sich neben Recknitz auf die Seite der Verlvandtsthaft, und so hatte e die ganze Zeit, während der Geistliche sprach, den.Anblick btt vielen weißleuchtenden Uniformen vor sich, em Anblick, der ihm am Herzen riß. Auch sie, mit denen er einst sein Leben geteilt, sahen zu rypßiiher nicht mit belustigter Neugier, sondern mit unver- bobl-nem Bedauern — es streifte an Mitleid. Da war vor ntient Sch^adewitz, dessen häßliches, ehrliches G-stuht deutlich auSdruckw: Armer Kerl, das hast du nun davon! Wie konntest du. Uber ich bleibe dir trotzdem gut! — Dies „trotzdem" las er noch in vielen Gesichier>t, esstel als bitterer Tropfe» zu allem, was seinen Leidenskelch füllte. Wieder mußte er an Wilhelm und Edeltraut denken, und eine heiße Dankbarkeit erfüllte ihn. , . ,, . ... Baronin Anne Marie Troß saß regungslos allein sur sich zwischen all den Palmen und Orangenbäumen zu Haupren deS Sarges. In ihrer tiefen Trauer mitt dem verhüllenden Schleier sah sie unendlich schmal aus. Sie hielt sich steil, und ihre lange» weißen Hände lagen gefaltet im Schoß. Trotz Schleier- sah mau, daß ihr Gesicht infolge der anstrengenden Pflege kalkweiß und abgespannt aussah. Sie weinte nicht und noch W» heuchelte sie einen Seelenschmerz, den sie nicht empfand, twpd.m sand Loysen heute zum erstenmal, daß ihr Ausdruck etivas Rührendes habe. Woran es lag, wäre schwer zii sagen gewesen aber es zog ihn mächtig zu ihr hin, ihr em Wort der bi^eillchen Liebe auszusprechen. Doch kaum hatte der Geistliche die Cm- seguung beendet, so war Anne Marie verschwunden. 3u8 setzte sich nun nach dem Familienbegräbnis im Part tu Bcivegung. stier stand eine Kapelle, in welcher, da Dobrau keine Kirche hatte, manchmal Gottesdienst gehalten wuÄe. Neben der Ka^lle, von einem eisernen Gitter umfriedet, betandeu sich d-e meist piiine vollen Grabdenkmale von zwei Generationen der »amiue^ro^ Hier ward der letzte der Lime Troß-Tobrau etngefcnkt ein nutzlos Reis am alten Baum- . . ,, . " Als alles vorüber und die letzten Blumen in dw unift a«> streut waren, erblickte Loysen Anne Marie wieder. Sie war doch lncr stand vor der Kapelle und nahm die Kondolenzen aller Trauergäste entgegen. Es widerstrebte ihm, mitten in diese leeren Phrasen hineinzukommen mit seinen 'S ntio hielt er ihr nur stumm d.e Hand hni. Sie schrak leicht zu sammen Fast war es, als wolle sie seine Hand ignorieren, aber in ihrer instinktiven Abneigung gegen rede Szene erwiderte 1 e , doch den Händedruck, ja, als sie ihn nun ansah, wandelte sich die 190 Starrheit ihres Gerichtes. Ein leichtes Rot kam und ging, ihre Lippe zuckte, und Plötzlich, was er noch nie an ihr gesehen, rollten ihr Tränen aus den Augen, Tiefe seltenen Tränen erpreßte ihr nicht der Schmerz mit den Verstorbenen, sondern der Jammer nun den Lebenden.— auch vor ihr stand er da als ein Verirrter! — Es war ein kalter, windiger Tag, Tie Zypressen, welche die Kapelle umstanden, schwankten im Lastzug, die knospenden Linden schüttelten ihr Gezweig, Feiner Sprühregen siel herab und hängte sich wie Silberstaub an die rauhen Ucber-- ziehcr der Herren und an die Schleier der Damen. Man eilte nach dem Schlosse zurück, Ter jetzige Majoratsherr, ein bartloser, schüchterner junger Mensch, welcher erst seit acht Tagen die Leutnantsabzeichen trug, hatte alle Herrschaften gebeten, vor der Abreise einen. Imbiß einzunehmen, und sie folgten ihm. Nur die Kürassiere lehnten dankend ab, Ihre KÄimPerwagen hielten am Parkrande auf der Landstraße und von dort fuhren sie nach Klippingen zurück. Also hatten sie sich eilend verabschiedet. Einer nach dem andern kam auch, um Loysen die Hand zu drücken. Jeder half sich über die Verlegenheit durch einige kondolierende Worte — aber es war nicht Troß an den sie dabei dachten. Was sollten sie ihm auch sagen? Er hörte kaum drauf hin — er sah nur die geliebten Uniformen, und ein tolles Verlangen überkam ihn, sich mit auf den hohe», gelben Jagdwagen zu schwingen und zu rufen: Aber, Kameraden, was fällt euch' denn ein, mich hier am Grabenrande stehen zu lassen? Nehmt mich doch mit, ich gehöre ja zu euch! Tie Vorgesetzten, von denen der Oberst und ein Major ge- lotmiten waren, zeigten schon abwehrende Entfremdung. Ter Ton war kühl, der Gruß fast minderwertig. Er hatte doch M Unglaubliches auf dem Kerbholz — man durfte das nicht so ohne weiteres hingehen lassen. Während Lohsen mit finsterer Stirn dem Manne nachsah, der ihm einst ein zweiter Vater gewesm, flüsterte die Recknitz ihrem Gatten zu: „Tu, ich finde, in anbetracht dessen, was Hc'tmuth getan hat, find sie hier alle riesig nett zu ihm." * Einige Stunden später lag das alles hinter ihm. Er hatte Tobrau zum letztenmal gesehen und war gegangen, ohne Anne Marie gesprochen zu haben. Er weiß es, sie wird versuchen, ihm zu vergeben, und wenn er allein kommt, wird er ihr auch in Zukunft willkommen fein. Tas ist alles! Am selben Abend noch reiste er von Berlin weiter nach Königsberg. Wieder schnob der sausende Zug in langen Atemzügen, wieder schwankten die ■ Wagen leise und lag draußen Finsternis über der Ebene. Wieder fiel ihm auch Luisens Traum ein — die mögliche Erfüllung hätte fast eine dämonische Rnziehnngskrast gewonnen, dachte er an die Fülle innerlich dnrclMmpfter Bitterkeit des letzten Tages — aber feinte gesunden Natur lag feige Lebensflncht fern. Möge das Leben bringen was es will, er wird es anpacken und sich mit Gottes Hilfe durcharbeiten. Kaunr hatte er sich das gesagt, so kam eine wohltuende Müdigkeit über ihn, der Körper verlangte sein Recht, lind er schlief fest und traumlos. Tie Reise verlief ohne jeden Unfall. Von Königsberg aus fuhr er mit dem Güteragenten weiter, von Gut zu Gut. Tie betreffenden Kvufobjekte lagen oft halbe Tagereisen voneiu- der entfernt, Eisenbahnen konnten selten benutzt werden, so war die Besichtigung ziemlich zeitraubend. Eine Wahl zu treffen war schwer, auf jeden Fall wollte er cs nicht tun, ohne von Wilhelms Anerbieten Gebrauch zu machen, und, wenn er so weit war, nach dem Inspektor Meinert zu'telegraphieren. Er blieb auf jedem der verkäuflichen Güter einen Tag, machte mit dem Besitzer einen Gang durch die Hofwirtschaft, unternahm eine Fahrt durch Felder und Wälder, ließ sich die Bücher zeigen, betrachtete das Wohnhaus und — atmete jedesmal auf, wenn er dem Ganzen den Rücken gekehrt hatte, Unendlich fremd und öde sah ihn alles an, neu, unverständlich und uneinladend. Er sagte sich, daß es nur eine Frage der Gewöhnung sei, An« sich hier heimisch zu fühlen, daß alle, die hier lebten, ein besonders ausgeprägtes Heimatsgefühl hatten — es half ihm nichts. Er - fühlte sich in der Verbannung. Dfytte sich im mindesten um diese Abneigung zu kümmern, setzte er seine Fahrten fvrt. Niemals vergaß er, nach den Nanten der benachbarten Besitzer zu fragen, und klang ihm ein bekannter Name ans Ohr, so war das Grund genug, um weiter zu ziehen. Tas Wetter war regnerisch und rauh, das tVig auch dazu bei, ihn« alles in trübem Licht zu zeigen. Wenn er tmi offenen, stössigen Wagen auf zerweichten Wegen Anfuhr und naß und frierend an einem Ziel Halt machte, erschien ihn« das Wohnhaus schmutzig und öde, die Ställe bau- Mig, das Ganze trostlos. So batte er endlich das letzte Gut besichtigt, war den ganzen Tag über srühlingsNasse Wiesen und endlose Flächen gegangen, hatte das Viel) in den Ställen und die Räume des grossen, fast schloßartigen Wohnhauses in Augenschein genommen, dann mit dem Besitzer, einem Äberhöslichen, ältlichen Baron, gegossen und saß nun müde nnd abgespannt ui dem chm angewiesenen Gastzimmer. Das Fenster stand offen und er saß daran und blies den Ramh feiner Zigarre in die Frühlingslnst. Im Abenddämmern hoben sich draußen die Gruppen alter Birken gegen den Himmel ab. Einen hohen! Lattenzaun konnte er sehen nnd dahinter eine weite, blau- gran Verschwimmende Fläche. Hin und wieder bellte ein Hund oder wieherte ein Pferd, sonst war alles still. Loysen strengt« sich an, zu einem Entschluß zu kommen. Von allen Besitzungen, die er gesehen, entsprach diese hier am meisten seinen Anforderungen. Es gab hier weitausgedehnte Triften Grasland, zu Pferdeweiden wie geschaffen. Tie Äeckev waren vernachlässigt/ aber in dem Boden steckte ein guter Kern, er würde sich mit den nötigen Mitteln, leicht verbessern lassen. Zwei große, seeartige Teiche und sumpfige waldige Jagdgründe hatten auch für Lohsens Wünsche besonderen Wert. Wiederum würde das Wohnhaus, welches fast den Namen eines Kastells verdiente, Luisens Phantasien einigermaßen cntgegenkommen. Zwar war es sehr reparaturbedürftig und der sogenannte Par? eine wüste. Buschwildnis — aber dem ließ sich mit der Zeit abhclfen. Auch lag das Ganze an der äußersten Grenze des Reiches/ Es wird also wohl sein Schicksal werden. (Fortsetzung folgt.) Ihr Anierrock. Humoreske von W. Woltersi tNachdruck verboten.) Sie war so schlank gewachsen wie eine junge Edeltanne, so schmiegsam und biegsam wie eine Weidengerte, nnd wenn sie Beim Teunisspiel das Racket schwang oder auf ihren blitzenden Stahlschnhen über das blanke Eis des kleinen Sees im Königspark dahinglitt, sich in Bogen nach deut Walzertakte der Jnselkapelle wiegend, haftete manches Schönheitskundigen Blick genießend uiti> bewundernd auf der zierlichen Mädchengestalt voll Grazie und Jugendkraft, und die Maler und Bildhauer der Sezessions- kolonie, die sie auf einem Künstlerfeste kennen gelernt hatten, waren samt und sonders in sie verliebt bis über die Ohren. Aber sie lachte sie alle miteinander aus, sie und noch manchen andern, der nach ihr schmachtete, denn I hinter der glatten Stirn unter dem braunen Haar saß der Trotz Brünhilts, der unbesiegten Königin von Jsenland. Ms ihr Verhängnis kam. Wunderbar und bielartig kommt das Verhängnis —j ihr Verhängnis war ihr Unterrock. Es schien, als ob ein rätselvolles Geschick bei ihr das Glück ihrer Seele von ihren Unterröcken abhängig gemacht habe. So bereitete ihr der Unterrock während der Schulzeit Jahre des Kummers. Alle ihre Klassenkameradinnen hätten sie um ihre schöne, schlanke, geschmeidige Gestalt beneiden könnetr, statt dessen ließ sie sich von einer um jene Zeit unter oen Backfischen grassierenden Krankheit anstecken, die sich in der Wahnidee äußerte: dick ist schön. Zwei Unterröcke genügten der Jugend nicht mehr. Es wurden! mindestens drei übereinander angezogen. Ja, die Klassenerste hatte es sogar bis auf fünf gebracht. Zur Erhöhung der Schönheit wurden die oberen Ränder der Röcke noch zu einer Art Wulst zusammengedreht, Über das Taillenband hinüber gelegt. Die Mutter suchte zuerst durch Verbote in Liebe und ür Zorn, dann bnrch Gewalt dein zit steuern, vergebens. Zuletzt gab sie den Kämpf ist eigener Person auf und rief den Vater zu Hilfe. Der Vater, ein modern angehauch- ter Schriftsteller .und viel beschäftigt, führte die Tochter ins Antikenkabinett und in die Gemäldegalerie, um seinem Sprößlinge darzutun, daß eine Venus niemals einen Unterrock besessen und alte uitb neue Maler gerade das Schlanke als besonders lieblich erachtet hätten. Die Unterröcke wurden gleichwohl nicht abgelegt, trotzdem man mittlerweile in die Hundstage gelangt war. Erst als Grete die Schiile hinter sich hatte, tvich die Unterrocks-Krankhett, ja, das Kränzchen der ehemaligen Schulfreundinneit, das sich aus dem der KvmeradinneN herauskristallisiert hatte, erhob plötzlich das Gegenteil ihres einstigen Ideals zum Wahlspruch: schlank lautete mit einem Male die Parole. Damit war der Quantität der Unterröck- — 191 — das Schwergewicht entzogen, das Interesse der jungen Weltdamen wendete sich deren Qualität zu. „Seide" erklang es als Feldgeschrei. AVer sv nachgiebig sich Vater und Mutter bisher erwiesen, so unerbittlich blieben sie in bezug auf Bewilligung der notwendigen Mittel zu der neuen kostspieligen Uniformierung, zu der laut Statuten des neuen Kränzchens jedes Mitglied, verpflichtet war. Grete stand Qualen aus. Sollte sie'die einzige bleiben, die den Statuten nicht nach- fain? Da wurde die Kunde von einer wohltätigen Firma in Paris in das Kränzchen der ehemaligen Schulsrcun- binnen getragen, dessen Mitglieder sich verpflichtet hatten, so lange sie dem Kränzchen angehörten, nicht „Sklavin des Mannes" zu werden, d. h. sich weder zu vermählen noch zu verloben. Das Pariser Haus verkaufte die herrlichsten seidenen Jupons zu Spottpreisen. Man konnte sie beinah umsonst haben, wenn, man vier Bons, die man zum Preise von je zwei Mark erwarb, weiter verkaufte und die Adressen der Käuferinnen nach Paris meldete, von wo ans jede der vier mit abermals je vier zu verkaufenden Bons versehen wurde und so iveiter ad infinitum. Es war das „Schneeballensystem", mittelst dessen der schwungvolle Handel betrieben wurde, bei dem unter allen Umständen der Fabrikant und die Abnehmer der Bons so lange profitierten, so lange sie ihre vier Botts losschlugen, was so lange geschehen konnte, bis in der Stadt niemand mehr zum Bonskaufen aufzutreiben war. Die letzten, die ihre Bons nicht an den Mann oder vielmehr au die Frau bringen konnten, und es waren deren nicht wenig, bezahlten die Zeche. Es gingen zwar dunkle Gerüchte herum, dieses „Schneeballensystem" sei verboten, und wer erwischt werde, erhalte Strafe, dies hinderte aber die Mitglieder des Kränzchens nicht, sich samt und sonders am Vertrieb solcher Bons zu beteiligen. Grete hatte Glück, es dauerte gar nicht sehr lange und sie besah ihren auf diese Weise billig erworbenen Jupon. Er war mit wundervollen Volants besetzt und rauschte und raschelte beim Gehen seiner Trägerin, daß es eine Lust war, es anzuhören. Eines Morgens — der Vater saß in seiner Arbeitsstube, die Mutter war ausgegangen — fiel ein Brief ungewöhnlichen Formats in den Briefkasten. Gretelein entnahm eilends dem Kästen den Brief — er war an sie, beschied sie zu Montag, den 17. Mai, vormittags 10 Uhr, auf das Amtsgericht Zimmer Stummer 45, 2. Stock. Da Sch Grete trotz angestrengten Nachdenkens keines andern erbrechens zu entsinnen vermochte, konnte nur der Jupon die Ursache der Vorladung sein! Sie hätte sich gern mit irgend einem Mitglieds des Kränzchens besprochen, aber unglücklicherweise hatte sich dieses wenige Tage vorher aufgelöst. Grete war die einzige Nichtskläviu des Mannes geblieben — die anderen hatten sich mehr oder weniger heimlich verlobt. So verschloß sie den Brief sorgfältig und verbrachte die Zeit bis zum Termin in Hangen und Bangen. Der 17. Mai war ein strahlender Sonnentag. Grete aber schritt finsteren Gesichts die granitne Freitreppe des Amtsgerichts hinauf, erklomm den zweiten Stock und wanderte einen langen Korridor hinunter. Ihre Tritte hallten unheimlich von den Steinplatten wieder. Durch die Fenster des Korridors konnte man in einen Hof sehen. Drüben aus der andern Seite des Hofes erhob sich eine hohe graue Mauer mit vergitterten Zelletifenstern..... ‘eine unwiderstehliche Gewalt zwang Grete, hinüberzublicken. „Ach, wenn es doch keine Unterröcke auf der Welt gäbe!" seufzte sie jetzt. Wieviel Schmerzen und Sorgen hatte sie in ihrem jungen Leben schon ausgestanden! Da ivar das Zimmer Nummer 45. Grete blieb einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln. Dann klopfte sie. Da niemand herein rief, öffnete sie ohne solche Aufforderung die Tür und trat ein. Hinter einem mit Akten bedeckten Tische saß ein schnauzbärtiger, grauhaariger Herr in dunkelgrünem Rocke, goldene Sternchen am Kragen. Der nahm die Vorladung, die Grete ihm überreichte, deutete mit einem knurrigen „bitte!" auf einen der gelben Ahornstühle, die vor einem Bücherregale an der Wand standen, und verschwand mit dem Briefe in einem Nebenzimmer. Grete setzte sich und wartete. „Bitte", knurrte der Schnauzbärtige, als er nach einer Weile wieder erschien, abermals und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. Grete hatte inzwischen aus einem Schild an dieser Tür gelesen, daß hinter ihr „Referendar Degner" Banfe. In diesem Zimmer mit den hohen Fenstern lvar es licht und freundlich. Hinter einem Tische saß ein junger Mann mit einem goldenen Klemmer auf der Nase. Er errötete ein wenig, als das junge Mädchen eintrat — wer weiß, wie er sich das vorgeladene Fräulein vorgestellt hatte —' lud mit einer stummen Handbewegnng zum Sitzen ein und senkte den Mick in die vor ihm auf dem Tische liegenden Akten. Grete setzte sich dem Herrn gegenüber. Der seidene Unterrock raschelte. „Sie haben", begann Referendar Degner, „sich am Verkaufe von Bons einer Pariser Firma beteiligt?" „Jawohl", erwiderte Grete tapfer. „Sie haben natürlich keine Ahnung davon gehabt, daß dies straffällig ist?" Grete schwieg. „Sie haben durch diesen Verkauf, ohne im Besitz eines Gewerbescheins zu sein, gegen das Äewerbegesetz verstoßen, wir sind deshalb gezwungett, Sie zu bestrafen. Wollen Sie uns, bitte, die Namen derjenigen Damen mitteilen, an die Sie die Bons verkauft haben, damit wir in der Lage sind, auch gegen diese vorzugehen?" Das Blut schoß Grete in die Schläfen. Eine der Damen, denen sie die Bons verkauft, war mittlerweile aus einer Freundin zu einer ihrer intimsten Feindinnen geworden. Aber trotzdem fragte sie, entrüstet über die Zumutung, die man an sie stellte. Mit flammenden Augen i „Kann ich dazu gezwungen werben?" „Gezwungen?" fragte der Referendar ein wenig verwundert. „Stein". „Dann werde ich die Namen nicht nennen," erwiderte Grete Der Referendar schaute Grete an, aber sie hielt den Blick aus. „Sie haben," fuhr der Referendar nach einer kurzen Pause fort, „sich danach einen seidenen" — (der Referendar errötete noch mehr) — „Gegenstand aus Paris kommen lassen." „Jawohl." „Sie haben sich dadurch gegen das Gesetz über Lotteriespiel vergangen — aber ich bitte Sie, mein gnädiges Fräulein, Sie brauchen durchaus keine Angst zu haben." „Ich habe auch keine Augst," erwiderte Grete trotzig. Der Referendar lächelte. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß diese Vergehen nicht mit Freiheitsstrafe, sondern nur mit Gelostrase geahndet werben. Die Namen der andern Damen weigern Sie sich also zu nennen?" „Jawohl, ich weigere mich." „Dann wollen Sie, bitte, dies Protokoll unterzeichnen.^ Mete unterzeichnete und wurde entlassen. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, stand der Referenoar auf, wischte sich mit seinem Taschentuchs ben Schweiß von der Stirn und sagte mit einem eigen« tümlich nichtamtlich verklärten Blicke laut vor sich hin —, (er war allein im Zimmer): „Schön, entzückend, mutig, edel, stolz, verschwiegen, treu, reizend, himmlisch, einfach großartig! Das erste junge Mädchen, das ich kennen gelernt habe, was keine Gans ist!" Grete aber dachte, als sie den Korridor mit dem Ausblicke nach den vergitterten Gefängniszellen hinunter schritt: „Ein netter Mensch." Ein paar Wochen später sagte Grete eines Tages beim Mittagessen plötzlich: „Papa und Mama, ich muß euch mit» teilen, daß ich mich mit Herrn Assessor Degner verlobt habe." Sowohl der Vater wie bie Mutter, die ihrem spröden Trotzkopfe' längst einen Mann gewünscht hatten, ließen Messer und Gabel sinken und waren sprachlos. Da aber weder der eine noch die andre jemals etwas von einem Assessor Degner gehört hatten, blieb Grete schließlich doch nichts andres übrig, als die Veranlassung zur Anknüpfung ihrer Bekanntschaft mit ihrem Verlobten zu verraten, >vas auch schon deshalb notwendig erschien, weil mittlerweile ein Strafmandat eütgetroffen ivar, dessen Höhe eine Begleichung aus ihren eigenen Mitteln ausschloß. Der Vater zahlte nicht nur die Strafe, sondern hatte auch (ebenso Wie die Mutter) nichts gegen den vorgeschlagenen Schwiegersohn eitizutvenden, und so verhalf die Qual ihres jungen Lebens der Grete zu unfrühem Glücke. 192 — Ver>sE.m Maul. Allnächtlich, trotz der übermenschlichen Anstrengung Pattersons, erschollen plötzlich aus dem einen oder anderen Teile des Lagers Angstschreie, und jedermann wußte sofort, was das bedeutete; die zunächst lagen, konnten genau merken, wie weit der Löwe mit seinem grausigen "Mahle war. Ganze Nächte, Wochen hintereinander, verbrachte Patterson auf dem Anstand, um tagsüber auf die Pirsche zu gehen, allein die wilden Bestien ließen ihn nicht herankommen. Andere Jäger fanden sich aus verschiedenen Teilen des Landes ein, alle Mittel und Künste wurden versucht, doch ohne Erfolg, bis endlich, wie Selons bemerkt, die Schreckensherrschaft der Löwen dank der Unermüdlichkeit, Unerschrockenheit und Entschlossenheit Pattersons gebrochen wurde, be;feit Taten ein Indier in begeisterten Versen beschrieben hat. (Köln. Ztg.) Literatur. — Die Rechte der Tiere. Von Henry S. Salt- Ueberfetzt von Professor D r. Gustav K r ü g e r. Heraus» gegeben von der Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen. Berlin W. 57 112 Seiten. 60 Pfg. Die Schrift bietet einen guten Ueberbliek über die wichtigsten Ziele der sogenannten „radikalen Richtung" der Tierschutzbewegung. In 8 Kapiteln bespricht Sait die Grundsätze des Rechtes der Tiere, die Behandlung der Haustiere und der wilden Tiere, das Schlachleii, die Jagd, die Tierquälerei zu Riodezwecken, die Vivisektion und die Grundlinien der llingcstalluug. Freuds» eines Steuerzahlers. Es ist bestimmt int hohen Rat, Tab man von Allem, was man (jaL Gibt Steuern. Du zahlst von jedem Gegenstand Ein Pflichtleik deinem Vaterland, Dem teuer»! Du ißt und trinkst ein Gläschen Wein, Tu rauchst in deinem Kämmerlein So einsam, Es steht der Staat an deiner Tür, Er ißt und trinkt imb raucht mit dir Gemeittsam. Er kommt gefällig in dein HauS, Zählt freundlich die Familie aus Rach Köpfen, Um zu dem Heil von Seel' und Leib Kind, Kutscher, Köchin, Mann und Weib Zu schröpfen. Teilnehmend prüft er den Besitz, Ob Schulden dich und Defizits Belasteu.- Darum verschweig ihm keine Last Und sag ihm deutlich, was bn hast Im Kasten. Von Silber, Gold und Btttter, Schmalz, Petroleum, Spiritus, Bier, Brot, Wein, Salz, Vom Schweine, Von Seid' und Zwirn, von Knops und Band Gieb deut geliebten Vaterland Und weine! Und kommen die Minister her, Tann führt man sie die Kreuz und Quer — Zum Essen. Dann sehen sie nur Glanz und Licht, Ten Notstand aber seht sie nicht. Der ist vergessen — beim Essen! Der Staat, er braucht es nicht zum Staat, Er nimmt nur, tveil er's nötig hat, Von andern. Und ivenn dir so was nicht geiällt, Dir steht ja offen weil die Welt Zum Wandern! Druitt sei hübsch brav und nörgle nicht Und mache attch kein schief Gesicht, Ein böses. Sonst kommt dir, glattb mir, jedenfalls, Ter Gerichtsvollzieher mit den Hals! Herrjeses! Ro b ert Io h an neS. Goldene Worte. Die Welt wird nie schlecht bestellt sein, so lange ste aus tapfere« ehrlichen Herzen und beschränkten Eharakteren besteht; beim Recht und Witz haben ihren letzten Grund in der Lebenskraft, und die Kraft fontntt nur aus einem veredelten Herzen als der konzentrierten Individualität. Bogumil Goltz. Die Qua! ist bei der Wahl Biel Wege breit und schmal, Gehen darfst du jede u. Doch nur einen atü einntal. Goethe. Ziveimal ntiib man in seinem Leben einsam sein, in der Jugend, um Vieles zu lernen, um Denkart zu erwerben, die Stich hält durchs Leben. Und dann noch einmal im Alter, um alles zn überdenken, was uns begegnet ist. Die Blumen, die wir pflückten und alle Stürme des Schicksals. Aus Ziinmermanns „Einsamkeit"» Buchstabenrätsel. Hans hätte 3213 gern gewonnen Und hat ihr enteil Sträub gebracht, Eine ivahre Bltunen 2313, Und hat werbend dann gesagt: „Beweis sind diese Blumentriebe, Wie ich von ganzer 13323 liebe i" 3213 sagte Angesichts Dessen: „31321"; weiter nichtsl Gießen. N. L» Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs m voriger Nummer; Salz, Malz. Redaktion: P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.