Samstag den 25. Januar M8 1*1 M I ■ WM KelmnLß Von Lonlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Bei diesen Wanderungen durch den Wald und an den lieblichen Ufern der stillen, kleinen Waldseen fiel ihm immer auf, daß, sie ganz unempfänglich war für Natur rind Frühlingszauber. Achtlos ging sie an Veilchen und Wrenwneu vorüber, und blieb er stehen, einen hübschen Anblick zu betrachten, so sah sie statt dessen ihn nn . . . und immer, immer stand ihr diese quälende Frage im Blick: liebst du mich wirklich? — Einmal begegneten ihnen Knaben, welche Weidenflöten quietschende Töne entlockten. Da blieb sie stehen, horchte, ein Schatten flog über ihr Gesicht. „Solche Pfeifen schnitt uns mein Bruder immer int Frühling", sagte sie. Er wurde sich dessen bewußt, daß er doch eigentlich so gar Nichts über sie wisse. Es hatte ja auch keinen Zweck. Er hatte es sogar vermieden, sie nochmals nach ihren Fainilienverhält- nissen zu fragen, und sie hatte nie wieder davon angefangen. Jetzt fragte er ganz unvermittelt: „Wo lebt eigentlich deine Familie und was ist dein Vater?" Sie aber erhob abwehrend die Hände: „Bitte! Reden wir nicht davon. Nein. Ich sage dir nichts mehr darüber. Mein früheres Leben habe ich längst hinter mich geworfen, es hat aufgehört für mich zu existieren, und über Dinge, die nicht sind, spricht man nicht. Mißversteh' mich nicht. Da ist nichts, irichts, was du etwa nicht wissen dürftest — aber ich will es mir selbst alles nicht wieder lebendig machen, sonst werde ich bitter. Nur von einem kann ich dir gern sprechen, das war ein Gönner, ein Mann deines Standes, der sich meiner schon als Kind insofern freundlich annahm, als er mir gestattete, in sein Haus zu kommen, so oft ich der drückenden Enge des Elternhauses entrinnen wollte. Er schalt mich nicht, wenn ich ihm vordeklamierte, er gestattete mir meine phantastischen Spiele, unterrichtet mich, unterhielt sich mit mir und förderte bildend meinen Geist. Ich verdanke ihm, daß ich der Kunst nicht unwissend gegenüber stehe. An ihn kann ich gern zurückdenken —• aber trotz aller Güte hätte auch er mich nie verstanden, wenn ich ihm von meiner Sehnsucht nach Glanz und Ruhnr gesprochen hätte. Ich vergesse ihn, wie alles, was hinter mir liegt." Sie sagte das fast frohlockend und er sah sie wieder betreten und verwundert an. Sie war heute in gehobener Stimmung, die Stimme hell, der Schritt beflügelt, und er hütete sich, ihr durch fernere Fragen die Lautte zn trüben. Auch konnte er sich, als die Zeit heranrückte, nicht entschließen, ihr zu sagen, wie nahe seine Abreise bevorstand. Bor dem Abschied fürchtete er sich: Sie wurde immer gleich so maßlos in ihren Gefühlen. Auf ihn wirkte diese exaltierte Heftigkeit ernüchternd und er erschien dann kälter wie er war. Es fiel ihm ja schwer genug, von ihr zu scheiden, doch daß es sein müsse, darüber war er keinen Augenblick im Zweifel. Der Tag kam, an! welchem es für ihn hieß: morgen! — und sie wußte es noch nicht. Sie ahnte, daß es nahe bevorstand, aber sie vermied es immer, ihn! zu fragen. Es half nun nichts, er mußte es ihr sagen, und so ging er gegen Abend, da er sie zu Hause wußte, zu ihr. Es Ivar kein leichter Gang, und als er sich den zu ihrer Tür führendeit dunkelnden Gang entlang tastete, wurde sein Schritt immer zögernder. An der Tür stand er eine Weile und klopfte dann an. Es war, als fiele brüt' ein Buch zur Erde. Er öffnete entschlossen, und trat ein. Hatte, dieses Mädchen hellseherische Vorahnungen? Sie saß auf ihrctst Sofa, diesem elenden, alten, befleckten und geflickten Sofa, über dessen Rückwand sie bunte Tücher und Mullschleier zu drapieren pflegte. Alle diese, alte Schaden! verdeckenden „Schoner" waren.', zerwühlt» sie selbst saß, den.Köpf zurückgelehnt, die Arme, schlaff Herabhängend und starrte ihm entgegen, kreideweiß, mit entsetzten Augen. „Luisane!" rief er bestürzt. Als sie seine Stimme hörte, fein Gesicht erkannte, wandelte sich ihre Augst in wilde Freude, sie sprang ihm mit einem Sah wie eine Antilope entgegen und jauchzte wie erlöst: „Tu bist es'! Du!" „Aber wer denn sonst?" „Ich dachte, er wäre es! — Ich erkannte »einen Schritt gar nicht, mir klang er schwer und langsam . . . gerade so iuie der seine . . . oh, welche Folterqual." „Das sind ja nette Entdeckungen," versuchte er zit scherzen, „von wem sprichst du beim?" „Von Gotthard ..." „Das wird ja immer besser!" „Liebster, mache jetzt keine Witze sie preßte seine Hand in nervöser Unruhe, „begreife doch! — Ich svreche von meinem Bruder! Ich habe geglaubt, er sei es . . „Nun, wäre dir das so schrecklich gewesen?" „Kannst du fragen? Aber freilich, ich erzählte dir nichts von ihm —* siehst du, als Kind liebte ich ihn, ich glaube, er war der einzige Mensch, den ich vor dir überhaupt lieb gehabt habe. Er war ein plumper- häßlicher Bursche mit einem trotzigen Gesicht und großen Fäusten. Wir sagten ihm immer, er müsse mal Schmied werden. Genug, von ihm glaubte ich seit früher Kindheit, daß er auf meiner Seite stehe und mich einst, wenn ich in die Welt zog, verteidigen werde — aber nein — nein! Er war mein Feind, wie sie. alle! Wir hatten als Kinder zusammengehalten, wir waren Freud- und Leidgenvssen, Spielgefährten. Und dann zeigte er sich von allen am unerbittlichsten! In seiner Gegenwart, auf seinen Beistand hoffend, hatte ich meine Absicht ausgesprochen, und ehe noch meine Eltern etwas sagen konnten, stürzte er vor mit wutverzerrtem Gesicht und erhob drohend die Fäuste gegen mich. Wenn du das tust, schrie er inich an, wenn du unseren ehrlichem Namen unter das Komödiantengesindel trägst, so wünsche ich dir nur eines.: mir nie im Leben wieder zu begegnen! — so sprach er, und nun denke dir, Loys! Gestern habe ich ihn gesehen —i hier — in Berlin! . . . Ich muß fort, Loys, ich kann nicht hier bleiben .... ich will ihn nie, nie Wiedersehen, nicht aus Furcht vor ihm, sondern weil ich ihn fest jener Stunde hasse. H.W du — 54 — jm'chts? Was war das--?" sie stürzte zur Tür nnb schob den Riegel vor, dann lehnte sie sich mit dem Rücken atemlos dagegen. , , Loysen fühlte ernstliche Besorgnis. Sie war so furchtbar auf- '^CT’CQt. ,.Beruhige dich doch!" sagte er eindringlich, führte sie zum Sofa und lieh sie sich nicdersctzen. Auf dem Tisch brannte schon die Lampe mit dem Schrrm aus buntem Seidenperpier und beschien ein altes, gelblackiertes Tecbrett, eine weiße Teekanne, einen Topf mit Milch und ein halbange- schnittems Brot. Zucker und Butter fehlten. Luisane ward sich sogleich darüber klar, baß sie ihm diesen häßlichen und armsichen Anblick aus den Augen schaffen müsse, sie griff nach dem Brett, ictiet er legte die Hand daraus. „Latz doch, gib mir lieber eine Tasse Tee und scr em bißchen vergnügt," sagte er. , , . . ,. „Was? Tu wolltest? Lobs, das ,st einfach reizend von dir. Warte einen Augenblick — so, hier ist eine Dose mit Kakes, hier ist Zucker . . . nun eine Tasse, die deiner würdig ist! Oh ja, ich habe eine! —" sie schnippte triumphierend mit den Fingern und holte von einem Wandbrett eine buntbemalte Teetasse herab. Sie war plötzlich wieder ganz lebhafte, geschäftige Sie- benswürdigkeit. Er trank den schlechten Tee mit heroischer Selbstüberwindung, nahm soviel Kakes, wie sie ihm «nbot, und ließ sich so viel Zucker in die Tasse tun, wie sie wollte. Er wußte, daß er ihr keine größere Freude machen konnte. Dabei sprachen sie über ein Buch, welches er ihr kürzlich zum Lesen -«geben hatte. Mittendrin fuhr sie auf und horchte. „Ich werde mich verrückt," sagt« sie, „immer höre ich seinen Schritt. Es ist schrecklich. Und in der Friedrichstraße habe ich ihn gesehen — ganz nah' vom Jahnschen Geschäft !" „Rege dich nur nicht so auf!" bat er, überlegte ein« Weile Und fuhr dann fort: „Wenn ich dir doch zu einem harmonisck)«», glücklichen Tafein verhelfen könnte. Du reibst dich auf mit diesen ewigen Sorgen und Qualen, armes Ting. Ist denn gar leine Ber öhnung des Einst und Jetzt möglich? — Hast du gar nicht den Wunsch, mit deiner Familie Frieden zn machen?" Sie zog die kurze Oberlippe straff gespannt über die Keinen Mausezähnchen zurück. ES war die Kürikattir eines Lächelns. „Lieber Freund, welchen Empfang, denkst du wohl, würde weine ehrsanie Familie der verunglückten Sängerin, der Geliebten des Leutnants von Loysen, bereiten?" Er schwieg in peinlicher Verlegenheit und biß an den Spitzen seines Schnurrbartes. „Ueberdem zieht mich nichts dorthin zurück — nichts — nichts — nichts! Ich passe gar nicht mehr hinein in diese Sphäre der engen, spießbürgerlichen, anererbtcn Dem-nt . . . Tie Welt ringsum mit Brettern vernagelt. Verstehst du mich? Ich muß ganz frei sein." „Ich kenne dich ja, aber ich hedaure dich wirklich. Ließest du dir noch wenigstens helfen . . . siehst du —" er holte tief Atem, „dich so zurückzulassen, unbefriedigt und ums tägliche Brot ringend, fällt mir so schwer . . ." Sie faßte seinen Arn» und sah ihn ganz nah, angstvoll fus Gesicht. „Zurückzulassen!" wiederholte sie krie geistesabwesend. „Tu weißt es doch, daß ich nun fort muß." „Wann!" schrie sie auf. „Morgen — oder übermorgen —" verbessert« er sich, denn ev sah, daß sie aschfahl wurde. „Luisane . . . wir sehen uns ja wieder. Sei doch verständig . . . weißt du . . ." Sie stützte beit Kvpf in beide Hände und sah so vor sich hin auf die Tischplatte, immer vor sich hinnickend: „Morgen — oder übermorgen. . . wenn man nur an so was sterben könnte. . . aber ich habe ja ein so zähes Leben svie eine Katie ... ich sterbe nicht daran." „Wir sehen uns ja wieder," konnte er nur wiederholen, „daran denke immer," er zog sie an sich und küßte sie, „Luisane, du mußt mir versprechen, daß du nicht wieder so etwas tun willst, etwa — wie damals, als ich dich fand." „Wäre dir das ein Schmerz?" \ „Ja, das wäre mir rin großer Schmerz." „Sv verspreche ich dir, daß ich nicht wieder Hand an mich legen werde . . . nein! Das tue ich nicht. Denn du liebst mich. Ich bin dein Geschöpf — ich lebe nur für dich ... dir treu zu bleiben, soll fortan mein Lebenszweck sein. Der Tod ist mir ein starker, gefährlicher Freier gewesen, fortan soll auch er nicht cm Pch reißen, was dir gehört Y‘ Sie hatte schon wieder in Begeisterung gesprochen. Dies fortwährende Schwanken zwischen trostloser Verzagtheit und exaltierter Gehoben'heit machte ihn bei längerem Zusammensein immer ganz nervös. Gerade für dieses Uebermaß von Stimmungen hätte er ihr so gern einen Ableiter gewünscht. „Und du wirst wieder auf die Bühne gehen, nicht wahr?" fubr er fort, „nimm auch dies hin als einen, zu deinem Besten ausgesprochenen Wunsch." „Weil du es willst. Ja. Mir ist's so gleichgültig geworden — aber um deinetwegen, Loys!--Ist in Klippingen ein Theater?" 7 Er fuhr auf. „Nein!" sagte er heftig, „das ginge nicht an! Unmöglich! Anck wenn wir ein Theater hätten — aber wir haben keines!" „Was würde es uns kümmern, was andere denken?" Er biß sich auf die Lippen. Er mochte ihr nicht sagen, daß er selbst es sei, dem der Gedanke, sie in Klippingen zu wissen, unerhört vorkam Um sie seinen Schreck nicht merken zu lassen, ward er desto herzlicher, besprach mit ihr eingehend alle Vorbereitungen für ihre schauspielerische Laufbahn, nahm alle Rollen durch, für welche sie ihm besonders geeignet schien, versicherte ihr, ' daß er an ihrem Fortkommen und ihren Erfolgen den wärmsten Anteil nehmen werde, prophezeite ihr Ruhm und Ehren, und brachte sie endlich in eine so lwffnungsfreudigc Stimmung, daß er es wagen konnte, fortzugehen, ohne einen jener Ver- zweiflungSanfälle hervorzurufen, die er fürchten gelernt hatte. Sie bat ihn, da sie morgen einen freien Nachmittag habe, zeitig wiederzukommen, um, wie sie erregt sagte: „ihre Zukunft völlig auszubauen," und so schieden sie. Kaum in seinem Hotel angekommeu, setzte er sich hin und schrieb ihr einen kurzen Abschiedsbrief. Ein Abschied, dabei man sich Äug' in Auge gegenüberstände, sei immer eine Qual, die er sich und ihr ersparen wolle, er sage lieber schriftlich „Auf Wieders sehen!" — Ja, gewiß, er werde sie Wiedersehen .... Am nächsten Morgen srühzeitig reiste er ab. Den Brief steckte er am Bahnhof in einen Kasten. So endete die Episode Luisane. Er sah sie nicht wieder. Kaum wieder in seinem Regiment, nahm ihn sein Berufsleben völlig in Anspruch und die Erinnerung an das „arme Ding" verblaßte. Anfangs schrieben sie sich wirklich, aber ihre Briefe waren sehr lang u. voll Von leidenschaftlicher Sehnsucht und wilden Klagen, die seinen, in militärischer Knappheit, gingen immer nur auf die Frage ihres äußerlichen Fortkommens ein. Allste ihm mitteilte, daß sie nun wirklich in den Verband des T.-Theaters eingetreten sei, fühlte er sich erleichtert, und in kurzen Karten, in langen Zwischenräumen geschrieben, ging die Korrespondenz seinerseits ein. Tie Bäanöver standen vor der Tür, das möge, so sagte er sich, den Abschluß einer Lebensphase bilden, die nie hätte sein dürfen. (Fortsetzung folgt.) OÄerheWches aus der Zeit der französischen KeooliiHoit und Napoleons 1. Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter". Nachdruck verboten. Wir können gar nicht genug beherzigen, welches außerordentliche Glück wir in dem Kampfe gegen Frankreich von 1870—71 gehabt haben. Das wird uns besonders bewußt, wenn wir diesen Kampf mit dem Schicksal Vers gleichen, welches unser Vaterland zur Zeit der französischen Revolution und Napoleons I. hatte. Die Bücher der Weltgeschichte berichten uns darüber int großen, noch deutlicher aber tritt uns die damalige Lage unseres Volkes vor die Augen, wenn wir Nachrichten über lokalgeschichtliche Ereignisse und Zustände vernehmen. So reichlich, wie wir in der Gegenwart unseren Nachkommen durch Zeitungen und Chroniken sie überliefern, sind sie aus den früheren Zeiten nicht vorhanden, auch nicht aus der Zeit vor hundert Jahren; immerhin aber fehlt es nicht an solchen. Unter anderem finden wir sie in den Kriegsrechnungen der Ges meinden. So wird es nicht ganz ohne Interesse sein, wenn wir beispielsweise diejenigen einer damals etwa nur 400 Seelen zählenden Gemeinde des ehemaligen hessischen Amtes Hüttenberg von 1797 und 1798 prüfen, welche Jahre zu denen gehören, die in jener Zeit unserem Volke die größten Lasten auferlegten. — — 65 Nachdem Oesterreich nach den Niederlagen in Italien am 18. April 1797 den nachteiligen Präliminarfrieden zu Leoben in Steiermark geschlossen hatte, zogen sich die Franzosen nach dem Rhein zurück, jedoch langsam, sehr- langsam, indem sie die eingetretene Waffenruhe benutzten, es sich in Deutschland auf dessen Kosten wohl sein zu lassen. Ihnen voran kamen eiligst Reste des österreichischen Heeres auch durch Oberhessen. Sie hielten sich in unserer Gemeinde nur einen Tag auf und verursachten der Gemeindekasse nur 24 fl. Unkosten. Gleich darauf aber kam schwere Belastung. Der französische General Olli- Vier legte dem aus sieben Dörfern bestehenden Amt Hiittenberg eine Kontribution von 30000 fl. auf, wovon auf unsere Gemeinde 2489 fl. fielen. Geld hatte der französische Staat damals nicht, wohl aber, als gewöhnlichen Seger: aller Revolutionen, außerordentlich viel Schulden. Die Assignatenscheine, sowie dann die an deren Stelle getretenen Mandate waren vollständig wertlos geworden, so daß niemand sie mehr als Zahlung annehmen wollte, obwohl die Soldaten immer wieder versuchten, sie unterzubringen. Gelang das einmal, so wurden sie zum unveräußerlichen Besitz des Empfängers, so daß noch heutzutage dann und wann jemand in einem alten Buche solche findet, die zum bleibenden Andenken aufbcwahrt wurden. Und wie halfen sich nun die Franzosen? Offiziere und Soldaten benutzten jede Gelegenheit, sich Geld zu verschaffen, ging es nicht mit List, dann mit Gewalt. So war unsere Gemeinde genötigt, 1797 von Gemeindewegen 8366 fl. Kapital zu leihen, wozu noch 247 fl. Gemeindebeiträge der einzelnen Ortsbürger kamen. Da gut s/4 dieser Summe von Ortseinwohnern dargeliehen wurden, so muß damals Wohlstand geherrscht haben. Das hatte die Gemeindekasse zu tragen, dazu kam noch die Belastung der einzelnen Einwohner. ®ie wohlhabendsten Bauern hatten noch 12, 15 bis 18 Mann im Haus. Und wozu wurde das geliehene Geld verwand? Unter anderem wurden für 389 fl. Schlachtvieh geliefert. Am teuersten kamen die Offiziere zu stehen. Erst waren sie in den einzelnen Häuserm einquartiert. Das gefiel ihnen nicht. So belegten sie das Pfarrhaus, in welchem ein Konfirmandensaal und mehrere kleinere Zimmer ihnen Raum boten. Alle Kosten der Verpflegung hatte die Gemeinde zu tragen. Auch wurde eine besondere Köchin eingestellt. Es wurden bezahlt für B i k t u a l i e n vom 16. Juli 1797 bis 15. März 1798: 405 ft Außerordentlich hoch war der Betrag für Getränke, bei deren Vertilgung doch wohl die Soldaten mitgeholfen haben: Branntwein für 403 fl., Wein bis 12. Januar 1798: 1810 fl. — Alles, ohne Ausnahme, was die Truppen bedurften, mutzte von der Gemeinde geliefert werden. Erst die Pferde, dann auch das Futter für dieselben. Die Pferdelieferungen wurden von dem General angeordnet, gefiel aber einem Offizier das Pferd eines Bauern, so eignete er es sich an, die Gemeinde aber hatte es zu bezahlen; einmal bewilligte jedoch einer 33 fl. für ein Pferd, das der Gemeinde 165 fl. kostete. Sehr oft kam es vor, daß ein Offizier, Unteroffizier, oder auch ein Gemeiner, eine Lieferung verlangte, dann aber gegen Entrichtung eines Geldbetrages verzichtete. Bon Ende Mai 1797 bis zum Schluß der Rechnung wurden für Pferdefutter 464 fl. bezahlt. Auch die erforderlichen Bekleidungsstücke hatte die Gemeinde zu stellen, ebenso alle übrigen militärischen Bedürfnisse: zusammen von 1797—1798 492 fl. Große Unkosten veranlaßten auch die zu stellenden Fuhren an den Rhein und über den Rhein, ebenso die zu stellenden Reitpferde, das Pferd pro Tag: 5 fl., im Jahr 289 fl. Einschließlich dieses Betrags und den erst befohlenen und dann gegen Geldvergütung nachgelassenen Fahrten und Lieferungen sind in der Rechnung für 1797 verausgabt 1680 fl. Auffallend ist auch der für die geforderten Gänge bezahlte Botenlohn: 246 ft Auch die Schreibmaterialien wurden gestellt: Bücher, Papier, Bleistifte, Federmesser, Siegellack, ferner Tabak, Schnupftabak, Pfeifenköpfe, ja Puder, Pomade, selbstverständlich Wagenräder, Trommelfelle pp. Die Douceurs (Trinkgelder) betrugen 242 fl. Im Ganzen sind in den beiden Rechnungen verausgabt bis Februar 1799: 11366 ft, an Kapital geliehen: 9516 fl. Unter den Ausgaben des letzten Jahres befinden sich auch noch 490 fl. für ®eri Pflegung der Offiziere, darunter für Wein, Bier und Branntwein 265 ft, für Fouragelieferung: 935 ft — Tiefe Angaben sind gewiß mehr wie genügend, um zu zeigen, wie sehr damals unser Volk belastet wurde. Won 1799—1805 sind die Lasten der Gemeinde gering, nur bis je 150 ft, 1806 und 1807 steigen sie über je 1000 ft, nehmen dann wieder ab bis zu ungefähr 150 ft jährlich, steigen 1813 auf 1255, 1815 auf 2811 ft, 1816 betragen sie 1883 ft — Br. Lebertran. Man sagt, die Kindheit sei die Zeit ungetrübten Glückes. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wenn Tränen der Ausdruck des Schmerzes sind, dann habe ich eine sehr unglückliche Kindheit verbracht, denn mein Weg durch das Paradies der Kindheit ist von Tränenströmen gefeuchtet gewesen. Meine Mutter hätte mich gar nicht waschen brauchen, was zudem doch nur von vorübergehender Wirkung war. Die Tränenbäche, die über mein immer (ausgenommen die erste Viertelstunde nach dem Aufstehen) schmutziges Gesicht liefen, besorgten das schon. Ich glaube, ich gehörte zum Orden der heulenden Derwische, denn ich heulte morgens, wenn ich aus dem Bett sollte, ich heulte, wenn es in die Schule ging. In der Schule natürlich erst recht. Ich heulte nach der Schule, denn da mußte ich nachfitzen, ich heulte vor dem Mittagessen, denn da bekam ich meine wohlverdiente Tracht Prügel, ich heulte in die Suppe noch hinein und meist noch nachher, wenn ich zu viel gegessen hatte und Leibschmerzen bekam. Ich heulte beim Spiel mit meinen Kameraden, denn sie hänselten mich wegen meines Heulens, ich heulte auf Schiefertafel und Schreibheft, ich heulte sogar nachts in meinen Träumen. Aber über nichts habe ich wohl so viel geheult, wie über den Lebertran. Lebertran! Scheußlichstes Wort im ganzen deutschen Sprachschatze! Was bin ich aber auch mit dem abscheulichen Getränk gequält worden! Dreimal täglich wurde es mir eingeflößt, und zwar gewaltsamerweise, denn freiwillig hätte ich es um keinen Preis eingenommen. Drei starke Männer waren zu dieser Prozedur nötig, und auch dann mißlang noch manchmal die Operation und eine Mischung von Tran und Tränen floß mir über das Wams, so daß mich niemand mehr riechen konnte. Kein Eskimo duftete mehr nach Tran als ich. Aber Bräsig hat Recht, wenn er sagt: „Korl, über- Haupt das merke dich: Allens, was den Minschen an ©rüget un en Ekel is, das is gesund for dem menschlichen Leibe/< Lebertran ist wirklich gut. Groß und stark bin ich geworden, und skrupulös bin ich nur noch manchmal bei schweren Gewissensbedenken. Nach und nach entwuchs ich der kindlichen Lebertranflasche, und der Tag, wo ich entwöhnt wurde, wo es hieß: jetzt brauchst du keinen mehr zu trinken, war für mich ein Festtag. Nie, so gelobte ich mir in meinem Innern, das bei dem bloßen Gedanken sich schon wieder aufbäumte, wollte ich das verhaßte Zeug auch nur wieder riechen. Doch ach, die Götter haben es anders beschlossen. „Ihre beiden Jüngsten sind etwas schwächlich, Anlage zu Skrofulose", sagte neulich der Arzt. „Geben Sie ihnen dreimal täglich Lebertran, und zwar ungereinigten, denn der ist besser." Sprachs und empfahl sich. Ich aber mußte schnell ins Freie, denn das Wort Lebertran wirkt heut noch als Vomitiv bei mir. Aber was halfs? Der braune Trank kam ins Haus, und seitdem fühle ich mich in die Lage eines seekranken Walfischfahrers versetzt. Ich muß meinen Kindern auch dieses. Opfer bringen. Auf meinen Jungen bin ich stolz, der strampelt auch mit Händen und Füßen, wenn der ölige Löffel in feine Nähe kommt. Ja, das ist Fleisch von — 56 — meinem Fleisch. Aber das Mädel muß Wohl nach der Mutter arten. Die war auch so artig, wie sie erzählt, und hat den Tran so leidenschaftlich geliebt, daß man die Flasche vor ihr verstecken mußte. Die .Tochter ist auch hierin das Ebenbild der Mutter. Und noch einer ist ganz toll auf Lebertran. Das ist Jakob, unser Rabe. Auch der leckt ihn, wo er seiner nur habhaft werden kann, mit allen Zeichen des Wohlgefallens. Aber das ist ein unvernünftiges Tier. Oder sollte er etwa auch skrofulös sein? Dann wäre das ein Zeichen von Intelligenz, wert, in „Brehms Tierleben" verewigt zu werden. L. T. — Fromme Wünsche. Tie in Genf erscheinende „Se- mäine litteraire" hat an einen großen Kreis von Männern und Frauen (u. a. an viele namhafte Schriftstellers die Fragen: W a S wünschen Sie de r h ent igen F- r a u?" und „W a s wünschen Sie dem heutigen Mann?" gerichtet. Von den Antworten, die zum Teil sehr ausführlich sind, veröffentlichte die Zeitschrift in ihrer Weihnachtsnummer 59 Wünsche der Männer für die Frau und 45 Wünsche der Frauen für den Mann. Im ganzen äußern sich die Männer bedeuten« l i c b c n s w ü r d i g e r über das andere Geschlecht, während ans manchen weiblichen Antworten eine gewisse Bitterkeit spricht. Vor allem wünschen die Männer, daß die Frau weiblich bleibe: nicht weniger als 20 mal wird das ausgesprochen. Einige wünschen ihr neben der Bewahrung dieser Eigenschaft auch noch die Erlangung der Frauenrechte. Außer- dcin werden ihr gewünscht: kleine Theaterhüte, ein guter Mann, Kinder, Einfachheit, Frömmigkeit, Mut, Einsicht, gute Erziehung, Christlichkeit, Gesundheit, Heiterkeit, Rechtschaffenheit, Anmut, Wachstum des Gehirns, Einfluß, passender Wirkungskreis, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Nur ein einziger Mann ist so unhöflich, zu wünschen, daß sie nicht schlechter werde als sie ist, und auch nur ein einziger wünscht, daß sie alles wegfege, was über die Frauensrage bisher geschrieben worden ist. Nun umgekehrt: dem Manne wünsche» die Frauen: mehr Pflichtgefühl, Feinheit, Gerechtigkeitsliebe, Festigkeit, Ausdauer, Ruhe, Gesundheit, Resignation, Natürlichkeit, Höflichkeit, Herz, Ehrenhaftigkeit, glückliche Häuslichkeit, eine gute Frau, Achtung vor dem Weibe der Zukunft, Charakter, Männlichkeit, Wahrhaftigkeit, erleuchtetes Gewissen, Mut, Gelegenheit für seine Ueberzeugung zu leiden, Beteiligung an einer große» Entdeckung, Heilung von der G'ldgier, richtige Stellung gegenüber der fortschreitenden Frau, < :??uc Ethik, eine Moral, die der der Frau gleich sein soll. Z..ri Einsenderinnen wünschen, daß der Mann auf seinem bisherigen guten Wege fortfahre, und eine erklärt: sie wünsche ihm gar nichts, er sei so, wie er ist, vorzüglich. Die „Enquete" ist bis in den Kreis der Schulkinder von 8—13 Jahren hinabgestiegen. Tie Mädchen wünschen, die Knaben möchten weniger wild, grob, streitsüchtig sein. Die Wünsche der Knaben sind viel überlegter, denn die Herren Jungen schauen in die Zukunft: sie wünschen, daß die Mädchen keine schlechten Bücher lesen, weniger geschwätzig und angeberisch sein und nicht lügen sollen. Ein Männlein schreibt: „Ich wünsche ihnen viel Mut, damit, wenn sie sich für das Vaterland schlagen müßten (der Satz bleibt unvollendet). Ich muß nicht nur Boses über sie sagen, sondern man muß nicht vergessen, ihre guten Eigenschaften auf- zuzühlen: den» wenn sie einmal groß sind, können sie dem Manne große Dienste erweisen, zum Beispiel: sie slicken unsere Hosen und setzen die abgerissenen Knöpfe an: dann können sie sich mit den Kindern beschäftigen, wenn sie welche haben, während der Mann verdienst!)." * Vom Leben nach dem Tode. Ist int Kopf oder in den Gliedmaßen der E'.rthaupteten nach der Hinrichtung noch Leben vorhanden? Diese Frage kommt nach den Versuchen des Dr. Knliabko, Professor der Physiologie an der Universität Tomsk, wieder aufs Tapet. Tiefe an Fischen gentachteit Versuche haben gezeigt, daß bei den Tieren der Kopf noch lange nach der Lostrennung vom Rumpfe weiter lebt. Kuliabko hat z. B. eine Lamprete in zwei Teile geschnitten: den einen Teil bildeten der Kopf und das Herz, den anderen der übrige Körper mit dem Schwanz. Nach einige» konvulsivischen Bewegungen blieben beide Teile scheinbar leblos liegen und wurden in diesem Zustande eine oder zwei Stunden lang belasse». Dann spritzte Inan in das Herz u nd in die Blutgefäße ein aus zahlreicheit Salzen zusammengesetztes künstliches Serum ein. Was sich nun ereignete, war wahrhaft merkwürdig: der Kopf und der Teil des Rumpfes, der noch an ihm hing, beganneit von neuem zu leben und sich zot bewegen. Als man dann an die Wände des Herzens Marchs Registrierapparat legte, zeigten sich nuf foei» Pachter genau dieselben Aufzeichnungen, die durch die Herz- vmskelkontraktionen eines lebendigen und . . . ganzen Fisches bewirkt werdeit. Zuletzt begannen auch die Siemen zu funktionieren, sich zu heben und sich zu senken,. ganz so wie bei den Fischen, die noch int Wasser leben. Hatte man vor der Injektion den Schädel des Fisches gespalten, so daß das Hirn freigelegt wurde, so konnte man feststellen, daß auch dieses wieder alle Anzeichen des Lebens darbot. Hielt man mit der Injektion eilt, so starb der Fisch ein zweitesmal. Das .Herz kann tagelang schlagen, wenn ihm immer Serum zugeführt wird. Dasselbe geschieht mit allen anderen Organen, mit Ausnahme des Hirns, dessen „neues Leben" nicht länger als zwei oder drei Stunden dauert. Man erinnert sich vielleicht, daß Professor Kuliabko seine Beobachtungen, die jetzt an höher stehenden Tieren loiederholt werden sollen, schon auf dem Phh- siologenkongreß in Heidelberg mitgeteilt hat. * Seltsame Scheidungsg ründ e. Der Ehescheidungs- gerichtshof in London hat, tote englische Blatter melden, jüngst unter absonderlichen Umständen eine Scheidung ausgesprochen. Der als Kläger auftretende Mann führte unter nitbereit Beschwerden gegen seine Frau an, daß sie ihn fortwährend verhöhne, 1. wegen der lächerlichen Form seiner Beine, 2. weil er sich das Bart- und Haupthaar schlecht schneiden lasse, 3. weil ihr seine Oberlippe nicht gefiel, 4. weil er das „h" int Anlaut nicht gut aussprechen tonne und 5. weil er nichts von „Theologie" verstehe, deshalb während der Sonntagspredigt stets cinschlicfe. Die. Richter bezeichneten dies Gebaren der Gattin als unerhört und sprachen die Scheidung aus: sie sprachen dem gekrünkteit Gentleman außerdem noch, eine Entschädigung von zwei Pfund Sterling zu. . * Kleines Mißverständnis. Baron:. „Johann, Sie gehen mir aber auch über alles, über meine Zigarren, meinen Kognak, meinen Wein. . — Johann: „Ach, Herr Baron, cs freut mich ungemein, daß Sie mich so gern haben! Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins« Heitere s. Wozu ein Fremdwort gut sein kann! Der „Vielten Hamburger Zeitung" erzählt ein Leser: „Ein mir bekannter Zahnarzt erzielt mit einem Fremdwort vorzügliche Wirkung. Wenn eine Dame nach dem Ausziehen eines Zahnes über Schmerzen in der Wunde klagt, so pflegt er zu antworten: „Ja, wissen Sie, gnädige Frau, das sind die Dolore-s. Wenn die erst vorüber sind, hören die Schmerzen von' selber auf." „Ah!" sagt die gnädige Frau ehrfurchtsvoll, „das kommt von den Dolores!" und geht beruhigt vou bannen." — Die Gnädige ist also um nichts besser drau als der biedere Dorfbewohner, von dem. die Zeitschrift des Sprachvereins erzählt, daß er an seinem Hause stehen habe: Auto-Carriage. Mit den Fremdwörtern wissen beide keinen Bescheid: sie kann kein Latein, und er verdreht das Französische. ______________ Pfefferkuchen Verse. Dos Weib ist wie ein Kuchen Gar oft mir erschienen; Mußt anbeißen und suche» — Tau» fludtst erst die Rosine». Das Weib ist eine Pfeffernuß, Die mau schlau aufbeißeu muß. Um den Mann ist's ewig schad', Der dazu keine Zähne hat. Drückte jedes Küßchen Ein schwarzes Fleckchen ein, So würden alle Mädchen Schwarz wie- die Mohren [ein! Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Franzos. Redaktion; P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei, R. Lange, Gießen.