Donnerstag den 24. Dezember IM UFi Der einsame Spatz. Novelle von Jassy T o r r u n d. (Nachdruck verboten.) Schluß. Wie ehre Binde fällts ihr von bett Angen. O nttiit Gott! &cfrt es ihm so ivic ihr — die schlaflosen Nächte, die einsamen Tage? . . . Sie greift mit der Land nach der schmerzenden Stirn; längst Vergessenes steigt vor ihr heraus — eine stille, traute Dämmerstunde aus ihrer Brautzeit, Lians tittb sie allein mit den, roten Feuerschein und den knisternden Funken, selige Träum« spinnend in der Ecke am Kamin. Und Hans erzählt ihr von seiner Jugend, Intb zum ersten mal schlägt der wunderlich traurige Name an ihr Ohr, Passero folitario. „Nie wieder sollst du's sein," hat sie ihm gelobt, lachend und lveinend zugleich. Passer« solitario — und was er einst gewesen, seht ist ers wieder, doppelt und dreifach einsam. Verlassen von seinem Kinde, verlassen von feinem Wvibe! Uttb jählings wacht das Bewußtsein eigener Schuld in ihr auf. Unerbittlich hat sie ihm nachgerechnet, was er getan, doch ivaS sie selber gefehlt, daran hat sie nie gedacht! Jetzt stehts vor ihr auf und wiichst und wächst — riesengroß — alles andere ist vergessen in dieser Sekunde — das Weib in ihr ist erwacht, die Worte ihres heiligen Schwures fliegen ihr durch den Sinn: bei ctmntber zu stehen, bis der Tod uns scheidet. Wie hat sie ihr Gelöbnis gehalten? O Gott, mein Gott! Sie rafft ihr Kleid zusammen und hastet den schmalen Pfad entlang und durch breite, öde Wege zum Friedhoftore. Ta draußen liegt das Leben, und sie, sie gehört hinein ins Leben! „Ich nutü heim!" murmeln ihre Lippen wohl hundertmal unterwegs, lmd „ich muß heim", sagte sie atemlos der Mütter, die ihr im Flur entgegenkommt, besorgt ob ihres langen Ausbleibens. „Gott sei Dank, daß du es endlich einsiehst," erwidert die kluge, gütige Frau. „Fortschicken konnten wir unser Kind doch Nicht, aber — vergiß cs nie ivicder, Anne Marie, eine rechte Frau gehört zu ihrem Mann!" Jit der Frühe des 24. Dezember fuhr Anne Marie heim. Endlose Stunden biirdr die endlose Ebene. Verschneites Heideland, verschneite Kiefernwälder mit rötlichen Stämmen und mißfarbigcn timtlcit Kronen. Aber hatte eine paradiesisch schöne Landschaft vor ihr ausgebreitet gelegen, auf Anne Marie hätte es kaum mehr Eindruck gemacht als dieses öde, trostlose Einerlei, durch das der brausende Zug sie führte. Viel Reisende und viel er» tvartnngssvohe Gesichter, heiteres Geplauder, Necken und Lachen Imt sie her. Natürlich, jeder von ihnen kommt heut' nach Hause, futib heut ist ja Heiliger Abend! An Anne Marie ging das alles fast ungehört und unverstanden vorüber; sie lebte nur trach innen, sie hörte vor ihren geistigen Ohren nur immer der Mutter freuttdlich ernste Stimme sagen: „Eilte rechte Frau gehört zu ihrem Mamt," und Hansens Stimme, die ihr von seiner Jugend erzählt, und den Psalmengesang auS der Kirche . . . Das alles stÄßt ihr seht wunderlich in eins zusammen, in eine weiche, feierliche, rührende Melodie, zu der das Stainpfeu und Schnaube« des Zuges eilte seltsame Begleitung bildet. Einmal auf einer Station dringt der Klang ferner Kirchenglocken herüber — und ww Friede ibnrmt'» über das Gemüt der ruhelosen Frau. Die frühe Dämmerung des Heiligabends senkt sich herab über die kleine Stadt — schon flammt hier und da, wo ungeduldig«! Kinderherzen gar zu stürmisch pochten und mahnten, ein Lickter- baum auf. Anne Marie sieht es, wie sie zu Fuß den Weg tont Bahnhof jit ihrem Hause einschlügt. Ihre Pulse klopfen, ihre Füße schreite« so schnell — und doch nicht schnell genug für das ungeduldige, unruhige Herz! Hat sie darum wochenlang gezögert, daß ihr jetzt die letzten zehn Minuten so lang, so endlos lang werden? Und wie wird sie ihn finden? — was wird er sagen? Wird er ihr alles verzeihen kömien, lvas sic ihm angetan? All ihrs bösen, schlimmen Worte, ihren Haß, ihr Schweigen, ihr Wochen» langes Fernsein? O, daß die nächste Stunde schon überstanden wäre! Jetzt steht sie vor dem Hause, kaum fähig des aufsteigenden Schwindels Herr zu werden, so klopft ihr Herz, so hämmerts bis in den Hals hinauf. Alles dunkel. Sollte .Hans, nicht zu Hause sein, heut am Heiligen Abend? Sie geht die Treppe hinauf, mühsam, nach Atem ringend. Sie zählt mechanisch die Stufen, und ihr zur Seite geht der bange Zweifel und fragt: Kann er mir verzeihen? Sie klopft an die Tür, leise, zaghaft, wie ein Bettler. Heimlich will sie eintreten und ihn überrafchen. Niemand öffnet. Sie stteckt die Hand nach dem altmodischen Klingelzug aus — die Glocke schrillt aufdringlich laut durchs Entree — drinnen bleibt alles still. Eine unbestimmte Augst kriecht atenrraubend über ihr Herz — in den Sekunden des Wartens, des zweiten Klingelns wächst fit zum Riesen heran. Wie totenstill eS drinnen ist — so still wie damals. . . Das Grauen schüttelt sie, sie muß sich festhalten und greift nach einem Stützpunkt. Da spüren die tastenden Finger einen Schlüsse! in der Ecke am Nagel, ein Versteck für den Entree- schlüssel, das Miela zuweilen benutzte. Mie'la ist also ausgegangen — Anne Marie seufzt auf, was hat sie denn eigentlich gedacht, tvas für eine törichte Ahnung hat sie geängstigt? Ihr Mann wird noch auf Praxis sein — oder vielleicht drüben bei Amtsrichters? Ihre Finger zittern noch von der ausgcstandenen Angst, wie sie den Schlüssel ein steckt und aufschließt. Nun steht sie drinnen und tastet sich vorwärts durch den dunklen Flur. In der Küche neben dem Herd sind Zündhölzer — jetzt flammt eins auf — Gottlob, da- steht auch Mielas kleine Lampe. Sie atmet erleichtert, nun sieht sie Licht, nun ist's nicht mehr so schrecklich wie vorhin! Sie nimmt die Lampe und wandert durch die wohl- bekannten Räume — nur das Schlafzimmer wagt sie nicht zu betreten, tvo damals das Kind lag in seinem Bettchen, so fremd, so still .... scheu und auf den Zehenspitzen schleicht sie da rack vorüber. Es ist Alt, eisig kalt überall, sie suhlt es trotz ihres warme« Mantels und schauert zusammen. Wenn Hans nun heimkommt 806 — toit der anstrengenbetk Tagesarbeit, inübe, durchfroren — so findet er kein behagliches Plätzchen znm Ausruhen, „the dear and holh place at the fireside", tvie er so gern sagte. Kein Licht, kein Feuer im Hause, das den Heimkehr enden freundlich grüßt und erwärmt. . . Diese Mieia, wie kann sie nur. . .! Aber wie denn? Miela ist nur ein gemietetes Mädchen, bas für Lohn seine Arbeit tut — und sie, die Hausfrau, die das heilige Herdfeuer hüten soll — wo Ivar sie denn, tage-, wvchcn- laug? Sie wirft den Mantel ab, holt Holz und Steinkohlen' aus der Küche und kniet vor dem kalten Ofen nieder, und bald flamnit es auf, das laug vernachlässigte heilige Feuer, und Anne Marie kniet davor und schaut hinein, und ihr ist, als siele all das Freinde, Kalte, Tote, was ihr so lange ine Herzen gesteckt, hinein tit die züngelnden Flammen und werde von ihnen verzehrt — Und als sie endlich aussteht, sind ihre Augen feucht geworden'. Aber sie will nicht länger träumen — cs gibt hier so viel zu tun für sorgende Hausfrauenhände. Staub, überall, schiefe Bilder an den Münden und unordentlich durcheinander geworfene Bücher und Schriftstücke auf dem Arbeitstisch — und ihr Gatte, der so peinlich ordentlich ist, was mag er gelitten haben unter dieser Vernachlässigung seines Heims! Wenn er doch nur käme! Ihr Blick fliegt hinüber zu den erleuchtete» Fenster» im Amtsgericht. Drüben sind alle Vorhänge niedergelassen, sie feiern ihr Weihnachtsfest. Und Hans ist tvvhl dort bei den Freunden, sic haben ihn zu sich herüber geholt, den Einsamen. — Die Hand Mit dein Staubtuch finkt müde herab. — Sechs Uhr — zu Hause Künden sie nun auch den riesigen Christbaum an, ganz oben an die Spitze hat der Vater den großen Stern hingesteckt — wie der leuchtet und flnnmert! und wie die Geschwister jubeln und die Eltern stillfröhlich, daneben stehen — und an sie denkt wohl keiner von ihnen allen! Hier steht sie und wartet, inutterseelen- allein — und Hans kommt nicht — und das ist mm Heiliger Abend! Jetzt geht die Tür, und jetzt ein Schritt im Entree. Herrgott, das ist er! Die Tür wird geöffnet, und Mielas Gesicht schaut zaghaft herein. „Herr Doktor . . . Herrejesus nee, Frau Doktorn, sünd Sie das wirklich? Und ich hatt' keine Ahnung, nee, nur Gottes willen Menn Sie doch man bloß geschrieben hätten, Frau Doktorn!" Anne Wiitriti sieht das erschrocken dastehende Mädchen ernst an — sie kann sich doch nicht enthalten zu sagen: „So hältst du Haus, wenn ich nicht da bin, Miela! Keine Lampe int Flur, und kein warmes Zimmer, wenn mein Mann heimkehrt?" „Ach 'Gott, Frau Doktorn, das Feuer is wohl man eben ans-- gegangen," stottert Miela verlegen. „Und der Herr is ja bei Amtsrichters eingeladen, wer weiß, wann der nach Hause kommt! Und unsereins will doch auch sein bißchen Vergnügen haben, cs ist doch Heiligabend. Da sitzt doch jeder gern hei seine Familge, im ich war man eben bei Muttern." Mielas Zunge hat nach dem ersten Schreck ihre alte Geläufigkeit schnell wiedergefunden. Anne Marie bat von all dem Gerede nur das eine gehört; gedehnt wiederholt sie: „So . . . der Herr ist bei Amtsrichters?" „Na, was soll er denn auch so allein hier sitzen?" bemerkt Miela treffend. „Soll ich ihn vielleicht holen?" „Nein, laß nur." „Kann auch sein, -er kommt erst noch mal wieder »ach Hause," sagt Miela mit einem Blick auf den Kleiderständer. „Sein guter Rock hängt ja noch da. Ach Herrjeh" — sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn, „er wird wohl ... er wollt' ja iwch. . sie stockt und blickt unschlüssig, ob sie davon sprechen darf, auf die Fran. „Was wollte er? So sprich doch weiter, Miela," ruft Anne Marie ungeduldig. „Noch mal auf'» Kirchhof gehen. Heut' früh war er all einmal da und. hat all die vielen Kränze rausgetragen, ganz allein. Ich wollt' ihn» noch helfen, aber er sagt so aus seine Art: Nein, lassen Sie nur, Miela, ich trags lieber allein." „Wie der Mann, den ich gestern sah," mußte Anne Marie denken. „Der trug .auch seine Kränze hinaus, den weiten, weiten Weg." „Aber der lütte Tannenbaunr war noch »ich da, den der Herr bestellt hatte," berichtete Miela 'weiter, die immer beredt wirb, wenn sie von ihrem Doktor spricht. „Erst heut nachmittag hat ihn der Gärtner gebracht, da wird der Herr ihm wohl noch rausgetragen haben . . ." „Also iricht bei Amtsrichters, sonderte bei seinem Kinde," denkt Anne Marie nnd faltet unwillkürlich die Hände, Passer solitär ins, — mutterseelenallein dort draußen an der Stätte des Todes, heut, wo alle Menschenkinder, groß und klein, das Fest der Freude feiern. Was steht sie noch hier? gehört sie nicht dorthin zu ihm ? Sie greift nach dem Mantel, aber Miela hält sie zurück. Hören Sie doch, Frau Doktorn, es kommt wer die Treppe rauf. Ja, das is er — ich kenn ihm schon am Tritt." Anne Marie erkannte ihn auch. Sie begann zu zittern —: ihr Mann kam heim. „Miela, kein Mart von'mir', verstehst dn? Ich will ihst überraschen." Sie nahm ihren Mantel und Hut, die zum Verräter werde» konnten, und lief ins Eßzimmer, wo es kalt und dunkel war. Die Tür blieb angelehnt — und jetzt, wie er hereinkam, konnte sie ihn sehen und hören, ohne daß er ihre Nähe ahnte. Wie elend er aussah — so müde, so vergrämt! Jetzt nahm er den Hut ab, nnd beinahe hätte sie anfgeschrieen — der Lampen- scheiu fiel auf sein dichtes, dunkles Haar — es war säst grau geworden in dieser Zeit — o Gott, und wie hager das liebe, treue ernste Gesicht! Der jungen Frau hinter der Tür schossen die Tränen in die Augen, gewaltsam mußte sie ihr Schluchzen unterdrücken, um sich nicht zu verraten. Glücklicherweise steckte jetzt Miela den Kopf zur Tür herein und fragte: „Gehen Herr Doktor rüber zu Amtsrichters?" „Nein, ich bleibe hier," erwiderte Hans Birkholz, zog seinen Mantel aus und ließ sich schwer in seinen Stuhl ont Schreibtisch niedersinken. Miela blieb wartend stehen, er schien sie ganz vergessen zu haben. Stnmni saß er da, den Kopf in die Hand gestützt. „Wünschen Herr Doktor sonst noch was?" fragte das Mädchen schüchtern. „Nein, danke." Dann besann er sich, wandte sich um und sagte in einer gütigen, teilnehmenden Art: „Aber Sic, Miela, Sie haben gewiß noch Wünsche?" „Ach nee — der Herr hat mir ja all heut' morgen..." „Das meine ich nicht. Aber Sie wollen gewiß zur Wtntter? Gehen Sie ruhig, Miela — heut' abend soll jedes bei den! Seinen sein." Miela nickte verständnisinnig und ging, und Hans Birkholz kehrte in seine frühere Stellung zurück. Da knarrte abermals die Tür, ein zögernder Francnsnß trat auf die Schwelle. „Wollen Sie noch etwas, Miela?" fragte der Doktor müde, ohne sich nmzusehen. „Miela ist es nicht, sondern ich... und ich... ich..." schluchzte eine zitternde Frauenstimme. Sein Stuhl schlug krachend um — „Anne Marie, Tu?" Er war aufgesprungen und eilte auf sie zu — in der Mitte des! Zimmers blieb er stehen nnd ließ die ausgestreckten Arme sinken. Sein Gesicht war blaß wie der Tod. „Du kommst zu mir?" fragte er leise und zweifelnd, und in* seiner Stimme lag ein so ergreifender Klang, so viel Leid und Liebe, so viel von alledem, was er in diesen Wochen durchgemacht — daß das junge Weib zu seinen Füßen hiirstürzte und stammelte: „Ich wollte Dich bitten, daß ich... daß ich wieder bei Dir bleiben darf, Hans ... o Hans...!" Ta beugte er sich nieder nnd hob sie auf. In seinen starken Armen trug er sie durchs Zimmer und küßte sie, ünd konnt's nicht fassen, nicht glauben, daß sie ihm wiedergegeben war. — Die Zeit verrann, und als Miela um Schlafengehenszeit sachte de Knopf zur Tür herein steckte, saßen der Herr Doktor und die Frau auf den: Sofa, Hand in Hand, und auf dem Tische brannten statt des Christbaumes ein paar Wachslichter, und ur einer Base steckte eine Handvoll Tannenzweige — das war alles. Enttäuscht zog Miela sich wieder zurück. „Mi bucht, sie hat nich mal 'n büschen Kuchen mitgebracht!" murrte sie. „Nun, habe ich nicht mal einen Christbauiu für Dich, Kind," hatte Hans Birkholz nach den ersten erschütterubeu Augenblicken gesagt. „O Hans, ich brauche auch keinen — ich bin ja bei Dir...!" Und die Wachskerzen brannten knisternd wie Christbaumlichter, ünd die Taünenzweige — Tannenzweige von des Kindes Grab durchdufteten das ganze Zimmer mit ihrem herben, lieblichen Dust, und in den Herzen der beiden Menschen, die stillseligl nebeneinander saßen, lauteten tausend Glocken das Fest des Friedens ein. 807 Anter -em Mistelzweig. Eine Weihnachtserzählung von O. Elster. Nachdruck verboten. (Schluß.) Der Tag vvr dein Weihnachtsfest — der heilige Abend — war herange^mmen. Biel Arbeit gab es an diesem Taac schon sett frühem Morgen. Tie Stuben mußten gesäubert werden, und Krnttch danach Ltet" iu bcm -"»reu Kaufe ^ono erst kam Herr Edward Gordon aus seinem Geschäft in der Stadt und wollte dann Frcdy Holm mitbrinaen welcher erst heute von Teutschlano ankam. ö ' Man Elisabet lachte viel, trotz ihrer Arbeit, und neckte Mr:ede und zeigte ihr die grünen Mistelzweige, welche sie in rc.n Salon uitb dem Eßzimmer an den Wanden befestigte. "harken Sie sich die Plätze genau, liebe Elftiede," scherzte ' mie Uldi? unversehens unter einen Mistelzweig geraten." ,3Inn?-',J!ei(yr und Kitty flüsterten und kicherten heimlich taten sehr wichtig und liefen hierhin und dorthin nno halt.» hnnoert Heiurlichkeiten zusammen. Endlich, kamen die Herren. Elisabet begrüßte ihren Bruder herzlich und die Kinder rissen sich um Onkel Frcdy und bestürmten M ,mtt Fragen, ob er ihnen auch etwas Schönes von dem deutschen WrihiiachtLNiaun nntgebracht hatte. Er entledigte sich ihrer, indem er ihnen mehrere Pakete übergab, die sie eifrig aufwickelten. Tann tiat^er mit Elfriede zu und streckte ihr mit herzlicher Gebärde die Hand entgegen. ."bansend Grüßewvm deutschen Weihnachtsmann, F-räulein Elfriede, sagte er und feine Stimme vibrierte leicht und in seinen .^"Oen ieuchtete es auf. „Auch Ihnen habe ich ein Geschenk iwnt Weihnachtsmann nntgebracht, aber Sie erhalten es noch gessen' loben " mU& wissen, ob Sie mich noch nicht ganz vcr- . Herr Holm . . ." stammelte sie verivirrt und wagte nicht, ihre Hand zurückzuziehen, ivelche er fest und ivarm in der 7emen ijielt " . «Sie haben mich nicht vergessen, Fraulein Elfriede?" „Meine Mutter hat öfter von Ihnen geschrieben. " r . die gute liebe Mama! — Missen Sie, Fräulein El- friede, daß wir sehr gute Freunde geivorden sind — Ihre Mama und ich — und der gute, alte Herr Kantor und die Brüder und Schwestern. . . za, sehr, sehr gute Freunde, und wenn es mich Nicht hierher gezogen hätte, dann würde ich das deutsche Weih- nachten mit Ihnen gefeiert haben. Aber ich hoffe, daß ich nächstes «r.ahr Weihnachten in Deutschland feiern kann. Meinen Sic nicht ancy, «z-raulein Elfriede?" „Ich weiß es nicht. . ." „Ja, ja, Sie können cs wissen! Nur auf Sie kommt es „Auf mich?!" — «w ' V MÄ keN> meine Schwester erwartet Ms. oft das Essen bereit, Elifabet?" "M- Fred —- wenn Du die Liebenswürdigkeit haben willst. " „Aber gewiß ." mid er zog, die Hand Etfriedens durch seinen Ann nrch führte sie ut den festlich geputzten und erleuchteten Speisesaal. Ein- deutsches Weihnachten mit seinen lichterglänzeuden Tannen bäumen und der heiligen, halb wehmütigen, halb frohen Mstimmung ist gewiß etlvas schönes und liebliches, aber ein eng- lisches. Weihnachtsessen mit seinem Trnthahnbraten, mit seinem gewaltigen Rinderbraten, mit dem hunderterlei Gebäck, dem breu- ucnden Plumpudding und der dampfenden Pnnschbowle ist auch Nicht zu verachten. Es bemächtigte sich bald aller eine behagliche, fröhliche Stirn- mnng, und nur Elfride saß schweigend neben Fred!) Holm, der ihr von dem Elternhause und der lieben Heimat erzählte. „Ach liebe Deutschland", sagte er, „in dem ich nun schon snnf Jahre wohne und bin fast ein Deutscher geworden. Ich liebe diese deutsche Gemütlichkeit, diese deutsche Freiheit, die den Menschen nicht mit den Fesseln einer starren gesellschaftlichen Kon- venienz umgibt. Ich bin zu weit in der Welt umher gekommen, Am alles in England schön zu finden, wie es meine guten, aber leider sehr einseitigen Landsleute tun. Und Sie, Fräulein Elfride, müssen mir jetzt die innigen, sinnigen deutschen Weihnachtslieder Vorspielen, die ich von ihrem Papa gehört habe und die Sie gewiß auch spielen, können." „Natürlich kann Elfriede sie spielen," sagte Frau Elisabet. „Und die Kinder sollen dazu singen." Dann warf sie ihren Töchtern einen fragenden Blick zu und diese erividerten unter schelmischem Lächeln mit eifrigem Kopfnicken. Tann erklang das einfache innige Lied: Stille Nacht — heilige Nacht — Alles schläft — einsam wacht Nur das traute hochheilige Paar Holder Knabe int lockigen Haar, Schlaf in himmlischer Ruh... Tu Stimmen der Kinder verhallten. Aber Elfriede blieb am Flügel sitzen und ließ die Finger in leisen Variationen der Melv- & die Zästen gleiten. Es..Ivar ihr so selig, so heilig zu TbEihnachtszauder umfing sie mit all seinem still-n Gluck, mit all seiner Innigkeit und Seligkeit. Si vergai n-e Umgebung und versenkte sich ganz in dem Zauber der Tön- sie fühlte einen Kuß auf ihrer Stirne 1 0 Erschreckt sprang sie empor. Fredy Holm stand vor ihr und heriniT.mlt teutfjteubent '(,,Se “«• Alle anderen hatten das Zimmer rrÄ“ ~ was tun Sie...?" stieß sie hervor, ladjielte. „toie haben uns das deutsche Weihnachten mit seinem Märchen» zauber gebrach^ entgegnete er. „Nun müssen Sie sich auch WIKrfe,rl1* Weihiiacyten gefallen lassen — dieser grüne Zweig entschuldigt meine Kühnheit..." ° u ?”[ einen grünen Mistelzweig, welchen die Kinder heimlich auf der Lehne des üoessels angebracht hatten, auf dem Elfriede vvr dem Flügel saß. Enie heiße Glut umflammte Elfriedcns Wangen. ,Wre bösen Kinder..." flüsterte sie. Doch Frcdy ergriff ihre Hande und sprach leise und weich: „Meine liebe Elfriede, — • der Kinder gab mir ein Augenblicksrecht — willst Du mir das Recht für das ganze Leben geben?" „Oh, Herr Holm..." «Weißt Tu es denn iwch nicht, Elfriede," fuhr er fort, indem er ihr ntntg ut die Augen blickte, „daß ich Dich Mn lange lieb habe? Schon fett diesem öomntcr, als wir am Strande der raiischen- den e-ce uns trafen? — Ich wollte damals schon sprechen/ aber meine Schwester Elisabeth meinte, ich sollte uns erst eine tnrze Prufungszeit auferlegen — mir vor allen Dingen - und wenn ich Weihnachten noch so dächte, dann sollte ich kommen und Dich fragen, ob Tu mich auch ein wenig lieb haben könntest... und nun bin ich gekommen und frage Dich: Elfriede, hast Du mich licb?^— Willst Tu mein Weib werden? „Ist es kein Traum, Frcdy? — Ist eä Wahrheit - ich kann cs noch nicht glauben — Sie — Du — Du Imst mich lieb?" „Boii ganzem Herzen, meine teure Elfriede..." Ta sank sie an seine Brust und unter dem Mistelzweig, der glückbringenden Zauberrute der Alten, fanden sich ihre Lippen zum ersten innigen Kuß. Aus dem Nebenzimmer erscholl fröhliches Lachen. Frau Elisabeth erschien in der Tür. „Wo bleibt Ihr denn so lange?" Da ergriff Frcdy den Mistelzweig und mit dem einen Arm Elfnede umschlingend, hielt er den Zweig über ihr Haupt. „Der Mistelzweig hat Wunder getan," sprach er mit glücklichem Lachen. „Elfriede ist meine ließe Braut und unter dem glückbringenden Mistelzweig haben mir uns den Verlobungsknß gegeben..." Tie Kinder jubelten laut auf und umringten stürmisch das junge Paar. Herr Eduard Gordon trat mit einem Glase dampfen- den Punsches heran und rief: „Es lcbe das Brautpaar — hip, hip, hurrah!" — aber Frau Elisabeth zog die errötende Elfriede in die Anne, küßte sie und flüsterte ihr zu: „Tu siehst, meine liebe Elfriede, daß auch das englische Weihnachten eine glückliche, eine selige, eine gnadenbringende Zeit ist... Weihuachtsbanm ober Mistelzweig — das ist einerlei — wenn nur die Herzen zusammen-- stimmen." Ta stimmten die Kinder jubelnd das alte Weihnachtslied an', das sie Elfriede gelehrt: Vom Himmel hoch da komm' ich her. Ich bring Euch gute neue Mär, Ter neuen Mär bring ich so viel. Davon ich singen und sagen will... Vermischtes. * „Ueber das Verbesserungsbedürftige im Bewegungstypus des weiblichcn Körpers" hielt vor kurzem Frau Dr. Mensendieck einen Vortrag in Ehar- lottenbtirg. Nicht nur das ästhetisch, sondern auch das gesundheitlich Minderwertige in der Erscheinung des nto» derneu Frauenkörpers hat zwei schwerwiegende Gründe: den moralischen Zwang und die sieh häufenden Kultiirschwierig- felten. Die Ebenmäßigkeit und Bewegungsfreiheit der natür-- lichen Gestalt wurde schon lauge vor Beginn des Mittelalters durch eine ebenso unschöne wie unzweckmäßige Bekleidung beeinträchtigt. Die Frauen der frühesten Epochen bevorzugten außerordentlich schlvere, fließende Stoffe, die den Körper geradezu zur Krümmung zwangen. Später wurden teils übermäßig weite, teils viel zu enge Gewänder getragen. Schon Wolfram v, Eschenbach besingt die sogenannte Wespentaille. So hat sich int Laufe der Jahrhunderte ein Körper herausgebildet, der dem künstlerischen Blick unschön, dem praktisch-medizinischen Urteil aber zu anstrengender Arbeit untauglich erscheint. Dieser Effekt wurde, durch dreifache 808 Mängel herbeigeführt: durch eine schlechte Haltung, unzulängliche Atmuugsfunktionen und nachlässige, unbedachte Bewegungen. Für die Haltung des menschlichen Körpers ist besonders der Kopf maßgebend. Durch Konvenienztorheiten sind wir zu der Ansicht gelangt, daß eine aufrechte Kopfhaltung gleichbedeutend mit Hochmut sei. Außerdem haben uns die in beängstigendem Maße zunehmenden Straßengeräusche zu hastigem, unstetem Hin- und Herwenden des Hauptes verleitet, so daß an ruhige und graziöse Biegung des Halses nicht mehr zu denken ist. Daher das fast gänzliche Verschwinden der schön geschwungenen, antiken Halssäule, die bent breiten oder viel zu kurzen, in Doppelkinn oder Kropf auslaufenden Nacken Platz gemacht hat. Auch die Rumpfform ist heute bei den meisten Frauen durchweg unedel, doch resultieren ihre Unvollkommenheiten, tote z. B. Verkümmerung der Rückenmnskulatur, vorwiegend ans den mangelhaften Atmungsorganen und der damit verbundenen regellosen Luftzufuhr. Hastiges Sprechen, Keuchen, Bücken, Drehen lassen ein hygienisches Ein- und Ausatmen nicht zu. Nicht .nur mit den einschlägigen Unterrichtsfächern, wie Gesang, Deklamation und Redekunst, auch mit der gewöhnlichen Turnstunde sollten deshalb systematische Atmungsübungen verkni'ipft sein, die schon das Kind an rhythmisches Atmen, Atmungsinterpunktion und zweckentsprechende Haltung gewöhnen. Auch die einfache, besonders häusliche Belvegung sollte, ganz wie der Sport, ästhetisch und hygienisch kontrolliert werden, damit die erschreckend häufigen eckigen Arm- und Beinstellungen, die linkische Gangart und nachlässige Tournüre der Frau vermieden würden. * Die blonde Dame. Die Studenten von Cambridge, die sonst in dem Rufe stehen, daß sie ziemlich nüchterne, aber ernste Gesellen sind, lieben doch zuweilen einen kräftigen Scherz. Und sie schrecken nicht davor zurück, selbst ten akademischen Behörden eine Komödie aufzuführen. So führten sie einen zum Sultan von Sansibar ausstaffierten Kameraden ihren Vorgesetzten zu. Und der Mummenschanz gelang so gut, daß der maskierte Herrscher mit allen Ehren und Würden empfangen wurde. Nun aber haben sie einen neuen Streich vollführt, von dem gegenwärtig ganz Cambridge spricht. Es ist eine „hochweise" Bestimmung der alma mater, daß die Studenten leine Loge im Theater mieten dürfen, sie müßten denn von einer Dame begleitet sein, die ihre Verwandte ist. Im Cambridge-Theater wurde nun, so lesen wir im Seil. Tgbl., „Die lustige Witwe" gegeben. Das war natürlich für die Studenten ein fröhlicher Anlaß, um einen losen Streich auszuführen. Eines Abends wurde die Aufmerlsamkeit des Publikums im Theater nicht nur von der lustigen Witwe in Anspruch genommen. Aller Augen bewunderten eine entzückend schöne Dame, die in ihrer Loge von drei Studenten umgeben war. Die Herren bemühten sich sehr um ihre „Verwandte", sie reichten ihr Sck)okolade, sie fächelten ihr Kühlung zu, wenn es im Hause allzu warm wurde, und sie schienen glücklich, wenn sie von tei" Dame ein Lächeln erhaschten. Die schöne Fremde trug eine sehr elegante Atlastoilette und fiel besonders durch ihre reichen blonden Haare auf. Manch sehnsüchtiger und neidischer Blick wurde von den Studenten des Parketts nach der Loge hinauf geworfen. Noch am nächsten Morgen bildete die schöne Unbekannte den Gegenstand des Gesprächs. Und schließlich stellte sich heraus, daß die Unbekannte gar keine Unbekannte war. Sie war nicht einmal eine Dame gewesen, sondern nur ein fröhlicher Bruder Studio. Die rungen Leute hatten sich den Schwank ein gut Stück Geld kosten lassen, denn die Toilette war von einem berühmten Westend-Schneider hergestellt worden. Für die blonde Lockenfrisur hatte man den berühmten Haarkünstler Clartfon aus London geworben. Kurz, die ersten Meister hatten die Schöne hergerichtet. Natürlich hatten die Herren vor Theaterbeginn mit der „Cousine" diniert, sie hatten sich mit ihr sogar photographieren lassen. Die Behörden sind noch ratlos über diesen fr—öhlichen Streich. Sie hüten sich aber, durch zu große Strenge gegen die lvitzigen Jünglinge einer wohlverdienten Lächerlichkeit anheimzufallen. " Welchen Weg legt ein Kellner zurück ? Der Wirt eines Berliner Hotels hat kürzlich, wie wir in der Mlg. Fl.-Ztg. lesen, seine» Oberkellner mit einem Schrittzähler versehen. Der ,F)ber" begann seinen Dienst um sieben Uhr morgens und beendete ihn um zwölf Uhr abends. Zwrschendurcki machte er zwei Stundeu Tischzeit. Die Prüfung ergab, daß der „Ober" tagsüber sage und schreibe 22 Kilometer zurückgelegt hatte. Trotzdem hatte er den Speisesaal fast niemals verlassen müssen, da die einzelnen Gerichte per Telephon von ihm bestellt und durch Zuträger: aus der Küche geholt wurden. Gewiß eine anständige Leistung! 1 a Die kleine fünfjährige Traute"fragil „Muttel, hat die Großmuttcl auch mal eine Muttel gehabt?" —< Mutter: „^a. Traute" — Traute: „Und hat die Mattel auch wieder eine Muttel gehabt?" — Mutter: „Freilich, Traute, jeder Mensch hat einmal eine Muttel gehabt. Denk doch mal, was sollte solch em kleines Baby wohl machen, wenn's keine gute Muttel hatte, die ihm zu trinken gibt, es badet und behütet und so lieb hat, wie andere Menschen das kleine Baby gar nicht haben wurden. — Traute (nach einigem Nachdenken!: „Ja, aber die allerallererste Muttel, die hat dock keine Muttel gehabt, wer hat denn die behütet?' — Mutter: „Das hat der »eta Gott getan" — Traute (unterbricht rasch): „So, na, und wie oer liebe Gott ein Baby war, wer hat denn dem 's Fläschel soeben? (Zeitschr. f. Kinderpflege., Toleranz. „Toleranz bet is, wenn ick mir von meine jwotestantische Jberzeuung «ich abhalten lasse, die katholische« Feiertage ooch zu feiern." Neue Bücher. (Besprechung erfolgt nach Auswahl. Eine Verpflichtung zur Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt ciugesaudtev. Bücher wird nicht übernommen.) Karl Hans Strobl, Der Schipkäpaß, Roman, Berlin- F. Fontane u. Co. K. H. Strobl, Die Vaclavbude, Ein Prager Studenten- roman, ebenda. C. Roemheld, Auf stillen Pfaden, Ged. Nidda, Selbstverlag. Ad. Müller, Naturbilder aus der heimischen Bvgelwelt» Frankturt a. M. I. Strauß. 9,r,n h22, • Das offene Tor, ein Wiener Roman, München, Süddeutsche Monats e te. _ --r. le - Prenzlau: Der Hexenwahn, Tiibingen, I. C. B. Mohr. Bibliothek für alle, Bd. III. Stuttgart, Zeller und, Schmidt. Webers Juristen-Kalender, bearb. von Dr. Arthur K a l V mann, Berlin, E. Weber. M.V Ploennies: Gesammelte Werke, herausgegebeu vo« Karl Noack, Bd. I: Leben, Wirken und Ende des Freiherr« Leberecht tont Knopf. Darmstadt, H. L. Schlapp. Tr. H. Andres: Die Einführung des konstitutionelle« Systems im Großherzogtum Hessen. (Historische Studien, Bd. 64.) Berlin, Emil Ebering. Fr. L. K. Weigand: Deutsches Wörterbuch. 5. Ausl.» 5, Lief. (Grimasse Käfer.) Gießen, Al red Töpelmann. E. Meinhold: Deutsche Rassepolitik und die Erziehung zum nationalen Ehrgefühl. München, I. F. Lehmann. Emil Schiff: Wie bessern wir unsere Kolonialwirtschaft? München, I. F. Lehmann. Altfränkische Bilder: 15. Jahrg. Würzburg. H. Stürz. weihnachtsratsel. Bei der Lichilein Hellem Schein Kehren alte Jnbre wieder Tie drei ersten bei uns ein. Singen froh wir Weihnachtslieder. Werden dann das Ganze sehen An dem Tannenbaume aueb, llnd dte Kindbett wird erstehen, Wenn durch einen samten Hauch . Wir das lehte Wort bewegen In dem grünenden Gezweig. Dessen Rauschen, dessen Regen Weckt die Kinderlust sogleich. . A. E> Auslösung m ni hsler Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummerr Wenn etnfl die Dichtung ohne Erbe» Bon dieser Erde wandern muß, Tann werden alle Blumen sterben, Ed' sie erschloß der Sonne Kus;; Dünn werden sternenleer die Nächte, Der Erde Farben blaß und tot, Daun fehlt dem menschlichen Geschlechte Die Träne in des Lebens Not. R. v. Goltichall. Redaktion: E> Anderson. tHotanoiiabtud und Vertag der Brüht'sch er> Untoeiftiät4*Buch- und Sieuti»rackerer, ÖL Lange, Gwßeir.