1908 Donnerstag den 24. September in ■ WW \ M "5W ■ Herr Lecoq. Mniinal-Roman von E. Gab o r i au'. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Auf des alten Absinths Antlitz spiegelte sich die komische Verblüfftheit eines Menschen, der eine Mystifikation wittert und sich fragt, ob er lachen oder sich ärgern soll. Nach reiflicher Ueberzeugung entschied er sich fürs Aergern und begann: Tu bist ein wenig jung, um einen Alten wie mich zu hänseln. Ich habe die Maulhelden nicht allzu gern! . . . Einen Augenblick! unterbrach Lccog ihn, ich gebe gleich die Erklärung. Ganz gewiß haben Sie doch von einer furchtbaren Schlacht gehört, die für Frankreich eine der entsetzlichsten Katastrophen war, von der Schlacht bei Waterloo! Ich sehe nicht, welchen Zusammenhang das mit. . , Antworten Sie nur! Also — ja! Schön! In diesem Falle müssen' Sie wissen, PaPS, daß der Sieg sich anfangs den Franzosen zuneigte. Die Engländer begannen zu wanken, nnd schon rief der Kaiser: Wir haben sic!, als man plötzlich auf dem rechten Flügel und sogar im Rücken heranmavschierende Truppen bemerkte. Es war die preußische Armee. Die Schlacht bei Waterloo war verloren! In seinem ganzen Leben hatte der würdige Absinth sein Begriffsvermögen noch nicht so gewaltig angestrengt. Diese Anstrengungen 'waren nicht vergeblich, denn er richtete sich halb empor und rief in einem Tone, wie vermutlich Archimedes sein „Heureka" gerufen hatte: Ich hab's! Die Worte des Mannes waren bildlich gemeint! Sie habens getroffen, sagte Lecog lobend, aber ich bin noch nicht fertig. Der Kaiser war über das Erscheinen der Preußen so betroffen, weil er gerade von dieser Seite her einen seiner Generale, Grouchy, mit 35 000 Mann erwartete. Wenn also die Anspielung des Mörders genau und vollständig war, so rechnete er nicht auf einen Feind, der seine Stellung umgangen hatte, sondern auf Freunde. — Ziehen Sie den Schluß daraus! Stark in seinen Zweifeln erschüttert, wenn auch noch nicht ganz überzeugt, riß der gute Absinth seine eben noch so müden Augen ganz weit auf und brummte: Tvnnerlitzchen! Du erzählst, uns das in einem Ton! . . . Aber allerdings, ich erinnere mich, du wirst was durch das Loch im Fensterladen gesehen haben. Der junge Polizist schüttelte verneinend den Kopf und erklärte:. Bei meiner Ehre, ich habe nichts gesehen, als den Kampf zwischen dem Mörder und diesem als Soldat gekleideten armen Teufel. Nur der von ihm gesprochene Satz hat meine Aufmerksamkeit erregt. - Wunderbar! wiederholte der alte Beamte, unglaublich! Kolossal! , . Ich will Ihnen noch weiter sagen, daß sich durch Nachdenken mein Verdacht befestigte^ Ich habe mich zum Beispiels gefragt, warum der Bdann, anstatt zu fliehen, uns erwarteki und in der Tür Dhen blieb, um zu parlainentieren . . . Mit einen: Satz war der alte Absinth auf den Beinen'. Warum? unterbrach er. Weil er Komplizen hat und ihneit die Zeit verschaffen wollte, wegzulaufen! Ah! Ich begreife alles! Ein Lächeln des Triumphes huschte über Lecoqs Lippen. Das war's, was ich bei mir dachte! begann er wieder. Und jetzt ist es leicht, die Richtigkeit meiner Vermutungen festzn- stellen. Es liegt draußen Schnee, nicht wahr? Er brauchte nichts weiter zu sagen. Ter alte Schutzmann nahist ein Licht und lief seinem Kameraden voraus nach der Hinterttir; des Hauses, die auf ein kleines Gärtchen ging. An dieser geschützten Stelle hatte das Tauwetter weniger gewirkt, und auf dem weißen Schneeteppich erschienen wie schwache Flecken zahlreiche Fußspuren. Ohne zu zögern hatte Lecoq sich auf die Kuie geworfen, unt diese Spuren ganz nahebei zu prüfen; er erhob sich fast äugen-, blicklich iuieber und sagte: i| Diese Spuren sind nicht von Männerfüßen hinterlasse^. Es waren Frauen hier. ■ 1 V' 4. Kapitel. Tickköpfe von der Sorte des alten Absinth, die für dies Meinungen anderer Leute sehr schwer zugänglich sind, verbeiße^ sich hinterher besonders hartnäckig in fremde Ideen. Wenn eine Idee in ihr leeres Hirn eingedrungen ist, so wird dieses ganz undi gar davon ausgefüllt. Ter Vater von der Rue de Jsrusalent war jetzt viel fester als sein junger Kanrerad davon überzeugt, daß der geschickte Gsvrol sich getäuscht hatte, und das machte ihn: viel Spaß. Als erl Lecoq erklären hörte, es hätten Frauen dem fürchterlichen Vorfall in der „Pfefferbüchse" beigewohnt, da kannte seine Freude keine Grenzen mehr und er rief: Ein Prachtfall! Ein ausgezeichneter Fall! Und sich eines schon zu Ciceros Zeiten abgedroschenen Sprichwortes erinnernd, fügte er bedeutungsvoll hinzu: Suche das Weib. .. Lecoq würdigte ihn keiner Antwort. Er stand auf der Schwelle, den Rücken gegen die Türfüllung gestützt, die Hand gegen die Stirn gepreßt, unbeweglich wie eine Bildsäule. Tie soeben gemachte Entdeckung, die den alten Absinth entzückte, war für ihn niederschmetternd. Alle seine Hoffnungen verflogen, das Gerüst, das seine Einbildungskraft auf ein einziges Wort hin aufgebaut hatte, brach zusammen. Kein Geheimnis mehr! Bor allen Dingen keine großartig« Untersuchung mehr, kein über Nacht blitzschnell gewonnener Ruhm mehr! Tie Anwesenheit von zwei Frauen in dieser Mördergrube erklärte alles auf die natürlichste und gewöhnlichste Art; sie erklärte den Kampf, das Zeugnis der Witwe Chupin, die Erklärung des sterbenden falschen Soldaten. Des Mörders Haltung war danach ganz einfach. Er war geblieben, um den beiden Frauen den Rückzug zu decken; er hatte sich geopfert, damit sie nicht ergriffen würden, eine ritterlich« Galanterie, die so recht dem französischen' Charakter entsprjcht. 598 denn sogar die traurigsten Gesellen der äußeren Pariser Stadtviertel pflegen so zu handeln. Es 'blieb also nur die rinerwartete Anspielung auf die Schlacht bei Waterloo. Aber was bewies sie jetzt? Nichts. . . . Wie tief kann nicht ein Mann von guter Herkunft durch eine unwürdige Leidenschaft herunterkommen ... Der Karneval rechtfertigte alle Verkleidungen. Aber während Lecog alle Möglichkeiten in seinem Geiste hin und her überdachte, wurde der alte Absinth ungeduldig und sagte: Wollen wir uns denn hier hinstellen und warten, daß wir wieder jung werden? Was? Wir halten gerade in dem Augenblick an, wo unsere Nachforschung so glänzende Resultate gibt? „Glänzende Resultate!" . . . Dieses Wort verletzte den jungen Polizisten mehr als die bitterste Ironie. Ach was, lassen Sie mich zufrieden! sagte er grob. Und, vor allen Dingen, gehen Sie nicht in den Garten hinaus. Sie würden die Fußspuren zertreten. Der gute Alte fluchte, aber dann schwieg er. Er stand schon unter dem unwiderstehlichen Bann einer überlegenen Intelligenz, eines starken Willens. Lecog hatte seine Schlußfolgerungen wieder ausgenommen. Wahrscheinlich, dachte er bet sich, ist die Sache folgenderntaßen hergegangen: Ter Mann ist auf dem Ball im „Regenbogen", da drüben bei den Festungswerken, gewesen und kommt mit zwei Frauen hierher. Er findet drei Zecher, die ihn anulken oder allzu galant werden. Er wird ärgerlich. Die anderen bedrohen ihn, er ist allein gegen drei, aber er hat eine Waffe, er verliert den Kopf und gibt Feuer. Er unterbrach sich und fügte einen Augenblick darauf laut hinzu: Aber war es denn auch wirklich der Mörder, der die Frauen mitbrachte? Kömmt der Fall vor Gericht, so wird sich um diese Frage die ganze Verhandlung drehen . . . man wird da Licht htueinbringen müssen. Sofort ging er durch die Gaststube hindurch und begann den Erdboden in der Mhe der von Gsvrol gespreitgten Tür zu prüfen. Vergebliche Mühe! Tort lag nur noch sehr wenig Schnee, und es waren so viele Leute hin und her gegangen, daß man nichts nntericheiden konnte. Was für eilte Enttäuschung nach einer so lange ersehnten Hoffnung! Lecog weinte beinahe vor Wut. Er sah die so fieberhaft erwartete Gelegenheit in unbestimmte Weiten entschwinden. Er glaubte schon Govrols spitzfindige Sarkasmen zu hören. Nun also! murmelte er so leise, daß fein Kamerad ihn nicht horen'ronnte; ich muß meine Niederlage eingestehen. Der General hatte recht, und ich bin ein Dummkopf. Er war fo fest davon überzeugt, daß man höchstens einige Einzelumstände eines gewöhnlichen Todschlages würde seststellen können, daß er sich fragte, ob es nicht das Gescheiteste wäre, auf lebe Nachforschung zu verzichten und bis zur Ankunft des Polizeikommissars ein wenig zu schlafen. Aber der alte Msinth war jetzt nicht mehr dieser Meinung! Er hatte keine Älhnung, welchen Betrachtungen sein Kamerad sich hmgab; er konnte sich daher dessen Untätigkeit nicht erklären und vermochte kaum noch an sich zu halten. . .Ra na, Junge? Bist du verrückt geworden? Mich dünkt, letzt ist genug Zeit vertrödelt! In ein paar Stunden kommen die Herren vom Gericht: was sollen wir ihnen für einen Bericht Porlegen? . . . Wenn du nichts tun willst, so handle ich allein! feine$ Niedergeschlagenheit konnte der junge Beamte sich mcht eines Lächelns 'erwehren. Der Alte brauchte jetzt die- jelben Worte, mit denen vorhin Lecog ihn angetrieben hatte. Ans Werk denn! seufzte er, wie ein Mann, der einen Fehl- voraussieht, sich aber wenigstens Vorwürfe ersparen will. . konnte freilich nicht gut Fußspuren bei dem schwankenden Schein eines offenen Lichtes verfolgen, das der leiseste Windhauch ausblasen mußte. Lecog sagte deshalb: Aus jeden Fäll muß eine Laterne in dieser Diebshöhle sein Die Hauptsache ist, daß wir sie finden. . Sie stöberten alles durch und fanden wirklich im ersten Stock, .o r ®Wäimrner der Witwe Chupin, eine Laterne mit allem Zubehör, so klein und nett, daß sie gewiß nicht zu ehrlichem Gebrauch bestimmt war. , .Ein richtiges Diebswerkzeug! sagte der alte Absinth mit breitem Lachen. ,, Werkzeug' war auf jeden Fall für die beiden Beamten sehr Jbeguem, tote sie sofort erkannten, als sie in den Garten Sitrintgegangcn toaren und ihre Untersuchungen in methodischer Werse, begannen. Sie gingen mit äußerster Vorsicht ein Stück- ,&n m den Garten hinein. Der alte Schutzmann blieb stehen rind lenkte beit Strahl der Lampe in die richtigen Stellen, Lecog dagegen lag auf den Giften und studierte die Fußtapfen mit der Ausmerlsamkett etnes Wahrsagers, der aus der Hand eines reichen Besuchers dte Zukunft enträtseln soll. , ^ie neue Prüfung gab Lecog die Gewißheit, daß er richtig geiehen hatte. Augenscheinlich hatten zwei Frauen die „Pscffe^ buchse durch diesen Ausgang verlassen. Sie waren schnell gelaufen, das ging mit Bestimmtheit aus den Mständen der Fußspuren, sowie auch aus der Tiefe der Eindrücke hervor. Die von den beiden Fliehenden hinterlassenen Spuren waren übrigens so offensichtlich verschieden, daß dies sogar dem alten Absinth auffiel. (Fortsetzung folgt.) Der Dorfkönig. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) „ Ein Bursche öffnete das Fenster und ganz seines Klingest tonte herein, bald ward es' starker, bald leiser. Nicht eine schwingende Glocke ertönte: eS tetr der scharfe Wand, der sich am Glockenrande reibt und den zarten, feinen' Klang erweckt. Elan fiel zurück. Seine Seele hatte sich davon gemacht, schneit und leise. Auf den dünnen Glockentönen fuhr sie in' andere Welten. Im Gesindehaus' wurde es ruhig und finster, doch das Klingest drtonte wieder.-- jv>m, Herrenhause brannte nur im Arbeitszimmer Licht. Der Dorfkönig lehnte am offenen Fenster und starrte in die Nacht. Klingen der Totenglocke ging ihm durch und durch, es brachte ihn in wahnfinnige Wüt. . Seit Jahren wollte er das Glöcklein entfernen; er hatte nie den Mut gefunden, der Leute wegen, feiner selbst wegen. Er hatte sich gefürchtet, aus irgend einem Grunde. Er kannte ihn nicht. Die Totenglocke schwieg nicht, sie war sein Gewissen. Heute wollte er es' töten, sein Gewissen. Die Glocke sollte fallen, er wollte sie versenken, heute noch versenken in die eisigen, schneegesättigten Fluten des Flusses. Er wollte geben. — Er zauderte. ''Ick) will bis zwölf zählen. Wenn cs dann noch klingt, muß sie fallen." ; 2, 3, —■ —," bis neun. Nun zählte er lang» famer, -die Buchstaben klebten an der Zunge. „Zehn,--- e — — I--f,--- z--w --ö--- l--f." raffte sich auf. Leise schlich er über den Hof und tastete die Hintertreppe hinauf. Je näher er kam, je lauter ertönte das Klingen. Nun stand er oben, der Wind zauste mächtig in seinem' Iveipen Haar. Grausig kroch die Vorstellung: „es ist Mitternacht" — in sein Herz. Da hing die Glocke, ganz ruhig. Sie schwang nicht und klang doch. — Das machte ihn rasend. Das Herz in ihm arbeitete furchtbar. Er legte die Hand auf die Brust, — das Herz ward stiller. — Die andere Hand legte er auf das kalte, feuchte Metall. Sofort schwieg die Glocke. Em Leuchten glitt über sein Gesicht. — Das Ivar Triumph! Er wollte die Hand wegnehmen. Die Glocke hielt sie fest; er zerrte--er zerrte; sie ließ ihn nicht los. Die Glocke hielt ihn, meinte er, aber es war der Frost. Daran dachte er ntQt. ■ • Mit einem Ruck riß er die Hand ab; stechender Schmerz durchzitterte feinen ganzen Körper. Er griff mit der anderen' Hand an die schmerzende, die war fiebrig und schmierig; er wch daran. — Das roch wie Rost und Blut.--- Und da — — da — — da war auch das Klingen wieder. Das verwünschte Klingen! Er bückte sich, er stützte die Schulter unter die Glocke und stemmte ächzend. . Es krachte und knirschte in den Balken, und plötzlich drückte eine furchtbare Last ihn nieder. Er kroch fort, mit Händen! und Fußen. Das Klingen war aus. — Wie das wohl tat! — Er kroch zur Treppe, er schob und wälzte sich hinunter- . bte zentnerschwere Last mit sich schleppend, schiebend und zerrend. — Er umarmte die Glocke, die er so haßte, er drückte sie an feine Stoff, datz sie nicht die Stufen hinabkollerte. Endlich ivar er unten. — Ms er sich aufrichten wollte- konnte er nicht. So kroch er weiter auf allen vieren über den schmutzigen Hof. 599 Stockfinstere Nacht, kein Mond, kein Stern! — Wie eine Schnecke ihr großes Hans, so schleppte er seine Glocke weiter Er hörte schon das Rauschen der Wellen, das Krachen der Eis- setzen am Brückenpfeiler. Hier ist die Brücke, links der Brückenkopf. Da — ein Stoß, — ein ächzender Schrei der Glocke und ein wilder des alten Mannes. Die Glocke ist ihm aus den Händen gerutscht unb hüpft nun von Absatz zu Absatz die Böschung hinunter; bei jedem Aufschlagen schreit sie und berstet sie, und die Schreie werden immer mißtönender und gräßlicher. Der Dorf- kvnig stürzt nach, greift mit den Händen nach der Glocke, will sie halten. Er greift in die dicke, finstere Nacht, drei-, Vier- Mal. — Jetzt hat er sie, hält sie am Rande. Laß sie doch rollen, Guttermann, warum hältst du sie?! — Doch die Glocke zerrt und zieht, sie will hinunter, sie will ihren Schmerz kühlen in der eisigen Flut. Und ist schwer und hat iwch Kraft, mehr wie der Alte! Sie fällt mitten ins Prasselnde Eis und zieht ihn nach. Das war ein Schrei! 1 Der Kopf steckte im Eis', der Körper lag am Ufer, die Hände hingen tief im Wasser und krallten nach der Glocke. Wohl eine Minute nur lag der Dorfkönig so, — oder zwei. Ma zogen ihn schon kräftige Arme zurück. Hugo schrie: „Ein Unglück, — Leute, — bringt Licht!" Der Obermüller brachte die fchwälende Stallaterne und hielt sie vor. . „Der Vater!"-- Mit abgewandtem Antlitz, die Hände vors Gesicht geschlagen, ging .Hugo die Böschung wieder hinauf.-- Das war ein Silvester!--- —: — Der Alte war weich gebettet. Er schlief. Mit dem Morgengrauen kam der Arzt aus der Stadt geeilt. Durch die Untersuchung erwachte Guttenuann. ' „Macht Licht!" schrie er. s Die Umstehenden stutzten. [ „Macht Licht!! Macht Licht — — verdammte Finstev- pis!! — Hört Ihr nicht, macht Licht!" Es war jetzt heller, lichter Tag. Und sein Schreien um Licht ward zum Jammern, zum Flehen. Der Arzt neigte sich vor und blickte lange in das zerschundene «nd verzerrte Antlitz. Dann zog er Hugo in' eine Ecke und flüsterte: „Durch den Sturz in das eiskalte Wässer ist er blind geworden !" Mer der Kranke hatte es doch gehört, er bäumte sich auf und in hohlen, gurgelnden Tönen preßte er hervor: „Blind s— — — blind!" — — Im Augenblick verfielen seine Züge, sein Gesicht ivard blöde und stumpfsinnig. [ * * * Körperlich erholte sich der Alte schnell wieder, — geistig nie. Blind und blöde saß er oben im Wohnzimmer in einem tzwßen Lehnstuhl. Die Kinder waren lieb zu ihm, — er merkte Pichls davon. Fragte man ihn etwas, so sagte er stets monoton: ^,Laßt mir ja die Glocke liegen!" — An dem Tage, da Elan beerdigt werden sollte, kam Herald Emmrich, der Direktor der Enkauschen Kunstmühle aus Leipzig pack; Mühlwinkel. Auch Magda Merlin kam und Baumeister Hennig aus Dresden. Die Beerdigung war um drei. Schon um zwei marschierte der Kriegervercin aus der Stadt mit seiner Fahne in den Mühlhof ein. Hugo ließ ihnen unten im großen Saale, der seit Jahrzehnten unbenutzt gestanden hatte, Kaffee reichen und Zigarren. „Das hätte der alte Dorskönig nicht gemacht!" sagten die Veteranen. i \ „Unter dem jungen wird Wohl überhaupt ein anderes Regi- Jnent beginnen!" „Er ist doch Landwirt!" — I „Vielleicht verkauft er die alte Mühle und die Fabrik." „Oder er übernimmt sie selbst." — —> Das tat Hugo alles nicht. Denn wahrrMim Saale die Gäste ihre Vermutrmgen tauschten, führten die Geschwister Guttermann mit Herald Emmrich und Baumeister Hennig in des Vaters Arbeitszimmer ein ernstes Gesppäch. f „Also wir vereinigen unsere Bitten, Herr Emmrich, wir: Irene, Herr Hennig' und ich. Bleiben Siö da! Uebernehmen Sie die Mirektiorx der Mühle!" „Und Fran von Horbach, was sagen Sie dazu?" Herald wandte sich an Erika. Die stand da mit gesenkten Augen und verschlungenen Händen. „Vielleicht wird das Schloß doch iwch gebaut!" — sagte sie still, und leuchtender Hoffnungsschimmer verklärte das verhärmte, blasse Gesicht. Hugo, Irene und Hennig sahen sich erstaunt an, sie verstanden nicht den Sinn dieser Worte. Aber Herald sagte fest und fröhlich: „Gut — ich bleibe da. — — Das heißt, von der Papierfabrik verstehe ich nichts!" „Die übernimmt mein Bräutigam!" sagte Irene schnell und hing sich an Hennigs Arm. Da schaute ein Blondkopf zur Tür herein, nicht mehr mit den schalkhaften Augen, aber mit tiefernsten und tiefglücklichen. „Stör ich?" — — „Magda? Bitte! Gar nicht, komm nur!" Und sie schlüpfte hinein. Herald Emmrich sagte gerade: „Warum wollen Sie eigentlich nicht die Mühle übernehmen, Herr Guttermann?" „Weil ich sofort nach meiner Hochzeit mit Magda hier" — er hielt das blühende Geschöpf in seinen Armen — „wieder nach Alien grün übersiedele. Ich bin Landivirt und bleibe es!" Wahreich draußen sich der Leichenzug ordnete, fuhr wieder ein Wagen auf den Hof. Ein großer, weißbärtiger Herr, Professor N., der berühmte Psychiater aus Dresden, und Notar und Rechtsanwalt Dr. M. entstiegen dem Gefährt. Vom Bock kletterte ein Schreiber. Hugo begleitete sie in das' Wohnzimmer an des Dorfkönigs Stuhl. — Während der Psychiater den Kranken untersuchte, wurde auf dem kleinen, schmalen Friedhof, der in dem frischen Schnee wie ein weißes Handtuch an der Bergeslehne sich emporstreckte, der fast neunzigjährige Elan begraben. Und ivie die Ehrenschüsse über die Gruft ertönten, sagte Professor N. zu Hugo Guttermann: „Ihr Vater ist dauernd unfähig, seine Geschäfte zu führen. Ich halte es' nicht für nötig, daß eT in eine Anstalt gebracht wird, er ivird aber geistig immer mehr verfallen!" — „Dann sind Sie, Frau Guttermann, die nächst Berechtigte, die den -gesamten Besitz des Herrn Guttermann erhält und verwaltet," sagte der Mtar. Müde erwiderte die Mutter: „Ich mag nicht — — ich kann auch nicht; — meine Kinder mögens tun!" — „Sie, Herr Hugo Guttermann, sind denrnach als einziger Sohn das Haupt der Familie und der Verwalter des gesamtes Vermögens rind Besitzes. — Ich habe in den letzten Jahren, besonders von da an, als die Papierfabrik zu florieren begann, Ihrem Herrii Vater in der Verwaltung seines Besitzes beigestanden, — cs! sind ungefähr — dreiunddreißig Millionen!" — —•: Nach diesen Worten herrschte minutenlanges Schweigen im Zimmer, [ * * * Durch das stille Waldtal rauscht jetzt die Eisenbahn. — Bei der Station Mühlwinkel drängen die Reisenden an die linke Fensterseite. Alle blicken bewundernd nach der Bergeshöhe, auf der stolz, mit Zinnen unb Erkern und Türmen ein Schlößchen thront, märchenhaft in seiner vielgezackten, düstergrünen Umgebung, Ein Mühlwinkler steigt ein. < „Wem gehört das Schloß?" „Das Mondschloß? — — Mem Herald Emmrich, und die Mühle auch." „Und die große Fabrik?" „Herrn Hennig; — das sind Schwäger: Der und Emmrich." Und der Zug rast weiter und windet sich durch die Täler, huscht klappernd über schmale Brücken und kriecht in finstere Tunnel. Da hält er wieder. — „Altengrün." — Der Mühlwinkler fühlt sich bewogen, den Fremdenführer zu spielen. „Das ganze Dorf gehört einem einzigen Manne." „Ach!" „Was Sie sagen! — Wem denn?" „Dem kleinen Dorfkönig, — dem Guttermann! Ter ist wieder der Schwager von den Herren in Mühlwinkel!" „Gott, muß das schön sein, — so im Reichtum zu schwelgen!" flüsterte sehnsuchtsvoll ein junges Ting. Der Eingeborene zuckt mit den Achseln und lächelt geheimnis!- voll vor sich hin. — ' Er kennt die Guttermaunsche Familiengeschichte. 600 yochzeitrgeschenke, diese mehr oder minder geschmacklosen Denkmale des zerrissenen schönen Wahnes, sind nicht nur sehr häufig, sondern sogar meistens eine Quelle des Aergers und Mißmutes bei den zum Schenken Verpflichteten und bei den Beschenkten, die gar nicht wissen, wohin sie mit all den 10 Tafelaufsätzen, Rauchtischen, Schlummerkissen, Schreibzeugen, Nähtischen usw. hin sollen. Nicht jeder hat soviel Mut wie ein be- kannter Schriftsteller, der sieben Tafelaufsätze bekam, sie alle fein säuberlich aufstellte und dann zerschlug; es ist ja auch nicht gerade sehr nachahmenswert, aber begreiflich ist es jedenfalls. Was soll man denn auch mit diesem Zeug machen, das häufig sinnlos gekauft wird, nur damit eben etwas gekauft wird, damit man nicht mit leeren Händen kommt. Wieviele der Beschenkten haben so gut wie gar keine Verwendung für Men Tafelaufsatz, für ein Schreibzeug u. dgl. und diese Art der Geschenke führt dann zu der berüchtigten Ausstattung der „guten Stube", die mehr einem kleinen Warenhaus, denn einer menschlichen Behausung ähnelt. Um diesem Uebelstand in etwas abzuhelfen, hat man verschiedene Wege eingeschlagen. Teils versieht man die Einladungen zur Hochzeit mit dem Vermerk „Geschenke dankend verbeten", teils legt man eine Liste bei, auf der die gewünschten Gegenstände verzeichnet sind, wobei um sofortige Rücksendung gebeten wird, um etwaige Dubletten zu berichtigen. Diese an sich nicht unvernünftige Einrichtung wird aber am wenigsten angewendet, da ihr unser anerzogenes Taktgefühl entgegenstrebt, wenn man auch entgegenhalten kann, daß ja fast nur Verwandte und ganz nahe Bekannte eingeladen weroen, Leute also, denen man schon ein offenes Wort sagen kann. Sehr beliebt sind neuerdings die farbigen Steindrucke, dagegen finden sich Bücher merkwürdigerweise nur ganz ausnahmsweise, höchstens, daß der Geistliche eine Ehebibel stiftet oder ein Familienbuch ; sonst ist selten ein Buch auf dem Hochzeitstisch zu finden — höchstens noch ein „Blütenstrauß deutscher Lyrik", die Berliner Range oder dergleichen. Hauptsächlich mag das daher kommen, daß Bücher „nicht genug vorstelten", zweifelsohne spielt aber auch die merkwürdige Lesefaulheit unseres Volkes eine große Rolle. Um so erfreulicher ist es, daß in den besseren Kreisen in England sich diese Sitte immer mehr verbreitet. Besonders hat sich um die Einführung dieser Sitte die Gattin des jetzigen Premierministers, Mrs. Asquith, verdient gemacht und dabei in allen Kreisen eifrige Nachahmung gefunden. Der beliebteste der Dichter, die man bei solcher Gelegenheit zu schenken pflegt, scheint Kipling zu sein, doch fmden auch Oliver Wendell Holmes und Jane Austen viel Nachfrage; von sonstigen Schriftstellern sind unter den geistig höher stehenden Klassen namentlich Browning und Ruskin beliebt, während bei den breiteren Massen immer noch Dickens das Feld behauptet. Auf alle Fälle spricht sich in dieser Sitte wieder der bewährte literarische Sinn des englischen Volkes aus, dem auch bei uns in weit höherem Maße, als dies der Fall ist, Eingang zu wünschen wäre. _____________ K. Vermischtes. * 100 Koh len schippe rinn en sind im Hafen von Rio de Janeiro, 300 Schornsteinfegerinnen in den Vereinigten Staaten tätig! Während man bei Eröffnung jedes höheren Frauenberufes Bedenken auch gegen die körperliche Leistungsfähigkeit des zarten Geschlechtes geltend macht und die Befürchtung ausspricht, daß die Frauen an Weiblichkeit verlieren könnten, hat man dort noch keinen Protest gegen die unsagbar harte Arbeit der weiblichen Kohlenschipper oder die halsbrecherische Tätigkeit der weiblichen Schornsteinfeger erhoben. * Weibliche Schulrektoren. Mit der Frage der weiblichen Schulrektoren beschäftigte sich die Berliner städtische Schuldeputation abermals. Seinerzeit hatte die Stadt in Anknüpfung an einen bestimmten Fall sich an die Staatsbehörde mit der Anfrage gewandt, ob nicht Lehrerinnen zum Examen für das Mittelschul- und Rektorenfach zugelassen werden könnten. Das Provinzialschulkollegium hatte diese Frage verneint, da es der Ansicht war, daß das Schulvorsteherinnen - Examen ausreiche. Es sollen also Lehrerinnen zu solchen Prüfungen nicht zugelassen werden. In der Sitzung bildete nun dieser Bescheid den Gegenstand eingehender Erörterungen. Es wurde beschlossen, jetzt bei dem Provinzialschulkollegium zu beantragen, die Lehrerinnen zum Mittelschul- und Rektorenexamen zuzulassen; außerdem beschloß die Deputation, es der städtischen Schulverwaltung zu überlassen, in Fällen, in denen sich außergewöhnlich tüchtige Lehrerinnen um eine Rektorenstelle bewerben, diese ihnen anzuvertrauen. * Wahre Geschichte aus Groß-Berlin. Das erste Zeugnis, das mein Töchterchen aus der untersten Klasse einer höheren Töchterschule nach Hause brachte, lautete im Betragen: „Babette muß noch ernster und gesetzter werden." Babette war sechs und ein viertel Jahre alt. * Druckfehler (aus einer Annonce): Vegetarianer sucht geeignete Lebensgefährtin. Geld Nebensache, Hauptsache weiches Gemü?. Literarisches. — „Die Kun st", Monatshefte für freie und angewandte Kunst. Jahrgang X, Heft 1 (München, F. Bruck- mann A.-G. Preis, vierteljährlich 6 Mk.). Mit dem soeben erscheinenden ersten Heft tritt diese führende deutsche Kunstzeitschrift in ihren X. Jahrgang ein, sie feiert also gewissermaßen ein Jubiläum als Führerin durch die vielgestalteten Kunsterscheinnngen sowohl auf dem Gebiete des Kunstgewerbes, als der hohen Kunst, welche ihre nunmehr vollendeten neun Erscheinungsjahre kennzeichnen. Man darf wohk ohne Uebertreibnng die „Kunst" als einen Hausfreund bezeichnen, der die Uebersicht über das weite Gebiet ermöglicht, welches jetzt die bildenden Künste umfassen. Es ist geradezu erstaunlich, was die „Kunst" neben ihrer textlichen; Vielseitigkeit für eine Fülle von bildlichem Anschauungsmaterial bietet; so enthält das vorliegende erste Heft zunächst eine Würdigung, des künstlerischen Schaffens Fritz Erlers von F. von Ostini, der eine reizvolle Schilderung der Begründer der modernen Landschaftsmalerei: Crome> Constable und Turner von Otto von Schleinitz folgt. Das Kunstfeuilleton ist vertreten durch einen anziehenden Artikel: Lenbach als Kopist und Kunstberater des Grafest Schack, geschrieben von dem langjährigen Privatsekretär dieses Kunstmäeen Prof. Georg Winkler. — Zur angewandten Kunst übergehend, heben wir hervor eine treffliche! Publikation über die Kunstphotographien von Frank Eugene: Smith, der eine Würdigung der Ausstellung „München 1908" (aus der Theresienhöhe) aus der Feder W. Michels folgt. Alle diese Aufsätze sind reich mit sorgfältig ausgewählten Illustrationen geschmückt, so daß das stattliche Heft 153 Abbildungen, dabei 5 farbige, hierunter besonders bemerkenswert das Erlersche Doppelblatt: „Die Pest", enthülst — „März", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen, Kurt Aram. Zweites Septemberheft 1908. Verlag von Albert Langen in München. Das neue Heft des „März^ bringt wieder viel des Interessanten. Besonderes Aufsehest werden die Erinnerungen eines Anonymus erregen, die unter dem Titel „Viereinhalb Jahre im Serailgefängnis des Prinzen Abdul Medjid" erscheinen. Aus dem weiteren Inhalt der Nummer heben wir besonders einen Artikel von Ludwig Thoma „Marokko" hervor, der sich mit der durch dis Schwenkung der deutschen Politik veranlaßten neuen Phasq in der Marokkoaffäre beschäftigt. Auch sonst enthält die Nummer eine Fülle von interessanten, politisch aktuellen und künstlerischen Beiträgen aus den Federn der hervorragendsten Autoren. Unter anderen hervorragenden Beiträgen kündigt der „März" für das neue Quartal die erste Veröffentlichung von Ludwig Thomas neuem Werk: „Moral", Komödie in drei Aufzügen, an. Charade. Ganz bin ich Balsam für dein lonndes Herz, Doch ohne Kopf verzehre ich das harte Erz, Und h a l s l o s steigt zu neuem Lauf Des Lichtes Urquell von mir auf. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Braunschweig. Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießen.