nur W 1908 — Nr. X32 Montag den 24. August \ WtßenevWuilienbl UntechaltungsblM MMHnerAnMer Oe!MÜ-A«Ml Der Dorfkönig. Roman von Karl Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Neujahrsmorgen! — Neujahrsmorgen 1870! In den Wäldern war es ruhig geworden. Aus beirt Meer der vielzackigen Spitzen ragten an unzähligen Stellen zersplitterte Stumpfe hervor, auf jedem eine hohe, spitze Schneehaube. Waldbruch, — Schneebruch! Kein Lüftchen regte sich im Tal. Schon ehe es Tag wurde, hatte Elan im Schnee Bahn gemacht und nun türmten sich zu beiden Seiten des schmalen Weges fast mannshoch die Schneemauern auf. Das sah aus wie Festungswerke, so düster uchd massig. Gegen acht Uhr trat Guttermann aus dem Hause. Sein erster Blick galt dem Erkertürmchen. Das Glöcklein drin hing ruhig und stumm, und über des Talherrn Antlitz zog ein Schein der Befriedigung. Trotzdem stieg er bedächtig die Hintertreppe im Herrenhaus hinauf und betrat das Türmchen. An den Sparren hingen aneinander gereiht, die Lederflügel wie einen Mantel um sich geschlungen, friedliche Fledermäuse. ■— Der Alte besah sich nun die Glocke und band sein Taschentuch Um den Klöppel, damit bei einer Bewegung die Glocke nicht erschallen konnte. Um den oberen Teil des Stahlmantels war ein großes, weißes Tuch gebunden, das vom Winde zur Dachluke herausgetrieben sein nwchte. Jetzt war es mit Schnee bedeckt, war hart gefroren und brüchig. Der Sturm der letzten Nacht hatte wahrscheinlich an dem Laken gezerrt und dadurch das Glöcklein in schwankende Bewegung gesetzt. Jetzt konnte sich Guttermann den dumpfen, kläglichen Ton erklären. Er entfernte vorsichtig das große Tuch. Da er den Moten nicht zu lösen vermochte, schnitt er das flatternde Ende einfach üb, säuberte es vom Schnee und band es dann noch um den Schlegel. Er bewegte versuchsweise die Glocke; sie blieb stumm. „So — du sollst mich nicht mehr stören!" sagte er befriedigt und hielt voM Fenster Auslug. Unter ihm lag die Mühle, um die sich in weitem Bogen der Fluß wand. Aus seinen Usern strebten die dunkelbewaldeten Bergeshöhen empor. Das war alles sein: die Mühle, die Häuser im Talkessel, die Berge, die Wälder, der Fluß, — — alles, so weit sein Auge reichte. Das hatte er sich erworben, das waren die Früchte eines ganzen Lebens. — Und was für eines Lebens?! — Er mochte nicht daran denken. Darum hob er den Blick und starrte in die Ferne. An der Bergstraße glitt er hinauf bis zur Höhe, wo sie im' Walde verschwand. Von dort oben war sein Reichtum hereingekommen, von dort dben war auch sein zweites Weib hereingechmmen, das jetzt noch schlummerte unten im Herrenhaus, das ihm seine Kinder gebar. — Aber dort, die Bergstraße, war auch jeMand hinausgezogen> sein erstes Weib, von ihm' schmählich vertrieben. Nichts hatte! sie mitgenommen als ein großes Tmh. Guttermann warf einen ängstlichen Blick nach dem Glöckleiit. Das hangt ruhig, Guttermann! — Du hast ihm das Maul gestopft!! Das freute ihn — aber die Gedanken blieben. Mit dem großen, roten, gestrickten Tuch war sein Weib sott-, gegangen, den Berg hinauf, nachdem sie am Brückenkopf iwch' lange gesessen, noch lange gewartet, ob er sie nicht zurückholte. Das Tuch stammt noch von seiner seligen Mutter. Und nichts hatte sie mitgenommen!? Wirklich nichts?? — — Guttermann stöhnte. — Wo war er hin, der Frieden, die Ruhe, die innerliche Ruhe? Hatte sie das alles in das große Tuch gepackt?! — Der Alte sah unterer noch die Bergstraße hinauf, unstät und nirgends hafterrd mit dem Blicke- Da ward oben auf der Höhe ein schwarzer Punkt sichtbar- ES schien, als ob er sich fortbewegte, dann aber wieder sah es aus, als ob er kleiner würde und in dem' Weiß der unendlichen Schneemassen zu versinken drohte. Guttermann überlegte. — Ein Mensch konnte das nicht sein; denir auf diese Entfernung toar der nicht zu erkennen. Vielleicht ein Wagen, der eingeschmit war und der Hilfe bedurfte. Der Talherr gehörte sonst nicht zu den barmherzigen ©anictri ritern. Aber heute hatte ihn eine weiche Stimmung ergriffen wie selten. Er ging in das Gesindehaus, wo die Müller und Knechte ihren Morgenkaffee tranken. f Schon war er wieder der harte Mann, — der Herr. Er befahl, es sollten sofort alle ausrücken mit Schaufeln und Schippen, um nach der Höhe Bahn zu machen. Manch böser Blick, Manch nur halb unterdrückter Fluch ward ihm nachgesandt. Das ganze Jahr keine Ruhe; — vorn Morgengrauen bis in die späte Nacht nur Dienst, und heute am Feiertag, nun noch die harte Schneearbeit. Aber was halfs? — Er war der Herr, — sie die Knechte! Fünf Minuten später standen sie am Brückenkopf und begannen, zu schaufeln und zu karren. Waren sie auch zwölf Mann; anj die drei Stunden konnte es trotzdem dauern, bis sie auf die Höhe kamen, und den Schneepflug gab der Alte nicht her. Auf Elans Verstellung hin erwiderte er barsch: „Hab doch Menschen genug, wozu die Pferde quälen?" So quälten sich! eben die Menschen. Guttermann nahm währenddessen die Neujahrswünsche seiner Familie entgegen- In feinem behaglichen Arbeitszimmer mit den wuchtigen, alten Möbeln empfing er seine Angehörigen; nicht alle zu gleicher Zeit, sondern ein jedes für sich. Diese Art hatte er nun schon seit Jahren eingeführt, und er verfolgte damit bestimmte Zwecke,. Einesteils war es dem 526 harten, einsamen Manne zuwider, in Gegenwart anderen viel zn sprechen, und womöglich freundlich zu sprechen, andernteils aber benutzte er diese Stunde, nm seinen Familiengliedern sein Programm für das kommende Jahr zu unterbreiten. In diesem Programm bekam jeder kategorisch seine Rolle zugewiesen. Ein Widersprechen gab cs nicht und wagte niemand, denn Gutter- mann hatte nie Wünsche, sondern nur Willen, und diesem zu trotzen oder ihn gar zu durchbrechen war gleichbedeutend mit völligem Zerwürfnis mit dem Alten. Am Nachmittage wurden in gleicher Weise erst die Beamten, btuiii die Arbeiter der Mühle und endlich sämtliche erwachsenen Bewohner des kleinen Dorfes zu ihm befohlen. Zuerst betrat Frau Guttermaun das Arbeitszimmer ihres Mannes. Sie war von unscheinbarer Gestalt mit kleinem Gesichte, auf dem beständig ein verängstigter Zug lagerte. Früher möchte sie hübsch gewesen sein. Sie trat einfach zu ihrem Manne an den Schreibtisch, legte ihm die linke Hand auf die Schulter und reichte ihm die rechte. „Meine Wünsche sind dir bekannt; sie bleiben immer dieselben herzlichen wie seit 25 Jahren!" „Ich danke dir. Marie. — — Setz dich! — Ich bin dir wohl schuldig, dich über unsere Lage zn informieren?!" „So hast du es wenigstens bisher gehalten!" sagte Marie Guttermaun müde. „Gewiß. — Das verflossene Jahr war ein gutes» — Wie ich aus den Büchern ersehen habe, beträgt mein Reingewinn reichlich fünfunddreißigtausend Taler. — Für uns betrugen die Ausgaben etwa viertausend Taler. Unser Gesamtvermögen ist nun : t Z it er» ne er» n- itgi en, :m. or» ?" ich m3 tert 't&i tb'e 12 bis 14 Pfund. Wie ost allein int Laufe dieses Vorntitiags ntuß die Frau diesen Kessel aufheben und wieder niederfetzen. Man könnte auf eine interessante dynamische Statistik kommen, wenn man nur annehmen würde, daß die Frau den Kessel int Laufe des Vormittags zehnmal bis zur Höhe von zwölf Zentimeter heben muß. Aber diese Statistik läßt sich natürlich nicht verallgemeinern. Es sei hier nur noch kurz darauf hingewiesen, daß ein mit Speisen gefüllter Schmortopf aus gutem Material ungefähr 20 Pfund wiegt und daß die Frau also allein beim Kochen mit Gewichten von fünf bis zehn Kilogramm stundenlang zu arbeiten hat. Die Frau widmet sich aber nicht allein der Küche, sie muß sich attch mit den Kindern beschäftigen. Wie oft nimmt die Mutter tticht das Kind auf den Arm. Und auch ein solches Kind hat ein Gewicht von mindestens zehn Kilo; denn selbst der Säugling in der Wiege, den die Mutter so und so ost hochnimmt und wieder niederlegt, wiegt eine Anzahl von Kilogramm, die sich durch die wiederholte Beschäftigung mit dem Kinde natürlich summieren. Die Kinder müssen auch herumgetragen werden, besonders der Säugling — das bedeutet wieder das Herumschleppen von Lasten. Die Hausfrau ist aber auch noch, ehe sie zu kochen be- ginnt, nach der Markthalle gegangen, um dort einzukausen. Das Dienstmädchen durfte sie nicht mitnehmen, da die Kinder nicht ohne Aufsicht bleiben konnten. Die Frau hat Fleisch, Gemüse und Kartoffeln eingekauft und eine Last nach Hause geschleppt, die selbst dem Gatten, dem Vertreter des sogenannten starken Geschlechts, zu viel sein würde. Es ist überhaupt wunderbar, wie viel die Frauen leisten können, wenn es sich darum handelt, Einkaufspakete nach Hause zu tragen. Interessante Studien aus diesem Gebiete kann man während der Weihnachtszeit inacheit. Der Mann ist viel zu ungeschickt, um eine solche Menge von Paketen auf einmal zu transportieren, wie cs die Frau tut. Ihm würden fortwährend einzelne der Stücke zur Erde fällen. Die Frau bringt sie sicher bis zur Abfahrtstelle der Straßenbahn oder bis zu ihrer Wohnung, und sie trägt dabei Lasten, die auch einen Mann stark ermüden würden. Selbst bett Ausländern fällt es auf, wie viel Gewicht die Fraueu in Dentschland zu tragen haben, und namentlich die Amerikaner, bei denen die Frau wenigstens in gewissen Kreisen eilte andere Stellung einnimmt als in Deutschland, behaupten, die deutschen Frauen seien Lasttiere. Sie sind freilich zu dieser Ansicht vor allem dadurch gekommen, daß in Süddeutschland die Frauen alle Gegenstände, darunter oft sehr, sehr schwere Körbe, auf dem Kopfe tragen. Immerhin würde eine Amerikanerin niemals, selbst wenn sie dem Mittelstände angehört, so viel „schleppen", wie die deutsche Hausfrau. Nur der männliche Vorörtler muß sich hin und wieder bequemen, eine Anzahl von Paketen mit sich zu nehmen, wenn er nachmittags nach Hause fährt. Dies ist in allen Hauptstädten so, und originell ist der englische Witz, der berichtet, daß eine unbekannte Leiche anfgefunden wird, und der uittersucheudc Arzt erklärt, die Leiche des Mannes sei die eines Vorörtlers. Sein linker Arm sei nämlich zwei Zentimeter länger als der rechte, und das komme von dem Tragen der Pakete, welche die Beivohncr der Vororte täglich aus der Stadt mit hinausnehmen. Kehren wir aber zur deutschen Hausfrau zurück. Die großen, körperlichen Anstrengungen, die ihr zugemutet werden, erhöhen sich noch außerordentlich zu gewissen Zeiten, zum Beispiel am Wäschetage, an dem das Mädchen im Waschkeller ist und die Frau den Weg von der vielleicht hochgelegenen Wohnung bis zum Keller mehr als ein dutzendmal zu machen hat, wobei noch außerdem die ganze Last des Haushalts auf ihren Schultern ruht. Die körperliche Äu- strengüng steigert sich aber uoch mehr an den Tagen des großen Reinemachens, das ja in manchem Haushalte zum Leidwesen des Gatten nur gar zu oft gefeiert wird. Und weiter: Jede Gesellschaft, jede kleine Festlichkeit, die im Hause stattsindet, bürdet der Frau Arbeiten auf, die vor allem in körperlicher Anstrengung bestehen, während sich auch in diesem Falle die ganze Tätigkeit des Mannes darauf beschränkt, für Getränke und Zigarren zu sorgen, die er nicht einmal eigenhändig nach Hause zu schleppen braucht. Schon aus diesen wenigen Andeutungen geht klar hervor, daß die Frau sicher häufig viel mehr körperlich leisten muß, als der Mann. Und es sind nicht einmal die Beamteufrauen allein, sondern überhaupt die Gattinnen :N- nr ns :be t et ls a aller der Männer, die eine sitzende Lebensweise führen, wie Geistliche, Lehrer, Juristen, Literaten, Kauflente, Künstler usw. usw. Die vorstehende Betrachtung ist nicht nur deshalb au- gestellt, um die körperliche Leistungsfähigkeit der Frau zu rühmen, sondern sie soll auch eine Mahnung an die Männer feilt, sich zu erinnern, daß die körperliche Anstrengung zur Erhaltung der Gesundheit durchaus nötig ist. Nock) ist der Sport bei uns erst in der Entwicklung und nur die jüngste Generation zählt zu seinen Anhängern. Ich möchte das' Gesicht des Herrn Geheimrats sehen, dem man zumuten Würde, er solle nachmittags zur Erhaltung seiner Gesundheit Ball spielen. Er würde diesen Sport oder diese körperliche Anstrengung als unwürdig seiner Stellung und seiner Person entschieden zurückweisen. Vielleicht aber macht die Statistik mehr Eindruck aus ihn, aus der hervorgeht, daß mehr Frauen ein hohes Lebensalter erreichen als Männer. Allein die Zahlen aus Berlin sind sehr lehrreich. Im Jahre 1875 gab es in Berlin (in runden Zahlen) 15 000 Männer und 25 000 Frauen über sechzig Jahre. Im Jahre 1890 waren es 30 000 Männer und 51000 Frauen, im Jahre 1900 42 000 Männer und 69 000 Fraueu. Die Zahl der Frauen über 60 Jahre übersteigt die der Männer also um mehr als die Hälfte und das trotz den Gefahren, die den Frauen die Mutterschaft bringt. Sollte dies nicht in vielen Fällen darauf zurückzuführen sein, daß eben die Frau durch die körperlichen Anstrengungen, die ihr die Küche, die Führung des Haushalts und die Abwartung der Kinder bringen, gesünder geblieben ist und mehr für die Erhaltung ihrer Kräfte gesorgt hat als der Maun? Selbst aus der Häufigkeit des Vorkommens von Krankheiten beim männlichen und weiblichen Geschlecht, besonders in der Großstadt, könnte man Schlüsse darauf ziehen, daß der Frau die körperliche Anstrengung viel besser bekommt als dem Manne seine körperliche Untätigkeit. Das ist aber ein medizinisches Gebiet, auf das ich mich nicht begeben will. Es lag mir nur daran, andeutungsweise zu zeigen, wie viel körperliche Anstrengung den Hausfrauen zugemutet ioird. Wie groß diese in Wirklichkeit ist, scheint man selbst in den interessierten Kreisen, nämlich seitens der Ehegatten, nicht zu wissen; sonst würde man die Arbeit der Frau in Küche, Haushalt und Kinderstube höher bewerten, als dies leider sehr oft geschieht. Wenn aber eilte brave, pflichteifrige Hausfrau abends darüber klagt, daß sie zum Sterben müde sei und sich nicht mehr auf den Beinen halten könne, hat ie wahrlich Grund genug zu dieser Klage; denn sie hat gewöhnlich körperlich das Zehn- bis Fünszehnfache von dem , geleistet, was so und so viele Männer an diesem Tage vor sich gebracht haben. Daß sie dabei auch geistig nicht untätig war, ist ganz selbstverständlich. Neble §slgm der Furchtsamkeit. Von H. H ü l l e r. Nachdruck verboten. Es gibt Dinge, vor welchen sich jeder fürchtet und auch fürchten soll; ist doch die Furcht ein dem Menschen von Natur aus iiinelvohnendes Gefühl. — Die bloße Furcht hingegen, welcher lediglich die Vorstellung eines uns be-, vorstehenden Nebels ohne jedes Motiv zugrunde liegt, ist ein niedriges Gefühl, welches üble und traurige Folgen in materieller und immaterieller Beziehung nach sich zieht, Körper, Geist und Seele unterjocht und in ihrer Entfaltung hindert. , Der Furchtsame, der bei jedem Schritt und Tritt Gefahren für sein leibliches Wohl wittert, unterläßt es, den Leib durch körperliche Uebungen zu stähleit und gegen die Unbilden der Witterung abzuhärten; er verweichlicht sich, weil es allerdings schon vorgekommen ist, daß sich mancher Unvorsichtige bei Ausübung gymnastischer Uebungen, bei Betätigung eines gesundheitsfördernden Sports oder bei Wanderungen in Gottes freier Natur einen Leibesschaden zugezogen hat. — Begegnet ihm eine Gefahr, kommt er darin um, weil er nicht die Kraft und den Mut findet, ihr zu trotzen und die entscheidende befreiende Tat zu ivagen. — Es ist zweifellos verwerflich, sich in leichtsinnige Unter- uehmungen eiuzulassen, doch gehört in allen erwerbenden m ch e- tn ie s- w w h t l. t r 528 Berufs arten zum erfolgreichen Worum em gewisser Grad von Mut und Tatkraft. Der Furchtsame wird bei allem, was er unternimmt, immer nur die Gefahren, die Möglichkeit eines Mißerfolgs vor Augen haben, sich zu einem entscheidenden Schritt nicht entschließen und auf diese Weise jede Gelegenheit, Hab und Gut auf erlaubte Weise zu vermehren, unbenutzt vorübergehen lassen. Aber auch jeder andere Beruf erheischt Tatkraft und Selbstbewußtsein, welche beim Furchtsamen sich nicht entfalten können. Er verliert jedes Vertrauen zu sich selbst, ohne welches ein gedeihliches Wirken gar nicht möglich ist. Stets wird er durch das Bewußtsein seiner Schwäche, Abhängigkeit und Hilfsbedurftigkeit in seiner Tätigkeit gelähmt werden. Ein Feldherr, der, von Furcht beherrscht, immer nur den ungünstigen Ausgang vor sich sieht, wird bei aller Begabung nie zum entscheidenden Schlage ausholen und vor einem minderbegabten, aber mutigen Feldherrn das Feld räumen müssen. Ein Redner, dessen Sicherheit durch das Gefühl der Furcht gelähmt wird, kann trotz der reichsten Geistesgaben das Wort nicht meistern und wird einen traurigen Eindruck Hervorrufen, da der Mangel der Form durch den Reichtum des Inhalts schwer ersetzt werden kann. Ein Schauspieler oder Sänger, über den die Furcht Macht gewinnen würde, könnte, selbst wenn er der größte Künstler wäre, keinen Erfolg erringen. — Der Furchtsame ruft durch schüchternes, unsicheres und ungeschicktes Betragen immer einen schlechten Eindruck hervor, verliert dadurch die Achtung der Mitmenschen und setzt sich ihrem Spotte aus. In seiner Mutlosigkeit wird er sich Beleidigungen gefallen lassen, weil ihm die Energie zur gerechten Abwehr fehlt, sich bei ungerechten Anschuldigungen nicht einmal zu einer Verteidigung aufraffen, weil er bei seinem Mangel an Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart das richtige Wort nicht findet, und auf diese Weise auch an seiner Ehre Einbuße erleidet. Es ist also zwar zu billigen, daß sich der Mensch vor Leichtsinn, Unvorsichtigkeit und Frechheit hütet, daß er sich fürchtet, wo ein vernünftiger Grund zum Fürchten vorliegt, kurz, daß er nach dem Grundsatz handelt: „Was du tust, tu' es klug und bedenke das Ende"; aber im höchsten Grad verwerflich ist die unbegründete Furcht vor eingebildetem Uebel, die in Feigheit und Schlaffheit ausartet und den Menschen geistig und körperlich tief herabfetzt. meinem väterlichen Gut eme Schafzucht. Unt sie aufzubessern, * fernes Tags nach einer Nachbarstadt (ich glaube, es war CeUe. Anmerkung des Wiedererzählers), wo eine Ausstellung bott Wüschen Rammen war, und kaufte mir dort zwei Schafböcke Sie wurden eingestellt, aber sie konnten sich gar nicht miteinander vertragen, ^mmer haderten sie und stießen einander. Und eines Tages stieß der eme Bock den anderen tot. Nun war Friede auf dem Gut. Dies Bild verfolgt mich immer, auch nachdem ich in den Dienst getreten war, denn bei uns war es ja auch so. Preußen war der eine Bock, Oesterreich der andere und Deutschland die Schafherde, und nicht eher würde es gut gehen, bis der eine Bock den andern totgemacht hätte." . Die Porträtbüste des Alten wurde inzwischen tüchtig geför- dert. Er selbst liahm den regsten Anteil an dem Werke. Er lvar sogar nicht abgeneigt, corriger la nature. Das Eck am Hinter- bauvt war bei seinem Schädel auffallend niedrig. Ich glaube, nach Gall soll dort die Ehrfurcht sitzen, kann's aber nicht beschworen. Gewiß, das nil admirari lag Bismarck näher, als vor Personen oder Tatsachen sich zu beugen. Er wünschte aber doch, ob aus Schonhettsgefühl oder anderen Gründen, daß jener Vinterhauptteil etwas vorgeschuht, etwas aufgehöht würde. Der Sohn der Alpen erklärte jedoch, was er nicht sehe, könne er auch Nicht nachbilden, und setzte sich durch. Dagegen gab er einmal nach, als sich herausstellte, daß er unrecht und Bismarck recht hatte. Der Kanzler fand nämlich, daß seine Unterlippe zu dick gebildet war." „Etwas dünner! . In der Unterlippe liegt viel darin, Entschiedenheit, Energie, Wille, aber nicht zu dick wie bei manchem, sonst wird es Eigensinn." Der Kopf wurde fertig. Er ist ein ragendes Denkmal ragender Kraft. Der trotzige Sohn der Schneeberge hat den steifnackigeni Titanen der Ebene verstanden. Ich behaupte, kein besserer Bismarck ist auf der Welt, auch der Lenbachs nicht. Und diesen Bismarck haben die Berliner Ausstellungen zurückgewiesen. Er ist ms zum heutigen Tage nicht in die Oeffentlichkeit gekommen, ist Deutschland vorenthalten worden. Da sollte Abhilse geschaffen werden. An- und Einsichten. Der Besitz perfönlicher höherer Bildung und sittlicher Makellosigkeit ist der Ritterschlag der Neuzeit. ' A. Schaffte. Ohne Ideal gibt es weder einen Maler noch eine Zeichnung, aber schlimmer als ohne Ideal sind die Leute, die nur das leihweise erhalten, in der Schule erlernte Ideal besitzen. Delacroix. Wir trauen fast niemandem gesunden Menschenverstand 511 als demjenigen, der linserer Meinung ist. La Rochefoucauld. Ejn Haupthindernis der Fortschritte des Menschengeschlechts ist, daß die Leute nicht auf die hören, ivelche ain gescheitesten, sondern die, welche am lautesten reden. * Schopenhauer. Ich glaube, daß kein ernster und nicht völlig entgleister Mensch fähig ist, sich das Leben zli nehmen, ivcnn er je einmal das Erloschen eines gesunden imb guten Lebens angesehen hat. Hermann Hesse. Neues vom alten Kanzler. Unbekannte Aussprüche Bismarcks teilt in der Berliner Halb- „Neue Revue" (herausgegeben von Dr. Josef Nolf Bondh'Verlag der Neuen Revue" Berlin-Charlottenburg) Albrecht W1 r t h nut. Sern Gewährsmann ist der bekannte ^Eauer Norbert Pfretzschner, von dem u. a. eine Kur- Wfultatue m Bersin, das List-Denkmal in Küfstein iind eine . nftvolle Portratbuste Brstnarcks herrühren. Pfretzschner weilte ^.Maiund September 1895 jedesmal ungefähr fünf Tage in Friedrichsruh. Er hat die Gespräche, die damals im Bismarckschen Hause geführt wurden, rn treuer Erinnerung bewahrt und Dr Wrrth Mitgeteilt. Leider läßt sich annoch nicht alles veröffentlichen. Einiges 'Wdbrgegeben werden. Verehrer hatten Bismarck .»Der wär mir zu teuer, um ihn selbst ^kaufen, sonst legte ich nur einen ganzert Keller voll davon an." ibn Eii-uu? s» mreittte dä Herbert, „sonst würden M.Melleicht Russen und Franzosen austrinken." Ich muß ge- kann das nicht begreifen, denn es lag ja damals, und"bi- ^abanow-Rostowsky den Gipfel seiner Laufbahn erstieg vnn R i prunkvolle Zarenkronung vorbereitete, eigentlich nichts toafPhmr mnrr’f®m•?efHeiun9 ?er russisch-französischen Freund- ^edenM?sä Nb- Bismarck wieder em cauchemar des coalitions. mtb YÄ J*aBe sbersa-r nicht sehr erstaunt geblickt J « langsam und mit bedeutsamem Ernst gesagt - Meinst Pfretzschner erzählt, daß der'Kanzler sehr Mbnen^dM wnm 5b^?rsen sei, obwohl er ja mit all seinen LMynen, dm wohl erhalten waren, zur Grube gefahren ist. Und Da« ig e!?^ümme vom Diskant zum tiefen Baß umgeschlagen LÄÄnt «er nicht bekannt ist, soviel ich w^ nig,tens weiß, folgendes. „Ehe ich tn den Dienst trat, da war auf Das träge Ermatten unb Erschlaffen Kommt stets voii halbem Tun; Wohl bir, ist beine Arbeit ganzes Schaffe», Dein Ruhn ein ganzes^Ruhn I Friba Schanz. Unr Epoche in der Welt zu machen, bazu gehören bekanntlich zwei Dinge: erstens, baß man ein guter Kopf sei, unb zweitens, baß man eine große Erbschaft tue. Goethe (an Eckermann). Scherzrätsel. Die Mutter ruft bem Fränzchen, Will geben ihm 'ne Zwei unb Drei, Doch Franz, ber hat ein bös' Gewissen, Ist zwei und drei, kommt nicht herbei. Die Mutter sucht nun 's Fränzchen, Sie zieht es an ber Eins herbei, Statt einer Zwei und Drei gibts leiber Für es mm eine Ein?, Zwei, Drei. Gießen. t. L, Auflösung in nächster Nununer. Ausiösnng des Zahlen-Ouadrat-Rätsels in voriger Nummer» 11 12 13 14 15 13 14 15 11 12 15 11 12 13 14 12 13 14 15 11 14 15 12 13