Montag den 24. Februar M MV IW täte !.m MWW äht'ä CTrr.l lajuüiicifiüM Hl UWM tifej * Kelmuih von Lovfen, Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Bisher hatten sie wenig gespMchen. Sie genoß die von aller Arbeit losgelöste, sorglose Stunde und er mochte sic dabei nicht stören. Jetzt sagte sie ganz unvermittelt: „Es ging wunderbar gut. Ich glaube, es hat ihm nichts geschadet." „Die. Fahrt?" „Ja. Mir bangte etwas davor. Es ist cm volles Jahr her, daß wir zuletzt in Geschäften, die seine Anwesenheit nötig machten, nach Braunstadt aufs Landratsamt fuhren. Welch eine Fahrt! Wie hat er gelitten durch diese gräflichen Nervenschmerzen !" „Er meist sich seitdem enornr erholt haben." „Tas hat er gewist, doch am meisten in der letzten Zeit. Und wissen Sie weshalb? Aber Sie müssen es wissen. Es ist Ihr tägliches Kdmmen, welches wie eine wahre Medizin auf ihn wirkt. Jawohl — und ich weist nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit genügend ausdrücken soll! Sehen Sie, erstens tut es ihm gut, weil Sie sein Freund, sein Geistesverwandter sind, dann aber ist auch noch dies dabei: Wilhelm war und ist immer nur von Frauen umgeben, der. Verkehr mit einem Manne wie Sie ist ihm eine wahre Erquickung, Sein immer reger Geist umfastt so viele Gebiete, die uns Frauen mehr oder weniger fern liegen, und doch sind immer Frauen seine Zuhörer. Bis vor zwei Jahren gehörten vor allem Frau von Wahrendorf mit ihren Töchtern in diesen Kreis. Sie kamen so oft und so gern und gingen, wie sie sagten, immer belehrt von ihm. Er gab ihnen die Anregung zu neuen Gedanken, während sie ganz passiv blieben, viel zu rücksichtsvoll, ja viel zu andachtsvoll,, um auch nur je eine Einwendung zu niachen, geschweige denn, dast sie ihm neues gebracht hätten. Und ich, was soll ich ihm denn geben, als voas ich von ihm erst empfangen habe? — Aber Sie, das ist etwas ganz anderes. Sie rechten und streiten mit ihm, wenn Ihre Ueberzeugung es so fordert, Sie entwickeln Ihre Ansichten, Sie verstehen ihn aber auch dafür so ganz zu würdigen. Er steht einem Ebenbürtigen gegenüber, und das ist ihm so zuträglich, so köstlich." Sie hatte immer schneller, warm und eindringlich gesprochen. Jetzt schwieg sie und er wusste auch nicht, voas sagen. Sic gingen durch eine Gruppe alter Kiefern hindurch, an einem- der rostbraunen Stämme fuhren Eichhörnchen spielend auf und nieder. Edeltraut blieb stehen und sah den flinken Geschöpfen zu, kindliche Freude erhellte ihr Gesicht. „Wir haben keine in Rothaide. Es würde Wilhelm Zeit- v-ertreib gewähren, könnte er sie von der Gartenhalle ans in den Fichten spielen sehen. Schade!" — Wilhelm und immer Wilhelm. In ihrem Begleiter regte sich die ltngeduld, aber er zwang sie nieder. „Wie nahm beim Wilhelm die Verlobungsnachricht auf?" fragte er. Ihm war Plötzlich der Gedanke gekommen, ob nicht diese Damen Wahrendorf in Beziehung zu dem Bekenntnis einer stillen Liebe standen, welches sein Freund ihm gemacht. „Wilhelm freute sich, insofern er Helenen alles Gute wünscht und Herrn von Schnadewitz, als Ihren Freund, ohne wei- tercs für etwas Gutes annimmt." „Tas kann er auch. Er. ist ein tüchtiger, ehrlicher, braver Kauz und nrsolid — solid wie — na, wie —" „Sie!" ergänzte das junge Mädchen zuversichtlich. „Wie ich?" — er stutzte — „nun ja, wir sind beide weder! Spieler, noch stehen wir in Gefahr, an Delirium tremens zu enden. Stimmt!" schloß er scherzend. „Ich meinte es eigentlich anders. Ich meinte, in Bezug auf Frauen —" sie sah ihn mit klaren Augen an. Das goldene Vertrauen in diesem Blick wirkte fast wie ein körperlicher, wenn man so sagen könnte, blendender Schmerz auf ihn. Er schwieg. „Ist es noch weit bis zum Häuschen der sieben Zwerge?" — fragte sie. „Nein!" versetzte er zerstreut. „Wie entstand es? Meine Erinnerung ist, wie gesagt, ganz märchenhaft." „Ach, es ivar eine kleine Schöpfung Conrads, die er als liebender Vormund für uns drei in Szene setzte. Das Häuschen mit Tischchen und Bänken und einer kleinen Küchen- und Tisch- leveinrichtung gehörte uns, die sieben Zwerge bildeten nur eine zwischen Gestein und Farnen ausgestellte Dekoration davor. Wir hielten es sehr in Ehren; was meine Neffen und Nichten damit gemacht haben, weiß ich nicht." „Ich bin ordentlich neugierig. Ach, hier ist eilte regelrechte Mvosbank. Wollen wir eine kleine Station machen? Der Platz ist reizend!" Die Bank stand unter einem Ahornbaum, man hatte von ihr einen Blick über eine von Buchen umschlossene Wiese — ganz in der Ferne, wie ein Bild in grünem, rundem Rahmen, sah man das Schloß durch einen Aushau schimmern. Loysen setzte sich ganz mechanisch. Edeltraut saß, vorge- bcugt, die Hände um die Kniee gelegt, und sah mit seelenruhigem Behagen in die grüne Waldlandschast hinein. „Wäre Wilhelm hier!" — seufzte sic. Loysen hörte es gar nicht. Er warf mit seinem Spazierstöckchen Moos uud Steinchen in die Luft. Plötzlich fragte er: „Halten Sie mich ernstlich für einen Tugendhelden?" Sie wandte den Kopf: „Ja, das tue ich!" sagte sie einfach. „Für so eine Art Engel ohne Flügel?" „Für keinen Engel, sondern was zehnmal mehr sagen will, für einen st'ittenreinen Mann." , Sie sagte das mit einem schnellen Erröten, welches so gar nichts von Verlegenheit an sich hatte. „Aber, um Himmelswillen, weshalb denken Sie denn das?" — fragte er, fast außer sich. „Erstens, weil Sie Wilhelms Freund sind. Tann, weil Sie den Leuten so ernsthaft und ehrlich in die Augen sehen können." „Kann ich? Na, das fehlte auch iwch, daß ich das nicht könnte. Jetzt, meine ich. Aber es gab viele Jahre, in beiten ich gerade Wilhelm gemieden habe." — 122 — sechzig Jahre Dors-Leseverein Won E. R a u (Mönchröden). Es ist schon im gewöhnlichen Menschenleben ein Ereignis, wenn jemand seinen sechzigsten Geburtstag feiern kann, wieviel mehr in einem Verein, der durch eine so. lange Wirksamkeit der: Beweis für feine Daseinsbercch- tigung erbracht hat. Und daher sei es im folgenden gestattet, einen kurzen Rückblick aus die Gründung und Ent- wickelung des Vereins zu Möuchröden (Koburg), der am 10. November v. I. dieses seltene Fest feiern konnte, zu. werfen. . . Won dem Schullehrer Wittniann wurde dieser Verein im Jahre 1847 ins Leben gerufen. Schon bei seinem Entstehen hatte er 40 Mitglieder, die der Drang nach Fortbildung zusammengeführt hatte. Und daß dieser Drang in dem jungen Verein mächtig war, beweist ein Bereinsbeschluß, daß nicht iiur, wie die Statuten vorschreiben, Samstag abends gelesen werden sollte, soiidcrn auch am Donnerstag: Die Anmeldungen, die zahlreich einliefen, konnten zuerst mündlich bewirkt werden, als es aber dabei zu Unzuträg- lichkeiten kam, bestand man auf schriftlicher Anmeldung. Schon nach zweijährigem Bestehen hatte sich ein kleines Kapital angehäuft, das man nicht bei Trinkgelagen vergeudete, sondern zu einer Christbescherung für arme Kinder verwandte, wobei 27 Schiefertafeln, 20 Federbüchsen und 49 Schulbücher an 66 Kinder ausgegebeu wurden. Der Lese- Verein hielt 26 solcher Christbescherungen im festlich ^erleuchteten Saal ab, wobei 342 Gulden insgesamt ausgegeoeü wurden. Mit Gesang der Schulkinder begann in Anwesenheit der Bereinsmitglieder und zahlreicher Gäste die Feierlichkeit. An die Rede des Ortslehrers schloß sich eine Katechese über die Weihnachtsgeschichte an, der die Ber- sinnlose Zeit — denn ich glaubte an sie. Ich war jung und töricht genug, mir einzubilden, sie liebe mich." Edeltraut sah ihn aufmerksam an — um ihre Lippen zuckte ein kleines Lächeln. „Und wie endete es?" fragte sie. „La Atouche sd'Or war eines Tages mit einem sehr lichen, jungen amerikanischen Petroleumfürsten über Hamburg nach Newhork durchgebrannt. Damit kam ich denn gründlich zur Vernunft und schwor mir, nie wieder den Kopf zu verlieren." , ,, rr „Haben Sie den Schwur gehalten?" fragte sie rasch. „Wer so schwört, schwört nur, weil er sich in Gefahr fühlt. Tie Versuchung kommt nicht immer in schillerndem Kleide mit Schellen und Kastagnetten dahergesprungen. . . sie kommt auch in Verkleidung. Darf ich weiter sprechen, oder haben Sie nun schon genug?" , „Da Sie noch nicht genug hatten" ■— sie lächelte fein ironisch — „so möchten Sie, soll's eine Art Beichte sein, wohl weiter sprechen." . „Meine dritte Geliebt: war eure arme, kleine, halbverhungerte Konfektioneuse oder Probiermamsell in einem Modc- basar. Sie tanzte weder inn Ballett, als ich sie kennen lernte, noch flog sie in goldenem Harnisch durch den Zirkus, sondern sie war im Begriff, ins Wasser zu springen, um ihrem elenden Dasein ein Ende zu machen. Ich kam dazu, verhinderte cs, und so wurden wir bekannt. Sie war ein sonderbares Maochen — arm wie eine Bettlerin und dabei hochmütig wie eine Herzogin. Krank, schwach, jämmerlich zum Zerblaseir — und daber von stahlharter Energie. Unliebenswürdig, verbittert unb, von grenzenlosem Egoismus — und doch in ihrer Liebe maßlos, selbstvergessen und demütig. Bis zuletzt blieb sie ihrem Grundsatz treu, frei und unabhängig zu bleiben, und auch nicht das Geringste sich von mir schenken zu lassen. Sie half sich allem durch, mit bitterstem Elend kämpfend. Es hat mir oft das Herz bedrückt und ward mir unerträglich, wie sie so klaglos darbte. Zu helfen war ihr nicht. Neben dieser spartanpchen Bedürfnislosigkeit ging wieder, als wunderbarer Kontrast, em heftiges Streben nach selbsterrnngenem Ruhm, nach Reichtum und Macht. Ich habe vergessen zu sagen, haft sie ursprünglich zum Theater hatte gehen wollen, jedoch ihre Stimme durch eine Krankheit verloren hatte. Ties Mädchen habe ich erst bemitleidet und dann geliebt. Wenn ich das letztere ungeschehen ! machen könnte, stünde ich als ein besserer Mensch vor ^hncn. (Fortsetzung folgt.) , wn9" — sagte sie, ihn erwartungsvoll anblickend — „bitte, - sprechen Sie ddch weiter. War da etwas zwischen Ihnen? Das bat mich oft beschäftigt." , j „Wilhelm ist so ein sonderbarer Mensch — man kommt ihm zu Zeiten nicht gern unter die Augen, unb dcshalo blieb | ,/TaS tut mir sehr leid. Ich habe gedacht. Sie waren I in jeder Beziehung seiner wert gewesen." I „Ich hoffe, daß ich seiner deshalb nicht unwert war, und | sicherlich wäre er der letzte gewesen, der den stab gebrochen | hgtte über Tinge, die das Leben eben mut pch bringt. Sie » sind unvermeidlich, wenn auch zu beklagen." | Sie sah ihn von der Seite an, ernst und nachdenklich. | „Wir haben über so vieles zusammen gesprochen, Herr von Lohsen, Sie haben mir eigentlich Ihr ganzes Leben oßenbait, I mir war oft, als hätte ich Sie von frühster Jugend an gekannt — und doch hat das Hauptkapitel gefehlt, die Frauen,. von j denen ich meinte, sie hätten in Ihrem Leben keine Rolle gespielt Glauben Sie wirklich, daß ein Mann an sein dreißigstes Jahr heranrücken kann, ohne daß die Frauen eine und wenn auch noch so untergeordtiete Rolle gespielt haben? Was aber das Haupt- kapitel betrifft, meine gnädigste Freundin, so hat das nichts damit zu tun. Tas kommt noch!" — Er lächelte. „Sprechen Sie von Ihrer Heirat?" — fragte pe ganz ruhig. ? „Ja," versetzte er ebenso. I Innerlich sagte er sich: Jetzt ist der Augenblick oa und j du mußt ihr) die einst dein zweites Selbst wird, alles sagen. I Mögen andre dies lächerlich, abgeschmackt ober unpassend finden, | du Helmuth Lohsen, kannst nicht anders. Edeltraut hatte etwas nachgedacht und sprach letzt wieder: „Tas Hauptkapitel kommt noch! — Sehen Sie, das verstehe ich eben nicht — ich meine, bas kann ich Ihnen nicht nach- empfinden. Wieviel Frauen müssen beim für euch kommen, bis endlich bie Fran kommt? — Angenehm, so etwa die siebente zu sein . . . Dem! Himmel sei Dank, daß mich bas alles nichts 1 angeht." | „Darf ich Ihnen erzählen, wie viele dagewesen sind? 1 Wieder dies schnelle, leuchtende Erröten: „Gewiß dürfen - Sic, aber ich wundere mich, daß Ihnen das Vergnügen macht." | „Es macht mir nicht das geringste Vergnügen, noch weniger jvill ich vor Ihnen mit meinen sehr zweifelhaften Eroberungen | renommieren — aber cs liegt mit seht viel daran, Fräulein । Edeltraut, in Ihrer Meumng nicht länger mit dem Heiligenschein des flügellosen Engels dazusteheu. Sie sollen mich kennen, wie Mb bin." „Es freut mich sehr, wenn Ihnen etwas dran liegt," sagte sie herzlich und sah ihn warm an. Er holte tief AteM, zog sein Taschentuch, lüftete den Stroh- Hut ein wenig und wischte sich leicht über die Stirn. Es kam' ihm vor, als stünde er plötzlich, durch lauter Zufälle geschoben, ! vor Unerhörtem. Seine sonnengebräunte Gesichtsfarbe nahm einen fahlen Ton an. „Ich rede jetzt nicht davon, wie oft ich mich als junger Leutnant auf einem! Ball in Komtesse Ella oder Baronesse Elsa verliebte, weil sie so niedlich aussahen und reizend tanzten.. . . ich könnte von diesen Harmlosigkeiten nichts erzählen, weil ich sie vergessen habe." „Ich weiß wohl, daß Sie nicht davon sprechen." Es entstand wieder eine Pause. Sie dachte schon, er werde weiter nichts sagen, als er, säst rauh, herborstieß: „Meine erste Geliebte war eine Tänzerin ans dem! Corps de Ballet. Wie ich dazu kam, weiß ich selbst nicht, aber ich fürchte es war die Eitelkeit des blutjiingen Fähnrichs, welcher es den (älteren Kameraden nachtun wollte. Sie war recht hübsch, aber ein albernes Geschöpf, und nach kurzer Zeit langweilte mich dies Gemisch von Habgier und Unbildung und ich mochte wohl auch nicht all ihren Wünschen entsprechen, kurz, die Sache verlief, zu beiderseitiger Zufriedenheit, im Sande." „Wie sonderbar!" sagte das junge Mädchen kopfschüttelnd. „Meine zweite Geliebte war eine Zirkustänzerin," er schüttelte sich und sein Ton ward hart und böse, „sie nannte sich La Mouche d'Or, und diese goldene Fliege war schön, giftig und gefährlich wie eine Wespe. Abend für Abend füllte sie den Zirkus.bis auf den. letzten Platz. Ihr Flug durch ihn, weite Bahnen beschreibend, war die Sehenswürdigkeit der Saison, sie selbst der Star, von dem „man sprach", und ich der Glückliche, dem sie unter Tausenden ihre Gunst schenkte. Und sie besaß die Kunst, die Menschen — ich meine die Männer, rasend zu machen. Der gute Schnadewitz war damals außer sich. Er sürchtete, ich würde gerupfter und zerrupfter aus der Affäre hervorgehen, als schließlich der Fall war. Immerhin war es eine böse, eine 123 teilung der Geschenks an zwei langen Tafeln folgte. Mit Gesang wurde die erhebende Feier geschlossen. Da die Bücheranschaffungen und die Christbescherungen fast das ganze Kapital des .Vereins verschlangen, konnte erst im Jahre 1852 ein geeigneter Schrank bei Schreinermeister Günther bestellt werden. Onkel Toms Hütte hatte es den Mitgliedern angetan, weswegen beim Borlesen dieser Geschichte noch ein Leseabend mehr eingelegt wurde. Mer auch andere Unterhaltung als nur Borlcsen gewährte der Verein seinen Mitgliedern, denn am 27. Januar 1855 fand int Leseverein mit Genehmigung des Vorstandes „eine V o r st e l l u n g v e r s ch i e d e n er T i e r st i tn m e n statt, auch gab ein Kraftmensch t n r u e r i s ch e U e b u n g e n zum besten". Die Bücher wurden fleißig entliehen, durften aber nicht an Nichtmitglieder hinausgegeben werden. Welches Ansehen dieser Verein damals hatte, beweist der Umstand, daß der Schriftsteller Gerstäckcr und der beliebte Spinnstubenerzähler O. v. Horn Ehrenmitglieder des Vereins waren, die ihn mit reichen Büchersendungen beschenkten. Im Archiv werden noch Briefe dieser Schriftsteller aufbewahrt. Als im Jahre 1855 eine Geschichte — Andreas und Beatrice — gelesen wurde, beschloß man, daß solche Geschichten, die die Moral nicht vorwalten lassen, nicht mehr gelesen werden sollten. Im Mittelpunkte aUer Veranstaltungen stand immer die Christbescherung. Im Jahre 1856 wurde sogar eilte .Havannazigarre, die der Vorsitzende von Gerstäcker erhalten hatte, zu gnnsten der „Christkasse" versteigert. 1856 besaß der Verein schon 210 Bücher, so daß er den Verein in Weidhausen mit Büchersendungen unterstützen konnte. Die Versammlungen, die immer von 30 bis 40 Mitgliedern besucht waren, .fielen 1858 einer Blatternepidemie wegen aus. Inzwischen wurden dem Verein eilt Kronleuchter, zwei gedrechselte Leuchter für den Vorleser und ein Hirschgeweih geschenkt. Doch der ^Verein war schon weiter bekannt geworden. 1858 schrieb die Hildburghäuser „Dorfztg.": „In den stillsten Tälern wachsen die schönsten Blumen. Auch das schöne Tal von Mönchröden im Koburgischcn hat seine Fruchtbarkeit im stillblühenden Schönen und Guten. Seit zwölf Jahren besteht dort unter der Leitung des Lehrers Witt- manu ein Leseverein, welcher gegenwärtig 71 Mitglieder zählt. Mit der Liebe zur Bildung vereint sich leicht die zum Wohltun, und so hat dieser Verein seit zehn Jahren Christbescherungen für arme Kinder veranstaltet, an deren letztem auch Hofmanns „Weihnachtsbaum" teiluahm, und der besonders armen Kindern zuteil wurde. Wir würden diese stille Wirksamkeit nicht an das Licht der Ocffentlichkeit stellen, wenn sie nicht ein so nachahmungswertes Beispiel wäre für Tausende von Dörfern und Gsmeinden Deutschlands." Der Verein vergrößerte sich so, daß er eine neue größere Wereinsstube in Benutzung nehmen mußte. Im Jahre 1861 wurde beschlossen, daß regelmäßig Wschnittc aus der deutschen Geschichte neben den Dichtungen vorgelesen werden sollen. Aber auch vaterländische Grundsätze hat der Verein gepflegt, denn es wurde 1863 eine Erinnerungsfeier für Theodor Körner gehalten, und das Andenken an die Völkerschlacht bei Leipzig wurde durch gemeinschaftlichen Kirchgang, Umzug, Konzert und Fackelzug, an dem sich 500 Personen beteiligten, festlich begangen. Die Kriegsereignisse von 1866 und 1870/71 wurden ausführlich besprochen int Leseverein und an die Kriegsteilnehmer Gaben abgesandt. Seit 1869 steht die Bibliothek auch Mchtmitgliedern gegen Lesegebühren zur Verfügung. 1876 wurden dem Kantor Wittmann für seine Verdienste zahlreiche Geschenke überreicht. 1880 trat er von der Leitung zurück. Die Christbescherungen für arme Kinder hörten auf, der Verein sank bis 1890 auf 20 Mitglieder herab, so daß er manchmal gar nicht tagen konnte, bis Lehrer Hauff das Vereinsleben neu belebte. Heute besitzt der Verein 431 Bände und zählt 69 Mitglieder. In Zukunft will der Verein eine Lesehalle einrichten und durch Aufführung ländlicher Theaterstücke für Unterhaltung sorgen. volkshMiotheken. Die jetzt mächtig einsetzende Bewegung, unseren weitesten Volksschichten Bildung zu vermitteln, ist bei uns nicht alt. Zwar lassen sich die Uranfänge bis auf Luthers Zeiten zurückführen, aber es wurden nur recht winzige Erfolge erzielt. Einen wirklich nennenswerten großen Aufschwung brachten erst die 90 er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dieser Fortschritt ist einmal zu verdanken der größeren Einsicht, die man inzwischen von dem Wesen der Volksbibliotheken gewonnen hatte, dann aber auch vor allen Dingen dem Bekanntwerden der englisch-amerikanischen Public Libraries, ihrer Einrichtungen und Erfolge. Wie so oft, haben wir auch in dieser Beziehung wieder einmal aus dem frisch aufstrebenden „Lande der unbegrenzten Möglichkeiten" den fördernden Keim für die Entwicklung des allgemeinen Volksbildungswesens empfangen. Es entstand die Bücher- und Lesehalleubewegung, die es sich zur Aufgabe setzte, die Kenntnis dieser Public Libraries in Deutschland zu verbreiten und ihre Einrichtungen und Erfahrungen auch für unser Vaterland und für unsere Verhältnisse fruchtbar zu machen. An ihre Spitze stellten sich hervorragende Männer und große Vereine. Die vielen Anstalten, Bücher- und Lesehallen, welche neu errichtet wurden, erfreuten sich eines glänzenden Zuspruchs und erwiesen damit aufs deutlichste ihre Daseinsberechtigung. Die Bedeutung und den Stutzen solcher Bibliotheken wird' heute niemand mehr bezweifeln. Doch sei es uns gestattet, einmal auf die sozialen Vorteile dieser modernen Volks- bildniigsanstalten einzugehen, indem wir mit kurzen Worten den trefflichen Ausführungen des Stadtbibliothekars von Elberfeld, Dr. Emil Jaeschke, folgen. Er schreibt: Die Volksbibliothek darf eine hervorragende Stelle' unter unseren sozialen Einrichtungen beanspruchen. Es wird heute so viel geklagt über den Verfall des Familienlebens, über die Verrohung unserer Jugend, Alkoholismus! und die ans ihnen sich ergebende Zunahme der Verbrechen. Alle Sachverständigen sind sich darin einig, daß der beste Kampf gegen all diese Gebrechen in der Vorbeugung besteht. Forschen wir nach den Gründen für diese so unerfreulichen Erscheinungen, so werden wir in vielen Fällen als erste Ursache die Langeweile, den Mangel an geistiger Anregung und Beschäftigung finden. Sie treiben besonders den männlichen Teil der Familie gar oft auf die Straße, in die Kneipe, die Tingeltangels usw., d. h. nach jenen! Orten, wo die Verführung am stärksten ist. Es gilt also, alle diese wieder im Hause zurückzuhalten, ihnen geistige Anregung zu bieten. Und was wäre besser dazu geeignet, als ein schönes Buch? Gerade in solchen Fällen wird eine fesselnde Erzählung oder ein Zeitschriftenbaud am besten den Zweck erfüllen. Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung auch das Ergebnis einer Umfrage, die 190-1 von de la Vigne unter den Besuchern der Osnabrücker Bücher- und Lesehalle veranstaltet wurde. Auf die Frage: „Was taten Sie früher, vor Eröffnung der Bücherhalle während dieser Zeit?" antworteten 62 Prozent der Antwortgeber, sie hätten auch früher Zeitungen und sonstige Schriften gelesen. Viele bekennen, daß fast nur minderwertige Lektüre in ihre Hände kam. Ein stattlicher Teil, ungefähr SO Proz., sagt offen und frei: „Ich saß im Wirtshaus" oder „Ich spielte Karten" usw. Ein anderer Grund, der viele in das Wirtshaus und auf die Straße treibt, ist der Mangel an einem gemütlichen Heim. Für alle diese bildet eine behagliche, gut durchgewärmte und erleuchtete Lesehalle einen sehr beliebten Zufluchtsort. Noch ein letzter Punkt soll aufgeführt werden, der für den Nutzen solcher Anstalten spricht. Man beklagt so oft den schroffen Gegensatz, in dem die einzelnen politischen und konfessionellen Parteien in unserem Vaterlande stehen, und den gehässigen Ton, in dem sie einander befehden. Und auch hier ist die Bolksbibliothek berufen, schlichtend und mildernd einzugreifen. In der Ausleihe treffen die Vertreter der verschiedensten Stände, Parteien 124 und Konfessionen zusammen. Der Zufall spielt einmal dein Zentrumsmann ein nationalliberales, dem Konservativen ein sozialdemokratisches Blatt in die Hände, der Katholik erhält eüt Buch, das vom protestantischen Standpunkt aus geschrieben ist. Oder ganz abgesehen vom Zufall, er nimmt eine derartige Zeitung oder ein solches Buch, um sich zu unterrichten. So lernt er gar oft, sei es mit, sei es ohne Absicht, den Standpunkt des Gegners erst richtig begreifen und wird ihm dann eher Gerechtigkeit widerfahren lassen. -Das Erfordernis dafür ist natürlich, daß die Bibliothek über den Parteien steht, und das muß eine wirkliche Bolks- bibliothek. Die Bücher- und Lesehalle ist also ein eigenartiges Gebilde, das nicht nur bildeude, sondern auch soziale Ziele verfolgt. Vermkßeh-es, * Die Not in den russ i s ch e n Dö r fe rn ist gegenwärtig sehr groß und ward durch einen ungewöhnlich strengen Winter noch schlimmer. Im Dezember betrug die Durchschnittstemperatur 20 Grad unter Null. In manchen Dörfern — so erzählt in der „Revue suisse" ein russischer Arzt — Hausen Menschen und Tiere zufammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Als der Arzt einmal am frühen Morgen einen dieser Menschen- und Viehställe betreten nrußte, war er einer Ohnmacht nahe, denn die Luft war vollständig verpestet. Die Holzwände der armseligen Stuben sind an vielen Orten mit Mist bedeckt; auf diese Weise? erzielen die Bauern eine etwas größere Wärme. Seife ist fast vollständig unbekannt; durchschnittlich verbraucht jede Person nur etwas mehr als ein Pfund pro Jahr, aber . . . Wäsche inbegriffen! Die Bauern sitzen die langen Winterabende im Finstern, iveil auch Petroleum für sie zu teuer ist; eine Familie verbraucht höchstens 20 Liter im Jahre. Der Hunger macht die armen Leute so schwach und widerstandslos, daß die Sterblichkeit außerordentlich groß ist. Die Kinder besonders sterben wie die Fliegen. Als der Arzt den Müttern vorhielt, daß sie die kleinen Patienten erst dann ins Krankenhaus brächten, wenn die Krankheit schon weit vorgeschritten sei, antworteten sie ihm: „Wenn die Kleinen nicht stürben, was sollten wir dann wohl mit ihnen anfaugen? Wir haben ja selbst nicht zu essen!" ipe. Edisons Einkommen. Der große amerikanische Erfinder hat einen Riesenprozeß gewonnen, den er gegen alle diejenigen Personen und Fabriken anstrengte, welche ihm das Patentrecht an den von ihnen augcfer- tigten Kinematographen, Kinetoskopen, Biographen, kurzum allen Apparaten, welche sogenannte „Lebende Photographien" darstellen, bestritten. Edison wurde vom Gericht als der alleinige Besitzer der diese Apparate schützenden Patente anerkannt. Nach einer oberflächlichen Schätzung wird durch diesen Gerichtsbeschluß das Einkommen des Amerikaners um mindestens eine Million Dollars erhöht werden, wozu wahrscheinlich noch eine Entschädigungssumme für bisher nicht geleistete Lizenzgebühren treten wird. * Das Geheimnis eines S ch l a n g e n m agen s. Kannibalismus ist bei den Reptilien gang und gäbe. Das zeigt ein Fall, den uns ein Forscher aus einem großen zoologischen Institut mitgeteilt hat. Der Magen einer afrikanischen Brillenschlange (Naja melanoleueaf, die eine Länge von 42 Zmtr. hatte, enthielt eilte andere, 36 Zmtr. lange Schlange, die ziemlich häufige Leptodira hotamboeia. Auch diese hatte ihre Mahlzeit noch nicht verdaut, denn in ihrem Magen fand sich ein Frosch; die Mahlzeit dieses Frosches, aus einer Menge schwarzbrauner Ameisen bestehend, konnte auf die aufgenommene Nahrung nicht weiter untersucht werden. Der Frosch, der in der inneren Schlange war, war übrigens dreimal so groß, wie der Kopf der ersten Schlange, die die zweite gefressen hatte. § V„de r Verleg en lieft. Sommerfrischler (zur Bäuerin): E doch ,ein Skandal! Da ist direkt in der Butter ein großes Stuck Margarine! — Bäuerin: „Na, so ein Luder von einer Kuh!" Literarisches. —• „M ärz ", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen, Kurt Aram. Zweites Februarheft 1908. Preis Mk. 1.20, im Abonnement : das Quartal (6 Hefte) Mk. 6. Verlag von Albert Langen in München. Tas Februarhest der vortrefflichen Halbmonatsschrift enthält eine Reihe wertvoller Beiträge, die in weiten Kreisen besondere Beachtung finden durften. Der Turiner Prost Guglielmo Ferrero geht in seinem geistvollen und tiefgründigen Aussatz „Die wirtschaftliche Krise und die Fortschritte des Luxus" den Ursachen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise nach, lieber die „Ausstellung älterer englischer Kunst in der Königl. Akademie der Künste zu Berlin" schreibt Sabine Lepsins und unterstützt ihre. Ausführungen durch die Reproduktion mehrerer Porträtwerke der englischen Meister. Kurt Aram spricht über „Münchens Niedergang als Theaterstadt" und kommt zu dem Ergebnis, daß nur eine ernsthafte Konkurrenz die gegenwärtigen Münchner Bühnen aus dem Schlendrian herausreißen kann. Jacob Schasf- ner steuert einen neuen köstlichen, von Naturfrische durchwehten „Märzbrief" bei, der diesmal vom Sport und von Berlin handelt. Eine feinsimiige Erzählung „Der Tod des Bruders Antonio" wird die zahlreichen Fremtde und Verehrer Hermann Hesses erfreuen. Ein Aussatz von Frank A. Vanderlip „Streifzüge eines Amerikaners durch die politischen Probleme des europäischen Kontinents" wird sehr interessieren, besonders die Ausführungen des Verfassers über die Sozialdemokratie in Deutschland und über die liberalen Entwicklungen in Europa überhaupt. Fr. Erhard vergleicht in seinem Artikel.'Mehrung Kleidung, Liebe und die Rechte der Natur" in geistreicher Weise unfern heutigen Kültnrzustand mit den ursprünglichen, für den Menschen natürlichen Verhältnissen. Weiter bringt das Heft die Fortsetzung des Romans „Zwölf ans der Steiermark" von Rudolf Hans Bartsch. In den Rubriken Rundschau und Glossen finden iuit eilte große Anzahl aktueller Themata behandelt. Wir heben daraus hervor, den Ausruf des Dr. I. Lewy, zur Gründung „eines unabhängigen Bundes zur Einfuhr u u g d e s Reichstagswahlrechts in Preußen" und die Gloßen „Kaltes Wasser" von Dr. Heinrich Hutter und „Staatsretter von Gothus, in denen iit stark satirischer Weise politische Vorgänge der jüngsten Zeit behandelt werden. Die tiefsten Lieder. Klingt noch so voll die Saute, Wie frischer Bergesguell, Und jittert’S durch die Sailen Auch noch so warm und hell: Die tiefftat deiner Lieder, , Vom ©ebnen beiß durchwühlt, Tie hat aut dieser Erde Kein Menscheuherz gefühlt. Die tönen nur dir selber Wie Aeolsharfen weit, Die nimmst du nngefungen Mit dir zur Ewigkeit. Albert Kohl. Weisheitsworte. Natur hat weder Kern noch Schale, Alles ist sie mit einem Male, Dich prüfe Du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist. Golt ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich in Natur zu hegen. Und es ist das ewig Eine, Das sich vielfach offenbart, Klein das Große, groß das Kleine, Alles nach der eignen 3lrl. Goethe. Silbenrätsel. aut, av, be, berg', I>ra, bieg, des, der, ef, el, el, enz, go, gust, ib, ist, la, ne, ui. Aus den vorstehenden 19 Silben sind 8 Wörter zu bilden uns so nntereiuander zu setzen, daß ihre Anfangsbuchstaben von oben nach unten und ihre. Endbuchstaben von unten nach oben gelegen, je den Namen einer bekannten Burgruine ergeben. Die einzelnen. Wörter nennen den Namen für: 1. Einen Ort. 5. Eine Stadt. 2. Eine Halbinsel. 6. Ein Säugetier. 3. Einen Fluß. 7. Ein Schristzeichen. 4. Eine Stadt. 8. Einen Vornamen. L. Barthels, stud. arch. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Lampe. Richtige Lösungen gingen uns zu von: Präparand H. Der» in. Lich, ferner mehrere aus Gießen, Rodheim, Butzbach und Lollar. äiebaftiou: P. Witiko. Rotationsdruck und Verlag der B rü hl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.