Mss Herr Lecoq. Miminal-Roman von E. Gabor tau, Nachdruck verboten, (Fortsetzung.) Zu beständigen Entbehrungen verdammt, suchte er wenigstens in Träumereien der widerwärtigen Wirklichkeit zu entrinnen. Wenn er nach nervenzerreibender Arbeit allein in seinem Dachstübchen war, von den tausend Begehrlichkeiten der Jugend gefoltert, dann dachte er an die Mittel, mit einem Schlage, über Nacht, reich zu werden. Und während er diesen Hirngespinsten nachhing, entdeckte er in sich selbst eine eigentümliche Erfindungskraft, sozusagen einen Instinkt dies Bösen. Die kühnsten Diebstähle, die man als besonders geschickt ausgeführt rühmte, waren in seinen Augen nur hervorragende Stümpereien. Und er sagte bei sich selbst: „ja, wenn ich wollte!" Und dann suchte er, und fand, seltsame Kombinationen, bei denen Erfolg und Strafwsigkeit mathematisch sicher waren. Dies wurde bald bei ihm eine Manie, ein Delirium. Es kam so weit, daß dieser bewunderungswürdig ehrenhafte junge Mensch nichts mehr tat, als in Gedanken die scheußlichsten Verbrechen auszuführen. Er bekam schließlich selber Angst vor diesem Spiel. Es brauchte nur eine Stunde zu kommen, wo er sich vergaß, ititb er ging von dem Gedanken zur Tat, von der Theorie zur Praxis über. Wie es allen von einer fixen Idee Besessenen geht, so war es auch bei ihm: die sonderbaren Gedanken, die sein Gehirn erfüllten, mußten sich einmal "Luft machen. Eines Tages konnte er sich nicht enthalten, seinem Arbeitgeber einen kleinen von ihm ausgeheckterr und ausgearbeUcten Plan zu erklären, wodurch mmt in London und Paris fünf- bis sechshunderttausend Franken würde eingeheimst haben. Zwei Briefe und ein Telegramm, und die Geschichte war gemacht. Dabei ein Fehlschlag unmöglich und kein Verdacht zu befürchten. Der Astronom war verblüfft über die Einfachheit des Mittels: & war voll Bewunderung. Nach reiflichem Nachdenken hielt er es aber für wenig vorsichtig, einen so erfindungsreichen Sekretär um sich zu haben. Darum gab er ihm am nächsten Morgen ein Monatsgehalt und entließ ihn mit den Worten: Wenn man solche Anlagen hat wie Sie, und dabei arm ist, so wird man entweder ein berüchtigter Dieb oder ein berühmter Polizeimann. Wählen Sie! Lecoq zog sich ganz verwirrt zurück, aber die Bemerkung des Astronomen war auf fruchtbares Erdreich gefallen. In der Tat, sagte er bei sich selbst, warum nicht einen guten Rat befolgen? Widerwillen gegen die Polizei empfand er ganz und gar sticht. Er hatte oft diese geheimnisvolle Macht bewundert, deren leitender Wille in der Rue de Jerusalem und deren Hand überall ist, die man nicht sieht noch hört, und die trotzdem selber alles hört und sieht. Ihn verführte der Gedanke, ein Werkzeug dieser Vorsehung im kleinen zu fein. Er fand darin die Aussicht auf eine nützliche und ehrenvolle Verwendung der ihm zuteil gewordenen eigentümlichen Begabung, auf ein Leben voller Aufregungen und leidenschaftlicher Kämpfe, voll unerhörter Abenteuer, und er sah als Endziel seine Berühmtheit. Mit einem Wort, er hatte seinen Beruf gefunden. Wirklich wurde er schon in der nächsten Woche, Tank ein ent Empfehlungsbrief des Barons Moser, bei der Präfektur ange« trommelt und als Hilfsbeamter dem Dienst der Sicherheitspolizei zugewiesen. Eine ziemlich grausame Ernüchterung harrte seiner im Beginn seiner Tätigkeit. Er hatte die Ergebnisse, nicht die Mittel gesehen. Er war überrascht wie ein naiver Theaterfreund, der zum ersten Male hinter die Kulissen kommt und die von ferne so glänzenden Dekorationen in der Nähe sieht. Wer er besaß den begeisterten Eifer eines Mannes, der fühlt, daß er auf dem rechten Wege ist. Er wartete geduldig, verbarg seine Begierde, vorwärts zu kommen, unter einem bescheidenen Wesen und ver- tmute darauf, daß einmal früher oder später Umstände eintreten würden, die seine Ueberlegenheit zur Geltung brächten. Die heißersehnte Gelegenheit, nach der er seit Monaten ausspähte, glaubte er in diesem Augenblick in der „Pfefferbüchse" gefunden zu haben. Während er an dem Fensterladen hing, sah er, von den Blitzen seines Ehrgeizes beleuchtet, den Weg des Erfolges vor sich. Zuerst war dies nur ein Vorgefühl, bald wurde es eine Vermutung, dann eine Ueberzeugung, die sich auf positive Tatsachen gründete, Tatsachen, die allen anderen entgangen waren, die er aber bemerkt und zusammengetragen hatte. Das Glück entschied sich für ihn! Er erkannte es daran, daß er Gövrol sogar die elementarsten Formalitäten vernachlässigen sah, als er ihn in entschiedenem Ton erklären hörte, man müsse diesen dreifachen Mord einem jener blutigen Streithändel zuschreiben, die unter den Vagabunden an den Barrieren etwas so Gewöhnliches sind. Meinetwegen! dachte er, verrenne dich in deinen Irrtum; glaube an den Augenschein, da du über diesen hinaus nichts zu entdecken. vermagst. Ich werde dir beweisen, daß meine jung? Theorie ein bißchen mehr wert ist, als diese alte Praxis! Die Fahrlässigkeit des Inspektors hatte Lecoq berechtigt, die Untersuchung, nebenbei und im Geheimen, für seine eigene Rechnung, aufzunehmen. Alurfo wollte er nicht vorgehen. Indem er seinen Vorgesetzten benachrichtigte, ehe er irgend etwas unter-, nahm, deckte er sich gegen den Vorwurf, ein schlechter Kamerad zu sein. Dies sind schwerwiegende Anschuldigungen in einem Berus, wo die Eitelkeit Nebenbuhlerschaften von erstaunlicher Heftigkeit hervorruft, wo verletzter Dünkel sich durch boshafte Streiche aller Art, oder durch kleine Verrütereien rächen kann. Er sprach also . . . gerade genug, um im Fall des Erfolges sagen zu können: Ei nun, ich hatte Ihnen doch davon gesprochen — dabei doch so wenig, um die über Gövrols Geist lagernden Finsternisse nicht aufzuhellen. Die vom Inspektor erhaltene Erlaubnis war schon ein Triumph und ein sehr gutes Borzeigen. Aber Lecoq wußte diesen Triumph zu verbergen, und er bat im allergleichgültigsten Ton einen seiner Kollegen, bei ihm zu bleiben. Während die anderen sich zum Aufbruch rüsteten, setzte er sich aus eine Tischecke, anscheinend 594 tzanz gleichgültig gegen alle Vorgänge um ihn her; dabei wagte er aber kaum den Kopf zu erheben, aus Furcht, seine Freude git verraten und in seinen Augen seine Pläne und Hoffnungen lesen zu lassen. Innerlich verzehrte ihn die Ungeduld. Während der Mörder sich gutwillig allen Maßnahmen unterwarf, die man für notwendig erachtete, um seine Flucht zu verhindern, waren vier Mann nötig, um der Witwe Chupin die Handgelenke zusammenzubinden. Sie sträubte sich und brüllte dabei, als ob man sie lebendig verbrannt hätte. Sie werden wahrhaftig gar nicht fertig! sagte Lccog bei sich selbst. Sie wurden jedoch fertig. Gsvrol gab Befehl zum Abmarsch und verlieb als letzter das Zimmer, nachdem er seinem Untergebenen ein spöttisches „Adieu!" zugerufen hatte. Lecoq antwortete nicht. Er trat auf die Türschwelle, um sicher zu sein, daß die Patrouille wirUich abmarschiere. Er fuhr zusammen bei dem Gedanken, daß Gsvrol sich die Sache überlegen, zu einer anderen Auffassung kommen und den Fall selbst in die Hand nehmen könne, wozu er völlig berechtigt war. Seine Angst war unnötig. Allurählich verhallten die Tritte der Beamten, das Geschrei der Witwe Chupin verlor sich in der Stille der Nacht. Man hörte nichts mehr. Lecoq ging ins Haus zurück. Er brauchte seine Freude nicht wehr zu verbergen, sein Auge funkelte. Wie ein Eroberer, der von einem fremden Reiche Besitz ergreift, stampfte er mit den» Fuß auf den Boden und rief: Und nun, ans Werk! l 3. Mpitel. Ta Gsvrol ihn ermächtigt hatte, den Kameraden, der mit ihm in der „Pfefferbüchse" bleiben sollte, selber auszuwählm, so hatte Lecoq sich an den gewairdt, den er für den unfähigsten hielt. Das geschah von seiner Seite nicht in der Befürchtung, den klingenden Lohn eines Erfolges teilen zu müssen, er empfand aber die Notwendigkeit, einen Helfer zur Hand zu haben, dein ter im Notfälle Gehorsam beibringen könne. Sein Kamerad war- ein Biedermann von fünfzig Jahren, der bei der Kavallerie gedient hatte und dann bei der Polizeipräfektur eingetreten war. Bon seinem bescheidenen Posten aus hatte er viele Präfekten erscheinen und verschwinden sehen, und mit den von ihm eigenhändig verhafteten Verbrechern hätte man ein ganzes Zuchthaus bevölkern können. Er war dabei weder klüger noch eifriger geworden. Wenn man ihm einen Befehl gab, führte er ihn mit militärischer Pünktlichkeit aus, wie er ihn verstanden hatte. Hatte er ihn schlecht verstanden — ei nun ja! Er versah seinen Dienst blindlinks Ivie ein altes Pferd im Göpelwcrk. Hatte er freie Zeit und Geld, so trank er, doch überschritt er dabei niemals einen gewissen Grad von Halbnüchternheit. Seinen Namen hatte man früher einmal gewußt, aber lange schon vergessen. Man nannte ihn nur den alten Absinth. Selbstverständlich bemerkte er weder den Enthusiasmus, noch den Ausdruck des Triumphes im Gesicht seines jungen Genossen. Wahrhaftig, sagte er zu ihm, sobald sie allein waren, du hast da eine großartige Idee gehabt, daß du mich hier behieltest, und ich danke dir dafür. Während die Kameraden die ganze Nacht im Schnee herumtrampeln müssen, werde ich mir einen guten Schlaf leisten. Er war da in einer Spelunke, die von Blut dampfte, im Angesicht der noch nicht erkalteten Leichname von drei ermordeten Menschen, und er sprn-ch von Schlaf! Aber, in Wahrheit, was machte ihm das aus? Er hatte in seinem Leben so -viele ähnliche Szenen gesehen. Ich bin eben mal oben gewesen und habe mich da um- tzeguckt, fuhr der gute Mann fort; ich habe da ein Bett gesehen; wir können abwechselnd Wache halten . . . Lecoq unterbrach ihn mit einer gebieterischen Handbewegung. Diese Gedanken lassen Sie sich nur vergehen, alter Absinth; wir sind hier nicht um zu bummeln, sondern um die Untersuchung zu beginnen, um die allergenauesten Nachforschungen an- zustellen, und, wenn möglich, Indizien zu sammeln. In ein paar Ltunden kommen der Polizeikommissar, der Arzt, der Unter» luchungsrichter . . ich will ihnen einen Bericht vorlegen können. Dieser Vorschlag schien den alten Schutzmann za empören, und er rief: Ach wozu denn? Ich kenn den General. Wenn er, wie ijeute nacht, den Kommissar holt, so tut ers, weil er weiß, oas; nichts zu machen ist. Denkst du, du wirst irgend was sehen, was er nicht gesehen hat?! Ich glaube, daß Gsvrol sich irren kann, wie jeder Mensch, ■cd) glaube, er hat sich zu leicht dem, wie er dachte, ganz klaren Augenschein hingegeben. Ich möchte darauf schwören, daß dieser Fall anders liegt als es aussieht. Ich biu gewiß, daß wir entdecken werden, was hinter dem äußeren Anschein verborgen liegt. Tas Feuer des jungen Polizisten rührte den alten sehr wenig; er gähnte, als ob er sich die Kinnbacken verrenken sollte, und sagte: Tu hast vielleicht recht. Aber ich gehe zu Bett. Laß dich dadurch nicht vom Suchen abhalten; wenn du was findest, kannst du mich wecken. Lecoq gab kein Zeichen von Ungeduld; er sagte nur: Sie werden mir wohl einen Augenblick bewilligen. In fünf Minuten, die Uhr in der Hand, verpflichte ich mich. Ihnen das Geheimnis, dns ich vermute, handgreiflich zu machen. Also meinetwegen fünf Minuten. Uebrigens sind Sie Ihr eigener Herr, Papa. Nur ist es natürlich klar, daß ich, wenn ich allein vorgehe, auch allein die Gratifikation einstecken werde, die bei einer Entdeckung unfehlbar für mich abfallen würde. Bei dem Worte „Gratifikation" spitzte der alte Polizeibeamte die Ohren. Er hatte eine blendende Vision von einer unendlichen Reihe Flaschen des grünen Likörs, dessen Namen er trug. Na, dann überzeuge mich nur mal, sagte er, indem er ans einem Schemel Platz nahm, den er wieder auf die Füße gestellt hatte. Lecoq blieb vor ihm stehen. Zunächst, fragte er, was ist, Ihrer Meinung nach, das von uns verhaftete Individuum? Wahrscheinlich ein Hafenarbeiter oder dergleichen. Also ein Mensch aus den allerniedrigsten Ständen, der folglich gar keine Erziehung erhalten hat? Ganz recht. Seinen Blick ans die Augen seines Kämeraden geheftet, sprach Lecoq weiter. Er mißtraute sich selber, wie alle Leute, die wirklich etwas können, und er hatte sich gesagt, wenn es ihm gelänge, feine Ueberzeugungen dem verbohrten Geiste des alten Tickkopfs einzutrichtern, so wäre das ein sicherer Beweis für ihre Richtigkeit. Nun denn, fuhr er fort, was werden Sie mir antworten, wenn ich Ihnen beweise, daß dieses Individuum eine ausgezeichnete, sogar raffinierte Erziehung erhalten hat? Ei, das wäre ja ganz außerordentlich . . . aber vielleicht bist ich zu dumm, und verstehe dich nicht. Doch! Und sogar sehr leicht. Erinnern Sie sich der Worte, die er ausrief, als er von meinem Stoß hinfiel? Sie klingen, mir noch in den Ohren. Er sagte: „Tie Preußen kommen!" Haben Sie eine Ahnung, was er damit sagen wollte? Was für ’ne Frage! Natürlich habe ich begriffen, daß er die Preußen nicht liebt, und daß er uns damit eine schwere Beleidigung sagen tooftte. Lecoq hatte diese Antwort erwartet. Nun, alter Absinth, erklärte er ernst. Sie sind auf dem falschen Wege, ja aus einem ganz falschen Wege! Und der Beweis, daß dieser Mensch eine Erziehung genossen hat, die weit über seinen anscheinenden Stand hinausgeht — dieser Beweis liegt darin, daß Sie, ein alter Praktikus,. den Sinn seines Ausrufs nicht verstanden haben. Dieser Satz war für mich wie ein Lichtstrahl.' (Fortsetzung folgt.) Der Dorfkömg. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ^,,Das tut ja nichts, bitte — ich höre so gern von Meißen. — Ich war zwar nur einmal dort, nur auf eine halbe Stunde — „Ach! — Wann war das?" „Bor sechs Jahren, — genau." „Bor sechs — —. Erlauben Sie, — — vier — —■ fünf — — wahrhaftig — da war ich auch dort. Und Sie haben das Medaillon — —?" „Bloß die Münze, die Einfassung habe ich mir später machest lassen." „Gesunden wohl — die Münze?" „O nein. — Die hat mir jemand in die Hand gedrückt." Erika lachte leise. „Wohl eine liebe Hand?" „Gott, ich kann das nicht einmal sagen! Der Geber sagte dazu: Bloß ein Bettler!" — Da wuchs sie empor, aus sich heraus und stand vor ihm. In diesem Augenblick trat Kommerzienrat Enkan hinzu und sagte: „Willst du bitte mit Frau Kreis- Hauptmann die Polon-äse anführen, Herald?" — 695 Da war er fort. Erika schlug die Hande vors Gesicht. Mit einem Schlage Itrni! ihr plötzliches Erkennen gekommen. Mit einem dumpfen Schrei sank sie auf ben Hocker zurück und verfiel in Weinkrampfe. Nun folgte eine peinliche Szene: Das jähe Abbrechen der Musik, das Rennen und Bedauern und Fragen der Gäste! Und wie sie dann hinausgetragen wurde, an all den neugierigen, mitleidlosen konventionellen Gesichtern, vorbei! Erst zu Hause in ihrem Zimmer fand sie wieder Selbst- beherrschung. — Ihr Gemahl verließ sie sofort wieder. — Sie hörte feine Schritte auf dem Korridor verhallen, hörte die Vor- faaltür zuschlagen und unten das Coups wegfahren. Er war fort. Gut so! 9htn kramte sie die bunte Pappschachtel hervor und nahm das halbe Pfefferkuchen Herz heraus und führte es an ihre Lippen. Vom Zettel küßte sie jeden Buchstaben und sie küßte jede der dürren Blumen. Das hatte ja er geschrieben, er, mit der weichen Stimme und mit dem sinnenden Blick in den guten Augen, er, Hcrald Emmrich, der Müllerbursche, der ihr auf dem Monde ein Schloß bauen wollte! Am airdcren Tage kain Frau Kommerzienrat Enkau und terkundigte sich nach Erikas Befinden. Erika brachte das Gespräch auf Herald Emmrich. „Das ist ein Genie, trotz seiner Jugend. — Jetzt meines Mannes erster Direktor, obgleich er bloß als einfacher Müller- bursche gelernt hat; aber durch eiserne Energie , hat er sich tiefe Bildung angeeignet und durch sein Patent viel Geld verdient. Alle Achtung vor diesem Mann!" „Ist er verheiratet?" Gespannt blickte sie in der alten Dame gütiges Gesicht. „Nein, nein! Mir sagte er — für ihn wäre eine Heirat inusgeschlossen!" 16. Kapitel. Das Ivar ein trauriges Silvester, als Erika einzog in Mühl- Ivinkel, einzog als geschiedene Frau. Kein Schnee deckte mit mildem Weiß die klägliche. Natur. Nur mühsam arbeitete sich die Halbchaise durch den Morast der zerfrorenen Straße. — Es war noch dieselbe Halbchaise, .die wegen Erika und ihrer Freundin Beate von Horbach angeschafft worden war. Damals glänzend und schmuck, jetzt alt und wackelig. Wie sie, gerade wie sie: damals jung und schmuck, jetzt gebrochen und alt, — alt trotz ihrer Jugend. An der Tür des Herrenhauses stand Irene. Sie nahm Erika an sich und ging, die schluchzende Schwester stützend, Schritt um Schritt mit ihr in die Flur uud die Treppe empor. Sie traten an das Sofa. Da lag die Mutter mit schmerz- verzerrtem Gesicht. Das galt nicht der Tochter, das galt ihr selbst. Schon seit Monaten peinigte sie die Gicht und machte sie teilnahmslos an allen Vorgängen in Mühlwinkel. Böse Zungen im Orte behaupteten, das wäre die Folge vom vielen Biertrinken noch aus ihrer Schenkmädelzeit. — Erika strich.der Mutter mit der Hand über die Stirn. Seit langen, langen Jahren die erste Liebkosung. Um der Mutter Mund zuckte es wie bei einem weinenden Kinde. Mit Mühe brachte sie die Lippen auseinander: „Mr haben kein Glück in unserer Familie. — Das macht das Geld!" Nun weinte sie leise. Am Abend kam der alte Guttermann aus der Fabrik. Er war hager geworden und ging geduckt. Stumm begrüßte er die heimgekehrte Tochter. Nach einer Weile sagte er: „Es ist gut, daß er dich zweimal geschlagen hat, — — sonst hätten wir nicht gewonnen. Er hätte dich nicht sreigegeben, — des Geldes wegen." Erika zuckte zusammen. Ein Schauer überlief sie. Immer und immer wieder das Geld! Jin Zimmer war es fast dunkel. „Kämmt Hugo heute nicht herüber von.Altengrün?" fragte müde Frau Guttermann vom Sofa her. „Der gehört auf seinen Postens sagte hart der Vater. „Er wollte doch kommen. — Einesteils, um Erika zu be- grüß.cn, dann aber wollte er auch etwas mit dir besprechen!" sagte schüchtern Irene. „Mit mir?" „Ja, Vater, wegen — — seiner Heirat mit Magda! „Kein Wort mehr davon, -— kein Wort mehr! Ihr kennt Meine Meinung: du heiratest nicht ben Hennig und er nicht das Kutschermädel!" --- Brutal und überlaut schrie ers; dann, verließ er dröhnend das.Zimmer. i Erika wußte von all diesem nichts. Sie wär eine Fremde 'Mvowew im .Elternhaus.,. Jhte, eigene Sorgenlast die Jahre hindurch hatte ihre ganze Kraft absorbiert und alles Interesse an anderer Leid und Freud erstickt. Wohl hatten vor Jahren damals int kleinen Gartenhaus in Altengrün die Geschwister von ihrer jungen, heimlichen Liebe erzählt. Aber seitdem hatte sie nie wieder davon gehört. Und nun mußte sie erfahren, daß der alte Kampf noch immer gekämpft wurde, daß die Geschwister rangen mit dem Vater, die junge Liebe rang mit Ehrsucht und Geldgier. Durch die stille, finstere Stube klang nur manchmal ein kurzes Stöhnen der Mutter. — Die große, altdeutsche Uhr im Salon nebenan schlug acht Uhr. Da trat Hugo ein. „Guten Abend," sagte er halblaut und tastete sich dann bis an das Sosa. „Wie gehts — Mutter?" „Erika ist da." Seine jüngste Schwester stand neben ihm. Mit tränenerstick- tev Stimme sagte sie: „So ist's nun gekommen!" Er umfing die vor Weinen Bebende: „Nun wird alles wieder gut — Kind. — Das Schicksal hat es noch gnädig gemacht. Besser: ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!" Die Geschwister! saßen schweigend in der Fensternische, die Mutter ächzte leise aus ihrem Schmerzenslager. Es war eine Sorgenkammer, dies Wohnzimmer im Herrenhaus. Das also war das Glück der reichen Leute, der reichsten im Lande! „Wo ist der Vater?" fragte endlich Hugo. „Sprich nicht mit ihm, Hugo! — Ich wollte vorhin etwas vorbohren, er ist unerbittlich!" „So Helf uns Gott!--Nun ist es aus! —: Bis heute wollt ich noch warten, nun ist es aus! — — Ich gehe meiner Wege! Was nützt mir das Geld, was nützt mir das ganze Dorf?! — Ich verzehre mich, ich gehe zu Grunde!" „Hugo — was willst dir tun?" fragte Irene voll Zingst. Er lachte auf, hohl und bitter. „Was weiter? — Ich gehe als Inspektor oder Verwalter--aber heiraten will ich nun !" „Nimm mich mit, Hugo , — —, nimm mich mit!" flehte Irene. „Und mich!" Erika. Da klang vom Sofa her ein angstvolles Flehen und Klagen: „Kinder, Kinder! Tut das nicht, — laßt mich nicht allein mit diesem Mann." Und vom Sofa spannen sich düstere, heimliche Fäden herüber nach den drei Geschwistern, und jede Träne der Mutter kettete die Fäden fester um die drei, die Fäden der Pflicht, der Kindespflicht. Hngo hatte die Arme aus den Tisch und den Kopf auf die Arme gelegt und weinte in sich hinein. Die Schwestern gingen leise zur Mutter, setzten sich zu ihr, und eine jede hielt eine Hand der Mutter in der ihren. Das war eine heilige Silvesterstunde! Sie brachte zwischen Mutter und Kindern das erste Verstehen seit Beginn ihres Lebens. ..... Stunde um Stunde verrann. Die Jahreswende schob sich herauf. Tas alte. Jahr balancierte auf gefährlicher Klippe. Da kam ein Windstoß, frischer neuer Wind und führte mit sich das junge, neue Jahr. Das schwang keck sein Zepter, das stieß mit jauchzendem Jugendlachen an den schwankenden Jahresgreis aus der Klippe. — Ta stürzte cs in die Tiefe, das alte, und das neue war Herr! c n t Ein frischer Ostwind hatte es herbeigeführt, aus dem Lande des Morgens, der Hoffnung. --- Und drüben im Gesindehans standen die Leute in Elans Kämmer. Wie das ersterbende Jahr rang auch der alte, treue Knecht mit dein Tode. Die verarbeiteten, harten Gesichter der Mühlknechte zuckten beim Anblick des Sterbenden, ihre schwieligen, rissigen Hände verschlangen sich zum Gebet. Die böhmische Magd ließ fieberhaft schnell die schwarzen Kugeln des Rosenkranzes durch die Finger gleiten und die Lippen murmelten mechanisch die Gebete. Elan richtete sich in die Höhe. — „Wenn nicht das Toten- glöckchen läutet,--sterb--ich--noch--nicht!" Da fuhr nebenan der Kuckuck zwölfmal aus seinem Häuschen, und zwölsnial ertönte der heisere Schrei. „Neujahr," flüsterte der Obermüller. „Hört Ihrs — hört Ihrs — ?" fragte Elan. .Er breitete die Arme aus. „Wies ruft, — — wies lockt!" Man hörte nichts. „Macht die Fenster auf, '— — daß meine Seele hinaus kann!" f (Schluß folgt.) , • 596 Aus dem Leben der reichsten Krau der weit. lieber die Lebensweise von Hetty Green, die kürzlich ihr ärm- l ich es Logis in der Vorstadt aufgab, imt in dem luxuriösen Plaza- Hotel Wohnung zu nehmen, berichtet Barzini aus Newyork einige interessante Einzelheiten. Das Experiment mit dem Gesell- schastsleben ist Hetty Green mißglückt; sie fand keinen Gefallen an den vielen unnützen Ausgaben, sie langweilte sieh und bereute das schöne Geld, das sie bezahlen mußte. Heute sitzt sie wieder 'mit ihrer Tochter Sylvia, einem schweigsamen, verschlossenen 40- jährigen Mädchen, in den ärmlichen kleinen Gaststuben in Ho- boken, in denen sie vordem hauste und wohl auch allen; Anschein nach bis an ihr Lebensende hausen wird. Nur wenige kennen sie in dieser ihrer Häuslichkeit. Die Brille vor den Augen sitzt sie da am' Fenster unb näht eifrig an ihrem Leinenzeug; schweigsam sitzt die Tochter daneben und strickt aus Wolle warme Pulswärmer. Hin und wieder rasselt lärmend das Telephon; dann wirst Hetty Green ihre Arbeit beiseite, sie eilt zuni Telephon und während sie nun mit den Maklern der Börse von Geschäftsdingen spricht und entschlossene Weisungen gibt, leuchten ihre Augen auf und der harte Zug um ihre Mundwinkel steigert sich zu sicherer Tatkraft. Jetzt entscheidet sie hier über das Schicksal von Millionen; eine Minute später feilscht sie mit ihrer Wäscherin um einen halben Dollar und erklärt ihr, daß sie derartig hohe Wäschpreise nicht aufbringen könne. Noch heute erzählt eine Wäscherin von denk Vorschlag, den die Millionärin ihr eines Tages allen Ernstes gemacht hat. Hetty Green schlug der Wäscherin vor, an den Unterröcken doch nur den unteren wirklich schmutzigen Streifen zu waschen, wofür sie daun nur die Hälfte bezahlen wollte. Der Schlächter hat die Anweisung, unter keinen Umständen Fleisch zu schicken, das mehr als zwölf Cent das Pfund, also rund 50 Pfg. kostet, und das sind nicht die einzigen Proben von Hetty Greens berühmter Sparsamkeit. Eines Tages befand sie sich gerade in Philadelphia, als an der Börse große Kursschwankungen eintraten. Die erfahrene Geschäftsfrau merkte sofort, daß sie hier bei raschem Handeln Millionen verdienen könne; aber eines war nötig dazu, sie müßte nach New- hork, unb zwar vor Schluß des Marktes. Keuchend kommt sie in Philadelphia auf den Bahnhof gestürzt und erkundigt sich stach dem' Preise eines Extrazuges. Mau will ihr einen Waggon Mit einer Lokomotive für eine bestimmte Summe überlassen, allein Hetty Green ist hegreiflicherweise über Taxe und Luxus gleich empört und schüttelt energisch den Kopf. Sie versucht den Preis herunterzuhandeln: umsonst, die Bahn bleibt fest. Ta kommt sie schließlich zu folgendem Vorschlag: „Hängt den Waggon ab, ich tu erbe in der Lokomotive fahren, dafür macht ihr mir die Rechnung um fünf Dollar billiger". Was auch geschah. . . . Als ihr Sohn stach Beendigung feiner Studienzeit in einer fröhlichen Laune eine unverzeihliche Verschwendungssucht bekundete — der einstige Erbe des 400 Millionen-Vermögens wär so leichtsinnig, 2000 Dollar stuszngeben —• da war die Mutter untröstlich und schickte ihn nach Texas ins „Exil": sie machte ihn zum Präsidenten einer Eisen- Lahngesellschaft im Süden. Ihr ganzes' Leben gleicht einem Romane, wie nur Amerika sie hervorbringt. Ms vor 40 Jahren die junge reiche und lustige Hetty den amerikanischen Konsul Eduard Green aus Manila heiratete, wurde sie zwar eine reiche Frau; aber sie besaß nicht den dreißigsten Teil des Vermögens, das sie heute W eigen nennt. Als ihr Vater starb, erbte sie 17 Millionen und kurz darauf bei dem Tode einer Tante weitere drei. Um diese letzte Erbschaft gab es einen großen Prozeß, mau hatte ein Testament der Taute gefunden, das alles der Wohltätigkeit verschrieb; Hetty Green aber besaß ein zweites Testament, und so kam es »u einem langen Prozesse. Als er zu Ende war, war Hetty Green um drei Millionen reicher unb inzwischen längst zur getoiegten Geschäftsfrau geworden. Aber je mehr das Gold sich häufte, je schwerer überwand sie sich dazu, es auszugeben unb um so größer ward ihr Geiz. Eines Tages' beschloß sie sogar, ihr Pferd und ihren Wagen zu verkaufen, und um Vermittelungsgebühr zu ersparen, übernahm sie selbst das Geschäft. Sie ließ anspannen, fuhr zur Börse, befestigte ein Awßes Plakat „Zu verkaufen" an der Equipage unb harrte nun des Wafers. Ihr Mann war wenig erbaut von all dem und erhob energischen Einspruch;- gegen ihr Benehmen. Aber Hetty Green gab nicht nach. „Wenn du nicht sofort nach Hanse fährst, so werde ich dich durch eine Kommission von Aerzten für geistesgestört erklären lassen," drohte ihr ihr Mairn, der sich gar nicht Mehr zu helfen wußte. Wer Hetty Green blieb ganz kühl. „Wir werden ja, sehen, wer von uns beiden verrückt ist." Wenige Monate später halte ihr Gemahl gü der Börse sein ganzes Ver- strögen verloren, während sie das ihre verdoppelte. Bor einigen Jahren starb der Manu in sehr bescheidenen Verhältnissen, wäh- irend die Frau, die in der Vorstadt im kleinen Gasthanse wohnt, |em Vermögen von 400 Millionen Mark ihr eigen nennt. Vermischtes. * Seltsame Lebensrettung. Amerikanische Blätter berichten von einem geradezu sensationellen Fall von Lebensrettung. Ein Mann in Newyork, der durch eine Viertelstunde einem Starkstrom von 2400 Volt ausgesetzt war und für tot galt, ist durch die Bemühungen eines Arztes wieder zum Leben erweckt worden. Er befindet sich jetzt auf dem Wege der vollständigen Heilung. Nur einige Brandwunden sind zurückgeblieben. Der Fall erregt in den Vereinigten Staaten das größte Aufsehen, da man jetzt durch einen praktischen Fäll den Beweis erbracht hat, daß Elektrizität für Hinrichtungen ein ungeeignetes Mittel ist. Einer der lebhaftesten Bekämpfer der elektrischen Hinrichtung Dr. Peter Gibbons weist schon seit Jähren darauf hin, daß der elektrische Stuhl nicht vollständig töte, sondern erst die nachfolgende Obduktion. Der vorerwähnte Fall selbst hat sich folgendermaßen abgespielt: Jölm Brauda, ein herkulisch gebauter Arbeiter, stieg vorige Woche in ein Einsteigeloch der Straßenbahngesellschaft, wo Dutzende von Drähten sich kreuzen, um eine Reparatur vorzunehmen. Durch eine Unvorsichtigkeit kam er mit dem Starkstrom in direkte Berührung, so daß ein Strom von 2400 Volt 15 Minuten lang durch seinen Körper jagte. Als seine Kollegen Nachschau hielten, fanden sie den Unglücklichen tot vor. Die Äugest waren weit aus den Höhlen getreten, bläuliche Flammen zuckten aus dem Körper hervor. Der Vormann Tany Lu- telle war so unvorsichtig, den Körper anzufassen und wurde sofort bewußtlos zu Boden geschleudert. Mit Balken unb' isolierten Zanger; schaffte man nun den völlig Leblosen in die frische Luft. In der Zwischenzeit war nach dem Hudson- Spital um eine Ambulanz telephoniert worden. Dr. Roberts, ein ganz junger Arzt, traf mit derselben ein. Jrst Hospital wandte der Arzt alle erdenklichen Mittel an, nur künstliches Atmen herbeizuführen. Zwei Stunden arbeitet« er mit einem Krankenwärter an dem Leibe des Leblosen, so daß ihnen der Schweiß in Strömen vom Körper lief. Endlich gab Branda Lebenszeichen von sich. Die Bemühungen wurden fortgesetzt und nach 10 Stunden erlebte der Arzt zu seiner Freude, daß Brauda wieder ganz zu Bewußtsein kam. Möglicherweise wird dieser Fall den Kongreß veranlassen, die Abschaffung der elektrischen Hinrichtung zu beschließen. _____________ Literatur. — Im Verlag von Emil Roth in Gießen erschien in zweiter Auflage „Hessens Fürstenfrauen", von der heiligen Elisabeth bis zur Gegenwart, in ihrem Lebest und Wirken dargestellt von Hofrat Alfred Börckel, Bibliothekar an der Mainzer Stadtbibliothek. Mit 16 Porträts und der Photographie der Großherzogin Eleonore als Titelbild. (Preis 3 Mk., geb. 4 Mk.) Das Werk enthält di« Biographien von 11 Landgräfinneu, nämlich der heiligest Elisabeth und der Gemahlinnen Philipps des Großmütigen, Georgs L, Ludwigs V., Georgs II., Ludwigs VI., Ernst Ludwigs, Ludwigs VIII. und Ludwigs IX. und der Gemahlinnen: der Größherzöge Ludewig I., Ludwig II., Ludwig III., Ludwig IV. und Ernst Ludwig und schildert zum ersten Male; im Zusammenhang die hessischen Fürstenfrauen, über die bisher zum Teil nur dürftige und zerstreute Mitteilungest vorhanden waren. Es stillt damit nicht nur eine Lücke in der hessischen Regentengeschichte, sondern bildet zugleich einen Beitrag zur Kulturgeschichte des Landes. Bei der Darstellung wurde eine große Anzahl von Sammelwerteip Stammtafeln und Monographien benutzt. Die dem Text« beigegebenen Bildnisse der hessischen Fürstenfrauen sind znnr größten Teil nach Gemälden der Großherzoalicheu Ahneu- galerie hergestellt. Charade. Es zeiget eine Färb' die erste Silbe dir, Hast du ein böses Weib, so sag' das zweite ihr. Das ganze Wort ist dir schon längst bekannt, Es nennt dir eine Stadt und auch ein ganzes Land. ' Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Vorsetz-Rätsels in voriger Nummer: a. ) b. Elle, ‘ Zelle, Maus, Emaus, Osten, Posten, Aar, i Paar, Wald, i Ewald, Ast, Last, Sokrates, Jsokrates, Adel, s Radel. Zeppelin. Nedaktion: E. Anderson. — Notationsdr»^ ..„h sn»1;rM t>ex Brühl'jchen Universitäts-Buck- und Stemdruckerei, R. Lange, Gießen.