1908 Samstag den 23. Mai (B8B1 JB8 u üi|W i ZWWrIMW! ’ih' G V#j3£EGZE1 WWW ■ i Ä?WWÄ WWM !&»!*■''" ll-iTf •*" I« Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Isabella blickte auf ihre' schlanken, int Schoß gefalteten Hände, an denen sie heute kein einziges Schmuckstück trug. „Es ist mich darum, daß ich so oft zweifle", sprach sie sinnend, „weil ich schon so vielmals, Tag für Tag um die Erfüllung eines einzigen heißen, heißen Wunsches zu Gott gebetet habe, ohne daß er mein Flehen erhört." „Ihr Glaube gleicht noch ganz dem eines Kindes", antwortete Heinz. „Kinder erwarten von ihrem Gebet Erfüllung, ihrer Wünsche — für die Großen und Reifen ist das Gebet nichts als die völlige Unterordnung unter den höheren Willen." Isabella seufzte; wieder glitt ihr Blick über die spielenden Wellen des Sees. „Wozu lebt man dann?" fragte sie wie in Zorn. „Dann ist es Unsinn, überhaupt zu leben; und das beste wäre, nicht zu sein, fein Empfinden zu haben. . . eine lächelnd dahingleitende Welle zu sein, ein Blatt vom Baum, mit dem der Wind spielt, oder ein Stein, der nicht unter den Schlägen des Lebens Bluten kann. Ich sehne mich jetzt sooft nach der Ruhe, der endlosen, nach der Auflösung im gefühllosen Ml. . . und doch, doch fürchte ich mich vor dem Tode." Ein Schauer dann über ihre schlanke Gestalt. Dann fragte sie: „Fürchten Sie sich auch?" । _ „Ich wüßte keinen Grund dazu!" gab Heinz zurück. „Wohl möchte ich noch manches vollbringen, meiner Mutter vor allem den Schmerz meines frühzeitigen Davougeheus erspart wissen . . . aber sonst. . . wie sollte ich mich fürchten, durch die dunkle Pforte zu gehen, die gewiß zu meinem Leben auf reinen, lichten Höhen führt?" „Sie haben recht. Die Angst vor dem kurzen Schmerz, der vielleicht gar kein Schmerz ist, ist dumm, unwürdig. . . . Und hernach kommt die Ruhe, die große, ewige Ruhe, an der nur das eine schade ist, daß man sie nicht empfindet." Heinz fühlte, wie sich Beklommenheit auf seine Brust legte. Kein Wort, Isabellas Melancholie zu bekämpfen, vermochte er über die Lippen zu bringen; wieder kam ihm der Gedanke, was er jetzt auch sagen würde, es würden doch nur Worte sein, die wirkungslos in ihrem Ohr verhallten. Und das, was sic ersehnte, das, wozu ihn sein eigenes Herz treiben wollte, sie mit umfangenden Armen an sich zu reißen, ihr müdes Haupt an seiner Brust zu begraben . . . er durste es nicht. Schweigend saß er und zwang die Flut des Blutes, die ihm durch die Adern schoß, zur Ruhe. Zunr ersten Mal kam in dieser Stnrrde das Mitleid mit ^owbella über ihn, das Mitleid mit ihrer Blindheit, die den tiefen Abgrund nicht sich, den Abgrund der Enttäuschung und Entfremdung, den Abgrund der friedlosen, zerfallenen Ehe, der hinter dem Paradiesgarten eines kurzen Glücksrauschos seinen Rachen anfsperrte. Mit äußerster Willensanstrengung erhob er sich intb stahlst seinen Hut. , „Ich ivcrde jetzt gehen müssen. Werner denkt sonst am' Ende, daß ich ihn heute ganz im Stich lasse." „Ich will Sie nicht aufhalten", sprärch sie tonlos. Heinz stand noch einen Momeitt vor ihr, wartete, ob sie ihm nicht zum Abschied die Hand bieten würde. Als sie regungslos in ihrer versunkenen Stellung verharrte, verneigte er sich und .ging. Isabella sah ihm nach: aus ihren Augen schrie verzweifelte Leidenschaft. Als seine Gestalt an der nächsten Wegbiegung verschwunden war, schnellte sie aus ihrem Sessel empor, und ich' Blick flog mit irrem Glanz über den See, in dem die schwarzen Schwäne jetzt in einem Meer von Blut zu schwimmen schienen; denn die Sonne neigte sich zur Rüste, und das Abendrot spannte sein Purpurbanner am Himmel ans. Eilt kalter Lufthauch wehte vom Wasser herüber. Isabella sank schaudernd in ihren Sessel zurück, krallte die Finger in das Haar und brach in Weinen aus. Zwölftes Kapitel. ' Als Heinz bei sinkender Ab enddämmerüng' äitstatt der staubigen, übervölkerten Chaussee wieder einmal den weiteren und beschwerlicheren, doch an Naturschvnheiten reichen Fußpfad durch Park und Wald für den Heimwegi wählte, sah er, noch int Bereich des Friedhcimschen Besitztums, vor sich Wilhelm Bartikows untersetzte Gestalt, die sich bei seiner Au- näherung eilig und mit scheuem Gebühren seitwärts in die Büsche schlug. ' Es fiel Heinz ein, daß er den seit länger denn einem Mou.at Wiederhergestellten in den letzten Tagen mehrfach in der Umgebung des Parkgittcrs hatte umherstreicheit sehen. Während ihm diese Spaziergänge, solange sie sich außerhalb des Gitters, gleichsam auf neutralen! Boden, bewegt hatten, aber niemals sonderlich auffällig erschienen waren, er ihnen als Motiv höchstens das Verlangen des hoffnungslos Verliebten nach einem mehr oder minder nahen Anblick Isabellas unterlegt^ hatte, überraschte ihn Wilhelms Eindringen in den Park selbst, dessen Betreten Fremden verboten war. Führte der Müßig- tzänger ctimt eine Schurkerei im Schilde?..... An der Stelle, an der Wilhelm im Gebüsch verschwunden war, blieb Heinz stehen und spähte und lauschte in das grüne Dickicht. Nichts regte und rührte sich. Nur eine Amsel kant mit ängstlichem Ruf, als hätte man sie vott ihrem Neste gestört, aus dem Gesträuch geflogen, und ein Kaninchen huschte dicht mt seinen Füßen vorbei über den Weg. Ob er den sich offenbar versteckt Haltenden beim Namen' riefe? .... fragte sich Heinz. Unsinn! Wenn Wilhelm der Be- gegnung tticht hätte answeichen wollen, wäre er nicht entflohen. Zudem .... der Ruf konnte bis zum Schlosse gehört werdest und dort Verwunderung oder gar Aufregung verursachen. Einen Moment dachte Heinz daran, am Ausgang des Parkes, durch einen Baumstamm gedeckt, zit warten, bis Bartikow die Pforte passieren würde. Auch das dürfte schwerlich Zweck haben, sagte — 322 Eine aufgeschlagen uni> leiser Stimme zu Park etiva in der auf dein rechten „Mein Gott.... was haben Sie nur heute? Sie sind' ja blas; wie Kreide?" fragte Werner, den erschreckten Blick auf seines Lehrers Antlitz geheftet. Heinz stand und lauschte. Nach einer geraumen Weile fragte er mit zuckenden Lippen: „War cs nicht, als trenn jemand Hülfe ries?" „I wo . . . wer soll denn hier int Park Hülse rufen?" entgegnete Werner lächelnd, klappte aber doch, von seines Lehrers Aufregung angesteckt, sein Buch zu. (Fortsetzung folgt.) Mitte durchschnitt, während der See ganz Flügel lag. Werner hatte im Gehen seinen Horaz begann die Ode, die au der Reihe war, mit übersetzen. Er war gerade bis zum fünften Esttlieb der Anecht. Von G. Zitzer (Niedereisenhausen). (Nachdruck verboten.) (Schluß,) Mittlerweile kam die Zeit der Heuernte herbei. Da gabs alle Hände voll zu tun. Dies war weniger nach Gottliebs'Gc- scyrnack. Ja, er huldigte sogar der Ansicht, daß die Welt noch lange nicht aus den Fugen ginge, trenn feine geschätzte Mitwirkung merber ganz und gar unterbliebe. Er samt bereits seit einigen Lagen darüber nach, wie er wohl auf gute Art loskämc. Noch nie ut seinem Leben war er so lange in einer Dienststelle ge-- weten. Falls er sich jetzt aus dem Staube machte, konnte er lercht wieder nach Gefallen eine andere Arbeitsgelegenheit finden/ denn zum Herbst — darüber gab er sich keinen Illusionen hin —■' imiroc iyn der ^.rteschbauer doch binauseckeln. Dazu wurde ilnn .... ___________ Verse gekommen, als Heinz plötzlich stillstand und mit heftiger Bewegung feinen Arm faßte. Eindruck zu erwecken, als ob er eine „zufällige" Begegnung mit Isabella suche, einen Weg ein, der den schritt er heim und warf sich vor dem Bildnis des Heilandes auf die Kniee. H®3 2mrl. schärfenden Wetzstein. ; Nun waren auch die Trieschbauers aus ihrem Besitztum angelangt. Tie Männer warfen die Oberkleider ab und Amanda steckte sich die Röcke auf. Tann legten sie los. Vorneweg der Gottlieb. Aber seine Arbeitslust war nicht äveit her. Ungeduldig mahnte ihn der Bauer zur Eile: „Als vorwärts, naut wär druff, «ich haage dir joa die Absatz von de Stiwel oab." Worauf Schultze höflich zur Seite trat. „Bitte nach Ihnen,- alter Herr!" sagte er mit einladender Handbewegung. „Tot soll dir f(1)111111 basse, ower dot gilt naut, bleib diou nur vorne," gab ihm dieser zur Antwort. Gleich darauf zersplitterte mit einem Krach des Knechtes Sensenwurf. „Mos haste da gemoicht," schalt der Trieschbauer, „wäi kann mer sich nur su. dappig anstelle?" Aber der Borwurf rührte den Missetäter wenig. „Hin is hin unn futsch is futsch," meinte er, „außerdem ham wir ;a noch 'ne Senfe in Reserve." Ter Alte hätte ihm mit Wonne den Hals umdrehen können, allein er bezwang sich. Unterdessen wars Zeit zum Frühstücken geworden. Allenthalben int Gründ sah man schon Gruppen sich zum Essen nieder- setzcn. Nur der Trieschbauer war noch nicht gewillt, ein Gleiches zu tun, allein Gottlieb versicherte, so marode zu sein, daß er kaum noch auf den Füßen stehen könne. Da gab er zähneknirschend nach. Amanda holte den Korb herbei und reichte jedem sein Brot. „De host joa wirrer Sticker geschnirre, wäi wenn mer vor Noacht net haamkäme," tadelte sie der Herr. Nach einer Weile erhob sich Schultze,'machte eine hohle Faust und schaute durch diese wie mit einem Fernrohr in der Umgegend herum. Dann guckte er wieder nachdenklich zur Erde, als ob er da mindestens einen Zwanzigmarkschein verloren hübe. weit steigender Verwunderung beobachtete sein Herr das sonderbare Treiben. „No, woas sein dos wirrer für Schborjemente?" „Det will ick Ihnen jern nuseinanderlejen, verehrter Herr unn Agrarier," erklärte Schultze, „da sehe ick zu meinem jrosten Seelcnscymerze ringsum bei die Nachbarn dre'Bndellje rum gegen, wat bei uns doch janz und jar der Fall nich is, unn so wat stimmt mrch vogenblicklich sehr triste." . »Ach su, doat hunn aich joa vergesse, häi konim her, Wenns wetrev naut rs." Damit holte der Trieschbauer ein Fläschchen aus der Tasche und reichte cs fernem Knechte. Der nahm es unbesehen, setzte an und hob und hob: aber kein Tröpflein netzte die lechzende 'Zunge. , . .»Den Deubel noch," fluchte e« daun, „lvat is mich nu det 11 bbtft "!I a'! 3