DsnneMG Sen 25. April BBf pW Kelmuih von Lonfen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) XXVIII. „Er kommt! Hurra! Mutter! Er kommt!" — Lilly und die Kadetten standen Tücher schwenkend auf der Rampe der großen Freitreppe. Tie Psiugstferien langten grade noch, um des Oukels Ankunft mit zu feiern, mtt> die Aufregung war grenzenlos. Ein Hurragebrüll empfing den vorfahrendeu Wagen, daß des Vaters eiserne Faust dazu gehörte, um die anstürmenden Pferde vor dem Durchgehen zu bewahren. Jndianerhast schwoll der Jubel au, als die ausspäheudcn Augen hinter Vater und Onkel eine kleine, pechschwarze Persönlichkeit in gvellvoter Jacke entdeckten. „Du! Heiuz! Unser Mohr — unser lvsgekaufter Sklave — wirklich und wahrhaftig! Dreimal Vivat dem Prachtvnkel!" — Eine dicke Girlande von jungem Eichenlaub schlang sich um die mächtige Tür, Fähnchen flatterten und hinter der Gruppe tanzender und jubelnder Kinder stand Marie Anne im Festkleid und winkte mit der Hand. So war der Empfang so laut, froh und ehrenvoll, tote es dem wiederkehrenden Helden verschiedener militärischer Abenteuer zukam — und die Begrüßung ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wie das so zu gehen pflegt, waren die ersten Momente eitel Verwirrung und Durcheinander. Man umarmte sich, küßte sich, fand sich gegenseitig „famos" aussehend, fragte und wartete die Antwort kaum ab. Reckuitz stand da,, schlug sich mit der mächtigen Pratze an die Hüfte und rief nur immerzu: „Na, da habt ihr'n. Ja, da ist er nun!" — Für die Kinder war die Anwesenheit des wahrhaftig für das Mittagsgeld losgekauftcn schwarzen Knaben, eines Sohnes_ des Kilimandscharo, verblüffend, und ihre Gefühle völlig geteilt zwischen diesem und dem interessanten Onkel, bis sich Helmuth der Jüngere entschieden für letzteren entschied, und nicht mehr von seiner Seite wich, während Heinz und Lilly über den Jüngling herfielen, der mit der Behendigkeit eines Affen vom Rücksitz geklettert war und nun, seines Herrn Mantel über dem Arm, dastaud und all seine weißleuchtcuden Zähne zeigte. Er mußte es sich gefallen lassen, daß vier Hände ihn aus seine Waschechtheit prüften, während Loysen in kurzen Worten erzählte, wo und wie er ihn gefunden und einem arabischen Händler abgekaust habe. „Onkel!" — schrie Lilly — „hättest du das damals gedacht?" — „Wahrhaftig, Onkel. . . weißt du noch?" — Oh ja, er wußte wohl. Eiu momentanes Schweigen herrschte, sie dachten alle dasselbe. Nein, das hatte doch uiemanb ahnen können, daß aus dem Scherz Wirklichkeit werden könne. Marie Anne faßte sich schnell. „Kommt alle herein!" — rief sie — „wir gehen gleich zu Tisch und trinken auf Onkels Wohl!" — Und so saßen sie denn wirklich wieder in dem alten große» Eßzimmer um den Familientisch, Loysen zwischen seinen beide« Schwestern. Marie Anne ivar ganz liebevolles Entgegenkommen, Anne Marie sprach nicht viel, aber ihre atlasweichen, kühlen Finger strichen von Zeit zu Zeit sanft über seine Hand. Beides wäre so wohltuend gewesen, toenit er sich nicht immerfort hätte sagen müssen: Luise mußte sterben, damit mir — vergeben werde! — Auch Reckuitz, der dem Geschwister-Kleeblalt gegeuübersaß, war ganz altgewohnte Brüderlichkeit. Er hatte schon auf der Fahrt das „mein alter Junge" immer wieder betont und nun kam es ihm schon ganz geläufig über die Lippen. Sie fanden alle wieder und wieder, daß er famos aussehe, souneuverbrannt, gesund, martialisch. Es war ja auch an dem. Eine stählerne Energie lag in seinem ganzen Wesen, aber auch ein Ernst, der das Lächeln erst wieder lernen mußte. Seine Augen, einst so klar und hellblau, schienen dunkler geworden, und der einst offene, harmlose Blick stieg jetzt aus der Tiefe entpor, als habe sich die Seele zurückgezogen in sich selbst und brauche Zeit und Uebevivindüng, um sich anderen mitzuteilen. Dem guten Recknitz, der ihm so grade gegenübersaß, griff das förmlich ans Herz. Himmel, was hatten diese Paar Jahre aus seinem frohen, blonden Jungen gemacht! Er war ja nicht wieder zu erkennen. Ob er nun endlich seine kolossale Dummheit einsieht und bereut? — Aber das wird er nicht laut fragen, bei Leibe nicht. Strich drunter und von neuem anfangen! Die Gegenwart der Kinder war immerhin ein guter Aü- leiter. Pausen kamen nicht auf. Loysen mußte immer wieder Fragen beantworten und die Geschichte des Negerknaben ausführlicher erzählen, den er seit fast zwei Jahren mit sich führte und selbst in so vielem unterrichtet hatte, daß seine Zivilisation zum Leidwesen der Kinder schon' recht vorgeschritten zu sein schien. Er würde zum Beispiel, so versicherte Loysen, sich weigern, auch nur das kleinste Stückchen Menschenfleisch zu verzehren. Lilly hatte bereits großmütig ihr Ohrläppchen zur Verfügung gestellt unb war daher tief enttäuscht. Auch die Mitteilung, der Neger verzichte selbst im heißesten Sommer nicht auf eine ntenscheittvürdige Bekleidung, erregte nicht die gewünschte, wohlerzogene Befriedigung. Am Nachmittag ging Loysen, wie damals, mit Anne Marie durch den Park. Sie hatte ihn dazu aufgefordert, und ihr ivar mit wenigen Worten gelungen, was die Eltern kaum ver- uwcht hätten, nämlich die herzu stürzende Jugend abzuwinken. Sie wolle ein halbes Stündchen mit Onkel Helmuth allein sein» sagte sie, und Lilly zog sich schmollend, die Knaben seufzend zurück. Nur Ännchen führte sie an der Hand. Das Kind wat jetzt fast unzertrennlich von ihr. „Du hast dich sehr verändert" — sagte er, sie staunend betrachtend. Sie sah au sich herab, als prüfe sie ihre äußere Erscheinung, und ck bemerkte, daß sie dies nur tat, um ein Erröten zu verbergen. „Wahrscheinlich ist es so. Ich glaub' es selber." — 254 „DaS schon ist wunderbar, daß du dir die Kleine so zahm gemacht hast. Es ist so gar nicht wie du." „Sehr richtig! Aber lassen >vir daS. Ich möchte dich um etwas fragen, Helmuth — an jenem Tage, als wir Edmund begruben, weißt du! Habe ich dir da nicht sehr weh getan?" „Nicht mehr als die anderen," sagte er achselzuckend „Ich wurde das so gern wieder gutmachen." „Was ist daran gutzumachen? — Ihr meint es ja alle gut mit mir — jetzt. Ich kehre — ein Begnadigter, in eure Mitte zurück. Ist cs nicht so?" Sie antwortete nicht gleich. Noch war es ihr nicht möglich, ihm zu widersprechen, zu tief saß die Erinnerung an die ihrem Familienstolz zugefügte Beleidigung — aber sie wunderte sich selbst, daß sie sich nicht mehr beleidigt fühlte. „Weißt du," — sagte sie nach einer Weile ruhig — „daß ich einen Freund meiner Jugendzeit, Wilhelm, wiedergewonncir habe?" Lohsen fuhr herum. „Du?" — fragte er in maßlosem Staunen „erstens wußte ich nicht, daß er ein Freund deiner Jugendzeit Ivar, und dann begreife ich nicht... du und er! Nein, das, reimt sich nicht. Ihr paßt absolut nicht zusammen." Das ironische Lächeln und die herbe Antwort, die er erwartet hatte, blieben aus. Sie zog das Kind näher heran, ihre Finger strichen über das braune Köpfchen und sie sagte gelassen: „Du hast recht. Wir passen eigentlich absolut nicht zusammen — aber in einem harmonieren wir doch: Wir haben dich beide lieb." Er blieb stehen und sein Blick umflorte sich. „Liebe Anne!" — sagte er ergriffen, „liebe Schwester!" nahnr ihre Hand in seine beiden und küßte sie. „Bedanke dich bei diesem guten Lehrer," fuhr sie lächelnd fort, „wenn ich dir auch eines Tages sagen kann: Helmuth, lch verstehe dich! -- Vorläufig, das sage ich ehrlich, ist es mir noch nicht möglich, aber ich wünschte, ich könnte es." Er atmete tief auf. „Habe Dank, Wilhelm!" — sagte er Mit heller Stimme, und sie lächelte still vor sich hin. „Wann besuchst du ihn?" — fragte sie endlich. „Morgen — wenn nicht noch heute." „Fra Diavvlo kennt den Weg," sagte sie. „Das hast du erfahren? Ja, er kennt ihn. Komm, wir wollen nach dem Stall gehen, ich bin schon so viele Stunden hier und habe den alten Kerl noch nicht begrüßt." Nun wurde auch Annchen lebendig. „Ich habe ihm immer Zucker gebracht." sagte sie, „Onkek, aber der ist böse und wild!" „Das wollen wir gleich sehen." Sie gingen nach dem Wirtschaftshof und traten in den Stall • aber Lohsen hatte sich das Wiedersehen mit dem treuen Genossen seiner glücklichsten Lebensjahre leichter gedacht, als es _ war. Heiß stieg es i hm in die Augen, als der Rappe auf den bekannten Pfiff sich stürmisch umwandte und die Holzwand der Box, in welcher er stand, fast zertrümmert hätte, wtyfett ftiiifiji ihm über bie Mähne uiib bnS $feL*b, sich frov Aveude, rieb schnaubend den schmalen Kopf an seinem Arm. Sein Herr zog prüfend die Uhr. . „Wenn ich gleich ritte, könnte ich zum Abend wieder da sein." „So reite gleich, ich werde es Marie sagen." „Gut. Satteln!" . Der Reitknecht sprang herzu, und zehn Minuten später stob Fra Tiavoko unter dem geliebten Reiter von dannen. So war er auch in seinen jüngsten Tagen nicht gegangen. In _ einer Stunde hatte er Rothaidc erreicht und ritt in den Hof. Wer ihm begegnete, grüßte mit frohem Wiedererkennen, auch der alte Hofhund kam ihm wedelnd entgegen, doch die, welche er zu sehen gekommen war-, fand er nicht. Der Herr und das Fräulein wären auf dem Vorwerk, berichtete Marten. Nun besann er sich nicht lange, er ging durch den harten und über die Wiese nach der Kirche hinaus. . . fein Ä-röcn mag frch fürder wenden wie es will, Luisens Grab und dre,. welche ihren Namen tragen, kann und will er nicht daraus smeichen. Zuerst ging er auf den Friedhof, auf welchem die Blumen m verwilderter Fülle auf all den schmalen, anspruchs- lo,en Grabhügeln wucherten, die Luft mit Honigduft schwängernd. Es war stitl ringsum, daß man das Summen der Bienen hörte. £a' £?rt. ""ren die drei Gräber. Der weiße Rosenbaum an vbei ivut fo otofj creivorbcii btift {eine blütenreichen Ranken alle drei' Grabstätten beschatteten, aus denen es grünte und blühte. Lohsen stand in schweren Gedanken davor. Hier ruhte, was fei» Leben für immer ans der Bahn gerissen hatte, aber auch — lote ein Blitz kam ihni plötzlich die Erkenntnis — ihn davor bewahrt hatte, ohne Liebe im Herzen um ein edles Mädchen zu werben welches höchster Liebe wert gewesen wäre. Tas wurde ihni jetzt klar. Er hatte Edcllraut von der Haide damals gar nicht geliebt. Er hatte, wenn es bis zur Verlobung gekommen wäre, ihr nichts r,!l owten gehabt, wie die lleberzeugung, daß keine andre so sehr Sv ferner Frau tauge, wie sie. Ter Gedanke an sie als solche hatte sich bei ihm seit seiner Leutnantszeit festgesetzt, ohne die Krast zu haben, Herzensverirrungen unmöglich zu machen. Sie war ihm das Endziel gewesen, das er erreichen wollte, wenn andre Flammen ausgebrannt waren. Allein und unbemerkt, wie er hier stand, stieg ihm allgemach brennende Röte ins Gesicht — die beschämende Erkenntnis kam ihm wie ein Schreck. Bitterkeit hatte ihn erlaßt, als er dieser Stätte ansichtig ward, und jetzt inußte er sich sagen, daß er kein Recht dazu hatte, die Zeit seiner Ehe für ein ihn, widerfahrenes Unglück zu halten. Wie entfernt er davon gewesen war. Edeltraut dainals zu I'.cocn, ms er es „an der Zeit fand, eine standesgemäße Heirat zu machen", das koniite er erst jetzt erniessen, wo der Gedanke an sie sein Herz erzittern ließ. Die Hoffnung auf das Wiedersehen hatte ihn in der selbstgewählten Verbannung aufrecht erhalten^ Er stand und dachte und achtete nicht ans nahende Schritte, bis der junge Pastor Becker vor ihm stand. Da fuhr er aus und sah den Schwager zuerst verwirrt und dann nnglänbig an Das war Gotthard Becker? Ter fast finstere Jüngling mit deut trotzigen, selbstbewußten, groben Lntherkopf? — Die Züge waren ja dieselben und anch die breitschultrige, robuste Gestalt'— aber Ausdruck und Haltung waren so verändert, daß Lohsen ihn kaum wieder erkannte. Als die Gemeinde ihn damals mit Einwilligung des Kirchenpatrons zum Seelsorger wählte, geschah dies weniger aus persönlicher Wertschätzung als aus Pietät für den verstorbenen alten Pastor. Mair erwartete eigentlich nicht allzuviel Gutes von dem „Herrn Kandidaten", dessen Strenge bekannt war, und dessen christliche Liebe iwch niemand erfahren hatte. Doch die Alten meinten, man könne es ja in Gottes Namen versuchen — im Grunde kag dieser Bereitwilligkeit das unklare Bewußtsein zu Grunde, daß ihr Patronatsherr ja doch von jeher ihr eigentlicher Seelsorger gewesen sei und bleiben werde. Es kam also gewissermaßen nicht so viel auf die Wahl an. Die donnernden Bußpredigten des jungen Becker kannte man ja schon genügend und mußte hoffen, er wcrHe mit der Zeit mildere Saiten aufziehen. Wie groß war nun die Betroffenheit, als er die Kanzel betrat und dort oben stand, kreidebleich, kaum fähig, die Worte zu finden, kein Richter, — ein Gerichteter. Weshalb? — Darüber zerbrach man sich umsonst den Kopf, aber nun erst siel es manchem ein, daß er schon am Sarge des Vaters und der Schwester dagestanden hatte wie ein Gedemütigter, all seiner stolzen Selbstgerechtigkeit beraubt. Hätte Lohfcn damals darauf geachtet, so wäre es ihm ausgefallen, und rr Hütte vielleicht gefragt — aber so erfuhr er nur ans Wilhelms Briefen, daß der junge Pastor seit des Alten Tode ein anderer geworden sei, ganz aufgehe in seiner Amtspflicht und als Seelenhirt von einer Milde und Vorsicht des Urteils sei, daß er, Wilhelm, sich schon veranlaßt gesehen habe, ihn zu größerer Strenge anzuhalten. Das ging ihm jetzt durch deu Kopf, während er dem Schwager die Hand reichte. „Sie sind also wirklich gekommen!" — sagte der mit einem tiefen Seufzer, „ich habe diesen Tag ersehnt! . . . und nun darf ich Ihnen grade hier und allein begegnen! . . ." er zog das Taschentuch und wischte sich über die Stirn. „Lieber Gotthard „Nennen Sie mich nicht so, bis Sie wissen, was mich drückt. Als wir uns an dieser Stelle zuletzt sahen, fand ich nicht den Mut, es Ihnen zu sagen — und dann konnte ich in meiner! brennenden Ungeduld kaum die Zeit Ihrer Heimkehr erwarten, «m es Ihnen zu bekennen. Eine Sttmme lebt in mir, die nie zur Ruhe kommt und mir unablässig zurust: „Du, der Geistliche — der Priester, der am Altar die Gemeinde segnet — du hast Schuld am Tode deiner Schwester!" Das letzte kam wie ein Stöhnen, er senkte den Kopf und schlang die Hände krampfhaft ineinander. Lohsen stand zuerst wortlos, von Schreck und Staunen überwältigt, dann fuhr er! ans und faßte den anderen an der Schulter: „Mensch! — Was reden Sie da! — Was meinen Sie?" (Fortsetzung folgt.) 255 Die krafk des Landes! ciicbemenDen neuen Blutte „Aerztticher Rare,euer", Verlag von C. Regenhardt). (AuS bcm leit Kurzem in Berkin Der alle Streif, ob in Großstädten oder auf dem platten Lande das kräftigere Menschenmaterial geboren und auferzogen würde, ist durch neuere Untersuchungen an einer großen Anzahl Berliner zugunsten der kleinen Orte entschieden worden. Allerdings fließt fortwährend ein Strom der brauchbarsten Menschenkräfte vom platten Lande in die große Stadt ab, er bleibt aber hier stehen und wird völlig zu einem Teil der großstädtischen Bevölkerung und zwar die auf dem Lande geboren wurden und dort gelebt haben. Soweit die Tauglichkeit der Väter festgestellt werden konnte, betrug sie 55,5%- Einen interessanten Aufschluß über die Tauglichkeit der einzelnen Stände zum Heeresdienst ergiebt die Tabelle 2: die Kutscher sind darnach die Brauchbarsten, dann kommen die Kopfarbeiter, d. h. die Kaufleute, Studierte, Beamte, dann die Fabrikarbeiter, die Brauer, Schlaffer, Schmiede, und an der Liste unten stehen die Land- tllern TaugNchkeil-vethöllnI» der In TangllchkeltsrrrhäNiü» geboten in Orten bi» ju 1000 Einwohnern kleinen Orten Geborenen, noch bet der gebotenen Berliner Tauglichkeileverhällni» bet Bätet 55,5% Srcfcflabt Betrogenen 45,5% 28% ZUM wertvolleren Teil. Wenn wir die Untersuchungen bei der alljährlichen Rekrutenmusterung als einen richtigen Maßstab für die Gesundheit des Volkes an- uehmen dürfen, so erhellt daraus, daß geborene Berliner nur zu 28 Prozent tauglich sind, die auf dem Laude Geborenen, nach Berlin Verzogenen aber zu 45,5 °/0. Auch bei diesen hat sich aber schon der verderbliche Einfluß der Großstadt gezeigt, denn sie sind nicht mehr so tauglich, wie ihre Eltern waren, arbeitet und Werkzeugmacher. Daß die Großstadt einen verderblichen Einfluß auf die Entwicklung des Menschengeschlechts hat, ist ja in letzter Zeit mehrfach behauptet worden, der Zeichen dafür rouröen allerorten eine große Zahl gefunden, aber keine so klaren und unwiderlegbaren, wie sie die Berichte der Aushebungsärzte, die alljährlich das emporwachsende Menschengeschlecht zu prüfen haben, uns geben. Hufdiauunflstatel über die Heeresfauglidikeit der einzelnen Berufe zu Berlin. gelernter Fabrikarbeiter Kopfarbeiter 50% 50,5% Schlöffet 43,4% kölscher 63,3% Werkzeugmacher 28,5% Canbarbeiler 38,7% Bei steigender Sonne! (Originalbeitrag der „Gieß. Fam.-Blütter".) Mädel, komm mit in die lustigen Hoh'n Laß uns die Stürme des Lenz-es umbrausen. Mädel, komm mit in die luftigen Höh'n, Grüßt dich die Freiheit, die herrliche, draußen, Wo sich die ewigen Kreise vollenden, Wenn sich »um Sommer die Sonne will wenden. Flatternde Kleider und sliegendcs Haar, Strahlende Augen und mächtiges Schwellen Machen uns frei gleich dem siegenden Aar, Führen uns »u den lebendigen Quellen. Ju der Natur gewaltigem Reigen Lasse im Tanze uns schwingen und neigen. — 756 Sonne, du flammende heilige Glut, Wärme das Herz uns zu lachendem F-reiien, Peitsche zum Sturme das siedende Blut, Lasse zur Jugend uns wieder erneuen; Tenn es liegt eine unendliche Wonne In dem Empfinden bei steigender Sonne. Sei uns willkommen du netzendes Ratz, Quelle des Stromes, Jugend des Lebens Fern allem Zweifel, fern allem Haß Gegen die Gottheit! — Sie ruft nicht vergebens Uns in das Schaffen der ewigen Kräfte, Leben erzeugend im Steigen der Säfte. Ihr, die ihr lebet in finsterem Tal, Tie ihr entbehret der weckenden Sonnen, Tie ihr nur denket an irdische Qual, Kennt ja nichts von den göttlichen Wonnen, Tie darin liefen, am Morgen zu grüßen Hoch von den Bergen die Welt uns zu Füßen. Tarum ihr Zweifler steiget zu Berg, Alle herbei zu dem ewigen Bronnen Schaffender Stifte! — Der menschliche Zwerg Hat seinen inneren Wert erst gewonnen. Wenn er getrunken am ewigen Lichte, Tran aller Zweifel wird kläglich zunichte. Kann sich die Gottheit in größerem Glanz Uns offenbaren, als draußen im Freien, Wo sich in wirbelnder Schneeflocken Tanz Mischet das siegende, lenzliche Maien? — Dir wird der Glaube aufs Neue gegeben, Menn bu eindringst in daS keimende Leben. Paul Dietz, Kassel. Kür tzaus und Hof. * D e r g ü n st i g e E i n fl u ß d e r s a u r e n M i l ch. Nicht umsonst rechneten unsere Vorfahren, wenn von den Frühlings- kuren die Rede war, auch den Genuß der sauren Milch oder der Molken dazu. Eine Begründung für ihren Wert ist aber erst in der letzten Zeit gegeben worden, denn es hat sich herauSgestellt, daß das, was schon die Aerzte des Altertums sowie die arabischen Aerzte als richtig erkannten, mit den verschiedenen Bakterienarten im Darm zusammen hängt. Saure Milch wirkt nämlich auf eine Anzahl von ihnen stark vermindernd ein, sodaß die Darinfäulnis und damit die Bildung von Stoffen, die ms Blut übergehen und somit schädliche Einflüsse durch eine Selbstvergiftung des Körpers und Benachteiligung des Nervensystem ausüben können, bedeutend eingeschränkt wird. Es gibt eine besonders zubereitete saure Milch nach Metschnikoff, der dazu Loetobaeillin verwendet; mit ihr gelang es, die gewöhnliche Bakterienzahl im Kote in drei Fällen bis auf die Hälfte zu vermindern. Nach der Entfernung der sauren Milch aus der Diät kehrte sie schon nach 3—4 Tagen auf die anfängliche Höhe zurück. * Schädliche Wirkungen des Zuckers. Die Aerzte, die, in den letzten Jahren so viel für den Zucker getan haben, müssen jetzt zu ihrem Schreck konstatieren, daß ihre Propaganda schon zu Uebertreibungen im Zuckergenuß geführt hat; vor diesem Zuviel kann aber nicht früh genug gewarnt werden. Die bekannte medizinische Zeitschrist „The Laneet" weist darauf hin, daß beim Training der englischen Sportsmen der Zucker bereits eine übergroße Rolle spielt und nicht selten nachteilig auf den Gesund- heitsznstand wirkt. In England, das nicht nur das Land der Sports, sondern auch der erbitterten sportlichen Wettkämpfe ist, hat mau rasch erkannt, daß der Zucker wirklich einen direkten Einfluß auf die Entwickelung der Muskelkraft hat, und daß mau sich in dieser Hinsicht auf ihn mehr verlassen kann als auf den Alkohol: es ist daher leicht verständlich, daß man dort zu einem übermäßigen Zuckergenuß gelangt ist. Auch unter den Alpinisten trifft nian nicht fetten Leute, die wahrend einer mehrere Tage dauernden Bergbesteigung mehr als 200 Gramm Zucker pro Tag verzehren. Solche Dosen sind aber nicht nur darum schädlich, wen sie zur Entwickelung einer etwa bereits vorhandenen Veranlagung zur Diabetes beitragen können, sondern auch darum, weil jce frillte Magenverstimmungen, Hautausschläge und vor allem eine Appetitlosigkeit von längerer Dauer herbeiführen. Deshalb loll man auch tut Zuckergenuß mäßig sein; zu unmäßigem Zuckergenuß kann mail schon gelangen, wenn inan größere Mengen von kandierten Früchten ißt, da diese manchmal 30, 40 und sogar ?0 /.siföeitt Zucker enthalten. Außerdem merke man sich, daß die schädlichen Wirkungen allzugroßer Zuckerungen um so größer sind, ;e konzentrierter die Form ist, in welcher man den Zucker genreßt. Deshalb sollen die Zuckerfveunde lieber Zuckerwasser I trinken, als den Zucker in Stücken essen. Die besten Wirkungen erzielt man mit gezuckerter Limonade, die nicht nur nahrhaft ist, sondern auch blutreinigend wirkt. • * Ziegenzucht. Eine gute Milchziege hat einen langgestreckten Körper, der nach hinten und unten etwas zunimmt, eine tiefe und breite Brust, kurze Beine, breites Kreuz, große, : aber abgeschlossene Hungergruben, einen mäßig langen und nicht zu dicken Hals, einen nicht dicken, breiten Kvpf, ein breites Maul und große Euter. Letzteres ist aber nicht immer ein Zeichen großer : Milchergiebigkeit, denn die im Euter befindliche Trüsenmasse kann durch eine sie umgebende Fettschicht sehr eingeengt sein. Vsrmrsehtes. i . * Eine merkwürdige Geschichte. A.: „Haben Sie i schvn von der Frau in Danzig gehört? Tie ist erst ein Jahr i verheiratet und hat schon zwei Kinder." — B.: „Na dabei ist ! doch nichts besonderes: sie wird eben Zwillinge gekriegt haben." I M'Ät:: „Nein, Zwillinge sinds nicht gewesen." —• B.: „Da hat ; sie also das erste Kind ein paar Tage nach der Hochzeit bekommen." - — A.: „Nein, so wars auch nicht. Sie ist als reine Jungfrau in - die Ehe gekommen." — B.: „Dann ist die ganze Geschichte unmög- i lich." — A.: „Verlassen Sie sich darauf, die Sache ist authentisch: 5 Es waren Drillinge, und einer davon ist gestorben." Literarisches. — Max Hochdorf: Dunkelheiten. Novellen. —• i Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W. — Preis 3 Mk. — Ein neuer Mann tritt mit diesem Novellenbuch an die Oeffent- lichkcit. Max Hochdorf hat offenbar vieler Menschen Städte gesehen, als verständnisvoller Genießer fremdländischer Kultur und Betrachter andersartiger Sitten und Individuen. Die Früchte dieser Wanderungen sind augenscheinlich die vorliegenden Arbeiten. Die äußere Form der Novellen klingt an das Romantische an> aber das ist nur die Form. Sie sind gewissermaßen Sinngedichts fatalistische Novellen, die an ein dunkles Geschick glauben lehren,- das meist zum Unglück leitet. Das dunkle Geschick schafft Dunkelheit der Seele. Und wenn einmal aus ihr ein unverhoffter Glückszustand entsteht, wie das merkwürdige Wunder der Mouna Erika zeigt, so ist das eine Ausnahme. Im allgemeinen fühlen die Menschen der Geschichten über sich ein dunkles Schicksalswehen« Und in ihren lyrischen Stimmungen scheint tief im Grunde ein Glaubensbekenntnis des Verfassers zu liegen, das Geständnis: ich glaube an das Walten eines übermächtigen Schicksals, das mit seinen dunklen Flügeln unsere Lebensbahn beschattet. Und er weiß den Leser in feinen Bann zu ziehen. Ein,geheimnisvolles Weben und Walten glaubt man zu spüren, und, eine,Ahnung von übermächtigen Gewalten, die uns umgeben, zieht in das Herz des Lesers ein. ________ Goldene Worte. Soll dir das Leben ftetS geiallen, Tas nie auf Taner sich verstand, So laß daS Schönste wieder fallen Und schließe nie zu fest die Hand. Seidl. Wieg' und Sarg, so heißen jene Stätten, Tie den Menschen sanft und ruhig betten. Zwischen ihnen liegt der lange Raum, Der bewegte bunte Lebenstraum. Rückert. Aus dem verschlungenen Pfade des Lebens hat sich dem schivankenden Geiste die Lehre bewahrt: „Denk mit Ehrfurcht an Gott", „mit Liebe an die M e n s ch e n" und „mit Ernst an die Pflicht". Laß es dann gehen, wie es will; sind auch die Menschen nicht treu, so bleibt dir treu dein innerer Gott und aus den Dornen der Pflicht sprießen die Rosen des Heils. Jean Paul. Das Genie bricht wie der Nachlschmetlerling bei der Entpuppung durch die harte Erde, aller Einengungen trotzend ohne Abnützung der zarten Flügel, hindurch. Jean Paul („Levana"). Silbenrätsel. re, del, Ja, gin, lar, hei, e, ost, ster, ge, thik, ta, stein, Jree, an, del, e. Man bilde aus obigen 17 Silben 8 Wörter deren Anfangsbuchstaben bei richtiger Untereinandersetzung von oben nach unten und ihre Endbuchstaben von unten nach oben gelesen die Nameit zweier deutscher Dichter nennen. Tie einzelnen Wörter bedeuten; 1. Eine Pflanze. 2. Einen Stadtteil von Gießen. 3, Einen Stein. 4. Ein Gewand. 5. Eine Frucht. 6. Eine Wissenschait. Gießen. Luise Koch. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Geber, Eder, v-edaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.