M8 HS®' W ■ SM gwfes w W Kelmulö von LoAlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) XXII. Trotz der Verzögerung erreichte er Jarowitz noch bei guter Zeit. Loysen löste sein Billett, trat in das kleine, dumpfige, von schwelender Petroleumlampe erhellte Wartezimmer, fand es unerträglich und ging wieder ins Freie. Hinter dem Bahnhof hielt noch der Jagdwagen. Loysen hatte im Wartezimmer noch eilig einen ®riifj an Wilhelm geschrieben und gab dem Kutscher das Billett ab. Ter lenkte nun um und fuhr in die dunkelgrüne Dämmerung hinein. Während Loysen dem Gefährt noch nachblickte, hörte er auf der harten Chaussee links Pferdegetrappel und^Räder- ro-leu. Ten Hufschlag meinte er zu kennen. Die Laternen leuchteten, das Coups mit den bekannten, scharftrabenden Pferden davor kam in Sicht und fuhr int Bogen vor die Station. Loysen blieb stehen, wo er stand. Er wollte den Geschwistern weder entgegengehen, noch ausweichen. Recknitz stiess die Wagentüre auf und stolperte etwas schwerfällig heraus. Dabei pfiff er durchdringend nach einem Gepäckträger. Marie Anne entstieg dem Wagen. Sie war schwarz gekleidet und von ihrem Kapottehut hing ein steifer Kreppschleier herab. Der Träger stürzte herbei und das Ehepaar kam im Temposchritt verspäteter Fahrgäste grade auf Loysen zu, der, an der Einganstüre stehend, ihnen Platz machte. Zuerst beachteten sie ihn gar nicht, aber Plötzlich wandte Marie Anne den Kopf und stieß einen leichten Schrei aus. „Helmuth! Alter, es ist Helmuth!" — Recknitz fuhr herum und sein bärtiges Gesicht spiegelte die unbehaglichste Verwirrung wieder. „T-u? Ja, du? . . . Hab eben keine Zeit — muß die Fahrkarten besorgen!" — Damit stapfte er weiter und in den leeren Räumen des Stationsgebäudes hallte seine dröhnende Stimme. Bruder unb Schwester traten hinaus auf den Bahnsteig, zuerst stumm. „Tu fährst also auch hin. . . ." sagte Marie Anne endlich, in ihre Verlegenheit mischte sich Verwunderung. „Wohin denn?" — „Rach Tvbrau." „Nein!" — versetzte er kühl, „zu weist wohl." Ganz unvermerkt waren beide nnbesangcncr und verirau- licher geivorden. „Wo reist du denn nun hin, Helnmth?" „Nach Ostpreußen. Mir sind an der russischen Grenze einige Güter angeboten worden." „Güter! — Tu willst dich ankanfen! Und dort, am Ende der Welt? Wie entsetzlich!" Sie hatte das alles schnell und unüberlegt hervvrgestostcn. Er zuckte die Achseln. „Und wo denn sonst? Soll ich etwa hier, unter euch, leben als ein — nun sagen wir nur Verschmier? Tas könnt ihr doch selbst nicht wünschen." Sie besann sich. Tarin hat er recht, dachte sie. „Weshalb ziehst du nicht in die Schweiz?" — fragte sie. „Und bitte, was soll ich in der Schweiz?" — „Ja, was willst du denn dort oben bei den Masuren?" „Dasselbe, was Conrad in Bardes will." „Traust du dir zu, selbst zu wirtschaften?" „Ja, das tue ich." „Lenkst du dir's denn schön — dort in der Fremde, an der! russischen Grenze, in vielleicht trostloser Gegend —" „Wozu fragst du danach? Tu weißt doch ganz genau, dast ich es imr nicht schön denke. Aber doch zehnmal besser als etwa Hotelbesitzer am Züricher See werden." „Wer spricht denn davon?" „Ja, zum Bummler habe ich kein Talent. Ich bedarf der Arbeit, der Tätigkeit. Ein Jux ist das doch nicht für mich, aus Minen Tienstpslichten herausgcnssen zu sein — dafür muß .Ersatz geschafft werden." Sie horchte auf, bog sich dann vor und legte ihre Hand Huf seine Knie: „Helmi! — Bereust du nun deine groste Torheit? Merkst dir endlich, wieviel dir ausgeopfert hast in ganz unverzeihlichem Leichtsinn?" Er sah aus dem Fenster in die graue Morgendämmerung und nach Osten, ivo ein fahles Licht am Himmel aufzuleuchten begann. Tabei seufzte er, wie ermüdet. „Kannst du mich wirklich nicht begreifen, Marie?" — fragte er traurig. Sie wurde rot. „Nein!" — sagte sie, „ich werde cs nie begreifen, wenn sich ein Mensch sein schönes Leben mutwillig zerstört." Er hatte sie erwartungsvoll angesehen, jetzt ivandte er sich wieder ab, resigniert und enttäuscht. Ter Wind trieb jetzt den weißen Tamps der Lokomotive in geballten Wolken vorüber, er lagerte sich seitwärts auf dem Felde in phantastischen, zerrissenen Formen hin. Tas Gefühl unendlicher Vereinsamung wollte die Uebermacht gewinnen, doch da stieg Wilhelms Bild vor b-ent Einsamen auf. und er fühlte sich beruhigt. Da war doch tütet — nein, da waren zwei, die ihn verstanden, von deren Lippen er nie das Wort: Wie konntest du nur! — hören wird. Ter Bitg fuhr pfeifend in einen Bahnhof. Türen wurden aufgerissen, es galt umsteigen. Der Schnellzug, der sie cheiter führte, stand schon in der Bahnhofshalle. Es war ein Eilen und Hasten, aber «Üblich fast man, jetzt zu dreien, in einem. Abteil, und mit rauschender Schnelligkeit strich der Zug durch die flache Gegend. Recknitz wickelte sich in seinen Mantel, lehnte sich in seine Ecke und schloß die Augen. Marie Anne nahm den schwarzen Trauerhut ab, strich sich ihr dickes, dunkelblondes Haar glatt und drückte ebenfalls den Kbps an das Polster, aber an schlafen war ja nickt zu denken. Sie sah übernächtig und erhitzt aus und ihre Gedanken wanderten wie ihre Blicke unruhig umher. Ta faß er nun, . der Mensch, der ihr nächst Mann und Kind der Liebste war, und zwischen sich und ihm schien eine unübersteig- liche Kluft zu sein. Sie hatte sich im stillen immer solch ein Zusammentreffen gewünscht, eine klärende Aussprache, und mußte nun einsehen, daß Verständigung unmöglich war. Tara» waren sein Stolz und feine Eitelkeit schuld. Er tvill nicht zugeben, daß cr unverantwortlich gehandelt hat, zum mindesten eine Don Quixoterie beging! — Auch Recknitz setzte sich nach einigem Stöhnen und Brummen wieder auf. Turch blinzelnde Lider hatte er doch die ganze Zeit das blasse, ruhige Gesicht gegenüber beobachtet. Entsetzlich elend und hoffnungslos eigensinnig sah der „Junge" aus. Zanken und Streiten half jetzt ja auch nichts mehr, man muß sich mit der Tatsache abfinden, daß der da die große Dumm- heit unwiderruflich vollbracht hatte. Also Schwamm drüber. Recknitz räusperte sich und frug Loysen, wo er in Berlin absteigen werde. Ta kamt die Rede wieder auf das Begräbnis in Tobrau und Anne Maries Zukunst. Loysen frug, wie sich ihre Bermogcnsverhältnisse gestalten würden. Recknitz wollte von einem Testament wissen, worin Troß in der ersten Zeit seiner Ehe Anne Marie zur Erbin seines Privatvermögeus eingesetzt hatte. Mit ihrem eigenen Vermögen würde das genügen, um ihr eine völlig sorgenlose Existenz zu schaffen. „Wenn er^das nicht wieder umgestoßen hat," sagte Marie Anne, „seine Stimmung gegen Annchen war ja in den letzten Jahren einfach feindlich." Loysen fuhr auf. „Ta muß ich Edmund in Schutz nehmen, niemals hätte er sich für ihren Widerstand gegen die Scheidung in so nied- riger Weise gerächt." Recknitz stimmte dem bei und dann entstand wieder eine Pause.. Loysen war plötzlich stumm und nachdenklich geworden. Er hatte ja noch mit keinem Federstrich für Luisens Zukunft gesorgt. Ihr Traum fiel ihm wieder ein und von neuem überfiel ihn Unbehagen. Tas ist ja ganz richtig: Dieser Zug, der so glatt, fast lautlos durchs Land schoss konnte jeden Augenblick durch ein kleines Versehen mit einem anderen rasenden Ungeheuer zusammenstoßen. Warum nicht? — Und wenn cr dabei ums Leben kam, blieb seine Witwe mittellos zurück. Er beschloß sofort, so lange in Berlin zu bleiben, Ivie nötig war, um feine letztwilligen Bestimmungen aufzusetzen, notariell beglan- bigm zu lassen und dann in seinem Bankhause zu deponieren. Wenn cr das jetzt in alter, gewohnter Weise mit Reck- nitz hätte besprechen, sich dessen immer • schätzenswerten Rat hätte einholen können! Unmöglich ohne peinlichste Erörterungeir Hervorzurusen. Jeder Schritt, den er im Leben fortan weiter tat, führte tiefer in die Vereinsamung hinein. Wohin er den Blick wandte, streckte sich ihm ein abwehrendes Hindernis 'entgegen. Recknitz. fragte endlich, ob er das Begräbnis in Tobrau mitmachen wolle. „Er denkt gar nicht dran," klagte Marie Anne. „Ich habe gar keinen passenden Anzug," wehrte Loysen, „und übcrdem, was soll ich dort? Mein Erscheinen würde Anne peinlich sein und den übrigen ausfallen." „Tein Fernbleiben noch mehr," sagte Recknitz. Loysen überlegte. Er will wahrhaftig die Kluft nicht weiterreißxn. Wollen sie ihn, so geht er mit. (Fortsetzung folgt.) Eine Partie Villard. Von Alphonse Daudet. Uebersetzt von W. Wr. Nachdruck verboten. Schluß.) Da — plötzlich erdröhnt ein dumpfer Schlag, die Fenster erzittern, alle fahren erschauernd zusammen und sehen sich bestürzt au. Nur der Marschall allein hat nichts gehört, nichts gesehen; er ist über das Billard gebeugt und berechnet den Effet eines schweren und wunderschönen Zurückziehballes, dies ist sein bester und Lieblingsstoß. Ein abermaliger Feuerblitz zuckt auf, sofort von einem! zweiten, dritten, vierten gefolgt; das Geschützfeuer wird immer heftiger und scheint sich schnell zu nähern. Die Offiziere eilen an die Fenster und man hört halblaute Fragen und Ausrufe: Die Preußen! sie sind zur Attacke vorgegangen? Laßt sic attackieren! rief der Marschall, die Hand nach der Billardkreide ausstreckend und, zum Kapitän gewandt, bemerkte er: „Sie sind am Stoße, Kamerad, lassen Sie den schönen Ball nicht aus." Der Generalstabschef zitterte und strahlte vor Bewunderung für seinen Höchstkommandierenden; er erinnerte sich an Tureuue und sagte sich, daß dessen Einschlafen auf einer Lafette während der Schlacht doch nichts lväre im Vergleich zu diesem kalten Blut, dieser Ruhe bei einer Partie Billard im Moment der größeren Entscheidung. Währenddessen nimmt der Höllenlärm draußen immer mehr zu, der Donner der Kanonen wird nur unterbrochen durch das Rasseln der Mitrailleusen, das gleichmäßige Feuern der Infanterie. Ein roter Schein mit schwerem, schwarzem Rauch steigt langsam an dem Rasen in die Höhe 187 und Wälzt sich rmcT) beut Schloß. Der ganze Park scheint in Fetter ztt stehen. Tie verstörten Pfauen und Fasanen flattern kreischend in ihrem Bogelyause umher; die arabischen Pferde, bett Pnlverdampf merkend, bannten sich itt ihrer Stallung ttud Magen wild nm sich, das ganze Generalstabsquartier ist in Bewegung geraten, alles rennt umher, die Meldereiter komnten mit verhängten Zügeln angesprengt, alles fragt nach dem Marschall! Doch dieser ist für jedermann unnahbar. Nichts könnte ihn bewegen, seine Partie, einmal angefangen, zu unter- brechen. „An Ihnen, Kapitän," bemerkt er soeben abermals. Allein der Kapitän, durch die äußeren Vorgänge zerstreut, jung und feurig, verliert feiste Ueberlegung und sein kaltes Blttt, er vergißt, daß er mit seinem Chef spielt, er denkt nur daran, die Partie zu beendigen und tnacht in zwei Serien so viel Bälle, daß er beinahe das Spiel beendet hätte. — Der Marschall fährt auf, Ueberraschung, Zorn und Unwille zeigen sich in seinem männlich festett Angesicht. In diesent Augenblick kotttntt eilt Adjutant in rasendstem Galopp im Hofe angesprengt, sein Pferd, Wohl verwundet, bricht unter ihm zusammen, er schiebt den Posten und die Diener beiseite, sich mit einem Satze den Eingang erzwingend. „Herr Marschall! Herr Marschall!" ruft er fast verzweiflungsvoll . . . doch welch ein Empfang wird ihm: der Marschall, rot wie ein Puter, wütettd durch das Spiel seines Gegners, reißt das Fenster auf und schreit, mit dem Queue in der Hand fuchtelnd: „Was wollen Sie? Was geht vor? .... ist denn kein Posten, keine Schildwache da?" „Aber Herr Marschall!" . . . „Gut, gut! Gleich, sofort! . . Erwarten Sie meine Befehle!" Und das Fenster tvird heftig zugeschlagen. Mau erwartet seine Befehle. . . Was blieb den Soldaten, der Armee anderes übrig?! Der Sturm jagt ihnen den Regen, die Kanonen und Zündnadeln einen Hagel von Geschossen entgegen, ganze Bataillone werden weg gemäht, andere müssen ruhig dem Hinschlachten zusehen, mit wütend zusamtnengebissenen Zähnen, ihre Waffe krampfhaft, aber nutzlos int Arm, vergebens nach einem Grund ihres Stillstehens, ihrer unnötigen Aufopferung suchend. Sie müssen ruhig ausharren, denn: „Man erwartet Befehle!" Ja, zum Sterben aus diesen, von dem Mut ihrer Kameraden rot gefärbten Feldern, dazu bedarf es keiner Befehle, das besorgt der Feind; zu Hunderten sinken sie dem mörderischen Blei znm Opfer, hinter bett Büschen, in den Grüben, in nächster Nähe des still und schweigsam daliegenden Schlosses, mit der Mar- schallsstand-arte; stolz weht sie noch hoch oben auf dem Dache. ~ Wie Helden stehen und fallen die Bataillone, utancher Hinsittkende, das Zeichen der Armee, das sie so oft zum Siege geführt, noch mit dem letzten Blick streifend, sie vergießen ihr Blut im Gehorsam, zur Ehre Frankreichs. In dem Billard-Saale ist der Ausgang des Gefechts seinem Emde nahe nnb auch heftig geworden. Der Marschall hat seinen Vorsprung wieder gewonnen, aber der Kapitän verteidigt sich mit Löwenmut, eisern, ruhig, verfolgt er seinen Chef. Jetzt zählt er für sich, die Offiziere springen, wie aus Befehl, nach der Tafel. — Siebzehn! Achtzehn! — Neunzehn! Kaum ist Zeit, die Mlle zu markierett, so schnell folgen die Stöße. Dazwischen hört man den Donner der Geschütze näher und näher kommen. Der Marschall hat noch einen, den le^fen Ball zu machen, er hört, er sieht nichts anderes. Jetzt schlageit die Granaten int Park ein, man hört ihr Sausen und Heulen durchs offene Fenster, da platzt eine direkt über deut Teich, der Spiegel int Saal zersplittert in Scherben. Draußen der letzte Schlag. Im Saale des Marschalls letzter Stoß. Unheimliches Schweigen ringsum, nur der Regen plätschert gleichmäßig aus die Hagedorn-Büsche nieder. Von der Straße vernimmt man ein allmählich anwachsendes, dumpfes Getöse, tote Rollen von schwerem Fuhrwerk, bastiges Neunen und Latifen, als ob große Menschenntassen sich eilig sortbewegten. — Ein einzelner Reiter jagt noch vorüber, er Wirst einett Blick nach dem Schlosse, in dem jetzt lebhafte Bewegung herrscht, er sieht hinaus nach dem First des Daches: Die stolze Jeldherrnstandarte weht nicht mehr, sie hängt zerschmettert hernieder! — Der Marschall hat feine Partie gewonnen. Sprachecks des allgememeu deutsche» Sprachvereius. Die Fremdwörter im Kraftwagenwesen. Das) cs auch beim! Kmstwagenwesen — der „Aulomobil- industrie" — möglich ist, ohne Fremdwörter auszuknnmen, das beweisen die Anzeigeschristen der Ai-G. „Mars-Werke" in Nürnberg-Doos. Leider ist unter Fachleuten noch immer die Ansicht verbreitet, daß es' für manche Teile am Kraftwagen gar keine deutschen Bezeichnungen gebe. Aber aus den beeiden Preislisten des genannten Hauses über Krastwagcn und Krast- zweiräder geht deutlich hervor, daß der Deutsche es dtirchaus nicht nötig hat, für einzelne Kvaftwageitteile die Benennungen von Frankreich oder England ztt entlehnen. Tie Mars-Werke sprechen von Kraftfahrzeugen, nicht von „Automobilen". Sie nennen das „Chassis" den Wa g en un t erb au und die „Karosserie" den Wageuaussatz oder S i tz k a st e n. Sie sagen Reibrad antrieb und nicht „Friktionsantrieb", Ausgleich- g etriebe statt „Differentialgetriebe", Sammler;ündung statt „Akrumulatorenzünduug", Schleifschaltung statt „Schleiskontakt", Dreh kolb en pumpe statt „Rotationspumpc", Kraftwelle statt „Motorwelle", Rädergetriebe statt „Rädermechanismus", Geblase statt „Vetilation". Ihre Maschinen haben selbsttätige Luftzuführer und keine „automatischen", sind durch Hebel e inz u st eklen und nicht „regulierbar", sie lassen sie laufen, nicht „starten". Eine Stellung bleibt u n v e r a n d e r t, nicht „konstant", sic stellen die U md rehungs- zahl der Maschine fest, nicht die „Tourenzahl", haben Fein- Werkzeug, nicht „Präzisionswerkzeug", und kennen verschiedene Bauarten und Anordnungen, aber keine „Konstruktion". Gleich glücklich und ungezwungen sind auch Fremdwörter vermieden, die mehr dem allgemeinen Sprachschatz als dem besonderen Fache angehören, z. B. „Defekt" durch Schaden, „Material" je nachdem durch Leder oder Stahl, „intensiv" durch wirksam, „kompliziert" durch u m stündlich, „elegant" durch geschmackvoll, „groß dimensioniert" durch reichlich bemessen, „absolut" durch unbedingt, „zirka" durch r u n d. Wo aber von den Fachwörterir eins nicht auf den ersten Augenblick erkennbar wäre, hat man vorläufig das herkömmliche fremde Wort in Klammer dahinter gestellt, ein sehr vernünftiges Uebergangsversahren. Es wäre zu wünschen, schreibt die Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins mit Recht, daß endlich allgemein mit den fremdsprachigen Ausdrücken, für die der Ausländer selbst nur ein mitleidiges Lächeln hat, gründlich aufgeräumt würde. Jedenfalls ist cs den Mars-Werken hoch anzurechnen, daß sie es frisch gewagt haben, auf die beliebten Fremdwörter zu verzichten. * Das Einkommen der Könige. Es ist durchaus eine leichte Aufgabe, das Einkommen der Regenten unserer Erde mit Sicherheit zu bestimmen, vor allem wegen der vielen verschiedenen Quellen, aus denen ihr Einkommen fließt. Der reichste Fürst der Erde ist nach wie vor der Zar, wahrscheinlich sogar der reichste, der je gelebt hat. Denn sein jährliches Gesamteinkommen belauft sich auf ungefähr 1600 Millionen Mk.; aber auch seine Ausgaben sind entsprechend groß, und wenn er alle die Summen angewiesen hat, die für seine riesenhaften, Hunderttausende von Quadratmeilen umfassenden Do- mänengüter nötig sind, so bleibt ihm verhältnismäßig nidjt mehr so viel. König Eduard von England empfängt jährlich 9 Vo Millionen Mark; aber nur etwas über ein Viertel dieser Summe findet den Weg in seine Privatbörse. Eine festgesetzte Summe wird regelmäßig verwandt für die Ausgaben des Königlichen Haushaltes, Pensionen, Gehälter, Belohnungen, milde Zwecke rc. Unser Kaiser erhalt als deutscher Kaiser und König von Preußen ungefähr 181/2 Millionen Mark, und hat ja außerdem auch einen bedeutenden Kronbesitz an Domänen; aber auch in seinem Falle sind die Ausgaben, die auf ihm lasten, außerordentlich groß. Auch der Kaiser von Oesterreich bezieht als solcher und als König von Ungarn eine doppelte Apanage, die sich zusaminen auf 22y3 Millionen beläuft. Das Einkommen des Königs von Italien beträgt etwa 15 Millionen im Jahre, aber ermnß von dieser Summe auch den Lebensunterhalt der 188 Königin-Witwe, des Herzogs von Genua und der Kinder des Herzogs von Aosta bestreiten. König Alfons von Spanien bezieht nicht viel mehr als die Hälfte deiser Summe, kann sie dafür aber auch ganz für sich verwenden, da für die anderen Mitglieder des Königshauses eigene Beträge ausgesetzt sind. Leopold II. von Belgien verfügt jährlich nur über 3 Vs Millionen Mark, aber er hat bekanntlich einen sehr regen Geschäftssinn, und alle Welt weist, wie geschickt er sein Einkommen zn verbessern weiß. Das geringste Einkommen, das gegenwärtig ein Staat seinem Oberhaupte gewährt, ist wohl das des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der nicht mehr als 250 000 Mark an Gehalt int Jahre empfängt. * Das Stein tragen böser Weiber. Der Franken- Herzog Eberhard, der König Heinrichs ültesteit und somit nckch germanischem Recht erbberechtigten Sohn Thankmar gegen seinen aus einer kirchlich anerkannten Ehe stammenden Bruder Otto, den späteren Großen, unterstützt hatte, wurde zum Hundetragen verurteilt. Die Schmach, daß er, der doch in seines Bruders, des Königs Konrad, Austrag die deutsche Krone dem Sachsenhause überhaupt erst verschafft hatte, so auf oder eigentlich unter den Hund gekommen war, trieb Eberhard int nächsten Frühjahr (939) auf die Seite des jüngsteit Bruders Otto, des purpurgeborcnen Empörers Heinrich, und dantit in neuen Aufruhr tmd in den Tod. Der Schimpf aber, den er hatte erleiden müssen, war die für Edle gewöhnliche Form der Harmschar, einer „spiegelnden" (symbolischen) Strafe. Jin Büstergewande, aber inmitten eines kirchlich-weltlichen Aufzugs, trug der straffällige Edeling eilten Hund, der nichtadelige Reiter einen Sattel, der Bischof eine Handschrift, der Bauer ein Pflugrad: also, vom Hunde abgesehen, jeder sein Handwerkszeug. Straffällige Frauen trugen einen Stein, den Laster- oder Bagstein. Nach Eberhard Freiherr v. Künstberg bedeutet das heute nur noch vereinzelt in Mundarten vorkommende Wort bagen so viel wie zanken und lästern. Der Bagstei», der vom 14. Jahrhundert bis 1740 in Weistümern erwähnt wird, ist demnach eine Strase für Zank und üble Nachrede. Ta das Wort bagen schon früh aus dem allgemeinen Gebrauche verschwand, wurde der nunmehr unverständliche Ausdruck Bagstein nmgedeutct und mit Bach, pochen, Bock, Wage,^ Weg, borgen u. a. in Verbindung gebracht. Aus diesem Wirrsal die ursprüngliche Bedeutung herauszuschülcn war für Künstberg umso schwieriger, als von den vielen Forschern, die sich seit Grimm und Waitz an dec Sache versucht haben, fast jeder eine andere Erklärung bevorzugt. Einen sichcrw Boden gewinnt Künstberg dadurch, daß er von dem Quellengebiet ans- geht, Has wohl die alte Sitte am treuesten bewahrt hat, von den bäuerlichen Weistümern Nieder- und Oberösterreichs, Südböhmens, der Steiermark, Salzburgs, Tirols und Bayerns. Nur in diesem bayerischen) Sprach- und Rechtsgebiet heißt der Stein Bagstein, x führt aber auch fast immer diesen Namen. Er wird nur von Frauen getragen. Anderwärts tragen auch Männer Schandsteine. Getragen wird er im bayrischen Gebiet fast ausschließlich für Frauengezäuk, und was damit zusammenhängt, Fluchen, Gotteslästerung und Trunkenheit. In anderen Gebieten ist der Kreis der Vergehen erweitert auf Schmähbriefe, Spottlieder, freventliches Schwören, Hexen, Kindesmord, Ehebruch, Kuppelei, Hehlerei, Fundverheimlichung, Diebstahl, Betrug und Glücksspiel. Vom alten Frankreich hat sich das Steintragen über Frankreich, die Niederlande und Deutschland und durch deutschen Einfluß nach dem skandinavischen Norden und dem slavischen Osten ausgedehnt. Seinen Ursprung hat es in der Verknechtung, der Strafarbeit zahlungsunfähiger Uebeltäterinnen. Um den Ehemann nicht an seinem Hab und Gut zu schädigen, sollte die Fran für ein Vergehen, das der Mann mit Geld büßen durfte, auf der Mühle arbeiten. Als mit der Milderung der Strafe die Arbeitsleistung wegficl, blieb, wohl unter dem Einfluß des biblischen Wortes vom Mühlstein, der Schimpf, den Stein schleppen zn müsse». An dem Strafvollzug beteiligte sich die ganze Gemeinde. Der Büttel hing dem Weibe den Stein um den Hals und trieb es in einer Fessel bis zur Gemeindegrenze. Der Dorfjugend verteilte . der Richter faule Aepfel oder faule Eier, die die Straffällige, die ja den Genuß davon hatte, bezahlen mußte. Den größeren Burschen wurde Wein geschenkt, gleichfalls auf Kosten der Verurteilten. Um noch mehr schaulustige Quälgeister anzulocken, stellte der Richter einen Pfeifer. Die Pauke mußte der Ehemann vielfach selber schlagen, zur Strafe dafür, daß er zu Hause nicht besser Zucht hielt. Er hatte ja sein böses Weib prügeln können! Bollziehungstage waren die ordentlichen Gerichtstage, weil an diesen ohnehin die außen Wohnenden massenhaft rm Dorf zusammenstromten. Ter Zug ging bis zur Gememde- grcnze,. ein Hinweis darauf, daß die Straffällige ursprünglich ausgetriebeu wurde. Hatten sich zwei Frauen gegetiseitig Liebcns- tvurotgretten gesagt oder waren sie sich gar in die Haare geraten, so trafen stcy die beiden Umzüge am Pranger. Erst dort wurde festgestellt, wer angefangen hatte, und diese mußte dann ??? Wandel, die Kosten des Verfahrens, bezahlen. An die Stelle des Steines, dessen Gewicht in den Quellen zwischen 2:5 und 180 Psuud schwankt, trat später die Fiedel, ein Holz- vder Eisenrahmen, m die Hals und Hände eingespamit wurden. I Hierbei ist der spiegelnde Zweck, durch die Strafe abzuschrecken- noch deutlicher als beim Stein. Denn besonders die Toppel- fiedel bot genan das widerliche Bild eines keifenden Schandmauls.' I * Wettrauchen. Ich habe nicht die Ehre, den Eug- | lander Mister Wood zu kennen. Trotzdem möchte ich ihm doch I den guten Rat erteilen) von nun an nicht wieder an die ! Omentltchkeit zu treten. Bisher sprach niemand von ihm und störte niemand seinen häuslichen Frieden, und vor allem durfte er seine Pfeife in beschaulicher Ruhe rauchen. Warum mußte der Unglücksmensch aus all dem heraustreten und sich an einem „Match" beteiligen? Und. dabei noch obendrein zu siegen? Jetzt ist er Sieger und damit ein verlorener Mann. Tie Sache kant so. Neulich, am Abend vereinigten sich 150 Engländer, für die Zeit Geld zu fein scheint, in der'Agricultural Hall tu London, zogen ihre Pfeifen aus der Tasche und begannen, sie zu stopfen. Schön war der Tabak, wie aller englischer Tabak, Nicht, aber sie wissen es nicht besser und freuen sich auch so ihres Levens. Als die Pfeifen gestopft waren, entstand eine Patge, und dann schrie einer plötzlich: „Feuer!" Und sofort entzündeten sich 147 Streichhölzer. Nur 147? Ja, denn drei Utz den Engländern waren vor Aufregung ohnmächtig geworden. Wie Keime junge Mädchen bei dem Examen, wenn sie eine Frage tn der Georgraphie nicht zu beantworten verstehen. Die Aufregung, ob sie siegen würden oder nicht, hatte ihren Nerven den schweren Stoß versetzt. Und nun begann das Rauchen. Nach einer halben Stmche. waren schon 75 Pfeifen ausgemacht, und nach einer Stunde stiegen noch die Rauchsäulen von 20 Pfeifen zur Decke empor. Thomas Wood rauchte immer noch, die Augen in die Weite verloren. Nach Ablauf von U/s Stunden hatte er nur noch einen Gegner und auch der mußte bald die Waffen strecken, so daß Thomas Wood als Meiniger Sieger den Kampfplatz behauptete. Er rauchte zwei Stunden und vier Minuten an seiner , Pfeife und schlug damit alle Rekords der Welt um 18 Minuten. Als er sich dann endlich erhob, stürmten von allen Seiten Reporter auf ihn zu, und er erwiderte immer wieder: „Es ist eben eine Nervensache. Wenn mau sich aufregt, ist man verloren", und dann lächelte er jedesmal in begreiflichem Stolz. Und ich ftlrchte, daß das Leben Thomas Woods nunmehr vergiftet ist, denn sobald er . zu Hause seine Pfeife aus der Tasche nimjnt, werben ihn Frau und Kinder mit der Uhr in der Hand umringen und ihn dazu zwingen, mit der Zeit so langsam zn rauchen, daß er seinen eigenen Rekord schlägt. Humoristisches. Liebe Jugend! Ein jetzt regierender Großherzog galt von jeher im ganzen Lande als Muster der Einfachheit und Bescheideiiheit. Zur Zeit, da er noch Erbgroßhedg war, saßen in einem Restaurant der Residenzstadt verschiedene Herren, denen der bedienende Kellner nicht aufmerksam und schnell genug war. Der eine der Herren sah sich daher veranlaßt, den Kellner anznschreien: „Sagen Sie mal, was ist denn das für eine Saubedienung?! Sie denken wohl, ich bin der Erbgroßherzog?! Ich bin der Leutnant von Schulze! Haben Sie verstanden?!!!" Hauptmann von Krökelwitz hat seine Einjährigen antreten lassen und erkundigt sich nach ihren Geburtsorten usw. „Nun, Einjähriger Meier, wo sind Sie jeboren?" „In Philadelphia, Herr Hauptmann." „Sagen Sie mal, wie sind Sie denn dahin jekommen?" (Aus der Jugend.) Goldene Worte. Literatur, Politik und Oefsentlichkeit absorbieren heule auch bei uns Deutschen das Familienleben mehr, als mit den deuischen Gemülsanlagen und ihrem naluruotmeudtgen Eutwickelungsprozeß verträglich ist. » Zufrieden sein ist eine schöne Kunst, Zufrieden scheinen ist eitler Tunst. Sage nicht alles, was du iveißt, Aber wisse alles, was du sagst. Goethe. ES ist wohl angenehm, sieb mit sich selbst zu beschäftigen, wenn eS nur so nützlich wäre! Inwendig lernt kein Mensch sein Inneres erkennen, denn er mißt mit seinem eigenen Maß sich bald zu klein, leider ost zu groß I Der Mensch erkennt sich nur int Menschen wieder. Nur das Leben lehrt jeden, was er sei, Goethe, Logogriph. Mit S nenn ich ein Mineral, Das unentbehrlich überall; Stellst ober du ein M voraus, Macht man ein gut Getränk daraus. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Für böse Zungen ist keine Arznei. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Sange, Gießen.