1908 Mittwoch den 22. Juli W wSiltS John Darrows Tod. Roman von M e l v i n L. S e v e r y. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) i IV. Meltz und Rizzi. 1. Kapitel. In der nächsten Zeit liess, Maitland sich nicht sehen. Ein Tag verging nach dem andern, und kein Maitland kam. Als eine Woche um war, konnte Florence die Ungewißheit nicht mehr ertragen und schickte mich in seine Wohnung. Ich fand ihn, wie er mit großen Schritten im Arbeitszimmer auf und nieder ging; er schüttelte mir freundlich die Hand und sagte: „Sie wollen mich schelten, weil ich mich nichr habe sehen lassen, aber ich brauchte Einsamkeit, um einen neuen Weg zu finden." „Und Sie haben ihn gefunden?" „Ich hoffe." „Lassen Sie hören!" „Ich hatte bisher den Mörder zu entdecken gesucht, ohne genau zu wissen, wie da? Verbrechen begangen worden toar. Ich wollte mir nun darüber klar werden, wie ich selbst wohl unter den gleicher! Umständen solch ei» Verbrechen begehen könnte ohne dabei andere Beweise für die Tat zu hinterlassen, als die wir besitzen. Ich sing daher an, Detektivgeschichten zu lesen und griff natürlich zuerst nach denen von Conan Doyle. Sherlock Holmes' Behauptung, es gebe nichts Neues auf dem Gebiete des Verbrechens, verbrecherische Taten wiederholten sich so gut wie die Ereignisse der Weltgeschichte, machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich fragte mich sofort: „Wenn unser Mann nichts Originelles erdachte, wo nahm er sein Muster her?"" „Als ich „Das Zeichen der Bier" las, das ich mir aus der öffentlichen Bibliothek geholt hatte, fand ich die erste Spur. Das Verbrechen, von dem in dem Buche erzählt wurde, war in so eigentümlicher Weife begangen worden, daß es sofort meine Aufmerksamkeit erregte. Das Opfer war allem Anschein nach getötet worden, ohne daß jemand das ZimMer betreten oder verlassen hatte. In dieser Beziehung war das Problem deut gleich, das wir zu lösen hatten. Konnte nicht etwa, sagte ich mir, dieses Buch dem Mörder den Weg gewiesen haben? Ich ging daher zur Bibliothek und bat dort um die Angabe der Personen, die das Buch in den letzten Monaten vor dem Tode Herrn Darrows entliehen hatten. Daß meine Aussichten, auf diese Weise etwas zu erfahren, sehr gering waren, verhehlte ich mir keineswegs. Immerhin konnte es nichts schaden, eine ernstliche Probe auf die Richtigkeit meiner Theorie zu machen. Von den Bibliotheksbeamten erfuhr ich, das Buch sei viel gelesen worden, und sie schrieben mir einige zwanzig Namen von Personen auf, die das Buch in der fraglichen Zeit entliehen hatten. Mit diesem Verzeichnis saß ich nun da und dachte nach, was weiter zu tun sei. Ich überlegte mir: Ich will einen Mörder aufspüren und habe diese Methode erwählt in der Hoffnung, sie werde mich zum 3ick_ führen. Kann sie mir überhaupt etwas helfen, so ist das nur der Fall, weil der Gesuchte gerade dieses Buch in Händen ge-, habt hat. Ich kann also von vornherein annehnien, der Name des Mörders befinde sich unter denen, die hier vor mir stehen. Meine nächste Frage tvar: „Besteht eine Möglichkeit, daß das Verbrechen von einer Frau ausgeführt tvurde?" Darauf antwortete ich mir: „Ja, eine Möglichkeit besteht, aber sie ist so schwach, daß ich sie fürs erste ganz ausscheiden kann." Nachdem ich infolgedessen alle Namen von Leserinnen ausgestriche» hatte, blieben noch achtzehn übrig. Verschiedene Entleiher hatten nur mit den Anfangsbuchstaben unterzeichnet, und der Beanrte war bei der Abschrift ihrem Beispiel gefolgt. Sv ninßte ich mich an bett Listenführer wenden, um die Frage des Geschlechts zu lösen, und dabei notierte ich mir auch das Alter der Entleiher. Nur bei zweie» konnte es mit der Listenführer nicht angeben, bei I. Z. Weltz und B. W- Rizzi. Als ich ihm sagte, ein Beamter habe mir die Namen von den Bibcherbes^llzetteln abgeschrieben, belehrte er mich, wenn ich den Beamten fragte, so würde ich jedenfalls erfahren, daß die beiden letzten Namen von grünen Zetteln genomnren seien, wie sie für die int Lesesaale benützten Bücher verwendet würden, denn weder Weltz, noch Rizzi besitze eine Leihkarte. Ich beschloß nun, zunächst von den beiden Namen abzusehen, und die anderen vorzunehmen. Ich glaubte, annehmen zu dürfen, der Mörder John Darrows sei ein Mann von reifem Urteil und außerordentlicher Schlauheit, wahrscheinlich ein Maitn in höherem. Alter und auf alle Fälle — das konnte ich ruhig Vvraussetzen —: Aber einundzwanzig Jahre alt. Damit ging mein Verzeichnis auf zehn herunter. Wie konnte ich aber das Ausscheidungsver» fahren weiter fortsetzeu? Das tvar die Frage, die sich mir nun aufdrängte. Abgesehen davon, daß ich die Herren persönlich auf» suchen konnte, lva8 ich aber zunächst noch nicht tun mochte, fiel mir nur noch ein einziges Mittel eilt, nämlich festzustellen, welch« anderen Bücher die zehn unmittelbar vor und nach dem „Zeichen der Bier" eittliehen hatten. Demgemäß beschloß ich vorzugehen. Wenn Sie mich fragen, warum ich so hartnäckig in meiner Nachforschung eine Bahn verfolgte, von der eigentlich jeder sagen mußte, daß sie durch ein halbes Wunder allein zum Ziele führen konnte, so kann ich nut sagen, ich fühlte mich dazu gettiebeu. Vielleicht lag der Antrieb darin, daß ich jede neue Theorie, die mir nur einigermaßen wahrscheinlich vorkommt, geduldig und gründlich zu prüfen pflege, oder in irgend einer anderen Ursache, von der ich keine Rechenschaft zu geben vermag. Jedenfalls beschloß ich, mir über die zehn Personen alle nur mögliche Klarheit zu verschaffe». Mit Hilfe eines freundlichen Angestellten schrieb ich von jedem einzelnen fünf Bücher auf, die et vor dem „Zeichen der Vier" bemißt hatte, und die fünf nächsten, die er später entliehen hatte. Ich enthielt mich aller Schlußfolgerungen, bis das Verzeichnis fertig war, obgleich ich schon bei der Zusammenstellung einiges Interessante beinerkte. Schließlich sah ich die hundert Büchertitel vor mir und setzte mich hin, um in aller Ruhe zu prüfen, was sich daraus gewinne» ließe. Absichtlich sparte ich mir die vo» Weltz und Rizzi entnommenen Bücher bis zuletzt auf, weil ich übet diese beiden gar nichts hatte erfahrest — 450 könncil und daher auitahm, sie feien von allen auf meiner Liste Verzeichneten diejenigen, über die ich am schwersten Auskunft gewinnen könnte. In der Bücherwahl der andern acht konnte ich keinen leitenden Gedanken finden. Einer hatte entliehen — ich glaube, ich habe noch die Bücher in der Reihenfolge, wie sie entliehen wurden, im Gedächtnis — „Thelma", „Unter zwei Flaggen", „David Copperfield", „Auf einer afrikanischen Farm", „Späte Rache", „Das Zeichen der Vier", „Der Gefangene von Zenda", „Puppennnterhattuugen", „Die gelbe Aster", „Eine Frau zuviel" und „Ideale", Stach diesem Muster etwa hatten auch die anderen sieben ihre Lektüre ausgesucht. Anders stand es aber Lei den Herren Weltz und Rizzi. Hier sah man sofort, das; die Bücher planvoll ausgesucht worden waren. Ich lese Ihnen die Titel der von Weltz und Rizzi entliehenen Bücher vor, nur um zu sehen, was Sie daraus schließen. Weltz: 1. „Giitkuude" von M. Orsila (Französisch). 2. „Natterugist und andere Geschichten" von Florence Marryat. 3. „Eine praktische Abhandlung über Krebs" von C. T. Johnstou. 4. „Ter entdeckte und entlarvte Betrüger" von R. Houdin. B. „TaS Zeichen der Vier" von A. Conan Doyle. 6. „Der Krebs, eine neue Behandlungsmethode" von W. H. Brondbent. 7. „Prozesse wegen Mordes durch Vergiftung" von G. L. Browne und C. G. Steivart. 8. „Praktische Beschreibung von Giften" von 0. H. Costill. 9. „Die Gifte, ihre Wirkung und ihr Nachweis" von Alexander Wynter-Blyth. 10, „Die Gifte, ihre Wirkung und ihr Nachiveis" von Alexander Wynter-Blyth. Rizzi: 1. „Giftlehre" v. C. P. Galtier (Französisch). 2. „Nalterngist und andere Geschichten" von Florence Marryat. 3. „Eine praktische Abhandlung über Krebs" von C. T. Johnstou. 4. „Der entdeckte und entlarvte Betrüger" von R. Houdin. 5. „Das Zeichen der Vier" von A. Conan Doyle. 6, „Gerichtliche Chemie, ein Führer zur Entdeckung von Giften", Untersuchung von Flecken u. f. w. als Hilss- . buch zur Gerichtschemie von A. Naguet. Aus dein Fran- zösischen übersetzt von Dr. I. P. Battershall. 7. „Praktische Abhandlung über Krebserkrankungen" von H. Lebert. (Franz') 8, „Praktische Beschreibung von Giften" von O. H. Costill. 9, „Eine Abhandlung über Gifte in bezug auf gerichtliche Medizin, Physiologie und praktische Physik" von Dr. R. Christisoii. 10. „Die Gifte, ihre Wirkung nnb ihr Nachweis" von Alexander Wynter-Blyth. „Nun, ivundern Sie sich, daß ich in Aufregung geriet, als ich dies las? Doch ehe ich fortfahre, sagen Sie mir erst, was Sie davon halten, Doktor," und er gab mir das Verzeichnis in die Hand. „Es scheint mir eine ganz auffallende Einmütigkeit zwischen diesen beiden Männern zu herrschen," sagte ich, „nicht nur was die Hauptrichtung ihrer Lektüre betrisft, sondern sie haben in nicht weniger als sechs Fällen das gleiche Buch benutzt. Das ist kein bloßer Zufall. Offenbar sind sie Bekannte nnd arbeiten zusammen nach demselben Plane. Bei ihrem Interesse für Krebs und Giftkunde möchte ich sie für Studenten der Medizin halten. Die Nummern vier nnd fünf stimmen zwar nicht sonderlich äit dieser Annahme, aber es sind nur zwei von zehn. So viel schließe ich daraus." Damit gab ich ihm das Verzeichnis zurück. „Ihre Ansicht," versetzte Maitland, „ist genau dieselbe, die ich sofort faßte, und ich Weiß nicht, ob ich nicht dabei stehen geblieben wäre, hätte sich mir kein weiteres Beweismittel geboten, als wir hier vor uns haben. Zweifellos stand für mich von vornherein fest, daß Weltz und Rizzi nach einen: gemeinsamen Plane handelten. Um zunächst ihre Wohnung zu erfahren nnd daun mit mir über weitere Schritte zu Rate zu gehen, schlug ich im Bostoner Adreßbuch nach, fand aber, daß es keiyen von beiden Namen enthielt. Ich war schon dabei, in den Adreß^- büchern der Nachbarorte nachzusehen, als mir der Gedanke kam, es sei doch das einfachste, die grünen Bücherbestellzettel zu Rate zu ziehen, nnd ich bat daher, nrir freundlichst Einblick in diese zu gewähren., Während der Beamte die Zettel heraussuchte, sah ich mir noch einmal das Bücherverzeichnis an, und es siel mir auf, daß die meisten der sowohl von Weltz tvie von Rizzi gewählten Bücher so umfangreich waren, daß man sie bei einmaliger Benutzung im Lesesaal schwerlich auch, nur flüchtig durchlesen konnte. Inzwischen hatte der Beamte alle zwanzig Bestellzettel vor mir ausgebreitet. Weltz hatte als seine Wohnung Boston, Staniford- platz 15, angegeben, Rizzi Boston, Oakstraße 5. Als ich den: Beamten die Zettel wiedergeben wollte, fiel mir noch eine .Besonderheit in der Art, wie Weltz das z machte, auf, die ich schon in Rizzis Namenszug gesehen zu haben glaubte. Sofort verglich ich daraufhin die zwei Handschriften noch einmal und sand auf beiden Zetteln die gleiche sonderbare Form des z. So sah', es ans" — und er hielt mir ein Stückchen Papier hin, ans den: sich folgendes L befand. „Sie sehen, das ist eine so ungewöhnliche Form des Buchstabens, daß sie mir sofort auffiel, obwohl Rizzi mit der linken Hand schrieb. Als ich nun noch sorgfältiger verglich, bemerkte ich, daß beide Handschriften noch weitere Besonderheiten gemein hatten Kurz, um es mit einen: Worte zu sagen, ich überzeugte: mich, daß ein und dieselbe Person alle zwanzig Zettel geschrieben hatte, und das; diese Person beide Hände gleich geschickt zu gebrauchen verstand. Das schien mir nun eine so ivichtige Entdeckung, daß ich bis znn: Schlüsse der Bibliothek an Ort nnd Stelle zu bleiben beschloß. Glücklicherweise lagen die fraglichen Bücher noch ans dem Tische. Ich suchte mir die auf die Namen Weltz und Rizzi bestellten heraus und uu.terzog sie einer möglichst sorgsamen Untersuchung. Diese Arbeit hatte ich etwa zwei Stunden lang fortgesetzt, als meine Augen auf etwas stießen, das mir fast den Atem benahm. Ich war meiner Sache nicht völlig sicher, aber ich wußte, daß ich, wenn mein Mikroskop mich nicht int Stiche ließ, mein Leben dafür zum Pfände setze:: konnte, daß John Darrows Mörder das Buch geleseu hatte. Den Namen des Mannes kannte ich deshalb freilich immer noch nicht, aber ich konnte dann einen Eid darauf leiste::, daß die Spur hier von derselben Hand herrühre, die den Mord begangen hatte. Ich Wer zu aufgeregt, um vor der Beantwortung dieser Frage etwas anderes zu tun. So bat ich den Bibliotheksvorstand, nachdem ich ihm angedentet hatte, wie tvichtig die Sache fei, alle Bücher, wenigstens auf einen Tag, heimnehmen zu dürfen. Er hatte nichts dagegen, und so eilte ich mit dem ganzen Pack nach Hause. Sie können sich denken, mit welchem Interesse ich die Seite, die ich untersuchen wollte, unter mein Mikroskop brachte und daneben das Stückchen Glas legte, das ich, wie sie sich erinnern, ans dem Fenster in Herrn Darrows Sterbezimmer geschnitten habe. Es befanden sich zwei Farbflecke auf dem Glas und zwei diesen entsprechende Stellen auf dem Sims. Das eine war eine geschlangelte Linie, als wenn ein Stückchen Schnur, oder vielmehr, da keine Fasern zu sehen waren, ein Gummistrang, an dem vorher etwas Farbe vom Sims hängen geblieben Ivar, das Fenster getroffen hätte. Das zweite tvar der Abdruck eines Daumens. Nun war an den: Tage niemand an das äußere Fenster gekommen, als die beiden Anstreicher, bereit Daumen-, abdrnck, wie ich feststellte, es nicht war, und der Täter. Da aber wissenschaftlich seststeht, daß keine zwei Daumen auf der Welt einander völlig gleichen, so konnte das Glasstück ein unschätzbares Mittel zur Feststellung der Identität des Täters gewähren. (Fortsetzung folgt.) Reisebriefe. Bon Dr. A. Z. (Originalbeiträge der „Gieß. Fam.-Bl.") II. Antwerpen. 24 Stunden echten Nordseewetters, für Biele gleichbedeutend mit 24 Stunden des Leidens und der Qual. Es bleibt aber wenigstens die Hoffnung auf baldige Erlösung. Der Abend des zweiten Tages bringt uns das ruhige Wasser der Schelde, Und. gegen 8 Uhr gehen wir angesichts der Feuer von Blissingen vor Anker. Den mit einem guten Schlaf Gesegneten führt der frühe Morgen unbemerkt flußaufwärts, und als ich aus meiner Koje steige, wundere ich mich über die Dunkelheit in meiner Kabine: Es ist die Quaimauer von Antwerpen, die dicht vor meinem Fenster dem Licht den Eintritt wehrt. Freilich allzuviel Licht ist überhaupt uicht vorhanden. Draußen empfängt einem lieblich rieselnder Regen, die Landschaft präsentiert sich grau in grau, und der erste Eindruck ist der gleiche, von dem man eben erst so gerne Abschied genommen hat: Schmutz! Allerdings tauchten silhouettenhaft aus Dunst und Nässe die Umrisse eines Panoramas, das Schätze verspricht, Wenn cs erst das Aschenbrödelkleid abgeworfen. Endlos dehnt sich der Quai, an bem, Schiffe aller Nationen sich drängen. Eilend huschen die Fischerdampfer, träge ziehen die großen Scheldekähne. Im Hintergrund reckt sich, das Häusermeer beherrschend und überragend, der schlanke Turn: der Kathedrale. Der Tag bringt Regen ohne Ende, aber ich werde der Stadt in meiner Dankbarkeit ein Denkmal setzen: Sie ist erhaben über die Ungunst der Witterung. Kirchen und Museen sind ja überdacht und bieten so viel, daß es meinetwegen tagelang gießen könnte. Jede Seitenkapelle bet Kathedrale birgt herrliche Schätze von Malerei, Mosaik und Schnitzwerk. Im allgemeinen üiber- wiegt das Einzelkulb, die stille Ecke, ber gegenüber ber Gesamt- einbruck etwas zurücksteht. Das Querschisf wirkt direkt frostig 451 und unfreundlich, und die beiden hier hängenden herrlichen Rubens haben sich offenbar aus Kummer über den langweiligen Platz, hinter dichten Vorhängen verborgen und werden erst sichtbar, nachdem der Fremdling seinem Schönheitsdurst in .Gestalt eines Franken klingenden Ausdruck verliehen hat. Würdiger und schöner hingen sie sicher in dem Prachtbau des Musee b' Arts, dessen ruhige, vornehme Säle so viel des Schönen in alter und neuer Kirnst bieten, das; ich es mit der Feder des! Laien und im kurzen Rahmen dieses Briefes unmöglich gebührend würdigen kann. Der nächste Morgen bringt, wenigstens vorübergehend, Sonnenschein, und meiner alten Liebe folgend, bummele ich zuerst wieder durch den Hasen, lieber eine Stunde weit dehnt sich der Quai, Schiff liegt an Schiff und in den weiten Lagerhallen türmen sich die Erzeugnisse des ganzen Erdballes. Sämtliche Produkte der fremden Erdteile werden hier gelandet, alles, was Europa exportiert, wird hier verschifft: Der Australfahrer bringt Erz, Brasilien schickt Kaffee, Texas Baumwolle. Hier löscht ein Afrikaboot seine Gummiladung, und dort hält ein Transport exotischer Tiere seinen traurigen Einzug in das Land der Kultur. Neben dieser reichen Fülle der Naturschätze des Auslandes zeigt Europa stolz die Erzeugnisse seines industriellen Fleißes: Eine umfangreiche eiserne Brückenkonstruktion verschwindet, für Chile bestimmt, ini weiten Laderaum eines Kosmosdampfers. Ein Ost- asienfahrer nimmt Klaviere dutzendweise auf, unsere „Erlangen" verstaut die gesanitc Einrichtung einer Werkzeugmaschincnfabrik. Die Verladung aller dieser z. T. riesigen Stücke vollzieht sich spielend leicht dank den großen elektrischen Ladekähnen, die, über die ganze Länge des Quais verteilt, mit ihrer gefälligen Eisen- konstruktion fast elegant wirkten. Im Jnnenhafen drängt sich Segelboot an Seegelboot, und man kann hier wirklich ohne Uebcr- treibung von einem Wald von Masten reden. Vom Hafen zur Stadt führt eine Reihe mäßig sauberer Jye aus je 4 Häuser 3 Kneipen zeigen. Hier ist das eigentliche Seemannsviertel, hier war es, wo ein fröhlicher Leichtsinn und internationale Korruption den „Bildcck" hatten erstehen lasten, diese weltberühmte Stätte poetisch romantischer Spelnnkcn- wirtschaft. rrr SnttenRabt bietet mit Ausnahme des Marktplatzes wenig Charakteristisches. Es liegt ja in der Tendenz unserer Zeit, alle Unterschiede zu verwischen, und so werden die Hauptstraßen der Großstädte einander immer ähnlicher. — — — Ernst blickt der ^^^„chubens auf die „place verde" und gibt geduldig seinen anständigen Namen zu allen möglichen Zwecken her. Alles was ruigs herum einen Laden aufmacht, nennt sich nach dem alten Meister, leider ohne daraus die Verpflichtung abzuleiteu, in Auslage oder Fassade etwas besonders Malerisches zu leisten. Breit, als durchaus inoderne Straße, zieht die „tue Meir" nach Osten, unterbrochen von dem schön angelegten „Boulevard" und an dem imposanten neuen Bahnhof endigend. Dem Straßenbild ist an- Kusehen, daß hier viel und ernst gearbeitet wird; die Menschheit hastet,Restaurants und Cafes stehen tagsüber leer. Aufgesallen ist mir bei der Damenwelt die geringe Zahl wirklich schöner und eleganter Erscheinungen. Auch in der französischen Oper wurde man in dieser Beziehung nicht verwöhnt. Bon ihr könnte ich im Stil des berühmten Engländers sagen: Sie hat zwei Silben ’tC' CtU Keckstes Ensemble und als Zuhörer deutsche m IE dchf meinen Bericht nicht schließen, ohne noch einer Persönlichkeit gedacht zu haben, die für den deutschen Seemann mit der Erinnerung von Antwerpen unlösbar verknüpft ist. Wenn man ben Seemami fragt, was ist in Antwerpen los und zu sehen, so nennt er zunächst nicht die Kathedrale, nicht das Rathaus, nicht das Museum, auch nicht den Hafen, nein unfehlbar nennt et zuerst „9Jc i k e". Ich hatte von der berühmten Dame schon so viel , gehört, daß ich mit aufs höchste gespannten Erwartungen säst mit Herzklopfen den klassischen Raum des Restaurants „En de Ton" betrat. Der Eindruck war verblüffend: Ein kleines Lokal, gerade so breit, daß zwischen zwei Streifen leidlich blank gescheuerter Tische ein schmaler Mittelgang bleibt. Als Gäste lauter deutsche Seeleute. Viel und laut wird geredet, viel und schwer, oft bis in den frühen Morgen hinein, gezecht. Jede Viertelstunde erscheint irgend ein Bänkelsänger, ein Schlangenmensch, ein Harfenmädchen, und der gutmütige Gast opfert einen Ricke, nach dem andern für die meist höchst zweifelhaften Produktionen. lind über all dem thront und herrscht wie eine huldreiche Fürstin „Mike". Dunkel, etwas komplett, im Besitz von einigen dreißig sicher sehr inhaltsreichen Jahren hat sie sich, schlauer wie viele ihrer Mitschwestern, hier noch eine Existenz geschaffen, die ihr ein sorgenloses Alter sichert. Noch ein paar Jahre und sie kann „Rentiere" spielen. Eine neue Mike zieht ein, fast ohne daß die Gäste viel davon merken. Mike begrüßt jeden (Sintretenben als alten Bekannten. Mike kennt die Schiffsbewegungen wie ein Major a. D. die Rangliste, und so wie die ältesten Kapitäne schon , in ihrer Jugend bei Mike gesesseii sind, so bin ich überzeugt, daß auch die Söhne und Enkel der jetzigen Generation noch dort ein- und ausgehen werden. Ich hätte die gute Dame sicherlich nicht nur um ihrer schönen Angen willen einer so eingehenden Erwähnung für wert gehalten. Wenn ich so ausführlich von ihr sprach,. so geschah dies, weil ich sie für einen Thpus halte. Mike existiert nicht nur in Antwerpen, unter irgend einem anderen Namen findet sie sich in Hoboken so gut wie in Sidney, in Buenos-Aires wie in Schanghai ober Yokohama; und überall bietet sie ein beredtes Zeugnis für die gutmütige Anspruchslosigkeit und ein wenig auch für ben sorglosen Leichtsinn des Seefahrers. Nach beschwerlicher Reise kommt er ans Land, das den Reiz der Neuheit für ihn gewöhnlich schon eingebüßt hat. Gebt ihm dann ein bescheidenes Fleckchen, das ein klein wenig heimische Gemütlichkeit atmet oder auch nur vortänscht, gebt ihm dazu ein gutes Getränk, und er ist glücklich und zufrieden, vergißt die Strapazen der Reise, vergißt auch, daß die Fremde ihm noch Besseres und Schöneres bieten könnte, vergißt auch den Wert des Geldes, das seine Taschen füllt. Manche hoffnungsvoll begonnene seemännische Laufbahn hat hier schon ihr vorzeitiges Ende gefunden. _____________ Vsrmischtss. C.K. Woher stammen unsre Gemüse? Auf diese Frage antwortet die Revue scientifique: Die Artischocken sind eine veredelte Form der wilden Artischocke, die auf Madeira, den Kanarischen Inseln, in Marokko, dem südlichen Frattkreich, in Spanien, Italien uird ans den Mittelmeer-Jnseln heimisch ist. Der Spargel stammt aus Europa und aus dem gemäßigten östlichen Asien. Der Ursprung der Bohnen ist unbekannt, ebenso wie der der Linsen, der grünen Erbsen, der Kicher-Erbsen. Die Mohrrüben sind in ganz Europa, Klein-Asien, Sibirien, ür Nordchina, Abessinien und im nördlichen Afrika wie auch auf Madeira und den Kanarischen Inseln heimisch. Nahezu den gleichen Umfang hat das Reich des Sellerie. Der Kerbel entstammt dein östlichen Asien der gemäßigten Zone, die Petersilie aus dein südlichen Europa und aus Algier, der Sauerampfer aus Europa, dem nördlicheir Asien, den Bergen Indiens und Nordamerikas, und von dem Spinate nimmt niaii aii, daß das nördliche Asien sein Heimatland ist. Die Tomaten schließlich sind zuerst aus Peru gekommen, die Gurkcii atts Jirdieii und der Kürbis aus Guinea. * Wie man vor hundert Jahren über die Eisetrbahn dachte. Die Sommerreisenden, die jetzt mit ruhiger Selbstverständlichkeit ihr Leben dem Dampfroß anvertrauen, uiii Erholung zu suchen, denken beiin An- blick der keuschenden Lokoniotive wohl kaum an das Mißtrauen, die Furcht und die Angst, mit denen die ersten Eisenbahnzüge von den Urgroßvätern betrachtet wurden. Die geringe Geschwindigkeit, die damals die ersten Lokomotiven entfalteten, erfüllte die geruhsamen Bürger mit Schrecken und die Erfinder mit Stolz; die Namen der Lokomotiven spiegeln dieses Selbstgefühl; und in England gab es damals Dampfrosse, die den Namen „Hasche mich wer kann", „Blitz" usw. führten. Die Rivista - mensile del Touring erzählt von der ersten Lokomotive von Stephenson, die mit einem Zug von 13 Tons Gewicht eine Geschwindigkeit von 24 Kilometern in der Stunde erreichte und die ohne Wagen sogar 48 Kilometer entwickeln konnte. Aber in der Oeffentlich- keit hatte man wenig Sympathie für dies neue Verkehrsmittel und als der Ingenieur vom englischen Oberhaus die Konzession für eine Eisenbahn erbat, traten Redner auf, die zornig darauf hinwiesen, wie der Rauch der Lokomotive die Vögel töten müsse, die Tierzucht auf dem Lande gefährde und vor allem die Wolle der Schafe schwärze. Im Volk regte sich der Aberglaube und in dem Dorf rotteten sich die Bauern zusammen, um mit Gewalt gegen das rauchende feuerspeiende Ungeheuer vorzugehen. Aber Stephenson errang durch seine Zähigkeit schließlich doch den Sieg und als er in einer Kommission behauptete, daß es leicht möglich sein würde, Eisenbahnzüge mit einer Geschwindigkeit von 50—60 Kilometer in der Stunde fahren zu lassen, da sanken allmählich die Einwände der Gegner des Fortschritts zu komischen Nichtigkeiten. „Aber deicken Sie doch, Mr. Stephenson, wenn der Zug, von dem Sie sprechen, auf seiner Strecke nun eine Kuh trifft: welch furchtbares Unglück!" Aber der Ingenieur blieb ruhig und gab nur die trockene Antwort: „Ja gewiß — für die Kuh.'.." * Die Stimme aus dem Sarge. Die Kunst — 452 Rösselsprung. tüt klopst rei es lacht ich es wähnt tüt bet da bet huscht ivitb bas es zag dämm sein glück öff che bet b(eib' sto net von S« hast bit just mir baS tüt ste sal wer öff bie trüb he glück bie bei net macht an lärmt bangt len bet nicht seuizt ivie not ge e im sei sacht be tob nicht ein ke ich ans ei bet es kreis genbs glück lass' so es neu bas leiS sto beim ktan schon trü hott ihm nut hen | nir will nnb wirb bet klopst ent bb, Au- und Einsichten. Wer mit Erfolg nach bet Wahrheit forschen will, bet muß vor allem ben trabitionellen „Wahrheiten" aus bem Wege gehen. * Den Künstlet zur lanbläufigen „Moral" zwingen wollen, nimmt sich ebenso aus wie bet Versuch, bie "Göttin Kunst mit Nachtiacke nnb Nachthaube betteibct batzustellen. pocht Kunst. Adolf Michaelis, E i n I a h r h u n d e r t k n it st a r ch ii o- logischer Entdeckungen. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage. Mit einem Bilde C. T. Newtons. 8". 365 Seiten. In Leinen gebunden 7 Mk. Verlag von E. A. Seemann in Leipzig. — Dieses Buch, das in wenig mehr als Jahresfrist eine zweite Auslage erleben durfte, erzählt zinn ersten Male die Geschichte der Ausgrabungen antiker , Es ist bekannt, wie gering noch gegen den Schluß des 18. Jahrhunderts unsere Kenntnisse von den alten Trümmer- ftatten der Vergangenheit und ihren Schätzen waren. Erst nut beit Tagen Winckelmanns setzt die systematische Erfor- schung der antiken Kunstwerke ein. Die napoleonische Zeit Auslösung in nächster Nummer." < Auslösung des Rätsels in voriger Nummer: H o r n — Korn — B o r n — Z o r n. Richtige Lösungen sandten ein: Pfatter Werner in Nidda, Hermann Lindauer in Gießen. Für unsere Kleinen. Das Schlafzimmer des Kindes soll lediglich als solches benutzt werden und sehr geräumig und gut ventiliert sein. Deshalb soll man das SchlaMmmer den ganzen Tag lüften und während der heißen Jahreszeit nachts durch Einsetzen von Gazefenstern den Luftwechsel mrdern. Die Wärme im Schlafzimmer des Kindes soll tut Winter mindestens 16 Grad C. betragen, weshalb das Zimmer heizbar sein muß. Jedes Schlafzinrmer mich durch Vorhänge angemessen verdunkelt werden, da Sonnen- und Mondlicht den ruhigen Schlaf beeinträchtigen. Beleuchtung durch Nacht lampen muß man vermeiden., sie verschlechtern die Luft durch Zufügung von Kohlensäure und besonders von Produkten unvollständiger Verbrennung, flüchtigen Fettsäuren, Kohlenoxyd, Kohle in dem Maße, daß schon der Geruch und meistens auch das Auge morgens sofort erkennen, ob nachts über in einem Schlafzimmer eine solche Lampe gebrannt hat. bringt es zur Entdeckung der Trümmerfelder Aegyptens, und Pompejis; den Engländern ist die wissenschaftliche Medergewinnung Griechenlands zu danken, während die deutsche Archäologie auf den Gräberfeldern Etruriens merkwürdige Resultate zutage fördert. Dann bemächtigt sich der Forscherfleiß.des Ostens. Männer wie Lepsins, Alexander v. Humboldt, dessen Fürsprache vornehmlich die Mitwirkung König Friedrich Wilhelms IV. zu danken ist, fördern jene Expedition nach Memphis und Theben, die uns die ägyptische Kunst näher brachte. Assyrien wird ein Eldorado der britischen Forschung, und der Name des Engländers Charles Thomas Newton ist eng mit dem Mausoleum zu Halikarnaß verknüpft. Bei Napoleon III. war es hauptsächlich das Interesse für die Geschichte Cäsars, das fördernd auf eine Reihe wissenschaftlicher Unternehmungen im Osten, in Maee- donien und Südrußland gewirkt hat. Um die Mitte der sechziger Jahre setzt die große Erkundung der griechischen Kulturstaaten, an die in erster Linie der Name von Ernst Curtius erinnert, ein. Auch die Bemühuugen Schliemanns um Troja, Tiryns und Mykene finden angemessene Würdigung. Der" für Griechenland erweckte Wetteifer der Nationen deckt alte heilige Stätten, wie Samothrake und' Olympia, auf. Man sieht, Michaelis bietet in seinem Buche eine gewissenhafte Uebersicht über die Resultate einer hundertjährigen archäologischen Tätigkeit nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Die rein künstlerische Bewertung der einzelnen Werke läßt er dabei nicht außer acht. Das Buch ist ungemein ianziehend geschrieben, schlicht, doch nicht ohne Würze. Zum Verständnis besonders dienlich erscheint nach den einzelnen Kapiteln eine Uebersicht am Schlüsse des Ganzen, die die Resultate eines jeden Jahres gewissenhaft verzeichnet. des Bauchredens kann, am unrechten Orte angetvandt, recht schlimme Folgen haben. Der Neger John Samson aus Queenstown mußte das kürzlich erfahren. ~ Er begegnet einem Leichenzuge, schließt sich dem Trauergefolge an und als man auf dem Friedhof sich anschickt, den Sarg in die Grube hinabzulasien, erleben alle anwesenden Neger ein grauenvolles Wunder. Eine tiefe Stimme, die aus dem Sarg hervorzudringen scheint, ertönt: „Sachte meine Kinder, nur sachte". Die Neger werden beinahe weiß vor Entsetzen. Aber die Stimme klingt fort: „Aber sachte, Ihr Tölpel, laßt mich nicht fallen, Ihr werdet mir das Rückgrat zerbrechen". Außer sich vor Furcht lassen die Neger den Sarg fallen, das Trauergefolge stürzt in alle Winde davon und nur John Samson lachte, bis die Polizei kam und den Bauchredner einsperrte... * D e r p o l i z e i l i ch 'a b g e m e s s e n e K u ß. In Amerika ist ein merkwürdiger Streit entbrannt, und eigenartig genug ist auch das Kampfobjekt. Es handelt sich um nichts mehr und nichts weniger als um das Einschreiten der Polizei gegen den langen Küß. lind das ist so gekommen. In Amerika und namentlich in Neivyork hat sich in letzter Zeit eine Reihe von Personen beiderlei Geschlechtes gebildet, die auf den langen Kuß schwören, und sich nur einen Küß geben, so innig und so intensiv und so lange, daß man dabei „seine Seele dem anderen einhauchen kann." Jetzt, an den schönen Sommerabenden, kann man auf den Bänken in den öffentlichen Parks Newyorks, namentlich im großen Brooklyn- Park, engumschlungene Pärchen sitzen und den langen Kuß, den „soul kiss“ ausüben und immer wieder probieren sehen. Für alle diese Kußbegeisterten handelt es sich darum, die Kunst des anhaltenden Küssens der Schauspielerin Maud Adams, der amerikanischen Sarah Bernhardt, zu übertreffen. Maud Adams hat bisher den Rekord auf diesem süßen Gebiete geschaffen und vier Minuten und 47 Sekunden ohne Unterbrechung geküßt. Diese Küssereien sind aber den Puritanern und amerikanischen Muckern auf die Nerven gefallen. Infolgedessen hat der .Polizeigewaltige Newyorks an die ihm unterstellten Beamten eine Verfügung erlassen, nach der die Schutzleute das Küssen von Personen verschiedener Geschlechter auf den Bänken in ben öffentlichen Gartenanlagen nur zulassen dürfen, ivemt der Kuß nicht länger als zwei Sekunden dauert. Währt die Umarmung länger, müssen sie einschreiten, und nützt auch ihr Widerspruch nichts, sollen sie die Kußwütigen gewaltsam trennen und verhaften. Redaktion: P, Wittko. — Rotationsdruck und Verlag bet Btüh l'scheu Universitäts-Buch- und Steinbrucketei. R, Lange, Gießern