Lamstag den 22. Februar SKT c£ P08 — M. 50 M : :V R MWM WWZM mUHHI Kelmuih von Lorrsen. Roman noit Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Loysen blickte über die Felder, auf denen das junge Getreide mächtig emporschoß, und schwieg beharrlich. Es kümmerte ihn auch sehr wenig, was die da sagten oder verschwiegen. Er dachte daran, daß ihm Edeltrant unbewußt verraten hatte, sie werde morgen vormittag um gehn Uhr nach deut Vorwerk reiten, auf welchem sich die Schäferei befand. Infolgedessen hielt er am nächsten Morgen um die Zeit schon eine ganze Weile regungslos auf einer kleinen Anhöhe zwischen dem Ort Rothaide und dem Vorwerk, und als er die schlanke Reiterin auf der flotten Braunen den Feldweg daherkommen sah, ritt er ihr entgegen und grüßte schon von weitem. In mächtigem Sprunge nahm der Rappe den tiefen Weggraben, unb sie rief heiter: „Bravo!" „Geht es Wilhelmi gut?" „Leider nicht besonders. Er hatte eine schlaflose Nacht." „Das tut mir furchtbar leid. Denn daran kann nur unser Massenbesuch schuld sein." „Ich wundste mich, drüber. Er liebt es, liebe Menschen zu sehen, nitb ist ja jetzt immer wohl gewesen. Ihre Geschwister sind aber wirklich sehr liebe Menschen." „Finden Sie? Nun, ich sage Ihnen, Bardes hallt heute wider vom Preise Ihrer Liebenswürdigkeit." „Ach, wie überflüssig — was aber sagen sie über Wilhelm?" „Sie finden ihn außerordentlich gekräftigt. Er hat, so sagt meine Schwester, in jeder Weise Fortschritte gemacht, seit sie ihn gesehen. Sein Gang ist fester, seine Haltung straff, sein Aussehen g-esuud geworden." ' Sie trank diese AuUvort gleichsam eilt. „Tanke Ihnen!" sagte sie leise. „Darf ich Sie, da Wilhelm doch wohl besser allein bleibt, eilt Stück begleiten?" „Oh, gern! Bitte!" Sie ritten nun tntf Schritt den Weg entlang. Soviel wußte er nun schon, daß er sich hüten mußte, ihre Unbefangenheit durch Huldigungen zu stören. Ganz allmählich galt es vorzugehen auf dem einzig möglichen Wege zu ihrem Herzen. Dieser Weg aber hieß. Wilhelm. Ihre volle Aufmerksamkeit gehörte dem, der mit ihr über den Bruder sprach. War dies Thema, für den Augenblick erschöpft, so sprachen sie über Bücher, über Lebensansichten, sehr oft über die Frauenfrage, für welche sich .Edeltraut, angeregt durch ihre Freundinnen, die Fräuleiir von Wahrendorfs in Berlin, erwärmen konnte. Ihre Ansichten gingen selten auseinander, und wenn es geschah, versuchte Loysen es, die seiuigen ihrer Auffassung anzupassen, um ihr zu gefallen. Lernte er sie immer besser kennen, grade so wie sie lvar, in ihrer ruhigen Lebhaftigkeit und graben Wahrhaftigkeit, so sollte auch sie sich kein günstigeres Bild von ihm machen, als er verdiente. Tas erschien ihm ehrlich und gerecht. Wenn er ihr von seinem Berufsleben und dem Schauplatz desselben sprach hütet«! er sich vor Schönfärberei. Sie soll ihm nicht dereinst sagest müssen: du hast mir ein Paradies vorgemalt rind ich finde eine primitive Kleinstadt in öder Landschaft. Er versuchte aber ihr trotz alledem sein Leben, seine Arbeit und seine Freunde schost jetzt lieb zu machen, Auch die eigentümliche Poesie der an mittels altevliche Seiten mahnenden Bauart der alten Stadt Klippingest mit ihrem Wall, der Stadtmauer, daran Ginster und junge Birken sich festklammerten, und dem alten Stadttor, ferner der Reiz des weiten Moor- und Heidelandes sollte ihr vertraut werden, ehe er sie hinbrachte. Anfänglicher Mißerfolg schreckte ihn nicht ab. Heute horte sie besonders aufmerksam zu, spielte mit der Gerte in der Mähne ihres Pferdes und lächelte. „lieber kurz oder lang komme ich mal nach Klippingen!" sagte sie plötzlich. Tas kam ihm so unerwartet, fast erschreckend, daß er zu- jämmeufuhr. „Edellraut!" stieß er hervor, ohne zu wissen, daß er sie einfach beim Namen gerufen.. Sie nahm das gar nicht übel, sondern sagte heiter: „Ihr Erstanneil beweist mir, daß Sie noch nichts wisse», sonst hätten Sie sich den Zusammenhang wohl gereimt. Mist weiß ich nicht, ob ich schon davon sprechen darf, aber schließlich geht es Sie genau so viel an wie mich, und ich sehne nrich geradezu danach«, mit Ihnen drüber sprechen zu können." Sie stockte. „Mein gnädigstes Fräulein," verbesserte er seine vorige Intimität, „wissen Sie, ivas Sir treiben? Vivisektion. Ich fühle mich so gewissermaßen auseinandergezerrt — wird das noch lange dauern?" Nun lachte sie herzlich. ,/Kein, nein. Sie Aermster. Ich will es nutz sagen. Meine beste Freundin hat sich mit Ihrem besten Freunde verlobt." Loysen war starr. „Schnadewitz verlobt?" Unmöglich!" „Helene Wahrendorf verlobt? — Unmöglicher!" unterbrach sie ihn, „ich bitte Sie, Herr von Loysen, was wollen Sie? Ihr Freund ist nach Ihrer Beschreibung ein im Grunde vortrefflicher, aber äußerlich sehr stachltcher Gesell. Weshalb soll er sich nicht verloben? Glauben Sie, daß alle Ehemäimer schön und liebens- würdig sind?" Er ließ den kleinen Fchdehmrdschuh vorläufig liegen und versetzte fast hitzig: „Er ist als Bräutigam undenkbar, weil er ein Frauenfeind ist — ein Kuriosum." „Ja, das weiß ich nicht. Auguste Wahrendorf schreibt mir, er sei so verliebt, daß sie ihren Spaß dran habe. Auguste ist Helenens jüngere Schwester. Weshalb nun denn soll er sich nicht verloben? Aber sie — sie! Nimmt dies stille, bescheidem Mädchen, die in ihrem unermüdlichen christlichen Walten mrd Wirken wie geschaffen ist zur Diakonissin oder zu einer Missionarsfrau, einen borstigen Reitersmann! Ihr ganzes Leben ist Werke» der Nächstenliebe gewidnret, unscheinbar und unbemerkt ging sis ihren Weg, teilte nicht einmal Augustens Vorliebe für Knust 118 Nun lachte iie schon wieder. tun lachte sie schon wieder. | AH ja, m!an muß anderer Leute Duminheiten nicht tragt]6) | rxjr. ...... _r.___ fvmt» mnrnott nrntl uiederae-- sonnenbeschienenen Lichtungen. „Ich bitte Sie!" — sagte sie plötzlich ganz zutraulich zu. Lohsen — „können wir da nicht etwas Herumstreisen? — Als halbes Kind war ich mal drin und habe die Erinnerung, darin ein Märchen gesehen zu haben — eine Grotte ober Jo etwas mit kleinen Unholden, ich erschrack aber und riß aus." „Ach, das Bvrkenhäuschen der sieben Zwerge," sagte Marie Anne, „Helmuth, du weißt, wo es ist. Ganz leicht ist es Nicht ick beareife aar nicht, daß er sie . über und eine Gruppe voll drei uralten Eichen beschattete mit ' • Kt) 6C6Xxltc ' ™ । jungem, goldig glänzendem Laube einen Platz, auf welchem Tische und bequeme Sitzgelegenheiten sich befanden. Hier ward iin Handumdrehen durch Lohsen und den Diener für Wilhelm ein mit Kissen und Teppichen belegter Sitzplatz hergestellt, ebenso für Frau von Dohlen gesorgt, und dann ward Mssec und Tee serviert. Tie kleine Gesellschaft saß sehr heiter zusammen. Edeltrauts Angen strahlten. Lohsen konnte sich die Ursache sehr genau teufen: Wilhelm hatte die immerhin weite Fahrt über Erwarten gut bestanden. Sie trug ihr weißes Sonntagskleid — das kannte er nun auch schon so gut. Ein blaßblaner Gürtel lag um die Taille und ein Strauß Maiblumen stak vor der Brust. Andcreil Schmuck wie Blumen liebte sie nicht. Lohsen mußte sie immer verstohlen von ter Seite anseheir • ob da wohl irgend etwas an ihr war, von dem mattgelben Flechten- diadem bis zu den schmalen, gelben Schuhen herab, was er anders gewünscht hätte? Nichts. Auch nicht die Nnregelmäßig- keiten ihrer Profillinie, welche eben gerade so unendlich viel znm Ausdruck beitrugen. Ihre Blicke glitten immer in den Park hinein — in den tiefen Schatten seiner alten Bünme und tue sie sich fühlen wird." , .... . - „ „Warten Sie es doch nur ab, wie fic sich fuhren wrrd. Nehnieu. Ich war aber wirklich heute morgen ganz mcderge- schmettert. Ihr Fra Tiavvlo sieht aber heute wirklich lieb aus — so ein Tier!--" sie bog sich herüber und klopfte des Rappen Hals — „hören Sie, so einen schneidigen Kerl mn'iffen Sie doch richtig lieb haben. Nicht?" „Tas habe ich auch," sagte er ruhig. „5-ier sind wir," sagte sie, vor dem Eingang zum Bor- wtek"ihr Pferd zügelnd, „und ich muß Sie huldvollst cutjafien. Ich habe wenigstens eine Stunde lang mit dem alten Inspektor Meinert zu rechnen." Er verneigte sich grüßend Uiid ntt davviv Düs genähte Herz. Zu beit bewunderungswürdigsten Errungenschaften der modernen Chirurgie gehören die Operationen, bte heute der einer Verletzung des Herzens an diesem wichtigsten Organ selbst vorgenommen werden können, lieber eine gelungene Herzoperation berichtet Professor G._ Sultan in der letzten Stummer der „Deutsch. Med. Wochenschr."; wir geben aus dem hochinteressanten Aussatz das solgende wieder: „Der Patient war ein 38 Jahre alter Tischler (Eugen M.), der am 23. Juni 1907 einen Selbstmordversuch begangen hatte, indem er sich mit einem Revolver •—,Geschah 9 Millimeter — einen Schuß in die Herzgegend beibrachte. Bei der Untersuchung sand sich eine pulvergeschwarzte^ kaum blutende Einschußöffnung. Ettie Ausschußöffnung war nicht vorhanden. Die Herztöne erschienen bet der Auskultation rein, Puls 80, kräftig, regelmäßig, lieber den Lungen keine abnorme Dämpfung, überall normales Weniger ach ch. Drei Stunden später hatte sich der Zustand insofern geändert, als die Herztöne nun von fast metallisch langenden, von der Atmung unabhängigen Rasselgeräuschen begleitet waren. Die vorhandene Erregung des Kranken lrest sich durch eine Morphiuminjektion bessern Am nächsten Morgen war das Krankheitsvild ein ter geworden. Der Patient klagte über Luftmangel. Tie i aleitgeräusche der Herztöne waren nicht mit der Deutlich- fett zu hören wie tags zuvor. , , Obgleich nach dem vorliegenden Befund eine Blutung ui den Herzbeutel mit Sicherheit angenommen werden konnte, so hielt ich doch zunächst noch einen spontanen Stiu- stand der Blutung und damit einen langsamen Rückgang der beängstigenden Symptome für möglich. Die eryome Besserung trat aber nicht ein, der Puls wurde vielmehr | kleiner, die Schmerzen in der Schulter nahmen zu uuo 1 die. Atemnot, wurde schließlich so bedrohlich, daß Oll kmet. Ickd schöngeistigen Verkehr . - ■ überhaupt bemerkt hat. Und was soll sie mit ihm anfangen? Was soll sie in einer Keinen Gamisoustadt?" , Unter uns Wilden?" fragte Lohsen etwas gekränkt, „aber was 'teufen Sie denn? Glauben Sie, daß wir uns wundern wirrten, wenn sie die Arnicu besuchte und zum Superintendenten in die Mifsiousabende ginge ? Wir sind doch keine Barbaren. „Tas habe ich doch nicht gesagt! — Ich meine letzt, dich sie in diesem Leben nicht findet, was sie braucht, um stch ve- sriedigt zu fühlen, und statt dessen gezwungen ist, ihre Zeit in kleinen, geselligen Pflichten zu verzetteln und Vergnüguuge-i unt- znmachen, die für sie keine Vergnügungen sind. Wie konnte sie -—wie konnte sie!" ,^Gauz einfach ■— sie liebt ihn. ^vamit ist a-le^> gesagt. Er begegnete einem grübelnden Blick. , Ich versuche, mich mit dieser Erklärung abzufinden, aber es geht nicht. Ich kann es so gut verstehen, daß man aus Wien» §sMt ein großes Opfer bringt, daß mau Heimat und Gluck verläßt, um einem Menschen oder einer Sache zu dienen, wenn .Gott es so von uns verlangt — aber wie man das aus Liebe, also zum Vergnügen tun kann? . . Ich könnte es nicht! Juj anderen Gründen wie meine Freundin würde ich mich m ihrer Lage genau so gefangen, unnütz und gelaugiveilt fühlen, wie Und du sollst doch! — dachte er. , . , . Einige Tage später machten die Haides ihren Gegenbesuch in Lohsen, ter in der Zwischenzeit täglich dort war, erfuhr eI durch Wilhelms daß derselbe, wenn er sich wohl genug fühle, am nächsten Tage mit feinen Tarnen nach Bartes kommen wolle. Ta! hie Klausel eine schwerwiegende war, bat Edeltraut, Vichts davon zu verraten, damit nicht etwa umsonst gewartet würde. Ihm war die Aussicht, sie dort zu sehen, vielleicht I Mit ihr ungestört einen Gang durch den Park machen zu können, | höchst erfreulich. Seine Sorge mar nur, wie er imstande fein sollte, sich für die Zeit das enfant terrible Lilly vom Halse zu schaffen. Tas Kind war erstens höchst störend bei einem tete-a- tete und konnte zweitens durch eine fürwitzige Aeußernng alles Verderben. Ihm fiel ein, - daß die Kinder schon fett einigen Tagen unbeachtet gebliebene Wünsche geäußert hatten, behu-s eines Besuches im kinderreichen Jarowitz. Er fetzte diese rettende Idee in Betrieb, indem er plötzlich Lillys Bitten unterstützte, 8 nnb es war ihm, ein leichtes, denselben Gehör zu verschaffen. | Ter alte Pony ward eiugefpauut und Lilly kutschierte in Be- > gleitung der Gouvernante schon um drei Uhr von danueu. | Utni vier Uhr rief Marie Anne, von ter hohen Glasveranda ä von ihrer Arbeit ausblickend, erfreut: _ | „Tas sind die Rothaiter! — Helmuth, ich bitte dich, rufe Conrad!" Wilhelm saß int Fonds des alten, bequemen Kutschwagens, teil zwei starke, junge Pferde zogen. Für ihn war wlch eine Fahrt ein Ereignis und die Leichtigkeit, mit welcher er die Unbequemlichkeit terfetben jetzt ertrug, eine Genugtuung. So blickte er eifrig um sich und machte Frau von Dahlen und Eteltraut auf hundert Tinge aufmerksam. Bartes mar für ihn immer ter Inbegriff eines herrschaftlichen Großgrundbesitzes gemefen, und sein feiner Schönheitssinn sand Volle Befne- ! digung in ter Betrachtung all der lieblichen Kunstanlagen, welche sich ter Natur so schön anschlossen. Sie wurden von den Recknitzens auf das liebevollste empfangen. Man fühlte sich bereits verwandt, und Marie Anne begrüßte Edeltrant mit Umarmung und Miß und wehrte energisch den Handkuß ab. Um Wilhelm jede Treppe zu erspaven, ward vor dem Schloß ,im> Freien gesessen. Tie Gartenanlagen mit dem Schwanenteich in der Mitte, aus dem ein Springbrunnen aufsprang, ginnen aus schattenlole» WumenpraLt allmählich in den Park zu finden." „Ich finde es, verlaß dich drauf." So gingen sie miteinander. Tie Zurückbleibenden sahen ihnen lächelnd nach — nur Wilhelm seufzte ein wenig. ■ Der breite Kiesweg verlor sich bald im Baumschatten. Er brauchte sie nicht auf besondere Schönheiten aufmerksam zu machen, sie sah und erfaßte alles — wie jene Gruppe Nadelholz, gemischt mit Silberweiden und lichten Birken, sich dort schön abhob gegen die fammetgmme Buchenwand, deren starke Stämme gleich geschmolzenem Blei blinkten, wie die BlntbucheN so purpurn leuchteten und die Eichen ihre mächtigen Kronen wölbten. Ter Park war mit Liebe und Kunstsinn angelegt, und je weiter man kam, desto schöner, d. h. wilder und malerischer wurde er. Tic Wege durchliefen ihn kreuz und quer. Aus einem freien Platz, den eine geschorene Taxnshecke umgab, stand eine Sonnenuhr. Lohsen sah sich prüfend um, verglich den Schatten ter Uhr und schlug dann eine bestimmte Richtung ein. (Sortierung folgt.) 119 weiter zunehmenden Blutung und einer Verletzung des Herzens selbst nicht mehr gezweifelt werden konnte. So entschloß ich mich am späten Abend des zweiten Tages — etlöfl 30 Stunden nach der Verletzung — zur Operation. In Chloroformnarkose Bildung eines großen, rechts gestielten Lappens. Nach doppelter Unterbindung der Adern und Venen und nach vorsichtigem Abschieben des unverletzten Brustfells wurden zuerst der vierte und fünfte Rippenknorpel, schließlich das Brustbein oben und unten, teils mit der Kuochenschere, teils mit dem Meißel durchschnitten. Nun ließ sich, ohne daß es zu einer Verletzung des Brustbeins gekommen war, den Lappen leicht nach rechts herüber- klappen. Sofort nach Eröffnung des Herzbeutels stürzt in großem Bogen dunkles Blut hervor, im ganzen vielleicht 200 Kubikzentimeter. Schnell wird die Inzision im Herzbeutel erweitert und das in ganzer Ausdehnung freiliegende Herz emporgehoben. An der Vorderseite des Herzens war außer einer linsengroßen Blutunterlaufung an der Spitze eine Verletzung nicht sichtbar, dagegen sah man, nachdem das Herz nach rechts herübergeklappt war, hinten an der Spitze eine etwa li/2 Zentimeter lange, in der Mitte 0.5 Zentimeter breite kraterförmige, von zerfetzten Rändern begrenzte Wunde, die, während das Herz gehalten uitb komprimiert wurde, nur- wenig blutete. Mit drei feinen Seidenknopfnähten wurden die Wundränder exakt vereinigt, der Sicherheit halber wurde auch durch die blutunterlaufene Stelle eine Seidennaht gelegt. Das Halten des überaus kräftig arbeitenden Herzens während der Anlegung der Nähte war trotz der schon zur Vorsicht über die Gummihandschuhe gezogenen Zwirnhandschuhe schwierig und erforderte ziemliche Kraftaufwendung. Jedesmal, wenn behufs Anlegung einer Naht auf der Rückseite das Herz nach rechts herumgeklappt tvurde, wurde gemeldet, daß der Puls klein und kaum fühlbar fei, und er wurde sofort normal, wenn das Herz in seine natürliche Lage zurückgebracht wurde. Nachdem alles Blut sorgfältig aus dem Herzbeutel entfernt worden war, wobei man an der linken Seite die durch ein Blutgerinnsel geschlossene Einschußöffnung in den Herzbeutel sah, ivurde die Einschnittwunde des Herzbeutels durch Catgutnähte vollständig geschlossen,, der Hautknochenlappen zurückgeklappt und nach Ausschneiden des geschwärzten Schußkanals eingenäht. Unter den Lappen wurden em Drain und einige Jodosormgazestreifen geschoben. Der Patient überstand den Eingriff sehr gut, die Atmung wurde sofort ruhiger und war nach wenigen Tagen ebenso wie der Puls normal. Der Wundverlauf war vollkommen aseptisch; anfangs bestand ein gewisses Druckgefühl auf der Brust, bc§. aber auch bald verschwand. Am 22. Juli 1907 verließ der Patient das Bett, und am 5. August 1907 konnte er geheilt aus dem Ktankenhause entlassen werden. Er blieb auch weiterhin gesund, der Lappen ist knöchern fest eingeheilt, weder am Herzen noch an den Lungen sind Mweichungen von der Norm nachweisbar, und er leistet ohne jede Störung seine volle Arbeit als Tischler in einer Klavierfabrik wie vor der Verletzung." Wo die im Körper steckende Kugel sich befindet, vermag Professor Sultan nicht zu sagen, sie ist weder mit dem Durchleuchtungsschirm sichtbar zu machen, noch ist es in zahlreichen Röntgenaufnahmen gelungen, sie zu entdecken. Professor Sultan nimmt an, daß die Kugel durch den Schatten eines Mrbelkörpers und wahrscheinlich auch durch den Leberschatten verdeckt sein wird. Ae-eraustrengMg als Arankheitsmsache. Wenn auch die einzelne Ueberanstrengung von Körper oder Geist nicht gleich von nachhaltigem Einfluß auf unseren Gesamtorganismus zu sein braucht, so kann doch ein öfteres Ueberanstrengen zu vorübergehender oder gar zu dauernder Schädigung derjenigen Organismen führen, denen wir zuviel zugemutet haben. Es gibt nur zu viele Menschen, die ihrem Körper ein Uebermaß an geistiger oder körperlicher Kraftleistung zutrauen und die dann plötzlich vorder Erkenntnis stehen, daß sie sich in ihrer Gesundheit geschädigt haben. Neber die verschiedenen Arten solcher Ueberänstrengung machte Sanitätsrat Dr. Dippe in Leipzig jüngst recht beachtenswerte Mitteilungen, aus denen wir y. a. folgendes entnehmen: Man muß zunächst unterscheiden zwischen einer Nebcr- anstrengung des Herzen und zwischen solchen Erscheinung gen, die auf eine Steigerung der Körpertemperatur im allgemeinen hindeuten. In einem in seiner Gesamtkonstitution schwachen Körper kann schon eine einmalige, über ba§' gewohnte Maß hinausgehende Anstrengung zu einer dauern-, den Schädigung führen. Die Menschen sind eben körperlich und geistig von der Natur so verschieden ausaestattet, daß die gleiche Arbeit von dem einen mühelos, von dem andern dagegen nur mit Anstrengung geleistet werden kann. Hier ist das bei beiden, bei dem Kräftigen wie bei dein Schivachen gleich ausgebildete Gefühl der Ermüdung ein Gradmesser, an dem inan erkennt, inwieweit man dieser oder jener Arbeit gewachsen ist. Wir können uns aber auch dadurch vor Ueberanstrengung schützens daß wir Körper und Geist in steter Spannung erhalten, daß wir beide nicht erschlaffen lassen. Durch regelmäßige Hebung werden die Muskeln gestärkt, sie erhalteil jene Elastizität und Widerstandskraft, die sie auch zu angestreng-' terer Arbeit befähigt. Eine besondere Stellung in der menschlichen Muskulatur nimmt das Herz ein — auch etrt Muskel, von dessen regelmäßiger Tätigkeit alle übrigen Funktionen int Körper angetrieben werden. Bedenklich wird daher eine Ueberanstrengung, wenn sie die Tätigkeit des Herzens beeinträchtigt; dann tritt leicht Herzerweiterung und in deren Gefolge Herzschwäche ein. Solche Erscheinungen können z. B. Vorkommen, wenn ein junger Mann nach dem Verlassen der Schule und beim Eintritt in einen Beruf gleich anfangs schwere Arbeit verrichten muß, der er, der unvorbereitete und ungeübte, naturgemäß nicht in vollem Umfange gewachsen ist. Auch sportliche Ueberanstrengung kann zu Herzaffektionen führen. Matt beule z. B. an einen Bergsteiger, der, bauend auf seine Gesundheit und Kraft, sich die Besteigung eines Gipfels vorgenommen hat und der dann plötzlich auf dem halben Wege erkennen muß, daß eine Herzbeklemmung, begleitet von sich steigernder Atemnot, ihn am Weitersteigen hindert. In gleicher Weise können andere Organe unseres Körpers durch zu starkes einseitigen Gebrauch überanstrengt werden. Sänger, Offiziere, Geistliche, Lehrer und ähnliche, auf den Gebrauch der Stimme angewiesene Berufe sind leicht der Ueberanstrengung des Kehlkopfes ausgesetzt, wenn sie dieses Sinnesorgan nicht besonders hüten und widerstandsfähig halten. Aehn- lich bestellt ist es mit Magen und Darm, die durch unvernünftig starke Nahrungsaufnahme gefchwächt und dann untauglich werden zur Vornahme des Berbauuugsprozesses. All diesen Schädigungen läßt sich am besten vorbeugen' durch eine geregelte Lebensweise und Diät, durch frühzeitige Stählung und Abhärtung des Körpers, durch weiss Verteilung von Arbeit, Ruhe und Schlaf auf das normale Maß. Es ist vor allem notwendig, daß das Turnen in der Schule ganz systematisch betrieben werde, nicht als' eine Nebendisziplin, sondern als ein Hauptlehrstoff int Stundenplan jeder Schule. Nicht darauf kommt es beim Turnen an, daß großartige gymnastische Leistungen einzelner hierzu besonders befähigter Schüler erzielt werben, sonbern darauf, daß die Gesamtleistungen aller Schüler, auch der schwächeren und wenig beanlagteu, befriedigen. Schließlich noch ein Wort über die geistige Ueberanstrengung, bei der es weniger auf das Matz, als auf die Art der Arbeit, die zu der Ueberanstrengung führt, ankommt. Geistige Ueberanstrengung äußert sich in einer gewissen nervösen Reizbarkeit und chronischer Schwäche, in Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Zerstreutheit und noch manchen anderen üblen Folgeerscheinungen. Vorbeugen kann man hier nur durch vollkommen geregelte, das normale Maß nicht überschreitende Arbeit, die mittags mtä abends unterbrochen werde durch Ruhe, Erholung und' Schlaf, sowie durch reichliche Bewegung an frischer Luft und durch geistige Zerstreuung (Lektüre, Musik, Spiel, Unterhaltung) nach getaner Arbeit. Nichts hebt den Menschen mehr, nichts' macht ihn glücklicher, stolzer und zufriedener, als. die. Arbeit, die sich als. Erfolg für M 120 d'arstellt. Solche Arbeit kann aber mir verrichtet werden, ivetttt ihr als Äquivalent Ruhe und Erholung in richtigem Kerhältnis gegenübergestellt wird. * ttn ge dr uck te V er s e v on Wil h elinBus ch. Aus Mailand wird geschrieben: Mehr als zlvanzig Jahre suid verflossen, seitdem ich mich das erste Mal journalistisch betätigte. Wir, das heißt fiinfunddreißig Gymnaftalstuben- ten, standen vor der Maturitätsprüfung und büffelten, was es nur Zeug hatte, um sie mit Ehren zu bestehen. Trotzdem dachten wir aber auch schon recht sehnstichtsvoll an die Kneipe, die nach der glücklichen Bolleiidung des gefürchteten Abiturientenexamens stattfiuden sollte, rind bereiteten eine Kneipzeitung vor, die ich im Verein mit einem Kollegen redigierte. Wir waren aber recht ehrgeizig und wollten nicht ,iur die zweifelhaft guten Verse aus unserer Feder gedruckt sehen, soudem auch poetische Beiträge wirklicher Dichter, und so wandten ivir uns mit Bettelbriefen an eine stattliche Anzahl von deutschen Dichtern. Unsere Bitten wurden von deren zehn liebenswürdig erhört, und unter diesen war auch Wilhelm Busch, der uns aus Wiedensahl, datiert voul 20. Juni 1887, folgende Widmung sandte: Wohl ehedem, da trank des Weines Auch ich mein Teil, und zwar teilt kleines. Nun aber muß ich mich bequemen. Das Ting inehr objektiv §it nehmen, Und, still verborgen hinter'm Zaun, Wenn andre trinken, zuzuschaun. Und wahrlich! Wenn man fitnfundfünfzig, Dann ist es Zeit, daß die Vernunft sich Vernehmen läßt ititb weise spricht: „Hör', Alter! Das bekömmt dir nicht!" Auch spürt inan, daß moit gar nicht mehr So liebenswürdig, wie vorher. Da ich denn also fürderhin Zur Zierde nicht zu brauchen bin. Und wäre nur wie dürres Reisig Im frischen Kranz der fünfunddreißig, Uttb weil mein Saitenspiel schon.staubig. So seh' ich, fühl' ich, denk' ich, glaub' ich, .Es ist für mich weitaus das tiefte, Ich bleib' bo.it diesem Jubelfeste, Von Faß und Spaß und Glas und Naß ZU Haus mit meinem Brummelbaß. B ew nnderungswert. Schwiegersohn: „Aber wie siehst Tn denn aus, liebe Schwiegermutter?" — Tochter: „Eine Schnake hat Mama gestochen!" — Schwiegersohn: „Jst's möglich, jo ein kleines Tier und so mutig!" Seufzer. Bäuerin: ,Mit den» Milchgeschäft ist's wirklich ein Elend! 's eine Mal melken die Kühe schlecht, 's andere Mal istloieder — Wassermangel!" Literarisches. — Der Ku n st w a r t. Halbmonatschan für Ausdrucks- kultur auf allen Lebensgebieten. Herausgeber: Ferdinand Abe- narins. Verlag von Georg D. W. Callweh in München. (Vierteljährlich 4 Mk., das einzelne Heft 75 Pfg.) Inhalt des zweiten Ätnuarheftcs 1908: Segantini. Vom Herausgeber. — Zwifchen- ansmusik als Kulturträger. Eine Anregung. Bon Richard Bat- ka. — Lose Blätter: Ans neuen Dramen: Aus Wilhelm von Schätzens „Meros". Aus „Fiorenza" von Thomas Mann. Aus Heinrich Lilienfeins „Großem Tag". — Rundschau: Der Forscher als Künstler (G. Stolterfothl — Von Stefan George (W. Rath) — „Wilde" und „gebändigte" Form (<£. Spitteler und Avenarius) — Berliner Theater (Fr. Dusel) — Hamburger Theater (H. Franck) — Vom Theaterspielplan (Ferd. Grcgori) —• Turmmusik — Massenet in Berlin (L. Schmidt) — Allerhand kleinere Chorwerke (G. Göhler) — Segantinis Andenken — Von der Kunst unsrer Zeit (Segantini) — Hebbel und Th. Th. Heine — Die neuen Zehnmarkscheine (Avenarius) — Januar (A. Thümer) — Die Wiedereroberung harmonischer Kultur (F. Schumacher) — Zum Hardenschcn Prozesse (Avenarius) — „Kinder des Vaterlandes" (Häfker) .— Vom englischen Romatt der letzten Jahre (A. v. Gleichen-Rußwurm) — Die Wurzeln der Frauenbewegung (R. Mavreder) — Die hohe Schule (H. Losch). — Bilder- und Notenbeilagen: Segantini, Die beiden Mütter: Frühlingsweide: Alpenwiese: Nirwana: Die Liebe an der Lebensquelle: Bildnis Segantinis. — Konta, Die Monduhr; Rei- chardt, Warnung (Klavierbegleitung): Harder, Ständchen. Gesmrdheitspsiege. — Gesund'heitsleyre für Frauen. Von weil. Dr. Rol. Sticher, Privatdozent unb Frauenarzt in Breslau. Mit 13 Abbildungen im Text. („Ans Natur und Geistes- welt." Sammlung wstssenschaftlich-gemeinverständlicher Dar- stellltngen ans allen Gebieten des Wissens. 171. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Geb. 1.25 Mk. — Hier liegt ein Bnch vor, das in erster Linie für verheiratete Frauen geschrieben ist, aber auch vorurteilslos uud gesund denkenden jungen Mädchen in die Hand gegeben werden kann. Mit Recht verlangt der Verfasser als Arzt, daß die für die Lebensführung wichtigsten Tatsachen, welche die medizinische Forschung ergeben hat, geistiges Allgemeingut werden. Ein solches Wissen soll dem Laien eine Richtschnur für eine zweckmäßige Lebensführung feilt, ihn vor eingebildeten Krankheiten bewahren unb ihn, gerade in der Erkenntnis, daß jede Krankheit ein außerordentlich kompliziertes Gebilde ist, vor der Selbsttiehandlung schützen, ihm vielmehr einschürfen, daß es ihm als Laie unmöglich ist, selbst über feinen oder der andern Gesundheitszustand ein richtiges Bild zu gewinnen, so daß also für die Diagnose der Arzt der einzige Sachverständige ist und bleiben muß. Der' Verfasser belehrt in anschaulicher und klarer Weise zunächst über die Hygiene des Kindesalters und die Fährnisse während der Zeit der körperlichen Entwicklung, bespricht sodann die Vorgänge der Menstruation, über die meist eine ganz falsche Ansicht herrscht, unb behandelt ausführlich die Probleme der Ehe, Schwangerschaft, Geburt und des Wochenbetts. Es folgen Betrachtungen über die Gründe der Fruchtbarkeit tieztv. Unfruchtbarkeit. Endlich handelt er über die geistige Ansbildung, verlangt dabei Verlangsamung des Tempos und legt "bie Gründe für die Berufsschäbigungen und für die Nervosität dar. Eine Reihe von Abbildungen veranschaulicht die wichtigsten behandelten Vorgänge. Weggefährte».*) Abends, ivcnn ich heimwärts Auf demrauhenAckerpfad (schreite Hat ein sonderbar Geleite Ost sich heimlich mir genaht. Müdes Volk, gebeugt den Nacken llnd die Arme schlaff und schwer, Wandeln sie mit Karst und Hacken Stiste Leute, nebenher. Abgestorbne Werkgcnossen, Die den gleichen Grund bebaut, Gleicher Sonne Glanz genossen, Gleichen Sternen stumm vertraut. Der dort mit der Axt, der breiten, War's, der einst den Wald erschlug Und aus kaum verglühten Scheiten Bresche legte für den Pflug. Andre solgen,Schwertund Spaten Glitzern in der gleichen Hand. Müdling jeder. Ihre Täten Hat kein Sang, kein Buch genannt. Jener, steis und ungebrochen, Ist mein Ahne, hart wie Stein, Der das trotz'ge Wort gesprochen: Laßt uns stolze Bauern sein! — Wenn der Heimstat tLichtcrfunkeln, Winkt mir nah des Herdes Glück, Dann bleibt ohneGruß, imDunkelir Festgebannt, die Schar zurück. Einer lächelt: Hold und teuer Sei dir Erdenltcht und Sein! Kehrt ein andrer einst ans Feuer, Ziehst du nmnschlos mit feldein. *) Dieses Gedicht des Schweizer Bauern A, Huggen» berger entnehmen ivir dem „Luzerner Tagblalt". Wir glauben nicht, daß viele der pomphast angepriesenen jüngsten Lyrikbücher Kraftvolleres enlhallen. Goldene Worte. Gut ist das Beten, besser ist das Handeln, Gut ist das Knieen, besser ist das Wandeln; Doch fehlt die Kraft dir, fühlst du dich zertreten, Tann besser ist's, zu knieen und zu beten. Atü dieser Erde kann kein Mensch dem anderen sagen, wie er ihn liebe; die Freundfchast und die Liebe gehe» immer mit verschlossenen Lippen über diese Erde tmd der innere Mensch hat keine Zunge. --- Jean Paul. Rätsel. Ich bin ein Freund dir lieb und wert. Wenn abends du zu Hause, llnd lächle stets dir freundlich zu I» deiner stillen Klause. Doch wenn das Winterkleid bedeckt Den Baum und das Gestätide, Bin ich — ist das nicht tvunderbar? — Dir eine Tafelfreiide. A. A m in a n n Auslösung in nächster Nummer. Auflöfimg des Buchstabenrätsels in voriger.Nummer: Gewinnen, Gewissen. Redaktion: P. Wittko. — Notationsdrtick und Verlag der Brühl'sehen Universitäts-Buch» und Steindruckcrei, R. Lange, Gießen.