emr päißfli nf™r rMUM ^Ifäraai WiMOi »» MZM8 MMW WW^^W Herr Lecoq. Kriminal-Roman, von E. Gabvriau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Man hob ihn mir der größten Vorsicht auf, denn er stöhnte kläglich bei jeder Bewegung; dann setzte man ihn auf den Boden, so daß sein Rücken gegen die 'Wand gelehnt war. In diesem Augenblick öffnete er die Augen und verlangte mit schwacher Stimme Ku trinken. Man reichte ihm einen Becher mit Wasser; er leerte ihn, tat einen tiefen Atemzug und schien wieder einige Kraft zu gewinnen. Wo bist du verwundet? fragte Gsvrol. Am Kopf! Sehen Sie, da! antwortete er, mit einem Versuch, einen seiner Arme zu erheben. O, tme leide ich! 2er Schutzmann, der dem Mörder den Rückzug abgeschnitten hatte, war herangetreten, befühlte mit einer Geschicklichkeit, um die ein alter Wundarzt ihn hätte beneiden können, die klaffende Wunde, die der junge Mann dicht oberhalb des Nackens hatte, und sagte: Das ist nichts von Bedeutung. Aber man konnte sich über ein Zucken seiner Unterlippe nicht tauschen. Cs war klar, daß er die Wunde für sehr gefährlich, wenn nicht für tödlich hielt. Ja, nichts von Bedeutung, bestätigte Gsvrol. Kopfwunden heilen binnen einem Monat, wenn sie nicht auf der Stelle töten. Der Verwundete lächelte traurig und murmelte: Ich habe Verwundete mit immer schwächer werdender Bandit Lacheneur hat mich ins Unglück ge- wudde getäuscht; er gehört hatte. Ja, ja, fuhr der Stimme fort; dieser Pissen. Mein Teil. Bah! Oh. Dagegen ist nichts zu sagen, ich fühle es. Aber ich beklage mich nicht. Ich habe nur, was ich verdiene. Alle Beamten sahen sich bei diesen Worten nach dem Mörder um. Sie glaubten, er würde diese Erklärung sich zunutze machen, um seine Unschuldsbeteuerungen zu erneuern. Ihre Erwartung rührte sich nicht, obwohl er sicherlich alles Lacheneur? „ . „ t , Ja, Lacheneur, ein früherer Schauspieler, der mich gerannt hatte als ich noch reich war . . - denn ich habe Vermögen gehabt; gber ich habe alles durchgcbracht, ich wollte mich amüsieren . . . Er wußte, daß ich feinen Sou habe, kam zu mir und versprach Mir so viel Geld, daß ich mein altes Leben wieder würde beginnen können. . . Und weil ich ihin geglaubt haoe, muß ich jetzt in dieser Spelunke verenden wie ein Hund! ... O, ich will mich rächen! , , ,,, , . Und von dieser Hoffnung stark gemacht, ballten sich seine Fäuste zilsammen. . „ , Ich will mich dachen! sagte er noch einmal. weiß alles lang und breit, mehr als er glaubt. . . -och werde alles sagen! Er hatte seinen Kräften zu viel zugemutet. Der Zorn hatte ihin eine augenblickliche Energie verliehen, aber um den Preis der letzten Lebenskraft, die noch in ihm pulsierte. Als er weitersprechen wollte, konnte er nicht. Zweimal öffnete er iwch den Mund; aus seiner Kehle drang nur ein erstickter Schrei ohnmächtiger Wut hervor. Dies war seine letzte Lebensäußerung; ein blutiger Schaum trat auf seine Lippen, seine Augen verdrehten sich, der Körper streckte sich aus, und unter einem letzten krampfartigen Schauern sank er mit dem Gesicht auf die Erdet Es ist zu Ende! flüsterte Gsvrol. Noch nicht! antwortete der junge Polizist, dessen Einschreiten so gute Dienste getan hatte; aber er hat keine zehn Minuten mehr zu leben. Armer Teufel! — Er wird nichts sagen. Der Inspektor hatte sich, so ruhig als hätte er dem alltäglichsten Vorkommnis beigewohnt, wieder aufgerichtet und klopfte sorgfältig den Staub von seiner Hose. Bah! antwortete er, wir werden gleichwohl erfahren, was für uns von Interesse ist. Der Bursche ist Soldat und feine. Regimentsnummer steht auf den Knöpfen seines Mantels. Also . .! Ein schlaues Lächeln, kräuselte die Lippen des jungen Beamten und er sagte: Ich glaube doch, daß Sie sich täuschen, General. Indessen... Ja, ich weiß; da Sie ihn in Uniform sahen, haben ©te angenommen — jedoch — ■— Nein! Der Unglückliche war nicht Soldat. Mollen Sie von zehn Beweisen auf der Stelle einen? Sehen Sie nach, ob er die Haare vorschriftsmäßig geschnitten trägt. Wo haben Sie schon einen Kommiß-jungen gesehen, dem die Haare bis auf die Schultern fallen? Der Einwand verblüffte den General, aber er faßte sich schnell und sagte schroffen Tonest Denkst du, ich habe meine Augen in der Tappe? Deine Bemerkung ist auch mir nicht entgangen, aber ich habe mir gesagt: Schau, ein Windhund, der sich seinen Urlaub zunutze gemacht hat, um das Haarschneidegeld zu sparen. Das heißt, ivenn nur nicht. . . Aber Gsvrol duldete keine Widerrede mehr und sagte: Genug geschwatzt! Was vorgegangen ist, werden wir alles erfahren. Mutter Chupiu, die Spitzbübin, ist ja jedenfalls nicht tot! Mit diesen Worten ging er ans die alte Iran zu, die tortwährend znsammengekauert auf ihrer Treppe sitzen geblieben war. Seitdem die Schutzleute ähr Haus betreten hatten, hatte sie weder gesprochen, noch sich gerührt. Rur ihr Stöhnen hatte nicht auf- gehört. Mit einer raschen Bewegung riß Gsvrol ihr die schürze von dem Gesicht weg, und man sah ein von Alter, Liederlichkeit, Hunger und Branntwein häßlich gewordenes Weib: runzlig, ws, zusammengeschnurrt, ohne Fleisch auf den Knochen, gelber und dürrer als ein altes Pergament. 1 Vorwärts, ausstehen! rief der Inspektor. Ach was! Deine Jcremiaden rühren mich ganz nnd gar nicht. Du verdientest Prügel für das infame Gift, das du in deine Getränke tust, wodurch deine Trunkenbolde wahnsinnige Wut in ihr Gehirn kriegen. Die Alte sah sich mit ihren kleinen geröteten Augen falt Saal um und jammerte mjt wehleidigem Ton: Was für’n Unglück! .. . Was soll aus mir werden? Alles -erbrochen, zerschlagen! Ich bin ruiniert! Ihr schien nur der Verlust ihres Geschirrs zu Herzen zu gehen. Nun sag mal, fragte Gsvrol, wie ist denn die Schlacht losgegangen? Ach! Davon weis; ich ja gar nichts! Ich war da oben und besserte meinem Sohn seine Sachen aus; da hörte ich einen Streit. 1 Und dann? Na, natürlich bin ich heruntergegangen und da habe ich die drei gesehen, die jetzt daliegen; sie suchten Handel mit diesem anderen, den Sie festgebunden haben, den armen unschuldigen Menschen! Denn er ist unschuldig, so wahr ich eine ehrliche Frau bin. Wenn mein Sohn Polyte da gewesen wäre, so hätte er sich zwischen sie geworfen; aber ich, ’ne Witwe, was konnte ich denn machen? Ich habe ans Leibeskräften um Hilfe geschrien. Nachdem sie dies Zeugnis gegeben, setzte sie sich wieder hin, als wenn sic dächte, sie hätte nun genug gesagt. Aber Gsvrol zwang sie mit einem rücksichtslosen Griff wieder aufzustehen. Oh, wir sind noch nicht fertig, sagte er. Ich wünsche noch mehr Einzelheiten. Was für welche denn, lieber Herr Gsvrol? Ich habe ja doch nichts gesehen. Der Zorn begann dem Inspektor in seine großen Ohren zn steigen, daß sie ganz rot wurden. Was würdest du dazu sagen. Alte, wenn ich dich verhaftete? Das wäre eine große Ungerechtigkeit. Dazu wird cs aber kommen, wenn du dich aufs Schweigen versteifst. Ich habe so 'ne Idee, daß vierzehn Tage Saint-Lazare dir ganz prächtig die Zunge lösen würden. Der Name id.es Weibergesängnisscs wirkte auf die Witwe Chnpin, als würde sie elektrisiert. Sie stellte sofort ihr heuchlerisches Jammern ein, richtete sich empor, stemmte stolz ihre Fäuste in die Hüften und begann Gsvrol und seine Leute mit Schimpfworten zu überhäufen: Sie hätten immer etwas gegen ihre Familie, fie hätten ja schon ihren Sohn festgenommen, einen ausgezeichneten jungen Mann. Uebrigcns hatte sie keine Angst vor dem Gefängnis, sie wäre sogar ganz zufrieden, wenn sie ihr Lebend« beschließen könnte, wo sie doch vor Mangel geschützt wäre. Einen Augenblick versuchte der General, der Megäre Schweigen zu gebieten, aber er erkannte, daß er dazu nicht die Macht besaß. Uebrigcns lachten alle seine Untergebenen. Er drehte ihr also den Rücken zu, trat an den Mörder heran und sagte: Na, du wenigstens wirst dich doch nicht weigern, uns Auskunft zu geben? Der Mann zögerte einen Augenblick, dann antwortete er: Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, habe ich gesagt. Ich habe Ihnen versichert, daß ich unschuldig bin, und eilt Mann, der, von meiner Hand getroffen, im Todeskampfe lag, hat meine Erklärung bestätigt, ebenso diese alte Frau. Was wollen Sie noch mehr? Wenn der Richter mich verhört, werde ich vielleicht antworten. Bis dahin denken Sie nur nicht, von mir ein Wort zu erfahren. ! ,. Es war leicht 'zu sehen, daß der Entschluß des Mannes unerschütterlich feststand;_ dies konnte übrigens einen alten Krinnnal- inspektor nicht überraschen. Sehr ost setzten Verbrecher im ersten Augenblick allen Fragen völliges Schweigen entgegen. Trotzdem hätte Gsvrol vielleicht weitere Versuche gemacht; aber man meldete ihm, der „Soldat" habe soeben den letzten Atemzug getan. Er sagte daher: > Na, wenn es so ist, Kinder, dann werden zwei von euch hierbleiben, und ich werde mich mit den anderen auf die Beine machen. Ich werde den Polizeikommissär wecken nnd ihm den Fall übergeben; er wird sich damit abfinden, und wir gehen vor, je nachdem er seine Entscheidung trifft. Jedenfalls ist meine Verantwortlichkeit gedeckt. Nehmt also unseren! Kunden die Fesseln von den Beinen und bindet der Mutter Chnpin ein bißchen die Hände zusammen; wir werden die beiden im Vorbeigehen auf der Polizeiwache abliefern. ' Alle Beamten beeilten sich zu gehorchen, mit Ausnahme des jüngsten von ihnen, eben jenes, der sich des Generals Lobsprüche zugezogen hajte. Er trat an seinen Vorgesetzten heran, machte ihm ein Zeichen, daß er ihn: etwas zu sagen habe und zog ihn vor die Tür. ; Als sie ein paar Schritte vom Hause entfernt waren, fragte Gsvrol: ; Was willst du von mir? Ich möchte gern wissen, General, wie Sie über diesen Fall denken. s M denke, mein Junge, vier Spitzbuben haben sich in dieser Räuberhöhle getroffen, haben Streit bekommen, nnd von Worten ist man zu Schlägen übergegangen. Der eine von ihnen hatte einen Revolver; er hat die anderen getötet. Das ist klar wie Kloßbrühe. Je nach seincni Vorleben und auch nach dem Vorleben der Opfer, wird der Mörder verurteilt werden. Vielleicht ist ihm die Gesellschaft sogar Dank schuldig. . . Und Sie halten Nachforschungen, Untersuchungen für überflüssig? । .. Ganz und gar zwecklos! Der junge Polizist schien nachzudenken; dann begann er. wieder: Es ist nur. . . nämlich mir selber, General, ist diese Gü- schichte nicht völlig klar. Haben Sie den Mörder beobachtet, feine Haltung geprüft, sind Sie seinen Blicken gefolgt? Habest Sie, wie ich, von ungefähr bemerkt . . . Was denn weiter? Nun, mir scheint. . . ich täusche mich vielleicht, aber kurz und gut: ich glaube, wir lassen uns durch den Augenschein! täuschen. Ja, ich ahne so etwas. . . Bah! Und wie erklärst du dir diese Ahnung? Wie erklären Sie sich die Witterung des Jagdhundes? Gsvrol, als eifriger Verfechter der nur auf Tatsachen Gewicht legenden Richtung der Kriminaltheorie, zuckte geringschätzig die Achseln und spottete: Mit einem Wort: du ahnst hier ein Melodrama. . . eine! Zusammenkunft verkleideter großer Herrschaften in der „Pfeffer- büchse" bei der Chnpin. . . wie im Ambigutheatcr. . . suche, mein Junge, suche! Ich erlaube es dir! Wie? Sic erlauben? Das heißt sogar: ich befehle cs dir. Dn wirst hier bleiben, und zwar mit einem von den Kameraden, den du selber wählest kannst. Und wenn du irgend was findest, was ich nicht gesehen habe, so erlaube ich dir, mir eine Brille zu schenken! ! 2. Kapitel. Der Beamte, dein Gsvrol eine von ihm selbst für überflüssig! gehaltene Untersuchung überließ, war ein Anfänger. Er hieß Lecog. Er war ein Mann von 25 bis 26 Jahren, beinahe bartlos, blaß, mit roten Lippen und sehr dichtem, gewelltem schwärzest Haar. Er war ein bißchen klein, aber gutgewachsen, und alle! feine Bewegungen verrieten eine nicht gewöhnliche Stärke. Sonst war an ihm nichts Auffallendes, außer dem Auge, das bald aufblitzte, bald erlosch, wie bas Feuer eines Leuchtturmes, nnd der Nafe, deren breite, fleischige Flügel eine überraschende Beweglich/- keit zeigten. Als Sohn einer reichen und angesehenen Familie der Normandie hatte Lecoq -eine gute und gediegene Erziehung empfangen., Er hatte eben seine Studien der Rechtswissenschaft in Paris begonnen, als er im Laufe einer Woche Schlag auf Schlag erfuhr^ daß sein Vater vollständig ruiniert gestorben wäre, und daß seine Mutter ihn nur jwm wenige Stunden überlebt hätte.... Er stand also allein in der Welt, -ohne Mittel, und er mußte leben. Da konnte er so recht ermesfen, was er eigentlich verstand; cs' war gleich Null. Die Universität gibt auf das Abiturientenzeugnis hin keine! lebenslängliche Rente. Was halle also der Verwaiste von feinest Gymnasiastenkenntnissen? Er beneidete die Leute, die einen praktischen Beruf verstehen und kühn beim ersten besten Arbeitgeber eintreten und sagen können: „Ich möchte Arbeit haben." Sie können arbeiten und haben zu essen. Leeoq suchte sein Brot in allen Berufen, die den Deklassiertest zugänglich sind. Undankbare Berufe! Es gibt hunderttausend Deklassierte in Paris. Einerlei! Er ging mit Tatkraft ans Werk. Er gab Unterricht und kopierte Akten für einen Advokaten; er war Kolporteur, Jnseratensammler, B-ersich^rimgsagent.... Zuguterletzt erhielt er eilte Stellung bei einem Astronomen, dem berühmten Baron Moser. ' Er hatte den ganzen Tag Be- rechnitngcn zn kopieren, bei deren Zahlen ihm der Kopf wirbelte, nnd er bekam dafür monatlich hundert Franken. Davon konnte ep notdürftig leben. 1 Mer ihn überkam eine große Mutlosigkeit. Nach fünf Jährest war er immer noch auf demselben Fleck. Eine Mut stieg in ihm auf, wenn er ast alle gescheiterten Hoffnungen, vergeblichen Versprechen, erlittenen Demütigungen dachte.' Die Vergangenheit war traurig gewesen, die Gegenwart war beinahe unerträglich, die Zukunft drohte fürchterlich zu werden. (Fortsetzung folgt.) — >591 — Der Dorfkönig. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. . (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wie eilte Reliquie faßte sie das halbe Herz an, ordnete die Blumenreste und glättete den Papierstreifen. Ihr schien es, als läge die Zeit, da sie das Herz bekam, ein Menschenalter zurück. Und wie lange war es her? Noch nicht drei Jahre. Sie schloß die Augen und ließ die ganze schöne Zeit vorüber- zieheu. — Und das könnte alles noch sein, wenn sie sich damals besser geprüft, wenn sie damals dem Drängen des Vaters, den das Adelsschild lockte, nicht so schnell nachgegeben hätte. Sie war an allem selbst schuld, sie und der Vater! Mit dieser Erkenntnis überkam sie harter Trotz. Sie wollte cs nun auch tragen, — sie den -Kummer und der Vater die Kosten. Sie wollte jetzt nicht mehr heim, sie wollte ausharren auf dem Posten, den sie sich selbst erwählt. Die bunte Schachtel mit dem Hertz verbarg sie sorgsam in eine kleine, hölzerne Schatulle. 15. Kapitel. Vier Jahre waren seitdem vergangeit. Die jungen Horbachs wohnten noch immer draußen in Gohlis an der Kanalstraße. Es war noch dasselbe Haus, noch dieselben Räume, noch dasselbe Leben: Ernst v. Horbach, jetzt Rittmeister, nie zu Hause, immer unterwegs, in Berlin, in Hannover, in Baden-Baden, — wo es zu rennen gab, zu rennen und zu leben. Und Erika hatte dafür zu sorgen, daß dem Herrn Rittmeister das Geld nicht ausging. Sie stand am Fenster! und blickte erwartungsvoll auf die .Straße. „Wie lange der Vater braucht, bis er die Treppe hinunterkommt !" Sie hörte die knarrende Haustür. — Da kant er. Der alte Guttermann nickte noch einmal herauf, dann schritt er quer über die Straße mit eckigen Bewegungen und steifen Schritten. Wie das schlohweise Haar leuchtete! Beinahe ehrwürdig sah der Vater aus. — Sie sah ihm nach, bis er an der Ecke verschwand, zwei Schritte später erblickte sie nochmals sein weißes Haar durch eine Lücke des Gartenzannes. Sie wandte sich vom Fenster. Auf dem Tische lagen etliche Bogen. Das war die Abrechnung, die ihr der Vater bei seinem Besuche in Leipzig gebracht hatte, die Abrechnung über alles, was ihr seit ihrer Verheiratung vom. Vater zugeflosseu war. Sie Überlas noch einmal die Zahlen. 10 000 Mk. die Ausstattung, 1000 Mk. die Hochzeitsreise — und dann kam ein Heer von Tausenden und darunter die Summe: 114 Tausend Mark in 4Vz Jahren. — Sie lächelte müde. Die Zahlen, die Summen ließen sie so kalt. Was war das Geld, das verlorene Geld gegen die Qualen, die sie in den vier Jahren ertragen! „Das muß anders werden!" hatte der Vater gesagt. Ja, wer sollte es ändern? — —. Am Nachmittag kam Emst. „War dein Vater da?" „Ja." „Gib mir das Geld!" „Geld??" „Na ja —■ dn solltest dir doch viertausend Mark geben lassen." Sie schob ihm ruhig die Abrechnungspapiere zu, auf die -er nur einen Blick warf. Er lachte auf, häßlich und verächtlich. — „Krämerseele! ■—. Also bitte das Geld!" „Ich habe keins." „Du — — du hast keins? Du hast kein Geld? — Das sagst du mir so kaltblütig ins Gesicht? Du steckst wohl mit dem Geizkragen unter einer Decke?!" Er war totenbleich geworden, dagegen die Schmarre an der linken Schläfenseite, die von einem Streifschuß aus dem Feldzuge herrührte, glänzte blutigrot, und die Schmitze der Reitpeitsche tänzelte auf dem Teppich, so zitterte seine Hand. Erika sah, wie er sich nur noch mühsam beherrschte, sich nicht tätlich an ihr zu vergreisen. Diese Schmach wollte sie ihm und sich ersparen. Deshalb verließ sie das Zimmer und ging in ihr Boudoir. Wenige Minuten später kam das Mädchen und sagte: „Der Herr Rittmeister läßt die gnädige Fran ersuchen, sich in große Toilette zn werfen. Er habe für heute abend eine Ein- laditng beim Geheimen Kommerzienrat Enkau angenommen." Sie gehorchte. Sie war das so gewohnt. .Er verfügte Mer sie. Wenn er sie brauchte, befahl er einfach, wenn er sie nicht brauchte, existierte sie nicht für ihn. Mit mechanischen Griffen legte sie die Ballkleider an, von dem Mädchen unterstützt. Dann saß sie neben ihm im Wagen mit steinernem Gesicht und den großen starren Augen. So stieg sie auch an seiner Seite in Enkaus Villa die Marmortreppe hinauf. „Mach nicht solch fürchterliches Gesicht!" raunte er barsch. Da legte sich, wie das verstellbare Rampenlicht im Theater, im Augenblick sonniges Lächeln über ihr blasses Gesicht. Sic konnte das, sie brachte das fertig, sie hatte das gelernt unter seiner Erziehung. Sie ftmittc lächeln mit zuckendem Herzen, wenn er cs so wollte. — Geheimer Kommerzienrat Enkan begrüßte sie freundlich und stellte sie eilitfjen Herrschaften vor. Es war eine illnstre Versammlung. Viele Uniformen, viele Orden, große Toiletten, klangvolle Namen und Tittcl. Ihr Mann hatte sich zu etlichen Kameraden gesellt und Erika stand einen Augenblick allein, immer noch das befohlene Lächeln auf den Lippen. Ein Herr, groß und schlank und in tadellos sitzendem Fracke, trat zn ihr. Der Kommerzienrat hatte ihn vorhin mit vorgestellt, aber sie hatte kaum hingehört, viel weniger sich seinen Namen gemerkt. „So verlassen, Gnädigste?" Erika zuckte zusammen. Das Lächeln vertiefte sich. „Unter so viel Glanz einen Augenblick für sich, tut wohl!" Ganz absichtslos, ganz konventionell sagte sie das. „Sie haben recht! Eine Minute des Sammelns braucht man, — und besonders einer, der sonst einsam ist." — Sie blickte den Herrn an. Es schien ihr, als habe sie in ganz, ganz fernen Zeiten ein Gesicht wie dies schon einmal gesehen. Doch das mochte eine Täuschung sein. Sie sagte leise: „Einsame Menschen fühlen sich nicht wohl unter der lauten Fröhlichkeit. Die stille, innere Fröhlichkeit ist für sie mehr." „Wd haben gnädige Fran solche Weisheiten geschöpft? Man findet sie sonst nicht bei der schönen Jugend." Ein schmerzliches Lächeln, jetzt ein wahres, gab ihrem Gesicht eilten rührenden Ausdruck. > Sie klappte nervös den Fächer aus und zu und blickte zn Boden. Ihr Blick fiel auf ein Berlocke an seiner Uhrkette. In der Absicht, auf ein anderes Thema überzulenken, fragte sie ihn, woher er den seltsamen Schmuck habe. Er nahm das Berlocke in die Hand. Es war -ein alter, sächsischer Knpfer- breter in goldener Einfassung. Tie Münze war schmutzigbraun nur ein kleiner, glänzender Fleck stach hervor. „Das ist mir ein liebes Kleinod, — nicht nm mein Leben seil. Ich habe es aus Meißen." „Aus Meißen?! — tonen Sie die Elbstadt? Ja?! — Ach, dann wollen wir davon sprechen; bitte recht viel und recht für uns!" — Leichtes Rot belebte ihr blasses Gesicht, die Augen blickten nicht mehr so starr. Sie schritten nach einer Fensternische, wo große Blumenarrangements aufgestellt waren. Unter einer prächtig blühenden Hortensie setzte sie sich ans einen geschnitzten Hocker und er lehnte sich an eine Säule. Erika erzählte nun von der alten Markgrawttstadt und von Madame Hennig und von ihrer Schwägerin Beate von Horbach, die jetzt in Rußland sei als Gesellschafterin der Gräfin Dosky, und die Gräfin Dosky sei keine andere als ihre Pensionsjchwester Doris.--- Der große, schlanke Mann blickte ihr immerfort in das Gesicht und lächelte still. Ein wehmütiges Lächeln. „Ach — da erzähle ich Ihnen wie einem alten Bekannten meine Backfischgeschichten — und ich kenn Sie nicht einmal dem Namen nach." (Fortsetzung folgt.) Die Geheünmße des modernen Haarmarktcs. Mit den wachsenden Dimensionen der modernen Damen- hntc, die mit den neuesten Herbstmoden einen Gipfel der Ausdehnung erreicht zu haben scheinen, sind auch die Frisuren gewachsen und wo früher in leicht gewellten Locken das weiche Haar die Linien des Schädels mit bescheideneren Abweichungen variierte, türmt die moderne Modedame jetzt breit ausladende in weiten Schwingungen ondulierte Coiffuren, die einen Reichtum natürlichen Haarwuchses ahnen lassen können, der mit der Wirklichkeit nicht immer über- einstimmt. Wenn früher allein jene Frauen, deren Haarwuchs den Anforderungen einer kunstvollen Frisur nicht voll entsprechen konnte, zum falschen Zopfe ihre Zuflucht nahmen, so begnügen sich die Eleganten von heute nicht 692 mehr mit dieser bescheidenen Ergänzung und greifen gleich zu ganzen anmutig ondulierten hohlen Lockenperücken, die über das natürliche Haar gestülpt werden und abgesehen vor der ersparten Mühe der so umständlichen Arbeit des Frisierens noch den Vorteil bieten, die eigenen Haare zu schonen. Sowohl in Paris wie auch in Amerika ist diese Mode in den letzten Monaten zu einem unabsehbaren Triumph gekommen, und die anmutigen Newyorkerinnen, die als amerikanische Bahnbrecherinnen der Eleganz gelten und die vor zwei Jahren noch allenfalls eine kleine Ergänzung des eigenen Haares gut hießen, vorausgesetzt, daß sie nicht zu schwer und auffällig tvar, tragen heute in ihren prachtvollen Frisuren eine Fülle fremden Haares, das durchschnittlich ein Gewicht von 16 Unzen repräsentiert, mindestens das Achtfache der früheren Moden. Damit aber ist auch die Nachfrage nach künstlichem Haare außerordentlich gestiegen, und die Haarhändler in Newyork wie auch in Paris haben ihre schweren Sorgen, woher sie das kostbare Material schaffen sollen, mit dem die Schönen in den Salons die Blicke der Bewunderer anziehen. In Newyork sind allein in den letzten Tagen mehr als eine Tonne unbearbeiteten Menschenhaares und 22 große Kisten Perücken eingetroffen, und doch versichern die Sachverständigen, daß damit nur ein kleiner Teil der Wünsche befriedigt iverden könne und daß daniit ein tveiteres rasches Steigen der ohnehin schon hohen Haarpreise nicht ansbleiben wird. Nur wenige der eleganten Frauen, die in blinder Gefolgschaft der Mode die in ihren Formen so reizvollen ivallen- den modernen Frisuren bevorzugen und daher zu falschen Locken greifen, mögen ahnen, welcher Herkunft das Haar ist, das nach kunstvollem Bleichungsprozeß, nach sorgsamer Färbung und nach geschickter Behandlung dnrch den kundigen Friseur so anmutig und hübsch anssehen kann. Es ist in erster Linie China, das alte himmlische Reich, das das Verlangen unserer eleganten Damenwelt nach ergänzenden Haarlocken und Haarsträhnen befriedigt. Aber es sind keineswegs die lebenden Chinesen, die für gutes Geld oder etwa aus Sympathie für die schönen Europäerinnen ihren kostbarsten Schmuck, ihren Zopf opfern. Der ausgedehnte Handel an Menschenhaar, der in China betrieben wird und dessen Waren teils in Paris, teils in London so bereitwillige Abnehmer finden, hält sich in erster Linie an die chinesische Justiz, die indirekt dafür sorgt, daß die europäischen Händler genügend Menschenhaar erstehen können. Denn es ist Brauch, das Haar der Hingerichteten Verbrecher und Banditen sofort an die Händler zu verkaufen und gerade die letzten Monate mit den blutigen Massenhinrich- tungen gefangener Tschungtschusen und mandschurischer Räuberbanden waren für den Haarhandel eine Rettung aus der Not. Mlein nicht nur das Haar derer, die unter dem chinesischen Richtschwert ihr armes Sünderdasein verbluteten, begegnet uns wieder in den graziös gekräuselten Locken unserer Schönen. „Seitdem die europäischen und amerikanischen Damen soviel Menschenhaar verlangen," so äußerte sich Kapitän Grimes, der Kommandant der Seneca, die soeben einen großen Haartransport nach Newyork gebracht hat, „ist die Perückenindustrie unb das Zopfsammelwesen in China ganz außerordentlich angewachsen. Wenn ein Chinese stirbt, so bringt man ihn im Sarg zum Friedhof, wo er einige Wochen lang unbegraben liegen bleibt, damit nach dem Volksglauben der Seele Zeit gegeben wird, zu entweichen. Erst dann wird der Sarg vergraben. Aber diese Zwischenzeit wird seit den letzten Jahren von pietätlosen Schlauköpfen und von skrupellosen Händlern systematisch und mit aller Umsicht planmäßig dazu ausgenutzt, die Toten ihres Haarschmuckes zu berauben und ihre Zöpfe abzuschneiden. Die großen Sendungen chinesischen Haares, die letzthin nach Europa und nach Amerika gehen, bestehen zum weitaus größten Teil aus Haarmassen, die auf diesem Wege von den Leichen gestohlen wurden, falls sie nicht von Hingerichteten Mördern und Wegelagerern kommen. . . ." Vermischtes. * Wie schützt man sich gegen Cholera? In einer Zeit, wo sich die ganze Welt mit der Choleragefahr beschäftigt rind von allen Behörden die irmfassendsten Vorsichtsmaßregeln gegen die Einschleppung dieser Seuche getroffen werden, erscheint es auch ratsam, persönlich gewisse Vorsicht in der täglichen Nahrung zu beobachten. Mau wird daher gut tun, folgende Empfehlungen genau einzuprägen urrd nach Tunlichkeit einzuhalten: Man ver- rneide alle rohen Früchte und Gemüse. Man trinke nur gekochtes Wasser, um die Bazillen zu töten oder Mineralwasser. Man bevorzuge heiße Nahrung, da die während einer Epidemie sehr verbreiteten Bazillen sich leicht aufs kaltem Fleisch und Fisch ansetzen. Es ist ratsam, wenn auch nicht unbedingt erforderlich, das Brot vor dem Essest etwas zn rösten und den Mund von Zeit zu Zeit mit enterst antiseptischen Mittel, das in heißes Wasser gegeben wird, zu reinigen. Man trinke recht viel heißen Kaffee und Tees sowie Bordeaux-Wein, der wegen seines Tanninreichtums ein vorzüglicher Bazillenvernichter ist. Ferner wasche mast die Flaschen, die Getränke enthalten, und alle Gläser vor dem Trinken gut ab. * Spanien, das Eldorado der Tabakraucher. Spanien, das Land der Widersprüche auf allen, Gebieten menschlicher Tätigkeit und Empfindungen ist entschieden das Eldorado der Tabakraucher. Die angesehensten Männer rauchen in den feinsten Gesellschaften und in den vornehmsten Häusern zünden sich alle Herren und Damen nach dem Tee ihre Zigaretten oder sogar Zigarren an. Während der Sitzungen rauchen die Abgeordneten und ihr Zigarrenbedarf wird aus der öffentlichen Kassa bezahlt. Jeder Beamte, der dienstliche Reisen zu unternehmen hat, erhält außer seinen Diäten noch eine Entschädigung für das Rauchen. Beamte in allen Aemtern erfüllen rauchend ihre Pflichten und selbst Soldaten rauchen während deZ? Exerzierens, ebenso Polizisten und Gendarmen. Die Letzteren finden es ganz in der Ordnung, wenn ein gefesselter Verbrecher unterwegs ganz gemütlich seine Zigarette raucht.. An- und Einsichten. Nichts macht eine schöne Frau so unbeliebt wie die Tugend. Ein Mensch, der selten Wein trinkt, unb eine Frau, die selten Huldigungen erlährt, werben von der Wirkung berauscht, werden taumeln und — kalten. Wer an beides gewöhnt ist, dem steigt eS nicht so leicht zu Kopfe. * Das meiste ist Zufall im Leben, bisweilen sogar die Treue. * Häufig sängt die Liebe mit der geschmeichelten Eitelkeit an unb hört mit der verletzten Eitelkeit auf. * Der Kuß ist das Präludium in der Symphonie der Liebe, ec ist aber auch das Leitmotiv, das stets iviederkehrt. . Emma Friedländer-Werther. Borsetz-Rätsel. Es sind 8 Wörter von der unter a. angegebenen Bedeutung zu suchen und sodann durch Vorsetzen eines neuen Buchstabens Wörter von der unter b. angegebenen Bedeutung zu bilden. (Beispiel : Strich — Estrich.) Sind die richtigen Wörter gesunden, s» ergeben die Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen einen bebeulenbeit Mann bes Jahrhunderts. a. Maß, Nagetier, Himmelsrichtung, Raubvogel, Art der Vegetation, Teil des Baumes, Griechischer Philosoph, Stand; b. kleines Gemach, biblischer Ort, Sicherung, Vereinigung, männl. Vorname, Bürde, griechischer Redner, Werkzeug. Auflösung in irächster Nummer. Auflösung der Chamde in voriger Nummer: W e t t e r a u. Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.