Donnerstag den 20. Angnst 1908 BB® M Sie sollen ihn nicht haben! Novelle aus der Zeit der Eisenbahnfurcht. Von Johannes Proelß. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Als er sich dann auch von seinem Ressovtchef verabschiedet hatte und im schleunigen Tempo der Extrapost auf der Straße nach Mainz dahinfuhr, war seine Phantasie fieberhaft beschäftigt, den Fluchtplan für Hell zu entwerfen. Die nächtliche Expedition auf die Peters'aue mußte Gelegenheit geben. Einmal lachte er mitten in seinem schmerzlichen Grübeln auf. Er dachte an den Plan seiner Frau, wie der wachhabende Offizier, der Leutnant von Klötzl vom österreichischen 2. Grcnadicrregiment, auf dem gefährlichen Fort genasführt werden sollte. Troß der Schnelligkeit der Fahrt war eS bereits 10 Uhr abends, als er am Festungstor vor Kastel hielt, und das' Tor ordnungsmäßig geschlossen vorfand. Als er seine Paßkarte dem! öffnenden Wachtposten durch das Wagenfenster reichte, durch- fchauerte ihn der Gedanke: Der hat nun gewiß auch schon Befehl, den unglücklichen Hell hier nicht mehr herauSzulassen! Ob dessen Haus schon bewacht würde? Er ließ den Wagen vor dem „Bären" halten und näherte sich dann vorsichtig dem hübschen Gartenhäuschen, das Hells bewohnten. Friß und Käthe saßen im gemütlichen Behagen an dem Tisch, an dem sie zu Nacht gegessen hatten. Unsäglich schwer fiel eS Werner, die ersten Worte seiner Schreckenskunde hervorzustammeln. Schwer siel es ihm auch, Hells Kampflust zu zähmen, der gleich direkt nach Darmstadt wollte, um im Gefühl seiner Unschuld sich dem Minister zu stellen. Werners Hinweis auf Hells journalistische Tätigkeit, die den Minister erzürnt haben könnte, öff- nete ihm die Augen. Nein, schleunige Flucht war hier das einzige! Schleunige, aber nicht übereilte! Käthe, die immer noch mit den Tränen rang, stimmte eifrig bei. Mit gefaßter Tapferkeit rief sie: „Und ich gehe mit dir!" — „Bleibst du nicht fürs erste besser bei uns?" wandte Werner fragend ein. Doch Hell umfaßte sein junges Weib. „Nein, sie begleitet mich! Ich versprach eS ihr am Tage meiner Heimkehr!" Man beriet hin und her. Hoffnung, Trost, Zuversicht stellten sich ein. Käthe, die mit einer Freundin an dem Plan ihrer Schwester, den Leutnant auf dem Petersäuer Fort irrezuführen, beteiligt war, schlug vor, dies Vorhaben auszunützen. Werner rechnete sicher darauf, daß er den ihm zur Verfügung gestellten Polizeileutnant irgendwie werde veranlassen können,, die beiden zur Verhaftung Hells bestimmten Gendarmen tagsüber in Anspruch zu nehmen. Wohl standen die Augen der jungen Frau, alS Werner aufbrach, noch in Tränen, aber schon sprach auch wieder eine frohe zuversichtliche Entschlossenheit auS dem lieben Gesicht, das ihn gerade mit diesem Ausdruck von Lebensmut so lebhaft an die etwas volleren Züge seiner Lotte erinnerte. Als am nächsten Abend die Sonntagsglocken den Mainzern die zehnte Stunde ansagten, regte sich auf deM Main vor der Schiffsbrücke ein ungewöhnlich geheimnisvolles Leben. In dunklen Umrissen tauchten große und kleine Lastschiffe auS dem dicht lagernden Nebel auf, um eines nach dem andern lautlos gleich Schatten durch die Lücke zwischen den PontonÄ ink Dunkel wieder zu verschwinden. Nur die roten und grünen Signallichter stachen noch eine Weile schimmernd gleich kleinen Leuchtkäfern durch den Nebel. Und alle diese stillen Schliffe nahmen den gleichen KurS und glitten Herr Strom hinab, der sich zwischen den beiden langgestreckten Inseln, der Ingelheimer und der PeterSaue nach Biebrich zu hinzieht. Der wachhabende Leutnant auf deM Fort der Petersaue beobachtete anfangs mit Interesse das Schauspiel, das für ihn nichts Uebervaschendes hatte. Wie alle anderen Festungswachen war natürlich auch er von dem Durchzug der Schiffe dienstlich unterrichtet. Bald aber trieb ihir eine innere Unruhe auf die anders Seite des Forts, wo er mit seinem Feldstecher in höchster Span-, nung das Kasteler Ufer absuchtc, als ob er dort ein viel erban- licheres Schauspiel zu erwarten habe. Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn, daß er zu ungeduldig sei. Erst um Elf durfte er den Besuch erwarten. Seiner Mannschaft hatte er Erlaubnis erteilt, sich durch Kartenspiel die Zeit zu vertreiben. Er brauchte keine Zuschauer bei dem kleinen Abenteuer, dem er entgegensah! Als er die Leute jetzt noch einmal inspizierte, konnte er zu seiner Beruhigung feststellen, daß diese in den nächsten Stunden für Herzdamen nur in Form von Kartenblättern interessiert sein würden. Schmunzelnd über seine Schlauheit ging der Leutnant wieder an den Auslug. Der junge von Klötzl war ein verliebtes Blut, und die schönen Mainzerinnen, denen der Karneval alljährlich eine hohe Schule für ein harmlos übermütiges Spiel mit solch leicht entzündbaren Herzen' ist, hatten von ihm manch lustige Geschichte zu erzählen, in welcher er sich alS Held gefühlt hatte, während er in Wirklichkeit nur der Necklust fröhlicher Frauen-, larure zur Zielscheibe diente. Auf dem großen Maskenball am letzten Dienstag hatten solch ein Spiel drei weibliche DominoS in den Mainzer Stadtfarben mit ihm getrieben. Sie hatten sich Lore, Käthe und Lotte genannt, waren aber in der Maske so schwer zu unterscheiden gewesen, daß er sie immer wieder verwechselt hatte. Jeder hatte er sein Leid geklagt, daß er am nächsten Sonntag Tag und Nacht das Petersäuer Fort bewachen müsse und sie unter heißen Liebes- schwüren um ein Stelldichein auf der „wüsten Insel" gebeten^ um in fröhlicher Fortsetzung der Karnevalslust ihm die Zeit zu vertreiben. Jede der drei Masken hatte ihn schließlich verhöhnt, weil er ja auch den anderen die gleiche Bitte ans Herz gelegt habe. Am andern Morgen aber hatte er ein duftiges" Briefchen erhalten: sie würden alle 'öwer ihn erbarmungsvoll in seiner Einsamkeit besuchen — abends" gegen Elf — in einem Kahn von Kastel aus, wo sie an dem Abend bei Bekannten eingeladen wären. Wenn er alle drei beim rechten Namen nenne, dürfe er von jeder einen Kuß erbitten. Bor des Leutnants Augen, welche krampfhaft durch den Nebel nach Kästel hinstarrten, gaukelten die drei Dominos, die abex intm'er Wiedel spukhaft zu einer Figur verschwimmen. Schon Ivar es Elf. Wie er so lauschend stand, da war es ihm auf einmal, als höre er aus der Ferne, voM unteren Ende der Insel her, Gesang. Er lauschte gespannt und unterschied nun auch, das; dort das Rheinlied mitten in Nacht und Nebel gesungen wurde. Das war nichts Seltenes : die Biebricher Fischer sangen vst beim nächtlichen Aufbruch zum Fischfang. Durch den Gesang übertönten Werners Arbeiter auf sein Anraten das starke Geräusch, welche das Ausschütten der Steine verursachte. Die Mainzer aber unter denselben, denen nun doch „ein Licht" aufging, die meinten mit diesem „Sie sollen ihn nicht haben" den Stromlauf und dachten an die Biebricher, und die Freude über den gelungenen Streich, welchen sie jenen spielten, klang aus dem trotzigen Singen. Der Leutnant sah noch immer in der Richtung nach Kastel ans. Da endlich löste sich drüben vom Ufer ein kleiner Nachen und näherte sich mit kräftigen Ruderschlägen der Jnselspitze. Jetzt hob Herr v. Klötzl sein Perspektiv und suchte so, die lang ersehnten Gäste zu erkennen. Aber was war das — täuschte ihn der dichter gewordene Nebel? — er sah nur eine Person in dem Kahn! Dann besann er sich und schmunzelte pfiffig: „Ah, um so besser, wenn nur eine kommt! und ganz allein! Rudert selbst!" Er wurde immer ungeduldiger. Es dauerte ihm eine Ewigkeit, bis der Nachen herankann So scharf er durch das Glas blickte; die Unirisse der heranrudernden Gestalt blieben undeutlich. Wer aber beschreibt seine Enttäuschung, als in diesem Moment ein großer starker Mann in Schifsertracht seine Hülle fallen ließ, sich von' stier Ruderbank erhob und in kräftigem Mainzer Deutsch ihm zurief: „Die Dame lasse grieße. Se dhäte käme, awer noch uet gleich!" . Damit setzte sich der Mann, dessen bärtiges _ Gesicht ein breitkrämp-iger Hut beschattete, wieder hin, ergriff die Ruder und verschwand alsbald, die Jnselspitze in einem Bogen umfahrend, im Nebel. So mußte Klötzl sich aufs neue in Geduld fassen. Aber astch jetzt blieb sein Warten vergeblich, wenn es auch vier Uhr i«rd, ehe er in großer Erbitterung und stark verschnupft sich w sein Gelaß zurückzvg. Hell aber —- denn dieser war der unwillkommene Bote — durchschnitt mit seinem leichten Kahn, an der Südspitze der Ingelheimer Aue vorbeifahrend, den Strom'. Ungefährdet landete er am anderen User bei Mombach und tiefaufatmend pries er sein Schicksal, das ihn abermals glücklich atis drohender Gefahr gerettet hatte. Im Mombacher Wald stand ein leichter Wagen und in diesem saß Käthe. Auf dem Bock hielt ein sicherer Mann die Zügel, der schon vor sechs Jahren manche „Flüchtlingspost" erfolgreich Wer die Grenze gebracht hatte. Es gelang ihm auch diesmal . . . Sie sollten ihn nicht haben! Das gab ein Halloh am anderen Tag, als die Sonne des ersten. März die Nebel von der Rheinflut vertrieb und sich in Biebrsch und Mainz die Kunde von dem neuen Steindamm im Rhein verbreitete. Das Kölner Dampfschiff, das am Vormittag M Biebrich anlangte, versuchte umsonst zwischen den alten Damm und hem über Ngcht entstandenen Staudamm hindurchzukommen; es mutzte umkehren und seinen Weg wie in früheren Zeiten zwischen der Ingelheimer Au und der Nettbergs!-Au nehmen. Noch am selben Tag war an allen Straßenecken von Biebrich und von Wiesbaden eine Bekanntmachung angeschlagen, daß das Landen der Dampfschiffe in Biebrich infolge Sperrung der Durchfahrt zwischen den beiden vor Biebrich liegenden Inseln vorläufig aufgehoben sei. Am gleichen Tag erschien der dirigierende Minister von Nassau beim Präsidialgesandten ank Bundestag, Grafen Münch-Belling- hausen trt Frankfurt, um Namens seines Herzogs beim Bundestag gegen Hessen-Darmstadt Klage zu führen. Anderen Tages konferierte d u T h i l in Frankfurt mit Münch, um sich wegen des Gewaltstretchs gegen Nassau zu verantworten. Gerüchte gingen, Ä käme wegen der Rheinspewe bei Biebrich zwischen beiden Landern zum Stiege. . Ein Federkrieg ja, und ein langwieriger, entstand! Der Ver- nnttlung des Grafen Münch, der selbst an Ort und Stelle er- fchren, gelang es schließlich, einen Vergleich anzubahnen: man mußte sich beiderseits dazu verstehen, von den Steindämmen so ^'"tragen, um einen Durchlaß für größere Schiffe zu schaffen. 4 ■ tnt Tto^'^ien 3"hr Prinz Karneval wieder seinen Einzug M ■ tz. b« spielte im Feftzug das „Steinleiden" des Vaters Rhein eine tragikomische Rolle. Seitdem hat längst die Rheinkorrektion, für welche Hessen-- Darmstccht und Nassau viele Millionen aufwendeten, auch die letzten Spuren der Dämme beseitigt, und wer heute in dem flinken Traiektboot die majestätische Rheinflut zwischen Mainz und Biebrich kreuzt, wird durch nichts erinnert an den trag^ komischen Streit, der hier in der Zeit des Rheinstaatenzolls um das Strombett geführt worden ist. Tie Reaktion von 1841, zu deren ersten Opfern unser Fritz Hell zählte, fand in den Märztagen des Jahves Achtundvierzia em glorreiches Eiide. Hell hat nach seiner Rückkehr noch an manchen deutschen Eisenbahnen mitgewirkt, und es war ihm vergönnt, zu erleben, was er selbst als verfolgter Journalist vorahnend prophezeit hatte. Die Dämmd der Eisenbahnen wurden M Fundamenten am Bau der deutschen Einheit, in deren Zeichen heute der Rhein zollpolitisch wirklich frei ist und die deutsches Schiffe unter der Flagge des Reiches stolz das Weltmeer 6^' fahren. Weit ist der Befestignngs'gürtel der Reichsfestung Mainz hinausgefchoben; sieben Eisenbahnlinien münden auf ihren Bahn-, Höfen; von der Mainspitze bei Gustavsbuvg führt eine riesige Eisenbahnbrücke nach dem Südbahnhof unterhalb der Zitadelle und die mächtigen Bogen der doppelgleisigen Kviserbrücke überwölben die Petersaue, die keine Befestigung mehr hat. Die Stadtumwallung von Kästel ist gefallen. Großartige Hafenanlagen zeugen von dem Aufschwung, den der freie Schiffsverkehr auf dem Rhein zum Vorteil 'der Stadt genommen hat. Auf der Sonnenseite. Von M. T. in Gießen, Nachdruck verboten. (Schluß.) Da waren drüben in dem Hanse zwei Engel aus- und eingeflogen, einer, ein heller freundlicher, früh morgens/ der brachte ein kleines Mädlein, das zappelte und schrie nun in der großen Wiege — und der andere, ein schwarzer düsterer, gegen Mend, der brachte Schmerz und Verzweiflung in das kleine Haus und vertrieb alle Freude, allen Frohsinn mit eiseskalten, unbarmherzigen Händen. Der Mann, der sonst so fröhlich geschafft hatte für Weib' und Kind, dem jedes neue Kindchen ein neues Glücksgeschenk des Himmels gewesen war, stand tote zerschlagen, wie erstarrt im Schmerz. Er konnte und wollte nicht begreifen, daß ihm sein Bestes, sein herziges, fröhliches Weib, genommen war. Und die Kinder gingen scheu um den Vater herum, der aus einmal so anders geworden war, so fremd, so kalt — Sie verstanden ja das Unglück noch nicht, das sich auf sie herabgeseukt hatte. Sie fühlten es aber schon trüb und schwer und es nahm ihnen alle Munterkeit. Die Totenfrau sagte, Mütterchen sei gestorben und der liebe Gott habe sie zu sich genommen. Nun würde sie wohl nie mehr mit ihnen spielen, nie mehr mit ihnen lachen und scherzen. Das war ein trostloser Gedanke für sie ... . Und das alles beobachtete von drüben mit brennenden Augen die einsame Frau. Nun hatte sie, was sie im Stillen erhofft hatte. । .-|;. । . . Doch sie konnte sich nicht freuen darüber. Ihr fehlte nun etwas, in ihr wurde es noch kälter. Nun sie noch nicht einmal mehr den Reflex des Sonnenscheins hatte, fror sie bis ins Herz hinein. So furchtbar trostlos und traurig, so zum Sterben elend war ihr. Und sie sehnte sich mit einem Male nach etwas Erwärmendem, nach etwas Sonne, nach etwas Liebe. Doch klar war sie sich nicht darüber. Sie empfand es, sie dachte es nicht. Wochenlang war nun die Frau drüben schon tot. Immer noch ging der Mann herum mit gesenktem Kopfe, schlichen die Kinder hinter ihm her mit blassen, verängstigten Gesichtern. Und die Sonne wollte nicht wieder kommen. Es' regnete, regnete es war eben Herbst. Dann kam der Winter und brachte Schnee und Eis und Anne fror — fror bis ins Herz hinein. Drüben sah sie die K'rausköpfe der Kinder unordentlich und zerzaust hinter den Fenstern, wo sonst die Blumen gestanden hatten. Die blühten sonst im Winter innen aus der Fensterbank. Sie vermißte die Blumen drüben so sehr wie das Glück. — Es müßte wieder eine Frau hinüber, die Ordnung schaffte, kam ihr der Gedanke. Dann würden wieder Blumen an den Fenstern blühen, dann hob der Mann gewiß wieder den Kopf hoch und stolz und schaffte so freudig und tüchtig tote ernst. Dann würden auch wieder die Kinder singen und springen und fröhlich sein und jubeln und lachen in den Tag hmetn. Wenn doch das Glück drüben wieder einziehen, die Sonne wteder lachen wollte! 519 Dieses Leben erdrückte sie. Sie hatte sich unbewußt an diesem Muck immer wieder aufgerichtet, ein Nefleix hatte sie erwärmt. Nun es fort war, sehnte sie ich darnach. Diese Sehnsucht wurde mit oer Zeit so stark in ihr, daß sie fast krank wurde. Eines Tages tat sie, was sie lange nicht getan hatte. Sie zog die Gardinen von dem Fenster zurück und sah durch die unverhüllten Scheiben, nur um deutlicher sehen zu können. Denn die Kinder drüben hielten das Jüngste unter das Fenster. Welch ein armseliges blasses Kerlchen es war — wie ihr Jaköbchen es gewesen war. — Und es würde wohl auch zu Grunde gehen. Es konnte ja nicht gedeihen, ihm fehlte die Mutterliebe.... Ja, wenn drüben eine Frau wäre! Der Gedanke ließ ihr keine Ruhe Tag und Nacht. Und eines Tages —i o Wunder — da trat Anne aus ihrer Stube und ging über die Straße, gerade hinüber in das kleine Haus. Sie konnte die Sehnsucht nicht mehr verwinden, da drüben die Sonne scheinen zu sehen. „Franz," sagte sie zu dem großen still gewordenen Manne, „ich will mal nach dir und den Kindern sehen. Ich glaube, euch fehlt die Ordnung." Der sah sie wohl erst starr vor ehrlichem Erstaunen an, doch dann brach ein Funken der Freude darüber aus seinen Augen, daß sie kam, um sich seiner und seiner verlassenen Kinder anzunehmen. Die Kinder, die sahen auch erst mit großen verwunderten Augen nach der fremden Frau, doch als sie ihnen so mitleidig über die krausen Locken strich, da wurden sie zutraulich, da schmeichelten und schmiegten sie sich an sie, froh, jemanden zu haben, an das sie ihre zärtlichen Kinderherzchen hängen konnten. Trude, die Aelteste, holte auch das Knäblein herbei, das mußte die neue Tante aus die Arme nehmen und mit ihm durch das Zimmer tändeln. Und sie tat das alles mit hochroten Wangen und glänzenden Augen — sie war wie verwandelt. Wie elektrisiert eilt Md wirtschaftete sie im Hause hin und her. Hier war so viel zu tun, so viel zu ordnen, zu sorgen und zu lieben — und sie war Wch so jung und stark. Sie hatte nie gewußt, daß sich nützlich zu machen eine solche Wonne sei. Täglich kam sie nun herüber. Es wurde wieder Frühjahr und die Sonne schien wieder hell und golden, Blumen blühten wieder vor den kleinen Fenstern und all die Krausköpfe hatten wieder blanke Augen und rote Wangen. Der Mann trug auch den Kopf wieder hoch und stolz wie früher und sein Auge strahlte, folgte sein Blick dem jungen Weibe, das sich so emsig sorgend der kleinen Schar und seines verwaisten Haushaltes angenommen hatte. Und er dachte wieder zurück an die Zeiten, da sie eben die Kinderschuhe äbgestreift hatte; da hatte sie auch so hier in dem Hause geschaltet und gewaltet, unter ihrer Eltern Regiment, und war ebenso flink und munter gewesen. Die Eltern schüttelten erst grimmig die Köpfe und wollten nichts davon wissen, daß die Tochter da hinüber ging. Mer mit der Zeit tauten auch ihre harten Herzen auf unter dem frischen Lufthauch, unter der Fülle freudiger Lebenslust, die sie mit herüber brachte. Drüben, da lachte ja nun wieder die Sonne und das Glück, da sog sich förmlich das arme Herz Annes voll von Wärme und Liebe; die strahlte sie denn zuhause in dem kalten Hause wieder aus und erwärmte es damit. Geht es doch mit der Liebe wie mit der Sonne. Wo nur ein Strahl hineindringt, der taut und treibt, erwärmt und zündet er. Wer kann kalt bleiben, wenn Liebe wirbt? Als draußen die Welt in Blüte stand, da stand auch das Herz Annes in neuem Blütenschmucke, und Franz sah ihr in die hellen Augen und sah das alles. Und als es Sommer wurde, da zog sie ganz hinüber in das Sonnenhaus, als Frau und Mutter. — Hier sollte sie denn wieder so glücklich werden wie sie einst gewesen war; denn sie war wieder an einem reich — au Liebe! Die Sonne des Glücks ist auch nicht mehr untergegangen über dem kleinen Hause. Va§ Mesen der Erkättung. Ueber das Wesen der Erkältung bestehen noch viele irrige Anschauungen. Bor allem kommt man jetzt zu der Erkenntnis, daß es Erkältungen an sich nicht gibt, d. ls. keine Er- krankungen, die lediglich auf den Einfluß der Temperaturi wechsel uud nicht zugleich auch auf die Mitwirkung von Bakterien zurückzuführen sind. Nach der jetzigen Anschauung vielmehr ist die Anwesenheit gewisser Bakterien für das Zustandekommen einer Erkältung unerläßlich. Man muß sich ebeu daran gewöhnen, die Merkmale einer Erkältung, wie das Niesen, den Hustenstoß und ähnliches von der eigentlichen Erkrankung zu trennen, da sie lediglich auf Kältereizen beruhen können. Der Glaube, daß die Erkältungen uns allein durch den Witterungswechsel oder sonstige Temperaturschwankungen zugebracht werden, liegt recht nahe, denn wir wissen ja alle, daß das Auftreten der Erkältungen gewisse Zeiten des Jahres ganz besonders bevorzugt. Immerhin löst der Witterungseinfluß nur die Krankheit aus, als deren eigentliche Erreger stets Bakterien anzuseheu sind. Da viele Leute sich mit einer peinlichen Regelmäßigkeit im Frühjahr und Herbst ihre Erkältung' holen und man nicht jedesmal eine besondere Ansteckung annehmen möchte, so ist zu vermuten, daß gewisse lebensfähige Reste von Bakterien von einer Erkrankung bis zur nächsten erhalten bleiben. Die bakterielle Natur der Erkältungen geht namentlich auch daraus hervor, daß eine überstandene Erkrankung dieser Art den Menschen eine gewisse Immunität verleiht, wie es ja bei vielen ansteckenden Krankheiten, oder vielleicht bet allen, der Fall ist. Aus diesem Zusammenhang erhellt auch wieder die Notwendigkeit großer Borsicht bei der sog. Mhärtuug, weil eine Behandlung, die dem Körper plötzlich eine erhebliche Wärmemenge entzieht, namentlich bei kleinen Kindern, die Entstehung von Erkältungskrankheiten außerordentlich befördern kann. Daher soll weder zu früh noch zu schablonenhaft' mit Abhärtungsmaßregeln vorgegangen werden. S-Pezialärzte für Erkältungskrankheiten weisen darauf hin, daß es zahlreiche Menschen gibt, die sich fast nie erkälten, trotzdem sie jede Abhärtung verschmähen, sich stets mit warmem Wasser waschen usw. Was den Husten als Merkmal der Erkältung betrifft, so betonen sie, daß es einen reinen physiologischen Husten, der also nur durch einen Reiz aus das Atmungszentrum im Kopfmark zustande käme, nicht gibt, sondern daß der Husten erst durch Rückwirkung einer Erkrankung, z. B. in den Schleimhäuten der Luftwege, erregt wird. Durch den Erkältungsreiz werden die Gefäße erweitert und eine Blutüberfüllung hervorgerufen. Wenn nun aber alle Schleimhäute frei von Bakterien sind, die! eine Entzündung verursachen könnten, so geht der Erkältungsreiz nach erfolgter Wirkung auf die Blutgefäße vorüber, ohne daß Schnupfen, Husten, Katarrhe oder sonstige Erkrankungserscheinungen eintreten. Der Umstand, daß man sich im Sommer seltener erkältet als im Winter hat seinen Grund darin^daß das Leben der Bakterien im Körper vermutlich durch die Ueberwindung der vor kurzem überstandenen Erkrankungen und das der Bakterien in der Außenwelt durch die stärkere Sonnenscheinwirkung lahmgelegt wird. Die Erkältungskrankheiten pflegen bei derselben Person immer die nämlichen Organe zu befallen, und das ist leicht daraus erklärlich, daß diese Organe, nachdem sie eine derartige Erkrankung überstanden haben, nicht mehr in den Zustand vollkommener Gesundheit zurückkommen, sondern anfällig bleiben, indem namentlich das Gewebe an der bereits früher erkrankt gewesenen Stelle derart verändert ist, daß die Bakterien leichter hinein gelangen können. Die Zahl der Bakterienarten, die als eigentliche Erreger von Erkältungskrankheiten betrachtet werden müssen, ist sehr groß. Die bedauerliche Rolle, die den Influenza-Bazillen dabei zufällt, hat man erst in den letzten Jahren besser kennen gelernt, obgleich gerade hier noch manches zu erforschen bleibt. Wahrscheinlich ist namentlich die verborgene Verharrung von lebensfähigen Influenza-Bazillen im Körper bedeutsam nicht nur für ine Entstehung erneuter Affektionen, sondern auch für die Unterhaltung und Verschlimmerung vieler chronischer Leiden. C. Sch. 520 Vermischtes. * König Eduard hat einen ausgezeichneten Humor, Verständnis für Satire, selbst wenn sie ihn selbst betrifft, und eine große Neigung, anderen einen Schabernack zu spielen. Diese Eigenschaften mögen vielleicht heute etwas zurücktreten, als Prinz von Wales hat er sie in großem Maße besessen. Einige Worte über seine häufigen Besuche in Homburg v. d. §. werden dies zeigen. Der Prinz war dort ein Liebhaber von lustigen Veranstaltungen aller Art und es kam vor, daß indische Fürsten Waldfeste mit humoristischen Einlagen veranstalteten, die den Prinzen zu dem Ausspruch nötigten: „Das seien die schönsten Tage des Lebens." Seine Landsleute, denen er ja auch in der Mode vorbildlich ist, -neckte er mit Vorliebe. Stundenlang standen sie vor seiner Wohnung und warteten auf den Ausgang. Wer der Prinz ließ sie stehen und ging durch ein Hintertürchen weg. Seine Hüte waren allen Engländern vorbildlich. Eines Tages trug er den grauen, weichen Filzhut, den schon zwei Tage später alle in Homburg wohnenden Engländer akzeptierten. Als der Prinz dies merkte, beschloß er, einen Scherz zu machen; er trug ernt anderen Tage auf der Promenade einen weichen, braunen Filzhut, der eine eigenartige Farbe hatte. Die Londoner Hutlager mußten die Hüte aus England beziehen, um die riesige Nachfrage befriedigen zu können. Der Prinz lachte vergnügt, als er überall die braunen Hüte sah, und erschien einige Tage später mit einem grellroten, weichen Filzhut. Das grelle Rot schreckte jedoch seine begeisterten Anhänger ab, und so entschlossen sich nur wenige, den roten Hut ebenfalls zu tragen, und erleichtert atmete man auf, als der Prinz wieder zum gewohnten grauen Hut griff. Der Prinz hatte aber an der Hutgeschichte und am Nachahmungstrieb seiner Verehrer solche Freude, daß er das Vorkommnis oft und gern zu erzählen pflegte. * Morphium sucht und Ehescheidung. Mit »eit schweren körperlichen Schädigungen, die der gewohnheitsmäßige Morphiumgenuß mit sich bringt, gehen schwere seelische Störungen Hand in Hand, die nur allzu oft neben dem medizinischen ein gerichtliches Interesse haben. Ein sehr charakteristischer und grundsätzlich wichtiger Fall dieser Art wird dem „Lancet" aus Paris mitgeteilt. Bei dem Gericht klagte ein angesehener Kaufmann auf Scheidung, weil sein Eheleben von dem Tage, an dem seine Gattin durch Zufall dem Morphiumgenuß iu die Hände fiel, vollkommen zerstört war. Es gelang ihm zwar durch anhaltende Sorgfalt und stete Ueberwachung der unseligen Gewohnheit Einhalt zu tun, aber leider nur in der Weise, daß seine Frau dem Morphium entsagte, um sich dem Alkohol in die Arme zu werfen. Der Anwalt des Gatten machte geltend, daß sein Klient schweren Schaden dadurch erlitten hat, daß seine Gattin sich freiwillig einer Gewohüheit ergab, die sie unter das Niveau eines menschlichen Wesens herabdrückte, so daß der Friede des Hauses und das Familienleben schwer gestört wurden. Ihr Verteidiger wies darauf hin, daß es sich um einen Zustand handele, der weit mehr das Wesen einer Krankheit als eines Verschuldens habe. Er forderte ein Sachverständigenurteil über den Grad der Zurechnungsfähigkeit seiner Klientin. Gleichwohl gelangte der Gerichtshof zu der Anschauung, daß der Standpunkt des Gatten gerechtfertigt sei und billigte ihm die Scheidung zu mit dem Rechte, die Kinder zu behalten. * Fliegen als Handelsobjekt. Ein merkwürdiger Handel, von dessen Existenz man kaum etivas geahnt hätte, ist die Einfuhr von getrockneten Fliegen aus Süd- Mexiko nach Europa. Allein in England sind bon dieser Ware im letzten Jahre mehrere Tonnen eingeführt worden. Die getrockneten Fliegen dienen als Nahrung für Vögel im Käfig und als Köder für den Fischfang. Der einträgliche Handel macht indessen gegenwärtig, wie ein französisches Blatt berichtet, eine Krisis durch, da vom Standpunkt der Hygiene Einspruch gegen ihn erhoben worden ist. Es wird behauptet, daß die Einfuhr vou Millionen von Insekten, ohne daß irgendwelche Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, eine ernste Gefahr bedeutet, da die Fliegen, big nach der Einfuhr über das ganze Land verbreitet werden, epidemische Krankheiten mit sich führen konnten. * In der Verlegenheit. Leutnant v. X., der jung verheiratet war, hatte einen neuen Burschen bekommen, der sich nicht durch große Intelligenz auszeichnete. Besonders schwierig war es, ihm beizubringen, wie er sich Verhalten sollte, wenn Besuch kam, und daß er auch manchmal dem Besucher sagen sollte, die Herrschaften wären ausgegangen, während sie doch in Wahrheit irgendwo in der Wohnung sich befanden. Das wollte ihm gar nicht in den Kopf. Die Garnison, in welcher v. X. lebte, gehörte nicht zu den ganz großen — irrt Gegenteil, und die Wohnungen waren daher nicht „mit allem Komfort der Neuzeit", nicht einmal mit allen Bequemlichkeiten atrsgestattet. Recht störend war es vor allem, daß ein Raum, der gern in stiller Verschwiegenheit aufgesucht wird, sich nicht innerhalb' der Wohnung befand, sondern nur vom Treppenflur aus' zu erreichen war. Eines Nachmittags klingelte es bei v. X., und vor dem öffnenden Burschen standen zwei Damen des Regiments, welche fragten, ob die gnädige Frau zu Haus wäre. Der brave Bursche bekam einen Schreck und vergaß, in sichtlicher Verlegenheit, 51t aniworten. Als aber die Damen ihre Frage wiederholten, wurde er noch verlegener und mit einem „Pscht" zeigte er mit dem dicken Daumen über seine Schulter weg nach einer neben dem Treppenabsatz befindlichen kleinen Tür, in welcher ein Schlüssel steckte . . . Goldene Worte. Wer der Gesundheit Schatz auss neue Gewarnt und wieder heiinwäris trägt, Der lass' das Mitleid nicht dahinter, Das gegenseitig hier bewegt, Gedenket, daß «vir alle kranken An dieser Zeit Gebrechen schwer, Erbarme einer sich des andern, Und unser aller, Gott der Herr! Ludiv. Anzengruber. * Die ihr euch schwer mit dem Gedanken quält, Unnütz sei euer Leben und verfehlt, Ein jeder Wurm hat seine kleine Pflicht; Unnütze Leben gibt es nicht. Alb. Roderich. » Mitgefühl erweckt Vertrauen; Und Vertrauen ist der Schlüssel, Der des Herzens Pforte öffnet. * Alles, was ist, ist schöit und recht. Erde, liebe Erde, ich bin dein Knecht. O. I. Birbaum. * Was kann der Meitsch int Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare, Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen, Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre. Goethe. Bilderrätsel. Auflösung tu nö.hster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Briefträger. **"*————W1IJI» — —- ~~ r|—- ft-, [ j , „ n r|CTWT'l ’ Tnil ***""'* Redaktion: P, Wittk0. — Rotationsdruck und Verlag der BrLhk'schev Universitäts-Buch- und Steindruckereh R. Lange, Gießen.