WWW Ä K N? UW ■ Wirket, so lange es Tag ist. Roman von Maximilian Böttcher., (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Zehntes Kapitcl. -Nachdem der Streik beigelegt war, wagte sich Frankenstein wieder von Berlin nach Schönau«. Und als er seine mechanischen Webstühle nun -in dem alten Betriebe sah, stieg der Groll über die Zeit, in der sie verdienstlos und zinsenfressend stillgestanden, von neuem in ihm auf, und er fühlte das Bedürfnis, üach Fichtenwalde hinübcrzufahren und Herrn von Bannemann zu klagen, wie schwere Verluste er durch den Ausstand erlitten hatte. Ein kluger Mann wird, so meinte er, immer danach trachten, sich zu der Behörde auf besten Fuß zu stellen, besonders, tvcnn er bei ihr eine Herabminderung seiner Einkommen- und Gewerbesteuer durchsetzen möchte. Ter Forstmeister pflegte immer, wenn er von Frankenstein heimgesucht wurde, „außerordentlich stark beschäftigt" zu feilt. Nur diesmal hatte er Zeit; denn Frankenstein begann nach, heu einleitenden Worten sofort auf Heinz Vollrath zu schimpfen. Keine Frage, das; der Streik nicht halb so lange gedauert, sehr wahrscheinlich sogar, daß er gar nicht angefangen hätte, wenn dieser sonderbare Hilssprediger den Leuten nicht zum Munde reden und sie in ihrer Auflehnung geradezu bestärken würde. „Hm ... .," warf Herr von Bannemann gelassen hin; „wenn Sie sich durch den Mann geschädigt fühlen, so beschweren Sie sich doch einfach über ihn beim Konsistorium." „Ich hätte wirklich beinahe Lust dazu," entgegnete Frankenstein, und seine kleinen Augen bekamen einen stechenden Glanz. „Tenn das ist doch einfach nicht zu glauben, daß der Mensch mir in Berlin auf die Bude rückt und mir eine Lohnaufbesserung für meine Arbeiter abquetschen ivill. Was gehen den Menschen die Lohuverhältnisse in meiner Fabrik an? Was hat er sich darum zu kümmern? Ta war der alte Reichardt doch ein anderer Kerl." „Allerdings — gewiß —", sagte Bannemanu mit gutgc- spielter Gleichgültigkeit, als hätte das Gespräch für ihn nur ein rein platonisches Interesse. „Uebrigens . . .," er begann sich angelegentlich mit seinen langen, feingepflegten Nägeln zu beschäftigen —■ „wie ich gehört habe, hat ja Bollrath die Aus-- ständigen auch wohl mit Geldmitteln unterstützt . . . „Was der Herr Baron sagen!" Frankenstein schlug sich mit der Hand auf's Knie, und in sein Gesicht trat ein Ausdruck lauernder Schadenfreude. „Da würde ja allerdings die Weltgeschichte aufhören, wenn das wahr wäre!" machte er feinem Herzen Lust. „Ich weiß es aus ziemlich zuverlässiger Quelle. Die Richtigkeit würde sich ja notabene durch eine Untersuchung unschwer feststellen lassen," fuhr der Forstmeister Ün seiner indifferenten Weise fort. „Auch, daß Vollrath über der Leiche des Selbstmörders Schwarzmeier nicht nur Gebet und Segen gesprochen, sondern eine große Rede gehalten hat, dürfte ihm von seiner vorgesetzten Behörde Trumm genommen werden — soweit mir wenigstens die Ansichten der hohen Geistlichkeit bekannt sind." „Hm. . . ." Frankenstein sah BaNnemann mit halb zuge- kniffenen Augen unsicher an; „der Herr Baron hätten wohl keine Lust, die Anzeige zu erstatten? ... Es ist für mich immerhin . . .. wenn meine Arbeiter erführen . . . ." „Aber, Verehrtester," unterbrach der Forstmeister mit hoch-, mittigem Lächeln, „mich berührt die ganze Sache doch nicht im- geringsten. Ich könnte mich höchstens bereit erklären, Ihre Be- fchwerde — wenn Sie sie an mich als den Amtsvorsteher des hiesigen Bezirks richten, der zuständigen Instanz mit entsprechender Begleitbemerkung weiterzugeben." „Also gut, machen iuir’S so!" sagte Frankenstein, indem er sich erhob und Bannemann die Hand entgegeustreckte, die dieser immer üur flüchtig zu berühren Pflegte. „Ich schreibe die Beschwerde noch heute, und Sie haben dann die große Güte, das übrige zu veranlassen." Ter Forstmeister zuckte mit den Schultert:. „Ich glaube selbst, daß Hertz Vollrath bei uni» auf einen: falschen Platze steht. — Adieu, Hertz Frankenstein." Und er entließ den „Stert" mit gnädigem Kopfnicken, ohne sich aus seinen: Sessel am Schreibtisch zu erheben.---— — — Heinz ahnte nichts von der drohenden Wolke, die sich über seinem Haupte zusammenzog. Nach den langet: Wochen stärkster seelischer ynb physischer Anspannung, die der Streik ihm gebracht hatte, kam jetzt sogar eine Zeit befreiten Aufatmens für ihn. Er konnte wieder einmal einen Abend über im freundlich-stillen Wohnstübchen seines Elternhauses sitzen und sich von den sanfte:: Fittichen treuer Mutterliebe die Stirn umkofen lassen, in der die quälenden Gedanke:: der Sorge langsam zur Ruhe kommen wollten. Er konnte wieder einmal in friedlicher Stimmung eine Stunde in einem guten Werke le feit oder gar ein paar ©eiten, weitcrfchreiten an einem Buch über „Neue Wege im Glaubeus- lebcn", an dem er fett Jahr und Tag arbeitete, das aber in den fünf Monaten seines bisherigen Aufenthaltes in Fichtenwalde kaum vorwärts gediehen war. ■ Isabella Friedheims Fortsein empfand er nicht mehr so schmerzlich Ivie in den ersten beiden Wochen nach ihrer Abreise, wo ihn, besonders bei feinet: regelmäßigen Besuchen auf dem Schloß, oft ein Gefühl der Leere übermannt hatte. Es war ihm, als würde seine Leidenschaft geringer mit jedem Tage, den Isabella fern von ihm zubrachte. Ost, wenn er bei seinen Besuchen im Bariekowschen Hause Martha in ihrem emsigen Schalten und Walten betrachtete, mußte er denken: wie ist doch trotz allen Kummers und aller Last, die sie zu tragen hat, ihr Leben so sehr viel reicher als das Isabellas: und stärker als je zog ihn der Jugendfreundin stilles, anspruchloses Wesen an. Wenn er aber auch alles an ihr bewunderungswürdig fand: den Fleiß und die Energie, mit denen sie die Wirtschaft im Zuge hielt, die Barmherzigkeit, mit der sie die Nächte hindurch an: Bett des kranken Bruders wachte, die Geduld, mit der sie die Launen des Vaters ertrug — so sah er sie doch am liebsten int Umgang mit den Tannenbornscheu Waisen, die sie feit dem ersten 314 Dezember wirklich in ihre Obhut genommen hatte, und denen sie eine aus mütterlichen und schwesterlichen Gefühlen zusammengesetzte Liebe entgegenbrachte. Mit immer gebefreudigen Händen streute sie den Samen der Charakterstärke und Güte, mit denen sie selbst gesegnet war, in die Herzen der 'beiden Kinder; und ost sagte sich Heinz: „Wie nichtig ist Isabellas Jagen nach dem flüchtigen Beifall eines buickzufammengewürfelten Kvnzertpublikums doch gegen Marthas Streben, diese jungen, ihr anvertranten Geschöpfe zu allen Tugenden zu erziehen." lind weiter dachte er: „Wo überhaupt gibt es einen Beruf oder eine Kunst, die dieser einen an Größe und Bedeutung gleichkäme, aus Kindern echte Menschen heran- zubikdcn? Ist nicht das Weib, das ihren Mutterberuf im vollen und höchsten Sinn ersaßt, eine Künstlerin über alle Künstler, leuchtet ihr Werk, der atmende, wirkende Mensch, nicht tausendmal Heller, schöner und ewiger als aller Künstlerhände holder Schein? Ist sie es nicht, die den Grundstein legt zu aller Zukunft der Menschheit?" ---— — — ---- Als es Wilhelm Bartikow, der noch von einer heftigen Gehirnerschütterung befallen worden war, soweit besser ging, daß er, außer Gefahr, das Bett verlassen und ein Stündchen am Fenster fitzen konnte, fragte er Heinz Bollrath eines Tages: „Ist es wahr, daß Isabella Friedheim in der Welt 'rumreist und Konzerte gibt?" „Wenn auch nicht gerade in der Welt, so doch in Deutschland," gab Heinz zurück. „Weißt du, luv sie sich jetzt gerade aufhält?" „In Breslau." „Hm. — Und ob ... ." Wilhelm brach ab- In sein bleiches, eingefallenes Gesicht war trotz allen Dagegenankämpfens ein Ausdruck schmerzvoller, erbitterter Leidenschaft getreten, und seine blassen, dünnen Finger spielten nervös auf der Decke, die über seinen Knien gebreitet lag. Nach einer Pause fragte Heinz: „Wie denkst du dir eigentlich deine Zukunft? Willst du, wenn du nun wieder gesund sein wirst, deine Tage auch weiterhin hier verbringen, trotz des unhaltbaren Verhältnisses, in dem du zu deinem Vater stehst? Empört sich nicht dein Ehrgefühl gegen die Abhängigkeit von deiner Schwester, die doch schon schwer genug M tragen hat, auch ohne daß du ihr noch zur Last liegst?" Wilhelm blickte mit finsteren Augen in den Vorgarten hinaus, der imNier noch unter der Schneedecke schlief, und antwortete verbissen: „Ich habe weder Veranlassung noch Lust, mich von dir in eine Seelenbeichte nehmen zu lassen. Denn ich hasse dich." „Und doch scheint mir, daß dir ein ganz Teil wvhler war, solange du selbst dich noch von der Scheu vor Gott und seiner ewigen Gerechtigkeit im Schach halten ließest!" „Könnte unsere Unterredung nicht hiermit zu Ende sein?" fragte Wilhelm und begann, leise einen Gassenhauer vor sich hinzupfeifen. „Nein," entgegnete Heinz; „ich habe dich noch mehr zu fragen I" „Und wenn ich dir nicht antworte?" „So weißt du mir offenbar nicht zu antworten und sprichst deinen Ansichten damit schweigend das Verdammungsurteil." „Oho!" Und sie stritten sich wohl eine Stunde lang in erbittertem Wortgefecht über ihre Ansichten, ohne daß sich der eine vom andern auch nur einen Schritt breit Terrain hätte abgewinnen lassen. Zuletzt sagte Heinz: „Ich sehe, ce> gibt keine Einigung, nicht mal eine Verständigung zwischen uns. Und darum. . . . Doch das eine will ich dich noch fragen: Hast du nie etwas davon erfahren, daß die Familie die Quelle unserer innigsten und reinsten Freuden ist? Mann und Weib eins im Streben und Hoffen, bis daß der: Tod sie scheidet? .... Der Vater, der kein höheres Ziel und Wünschen kennt als die Sorge für die Seinen .....Tie Mutter, die ihre Kinder treu behütet und den Keim alle Tugenden in ihre Brust pflanzt .... wie doch auch deine Mutter es bei dir getan hat? .... Die Geschwister, die sich in aufopfernder Liebe anhangen, wie deine Schwester es gegen dich noch heute tut? .... Und das alles....." Wilhelm hatte, während Heinz gesprochen, immerzu höhnisch die Achseln gezuckt; nun unterbrach er ihn wieder mit seinem verbissenen Lachen. „Alles Unsinn. AlleL Redensarten — nichts weiter. Martha laß ich gelten. Sie ist eine Ausnahmeuatur, wie du vielleicht tmch eine bist, du mit deinem Idealismus, mit deinem blinden Glauben an die Menschen. Aber mein Vater, der das .Erbteil seiner Kinde« verpraßt und verspielt — Haha! Ich danke für solchen Vater. Und meine Mutter... . . Nun ja, gut war sie. Aber das, was bu mir zum Vorwurf machst, wieder und wieder^ daß ich nicht arbeiten gelernt habe, das ist ihre Schuld. Immer hat sie mich verhätschelt und verzogen, immer mich in Schutz genommen, wenn mein Vater mich einmal für meine Faulheit und Verlogenheit strafen wollte. Natürlich, der Wüterich hält' mich auch am Ende gleich totgeschlagen, wie er in seiner Raserei meine Mutter tot schlug, als sie ihm über sein liederliches Leben Vorstellungen machte."---. — — Wilhelm saß, die Lippen zufammengebifsen, die Hände zu Fäusten geballt, und starrte mit düster glühendem Blick ins Leere. Heinz Vollrath hatte sich erhoben. Auch sein Gesicht war bleich geworden, und schwer ging sein Atem. „Warum sagst du mir das? Ich habe dich noch nicht danach gefragt," sprach er in leisem Ton, durch dessen Wehmut heiße Entrüstung zitterte. „Wenn dein Vater beit Frevel beging, dessen du ihn beschuldigst, er wird ihn verantworten uud sühnen müssen. Und das weiß ich: er säht ihn jetzt schon hart und schwer durch die Martern, mit denen ihn sein Gewissen schlägt. Aber du? Hast du denn nichts von dem, was man Gewissen nennt? Du lächelst spöttisch. — Nun, so sage ich dir: Du bist schlimmer als dein Vater. So flugwürdig seine Tat fein mag — das, was du tatest und noch tust, ist dreimal fluchwürdiger; denn es ist erbärmlich. Der Sohn, der keine Mitwifsenschaft an einem Verbrechen benutzt, dem eigenen Vater Gelder über Gelder zur Fristung seines Faulenzerlebens abzupressen und seinen Vater dann doch noch verrät.....pfui über ihn ..... ich finde fein Wort, unsere Sprache ist zu arm oder zu anständig, um solch' einen zu kennzeichnen." Er wandte sich zum Gehen. Aber Wilhelm war aufgesprungen und fuhr ihm mit jähzorniger Bewegung an die Brust. „Nimm das zurück, was du gesagt hast," keuchte er. „Diese unerhörte Beschimpfung .... Nimm fie zurück sag' ich dir . . . oder . . . ." „Oder?" fragte Heinz gelassen und wehrte den Arm, der sich gegen ihn erhoben hatte, mit ruhigem Griff ab. „Oder . . . ? Ich weiß kein anderes Oder, als das: geh' , in dich, zeige, daß du kein ganz Verlorener bist." Und er verließ festen Schrittes das Zimmer. — ---.------- Ter Superintendent stieg natürlich im Pfarrhaus ab, wo er sich vorher angemeldet hatte, und wo nun alles zu seiner opulenten Bewirtung bereit stand; und konnte ihm auch Reichardt, den der zweite Schlaganfall den fast völligen Verlust seines Sprachvermögens gekostet halte, nur wenig sagen, so gab ihm dessen redselige Gattin desto erschöpfendere Auskunft. Die Pastorin hatte ihre instinktive Abneigung gegen Heinz noch immer nicht begraben, ja, fie fühlte sich jetzt sogar mehr denn je gegen ihn ergrimmt, toeit. er das zarte Entgegenkommen ihrer kürzlich aus einer Hauslehrerinneitstellung heimgekehrten heiratsfähigen Tochter Flora übersah. Dr. Weigler, der ein seines seelisches Ohr besaß, hörte indessen rasch genug heraus, daß die ihm gegebene Schilderung Vollraths durch den Unterton persönlicher Gehässigkeit stark getrübt wurde; er lenkte das Gespräch deshalb bald auf nebensächliche Dinge ab und begab sich gleich nach Tisch, in einer durch warmen Märzsonnenschein, kulinarische Genüsse und recht aeeeptablen Rheinwein entsprechend gehobenen Stimmung in die Wohnung des Beschuldigten, obwohl die dienstbereite Pastorin sich wieder und wieder erboten hatte, den Hilfsprediger ins Pfarrhaus holen zu lassen, damit der Superintendent nicht erst nötig hätte, sich auf der „int Tauzustand entsetzlich schmutzigen Dorsstraße" die Stiefel vollzufüllen. Schon an der freien, unerschrockenen Art, in der Heinz Vollrath, trotz feiner völligen Ueberraschung, die Mitteilung der gegen ihn ergangenen Anzeige aufnahm, merkte Dr. Weigler, daß c; hier keinen vor sich hatte, der sich krummer Wege bewußt oder von Schuldgefühl bedrückt war. (Fortsetzung folgt.) Das alte tzamesje.') Von M. Todt (Gießen). (Nachdruck verboten.) Das alte Hanesje, unter welchem Namen das kleine alte zusammengeschrumpfte wunderliche Mänuche, in dem altmodischen Anzuge — langen schwarzen Strümpfen, *) Bei unserem ersten Preisausschreiben hätten wir dieser und noch ein paar anderen, demnächst zu veröffent- lichenden Skizzen Herrn M. Todt gern einen Preis zuerkannt, müßten jedoch davon abstehen, da unserer Aufgabe zufolge nur „vberhesfische Sagen und Schwänke" in Frage kamen. D. Redl 315 Schnallenschuhen und' englischledernen Hosen, dazu blauen: Tuchrock mit blanken Stahlknöpfen, Halstuch und Sanunet- mütze — in der ganzen Umgegend weit und breit bekannt war, war wohl schon hundert Jahre alt. Wer wußte es zu sagen? Er selbst wußte es nicht, er zählte immer von einem Weltereignis zum andern. Auf den Krieg von 1806 und 1807 wußte er sich noch zu erinnern, 1812—15 hatte er mitgemacht. In 48 und 66 rechnete man ihn schon zu den älteren, besonneren Leuten, und 71 und 72 erlebte er auch noch. Kein Wunder, daß er selber an seine Unsterblichkeit glaubte. Wenn man ihn nach seinem Alter fragte, so nahmen seine blauen Kinderaugen einen ganz geängstigten Ausdruck an und die langen, schneeweißen, fadendünnen Hängelocken, bic auf die gebückten Schultern herunterbaumelten, fingen an, um das alte verhutzelte Gesichtchen zu tanzen. Am liebsten war ihm, man fragte ihn nicht danach, ja er ärgerte sich und regte sich auf, tat man es doch. In ihm lebte die Vorstellung, die Leute machten sich über ihn lustig, weil ihn der liebe Gott nicht abgerufen habe zur Zeit. Er glaubte allen Ernstes, Gott wolle ihn nicht in seinem Himmel haben, und da er doch, um in die Hölle zu kommen, fein Lebtag zu fromm gewesen, so müßte er nun bis in alle Ewigkeit auf Erden leben. Da war es ihm denn ost iveh und schwer um sein altes Herz, und je mehr Sommer und Winter über sein greises Haupt hingingen, desto trostloser ivurde er. Er hatte weder Weib noch Kind noch Kindeskinder mehr; alle, alle waren sie vor ihm in das Grab gesunken, und er, das alte Haunesje, lebte — lebte! Da lag er denn ost stundenlang auf seinen Knien, in seinem Kämmerlein oder auch in dem stillen Gärtchen, das hinter dem kleinen Häuschen lag, und hielt lange Zwiegespräche mit seinem Gott in der frommen Einfältigkeit seines Herzens. Gewöhnlich waren es große Rechnungen, die er ihm vortrug, Zahlen vieler langer Jahre. Und zum Schlüsse pflegte er unter reichlichen Tränen um eine gnädige Aufnahme in den Himmel zu bitten. „Lieber Gott, nun hat der Hannes doch lange genug gelebt und ich will ja auch gewiß nicht weit in den Himmel hinein, will keinen guten — nein, mit dem allerschlechtesten Platz will ich zufrieden fein. Vielleicht, lieber Gott, steht neben Deiner goldenen Himmelstür ein kleiner Holzschemel, auf ihn laß mich sitzen. ~ Von ba aus kann ich dann Deine Herrlichkeit und mein Weib und meine Kinder sehen." — Das war so das. ständige Flehen des allen HauNesjens. Die Leute hörten das wohl oft und sagten dann: „Das alte Hannesje ist kindisch geworden." Und eines lauen Sommerabends hörte es ein munterer junger Bursche. Dem, in feiner gesunden starken Lebenskraft und Jugendlust, war dieses Flehen und Bitten ein Grund zur ausgelassensten Heiterkeit. Wie konnte dieser junge lebensfrohe Mensch begreifen, daß sich ein Menschenherz nach dem Tode sehnt! Und daß er hörte, wie dieses alte Männchen so vertrauensselig mit seinem Gott sprach und haderte, das war ihm ein Gaudium. „Jungens", sagte er zu seinen Freunden, „morgen abend spiele ich dem Hannesje den lieben Gott. Der arme Alte muß doch einmal Antwort haben auf seinen vielen Klagen!" Und er schüttelte sich vor Lachen. Es war wieder ein schöner warmer Abend. Des Tages Licht erstarb eben langsam, als würde ihm das Scheiden von der schönen Sommererde schwer, im Westen. Da lag das Hannesje wieder auf den Knien vor seiner kleinen Gartenbank unter der blühenden duftenden Fliederhecke, seinem Lieblingsplatz sein Leben lang, ganz in der Nähe der Grenze, die den kleinen Garten von dem Nachbarsgrundstück teilte, und betete lauter und inniger wie je: „Lieber Gott, wann kommst Du endlich Deinen alten Hannes holen? — Er ist so müde, so müde —." „Tröste Dich, Hannesje, Deine Zeit ist erfüllt, bald schon iverde ich Dich treuen Knecht heimholen in mein himmlisches Reich", antwortete ihm eine Stimme im kräftigsten Baß. Der Alte hörte nicht in der Entfernung kichern und lachen, hörte nicht, wie sich leise Tritte eiligst entfernten, — er saß auf feinen Knien, die Hände gefallet hoch erhoben — wie verzückt. — Endlich, endlich sollte er sterben dürfen, sollte er in den Himmel kommen zu seinem Weibe und seinen Kindern? Und der Alte weinte und lachte immerzu laut vor übergroßem Glück. Das übergroße Glück — es hatte ihn überwältigt. Als' , der junge Tag wieder, strahlend schön im Osten heraufstieg, da lachte er dem alten Hannesje in das kalte, alte, verhutzelte Gesicht — auf dem lag es wie überirdisch großech- größes Glück. . t Die Leute sagten: „Nun ist das alte hannesje endlich gestorben — wie alt mag er nur geworden fein?" Niemand wußte es zu sagen. Die Zchöpferkrasi der Greise. Von verschiedenen Gelehrten, besonders von Professor Osler, ist in jüngster Zeit die Theorie anfgestellt worden, das; der Mensch die höchste Blüte seiner Kräfte und Fähig- . keilen schon in einem jugendlichen Alter erreiche und das;; etwa vom 25.—40. Lebensjahre der Höhepunkt seines: Schaffens dauere. Dann beginne unaufhaltsani der Niedergang, ein Verfall der Kräfte trete ein und den alten Leuten, ja auch den allgewordeneu Genies wäre besser/ sie hörten auf zu leben, denn sie könnten nichts Tüchtiges, mehr hervorbringen. Gegen diese Anschauungn wendet sich W. A. Dorland im Century Magazine und führt in langen Listen die unsterblichen Werke auf, die un§ verloren gegangen sein würden, wenn der Tod die Ge>iies im 40.' oder auch im 50. und 60. Jahre dahingerafft hätte.- Unter den.Großtaten des Geistes, die noch vo'.i Männern nach Vollendung ihres siebzigsten Lebeiisjahres vollbracht wordei: sind, würde dann zunächst das gewaltige Werk der Gesetzgebung durch Moses nicht geschaffen worden fein, denn der Führer der Kinder Israel war bereits mehr als hundert Jahre, da er seinem Volk diesen Wegweiser durchs Leben schenkte. Ueberhaupt haben Gesetzgeber vielfach Meisterleistungen erst im hohen Atter: in der Fülle ihrer Lebenserfahrungen vollbracht, so Palmerston, Disraeli, Gladstone, Thiers u. a. Savigny, ber: Begründer der modernen Rechtsgeschichte, vollendete fein' Obligationenrecht mit 74 Jahren. Auf dem Gebiete der, Wissenschaft würde Galilei niemals die Libration der Mondkugel entdeckt und die Fundamente der Physik in' seinen „Dialogen" dargelegt haben, wenn er nicht das Alter des Psalmisten erreicht hätte. Die letzten fünft Bände von Buffons Naturgeschichte wären nicht geschrieben worden, nicht das größte Werk Lamarcks, das die moderne Zoologie begründete; von Baer hätte nicht seine „Vergleichende Embryologie" vollendet und nicht würden jicf) noch heute Tausende an Alexander von Humboldts „Kosmos,, erfreuen. Auch Eulers größtes astronomisches Werk, „Ovousoula Anaiytica" ist nach seinem '<0. Lebensjahre entstanden. Einige der herrlichsten Werke von^ Tizian wären nicht gemalt worden, wenn der Meister nicht jenen an Schaffenskraft so reich gesegneten Lebensabend gehabt hätte. Erschüttert von soviel Größe und Reife steht man vor seinem „Dornengekrönten Christus" in München, den er mit 95 Jahren geschaffen, und als den Neunundnnm- zigjährigen die Pest dahin raffte, blieb die „Pitä", die er für sein eigenes Grab gemalt, unvollendet als ein Zeug- nis seiner ungebrochenen Kraft zurück. Tintorettos grö;tes Werk, seine Schilderung des „Paradieses", ist ebenfalls nach dem 70. Lebensjahre des Meisters entstanden, ebenso Peruginos letzte Werke. Corot schuf mit 77 noch Bilder von so zauberhafter Zartheit, daß sie nicht mit Farbe, sondern mit Licht und Luft gemalt zu fein schienen. Diejenigen Werke Verdis, die man allgemein für den Hoye- punkt feiner Kunst ansieht, „Othello" und „Falstaff" stnvie seine religiösen Chorwerke sind nach seinem 70. Jahre enstanden, ebenso Händels Oratorium „Triumph von Zeit und Wahrheit" und Meyerbeers Meisterwerk „Die Afri- kanerin". Unter den literarischen Hauptschöpfungen, die Philosophen, Gelehrte und Dichter nach dem 70. Jahre vollendet, werden erwähnt: Kants „Anthropologie", „Streit der Fakultäten" und Metaphysik der Sitten". Hobbes Hauptwerke, Göthes „Faust II." und „Wilhelm Meisters 316 ? 100 G!d. Hinterfelder Hoff, icn 22. Mai 1795. Reise» ist in diesem 80 17 44 Suinma . 2038 ©io Christian Obermann. schlncki sie der I. Schere. 445 165 75 120 20 165 132 120 15 330 25 Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, Und keinen Tag soll man verpassen; Tas Mögliche soll der Entschluß Beherzt sogleich beim Schopfe fassen, Er will es dann nicht fahren lassen Und wirket weiter, weil er muß. An- und Einsichten. Je ungeheuerlicher eine Lüge, desto leichter Köhlerglaube hinunter. * Wanderjahre", Chateanbriands herrliches Memoirenwerk, Samuel Johnsons bestes Werk, sein „Lebensgeschichten der Dichter", Swedenborgs mystische Schriften, Bücher von Emerson und Ruskin, Rankes „Geschichte Wallensteins" und seine großartige Weltgeschichte, ein großer Teil von Mommsens Riesenwerk über lateinische Inschriften. Von den Großtaten der Sechziger wäre das ethischreligiöse System des Konfuzius nicht entstanden, wenn die Theorie des Professors Osler auf Wahrheit beruhte. Bismarck würde nicht wichtige Grundlinien der deutschen Politik gezeichnet haben, Pasteur würde nicht seinen segensreichen Kampf gegen die Kraukheitsgifte begonnen haben. Moltke vollbrachte an der Schwelle des siebenten Jahrzehnts seine größte strategische Leistung im Krieg 1870/71. Columbus hat als Sechziger seine dritte und vierte große Reise unternommen, in der er Südamerika und die Insel von Martinique entdeckte.. Michelangelo hat mit 66 Jahren das jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle vollendet, mit 71 seinen Plan für den Weiterbau der Peterskirche entworfen und noch als Neunundachtzigjähriger das Bild der großartigen Kuppel in seinen Gedanken getragen. Murillos Gemälde tni Augustinerkloster zu Sevilla sind nach seinem 60. Jahre geschaffen worden; ebenso Wagners „Parsifal" und Haydns „Schöpfung" und „Jahreszeiten". Die besten Werke Händels fallen in seine sechziger Jahre, i Von wissenschaftlichen Werken seien erwähnt': Renans j „Geschichte des israelitischen Volkes", Carlyles „Geschichte Friedrichs des Großen" der fünfte Band von Mommsens „Römischer Geschichte", Jakob Grimms „Geschichte der deutschen Sprache" und „Deutsches Wörterbuch", von Dichtungen: der zweite Teil deS Don Quixote und die Novellen des Cervantes, Corneilles „Attila"' und „Titus und Berenice", Miltons „Samson Agonistes" und sein „Wredergcwonnenes Paradies". Voltaires „Candide", der letzte Teil von Lesages „Gil Blas", Ibsens symbolische Dramendichtungen nach der „Hedda Gabler", Zolas I Zl-eritö". Von philosophischen Werken feien genannt I Schopenhauers „Parerga und Paralipomena" und Stuart Mills „Essay on Theism". — Griebe ns Reiseführer. Band 114: Gen f, der Genfer See und Chamo nix. (1.50 Mk.) Verlag von Albert Goldschmidt in Berlin W. — Die Umgegend von Genf ist so reich an malerischen und anmutigen Partien, daß mit Recht gesagt wurde: Das Gebiet von Genf gleicht einem großen englischen Garten, in dem die Stadt selbst das größte Landhaus ist. Das weite Becken des Genfer Sees wirkt als Regulator der Temperatur und übt einen angenehm mildernden Einfluß auf das Klima aus. Das zeigt sich auch an der Vegetation. Außer dem Weinstock und der Edelkastanie gedeihen dort der Lorbeer-, der Feiaen- und der Granatbaum im Freien. In einer an Natilrschin.- heiten so überreichen Gegend ist das Reisen ein Genus:, rui guten Ratschlägen, und an, das Interesse des Reisenden wahrnehmenden Hinweisen und Warnungen Genf-Führer kein Mangel. Rätsel. Als edle Kost beschreibt es dir die Bibel, Ta schwer das anSerwählte Volk der Hunger plagte. Gut Zeichen ab — als Vorbild nennts die Fibel Tein Knaben, weint er töricht klagte. Run köpie das Wort, ergänz' es am Ende: Ein weibliches Wesen erscheint dir behende. Gießen. A. Rode. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Guttenberg eins Main z. reckst sur den nächsten Tag zum Zweikampf anf Lanze °der Bumerang gefordert. Hier muß er sich den Schlägen des Beleidigten aussetzen, bis sein Kops blutet. Damit gilt die Tat als gesühnt. Einen interessanten Beitrag zudem Kapitel „Franzosenherrschaft imSaarbrücker Gebiet" liefert folgende von Christian Obermann, einem begüteten Bariern vom Hmterfelder Hoff (Hühnerfeld, Gemeinde Sulzbach), gemachte Zusammenstellung vom 22. Mai 1795: Nachstehende Mobilien und WerthschaftsindtnirvondenFranzoßen UwPtathlger weiß genommen worben, deren Anschlag int Mittleren Prerß hier angesetzt ist. Erst!.: cm gutes Pferd, welches 'tnidflOO gülden gekostet, rechne Noa) em beßeres Pferd, welches andere bauren ästimiert vor (hiervon habe ein Bong) ferner dte Chasseur dreißig qitarfen Haber, hat gölten Ferner <>0 stück schwein, 15 waren 18 Mouath alt, rechne billig die andern 15 waren starke ftischlinge, rechne billig vor diese Dreh fuhren Heu, trarett über 6 Millionen, hak damahl gölten ferner fünf Hämel von der wehde, waren Werth ferner 5 Zentner biirr schwemefleisch, den Zentner 33 Gtd. thut ferner 4 Rinder, gering gerechnet 33 Gld. jedes stück, thut 2 gute Milch Küh, waren werth......... 12 stück Gänß und 18 hinter Ntdrer wert ferner 4 gute fuhr ochßen, waren werth 30 Louis b’or tuht <-6 Zimmer Deller 4 Platen unb 4 schüßete, so gut wie Neu, macht Bott 2 Betten die Nene Barchcten über Züg, 8 Leintücher, «Mannshemden, 6 Weibshemden, ongefähr 15 Dischtücher 'unb Handtücher, ingleichen meiner Frau 4 halb leinen rock, rechne überhaupt 16 Stick vor den Haber hinein zu thuu, und 12 löffel . . etliche 20 Quarten Grundbiren, rechne . . . . . Noch viele Kleinigkeiten ans der Küche und auß dem Hauß will ich nicht berühren, noch in Rechnung bringen Redaktion: I V.: E. Heß. Rotatwnsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversikätZ-Btich- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen. * Eheirrung und Duell in Australien. Interessante Einzelheiten berichtet im „Anthropos" Pater Joses erschoss über die Niol-Niol, einen eingeborenen Stamm Nordwest-Australiens. Die erwachsenen Männer gegen Eilde der ztvanziger Jahre haben hier meiste,ts zlvei' oder drei Frauen, manchmal auch noch mehr, während die jungen Burschen ihr Bestes tun, um an die jungen, „unverstandenen" Frauen der alten Männer heimlich heranzukommen. Dies macht auch meistens keine Schwierigkeiten, denn der Liebhaber versteht cs ausgezeichnet, selbst verräterische Sandspuren auf mancherlei Weise erkenntlich zu machen. Auch wenn die Eheirrung nicht ohne Folgen bleibt, braucht die ungetreue Gattiu und ihr Geliebter keineswegs eine Entdeckung zu besürchteu, selbst dann nicht, wenn ihr legitimer Mann jahrelang nicht mit ihr verkehrt haben sollte. Der betrogene Ehemann wird nämlich ohne Argwohn diesen illegitimen Sprössling als sein Kind betrachten, da die Australneger den famoseir Glauben haben, daß das Zusammenleben der Ehegatten für die Kinderer- zeugung irrelevant ist, daß Kinder vielmehr lediglich durch oen Medizinmann geschaffen werden können, indem er die Jwui, me vorbestehende und weiterleitende Seele, welche körperliche Gestalt annehmen kann, überträgt. Sollte es aber das Unglück wollen, daß das ehebrecherische Paar in flagranti abgefaßt wird, so kann nur Blnt diesen Schimpf abwaschenauch in dieser Beziehung ganz wie bei nns. Die Ehebrecherin wird entweder schwer mißhaikdelt oder auch init dein Speer ihrem Leben kurzerhand ein Ende gemacht. Besser kommt der Galan ,veg : er wird nämlich regel-