Kelmulß von Loysen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsehung.) „Gut. So tun Sie es doch. Bald bin ich ja in der Lage, mir selber Handschuhe für fünf Mark zu kaufen — sie kosten übrigens nur vier Mark, hiev haben Sie eine Mark zurück. Jawohl! Bald! Und auf die Zeit freue ich mich! Rasend!" — Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte in Verzückung aufwärts. — „Dann — ja dann kommen Sie vielleicht eines Tages zu mir — in meine Beletage, wissen Sie, und sagen zu mir: Fräulein Luisane, bezahlen Sie doch gefälligst meine Schulden! — und Luisane entgegnet Ihnen: Mit Vergnügen! Wie viel? Aber darauf kommt es gar nicht an. Solche Schulden kann ein Leutnant ja gar nicht machen, die Luisane nicht bezahlen könnte!" Förmlich bestürzt folgte er dieser schwindelnden Phantasie. „Na, erlauben Sie mal," unterbrach er sie endlich — „erstens habe ich keine Schulden —" „Ach, das tut mir aber leid, es wäre mir eine solche Genugtuung gewesen ..." „Ich danke! Was denken Sie denn von mir? Ich bin ja ein schauderhaft solider Mensch, eine Musterkarte aller Tugenden. Ihrem Geldprotzentum zuliebe werde ich doch nicht anfangen Schulden zu machen:?" Nun lachteir sie alle beide unb die lachende!: Blicke suchten und fanden sich — ihm ging ein Schleier über die Augen und eine Blutwelle stieg zu Kvpfe, sic hingegen lachte nur dem kommenden Ruhm entgegen. Morgen, so fing sie gleich wieder hastig an, wolle jene berühmte Gesanglehrerin selber hierher kommen und auch Frau Jahn für die Sache zu gewinnen suchen. Vielleicht ließ sich ein Uebereinkommen treffen, wonach Luisane, ohne vorläufig ihre Stellung aufzugeben, Zeit zum Proben erlangen könne. Es sei vorauszusehen, daß die gutmütige Alte auch einen Vorschuß gewähren würde zur Beschaffung einiger notwendiger Garderobestücke. Es koste der Madame N. nur ein Wort an den Intendanten und die „jüngste Patti", die er noch sehr gut in Erinnerung habe, dürfe noch einmal debütieren. Und wenn das nicht möglich zu machen ist, es wird sich ein anderes Theater finden, wo sie ankommen kann ... es wird — es muß —" Eintretende Kunden unterbrachen ihr leidenschaftliches Geflüster, Loysen verlieb den Laden. Er schüttelte bedenklich den Kvpf. Kann sein, sie erringt, was sie erstrebte, ihm erschien sie aber in dieser fiebernden Erregung fast kränker, wie zu der Zeit ihres tiefsten Elends. Sein Urlaub lief in sechs Tagen ab, doch bestand seine Schwester darauf, daß er um Nachurlaub einkomme. Sie warnte ihn, den Arm zu früh aus der Binde zu nehmen. Dienstfähig sei er ja doch noch nicht, also wäre es doch besser, er warte seine völlige Herstellung bei ihnen ab. Sie wunderte sich selbst, daß er ohne Widerspruch zustimmte. Innerlich ward er von sehr geteilten Empfindungen beherrscht. Er sehnte sich nach seinem Regiment 'zurück, in welchem nun einmal sein Lebensglück wurzelte; er konnte cs kaum ertragen, so lange von seinen Pferden getrennt zn sein, namentlich Vvnr Rappen Fra Diavolo, er zählte jeden Dag zu den verlorenen, an dem er nicht int Sattel saß —< und doch ließ er die ärztlichen Vorschriften seiner Schwester geltest und blieb. Aber wenn sie ihn deswegen lobte, senkte er den Blick und lächelte verlegen. Ihm war nicht ganz wohl bei diesem Zögern mit den noch unklaren, beklommenen Gefühlen! im Herzen. Um sich vor sich selbst zu rechtfertigest, vermied er die Friedrichstraße und verspottete sich selbst deswegen. Da sagte ihm Anne Marie eines Tages: „Wo hast du mir doch jene Handschuhe gekauft damals? Sie sind sehr gut. Würdest du mir ein Paar in Cremefarbe besorgen?" । Natürlich würde er. Am selben Nachmittag ging er hin. Frau Jahn saß mit einer großen Hornbrille auf der stumpfen Nase hinter dem Ladentisch und sortierte Handschuhe. Er fühlte sich enttäuscht, fragte aber unbefangen: „Wo ist das Fräulein? Siirgt sie?" Tie Alte rückte ihre Brille zurecht und musterte ihn. „Ach, Sie sind ja der Herr —" „Ganz recht, ick bin der Herr, der! ihr zu der Kur verhalfest hat. Wie geht eS ihr?" „Ma, Sie werden ihr ja »voll nächstens voch 'n Lorbeerkranz nachwerken können, wenn sie ihren Knix macht und der Vorhang fällt. Je, daß so was aus meinem Geschäft hervorgehen soll, so was Berühmtes, >vie die junge Person werden will! Tie ist ganz aus'n Häuschen, sag' ich Sie." „Also wirklich." Es freute Um für das arme Ding. Sic in Frau Jahns Laden noch einmal aufzusuchen, war somit aussichtslos. und er sägte sich im cty einmal, daß diese Episode nun-zu Ende sei. Anne Marie hatte sieh erboten, jetzt, wo es Frühling geworden, mit ihm nach Tvbran überzusiodeln — er wußte, daß ihr das ein Opfer war und hatte gedankt. Ob er nicht doch annahm ? Wieder waren zwei Wochen hingegangen, da erhielt er eine# Tages ein Billett von Luisane: „Mein Lebensretter, weshalb haben Sie so lange nichts voir sich sehen lassen? In meinem Unglück waren Sie hilfreich und teilnehmend — eine glückliche Lnisane zu sehen, scheint Ihnen nicht Bedürfnis zu sein. Mein Schicksal geht seiner Entscheidung mit Riesenschritten entgegen — mir sind aber auch Ricsenslügel gewachsen! Ich singe Tag und Nacht. Ich bin gar nicht mehr ich — ich bin schon wieder Margarethe. Ja, noch einmal darf ich in der Titelrolle mein Glück machen — eine unerhörte Auszeichnung. Begreifen Sie? Mich, das arme Aschenbrödel, die Novize, die noch Namenlose läßt man zum zweitenmalc den ersten Platz einnehmen! — Studieren Sie die Theaterzettel, und wenn Sie lesen: Margarethe.. Frl. Luisane a. G., damt kommen Sie! Bringen Sie Blumen mit, viel Blumen, ich will mich gern bei dieser Gelegenheit von Ihnen beschenken lassen. Luisaste." *. — 42 Ms Theater war nur müßig voll. Lohsen trat in feilte Loge und warf einen Blick durch den lichtstrahlenden Raum. Er hatte fast gefürchtet, die Troßcus würden cinci) kommen, aber als er die Absicht kund werden liest, an diesem Abend citis- nahniÄveise anstatt in den Zirkus in die Oper zu gehen, hatte Baron Trost die Sache mit wenigen vernichtenden Worten ob- gesertigt: „Was? Margarethe? Aber, lieber Freund, in Margarethe geht „man" nicht. Antiquität," Er dankte lächelnd für gütige Belehrung und sagte nichts wehr darüber. Nun säst er da im Schatten Plast der Orchesterloge, ungeduldig, gespannt. Er hatte Luisane in diesen Tagen nur immer flüchtig sprechen können, obwohl er nach Empfang ihres' Briefes zu den verschiedensten Zeiten im Handschuhladen vorsprach. Wenn er sie traf, war sie immer in hochgradiger Aufregung, erfüllt von den kühnsten Hoffnungen, und je mehr er sie so sah, desto mehr erfaßte ihn eine bange Vorahnung irgend eines Unglücks, welches noch im letzten Augenblick ihr Lustschloß, umwerfen werde. Aber nichts davon. Ta stand sie aus den« Zettel und da trat sie endlich, als er vor Ungeduld schon nervös geworden, auf die Bühne. Und wie! — Seelenruhig, fromm und still, wandelte das junge Bürgermädchen im historischen blauen Sonntagsstaat zur Kirche. Wie aus einem Guß war die ganze Erscheinung, kein Zucken verriet die Luisane, die er kannte, das von nnruhigem Ehrgeiz erfüllte, unzufriedene, krankhaft erregte Geschöpf. Lohsen wurde sich sofort darüber klar, daß weder Kostüm, noch Schminke, noch die blonde Wechtenperücke so sehr Ursache der Verwandlung waren, wie innewohnende schauspielerische Befähigung, den vorgeschriebenen Charakter zu adoptieren. Tie dort hinschritt, den Blick auf das Gebetbuch gesenkt, die verkörperte naive Unschuld und ungetrübte Kindlichkeit, war wirklich nicht Luisane, sondern ein Ideal-Gretchen. Es beruhigte ihn förmlich. Tie Sache wird famos gehen, sie ist ja vollständig ruhig, daehte er. Aber als sie endlich anfing zn singen, faßte ihn wieder Erschrecken. Hatte sie ihre Stimme überanstrengt oder brach sich die zurückgedämmte Aufregung Bahn — sie setzte wieder mit jenem fast hauchenden, heiseren Tun ein, der ihm noch so erinnerlich war, zwang dann mit übermenschlicher Anstrengung das gemartete Organ! zu Klarheit und führte das durch, auf Kosten des Spieles. Mit jeder Minute schien es ihr auch schwerer zu fallen, Wohllaut zn erzwingen, und ein leises, aber mißfälliges Gemurmel ging durch die Reihen der Zuhörer. Als sie geendet, rührte sich keine Hand und lautlos sank der Vorhang herab. Lohsen fühlte sein Herz pochen in unbehaglichster Bestürzung. Er hatte Mühe, auf seinem Platze zu bleiben. Indessen nahm das Spiel seinen Fortgang und Gretchen trat wieder auf. Ihm war, als sei ihr Gesicht spitz und ver!- zcrrt und ein sonderbares Leuchten flimmerte in ihren Augen. Sie trat vor und begann zu singen — zwei, drei Takte, da erlahmte die Kraft, der Ton versagte und schlug in einen schrillen, disharmonischen Aufschrei um. Sie griff mit beiden Händen in die Lust, als wolle sie etwas Entfliegendes zurückreisen und stand dann stumm, zu Stein erstarrt, mit weit aufgerissenen Augen in die gähnende, verdunkelte Tiefe des' Zuschauerraumes starrend. Eine totale Niederlage. Ter Vorhang stürzte förmlich herab, im Hause entstand Unruhe, und nach einiger Zeit erschien der Regisseur an der Rampe und meldete mit allen Zeichen der Verstimmung, daß Fräulein X. die Partie der von plötzlichem Unwohlsein überfallenen Debütantin übernehmen werde. Lohsen hatte, das alles mit wachsendem Schrecken geschehen sehen, ja, Entsetzen erfüllte ihn. Was wird sie nun tun? — Er befürchtete das Schlimmste und er sagte sich, daß er zum zweitenmal berufen sei, sie vor einem Verzweiflungsschritt zn bewahren. Ohne sich zu besinnen, stand er auf und versuchte, sich Einlaß in ihre Garderobe zu verschaffen, aber er würde zurückgewiesen. Run ging er ins Freie und wartete an der Tür, durch welche die Künstler das Haus verlassen — wartete, bis sich diese Tür öffnete und durch schmalen Spalt sich eine dunkle, in einen langen Mantel gehüllte Gestalt zwängte und in besinnungsloser Eile, mit strauchelnden Schritten über den Platz lief, gleich einen« verbrannten, flatternden Nachtschmetterling, der sich taumelnd flüchtet. So windesschnell vollzog sich das alles, daß er die größte Mühe hatte, sie, ohne Aussehen zu erregen, einzuholen. „Luisane!" rief er immer wieder, leise, dringend, aber sie sah und hörte nicht. Jetzt hatte, er sie erreicht und faßte ihren Arm. Sie wäre fast hingestürzt. „Kind, wo laufen Sie denn hin? Bleiben Sie doch, besinnen Sie sich!" । Sie sah ihn zuerst mit irren Blicken au und rieb sich die Stirn. Tann murmelte sie matt: „Ja, Sie haben recht. Ich hätte bleiben — es nussechten sollen — ich —" Er zog ihre widerstrebende Hand durch seinen Arn«. „Stützen Sie sich ans mich, Sie fallen ja um. Wo soll ich Sie denn hinführen? Sie haben ja gerade die verkehrte Richtung eingeschlagen." „Für mich haben Richtungen, aufgehört. Was kommt darauf an, wo ich zusammenbreche? Wär's nur erst vorüber. Es ist ja doch alles aus — es ist vorbei. Ich bin zurückgeworfen ins graue Nichts . . ." Er zwang sich zu überzeugender Gelassenheit: „Was? — Wegen dieses einen Mißerfolges? Sie sind wohl nicht recht gescheit. Kopf hoch, sage ich. So eine kleine katarrhalische Indisposition geht ja vorüber — der Fehler war nur, daß Sie überhaupt sangen. Sie hätten die Erkältung abwarten! sollen." „Wie dürfen Sie so reden!" unterbrach sie ihn außer sich. „Sie wissen, daß von einer Erkältung nicht die Rede war . . . Sie wissen so gut wie ich, daß alle meine Hoffnungen und die scheinbare Heilung eine Illusion waren, ein grausamer Selbstbetrug, Suggestion jenes Charlatans, der mich behandelt — was weiß ich!" „Nicht so laut! Ich bitte Sie, nicht so laut, wir erregen ja Aufsehen. Wo soll ich Sie also hinbringen? Ich nehme einen Wagen. Wie war doch Ihre Adresse?" Sie lachte schneidend auf. „Dorthin? Ja, was denken Sie denn! Diese Wohinung war mir doch im Hinblick auf meine goldene Zukunft viel zu armselig geworden. All meinen Gratulanten, welche mich heute als Margarethe gehört und morgen kommen würden, mir die Hmrd zu drücken, konnte ich doch nicht Frau Schipekes einstige Rumpelkammer als Empfangssalon zumuten? Nicht wahr, das ging nicht? — So habe ich die Wohnung gekündigt, meine Sachen bei der Jahn eingestellt, ich aber nahm auf Madame N.s Rat ein Zimmer im Hotel Continental. Jawohl. Ich! — Tenn morgen hatte ich ja Geld die Hülle und Fülle. Sehen Sie nur — sehen Sie?" Mit zitternden Fingern riß sie den langen Mantel auf» daß das rote Futter schillernd aufleuchtete. „Nobel. Nicht? Echte Seide. Alles geliehen. Alles auf Kredit. Großartig!" (Fortsetzung folgt.) Die VeMmpsmg der Obstbcmmschüdlinge. Vor einiger Zeit sprach Obstbautechniker Wiesner von Friedberg int So unser Hof zu Hungen über „Neueste Erfahrungen mit dem Karbolineum als bestes Mittel zur Bekämpfung der Obstbaumschädlinge". Der Redner führte aus, daß in vielen Gegenden des Reiches und darüber hinaus vor 2 Jahren und int vorigen Jahre die Obstbäume in ganz unheimlicher Weise durch Jnsekteiischödlinge zu leiden gehabt haben. Fast aus allen Obstbanbezirkew kamen Mitteilungen, daß c.nßer dem Apfelblütenstecher ungeheure Massen von Raupen aller Art die Bäume befielen, Blattwerk und Blüten zerstörten und somit die Ernten vernichteten. Andererseits wieder ging die Ausbreitung der Pilzkrankheiten auf Obstbäumen in beängstigend rascher Weise weiter, ja sogar auf Distrikte über, die solche bisher nur dein Namen nach kannten. Diese Erscheinungen sind keinesfalls neu. Schon seit Menschengedenken sind für viele Gegenden Apfelblütenstecher und der Frostnachtspanncr eine Landplage gewesen. Besonders der Apfelblütenstecher ist der schlimmste Feind unserer Obstkulturen. Jahrelang hat er in unzähligen Orten die Blüten aller Apfelbäume zerstört, in niederen Lagen mehr als in höheren. Was geschieht nun im Leben zu seiner Abwehr? Man findet, daß in einigen Gegenden Deutschlands die Bauern einen Strohgürtel um die Obstbänme legen, besonders in der Nähe des Hauses. Das ist eine Ahnung vont Richtigen, grenzt auch an Aberglauben, aber das Mittel ist nicht genügend. Andere sind es auch nicht, denn wer wollte wohl von einem großen Feldbaume die braunen Blütenköpfchen mit den Sortiert ablesen oder in dem' Abklopfen der Käfer ein Universal- mittel erkennen? Die anderen angepriesenen Abwehrmittel, wie das Anlegen von Fang- und Klebgürteln werden oft ungeschickt, meist zur Unzeit und nur ganz vereinzelt angd-, 43 jyenbct. In dem besten Abwehrmittel: Mündliches Rei- niaen der Stämme und Aeste von unten bis oben hinauf, Werbrennen der abgekratzten Rindenteile und trockenen Zweige ufto., Anstrich mit frisch gelöschtem Kalk von unten mn Stamm bis weit in die Aeste hinauf, macht der einzelne, der es tut, fast immer vergebliche Arbeit. Die Bekämpfung des Frostnachtfalters steht bei uns ebenfalls noch auf der untersten Stufe. Dieser Schädling frißt nicht, wie die meisten Landleute glauben, direkt Bluteir, sondern zuerst die aus den anstreibenden Knospen hervorbrechenden jungen Blätter, so daß oft nur noch der Blattstiel übrig bleibt, später erst befrißt er die Blüten und kleinen Früchtchen, wenn beide nicht schon vorher durch die Verheerungen am jungen Laube absieleu. Ganze Ob anlagen stehen entlaubt da und die Erlite ist oft voll-, ständig vernichtet. Bekanntlich kommen die Falter im Herbst sehr ungleich- zeitig zum Vorschein. Große Trockenheit, hitziger, harter Steinboden wirken sehr auf Verminderung des Insekts, besonders im September und Oktober. Bäume auf Geröll, Quarz, Basalt stehend, sind meist frei von diesem Feinde. Will der Falter aus der Puppe, so nruß die Erde feucht sein, sie wird es durch Regen. Dieser wirkt aber erst dann, wenn die Blätter abgefallen und der Regen direkt den Boden unter der Baumkrone durchnäßt. Trockener Boden läßt sie nicht hoch, aber Wärme ist auch nötig beim Regen, anhaltend kalte Nässe verdirbt gleichfalls die Brut. Je rascher die Regen aufeinander folgen, der Boden mürbe gemacht wird, desto schneller der Abgang des Tieres, je länger vorher der Boden ausgetrocknet war, desto langsamer. Manchmal erscheinen die Falter schon gleich Mitte Oktober oder Ende Oktober, meist Anfang November. Je nachdem die Nässe die trocken eingegrabenen Puppen erreicht oder die Erddecke selbst den Ausflug verzögert, dauert die Periode gewöhnlich 3 bis 4 Wochen, andernfalls nur 14 Tage. Dieser Umstand ist wichtig! Wer nicht weiß, wenn das Klebeband zu wirken beginnen soll, der streicht zu früh auf, und sieht er dann keinen Falter daran, so setzt er aus und beginnt, wie andere zu spät, und das Mittel kommt in Mißkredit. Auch bei dem Gebrauch der Anlegung der Mirtel mit klebriger Masse läßt sich der Unterschied zwischen mechanischem und rationelle;» Betriebe recht oft erkennen. Kleberinge lverden angelegt, aber unvollkommen, so daß einzelne Stellen trocken bleiben. Meist unterläßt man die Wiederholung, wo es not tüt, zumeist na chheftigem Regen, so daß immer einzelne Schmetterlinge auf den Baum kommen, die dem Weibchen, welches einen Geruchsstoff ausscheiden soll, nachgehen, der das Männchen in der Dunkelheit heranlockt. Das Anlegen des Klebegürtels ist immer ein miß- liches und zeitraubendes Geschäft, besonders bei häßlichem, ungesundem Herbstwetter. Die Bäume eines Besitzers liegen ost weit auseinander, der einzelne kann nicht immer die Auslagen bestreiten und'selten weiß jedermann damit richtig umzugehen. Versäumnisse heben den Zweck des Mittels aus und der einzelne schafft auch, hier umsonst, wenn der Nachbar nichts tut. Sind einmal die Eier abgelegt, ist wenig - Heil mehr. Auch der Schaden durch Apfel Wickler, Obst- nitide, Raupen aller Art und Blutlaus ist in manchen Jahren groß, die Mittel dagegen zuni Teil umständlich, uralt, oft unwirksam. Zur Abwehr der Schädlinge geschieht aber auch in unseren ländlichen Obstbaubetrieben noch rein gar nichts. Wir klagen nur immer über Ernteausfall, erwarten alles vom Zufall, Wetter und Wind und rühren uns selbst so wenig wie möglich. Das ist bittere Wahrheit, denn sonst könnten wir nicht alle Jahre ruhig zusehen, wie z. B. allein der Apfelb lüten- st e ch er die Baumgärten vieler Gemeinden unfruchtbar macht. Dieser gesamten Jnsektenschädlingsplage rückt man nun neuerdings mit „Karbolineum" energisch und erfolgreich zu Leibe. Aber nicht mit „purem" Kärbolineuin, wodurch mancher Schaden an Bäumen angerichtet worden ist, sondern mit neueren, verdünnt anzuwendenden Präparaten. Dieselben sind wasserlöslich, sie werden einfach ohne jede weitere Arbeit dem Wasser zugegossen, vermengen sich von selbst und sofort mit dem Wasser, die Brühe sieht dann milchweiß aus. 'Die Flüssigkeit wird mit besonders konstruierten, selbständigen Spritzen auf und über die Obst- bäume versprüht. Wasserlösliche Karbolineumfabrikate werden hergestellt von L. Webel in Mainz, Arboli-j neu m, Firma B. Lohse u. Rothe in Dresden, Rosenstr. 43, Lohsol benannt, und F. Schacht in Braunschweig. Alle drei Marken scheinen ähnlich zu sein und von der gleichen guten Wirkung. Die besten Spritzen (auf dem Rücken zu tragen) find bei Gebrüder Holder in Metzingen (Würllem- berg) und bei Karl Platz, .Rheinpfälzische Maschinenfabrik in Ludwigshafen zu haben. Der Preis für eine ca. 20 Liter fassende und ndt einmontierter Luftpumpe nebst Mono^ meter versehene Maschine und einschließlich allem Zubehör — dabei ein ca. 4 Meter langes Bambusrohr, mit den; von unten aus bis 10 Meter hohe Hochstammkrouen bequem zu besprühen find — 48 bis 5.7 Mk. Die Platzfche Fabrik offeriert auch eine kleinere Spritze, auch allen Ausorde- tuh gen entsprechend, für 17 Mk. (Floraspritze) und Gebr. Holder eine neue Handspritze Modell 08 für ca. 8 Mk. Die Bespritzungen gegen alle Schädlinge an Obstbäumen sollen von November bis März mindestens sechsmal mit einer 10 proz. Lösung, und vom Austrieb der Blattknospen bis etwa Ende August n u r mit bis 1 proz. Lösung etwa 12 mal bespritzt werden, nie aber bei Regen, auch nicht bei starkem Wind. Selbstverständlich muß der Winterbespritzung die unerläßliche Arbeit des Wkratzens der borkigen, alten Rinde, das Auslichten resp. Beschneiden der Bäume vorans- gehen. Aber nicht mit einer einmaligen Arbeit in einem Jähre ist cs getan, vor zwei Jähren kann man überhaupt kein Urteil fällen, erst mit den Jahren wird man bei so alten Schädlingskolonien und Krankheiten gänzlichen Erfolg haben. Die Spritzflüssigkeit wird am feinsten verteilt, wenn der S p r i tz st o f s 1 Mete r von Zweigen u n d Blättern entfernt geführt wird. Das wasserlösliche Karbolineum (Arbolineum) bedeutet gegenüber dem früher im Wasser unlöslichen einen sehr- großen Fortschritt. Die Anwendung ist eine sehr bequeme, leichte und billige, so daß es für jeden Obstzüchter von hohem Nutzen ist, über die Anwendung genau orientiert zu sein. Zum Austreichcn der Bäume im Winter, namentlich auch zur Vertilgung der Blutlaus, Schildlans, Blattlaus, des Fusikladiumpilzes re. genügt eine Lösung von 10 Proz. Durch Zusatz-von je 1 'Kilo Lehm, Kuhfladen, Kalk und Rinds- blut wird überdies die Brühe besser streichbar und haltbar bis zum Frühjahr. Zum Bespritzen der Bäume einschließlich der älteren und jüngeren Zweige, der einjährigen Triebe und der Knospen benutzt man während der vegetationslosen Jahreszeit eine Lösung von 10 Proz. Zum Bespritzen der Bäume und Sträucher kurz vor den; Austreiben der Knospen im Frühjahre soll nur eine Lösung verwendet werden von 1 Proz., also 1 Liter Ar-i bolineum und 100 Liter Wasser. Während und nach der Blüte zur Vertilgung von Raupen, Maden, Blattläusen re. bespritzt man die belaubten Bäume gegen Abend mit einer Lösung von Hz Proz., also 1/2 Liter Arbolineum auf 100 Liter Wasser, vom April bis September 12 mal. Gegen alle Blattkrankheiten verwende »ton bei jungem Laub ebenfalls 1/2 proz, Lösung; bei älterem starkem Laube etwa 1 proz., also 1 Liter Arbolineum aus 100 Liter Wasser, aber möglichst nur an trüben Tagen, an welchen keine Sonne scheint, oder gegen Abend. Wenn Blattfallkrankheiten befürchtet werden, oder sich Spuren von Blattkrankheiten zeigen, müssen die Bäume, resp. Blätter sofort in vorbeugender Weise bespritzt werden (mit 1 Proz. Lösung). Eine 10 proz. Lösung, also 10 Liter Arbolineum auf 100 Liter Wasser kostet nur etwa 5 Mk. das Hektoliter. Euie 1/2 proz. Lösung (V2 Liter Arbolineum auf 100 Liter Wasser) gar nur 25 Psg. das Hektoliter. Die Bekämpfungsmaßregeln wider die Obsterntezerstörer aus den; Tier- und Pflanzenreiche müßten endlich auch in unseren; ländlichen Obstbau eine regelmäßige Kulturarbeit werden. A l s 0 al l g em ein c s r e ch t z eiti g e s B e k ä in p f e n ist die Hauptsache. Vsrmischts». * Aus offener Szene verhaftet. Aus Newhork wird uns berichtet: Ein echt amerikanisches Schauspiel erlebte am letzte;; Donnerstag das Publikum, das sich im Grand Opera House in B 0 st 0 n versammelt hatte, um den bekannten Uaüenstchen Tenor Carlo Albani im „Troubadour" zu hören. Denn als Matt- 44 rko im zweiten Akt auftrat, folgte ihm zur begreiflichen Verblüffung ein Schutzmann auf die Bühne und folgte dem Sänger getreulich bei jeder Bewegung. Anfangs blieb alles starr vor Erstaunen, man dachte an irgend einen tollen Scherz, aber als Albani unbekümmert um seine seltsame Gefolgschaft seine Rolle durchführte, ahnte man den Zusammenhang und begrüßte den Wächter der Ordnung, der ernsten Blickes dem Sänger Nus Schritt und Tritt folgte, mit fröhlichen Ovationen. Bald war der Zusammenhang bekannt. Hammerstein hatte den Italien. I Tenor wegen Kontraktbruches verhaften lassen, da er im Wider- I sprach mit den getroffenen Vereinbarungen an einer anderen I Bühne auftrat, als in der Manhattan Opera. Tas Gesetz von I Massachuscts bestimmt, daß der Beamte, der eine Verhaftung vornimmt und den Arrestanten nicht sofort zur Wache bringen kann, in unmittelbarer Nähe des Verhafteten bleiben muß. Kurz vor Beginn der Vorstellung erschien der Schutzmann int Theater, um Albani festzunehmen. Es war unmöglich, in so kurzer Zeit Ersatz zu schaffen. Tas Publikum wurde ungeduldig, es war nicht daran zn denken, den Beginn der Vorstellung so lange hinauszuziehen, bis Albani vorm Untersuchungsrichter eine Freilassung gegen Kaution erlangt Hütte. Verzweifelt rang der Tirektor die £>änbe, aber Es Flehen war umsonst, der Mann des Gesetzes bestand auf feinem Schein und das einzige Zuge- I stäudnis, das er machen zu können glaubte, war die Verschiebung I der Abführung Albanis bis nach Schluß der Vorstellung, voraus- I gesetzt, daß man den getreuen Schutzmann nicht hindern würde, seinem Opfer auch auf der Bühne auf Schritt und Tritt zn folgen. Tie Amerikaner waren weit davon entfernt, sich über den ungebetenen Gast auf der Bühne zu entrüsten und der Beamte in seinem hohen Hut und seinem langen Uniformrock erzielte einen Erfolg, gegen den selbst die Kunst Albanis nicht dufkommen konnte; Jubel und Applaus wollten kein Ende nehmen, die Chöre gerieten in Verwirrung und außer Takt, aber trotz alledem nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Tie Anwesenheit des Gesetzeswächter schien den Tenor mehr zu inspirieren als zu hindern, er spielte mit ungewöhnlicher Leidenschaft seine Rolle, so leidenschaftlich, daß der biedere Schutzmann zweimal glaubte, Manrieo wolle ihm entwischen. Er packte den Tenor dann energisch an den Rockschößen und stürmischer Applaus lohnte seine Pflichttreue. In den Pausen saß der Polizeimann neben Albani in dessen Zimmer und stärkte sich mit einem kühlen Trunk auf die Anstrengungen des nächsten Aktes. Nach der Vorstellung wurde vom Direktor sofort eine Kaution für das Erscheinen Albanis vor Gericht gestellt, womit das amüsante Gastspiel des getreuen Schutzmannes einstweilen abschloß. * Wie lange sich ein Mensch wach erhalten kann — eine Frage, die schon Friedrich den Großen beschäftigte — suchte man unlängst im amerikanischen I Staate New-Jersey auf dem jetzt sehr beliebten Wege des I Wettbewerbs zu ermitteln. Den zwölf Teilnehmern war gestattet, sich durch beliebige Mittel „munter" zu erhalten, Und am meisten bevorzugt wurde starker Kaffee, während nur etliche Teilnehmer vom Rauch Gebrauch machten. Der krste, der in Schlaf sank, war ein Schutzmann, der schon nach 23 Stunden einnickte. Der Gewinner dagegen, Brook, ein Wächter von einer Bank, wachte nicht weniger als 83 I Stunden 27 Minuten. Kurz danach veranstaltete man auch ! eine Schlafkonkurrenz, bei der es darauf ankam, auf einem | Stuhl sitzend und mit einer Zigarre int Munde möglichst I lange zu schlafen, ohne aufzuwachen. Dies ist aber nicht so leicht, da ein in sitzender Stellung befindlicher Schläfer durch das plötzliche Niedersinken des Kopfes gewöhnlich aufwacht. Die Einwohner in New-Jersey brachten dem neuen Sport solches Interesse entgegen, daß die Gastwirte, in deren Lokalen die Wetten stattfanden, ganz vergaßen, rechtzeitig zu schließen, bis sich die Polizei genötigt sah, mit der Entziehung der Konzession zu drohen. * Bor einem amerikanischen Gerichtshof stand jüngst ein Mann, der wegen Diebstahls angeklagt war. Da er keinen Verteidiger hatte, bat der Vorsitzende einen | der Advokaten, die zufällig im Sitzungssaale waren, mit | dem Angeklagten einige Minuten zu konferieren und dann seine «Verteidigung zu übernehmen. Die beiden Männer verlassen den Saal. Nach zwanzig Minuten kommt der Advokat zurück, aber allein. „Nun," fragte der Präsident, „wo haben Sie den Angeklagten?" — „Der ist fort," erwiderte der Advokat. „Sie haben mich doch beauftragt, ihm den für seinen Fall und zur Wahrung seiner Interessen am besten passenden Rat zu geben. Da er mir nun gestanden hat, daß er schuldig sei, bin ich zu der Neber- zeugung gelangt, baß es für ihn am besten wäre, wenn er sich aus dem Staube machte. Das habe ich ihm auch geraten, und er hat auch den Rat befolgt." Die Mitglieder des Gerichtshofs sollen kein besonders geistreiches Gesicht gemacht haben, als sie dies hörten. — Interessante Ansichtskarten. Zwei Hefte einer einer originellen Sammlung liegen uns vor. Sie enthaltest in feiner Farbendruck- und Lichtdruck-Ausführung je 15 Ansichtspostkarten. Ter Inhalt besteht aus guten Wiedergaben nach Mnstler-Originalentwürfen, Gemälden und Photographien europäischer Herrscher und Herrscherinnen, sowie neuester Pariser Damenmoden. Dieses Karten-Ünternehmen ist wirklich originell und dürfte vielen Wünschen gerecht werden. Die „Interessanten Ansichtskarten" sind zu beziehen durch Buch- und Schreib- warenhantcknngen. (Verlag Aug. Hößle in Stuttgart.) — Kei' R u h'! Bauernjunge (ein heranziehendes Wetter betrachtend): „I woaß nit, heier kummt ma aus,der Angst gar ne raus. Im Summer do dunnert's und int Winter muß ma in die Schul'." * 11 n f e r c Kinder. „Warum magst du denn teilten Lehrer und willst lieber zu einer Lehrerin, Elschen?" — „Weil ich keine Lust habe, mich jetzt schon über die Männer zu ärgern!" Kleine Leut'. Die Kinderschul' ist lange aus, Mein Völklein eilte iroh nach Haus. Ein kleines Pärchen hat indessen Man heut zu holen, scbeints, vergessen. Der Walter wartet mäuschenstill — Ob denn auch niemand kommen will? Tie Hilde tanzt um ihn herum, Singt, plaudert — er bleibt still und stumm. Sie zwickt ihn hier, sie zwickt ihn dort, Ist hurtig draus gleich wieder iort, Zupit ihn bald rechts, bald links am Ohr — Wie kommt sie ihm doch komisch vor! Doch bleibt er ruhig, kein Wort er spricht, Und rühret sich und regt sich nicht. So geht es eine gute Weile. Ich nehm' indessen, sehr in Eile, Mein letztes Pensum nochmals vor. Da — plötzlich - raunt er mir ins Ohr: „Du, Tante, denk' doch nur, grab' ebe „Hat sie sogar en Kuß mir gebe! „Gell, de? sollt' doch die Hilde wisse: „E Mädle dut koan Bue net kisse, „Des dut doch wirkst sich net passet „Gell, des, des sollt' sie bleibe lasset" Gießen. L. Mode. — Die in Frankfurt a. M. erscheinende „M o d e v o n h e u t e"; deren erstes Januarheft uns vorliegt, verdient tatsächlich den Beisatz zu ihrem Titel: „Halbmonatsschrift für die Interessen der Frauenwelt". Tenn weit über den Rahmen eines bloßen Modeblattes hinaus hat die Redaktion den Inhalt dieser Zeitschrift gestaltet. Alles, was auf die Teilnahme unserer gebildewst Frauenwelt rechnen kann, wird hier in anziehender Weise behandelte Natürlich kommt auch der Modeteil darüber nicht zu kurz, der mit Geschmack redigiert wird und in dem vorliegenden Heft allein über 50 textliche Abbildungen zählt. Goldene Worte. Tie geistige Energie, mehr als die Zahl, entscheidet den Sieg. Napoleon. Die, welche den Staat aus den Fugen heben, sind die ersten, denen er aus den Kops stürzt. de Montaigne. Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden: es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun. Goethe. Silbenrätsel. Meine beiden elften schätzet jedermann. Meine dritte schlängelt sich int Wiesenplan. An beit beiden ersten ist gelegen eins zwei drei mit Plätzen, Straßen, Wegen. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Humboldt. Redaktion: P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.