smnstag den |9. September M8 — Ur. M * c' 4» W VS) IÄ5, [mir-fy Herr Lecoq. Kriminal-Roman von E. G a b o r i a u. Nachdruck verboten. 1. Kapitel. Am. 20. Februar 18 . ., einem Sonntag und zwar am Faschingssonntag, verliess gegen elf Uhr abends eine Abteilung von Schutzleuten die Polizeiwache an der früheren Barriöre d'Jtalie. Sie hatte den Auftrag, das ausgedehnte Viertel abzugehen, das sich zmischen der Landstraße nach Fontainebleau und der Seine von den äußersten Boulevards bis zu den Festungswerken erstreckt und sich damals einer sehr bedenklichen Berühmtheit erfreute. Sich des Nachts in diese Gegend zu wagen, galt für so gefährlich, daß die Soldaten, die mit Theaterurlaub von Paris nach ihren Forts zurückkanren, Befehl hatten, an der Barriere auf Kameraden zu warten und nur in Abteilungen von drei oder vier Mann heimzukommen. Es waren in dieser Gegend damals noch zahlreiche leere Baustellen, die nach Mitternacht den Tummelplatz jener Horde von Arbeits- und Wohnungslosen bildeten, die sogar die sehr oberflächlichen Formalitäten der verrufensten Herbergen zu fürchten haben. Vagabunden und Verbrecher fanden sich an diesen Plätzen zusammen. War das „Tagewerk" gut gewesen, so ging cs hoch her beim Verzehren von Eßwaren, die aus den Auslagen gestohlen waren. Wurden sie müde, so schlüpften sie in irgend einen Fabrikschuppen oder in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser. Man hatte alles Mögliche versucht, um so gefährliche Gäste aus ihren Quartieren zu vertreiben, aber die strengsten Maßregeln waren fruchtlos geblieben. Ueberwacht, verfolgt, gehetzt, immer von einer Razzia bedroht, kamen sie trotzdem mit einer idiotischen Hartnäckigkeit wieder, als triebe sie irgend eine geheimnisvolle Kraft. So waren denn diese Gegenden für die Polizei sozusagen eine ungchenve Falle, in welche unaufhörlich frische Beute aus freien Stücken hineinging. Man rechnete so fest mit dem Ergebnis eines polizeilichen Streifzuges, daß der Polizeiwachtmeister der abmarschierenden Patrouille mit dem Ton der Ueberzeugung nachrief: Ich werde einstweilen unseren Künden das Quartier zurecht- snachen. Gute Jagd und viel Vergnügen! Dieser Wunsch war jedenfalls reine Ironie, denn das Wetter war so abscheulich Ivie möglich. Es war an den vorhergegangenen Tagen sehr viel Schnee gefallen, der eben aufzutauen begann. Ueberall wo der Straßenverkehr ein wenig lebhaft gewesen war, lag der Kvt einen halben Fuß tief. Dabei war eS noch kalt: !es herrschte jene nasse Kälte, die einem bis in die Knochen dringt. Außerdem war der Nebel so dicht, daß man nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Ein Hundeleben! knurrte einer von den Schutzleuten; Ja! versetzte der Inspektor, der die Abteilung anführte, td) glaube gerne, daß du nicht hier wärst, wenn dn nur dr^ißigtausend Franken Rente hättest. Das Lachen, womit dieser gewöhnliche Spaß aufgenominM wurde, war weniger eine Schmeichelei, als eine Achtungsüezeugung, die einem Vorgesetzten von allgemein anerkannter Ueberlegenheik galt. Der Inspektor war einer der geschätztesten Beamten de« Polizeipräfektur und von erprobter Tüchtigkeit. Seine Klugheit war vielleicht nicht übermäßig groß, aber er verstand seinen Beru§ aus dem ff. und kannte alle Winkelzüge, Kniffe und Kunstgriff-. Die Praxis halte ihm außerdem eine unerschütterliche Sicherheit verliehen, dazu ein stolzes Selbstvertrauen und eine Art grobschlächtiger Diplomatie, die beinahe wie Geschicklichkeit aussah. Mit diesen Vorzügen und Fehlern verband er einen unbestreitbaren Mut; er packte den gefährlichsten Verbrecher ebenso ruhig mit eigener Hand am Kragen, wie er seine Finger in das Waschwasser tauchte. Es war ein Mann von sechsundvierzig Jahren, stark gebaut- mit harten Zügen, einem mächtigen Schnurrbart und kleinen! grauen Augen, die unter buschigen Brauen hervorlugten. Er hieß Gsvrol, gewöhnlich nannte man ihn aber General. Dieser Spitzname schmeichelte seiner Eitelkeit, die nicht gering und seinen Untergebenen wohl bekannt war. Ohne Zweifel dachte er, daß von der Hochachtung, die man diesem Grade zollt, ein wenig seiner Person zugute käme. Wenn ihr jetzt schon ächzt, begann er wieder mit seiner knarrenden Stimme, was wollt ihr dann nachher sagen? Man brauchte sich in der Tat noch nicht allzusehr zu be- klagen. Der kleine Trupp marschierte in diesem Augenblick di- breite Straße nach Choisy entlang; die Trottoirs waren verhältnismäßig sauber und die Hellen Fenster der Wirtschaften spendeten genügendes Licht. Denn alle Kücipen waren offen. Kein Nebel, kein Tauwetter vermag die Freunde eines lustigen Lebens gn entmutigen. Die Karnevalfeiernden der Barriere betranken sich in den Schenken und tobten ausgelassen in den öffentlichen Tanz lo kalen. Vor gewissen Etablissements kommandierte Gsvrol „Halt!" Er pfiff auf eine eigentümliche Art, und fast augenblicklich ka>N ein Mann heraus. Es war ein Polizeibeaniter; Gsvrol Horts seinen Rapport an und man marschierte weiter. Allmählich näherte man sich den Festungswerken. Tie Laternen wurden spärlich und zwischen den einzelnen Häusern befanden sich leere Räume. Linksschwenkt marsch, Jungen! befahl Gsvrol; wir schneiden ein gutes Stück Weg ab nach der Rue du Chevaleret. Bon da an wurde das Vorwärtskommen sehr beschwerlich. Die Abteiluirg hatte einen kaum erkennbaren Weg betreten, der nicht einmal einen Namen hatte und durch tiefe Löcher und groß« Steine fast ungangbar gemacht war; durch den Nebel, den Schlamm und den Schnee wurde jeder Schritt gefährlich. Hier waren keine Laternen mehr; man sah keine Kneipech man hörte keinen Schritt, keine Stimme; nur Einsamkeit, Finsternis, Schweigen. Man hätte denken können, man iväre tausend Meilen von Paris entfernt, wäre nicht das unaufhörlich tieft Geräusch gewesen, das sich über die große Stadt erhebt, wie das Brausen eines Gebirgswassers in tiefem Felsenkessel. Alle Beamten hatten ihre Hosen bis über die Knöchel aus« gekrempelt nn!> ruckten langsam vor, einer hinter dem andern- tyic Indiane« auf Dein Kriegspfade,, indem sie, so gut es ging, sich die Stellen anssuchten, Ivo sie den Fuß sicher! aussetzen konnten. Sie hatten eben die Rue du Chateau des Rentiers gekreuzt, als plötzlich ein durchdringender Schrei die Lüfte durchschnitt. Zu dieser Stunde, an diesem Ort war der Schrei so bedeutsam, daß alle Beamten wie auf Verabredung stehen blieben. Sic haben gehört, General? fragt halblaut einer der Polizisten. Ja; ganz gewiß schlachten sie wieder ein paar hier ab. Aber wo? @eii> still, damit wir hören können. Alle standen unbeweglich und lauschten mit angehaltenem Stellt; bald erscholl ein zweiter Schrei oder vielmehr ein Geheul. Oho! rief der Inspektor. Es ist in der „Pfefferbüchse"! Dieser sonderbare Name war bezeichnend genug für das Haus und dessen stündige Besucher. In der bilderreichen Sprache, die in den Vierteln Lon Montparnasse int Umlauf ist, sagt man von einem Trinker, er sei „mtgepfeffert", wenn er sich nm Sinn und Verstand gezecht hat. Da dieser Name indessen bei den Polizeibeamten keine Erinnerung erweckte, fügte Gövrol hinzu: Was? Ihr kennt nicht Mutter Chupins Schenke, da hinten Hechts? — Vorwärts, marsch, marsch, im Galopp! Und er stürzte in der angegebenen Richtung voran; seine Leute folgten ihnr, und irt weniger als einer Minute waren sie bei einer mitten auf dem freien Felde erbauten Spelunke von wüstem Aussehen angelangt. Bon diesem Diebsnest war das Geschrei ausgegangen, das sich inzwischen mit verdoppelter Kraft hatte vernehmen lassen. Auch waren zwei Schüsse gefallen. Das Hans war ganz dicht verschlossen, aber durch die in den Fensterladen angebrachten herzförmigen Deffnungen drang, ein rötlicher Schein hervor, als ob das Innere in Flammen stände. Ein Schutzmann stürzte an eines dieser Fenster, hob sich mit einem Klimmzug empor und versuchte durch die Oeffnung die Vorgänge im Innern zu beobachten. Gövrol selbst lief an die Tür und rief, indem er heftig 'aiiklopfte: Macht auf! Keine Antwort. Aber 'man unterschied ganz deutlich das Toben eines erbitterten Kampfes, Flüche, ein dumpfes Röcheln und zeitweise das Schluchzen eines Weibes. Entsetzlich! rief der an den Fensterladen sich anklammernde Beamte. Das ist fürchterlich! . Von diesem Ausruf angefeitert rief Gövrol zum drittenmal: Im Namen des Gesetzes! trat, als niemand antwortete, einen Schritt zurück und sprengte mit einem Schulterdruck, der die -Kraft eines Raminstoßes hatte, die Tür. I ' Bei dem Anblick, der sich bot, begriff man den Schreckensruf des Beamten, betf durch das Loch im Fensterflügel geblickt hatte. In dem Erdgeschoßzimmer der „Pfefferbüchse" sah es so furchtbar aus, daß alle Beamten der Sicherheitspolizei und Gövrol selber, von einem unsagbaren eisigen Schauer erfaßt, einen Augenblick regungslos stehen blieben. Die Kneipe bot alle Anzeichen "eines erbitterten Kampfes, einer jener wilden Schlägereien, die nup zu oft die Spelunken an dm Barrieren mit Blut über- schwemmen. ' Die Ktzchen mußten gleich bei Beginn der Rauferei erloschen sein, aber ein großes helloderndes Kaminfeuer erleuchtete den Raunt bis in die hintersten Winkel. Tische, Gläser, Flaschen, Geschirr, Strohschemel, afieS1 lag durcheinandergeworfen, zerbrochen, zertreten, zerhackt umher. Quer vor dem Kamin lagen regungslos zwei Männer auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt. Ein dritter lag mitten, im Zimmer. Im Hintergründe rechts, auf den untersten Stufen einer Treppe, die nach dem oberen Stockwerk führte, hatte eine Frau sich zusammengekauert. Sie hatte ihre Schürze über den KVpf gezogen und stieß unartikulierte .Seufze« aus. ! . Gerade vor ihnen, int Rahmen einer weitoffenen Verbindungstürstand ein Mann, starr und bleich, einen schweren Eichentisch als Schutzwall vor sich. Er war von reiferem Alter, mittelgroß gewachsen und trug einen Bollbart. Seine Kleider, nach denen zu schließen er ein Hafenarbeiter vom Bahuhvfsquai war, hingen ihnr in Fetzen a,m Leibe und waven von Straßenkot, Wein und Blut besudelt. f . Gewiß war dieser Mann der Mörder. De« /Ausdruck seines Gesichtes war furchtbar. Rasende Wut flammte aus seinen Augen, sein Gesicht war krampfhaft zu einer Grimasse verzogen. Am Hals und an der Wange hatte er zwei stark blutende Wunden. In der von einem buntgewürfelten Taschentuch umwundenen rechten Hand hielt er einen fünflausigen Revolver, dessen Lauf er gegen die Beamten richtete. Ergib dich! rief Gövrol ihm zu. De« Mann beioegte die Lippen, konnte aber trotz sichtlicher Anstrengung keine Silbe hervorbringen. Spiele nicht den wilden Mann! fuhr der Inspektor fort; wir sind in der Ueberzahl, du bist gepackt; also herunter mit dev "Waffe! Ich bin unschuldig! stieß der Manu mit rauher Stimme hervor. Natürlich! Aber das ist nicht unsere Sache! JH bin angegriffen worden, fragen Sie nur die Alte da; ich habe mich verteidigt, ich habe dabei Menschen getötet; ich hatte ein Recht dazu. Die Bewegung, womit eß die Worte bekräftigte, war so drohend, daß der Beamte, der halb draußen geblieben war, Gövrol mit einem heftigen Ruck an sich zog und ausrief: Vorsicht General! nehmen Sie sich in acht! Der Revolver des Kerls hat fünf Schüsse, und wir haben nur zwei fallen hören. Aber der Inspektor, der keine Furcht kannte, stieß feinen: Untergebenen zurück und trat abermals vor, indem er im ruhigsten Tone sortfuhr: Bitte, keine Dummheiten, mein Bürschchen! Wenn deine Sache gut ist, was ja immerhin fein kann, so verdirb sie nicht! Eine furchtbare Uuschlüssigkeit war auf den Zügen des Mannes zu lesen; an einem Fingerdruck von ihm hing Gövrols Leben, Sollte er abdrücken? Nein! Er warf die Waffe heftig zur Erde und rief: sp kriegt mich doch! Und sich umdreheud, duckte er sich zusammen, um ins Nebenzimmer zu stürzen und irgend einen ihnr bekannten Ausgang zw gewinnen. Gövrol hatte diese Bewegung geahnt; er stürmte ebenfalls mit ausgestreckten Armen vorwärts, aber der Tisch hielt ihn auf, und er rief: Äh! der Elende entwischt uns! Aber dessen Schicksal mar schon entschieden. Mährend Gövrol unterhandelte, war einer von den Beamten — derselbe, der durch das Fenster gesehen hatte, um das Haus hermngelausen und durch die Hintertür eingedrungen. Als der Mörder seinen Anlauf nahm, stürzte er sich auf ihn, packte ihn um den Leib. und warf ihn mit überraschender Kraft und Gewandtheit zurück. Der Mann wollte sich losringen, Widerstand leisten. Vergeblich. Er hatte das Gleichgewicht verloren, taumelte und fiel rücklings auf den Tisch, der ihm als Schutzwehr gedient hatte> wobei er so laut, daß alle Anwesenden ihn hören konnten, murmelte: ’§ ift ans! Die Preußen kommen! Das einfache, entscheidende Manöver, das den Beamten den Sieg verlieh, mußte den Inspektor entzücken, und er sagte zu dem Beamten: Gut, mein Junge, sehr gut! Ah! Du hast An- lage, du wirst es noch weit bringen, wenn jemals eine Gelegenheit sich dir . . . Ev unterbrach sich. Alle seine Leute teilten so offenbar feinen Enthusiasmus, daß er eifersüchtig wurde; er sah seine UÜberlegenheit geschmälert und beeilte sich hinzuzusetzen: Ich hatte deine Idee ebenfalls gehabt, aber ich konnte sie nicht kundgeben, ohne daß der Kerl es gemerkt hätte. Diese ableukende Bemerkung war überflüssig; die Beamtest bekümmerten sich nur noch um den Mörder. Sie halten ihn umringt, ihm Hände und Füße gefesselt und schnürten ihn jetzt ganz eng an einen Stuhl. Er ließ ruhig alles mit sich machen. Seine Aufregung hatte! jener dumpfen Niedergeschlagenheit Platz gemacht, die allen übermäßigen Anstrengungen folgt. Seine Züge drückten nur noch eine gefühllose Wildheit ans, die Verstörtheit eines Tieres, das sich in der Falle gefangen hat. Augenscheinlich ergab er sich in sein Los. Sobald Gövrol sah, daß seine Leute mit ihrer Verrichtung fertig waren, befahl er: So, jetzt wollen wir uns mal um die anderen bekümmern, Macht mir Licht, denn das Feuer flackert kaum noch. Bei den beiden Menschen, die quer vor dem Kamin lagert,■ begann der Inspektor seine Untersuchung. Er horchte auf ihrest Herzschlag; die Herzen schlugen nicht mehr. Er hielt sein Uhrglas an ihre Lippen; das Glas blieb klar und glänzend. Nichts! murmelte er nach mehreren Versuchen. Nichts! sie sind tot. Der Bursche, hat gut gezielt. Lassen wir sie in ihrer Lage, bis das Gericht kommt und sehen wir nach dem dritten. Der dritte atmete noch. Es war ein blutjunger Mensch in der Uniform eines Linieninfanteristen. Er trug einen Kommißcmzug, ohne Seitengewehr, und unter seinem halboffenen dicken grauert Mantel sah man die nackte Brust. (Fortsetzung folgt.) 587 J. (Forts, folgt.) waren bei weitem bitterer als die ersten. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Na — glaubst du, ein Mann wie Horbach kann eine LicbeZ- heivat eingehen? — Uebrigens, da ordnen sich schon die Felder!" Die Offiziere wandten sich nach dem Sattelplatz. Erika stand noch ans ihrem Fleck und starrte auf den Boden Die Aufsichtsbeamten machten die Bahn frei, das Volk drängte zurück von den Wettkassen, der Plan wurde leer. Erika merkte nichts davon. Einer der Beamten ersuchte sie höflich, zurückzutreten. Sie tat es mechanisch. Sie schritt zwischen den Menschen durch, ohne sichs bewußt zu werden. Sie sah kein Gesicht: alles in ihr war tot. — Sie hörte nichts von der Bewegung im Publikum, wie fie_ alle das Rennen verfolgten, wie sich die ganze Volksmasse auf den Tribünen hob und senkte, bei jeder neuen Phase des Rennens; und erst als donnernder Beifall sie nmrauschte, blickte sie auf. Zwei Namen warm in aller Munde: „Pfeil und Horbach!" Jetzt erst kam sie zur Wirklichkeit zurück. Sie blickte um sicht Wo war ihr Mann? Müßte er nicht neben ihr sitzen in der Lage? Da ritt einer unten vorbei auf dampfendem Pferde und nickte herauf mit sieghaftem Lächeln und winkte mit der Reitpeitsche,^ und drüben blies die Musik einen rauschenden Tusch. Erst als die Leute sich nach ihr umdrehten, gewahrte sie, daß der Gruß des Reiters ihr gelten sollte. — Sie war jetzt nicht einmal erstaunt, daß das ihr Mann sei. Das Volk drängte bott den Tribünen nach den Kassen. Sie ließ sich mit schieben und tragen, bis sie am Ausgang war. Eine leere Droschke fuhr vorüber. Als sie den Kutscher anrufen wollte/ brachte sie nur etliche gluch-sende Laute hervor, dabei trieb es ihr das Wasser in die Augen. So lief sie. — Nach anderthalb stündigem Wege war sie zu Hause, zu Tode matt. — Trotzdem wies sie das Mädchen zurück und schloß sich in ihr Zimmer eilt. Noch im staubigen Kleide ließ sie sich auf einen Stuhl fallen und starrte nun zum Fenster hinaus, hinaus in den öden Hof mit den halbleeren Bäumen. „Nun ist alles aus!" — Das war das Einzige, was sie denken konnte. In vierzehn Tagen wurde sie achtzehn Jahre und schon diese Bitternis, schon fertig mit dem Leben! Die Nacht sank herein und trieb kalten Oktoberivind durch die Fenster. Ein Frieren durchlief ihren Körper, ein inneres Frieren. Unsägliches Mitleid mit sich selbst überkam sie, Heimweh dazu und Sehnsucht nach tröstenden Worten, nach einein liebenden Herzen. Wo war ihr Mann? Müßte er nicht jetzt hier sein, müßte er nicht jetzt sich verteidigen? Müßte er nicht beteuern: Es ist nicht wahr, daß ich dich bloß des Geldes wegen geheiratet habe. Ich habe dich geliebt und liebe dich, noch! Wo war ihr Mann? Der saß in Eckerleins Keller nnd feierte sein Siegesfest. Endlich erhob sie sich. — Sie wollte heim. Ganz leise, nicht ungestüm war ihr der Gedanke gekommen. Sie wollte heim. Was sollte sie hier? An der Seite eines Mannes, von bemj selbst Fremde wußten, daß er nicht sie, sondern ihr Geld geheiratet, dessen 'Kameraden1 sie verächtlich ein Landkuöspchen nannten! Ans dem großen Toilettenschrank packte sie Stück um Stück in den Neisekorb, alles,mechanisch,friktiert von dein einen Gedanken: Ich will heim. Dann ging sie zur Konrmode. Sie strich kosend mit der Hand über das Möbel. Es war das einzige Stück, das ihr ans der Mädchenzeit geblieben war, das mit ihre Pensionszeit bei Madame Hennig verlebt hatte und das sie, trotz der Proteste ihres Mannes, mit in ihr Boudoir rettete. Im obersten Kästen lag ihr Schmuck. Sie nahm all die kleinen Schächtelchen und Etuis heraus. Da fand sie auch eilte einfache, mit buntem Papier überzogene Pappschachtel. Gedankenlos hob sie den Deckel und — deckte ihn rasch wieder darauf., Mit seltsamer Hast schloß sie die Fenster, ließ die Jalousie»! herunter, zog ein Hauskleid an und entzündete dann die rote, mildleuchtende Ampel. Es war fast traut im Zimmer, und für Erika kam jetzt eine Feierstunde. Sie setzte sich gemütlich in einen weichen Sessel und stellte das bunte Schächtelchen vor sich hin. Sie nahm! den Deckel ab, stützte den Köpf auf und blickte in die Schachtel. Da lag ein halbes, vertrocknetes Pfefferkuchenherz und zerbröckelte Blumen und eilt vergilbter Zettel: „Meiner lieben Mondprinzessin zum Andenken! Hemld EmMrich." Zum zweiten Male fielen Tränen auf das Herz, doch die Betdes schien thr verpfuscht. — Und dazu diese furchtbaren Zweifel, ob Ernst sie bloß ihres Geldes wegen geheiratet habe?! Manchmal erschien es ihr so; meist, wenn er nicht daheim war, und oft bheb er zwei, drei Tage fort. „Dienst, Dienst, Kind!" entgegnete er dann auf ihre schüchternen Vorwürfe. „Du bist jetzt eine Soldatenfrau--gewöhne dich nur daran!" Er konnte so heiter fein, so lieb nnd gut zu ihr, daß alle Zweifel schwanden, aber wenn dann das Geld knapp wurde, bekam er wieder , seine mürrischen Launen und überließ sie ganz ihren Grübeleien. Der Sommer verschwand — sie merkte es kaum. Die vielen Besuchen bei den Regimentskameraden und Bekannten ihres Mannes, die mannigfachen Feste im Kasino, die Unzähligen Einladungen, all das erschien ihr, als ob es schon Lahre znrückläge. Und ihre Mädchenzeit, die Jugend in Mühlwinkel und die Backfischzeit in Meißen, das kam ihr vor, als hätte sie das gar nicht selbst erlebt, sondern als wäre ihr das von leinen Fremden erzählt worden. An einem schönen Herbstsoimtag fuhr sie mit zum Rennen. Sie wußte wenig von ihrem Mann, nicht mal, daß er als einer der besten Herrenreiter galt. Das bunte Treiben auf dem Rennplatz interessierte sie. Arm in Arm mit Ernst drängten sie sich durch die Menge. Ihr Gatte führte sie zu der bestellten Loge und entschuldigte sich dann. Er habe etliche Bekannte zu begrüben. Doch auch sie huschte sich wieder unter die Rennbesucher. Mlles erschien ihr so fremd, so eigenartig. Sie verstand nichts von den Sportausdrücken, hatte noch nie lein Rennen gesehen, wußte nichts vom Totalisator und nichts pvn Wetten. Da ging drüben »ach dem Wiege-Schuppen ein Herr in leichter Uniform, die weiße Mütze weit ins Gesicht gezogen. Sie blickt kaum hin. — Erst als der Offizier verschwunden war, kam ihr der Gedanke: „Wie der Ernst ähnlich sah!" Sie »mußte lächeln. Ihr Mann hatte sie ja vor kaum 10 Minuten -verlassen und in großer Uniform. Sticht weit von ihr stand eine Gruppe Offiziere. „Wer hat die meisten Aussichten heute?" fragte lässig und Wüde ein großer Gardist. „Alles setzt auf „Pfeil"!" „Wer reitet den?" „Doch wohl Horbach selbst." Erika zuckte zusammen. Sie fühlte, wie die Röte ihr -ins Gesicht schoß. — Was hatte der Ulan gesagt? Horbach; — hieß sie nicht Horbach?! Der Name war ihr so fremd, sie hatte ihn so selten gehört. Immer nur Frau Leutnant und von den beflissenen Geschäftsleuten immer nur „Gnädige Frau" oder gar „Fran Baronin"! — Und der Ulan sprach den Namen aus so kalt, so selbstverständlich. Das war ja ihr Name. Doch nein, er war es nicht, wenigstens ging ihr die Person nichts au, die der lllan unter diesem Namen meinte; denn was hatte ihr Mann mit dem Rennen zu tun? „Ich habe Horbach noch nicht reiten sehen!" sagte der lange Gardist wieder. „Nicht? Sie fchertzen." „Auf Wort, — der Mann ist mir fremd." „Ich bitt Sie. — Voriges Jahr in Karlshorst — „Bin vorgestern aus dem Lazarett — Sie wissen doch." „So — pardon! Na — Sie werden staunen." „Wie de« Mensch reitet — — der hebt den Gaul gerade- M über die Hürde." — — „Und nun der „Pfeil" — ein unscheinbares Tier, aber zäh. Horbach bringt ihn durch, sicher." „Er hat natürlich auch Glück." „Wie alle Windhunde!" „Er „lebt" wohl?" „Na — ob —!" „Sagtest du nicht vorhin, er wäre betreibt?" „Ist er auch. — Seine Frau soll noch ein halbes Kind sein; sv'n Landknöspchen von der Grenze da oben oder aus Pose- znnckel; — was weiß ich!" „Aber sie hat Zechinen, Teufel! Der Hörbach kriegts mit Scheffeln zugemessen!" „Aha — da liegt der Hund begraben!" 588 An- und Einsichten. Es ist töricht, die Liebe tragisch 311 nehmen, aber frivol, sie nicht ernst zu nehmen. * Neid der Frauen ist ein sichereres Kompliment als Huldigung der Herren. * Man sagt, es gibt Liebe au? den ersten Blick: „Le coup da üoudre V* . . . O ja! Aber meist bei Menschen, die in stetem Gewitter lebe». Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'ichen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießern Charade. Sind meine ersten Silben schön, So kannst du an den Gaben Der dritten dich erlaben. Ziehst fröhlich du durch Tal und Höh'», Am meisten wird dein Herz entzückt, Wenn sie der Hoffnung Farbe schmückt. DaZ Ganze kannst du schauen In Oberhessens Gauen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Ra t h a u s. Den Werdegang der Wrights schildert ein Aufsatz der Augsburger Abendzeituug wie folgt: Als der deutsche Ingenieur Otto Lilienthal im Jahre 1896 im schweren Sturz zu Tode gekommen war, ging sein Werk nicht mit ihm zugrunde. In Frankreich, England und Amerika entstanden neue Anhänger des Gleitfluges, die sich begeistert als Schüler Lilienthals bezeichneten. Schon frühzeitig erregen unter allen diesen die Brüder Orville rmd Wilbur Wright besonderes Aufsehen. Seit dem Jahre 1901 üben sie in der Umgebung Chicagos unermüdlich den Gleitslug. In einem der bekannten zweiflächigen T rach en liegend, springen sie oon einer mäßigen Anhöhe ab und sinken in geneigter Linie zur Erde. Ihr Bestreben geht dahin, ihren Flug' immer flacher zu gestalten, auf jeden Meter Abwärtsbewegung möglichst weit vorwärts zu kommen. Im Jahre 1902 haben sie den Gleitflug bereits auf 1 :150 gebracht; auf einen Meter Fall kommen sie 150 Meter vorwärts. Im Jahre 1902 bringen sie den Rekord sogar auf 1 :300, und eilt anderer berühmter Flieger, der Amerikaner Chanute, der ihren Flügen beiwohnt, gibt seine eigenen Versuche auf, weil mau nach seiner Meinung die Wrights doch nicht mehr einholen kann. Im Jahre 1905 gehen die Brüder vom Gleitflug zum Drachenflug über. Bei kräftigem Wind wird der große Zweiflächendrache an einem kräftigen Stahldraht befestigt und nimmt einen der Brüder mit in die Höhe. Unablässig bedient der Flieger dabei die Steuer und steht je nach Wunsch und Laune bald wenige Meter über dem Erdboden, bald 100 Meter hoch in der Luft. Noch im selben Zähre folgen die Schleppversuche. Ein kräftiges Automobil nimmt den Drachen an einer Schnur mit. Es fährt mit 50 und mehr Kilometern die Landstraßen entlang, während die Brüder abwechselnd im Drachen sitzen und steuern. Im Herbste des Jahres 1904 erfolgt dann der Einbau eines Motors, nnd 1905 beginnen die Motorslüge. lieber alle diese Dinge erstattet die amerikanische Fachpresse ausführlichen Bericht, und allgemein gelten die Wrights als die Favoriten auf dem Gebiete des Motor- drachenfluges. Im Herbste des Jahres 1905 endlich kommen erstaunliche Sensationsmeldungen. Die Brüder sollen über eine halbe Stunde geflogen sein. Sie sollen dabei eine Geschwindigkeit von 60 Kilometer in der Stunde erreicht । haben und zum Ausgangspunkt zurückgeflogen feilt. Den Nachrichten folgen genaue Angaben über Ort und Zeit der Fahrten und den Benzinverbrauch. Alle Welt erwartet weiteres Ueberraschendes vom Jähre 1908. Da plötzlich wird es still von den Wäights. Zwei Jahre hindurch treten sie völlig aus der Oeffentlichkeit zurück, und neue Namen kommen auf. Die Erfolge der Santos Dumont, Farman, Delagrange u. a. füllen die Spalten der Blätter. Immer vernehmlicher greift die Meinung Platz, daß man vor einer Mystifikation stände, daß man es hier mit einem Ungeheuern ämerikanischen Mumpitz zu tun habe. Ein bekannter deutscher Aeronaut, der Hauptmann Hildebrandt, macht sich auf, um die Spuren der Wrights zu verfolgen und etwas Genaues zu erfahren. Zahlreiche Einwohner von Illinois ver- I sichern ihm, daß sie die Wrights fliegen gesehen hätten, I schildern ihm Flüge von halbstündiger Dauer. Aber noch j immer schweigen die Wrights. Erst im Jähre 1907 treten I sie wieder in die Oeffentlichkeit. Alle ihre Versuche, ihre Erfindung unbesehen zu verkaufen, sind gescheitert, und sie müssen öffentlich zeigen, was sie können. Die Brüder kommen nach Paris und treten eine Zeitlang ganz passiv nur I als Zuschauer auf. Dann beginnen ihre Probeflüge, und ! mau kann wohl sagen, daß der Anfang recht wenig ver- I sprechend ist. Zu wiederholten Malen kippt die Maschine um und wird schwer beschädigt. Immer allgemeiner wer- I den die Zweifel an den Wrights. Die einen behaupten, die Mprghts wären überhaupt nur nach Parts gekommen, um I dort von den andern zu lernen. Aber anderseits haben die Mrights wieder eine so eigenartige, man möchte wohl sagen I E^fiumluhe Abflugsweise, daß man ihnen die Originalität I mc^t absprechen kann. So wogt der Streit der Meinungen I put und her, als plötzlich int Laufe weniger Wochen die j Wrights alle Zweifel zerstreuen und die alte Position als I die rührenden auf dem Gebiete des Drachenflugs wieder- gewiuneu. Es erscheinen die französischen und englischen Patente der Wtughts, aus denen man ersieht, daß die Brüder doch über eine Fülle erfinderischer Ideen verfügen, und « I gleichzeitig gelingen ihnen immer größere Flüge, so daß nun der Stuudenrekord von Orville Wright in den Verein Staaten erreicht und bald von ihm selbst überholt wird' wahrend Wilbur Wright in Paris doch wenigstens auf 26 I Minuten kommt. Sermischtss. * Esperanto in der Praxis. Wir sind heute in der Lage unseren Lesern einige Proben dieser neuen Weltsprache zu geben, die im August durch den 4. Esperanto- Weltkongreß in Dresden viel von sich reden machte. Guten Tagen (Bonan tagen), Gilten Abend (Lonau vesperen, v wird stets wie w gesprochen und ausnahmslos wird die vorletzte Silbe betont), Guten Morgen (Bonan matenon), Gute Nacht (Bonan nokton),. Aich Wiedersehen (Gis la revido), Ich danke Ihnen (Mi dankas al vi), Sie sind [ sehr freundlich (Vi estas tre afabla), Wie kann ich Ihnen I danken (Kiel mi povas dankt al vi, Kiel sprich ki-el), ! Keine Ursache (Nenian kanzon, z sprich s), Ja (Jes), Nein | (ne), Bitte wiederholen Sie den letzten Satz (Bonvolu I ripeti la lastan fra zon), Sehr gern '(Tre volonte), Was wünschen Sie (Kien vi deziras)? Ich will ein Glas Bier haben (Mi volas havi glasen da biero), Ich wünsche eine Tasse Kässee (Mi deziras tason da kafo), Ich bitte, um ein Glas Milch (Mi petas pri glaso da lakto), Wir wollen zahlen (Ni volas pagi), Ich möchte Herrn Schulze sprechen (Mi volas paroli sinjoron Schulze), Herr Schulze hat jetzt keine Zeit (Sinjoro Schulze nun ne havas tempon), Frau Schmidt ist noch nicht zn Haufe (Sinjorino Schmidt? ne estas dorne), Wie ist Ihr Name (Kiel estas via nomo)? Mein Name ist Müller (Mia nomo estas Müller), Bitte nehmen Sie Platz (Bonvolu preniplacon). Wer sich näher mit Esperanto bekannt machen will, dem empfehlen wir, sich von der Auskunftsstelle des Verbandes Deutscher Esperantisten in Leipzig, Carolinenstr. 1211. gegen Einsendung der Selbstkosten von 15 Psg. in Briefmarken ein Esperantolehrbuch zum Selbstunterricht kommen zu lassen. Literarisches. — Nach einer größeren Pause ist Nr. 93 der Mitteilungen der Musikalienhandlung B r e i t k o p f & H ä r t e l in Leipzig erschienen. Geschmückt mit dem Bilde Jos. Haydns, birgt das 48 Seiten umfassende Heftchen viel des Interessanten und Neuen über Musik und musikwissenschaftliche Literatur. Erwähnt seien die Abhandlung über die Werke Obrechts, der vor allem die musikalische Stellung der Niederlande im 15. Jahrhundert begründete, die Berichte über die ursprüngliche Fassung von Beethovens „Leonore", über die Faust- Aufführungen mit der Weiugartnerschen Musik in Weimar, die erste Konzertaufführung von Cornelius „Gunlöd" usw. Das Heftchen wird von der Verlogshandlnng auf Verlangen kostenlos versandt.