Nr. 62 (908 BAU S8I Osterpredigt in Neimen. Von Otto I n l! n s B i e r b a n in. Bekehrter Mitmensch, höre und vernimm Freundwillig mit Hulden und ohne Grimm: Dieweil cs nun Ostern geworden ist. Sollst du, von welcher Art du auch bist, Ob. Heide, Jude, Moslem, Christ, Durchaus vergnügt im Herzen sein, Osterwürdig und osterrein. Mit einem Birkenreise kehre Aus deiner Seele den Geist der Schwere. Ter Wenns und Abers und Achs und Ohs, Tie hart und starr dein Herz umwindet. Daß der Geist der Leichte kaum Eingang findet, Mache dich hurtig und heiter los! Tu brauchst nichts weiter dazu zu tun, Als dich im Grünen auszuruh'n. Ta atmet sich's sehr wonnig ein, . Was dir das Herz macht frei und rein: Der jungen Blumen frischer Hauch; Und die Augen haben der Wonne auch. Denn nichts ist lieblicher anzuseh'n. Als wie sie da hold beisammensteh'n, Blau, weiß und rosa, klar und licht, Ter Erde süßestes Ostergedicht. An ihnen dir ein Beispiel zu nehmen. Sollst du, ach Mensch, dich keineswegs schämen! Vergiß dein Gehirn eine Weile und sei Gedankenlos dem lielien Leben Blumeninnig hingcgebcn; Vergiß dein Begehren, vergiß dein Streben lind sei in seliger Einfalt frei Des Zwangs, der dich durchs Hirn regiert! Er htü dich freilich hoch geführt Und Vieles dir zu wissen gegeben, Aber das allertiefste Leben Wird nicht gewußt, 'wird nur gespürt. Dm: Blumen zarte Wurzeln fühlen Im keimlebendigen, frühlingskühlen Erdboden mehr non ihm als du. Und bist doch auch ein Kind der Erde. Daß sie nicht sinnenfvemd dir werde, Wende ihr heut' die Sinne zu! Das ist der festlich tiefe Sinn Der Ostcrtage: Mit Entzücken Sollst du zum Mntterschoß dich bücken. Gib heut', o Mensch, dich innerst zu beglücken, Der Mutter Erde frühlingsfromm dich hin! Gstern. Tie Glocken läuten die Ostern ein In allen Enden und Landen, Und fromme Herzen jubeln darein: Ter Lenz ist wieder erstanden! In die erhebende Erinnerungsfeier an den Verso hnungs' tod und die Auferstehung Christi, als welche wir im ch ristlichen Zeitalter das Osterfest begehen, mischt sich für uns Deutsche unbewußt eine lebhafte Erinnerung an das Ostarafest unserer altheidnischen Vorfahren. Für sie war es ein Herzensbedürfnis, das Wiedererwachcn der Natur aus dem langen, tiefen Winterschlafe zu feiern und in der Reihe der Jahresfcsle stand das Ostarafest, das Fest beS Frühlings und der Auferstehung in Wald und Flur, als schönstes obenan. Was ihnen das Fest so außerordentlich lieb gemacht, das erweist sich auch heute an uns noch wirksam; von ihnen, den Alten, ist die sinnige, gemütstiefe Freude an dein Leben und Weben in Gottes freier Natur auf uns überkommen und auch bei uns dankt da§ Osterfest, unbeschadet seines hochzuhaltenden kirchlichen Charakters, feine Beliebtheit der mit ihm untrennbar verbundenen Frühlingsfeier. Wie ein Aufjubeln geht es bei dem bloßen Namen des Festes durch die bedrückte, sehnsuchterfüllte Menschenseele und mit innigem Entzücken hören wir ans dem Klang der Osterglocken die frohe Botschaft heraus, daß die nach neuem Leben ringende Natur ihr schneeiges Leichentuch abgeworfen, daß es nunmehr auf Flur und Wiese sprießen und schwellen wird von triebkräftigen, fruchtverheißenden Keimen. Und so ist auch uns, der Gesamtheit wie dem Einzelnen, das Osterfest ein Fest der Auferstehung von Grab und Tod, ein Fest, an dem wir den Sieg des Lichtes über die Finsternis feiern; und wie die Natur sich im ewig gleichen und doch so wonnevollen Spiel zu neuem Leben erhebt, so feiert auch das Herz des Menschen unter der Aufersiehungssreude dieses schönen Festes seine Verjüngung und die Auferstehung aus der bedrückenden Last der Alltagssorgen. Von der Ostersonne leuchtet ein Strahl auch in die ärmste Hütte, in das bedrückteste Herz, und keiner ist, der sich der jubelnden Hoffnung ganz verschließen könnte, daß es „doch einmal Frühling werden muß". Aber auch nach anderer Richtung hin regt das Osterfest zu Betrachtungen an. Wir meinen, daß dem Auferftehuugs- gedanken, wie die Kirche ihn feiert: der Hoffnung ans ein ewiges, unvergängliches Leben, nicht unterstellt werden darf, daß man damit sich von bet Welt abkehren und den Blick nur auf dieses bessere zukünftige Leben wenden soll. Denn für den weltenumwälzenden Beruf des Christentums, für die hehre Aufgabe, die ihm auf Erden zu erfüllen bestimmt ist, war ja nicht sowohl der Opfertod Christi von entscheidender Bedeutung, als vielmehr seine Auferstehung und das Werk, 246 das cr lebend und waltend vollbrachte. Sie unerschütterliche Zuversicht, mit der die Jünger des Christentums die neue Lehre verkündeten, der zu Liebe sie Tod und Gefahren trotzten — sie erwuchs vor allem aus dem Glauben, daß der Heiland nicht mit dem Tode geendet, das; er lebendig sei in seinem Tun und seinen Werken. Und diese Gewißheit, meinen wir, sollte auch uns in der Amvendung auf unser eigenes Sein, auf all unser Tun und Schaffen von bestimmendem Einfluß sein; wir sollen bedenken, daß unsere Werke nicht nur ihren Lohn in der Zukunft finden, daß sie vielmehr auch deni Leben und der Welt gehören, und daß endlich jedes treu vollbrachte Tagewerk bestimmt ist, weit über die kurze Spanne unseres Lebens hinaus als ein Teil der wirkenden schaffenden Gesamtkraft Leben zu zeugen und Früchte zu bringen, lind darin liegt ein Trost, der »ns über alle Kleinheit des Alltagsdaseins hinausheben muß, darin liegt die Himmelsbotschaft, daß, wie wenig es auch sein inag, was das Leben des Einzelnen füllt, dieses wenige doch ein notwendiges Teil von jenem großen Ganzen bildet, das nur darum besteht, weil Eins sich stützend zum Anderen fügt. Und noch eine andere, für das praktische Leben des Tages nutzbare Lehre danken wir dem Osterfest in seiner umfassenden Bedeutung — die Lehre, daß, wie dunkel uns manchmal aueh unsere Wege erscheinen und wie sehr auch feindliche, finstere Mächte sich uns drohend entgegenstellen mögen, nach eivigen unwandelbaren Gesetzen das Licht doch endlich über die Finsternis siegen muß: Und drängen die Nebel noch so dicht Sich um das Licht der Sonne —: Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Gstermsrgen. Bon Marie R i e s e n st a h l. (Nachdruck verboten.) Tie Tage folgen sich wohl, aber sie gleichen sich nicht. Den Wechsel des Lebens als ein charakteristisches Zeichen ihres irdischen Daseins zu empfinden, dieses war ihr noch nie so klar vor die Seele getreten wie heute, wo der Ostersonnen- glanz wie nie auf allen Dingen zu ruhen schien, mit denen sie in Berührung kam. Nein, sie gleichen sich nicht, und jeder, der nut ein wenig Nachdenken seinem eigenen und deut Leben Anderer nachgehet, kann dies zu allen Zeiten erfahrest. Von der hier die Rede, die sand sich im Wechsel der Stunden heute kaum zurecht, und der „Östergruß" von Karl Gerok: „Was weinest du?" füllte mit einem unbeschreiblichen Gemisch von Tank und Schauder ihr das Herz, und, sobald sie auf ihren Gatten oder eines ihrer vielen Kinder sah, das Auge Heist mit Tränen. Auch Nhland's „Frühlingsglaube" in seiner vorletzten Strophe: „Nun, armes Herz, vergiß die Qual!" wollte, entgegen ihrem eigentlichen Glücksgefühl, doch immer an diese Qual erinnern. Deutlich, wie man Finsternis und Licht wahrnimmt, erschien ihr der Wechsel auf Erden, wie er an ein Menschenkind oft jäh herantritt. Lang' ist's her, was hier erzählt werden soll; aber vergessen ist's nicht, und jeder Osterheiligabend erinnert sie daran mit unbezwinglicher Macht. Neber den steil abfallenden Ufern der Saale, da wo dieser poetische, von., den Musensöhnen der Saalestadt viel besungene Flust die kleine preußische Enklave durchzieht, die jedes Geo- graphiebuch als den „Kreis Ziegenrück" bezeichnet, und der wie eingekeilt zwischen vieler Herren Länder liegt, so daß die bunten Grenzpfahlfarben die Leute neugierig machen, weshalb i>ie Schlagbaume alle Nase lang eine andere Couleur haben, liegen auf einem Plateau, nahezu 1309 Fuß über denr Meeresspiegel, stattliche Dörfer. Bon da oben sah man au gar vielen Stellen hinab in ein recht beträchtenswerteS Stückchen Gottes- Welt; und heute ist es auch schon ein gesuchtes Sommeridyll, verborgene Perlen gibt es nur wenige mehr int deutschen Baterlaude. jedoch zur Zeit, aus der ich schreibe, fühlten sich gesellige Menstlen dort wie auf verlassenem Posten, denn vlp.w gute Wege, feste Brücken über den Flnst, waren sie von der Weit so ziemlich abgcschnitten. In einem dieser Dörfer Nwhute ein Pfarrer, der mit seiner gesunden jungen Frau ewig lerncheiihunger" hatte. Daher waren beide eifrig bestrebt, vermittelst ihrer ledernen Rosse (Siebenmeilenstiefel von Till- Wulenspiegel waren da oben auch nickt käuflich) die mühevollsten Kletterpartieil zu machen, um sich an der Zwiesprache mit Freunden zu sättigen. Tie Signatur ans ihrer Fahne hieß: „Keine Furcht!" Wetter, Räuber, Verirrungen, Nachtstunden bedeuteten ihnen keine Hindernisse. Kühn drangen sie durch den Nebel, den Schnee und ebenso überwanden sie dw Sonnengluten. Zehn Jahre fast hattet! sie sich abgemüht auf unbequemen Pfaden. Fast bei jeden! Ausflüge hemmten die Waiser der Saale unten im Tale ihren Scbritt, und wenn man dw Zeit mit der Elle messe» könnte, welche sie bei Tag und Nacht, Frost und Hitze oft verzweifelnd an seinen Ufern gestanden, den Fährmann dvüben rufend, pfeifend, klatschend oder durch ungewohnten Hohihaho-Gesang — dann könnte diese Ellenzahl, in Baud verwandelt, gewiß die halbe Erde umspannen. Es war wirklich eine verdrießliche Sache. Doch am Ende dieser zehnjährigen Wallfahrten kam es, daß die Regierung ein menschlich Rühren beschlich. Sie erbarmte sich der eingebrachten Petitionen, und fing an, eine herrliche Künst- straße zu bauen durch den bergigen Wald bis zum Wasser hinunter; und über dieses kam eine prächtige Brücke. Eine Stunde lang zog sich diese Straße in gewundener Linie hin, und fast täglich genossen die Gatten von den Aussichtspunkten die Schönheit des Tales. Von steiler Böschung sah man auf ein Zanberbild int kühlen tiefen Grunde. Schwindelnde Höhe ohne Schntz- lvchr erregte nicht selten ein Grausen in ihnen. Doch, »voran gewöhnt• inan sich nicht! Nun war es Osterheiligabend, milde Luft, friedliche Ruhe, Abendläuten. Das Haus leer, die Kinder im Dorf, der liebe Mann drüben über der Saale, um mit einem Amtsbruder etwas sür's Osterfest zu besprechen. Bald mußte cr zurückkehren, also ihm frohen Mutes entgegen. Bis zur Station Bclifort — eine Bergkanzel, als Ruheyrt eingerichtet — konnte man sich nicht verfehlen, und eine andere Angst kannte sie nicht. Den Nebel nicht achtend, der sich wie ein weißes Tunstmeer wogend und wallend im Tale sammelte, so daß cs oben oft erschien, als ob man über den Wolken wandele, schritt sie fürbaß dem gesteckten Ziele zu. Das Auge glitt trunken hernieder. Dort glänzte ja schm der breite Streifeti des Wehres, welches zu einem höchst malerisch gelegenen Mühlen- etablissement gehörte. Der weiße Schaum machte die Silberlinie weithin kenntlich und das Rauschen drang fern her durch den stillen Abend. Wie schön! rief es in ihr; und sie trat einen Schritt vor, da — ging es in die schauerliche Tiefe. Stürzte sie. wirklich? Nein, Gott sei Dank, glitt sie nur, aber weiter, weiter unaufhaltsam! Mit stockendem Atem griff sie umher, hier und dort den Rutsch verlangsamend durch das Erfassen einzelner Grasbüschelchen, die aus den Ritzen schon hervorgeschossen waren trotz, der neuen glatten Mauer. Jetzt hielt die Fahrt auf, doch sie wagte es nicht, herauf, herunter oder neben sich zu sehen. Der Schrecken hatte die Oberhand über das Denken gewonnen. Erst nach und nach er- itürte sie sich das Schauerliche der Lage. Der Abend hatte tief feine Schatten gebreitet. Kein Laut, der die Stille der Natur unterbrochen hätte. Nur das gurgelnde Wasser sandte in melancholischer Weise auch einmal einen Ton luie seufzendes Glucksen, Wie ein Notruf aus zusammengeschnürter Brust lkang dieses. Sie hörte und fühlte sich selber. Allmächtiger Gott, kann ich noch 10, 5, 2 Minuten mich halten? Und dann? Die Füße waren ohne jeden Halt, der Körper lag lose auf, sehr nnbe- guetn. Die Hände wie gemauert um einen Stengel, der fest int Spalt der Quadern wurzelte. Ein Schrei namenloser Angst hallte in die Nacht. Sie erschrak noch mehr, und haarsträubend iuar der Gedanke, daß ihr Mann kommen, dies Furchtbare wahrnehmen, und beim Versuche zu helfen, dasselbe Schicksal haben würde. Und — morgen war cs Ostern! O Auf- erstchnngsscst! O, meine Kinder! Horch, Hundegebell und eine Männerstimme. Hilfe? Nein, nein, cs war ein trunkener, fluchender Mensch. Nur angstvoller noch flehte Auge und Herz zu den Sternen, die sich einzeln ihr , zu zeigen begannen. „Tpras!" ries fürchterlich keuchend die Stimme und ein Hund stieß einen Jammerlaut aus, als wenn er roh an einem Stricke herbcigezogen würde. — Sie hatte gehört, wie es Ertrinkenden geschähe, daß sie ihr Leben au sich vorüber fliehen sehen; so trat auch ihr in diesen Minuten, wenn auch nicht ihr ganzes Leben, so doch das Glück ihres Hauses vor die Seele, so daß sie meinen und beten konnte. Auch danken? Nein, trenn der Mensch war fort und hatte ihren Ruf nicht beachtet. Tie erregte Phantasie dachte an keine Rettung; aber der Glaube zeigte ihr ein leichtes Sterben. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt"; es ist ja der Ostergedanke sür die Christenheit. — Es war, als verändert« ich nichts in ihrer Lage, und doch war sie schon errettet- Ob der Nebel wich? Der Mond glänzte? Eine graue, krumm« Linie seitwärts zeigte sich als ein schmälet Pfad, den ft« 247 Plötzlich erkannte. Die arbeitenben Böhmen und Italiener hatten zum Heraufklimmen für sich hier und da, wo die Böschung nicht gemauert war, einen sehr schmalen Steg getreten, den nimmer aber ein Unkundiger gewagt hätte, zu ersteigen. Doch jetzt galt cs, diesen Wagemut zu haben. Sie kroch der Linie nach, und ohne zu bedenken, oder zu zaudern, wurde Spanne für Spanne aufwärts geklettert. Der Boden war feucht Nom Nebel, er rollte nicht sehr. Jetzt oben! Der erste Steinhaufen ward ihr „Dank-Altar" und klarer hat nie Jemand cs gewußt: „Dein Erlöser lebt!" Tie Hände zerschunden, eilte sie nach Hause unb liebkoste wie halb im Traum die Kinder. Zitternd und bebend an Leib und Seele sprach ihre Stimme mit ihnen das Nachtliedchen. — Bald darauf kehrte der Vater frisch und unbefangen heim, und redete von den wundervollen Wolkengebilden, die der Mond als Trabanten um sich sammele. Cirrus und Cumulus, ganze Alpenzüge türmten sich ans. All' die Schönheit ließ sie kalt, denn in ihr stürmte es gewaltig. So klar di- Erinnerung vor ihr stand, ein Zwang hielt sie in der Verborgenheit ihrer Seele, eine Scheu vor sich selber ließ nichts verraten. Es war. ein „itoli me tangere!" in dieser Geschichte lange Zeit. — lieber zerschund en e Hände wird oft kein Wort verloren, denn auf dem Lande gibt es allerlei Arbeit für, die Hausfrauen, welche der Haut oft nicht zuträglich ist. Freilich konnten die Lieben alle ihr Erstaunen Nicht verhehlen, daß die Mutter sich standhaft weigerte, den schönen Weg als Spaziergang am Osterfeste zu nehmen. Doch sie gingen alle gern auch einmal nach der anderen Seite. Als es endlich aufspvang, das Schloß im Innern, ' und das Schreckliche ihnen gezeigt ward, die Stelle und der Kriechweg, war es ihnen so gräßlich, daß sie vorzogen, zu denken und ausznsprechen, ganz so schlimm, als sie es vor Augen hatten, würde es ja doch wohl nicht gewesen sein. Sie lächelte dazu und freute sich dieser jetzt spaßhaften, milden Auffassung. Daß ihr diesmal der Ostermvrgcn die Menschen und ihre Umgebung in ganz besonderem Glanze zeigte, kann man sich leicht denken, und daß der Wechsel des Daseins sich oft unglaublich schnell vollzieht,, beweist, wie so vieles andere, auch dieses Abenteuer am Osterheiligabend. Kelmuth von Lovsen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Anne Marie war wirklich allein dort oben, nur Annchen hielt sie an der Hand. Die blühenden herabhängenden Schlingpflanzen am Säulenbogen bildeten einen märchenhaften Rahmen für ihre überschlanke Gestalt im mattweißen, weich herabrieselnden Gewände. Im breiten, über d-r"Brust mit silbernem Schloß zusammengesaßten Gürtel steckte eine La France. Das licht- braune Haar umschloß den Kopf und die schmalen Wangen — aber auf diesen Wangen lag ein seiner Rosenschlimmer und in den Augen strahlte ein Licht, luic wenn die Sonne hell durch spiegelndes Eis leuchtet. Sie tvinkte mit dem Taschentuch. Dieser ganzen Erscheinung gab Annchens Gegenwart besonders anmutige Vollendung, denn das Kind sah in seinem weißen Kleide mit den braunen Locken so recht wie zur Frau gehörig aus. Als der Wagen vorfuhr, kam sic die Stufen herabgecilt und begrüßte die Geschwister auf das liebenswürdigste. „Willkommen, lieber, lieber Wilhelm, willkommen, Trautchen! Ja, sehen Sie sich nur um, ich bin allein mit meinem Patenkinde, und gerade deshalb bat ich Sie, zu kommen!" Sie reichte Wilhelm beide Hände, die er küßte, und unr- arnite Edeltraut. Diese befand sich in der peinlichsten Verlegenheit, sie wollte um Wilhelms willen die Liebkosung erwidern und fühlte sich dabei trostlos elend und überflüssig: Annchens Gegenwart war eine kleine Hilfe, sic beschäftigte sich mit dem Kinde und versuchte nicht zu hören, !vas die beiden leise sprachen.' Man war auf die Veranda gestiegen, wobei Anne Marie hhne weiteres ihre Hand unter Wilhelms Arm legte: „Wenn Sie sich nur auf mich stützen wollten! Bedenken Sic, ich bin eine geübte Krankenpflegerin und bewandert in der Kunst, durch geschickte Hebel meine Kräfte zu verdoppeln." Er aber zog gerührt die stützende Hand durch feinen Arm und stieg mit festen Schritten die Stufen hinan. Oben stand ein Teetisch und vor dem Tisch inst der ringsumlaufenden Bank ein bequemer Rohrstuhl, darauf Decken und Kissen lagen. Die Sonne schien durch die bunten Glasscheiben und Vie Mmatis wob ihre tiefblauen Girlanden um die Pfeiler. Zwischen Fragen und Antworten war Anne Marie ganz mit den Vorbereitungen zur Bewirtung beschäftigt. Sie goß das kochende Wasser in die Teekanne, nachdem sie vorher mir zier- lichenr Löffel den Tee eingemessen hatte, dann bestrich sie die auf dem Mstapparat liegenden heißen Toastscheiben mit frischer Butter. Sie tat das alles mit einer eigentümlich lässigen Anmut, tvelche auf Edeltraut einen starken Eindruck machte, wie denn überhaupt die ganze Erscheinung dieser Frau einen sesscln- den Zauber ausübte, ohne daß man hätte sagen können, worin dieser lag. Es !var, als schimmere ein starkes, geistiges Leben, die Seele, durch diesen allzu zarten, gewichtlosen Körper, eine Kraft und Energie, die in sonderbarem Gegensatz stand zur schlanken, schmächtigen Gestalt. Oder war 'es nur das Neue, Fremde, Meltkundige, was imponierte? — Auf jeden Fall fühlte Edeltraut ihr Bangen wachsen und beugte sich lies zum Kinde herab, um nach Geschwister» und Puppen zu fragen. Indessen sprachen die Zwei immerzu. Wilhelms Freude, sie heute wohl aussehend zu finden, war unverhohlen und Anne Marie versetzte lächelnd: „Meine Schwester hat es auch schon bemerkt und rühmt die Landluft. Sie kann ja recht haben, doch ich denke, es ist die Freude!" Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach weiter, ohne den Ton zu dämpfen: „Mein Leben kannte ja bisher keine Freude, und nun weiß ich nicht recht, ivas damit ansangen! —• Liebes Trautchen, sagen Sie mir, ob er gerade so bequem und gut sitzt? Er soll sich wohl und bei- haglich fühlen." Edeltraut blickte ans, sic meinte ersticken zu müssen, aber jung und stark wie sie war, brachte sie in leidlichen Don hervor: „Oh, danke, gnädige Frau, Wilhelm sitzt so bequem wie möglich." Eine atkaslveichc, kühle Hand glitt ihr über die heiße Wange: „Nicht gnädige Fran sagen, wenn ich bitten darf. Ich bin für eujh beide Anne Marie. Für beide, hören Sie, Wilhelm? Wie haben Sie denn die lange Fahrt ertragen? Hatte er Schmerzen?" „Ich danke tausendmal," versetzte er heiter, „und bitte nur, mich nicht als Invaliden zu betrachten." „Sie lassen sich gefälligst alles gefallen, was ich verordne," rief sie ebenso, „und nehmen jetzt ein wenig Rum in den Tee? Ja? Was? Sie wollen nicht? Edeltrautchen, er ist über die Maßen störrisch und ungehorsam!" Wieder lachten die beiden, während Edeltraut mechanisch sagte: ' „Wilhelm verabscheut alle Spirituosen." Darüber lachte Anne Marie iwch mehr und Wilhelm unfaß- lichxr Weise auch. Edeltraut saß mit unglücklichem Gesicht da. Wäre nur Annchen nicht so schüchtern gewesen, aber es war keine rechte Unterhaltung mit dem Kinde möglich, nachdem das Fragen nach Geschwistern und Puppen erschöpft war. Ta blickte Anne Marie plötzlich aufmerksam durch die Blatterranken nach der Seite, lvv sich die Gartenanlagen lichteten und die hohen Pappeln der nach Braunstadt führenden Allee sichtbar wurden. 1 „Ter Trauensche Wagen!" sagte sie. „Eine Dame steigt aus und kourmt hierher. Ada Valois natürlich. Das ist Pech! Wir brauchen sie absolut nicht — nicht wahr?" Auch Wilhelm sah enttäuscht ans und über Edeltraut kam eine ans Edelmut und Fluchtsinn gemischte Aufwallung. „Ich kenne Fräulein von Valois nicht, aber ich könnte ihr ja eutgegengehcn und ihr sagen —" „Ja, Liebchen, tun Sie das! Sagen Sie ihr, sie solle ihr« Fahrt nach Lobwitz ruhig fortfetzen." „Aber wie soll ich das —" „Sehr einfach, indem Sie ihr sagen, Helmnth Loyseil sei iwch nicht hier!" Anne Marie lächelte. „Denn natürlich kommt sie, um ihn in Europa zu begrüßen." Schweigend verließ Edeltrant die Veranda. Sie war heute nun mal in einer Stimmung, in welcher alles sie kränkte, auch dieser Scherz. Sie eilte vorwärts, ohne selbst recht zu wissen, ivas sie sollte oder wollte. So kam sie dem unwill- kommenen Gast beinahe laufend entgegen unb erreichte sie, die langsam daherivandclte, aus halbem Wege. Große Bosketts hinderten ben Blick auf das Schloß. Zwischen zwei solchen blühenden Strauchwellen begegneten sie sich und Edeltrant blieb stehen und wußte keine Worte zu finden. Ueber- dem war sie im ersten Augenblick förmlich ergriffen von der vollendeten statuenhaften Schönheit dieser neuen Erscheinung', welche dunkel und glutängig vor ihr stand unb den Köpf ein 248 ganz iventg zur Seite neigend mit tiefer, weicher Mollstimme fragte: „Mit wem habe ich das Bergungen?" „Edcliraut Haide . . sagte die ganz mechanisch und ihr Gegenüber immer noch mit fast unmanierlicher Betroffenheit anstarrend. , „ „ , Sie kannte die schöne Valois noch nicht unb hatte wenig Wn ihr gehört. Daher wirkten das klassische Profil, die wundervolle Gestalt, das schwarze, knapp anliegende Samtklew und der mit Straustenfedern besteckte Rembrandthut neu und überraschend — aber am meisten imponierte die königliche .Haltung und die wahrhaft spanische Grandezza. Ah! Fräulein von der Haide! Ein mich im höchsten Grade interessierendes Zusammentreffen!" Die Hand im langen, lichtgrauen Handschuh ward ausgestreckt. „Ich ahne den Zusammen- hang- Rittmeister Loysen ist gekommen — und da ivvllten Sie nicht schien." (Fortsetzung folgt). ■ Volkskunde. — M e t k w ü r d i g e O st e r b r ä u ch e i n Eng l a n d. Bon den mannigfachen Sitten und Gebrauchen, mit denen in früheren Zeiten das Volk in England feine Osterseierü beging, sind heute schon viele völlig ausgeswbben; mir hier und da auf dem Lande haben sich einige erhalten. Manche darunter erscheinen uns recht merkwürdig, so ein Karfreitagsbrauch, der feit undenklichen Zetten in der Nachbarschaft von Guildford geübt wird. Tort versammelt sich alles Volk, junge Burschen und Mädchen, Greise und Kinder, und zieht zum St. Marthas-Hügel (oder Märtyrer-Hügel) und dort, in einer der schönsten Gegenden in Surrey, im Angesicht einer alten Noriirannenkirche, die den grünen Gipfel des Hügels krönt, vergnügt man sich die Zeit über mit Musik unb Tanz. Thiselton Dtzer hat in einem hübschen Buche eine große Zahl von diesen Volksbriäuchen in England gesaurmelt. In Borkshire nahmen die jungen Männer in den Dörfern den jungen Mädchen am Ostersonntage die Schnallen fort, und am Ostermontag nahmen die Mädchen den Burschen die Schuhe und Schnallen fort. Am Mittwoch löste man sie durch kleine Geldstrafen aus, und mit diesem Gelde wurde ein Vergnügen veranstaltet, das man „Tansey Cake" nannte und das mit einem Tanz endete. In Ripon, wo dieser Brauch gleichfalls herrschte, wurde jeder Reisende, der durch die Stadt kam, angehalten; luenn es ein Reiter war, wurden ihm die Sporen fortgenommen, und nur durchs Geld konnte er sie wieder erlangen. In Lancashire, Cheshirc, Staffordshire und War- wickshire herrschte der Brauch des „Hebens". Am Ostermontag „hoben" Manner die Frauen, und am Osterdienstag „hoben" die Frauen die Männer. Zwei kräftige Männer oder Frauen verschränkten zu diesem Zlveck die Hände, und die Person, die gehoben werden sollte, setzte sich daun darauf, Ivurde zwei- oder dreimal hochgehoben und oft mehrere Meter weit getragen. VserEckGSss. * Das Zölibat der Professoren. Im März d. Js. war ein Jahrhundert verslossen seit dem Tage, da Napoleon den französischen Universitätsprofessoren eine besondere Gunst erwies, um die sie jahrhundertelang ringen mußten: sie durften heiraten! Zweieinhalb Jahrhunderte lang war leidenschaftlich um die Frage gestritten und disputiert worden, ob für den Universitätslehrer die Ehe die schlimmste aller Ausschweifungen sei, und ob ein Gelehrter es mit der Würde seines Standes vereinigen könne, diese schlimmste menschliche Schwäche zu begehen. Noch im Jahre 1452 erklärte die medizinische Fakultät, daß man die Bahnen des Zölibats nicht verlassen könne, ohne eine gemeine Gesinnung an den Tag zu legen. Die juristische Fakultät kämpfte 150 Jahre lang um das Recht auf die Ehe und erst im Jahre 1600 errang sie für ihre Angehörigen diese Vergünstigung. Allein die Sprachforscher, die Humanisten und die Logiker mußten sich auch weiterhin wohl oder übel mit ihrer Einsamkeit abfinden. Zum Tröste hielt man ihnen den Aphorismus Ciceros vor, wonach ein Mann nicht zu gleicher Zeit seiner Frau und der Wissenschaft angehören könne; und mit ironischem Lächeln verwies mair die Unzufriedenen auf die beklagenswerte Geschichte voll Abelard und Helo'ise. Aber der Heroismus und das Märtyrertum übten auf die Gelehrten eine seltsame Anziehungskraft: Im 16. Jahrhundert erlebte man das Unerhörte, daß zwei Literaturprofessoreit sich regelrecht verheirateten. Umsonst bemühten sie sich, den Zorn und die Entrüstung der Mitwelt über diesen Mangel an wisseit- Ichaftllcher Gesinnung zu beschwichtigen. Aber weder ihr Mut noch ihre Arbeiten noch ihr Talent wurden anerkannt: was sie auch taten, die allgemeine Empörung verfolgte sie auf Schritt und Tritt und mchts vermochte das Kainsmal des Verheirateten von ihrer Stirn zu wischeii. Erst als Napoleon kam, dämmerte den Profesjoren ein neuer Hoffnungsschimmer. Aber noch in bem Erlaße vom März 1808 wurden die Direktoren uiid Zensoren der taiserÄchen Lyzeen und die Direktoren und Lehrer der Gymnasien erbarmungslos zum Zölibat verdammt. Nur durch eine besondere Erlaubnis konnten die Professoren das Recht erlangen, in den Ehestand zil treten, und wenn ihre Sitten genehmigt wurden, so geschah es stets aus „allerhöchster Gnade". Mode. * Kleine Modeneuhciten. Eine bisher vernachlässigte Farbe, das Khaki, scheint allmählich in Mode zu komme», wenigstens trägt die vornehme Pariserin augenblicklich Morgentoiletten in allen möglichen Schattierungen dieser Farbe. Diese Morgentoiletten stehen meistens noch ganz im Zeichen des Tai- lor-made, des enganliegenden Schneiderkleidcs. Großer Bcliebr- ijeit erfreuen sich die Faltenröcke; die Fallen werden breiter gelegt als im vorigen Jahre; besonders bevorzugt sind die regenfchirmartigen Falten. Sie ermöglichen cs, daß die Röcke an den Hüfte» sehr eng anliegen und an den Absätzen weit und bogig ausfallen. Größere Eleganz waltet in den Nach- mittagskostümen der Pariserin vor, die durch eine eigenartige Neuerung bem Geschmacke dieses Jahr einen besonders weiten Spielraum gewähren. Man Beginnt nämlich, so seltsam es) auf den ersten Blick scheinen mag, verschiedene Stoffarten zu kombinieren. Man trügt z. B. zu Tuchlröcken seidene Paletots aus derselben Farbe, oder verbindet bestickte Stoffe mit, kariertem Zeug von derselben Schattierung. Großes Kopfzerbrechen hat den Pariser Damen die Dessusfrage gemacht. Um der Forderung der enganschließenden Röcke gerecht su werden, hat man den Unterrock abgefchafst und sich doppelter Beinkleider bedient, aber die Pariserin mochte den eleganten Jupon oder wenigstens den Anschein eines seidenen ungern missen, und so hat die elegante Herzogin von Uzös eine eigenartige Idee zur Ausführung gebracht. Sic befestigt an der Unterseite des Kleiderrockes weite seidene Futterale, die vom Knöchel bis zmn Kure festgenäht werden, sich nach unten erweitern und so einigermaßen Ersatz für den Unterrock bieten. Als Hutschmuck verwendet man neuerdings gern Perlen. Man schlingt eine sehr lange Kette mehrmals um den Kopf des Hiites oder verwendet Hutnadeln nur großen birnenförmigen Köpfen aus Rosenauarz und ähnliche!'. Materialien. — Auf dem Gebiete des Schmuckes wendet man momentan wieder den Anhängern große Aufmerkfamkert zu. Ma» trägt sic an Hals- unb Uhrketten, au Broschen unb Armbändern und gibt ihnen besonders in Rußland gern die Form von Mimatur- Ostereiern, oder man versucht durch Verwendung von Edelsteinen diese kleinen Schmuckgegenstände vornehmer zu gestalten. Es gibt für diese Sachen sogar eine gewisse Symbolik. Als Sinubud der Unschuld dient der Diamant, Topas bedeutet Treue uiwv Die Schafskirche von Likberg. Du Kirchlein hoch dort droben, Tu Denkmal alter Zeit, Von (Sten rings Umwoben Mit dunkelgrünem Kleid. Hör'S olt durchs Waldtal klingen Im ersten Morgenhauch. Wenn alle Glocken schwingen, Dann tönt dein Glöcklein auch. Und jubelt hell die Lerche In lichter Himmelslnst, Dann zieht empor am Berge Zu dir Blauveilchendust. Dann weht vom Berge uiedev Ein seltsam eig'ner Ton, Es klingt wie komme Lieder Der Geisterprozesston. Tr. Carl Pusch. Die Natur. Täglich gönne dir ein Stündchen Ein Gespräch mit der Natur! Immer wirst bereichert kehren Du nach Haus and Wald und Flur. Wenn du schtvankst in bangem Zweifel: Soll ich dies tun ober das? Eile, die Natur zu fragen 1 Glaube mir, sie sagt dir was I A. Ammatm. Rätsel. ES entiesselt des Wassers Flut, Es entiesselt des Fetters Glut, Und außerdem ist daS Rätselwort Für viele von uns der Heimatsort. Gießen Rudolf & Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlenspiels in voriger Nummer: 1 2 3 4 5 6 2 8 1 6 4 5 6 4 6 1 8 2 4 6 2 6 1 3 6 5 4 3 2 1 3 1 5 2 6 4 Redaktion: P. Wiltko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.