1908 — Nr. 198 Donnerstag den 17. Dezember p s W WS Baroneß Ilse. Novelle von Gerhard Walter. Nachdruck verboten. Schluß. Ein roter Strahl der untergehenden Sonne, der durch die Schneewolken gebrochen war, fiel durchs Fenstern und gerade auch ie Gesichter der beiden so verschiedenen Midchen, auf den braunen scheitel der ergeben leideirden Madonna und auf das rrause, goldige Blondhaar des Weltkindes, das ihre Arme fest um Frieda geschlungen uitb die weiche, blühende Wange an die ihre gelegt hatte. „Sie wollen mir nicht antworten? Nun, dann tue ich es. Also: er gehört Ihnen halb und halb, und Sie haben ihn rasend lieb! Sic haben das selbst noch nicht gewußt, aber jetzt ist Ihnen das Licht aufgegangen, und mich hassen Sie zur Stunde. Aber nun hören Sie genau zu: Sie sollen ihn allein haben! Das verspreche ich Ihnen: So leichtherzig ich bin, Ihnen, Sie armes, liebes Kind, mache ich keine Konkurrenz; so viel Gewissen habe ich auch noch. .Heiraten kann ich ihn ja doch nicht; aber er soll Sie heiraten. Ich will cs! Sind Sie nun zufrieden? Ich werde Ihnen beiden jetzt durch Scelengröße imponieren." Frieda lächelte unter Tranen und barg das Gesicht an der Schulter der Baroneß. „Nickst war, es gibt doch noch edle Menschen," scherzte Ilse und strich ihr mit der Hand über Haar und Wangen, „und manchmal sogar da, tiro man sie gar nicht vermutet hat! Und nun seien Sie heute abend nicht so schrecklich misepetrig, das lieben die jungen Herren am wenigsten. Behandeln Sie ihn so stolz und miserabel wie möglich; ich tu' es auch. Lassen Sie ihn nur gehörig zappeln! So, nun lachen Sic 'mal. Sic arme Schmerzens- reiche; Sie glauben ja nicht, Ivie niedlich Sie dann sind, — die geborene reizende Pfarrersfrau! So, nun kommen Sie! Ich habe noch viel zu tun!" lind den Arm um sie schlingend tanzte sie mit der lächelnd Widerstrebenden um dcen Weihnachtsbaum herum. Frieda rang sich los und hob bittend die Hände gegen Ilse: „Um Gvtteswillen," flehte sie hastig atmend, „machen Sic mich nickst auf ewig unglücklich und sprechen Sie nicht mit ihm über mich, das wäre mein Tod! Wohin soll das führen? .och bin fast ebenso alt wie er —" . „Fürchterlich!" siel das Fräulein cm und schlug die Hande zusammen; „dann würden Sie ja sogar Ihre silberne Hochzeit in demselben Jahre feiern!" , ., Und, — und —" fuhr Frieda stockend fort, — „und uh bin ja ganz arm. Und die Kandidaten kommen jetzt so schwer an. Ich habe nicht einmal eine Aussteuer! Ein Mann wie er, der kann ja eine ganz andere Frau bekommen! haoe m großes linrcckst getan, für das ich nun büßen muß. ^ch^hatw ibn lieb, — ja, sehr; und es war ein halb unbewußter Tr.ech daß ich auch einmal glücklich sein wollte, — die Bersuchung dazu war so groß, so sinnbetörcnd, - en!var so schrecklich gut gegen mich." „Ausgezeichnet!" rief Ilse; „es märe ja ewig schade, mcmt Sie nickst Pastorsfrau würden; wenn der Gatte 'mal heiser ist, dann läßt er Sic predigen, statt daß der Küster liest! Und nun lassen Sic Ihr dummes, gewissenhaftes Köpfchen 'mal ganz aus dem Spiel und halten Sie ihn hübsch an der Leine ivenit er bannst!" Und sie schlang den Arm mit ihren Hals und küßte sie auf den weichen Mund: „So, den können Sie ihm nachher wieder« geben; ich habe nichts dagegen!" Und hinaus war sie. Als Frieda ihr bekümmert nachsah, hörte sic das Edelfräulein draußen! hell wie eine Lerche singen. Aber phötzlich brach der Gesang ab. Sie war dem Diener auf deut Flur begeuet. >=■ „Ist der Herr Kandidat ausgegangcn?" fragte sie. Nein, gnädiges Fräulein, er ist auf seinem Zimmer." > „Ist PciM zurückgekommen?" „Jawohl, Herr Kammcrherr sind auf seinem Zimmer." „Sagen Sie Uem Herrn Kandidaten, ich Nwllte ihn ini Gartenhaus sprechen. Gleich!" Sagte es und ging auf die Tür des Herrn Papa zu. Verblüfft sah der langjährige Diener ihr nach, und kopfschüttelnd stieg er eine Treppe höher um seine seltsame Botschaft auszurichtcn. Dem Kandidaten fiel die Zigarre aus der Hand, als er die Kunde vernahm und er starrte noch immer auf die Tür, die sich schon lange hinter ist em Diener wieder geschlossen hatte. Daust begann er hastig zu bürsten und sich aufs beste zu schmücken und ging dann beflügelten Schrittes durch den tiefen Schnee auf das einsame Gartcnhäuschen zu, das zwischen grünen Tannen verborgen lag. Das Herz schlug ihin gewaltsam. Und das Gewissest dazu. Aber er mußte ziemlich lange warten. Und warm war's gerade nicht in dem unheizbaren Häuschen. Es fing schon ast energisch zu dunkeln, — da unterschied er endlich die Umrisse einer schlanken Frauengestalt, die eilig näher kam. „Bei Gott! Sie kommt, flüsterte er und er hörte wie das Blut ihm vor den Schläfen pochte. Es kam wie ein leichter Schwindel über ihn. War's denn möglich? Und was sollte daraus werden? Da wurde die Tür schnell geöffnet; in ihr stand Ilse, in ihren weißen Pelz gehüllt. Sie blieb auf der Schwelle stehen. Sic sah blühend und betörend reizend aus. , Nun," lachte sic ihn an, daß er ihre weißen Zähne blitzen sah, „Sic wissen wohl nicht recht, was das bedeuten soll. Ich mußte Sie halt 'mal unter vier Augen sprechen und hier sind wir sicher, daß uns keiner belauscht. Aber vor allen Dmgen bilden Sie sich keine Schwachheiten ein! Sie haben mir heute morgen unbedingten Gehorsam versprochen. Sic hatte die Tür hinter sich zugezogen und stand ihm ziemlich nahe gegenüber. „Wenn Sie im Examen nicht klüger ausgesehen haben als jetzt, dann wundert's mich, daß Sie durchgekommen sindch spottete sie. „Uebrigens verdammt kalt hier; also machen Sw nur keinen unnötigen Aufenthalt und gehorchen Sie. Zunächst befehle ich Ihnen jetzt, die unbedingte Wahrheit zu sagen; ein Manst, 790 bet lögt, ist iit meinen Augen einfach ein Lump. Also: Haben! Sie Verpflichtungen gegen Fräulein Effert?" Wie tont Blitz geschlagen stand der Kandidat da. „Ja oder nein?" fragte das Edelsräuleiu mit heller Stimme. „Ja!" kam es gepresst aus dem immer tiefer werdenden Dunkel heraus; „das heißt —" „Larifari!" unterbrach sie ihn; „das gibt's nicht! Mvlleir Sie Ihre Verpflichtungen erfüllen? Ja ober nein?" Eine Pause. Sie hörte, wie sein Atem hastig ging. Sie trat ans Fenster und hielt ihre Uhr dicht an die Augen. „Ich gebe Ihnen noch eine Minute, um als Mann von Ehre zu handeln, — fünfzehn, sechszehn, — sieb —" „Ja!" klang es hell und klar von drüben her. „Srl.ön! Nun geben Sie mir die Hand! Brav so! Hätten Sie „nein" gesagt, dann Wie ich Sie noch heut' abend nach der Bahn fahren lassen. Sind Sie zufrieden mit meinem Weihnachtsgeschenk? Erstens eine reizende Braut, die Sie gar nicht verdient Habeir, und zweitens habe ich Sie Ihrem bessern Ich zurückgegeben und Ihrem guterd Gewissen. Ich nehme an, dass das auch seinen Wert hat; und dann verspreche ich Ihnen zur Belohnung zu Ihrer Hochzeit Ihnen einen Serviettenring aus Perlen in blau und weis; zu sticken. So, und nun kommen Sie, sonst könnte Karl denken ich hätte sie wirklich hierher zum Rendez-vous bestellt. Als Gegenleistung für Ihr etwas erzwungenes Vertrauen will ich Ihnen ganz freiwillig unter dem Siegel männlicher Verschwiegenheit erzähle» hast mein Vetter, der Garde-Husar, mor- gen koutmt, der sich ein unbeschreibliches Vergnügen daraus machen würde, Ihnen das Genick zu brechen, wenn Sie einen einzigen Blick aus mich würfen. Offen gestanden, bin ich auch mehr für die Kavallerie/als für die Theologie. So, nun ist Ihnen warm ge- wvrdeu, nicht wahr? — Aber mich sriert's. Vorwärts!" Wie im Traum ging er neben deut Fräulein durch den Schnee. Es war finster. Sie blieb steherr, legte die Hand aus seinen Arm und zeigte auf ein erleuchtetes Fenster. „Da oben sitzt die arme Friedet und hat keine Ahnung, daß sie jetzt etatsmäßige Braut ist, und Sie werden ihr nie einen Ton davon sagen, >vas zwischen uns vorgegangen ist; geben Sie mir die Hand und ihr Ehren- toort daraus! — So ist,'s schön! Und gehen wir spornstreichs da hinauf, und Sie verloben sich und melden mir, ehe wir zur Bescherung gehen: „Befehl ausgesührt!" Er Wßte die kleine, kalte Hand, die in seiner lag. „Gott lohn' es Ihnen!" sagte er leise; „ja. Sie haben tnich mir selbst tviedergegeberr. Aber verurteilen Sie mich nicht $it sehr." „Fällt mir nicht ein!" lachte sie, und zog langsant die Hand aus seiner; „ich kenne die Beurteilung der Verhältuisse", wie Onkel Bräsig sagt. Allons!" Kopfschüttelnd sah Karl die beiden aus dem Garten konimen Und die Treppe hinaufsteigen; dann hörte er eine Tür auf- und zu gehen und sah die Baroneß wie ein Reh die Treppe heruntev- und hineinstürmen ins Zimmer des Kammerherrn. „Da werde einer klug daraus!" murrte er. — Die Uhr schlug eine Viertelstunde um die andere. Und drinnen, iit Frieda's Zimmer, lag einer auf den Knien und hatte den Kopf in ihren Schoß gelegt, und sie die Hände auf seinen Scheitel; so sah sie «us seligen, Augen auf ihn nieder. Er hob das Haupt und blickte ihr in das liebe, verklärte Gesicht. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn und neigte sich und küßte ihn. „Nun geh', mein Weihnachtsbräutigam!" bat sie mit leiser Stimme. Gr stand groß und stattlich vor ihr und zog sie an sein Her». Stolz gehobenen Hauptes ging er hinaus, und mit fefionk, klingendem Schritt ging er auf sein Zimmer. Der Saal erglänzte int hellsten Weihnachtsschein. Die mächtigen Licht-Pyramiden der Bäume ergossen ihren Schimmer, und Büschel voll Kerzen brannten in dem grünen Behang der Wände. Köstlicher, würziger Tannendust erfüllte den großen, lichtdurch-- fluteten Raunt. Das Jau-chtzen der Enkelkinder ivar die rechte Musik zu all der leuchtenden Pracht; und daß ab mrd zu der Schueesturm draußen aufheulte, und gegen die Fenster !vetterte, b«3 lgkab keinen Mißklang in die große, friedliche Weihnachts- .Symphonie. Sie hatten's hellstimmig miteinander gesungen, Knecht und Herr und Magd und Edelfraulein: „Vom Himmel hoch, da Iomm ich her", und Frieda hatte dazu gespielt aus dem Har- Moniunr, aber es war nicht nur de« Widerschein der Kerzen Kewesen, der aus ihrem Auge gestrahlt als sie „aus Herzensgrund den süßen Ton" mitgesungen hatte. Nun war das Gesinde gegangen, .und die Herrschaften waren unter sich. Ilse stand unter dem einen Baum und ließ ihre Blicke durch den Saal schweifen, und in ihren glanzenden Augen leuchtete es auf: sie hatte gesehen' wie dort die zwei beisammen standen und wie ihre Hände sich heimlich fanden. Da löste sich die Gestalt des! Kandidaten aus der Gruppe. Gr kam auf das Fräulein zu, die abgesondert dastand und trat dicht vor sie hin, und sich tief wie vor einer Fürstin verneigend, sprach er leise: „Befehl ausgesührt !" Und ganz Königin neigte sie ein wenig das schöne Haupt: „Das hätte ich Ihnen auch raten wollen!" Ganz leise setzte sie hinzu: „Nun machen Sic, daß Sie fortkommen! Frieda schaut hierher." Nach einer Weile ging sie auf Frieda zu und nahm ihre Hand. „Nun, Kleine, darf ich wohl die erste sein, die Ihne» zu Ihrem Weihnachtsgeschenk Glück wünscht," sagte sie mit ihrem strahlenden Lächeln; „er hat's mir anständiger Weise eben gesagt. Sie sind natürlich wieder verstockt und bösartig verschivie- gen. Aber trotzdem habe ich hier noch eine kleine eigenhändige Handarbeit für Sie; vielleicht macht Jlmen die Kleinigkeit Freude." Sie reichte ihr ein in Papier gewickeltes Päckchen. Frieda, die Glückberauschte, streckte ihr beide Hände hin. „Nun mache» Sie's nur erst auf! Es ist etwas Brauchbares zur Aussteuer!" „Was ist beim das?" entfuhr es Frieda; sie entfaltete! einen Folio-Bogen, und leise las sie, und immer größer wurden ihre Augen, und immer tiefer färbte sich das Rat ihrer Wangen! Und mit einemmale ließ sie das Papier fallen und flog Ilse in stürmischem Jubel um den Hals und ries jauchzend: „Tas ist unerhört!" Und da lag sie am Herzen der jungen Herrin und lachte und weinte vor seligem Glück. Ilse hob ihr das glühende Gesicht mit der Hand: „Sehen Sie, Kleine, das geben Sie ihm als Ihre Mitgift. Nun sagen Sie noch, daß Sie zu arm sind! Es traf sich gerade so, daß es zu machen war." Verwundert war der Kandidat hinzugetreten und nahut das Blatt vom Boden auf. Er las: „Kraft des mir zuftehendew Präfentatious- und Vokations-Rechtes ftir die Pfarre zu Golleüen erkenne und Berufe ich Sie zum Pfarrer der dortigen Gemeinde zum ersten April kommenden Jahres. Das Einkommen beträgt rund neunhundert Taler." So weit war es die Haudsclzrift Jise's. Der Kammerherr hatte unterschrieben und untersiegelt. Der Kandidat stand starr. „Es liegt da hinten in der Altmark," sagte das Fräulein ruhig. „Der alte Herr hatte gerade seine Pensionierung beantragt. Ich gratuliere zur Pfarre." Er neigte sich tief ergriffen über die dar gebotene Hand. Zwei warme Tränen fielen darauf. Ilse sah außergewöhnlich erregt aus. „Morgen nach Tisch kann der Schlitten Sie zur Bahn fahre». Sie »verden sich sehnen mit anderen ausznsprechen als nur mit uns. Nun gehen Sie zu Papa und bedanken Sie sich. Mein« Schsvester hat auch für Sie gesprochen. Sie muß nun zu Ostern wechseln!" Sie sprach in gleichgültigem Ton, aber es lag ein eigenartiger Klang in ihrer Stimme, wie sic an ihm vorbei in das Licht des Taimenbaums blickte. „Es ist angerichtet," meldete der Diener mit lauter Stimme. Frieda lehnte sich fest auf den Arm ihres Verlobten. Als letztes Paar schlossen sie sich dem Zuge der Familie zum Mah! an. Es war ei» großer Weihnachtssriede» Überall. Hinter ihnen her leuchtete hell der Weihnachtsglanz. „Du bist mein, — des sollst Du gewiß sein!" sagte er leise. Baroneß Ilse ging vor ihnen am Arm eines Gastes. Sie hatte das Wort gehört. Sie wandle sich, und nickte ihnen ernsthaft zu. Kameraden, Skizze von Marie von Ploetz. lNachdruck verboten.) Sie trafen sich diesmal in der Schackgalerie. Iit dem kleinen Saal rechts vor den Schwindschen Bildern. Er war schon etwas früher da als sie und stand nun wartend vor der Jungfrau. Er liebte dieses Bild. Nicht weil es so wundervoll märchengläubig war wie alles, was dieser Märchenmeister geschaffen hatte. Er liebte die monumentale Kraft, den Zauber der Morgenröte, die über das hochragende, gekrönte Haupt fiel und rwch ihren Schimmer über die Gletscher warf. Und leise murmelte er tue Verse, aus denen dieses Werk geboren war. Es sitzt die Königin hoch und klar Auf unvergänglichem Throne, Die Stirn umkränzt sie fick wunderbar Mit diamantener Kron«. Die glitzernden Kronen, die die ziehenden Wolkenschleier int Sonnengeflimmer um die Häupter der Höhen woben. 791 — die hatte er oft geschaut. Ein Bergfex tote er, der schon so manchen Gipfel erklommen, der unerschrocken den alpinen Majestäten den Fuß auf den eisigen Nacken gesetzt hatte! Auch jetzt kam er wieder von solchen Wanderungen. Rur waren sie diesmal nicht so waghalsig gewesen, so nervenstärkend gefahrvoll — und doch tausendmal schöner. Wenn sonst sich sein trunkenes Auge allein berauschte, diesmal war ein Wesen neben ihm, das mit ihm fühlte, mit ihm jubelte und jauchzte. Das ihn mit der impulsiveren Genußfähigkeit der Jugend in der Begeisterung mitriß. Das tapfer mit ihm Schritt hielt, auf schwindelnden Stegen, über Gletscherrisse und Schneefelder. Nie war sie müde geworden und nie verzagt. Einen besseren Wanderkameraden hätte er nicht haben können. Und nie einen fröhlicheren. Ja, diese schönen Zillertaler Wochen! Nun waren sie vorüber . . . Nun noch die paar Tage hier in München und dann war — nein, zu Ende war es nicht, konnte es nicht sein. Roch heute wollte er sie fragen. Heute ganz bestimmt. Ein Mädchen, das ein so guter Kamerad war, das so Verstand, sich in Strapazen und Unbequemlichkeiten zu schicken, mußte auch eine gute Frau werden. Mit solch einer Frau konnte man es schon wagen, auch iiber die Höhen und Tiefen des Lebens zu wandern. Er hatte sich so schwer zur Ehe entschließen rönnen, er mit seiner sensitiven Natur. Und nun, da er geglaubt hatte, es sei schon zu spät, packte ihn doch noch die Liebe. Sie paßte so ganz zu ihm. Sie teilte seine literarischen Interessen. Sie war klug und gebildet, llttb vor einer dummen Frau, einer, deren Sinn nicht über Toiletten und Kochtopf hinausging, hatte er immer die größte Angst gehabt. Wie anregend waren auch diese Münchener Tage, diese gemeinsamen Wanderungen durch die Galerien; sie verstand so klug zu fragen, so verständig zuzuhören. Zwei Damen streiften an ihm vorüber. Die eine blasse und überschlanke musterte ihn ungeniert und flüsterte dann ihrer Begleiterin ein paar Worte zu. Kannte die ihn? — Ach so — ja — in seinem letzten Buch war ja fein Bild. Weich vorn auf der Seite neben dem Titelblatt. So fing er nun also an, ein berühmter Mann zu werden, einer, den man sich zeigte. Aber heute wirkte das störend auf ihn, und unwirsch drehte er der Beobachterin den Rücken. Dann sah er wieder ungeduldig nach der Uhr... Wo sie nur blieb? Sonst war sie doch stets pünktlich und heute waren schon fünf Minuten über die Zeit versttichen. Ob die Mutter krank geworden war? Ob sie selbst sich nicht wohl fühlte? Es Ivar so drückend heiß heute. Oder spürte er das nur hier in der schwülen Luft dieses Raumes? Langsam schlenderte er weiter und blieb dann wieder vor einem Bilde stehen: König Krokus und die Waldnymphe. So blond iv-ar sie, so blond wie dieses Märchenwesen. Und so lang mußte ihr Haar auch sein, sie trug einen ganz dicken Knoten im Nacken. Und einmal hatten sie auch so miteinander gesessen in schweigender Waldeinsamkeit. Sie ein wenig erhöht auf den knorrigen Wurzeln einer Erle und er etwas tiefer im Alpenmoos. Zu seinen Füßen hatten ein paar Enzianblüten neugierig hervorgelugt. Die hatte er gepflückt und ihr gereicht. Und ein paar Tage später fand er die blauen Blüten sorgfältig gepreßt in ihrem Buch. Immer mehr Menschen kamen jetzt in die Galerie. Eine wahre Hochflut von Menschen. Nein, hier konnte er sie nicht fragen, hier war es unmöglich. So mußte er schon mit ihr die Brienner Straße heraufgehen, da würde es still sein. — Und jetzt endlich sah er sie auch kommen. Gott sein Dank. Noch reizender als sonst erschien sie ihm mit dem Rosenhut und dem weißen Jackenkleid, lieber das von der Bergsonne leicht gebräunte junge Gesicht zog ein strahlendes Lächeln, als er ihr rasch eutgegenkam. Herzlich reichte sie ihm die Hand. „Ich hab mich etwas verspätet. Nicht wahr. Sie sind nicht böse?" Sein Blick glitt voll Zärtlichkeit über sie hin. „Wie könnte ich! Ich freue mich jetzt, daß Sie hier sind. Sie sah ihn ruhig mit ihren leuchtenden Augen an. Fast schien es ihm, als wäre noch mehr Glanz dann. Wußte sie schon, daß er sie jetzt fragen wollte? .Hatte sie es mit dem so selten fehlenden Instinkt Weibcv erraten? Wenn er sie jetzt nur hatte in den Arm nchmen können und auf den roten, lächelnden Mund küssen. Aber da waren ja Menschen. Ueberall Menschen! Sie kreuzten an ihnen vorüber, umstrichen sie, als witterten sie ein Liebespaar, irgend einen Roman, den sie miterleben wollten. Er hätte sie alle erwiirgen können. „Wollen wir nicht weiter gehen?" fragte er gepreßt, „vielleicht ist es in den andern Sälen weniger voll. Oder — oder wollen wir gleich spazieren gehen?" „Ach ja," sagte sie erfreut uub wieder mit diesem glücklichen Lächeln. „Wir wollen nur, gleich spazieren gehen, ich habe heute doch keinen Sinn für Bilder." „Aber warum nicht?" Mit einemmal mißfiel ihm das. Er wußte selbst nicht warum. Ihre gelben Stiefelchen wippten unruhig hin und her. „Ich habe nicht viel Zeit heute, wir müssen noch packen, denn wir reisen schon diese Nacht." „Heute nacht?!" „Ja. Wir können nun doch nicht länger bleiben, es ist etwas — etwas " und wieder trat das Leuchten in ihre Augen — „dazwischen gekommen." Sie schien noch einen Augenblick zu überlegen, dann fuhr sie energisch fort: „Mama will zwar nicht, daß ich es Ihnen schon sage, aber ich tu es doch, ich tu es doch." Um ihn herum surrte und schwirrte es, der Raum schien lebendig zu werden, sich zu drehen, die Bilder an den Wänden tanzten einen wilden Cancan und wie aus weiter Ferne hörte er ihre Worte: „Ich habe mich heute verlobt." Sie aber sah gar nicht sein erstarrtes Gesicht, sie war so glückselig, daß sie wie durch einen Schleier sah, einen rosenroten, goldigen. Und unbekümmert p.audcrte sie fort. „All die Tage habe ich gehofft. Ich hatte es ja gelejen, daß er Hauptmann geworden war. Und heute früh kam nun auch der Brief." „Kennen Sie ihn denn schon lange?" fragte er mit gepreßter Stimme. „O ja, sehr lange. Wir hatten uns lieb, ohne es uns sagen zu dürfen, denn es reichte nicht für die Leutnants- kantion. Wir sind uns zuletzt sogar ans dem Wege gegangen, die Mutter wollte es. Aber nun" — sie hob fröhlich ihr Gefickt zu ihm auf — „nun ist alles gut. Und morgen Bin ich bei ihm." Dann wandte sie sich um, ließ noch einen Blick über die Bilder gleiten und meinte lachend: „Ich sehe wirklich nichts — gar nichts — ich glaube, wir gehen lieber hinaus." Und leicht ging ihr federnder Schritt vor ihm tyer. „ An der Treppe, die zu dem Eingangsraum, den Bocklms und Feuerbachs führte, blieb sie stehen und nahm plötzlich seinen Arm. t v , „Es ist sehr dunkel hier, mir wird ordentlich ein bischen schwindlig." Fest schmiegte sich der weiche Fraueuarm in den seinen. Ihn durchrieselte es heiß. Warum riß er |te nicht an sich, nahm sie mit Gewalt, nahm sie dem andern fort! Auf der Straße ließ er brüsk ihren Arm los, riß das Taschentuch heraus und fuhr sich ein Paarmal über die Stirn. „Es war sehr schwül da brinuen," sagte er hart. Da bog sie sich herum, sah ihn prüfend au und meinte besorgt: „Sie sehen auch wirklich ganz elend ans. Ich habe Sie doch wohl zu lange warten lassen." . Wie grausam doch Frauen sein können. Gequält ging er ein paar Schritte weiter, die Brienner Straße herauf. Sie blieb neben ihm. , , ,, „Ja, Sie sind sehr blaß," wiederholte sie, „wie leid mir J Da machte er noch einen schwachen Versuch. „Sie können doch gar nicht wissen, ob Sie ihn noch lieben, wenn Sie ihn so lange nicht gesehen haben, jeder Mensch ver- ""^Doc§'das weih ich," sagte sie bestimmt und faltete wie zur Bekräftigung ihre Hände ineinander. „Ich habe ihn nie vergessen, ich werde ihn immer lieben." Hat sie denn nicht einen Funken Neigung für mich? dachte er traurig. Ihr offenes, warmherziges We,en nur gegenüber - und noch so vieles - hab ich mir das alles nur eingebildet? Da gab sie ihm ganz von selber Antwort darauf. „Sie sind mir ein so guter Freund geworden in diesen wenigen Wochen unserer Bekanntschaft," sagte s-e,weich. „Ich habe so viel von Ihnen gelernt, so viel gutes und kluges. Ich muß Ihnen von Herzen, danken, daß «le es nicht verschmäht haben, der Kamerad eines dummen, kleine» 792 Mädchens zu sein, daß Sie mir die Herrlichkeit der Berge erschlossen haben. Nie hätte ich da allein hinaufgehen können und Mama ist doch zu zart für solche Wege. Ja, auch von ihr soll ich Ihnen noch vieltausendmal Dank sagen." Er verbeugte sich leicht. „Der Dank liegt ganz auf meiner Seite," sagte er konventionell. Und wunderte sich dann, daß er die Worte noch hatte herausbringen können. Sie lachte fröhlich. „Ja, es war schon eine schöne Zeit." Dann fügte sie mit einem leichten Anflug von Koketterie hinzu: „Nicht wahr, wenn ivir uns einmal Wiedersehen, dann sagen Sie es auch meinem Liebsten, daß ich gut Schritt mit Ihnen gehalten habe, daß ich ein ganz standhafter Wanderkamerad gewesen bin. Ich bin nämlich sehr stolz darauf." Eine leere Droschke kam langsam an ihnen vorbei und der Kutscher sah sich fragend nach ihnen um, als witterte er Fahrgäste. Da rief sie ihn auch schon an. „Ich muß nun wirklich nach Hause," meinte sie, „es gibt doch noch allerhand zu tim." " Sie stieg ein und er half ihr dabei. Dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied. „Behüt' Sie Golt," sagte sie mit frohem Lächeln. „Behüt' Sie Gott," wiederholte er mechanisch und noch einmal umfing sein Blick zärtlich ihre Gestalt. Dann trat er zurück. Der Wagen fuhr an. Noch einmal wandte sie sich um und winkte ihm zu. Er starrte ihr nach, auf den Hut, dessen Rosen leicht auf und abwippten. Endlich verschwanrm auch dieser helle Punkt in der Ferne. Und nun war er wieder allein, konnte seinen geraden, einsamen Weg gehen. — Was war es denn gewesen? — Nur ein paar Wochen Sommersonnenseligkeit . . . Nsrnrißchtss. * Eine neue Stadt. Zurzeit ist bei Kulan eine neue Stadt, Grube Marza, in der Entstehung begriffen, "die bald 5000 Einwohner in sich vereinigen wird. Die Aktien- gesellfchafien Eintracht, die Ilse, die Polh-Werke, die Anna- Hütte haben es verstanden, der Gegend ein eigenartiges Gepräge zu verleihen. Biele Tausende von Arbeiter haben sich um der Arbeit willen in diesem Industriegebiet auge- siedelt. Ihre Kinder füllen die Schulen. In wenigen Jahren sind aus einklassigen ländlichen Schulen 6- bis lO llassige Industrieschulen entstanden, für die von den Fabrikbesitzern meist prächtige, großartige Schultz unser erbaut sind. * Was ein Dnrchschni11sjournalift in Kmerika verdient. In Amerika ist es, so schreibt der Berl. Börs.-Cour., nichts außergewöhnliches, daß „ein Durch- schuittsjonrnalist" durch seine Arbeit 20 000 Mk. im Jahre verdient; und nur die Theaterkritiker nehmen etwas weniger ein, nämlich etwa 12000 Mk. Biel günstiger gestellt sind dagegen die Kriegskorrespondenten, die für die Gefahren und die Langweile, denen sie ausgesetzt sind, mit 400 Mk. für den Tag entschädigt werden. Während des russ.-japanischen Krieges sind noch viel höhere Gehälter gezahlt worden. R. Davis hat beispielsweise 4000 Mk. in einer Woche erhallen. Das will aber noch gar nichts gegen das Rekord gehalt Arthur Birsbanes sagen, der 200 000 Mk. für ein Jahr erhalten hat! * Humor in der Schule. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. K Löwenberg (Hamburg) einen Artikel in der Monatsschrift „Kind und Kunst", in dem er eine Reihe schulpädagogischer Beobachtungen niederlegt und unter anderem auf die psychologischen Fingerzeige hiuweist, die in den sogenannten Schulwitzen liegen. „Diese Witze," sagt er einleitend, „bringen in das eintönige Grau des Schultages eine frische Farbe. Sie sind wie die Hellen Blumen im Kornfeld, sie nähren nicht und nützen nicht; aber sie erfreuen das Herz, wenn auch der Bauer die Stirn runzelt und sich über sie ärgert. Und wenn er sie auch mit Stumpf und Stiel ausrotten möchte, sie wachsen Gottlob immer wieder. Sie fiten sich selber und fragen nicht nach Pflug und Egge, stach Regen und Sonnenschein. Einen kleinen Strauß davon möchte ich hier pflücken." — Ein Bürschlein, das den ersten Schultag hinter sich hat, reicht dem Lehrer die Hand und fragt selbstbewußt: „Herr Lehrer, werde ich auch versetzt?" 'r- In der Anschauungsstunde soll der Unterschied zwischen Schul-, und Wohnzimmer klar gemacht werden, und die Lehrerin schlägt vor, das Schulzimmer in ein Wohnzimmer zu verwandeln. „Da sollt ihr mir alle helfen. Was müssen ivir mm wohl zuerst wegschaffen? Nun du, du Kleine?" „Den Dreck!" — Ein Schüler schreibt in einem Geburtstagsbrief an den Lehrer: „Ich danke Ihnen für die guten Lehren, die Sie mir gegeben haben und hoffe bald Gelegenheit zu haben, mich revaiichieren zu können." Daß er den Brief dann schließt: „Ihr ergebenster Schüler", ist fast selbstverständlich. — Auf die Frage: „Und warum durften Adam und Eva nicht von den Aepfeln essen?" antwortet ein Kommerzienratstöchterlein': „Es waren Kochäpfel!" — „In welche Zeit versetzt uns das Gedicht: Des Sängers Fluch?"' „Jus Imperfektum!" -- „Uud um euer Hans zu ordnen, wachet wie Auroren auf" ermahnt Cid seine Töchter beim Abschied. „Wer ist Aurora?" fragt die Lehrerin, und die prompte Antwort lautet: „Ihr Dienstmädchen!" — Ein Lehrer auS dem Binnenlande erzählt feinen Quartanern/ Hamburger Jungen, daß er erst mit 18 Jahren das erste Schiff gesehen habe. Als er sieht, wie sehr sie darüber erstaunen, fragt er, wie das wohl gekommen sein möge. Da meinte einer: „Sie waren immer so fleißig, Sie find nicht von den Büchern weggegangen!" Ein anderer dachte an eigene Erfahrungen und sagte: „Ihr Vater hatte Ihnen verboten, an den Hafen zu gehen!" Und ein dritter, ein Schlauberger, rief triumphierend: „Damals waren die Schiffe noch nicht erfunden!" * Ein weiser Richter. Biel belacht toird in Pits- burg, so lesen wir in der Wlg. Fl.-Ztg., der Urteilspruch eines Richters, dem man nachsagt, daß er ein Feind der Geldstrafen ist. Ein junger Mann war von einer etwas ältlichen Dame angeklagt, daß er infolge einer Verwechselung ihr auf der Treppe ihres Hauses ihr einen Kuß geraubt hatte. Dis Klägerin führte in ihrer Beschwerde aus, daß sie genau wisse, daß sich der Beklagte aus ihr nichts mache, deswegen empfinde sie den Kuß als eine große Beleidigung. „Da wüßte ich ja eine famose ©träfe für den Beklagten," sagte der Richter, „geben Sie als Strafe dem jungen Mann den Kuß zurück". Die Klägerin tat schadenfroh schnell wie geheißen; der junge Mann versicherte jedoch nachher, daß er lieber einige Dollar Strafe gezahlt hätte. * Schu tz g eg en d as Klein men d e r Fin g er. Die neuen Eisenbahnwagen der Schweizer Bundesbahnen haben eine Einrichtung erhalten, die zur Nachahmung dringend zu empfehlen ist. Bei diesen Magen ist es nämlich durch An- bringung eines biegsamen Schutzbandes von Segeltuch, das die Türspalte von oben bis unten völlig bedeckt, verhindert, daß Reisende und namentlich Kinder sich in der Türspalte die Finger einklemmen. Kreuzrätses. In die Felder vorstehender Figur sind die Buchstaben a a a a bbceeeeeeehhiiiililnnnnnnoopprrrr sssssstt derart einzntragen, daß die ivagerechlen und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Südamerikanische Sicimbltt. 2. Tiere ans der Familie der Wiederkäuer. 3. Einen Handwerker. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Jugend, Nauscb und Liebe sind Gleich drei schönen Frühlingstagen; Statt um ihre Flucht zu klagen, Herz, genieße sie geschwind 1 Redaktion: E< Anderson. — Rotatwusdruü und Verlag 6ci Brützl'scheu UnlversuätS-Buch» und Slemdrnctere», R- Lange, Gießen.