1908 Montag den 17. Februar MU M M 8 V ^8 SMMSSS-M' ■fe MWM » u,» I„ Kelmutö von Fovlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Beim Eintritt des Rittmeisters verstummte die Unterhaltung, alle Köpfe wandten sich nach der Tür, Wilhelms Stimme mit geivohntem, fröhlichem Klang: „Ei, du, Helmuth?" Tann erhob sich die lange Gestalt des Pastors im schwarzen Rock und kam dem Eintretenden entgegen. „Verzeihen Sie mir," sagte Loysen sich verneigend; er wollte noch den Grund seines Erscheinens nennen, aber schon standen alle mit viel Geräusch auf, um Platz für den neuen Gast zu machen. In späteren Zeiten dachte er daran zuriick, daß die Bitte um Verzeihung sein erstes an Pastor Becker gerichtetes Wort gewesen war. Ter alte Mann mit den kummervollen, ratlosen Augen wußte zuerst nicht recht, waS sagen. „Seien Sie mir herzlich willkommen" . . . murmelte er, „ich habe wohl die Ehre, Herrn von Loysen" . . . „Gewiß, und ich bitte nochmals um Entschuldigung! Tast sich doch niemand meinetwegen stören läßt. . ." Abel natürlich ließen sie sich alle stören und er verwünschte bereits innerlich seinen Einfall, — denn ehe er es hindern konnte, war er auf einen Stuhl genötigt worden und saß eingekeilt zwischen der Frau Gymnasialdirektor aus Braunstadt und der Pastorstochter ans Jarowitz. Ihm gerade gegenüber saß der alte Pastor und Wilhelin auf der anderen Seit« der Tirektorsfrau. Auch Edeltrauts blonder Kopf beugte sich vor und sie rief ihm zu: „Sagte mau Ihnen, daß wir hier wären? Wie nett, daß Sie kamen! Trinken Sie gem Schokilade?" „Tanke!" — wollte er mit Entsetzen abwehrcn, aber schon stand die gefüllte Tasse vor ihm und Frieda reichte ihm den Kuchenteller. „Wir feiern heute Vaters Geburtstag," sagte sie herzlich, „bitte zuzulangen". Loysen faßte sich schnell. Er war denn doch zu sehr Weltmann, um sich anm reu zu l sf n, wie weaig ihm die Situation behagte. Er brachte eine Gratulation an, für die der Pajwr mit altväterischer Höflichkeit und Umständlichkeit dankte. Dann kam ihm der glückliche Gedanke, von seiner Begegnung mit dem Sohne des Hauses zu berichten und zu versichern, die Bekanntschaft sei ihn» sehr angenehm gewesen, der, junge Mann sehe „bedeutend" aus. Hierzu niate. die Frau Direktorin heftig, mit dem Kopfe, Frieda lächelte erfreut und über des Paswrs bleiches Antlitz ging ein glückliches Leuchten. Unaufgefordert erzählte er, daß dieser Sohn alle seine Studien mit Auszeichnung beendet ijatie und jetzt sein Stolz und seine Stütze sei. „Ja," ließ sich Wilhelms Stimme vernehmen, „du solltest ihn einmal predigen hören, lieber Helmuth, er vertritt gelegentlich unseren Herrn Pastor." , Die Gymiasialdirektovsgattin pflichtete dem bei. „Großartig! — flüsterte sie Loysen zu, „er war schon als Schüler eine Zierdü unseres Gymnasiums. Ihn: gebührt ein Platz an einer Hnnpt- kirche der Residenz." Loysen hatte sich in sein Geschick gefunden und nippte mit Todesverachtung an der Schokolade, während er mit der schöne rednerischen Direktorin die Vorteile der Gymuasialbildung durch-, nahm. Dabei hörte er immer Wilhelm in lebhaftem, fast knabenhaft vergnügtem Gespräch mit einem jungen Geistlichen und sah Edeltraut mit der Tochter des Hauses flüstern und scherzen. Dabei wurden seine Blicke aber wider Willen durch sein Gegenüber, den Hausvater, angezogen, welcher, nachdem sich die Wellen der Begrüßung und Vorstellung gelegt, verstummte und mit ganz weltentrücktem Ausdruck dasaß. Ein edler, ergebungsvoller Schmerz verklärte ihn gleichsam, verwandelte sich aber sofort in klägliche Verwirrung, sowie ihn eine Anrede in die Gegenwart zurückriß. Tann sah er namentlich den neuen Gast wie um Entschuldigung bittend an und Loysen fühlte Mitleid. Ta öffnete sich ein« kleine, nach der Küche führende Türe und Julchen trat ein, in blauem, halblangem Sonntagskleid und weißer, zierlicher Latzschürze. Sie hielt eine große Schüssel frischer, noch warmer Waffeln in den Händen und kam mit Vorsicht, glücklich lächelnd, heran. Ein allgemeines fröhliches Ach! und Oh! begrüßte die unerwartete, duftende Speise, und namentlich Frau von Dahlen erging sich in Lob und Beifall. Sic saß rechts vom Pastor und ihr wurde die Schüssel zuerst präsentiert, dann ging die jugendliche Spenderin von einem zum aubent, kam auch zu Loysen, wobei sie zugleich grüßend knixte, und er mußte seiner Schokolade wohl oder übel auch noch diese Zutat geben. Er tat cs, ohne das freundliche Kind zu beachten. Erst als die Schüssel bis zu Edeltraut kam, sah er unwillkürlich hin, denn Edeliraut zog den Kopf der Kleinen zu sich herab und küßte sie. lieber Loysen kam ganz unvermittelt wieder jene widrig« Empfindung, die ihn schon in der Kirche überfallen und Erinnerungen aufgescheucht hatte, die er am liebsten ganz aus seinem Leben gestrichen hätte, und die doch gleich schattenhaften Nachtvögeln auf dem Grunde seines Gedächtnisses lagen. Damals war ihm die Ursache dieses tiefen Unbehagens völlig rätselhaft geblieben, jetzt wurde ihm der Zusammenhang klar, ebenso wie sein erster Impuls aufzuspringen und die beiden dort zu trennen: im Gesicht dieses jungen Dinges, das sich so zutraulich au seine ersehnte Brant schmiegte, lag eine zufällige Aehnlichkcit mit Luisane — und dieses Zusammentreffen trieb ihm das Blut in die Wangen. Jetzt wußte er auch, daß er das Mädchen in der Kirche auf dem Orchelchor hatte sitzen sehen. Mit jeder Sekunde wurde ihm der Anblick des doch so anmutigen Bildes der zwei unangenehmer, und sich plötzlich dran erinnernd, daß sein Pferd aus ihn warte, richtete er an den Pastor eine dementsprechende Entschuldigung, verneigte sich rechts und links, sagte etwas von einem Gaul, der sich eigentlich von nieinand halten lasse, und war aus dem Zimmer, ehe nur jemand recht begriff, was er vorhabe. Draußen drückte er dem gefälligen jungen Menschen ein Zweimarkstück in die Hand, schwang sich auf Fra Diabolo und sprengte davon. Er hatte über alledeni! nun doch vergessen-. 106 t*;n Haides von Anne Maries Konemen etwas $u sage», nnd hechte auch nicht wieder dran. Tief verstimmt und gedankenvoll ritt er nach Bordes zurück. Wenn man einen eisernen Griffel nehme» und mit ihm gewisse Tinge für immer ans der Vergangenheit streichen, ungeschehen inachcn könnte! — Aber sie stehen da, .unverrückbar. Und mit diesen Erinnerungen wirbt er um ein stolzes, reines Mädchen, gewinnt vielleicht ihr Herz, führt sie zum Altar nnd läßt sie ihren bindenden Schwur sprechen — und wenn sie wüßte? — Wenn sie ihn kannte? , ■ • ■ Er wollte und brauchte sich nicht mit einer» Edmund Trotz zu vergleichen, aber doch fiel ihm ein, ivas Anne Marie ihm einst erzählt hatte, und er wußte eS plötzlich, was sie bannt gemeint hatte. Er war sich auch klar, wie er zu handeln habe. Tie Ehe ist eine große, ernste Sache, das ist gewiß, und immer wieder kam ihm Anne Mariens „du meinst?" — in den Sinn, da er Edmund Trotz wegen feiner Beichte so „famos korrekt" gefunden hatte. Tiefe. Beichte war zu spät gekommen. Hätte der das vor der Hochzeit gesagt, so hätte sie ihn vielleicht nicht gemintiiten! — Richt so darf er handeln. Ehe sie sich entscheidet, soll fre ihn kennen lernen. Sie muß wissen, wein sie Herz und Hand zu eigen gibt. Er atmete tief auf, straffte sich im Sattel und zog die Zügel an. Gut, so fei es! .Wie alles, so hat auch dieser üble Zufall sein Gutes gehabt, indem er ihm Klarheit über seine Pflicht brachte. So ritt er, wieder ruhig geworden, in Bardes ein. Daß jene Aehnlichkeit ans mehr wie Zufall beruhe» könne, kaut ihm gar nicht in den Sin». Luisanens Verwandtschaft suchte er, wenn er überhaupt dran dachte, in ganz anderen Kreisen — ihr Vater mochte ein Handwerker gewesen sein, ihre Mutter stammte ans einer Mnsikcrfamilie, einem „Gönner" verdankte das geweckte Kind ihre Bildung. So hatte er sich's einst aus ihren spärlichen Berichten zusanmiengereimt, immer mit dem inneren Nachsatz: „In deinen Adern fließt Theaterblut, mein Kind, d» Weißt es nur nicht!" — Jetzt bildete er sich schon ein, sie habe ihm das alles so erzählt, und der Gedanke, diese Aehnlichkeit könne mehr als ein Naturspiel sein, beunruhigte ihn nicht einen Augenblick. Auf dein Geländer der stattlichen Bardesser Treppe, die aus der schönen Halle hinauf in den ersten Stock führte, turnte Lilly mit knabenhafter Ungeniertheit. Ihre langen, dünnen Beine staken in schwarzen Strümpfen nnd gelben Schuhen, nnd mit Arme» und Beine» schlenkernd, kani sie rittlings herabgesaust, sprang herab und an dein Onkel in die Höhe. „Wo warst du?" rief sie und hakte sich in seinen Arm. „In Rothaide." „Tu! Du reitest aber oft nach Rothaide. Sind dort schon junge Kaninchen?" „Ich weiß es nicht." „Aber so to«§' erzählt man doch. Mutz das ledern fein da!" „Ich war gar nicht da, du Affe," „Wo warst du dann?" fragte sie schnell. „Im Pastorat Mit Rothaide." „Sind da Kinder?" „Nun hör' mal auf. . ." Jetzt sah er erst, daß sich oben Marie Anne üver das Geländer neigte und ihn etwas verwundert ansah. Lilly quälte weiter: „Aber was wolltest du denn im Pastorat?" „Schokolade trinken, es war Geburtstag." „Onkel, du spaßt. Tn trinkst ja nie Schokolade. Sag' mal, wägst du die Pastors lieber wie unsere Pastors? Das ist aber nicht nett von dir." „Bitte, l a tz mich nun, ja!" Er befreite seinen Arm von ihrem Griff, rettete sich in sein Zimmer nnd schlug ärgerlich lachend die Türe zu. Au« nächsten Tage kam Anne Marie. Die Schwester holte sie an der Bahnstation ab, ivo die hohe, überschlanke Gestalt in grcmseid-enem Reisemantel der ersten Klasse entstieg und mit einem leichten: „Nun Mieze?" die Entgegenkommende flüchtig küßte. Obwohl sie nur zwei Tage zu bleiben gedachte, wurden ein ansehnlicher Koffer nnd zwei juchtene Taschen ans den Wagen geladen. Anders konnte Baronin Trotz nicht reisen. Sie war an so viele Bequemlichkeiten gewöhnt und pflegte dreimal täglich Toilette zu machen. "~ Während sie im Wagen Platz nahm, sagte sie: „Ich komme ohne Kammerjungfer, rechne auf deine Dulcinca." Marie Anne war voll Ungeduld, von dem anzufaugen, ivas sie eben am meisten beschäftigte. Sowie der Magen davonrollte, flüsterte sie: „Annchen, unser HelmUth macht Ernst!" „Macht er? Nun, es wurde ja auch Zeit." „Er reitet, glaube ich, täglich nach Rothaide — nnd daß er eS nicht recht zu gibt, zeigt, daß er sehr verliebt ist. Es ist so komisch, immer tvill er mit der dortigen Pastorenfamilie in Verkehr fein — du begreifst, wir sollen abgelenkt werden. Nun, sage mir, was meinst du denn zu dieser Schwägerin? Ich würde mich riesig freue» und Kvnrad auch." „Ist das liebe Kind nicht etwas verbauert?" „Nein!" rief die Recknitz eifrig, „nein, gewiß nicht! Don der Haide üst ja gewitz ein Original und unglaublich überspannt in seinen religiösen Ansichten — aber er ist ein feiner Mensch und würde nie an seiner Schwester dulden . . . weißt du, Anne, leit wollen doch zusammen hinfahrrn. Ich brenne ja darauf, sie jetzt zu sehen. Ta bildet man sich ein Urteil Fahren wir morgen!" Die Baronin wich förmlich zurück. „Ich? Niemals! Wie kann man nur so etwas tun. Eine Brautschau wie vor einer Bauernhochzeit. Ich bitte dich, lasse diese Mensche» und Helmmth ganz in Frieden. Ist die Sache reif, so kann man ihm ja Glück wünschen — und uns ja wohl auch? Er hätte ja wohl eine diimmere Wahl treffen können, nicht wahr? — Vorläufig aber noch keine Begeisterung." Marie Anne war etwas enttäuscht. Sie hatte sich aus eine gründliche Aussprache gefreut, aber, die Schwester schien das durchaus nicht zu wünschen. Sie sah überhaupt sehr blaß und etwas müde aus, und ihr ironisches Lächeln war matter denn je. Es kam sehr häufig znm Vorschein, als sie gleich darauf von ihrem Aufenthalt im Magnatenschlosse erzählt«. Loysen kam ihnen schon weit vor dem Park entgegen, sprang auf den Wagen und balancierte, seine Zigarre ranchend, auf dem Trittbrettchen. Er sah heiter, gelassen und siegessicher aus, daß Anne Marie trocken bemerkte: . 1 „An großen Aufregungen leidet ihr hier nicht, Ivie?" 9tnv nächsten Morgen wandelte sie in feingefälteltem, creme» farbenem Empirekleid durch die Anlagen vor dem alten, schloßartigen Hause, von Lilly und Klein-Annchen vorläufig noch aus respektvoller Ferne angestannt. Ihr Haar war leicht gepudert. Ein kreuzweise über die Brust geschlungenes, blaues Atlasband hielt hoch im Rücke» das feine Geriesel des . schleppenden Gewandes zusammen und war zu mächtiger Schleife geknüpft. 'An goldenem Kettchen hing das langstielige Lorgnon. „An der bunten Glasveranda blüht noch immer die blaue Clematis," sagte sie zu Loysen, der neben ihr ging, „ganz wie in unscrer Kindheit. Ich habe versucht, sie in Tobrau anpslanzen zu lassen, im Schloßhof, aber sie erfriert immer wieder im! Winter." „Du denkst doch auch gern an die hier verbrachte MnderzeN? „Ja, so lange cs Kinderzeit war. Gehst du mit in den Park?" Er kannte sie zu genau, um zu fürchten, sie wolle nun vorsichtig sondieren, wie Marie Anne. Sie gingen einen gewundenen Weg entlang und waren bald inmitten grüner, srühlingsdustender Waldeinsamkeit. (Fortsetting folgt.) Asber die Mitte! zur Stärkung der Willenskraft. Bon Dr. med. Otto T o rn b lü th (Frankfurt). Nachdruck verboten. Der Wunsch, einen festen Willen nnd die darauf beruhende Leistungsfähigkeit , zu besitzen, ist sehr verbreitet. Man kann wohl sagen, daß jeder reise Mensch diesen Wunsch hat, und daß jeder einsichtige Erzieher es als eine wichtige Aufgabe betrachtet, seinen Zöglingen Willenskraft, Energie beizubringen. Es ivird daher lohnen, ein- mal die Mittel zu diesem Zweck zu betrachten. Es gibt verschiedene Arten und Formen der Willenskraft. Um einige allbekannte Beispiele zu nennen, die doch schon historisch genug sind, nur objektiv beurteilt zu werden, möchte ich die Willenskraft bei Bismarck, König Wilhelm I. und Moltke heranziehen. Bei Bismarck ist die Energie eine gewaltsame und beherrschende Energie/ ein wesentlicher Gruudzug feistes aktiven Charakters; bei feinem Herrscher, diesem feinen und vornehmen Gemüt, wird eine starke Willenskraft durch sein festes Gottvertrauen nnd sein unerschütterliches Pflichtgefühl erzeugt, so daß der zarte, rücksichtsvoll-weiche König noch in seinen Greisenjahren unvergängliche Züge in die Tafeln der Geschichte eingräbt. Bei Moltke endlich ist es die logische Erwägung, die ihn in jedem Augenblick das Kriegsspiel lenken nnd entscheidende Schlachten beginnen läßt, mit derselben 107 Ruhe, wie der Schachspieler seine Erfahrung im Spiel verwertet. Die aktive Energie, wie sie sich in Bismarck verkörpert, ist angeboren. Wir kennen kein Mittel, sie durch eigene Arbeit oder durch das . Eingreifen des Erziehers hervor- zubriugen oder zu vergrößern. Nur wo sie etwa in der Anlage vorhanden, aber durch schädliche Einflüsse des Lebens oder durch Krankheit verkümmert ist, kann sie unter glücklichen Umständen oder durch die Einlvtrkung des Arztes oft iviedcr gehoben werden. Die Willenskraft dagegen, die durch Wissen und Erfahrung und durch das Gewissen belebt wird, ist ein erworbenes Gut und diaher der Einwirkung der Erziehung, durch andere oder durch eigenes Streben, durchaus zugänglich. Durch richtige Anwendung der dahin wirkenden Mittel läßt sich eine Persönlichkeit schaffen, die nach Goethes Wort höchstes Glück der Erdenkinder ist. Der Charakter des Menschen ist zum großen Teil Mllensbetütigung. So trägt es unser ganzes Leben hindurch zur Festigung des Charakters bei,' wenn der Körper soviel wie möglich unter die Herrschaft des Willens gebracht wird. Wenn man sich die lange Bahn vorstellt, die zwischen den ersten tappenden Bewegungen des Kindes und den feinbemesseneu, geschickten, sicheren und doch zarten Handleistungen des Uhrmachers, des Feinmechanikers, des Operateurs, des bildenden Künstlers, der Musiker usw. liegt, so wird cs ersichtlich, wie groß der Einfluß der zielbewußten Ausbildung der Handgeschicklichkeit auf die Willensbetätigung ist. Dadurch erklärt sich auch der große Einfluß des He ercsdi enstcs für das ganze Leben des Mannes. Vergleicht man den Rekruten mit dem Manne, der seine Dienstzeit zurückgelegt hat, so ergibt sich ein unendlicher Unterschied in körperlicher Beziehung, aber auch in Hinsicht auf Charakter und Energie. Jeder, der eine größere Anzahl von Männern unter seiner Leitung gehabt hat, weiß diesen mächtigen Einfluß zu schätzen. Auch der Parademarsch, der viel befehdete, ist segensreich, weil der Soldat dadurch gelernt hat, jeden Augenblick seinen Körper vollständig unter die Herrschaft eines bestimmten, genau bemessenen Zwanges zu stellen. Die harmonische" Ausbildung der Muskeln ist eben nichts rein körperliches, obwohl das immer wieder übersehen wird, so von denen, die glauben, das deutsche Turnen durch schwedische Gymnastik oder durch Müllers System oder durch andere Ueb- ungen ersetzen zu können. Der Geist des Ganzen geht dabei verloren, und damit zugleich die Wirkung auf die allgemeine Energie der Menschen. Ebenso bereitet cs immer noch der Weiterverbreitung des Handfertigkeitsunterrichtes Hindernisse, daß der iineingeweihte denkt, cs handle sich dabei um eine Art Handwerksdilettautismns, während in Wahrheit nur die Erziehung des Willens zu genauer Betätigung gemeint ist. Wir haben in der Tat in der ziel bewußten Körpertätigkeit einen breiten Weg zur Stärkung des Willens. Das Turnen, die Volks- und Jugendspiele, Dennis, Rudern- Schlittschuh- und Schneeschuhlaufen und andere Sports wirken um so besser zu diesem Ziele, wenn sie in fröhlichem Wetteifer vorgenommen werden, wie er ja vielfach zur. Art des Sports notwendig gehört, in anderen Fällen mehr durch die Schwierigkeit der Aufgaben, so beim Bergsteigen, die nicht durch jeden gelöst werden können. Bei vielen Arten des im Freien betriebenen Sports trügt auch die notwendige Abhärtung gegen die Nn- bilden des Wetters zur Stählung der Energie bei. Bon der geistigen Arbeit sehen ivir nicht so regel- mäßig eine Förderung der Willenskraft, vor allem, weil Unter den heutigen Verhältnissen der Jugend lvcnig Zeit iinb Ruhe zu freiwilliger Arbeit bleibt. Der Kampf gegen Ueberdruß und Ermüdung ist freilich auch eine Willens- Übung, aber ohne die Frische und Freudigkeit, die besonders wichtig ist. Mit Recht legen daher die Landerziehungs- Heime itub andere moderne Unterrichtsaustalten großen Wert auf freiwillige Arbeit und freudigen Wetteifer. Auch die Erziehung der englischen Jugend, wo so viel.weniger Zwang zur geistigen Arbeit und so viel Wetteifer in Sport und Spiel herrscht/ wirkt wie bekannt ganz ausgezeichnet auf den Charakter und die Willenskraft. Ganz besonders wertvoll ist in unserem Sinne der grundsätzliche Kampf gegen. Empfindlichkeit der Sinne und für die Beherrschung des Gefühlslebens. Was der wahr- i Hast gebildete Erwachsene von selbst in sich zu erreichen sucht, eine richtige Selbstbeherrschung, eine Herrschaft über seine Stimmungen, Empfindungen und Leidenschaften, das bildet auch eine sehr wichtige Aufgabe der Kindererziehung, einer zielbewnßten Heranbildung eines energischen Menschen. Leider lernen die Kinder uieist allzusehr von den Erwachsenen die übergroße Empfindlichkeit gegen Geräusche, die übertriebene Aengstlichkeit bei Störungen des eigenen Befindens, die Widerstandslosigkeit gegen Hunger itub Durst, gegen Wärme und Kälte, die übertriebene Abneigung gegen manche Eigentümlichkeiten der Nahrung, sei es gegen Fett, gegen die Haut auf der Milch uslv. Gewiß liegt es in unserem Interesse, daß wir uns bei der Arbeit gegen un- iiötige Störungen durch Geräusche schützen, daß wir uns gegen Hitze oder Kälte wahren. Hunger und Durst rechtzeitig stillen und sorgfältig über die Beschaffenheit unserer Nahrung wachen. Aber das alles darf airch nicht übertrieben werden. Es gibt ganze Familien, wo kein Ei gegessen wird, ohne daß erst mehrere es mit der Nase auf seine Frische geprüft haben, und wo der leiseste Zweifel daran gleich lebhafte Aeußerungen von Ekel uslv. hervorruft. Gerade bei Kindern sollte man damit sehr vorsichtig sein, denn diese in gesunden Tagen harmlose Empfindlichkeit kann in Kraukheitszeiten zu bedenklicher Erschwerung der Ernährung führen. Es sind Fälle genug bekannt, wo die nervöse Aengstlichkeit gegenüber der Näh- rung zu den schwersten Folgen geführt hat. Alles, was über eine ruhige, objektive Prüfung der Nahrungsmittel hinausgeht, sollte vermieden werden. Und ebenso müssen Eltern und Erzieher ein gutes Beispiel geben, um den Kindern zu zeigen, daß man durch ernste Aufmerksamk !' sehr wohl dahin kommen kann, auch bei störendem Gerdas zit arbeiten, daß man sich »licht durch jede kleine Nnannehm- I ichke.it alis der Fassung bringen zu lassen braucht, daß man Hunger und Durst, Eisenbahnfieber, Schmerzen unb andere Schwierigkeiten mit Ruhe überwinden kann. Tas grundsätzlich Wichtige ist, daß schon das Kind lernen soll, durch Beispiel und durch Belehrung seine Empfindlichkeit und seine Stimmungen zu beherrschen. Dazu gehört auch daß man Schüchternheit und Aengstlichkeit ablegt, sich iveniger angenehmen Aufgaben nicht entzieht, auf Änge- nehmes hier rind da schmerzlos zu verzichten lernt. Wie auch scheinbar geringe Dinge wertvoll werden können, sielst inan oft daran, wenn man Langschläfer zum Frühaufstehen bewegen kann. Gerade diese Nebung zuuc Entschluß, der vielen Menschen so schwer ankommt, ist ost außerordentlich segensreich. Man muß nur nicht glauben, bet Kindern so etwas durch Strenge oder gar durch Strafen erreichen zn müssen, denn dadurch wird die Uniuststimmung natürlich noch vergrößert. Ein lehrreiches Beispiel dafür, ivie man vorgehen muß, ist das folgende, das ich ost erlebt habe: es gibt Kinder, die nach Angabe der Eltern durch kein Mittel zu bewegen sind, bestimmte speisen an- zurühren. Fe mehr Wesens davon gemacht lvird, um so schwerer ist etwas zu erreichen: Sagt man aber dem Kinde: mt bist jetzt so groß, daß du das schon essen darfst, wie wir Eltern es essen, so erzielt man fast immer sogleich beit gewünschten Erfolg. Fast jedes Kind ist durch seinen Ehrgeiz, den Erwachsenen gleichkommen zu wollen, anßer- ordentlich leicht zu beeinflussen. Natürlich muß die Form und der Inhalt der Ueberredung immer nach der Art des Kindes eingerichtet werden. Sehr schädlich für die Ausbildung eines gesunden und kräftigen Willens ist die irrige Meinung vieler Erzieher, daß der Eigenwille des Kindes gebrochen werden muffe. Ist das eigensinnige Kind ijit Affekt, in der Aufregung, so ist jede Härte vvnr liebel, völlige Ruhe des Erziehers notwendig, oft eine absichtliche, zielbewußte Nichtbeachtung das Beste. Erst wenn das Kind wieder völlig ruhig geworden ist, kann man durch ruhige Belehrung, durch vorsichtigen Spott, durch Aeußerungen des Erstaunens über den Vorgang den Willen und die Leiden- schastlichkeit des Kindes in richtige Bahnen lenken. So wird ans dem eigensinnigen Kinde ein Mensch, dessen fester Wille durch Neberleguug und Selbstbeherrschung geleitet wird. Aber dazu muß auch der Erzieher diese Eigenschaften des Charakters haben. Nur zu oft erlebt man es, daß die Heranwachsenden gerade dadurch zur Selbstbeherrschung gelangen, daß ihnen das Fehlen dieser Tugend bei ihren Erziehern in übler Erinnerung geblieben war. Ein ungewolltes Abschreckungsverfahren! Biele Menschen können nicht wollen, weil eilte krankhafte Schwäche der Entschlußfähigkeit vorüegt oder weil krankhafte Bedenken die Willeiisbetätigung zurückhalten. Hier helfen weder Zureden noch vorgeschriebene Hebungen, sondern nur die Vorschriften eines psychologisch gebildeten Arztes, die den Kranken gesund machen. Denn der Gesunde kann schließlich das, was er will. * Die Heirats aussichten der Dienstmädchen. Daß von allen jungen Mädchen, die m einem Berufe stehen, die Dienstmädchen am begehrtesten fnr i le Ehe sind, sucht Marie Heller in der von ihr herausgegebenen Deutschen Dienstbotenzeitung durch folgende Zahlen nuv der preußischen Statistik zu beweisen: Es haben in Preußen im Jahre 1806 im ganzen 309 922 Frauen und Mädchen geheiratet, und von diesen waren es 6 8 468 Dienstmädchen- 40431 von ihnen standen in den Städten tm Dienst und 28 037 auf dem Lande. Von je 100 Mädchen, die überhaupt geheiratet haben, ivaren also immer 22 Dienstmädchen. Das ist außerordentlich viel, und alle anderen Berufsklassen bleiben iveit hinter ihnen zuruck. So haben beispielsweise von den Schneiderinnen, die nach den Dienstmädchen die begehrtesten Ehefrauen sind, mir 30109, das sind 9 auf je 100, und von den Fabrikarbeiterinnen gar nur 18115, nämlich 5 auf je 100 geheiratet. Und noch weniger günstig sieht es im Heiratsregister um solche Mädchen aus, die ihren Dienst in der Häuslichkeit ailfqeqeben haben, um Aufwartestellen anzunehmen, denn von ihnen sind nur 9349, also 3 von je 100 zur Ehe begehrt worden. Ganz schlecht aber steht es um die Ber- käuserinnen, Maschinenschreiberinnen, wie überhaupt alle im Handelsgewerbe beschäftigten Mädchen, denn von ihnen heiratete durchschnittlich nur eine einzige von je 100; im Jahre 1906 belief sich ihre ganze Eheliste auf die bescheidene Zahl von 5258. * Der „Kü ssograp h". Der Feldzug gegen das Küssen, den einige ansteckungsängstliche Amerikaner vor kurzem begonnen haben, hat eine kluge Tochter des Britenvolkes, Miß Evans, zu einer seltsamen Erfindung angeregt; sie hat einen kleinen Apparat erfunden, einen „Küssograph", der nicht allein den Vorzug absoluter Ungefährlichkeit hat, sondern auch einen genauen Ueberblick über die Zahl der empfangenen Zärtlichkeiten ermöglicht. Ursprünglich bestand Miß Evans' Erfindung in einem einfachen Papiere; der oder die Liebkosungswillige feuchtet die Lippen mit etivas Oel an und küßt dann das Blatt, das die Geliebte ihm hin- hält. Der Abdruck konnte dann als liebe Erinnerung in die Sammlung eingegliedert werden. Allein dies Verfahren zeigte seine Mängel. r Es ist nicht immer angenehm, sich die Lippen einzuölen, und zudem hat das auf dem Papier haftende Fett die unangenehme Eigenschaft, sich auszubreiten; es blieb nicht immer ein genauer Abdruck der Lippen, sondern des öfteren ein unförmiger Fettfleck, der weniger an eine zarte Liebkosung erinnerte, sondern eher den Verdacht weckte, daß das Papier znm Einwickeln von Schinken benntzt worden war. Miß Evans empfand, daß dies Verfahren seine ästhetischen Schattenseiten hatte; aber sie ließ sich nicht entmutigen und ihrem Eifer ist es endlich gelungen, eine befriedigende Lösung zu finden. Soeben hat sie ihren „vervollkommneten Küssograph" patentieren lassen und die Händler von Kotillonscherzen bewerben sich eifrig um die Erfindung. Sie besteht aus einem anmutigen kleinen Album, in dessen einer Einbandseite ein kleines mit einer Art rosiger Tinte getränktes Kissen angebracht ist. Nachdem man mit den Lippen das Kissen leicht berührt hat, küßt man ein Albumblatt. Unter den rosigen Abdruck setzt man dann Unterschrift und Datum. So wird jeder Kuß registriert und gewissermaßen notariell beglaubigt. Die reizendeu Königinnen des Flirts aber haben so die langentbehrte Möglichkeit, jederzeit die Liebkosungen nachzuprüfen, die ihnen erwiesen werden. Literatur, Kriegsgeschichten („Hausbücherei", Band 24 — Novellenbuch Band 7). Verlag der Deutschen Dichter-Ge- dächtnis-Stiftuiig in Hamburg-Großborstcl. 177 Seiten. Preis gebunden 1 Mk. Kriegsgeschichten werden in tatenfrohen Zeiten, wie die unsrige Zeit eine ist, gern gelesen. Die Poesie des Krieges, die wir durch Detlev v. Sitten er on, der übrigens auch in diesem Buche vertreten ist, eigentlich erst entdeckt haben, ist die feierliche Schönheit, die überall entsteht, wo Menschen ihre äußerste körperliche, geistige und seelische Kraft restlos, mit Einsetzung des Lebens spie Kr lassen. Aus diesem Grunde wird die Lektüre künstlerisch wertvoller Kriegsgeschichten von allen arbeitsmutigen Menschen geschätzt. Das vorliegende neue „Hausbuch" der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung erfüllt alle Ansprüche, die an einen solchen, geistige Erfrischung bietenden Lesestoff gestellt werden können. Das erste Stück, von Karl B e y e r, schildert einen Kampf auf der zugefrorenen Ostsee um das Jahr 1400. Darauf folgt eilte anekdotische Erzählung Heinrich von Kleists vom Tage der Schlacht von Jena. Dann folgen nach einer Erzählung aus dem russischen Winterfeldzuge Napoleons von W. von Conradi) Schilderungen von Zeitgenossen und Mitstreitern der Kriegs- ereignisse von 1870/71. Es sind Max von La Roche (Todesritt), D e t l e v v o n L i l i e n c r o n (Portepeefähnrich Schadius) und Theodor Fontane (Drei Kriegsgesangene). Die Sprache ist immer, dem harten Stoffe angemessen, dramatisch knapp und eindringlich. Besonders ist dies der Fall bei Fontanes „Drei Kriegsgefangene". Er berichtet darin nach den Erzählungen von Unteroffizieren, die noch unter dem frischen Eindrücke der Ereignisse standen. Diese schlichten Berichte sind wie das ganze Buch eilte Darstellung des unbewußten Heldentums einfacher Menschen, und sie machen das Werkchen zu einem prächtigen Volks- und Jngendbuche, das doch zugleich auch den höchsten An- sprüchen viel zu bieten vermag. Für unsere Kinder. In g e n d b lä t te r, Illustriertes Jugend- und Familienblatt, herausgegebeii von K. Weitbrecht. 73. Jahrgang 1908, Januarheft. Verlag von I. F. Steinkopf in Stuttgart. — Vor uns liegt das Januarheft mit Kunstbei- lagen, vielen farbigen Bildern und einer Fülle von zuträglichem Lesestoff aus allen Wissensgebieten; so recht eine Lektüre, wie man sie für die Jugend wünschen kann. Aphorismen eines Zeitgenossen Shakespeares. Ans den Werken des englischen Dichters Thomas St)b (1568—1592). Ter achtet nicht des Rechts, wer je aiü Rache sinnt. * Tie schlimme Nachricht eilt schneller als die gute. * Wo Worte nicht herrschen, herrscht die Gewalt. * Tas Ende wird zur Krone jedem tüchtigen Werke. * Furcht oder Liebe gegenüber Königen ist Schmeichelei. * Dem größten Nebel seh'n wir keck in's Angh Doch unerwartet Leid trifft uns am schwersten. Wo es an Tüchtigkeit gebricht, muß Gold den Weg ebnen. Was ist die Schönheit als ein Liätgebild, Bald hingerafft von Alter und Gebrechlichkeit! Buchstabenrätsel. B. a. a. c. e. e. e. k. g. h. h. h. m. n. o. p, r. s. s. t. t. n. u. Aus vorslebenden Buchstaben sind folgende Wörter zu bilden- 1. Eine Besitzung. 2, Ein Zugtier. 8. Eine Kletterpflanze. 4. Eine Gewichtsbestimmung. 5. Eine Pflanze. 6. Ein Badeort. , Hat man die richtigen Namen gesunden, so ergeben die Amangs- bllchstaben einen Dichter und die Endbuchstaben dessen Hauptwerk. Karl Horch s eck Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Geographischen Rätsels in voriger Nnmmerr 1. Jordan. 2. Ursprung. 3. Nubien. 4. Guadalquivir. 5. Glarus» 6. Eiiel. 7. Waldaihöhe. 8, Odessa. 9. Hamburg. 10. Normandie» 11. Tanasee. 12. Akropolis. 13. Laurion. 14. Toskana» 15. Göppingen. 16. Euböa. 17. Taielberg, 18. Arulien. 19. Natal. I u n g gewohnt, A l t getan. Redaktion: P. Witt ko. — Rotationsdruck und Rerlaa der Brü bl'scheu Universitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.