M8 Nr. 180 B ZU i BK IfgSg^Trtäffn- Herr Lecoq. Ktziminal-Roman von E. Gaborkau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 33. Kapitel. WaS für eine Enttäuschung brachte dieses lakonische und dunkle Billett «acht der hochgespannten Erwartung, die die int Kabinett des Richters versammelten Personen beinahe außer Atem gehalten hatte. SegmüllerS Auge, das hoffnnngsfreudig anfgeleuchtet hatte, erlosch wieder, und Goquet kam auf seine frühere Meinung zurück, daß der Angeklagte vielleicht den Kopf aus der Schlinge ziehen würde. Mas für ein Unglück! sagte der Direktor, mit einer deutlich erkennbaren Beimischung von Ironie. Wie schade, daß so viel Mühe und bewunderungswürdiger Scharfsinn ganz vergebens auf- gewandt sind. LecoqS Zuversicht schien dagegen unerschütterlich zu sein; er maß den Direktor mit einem überlegenen Blick und sagte: Wirklich? Der Herr Direktor findet, ich habe meine Zeit verloren! Der Meinung bin ich nicht. Aus diesem kleinen Papier scheint mir recht deutlich hervorzugehen, daß wenn jemand sich Über die Persönlichkeit des Angeklagten getäuscht hat, jedenfalls Nicht ich dies gewesen bin! Zugegeben! Herr Gsvrol und ich haben nn§! durch den Augenschein täuschen lassen, frin Mensch ist unfehlbar. Aber sind Sie damit weiter gekommen? Aber gewiß, Herr Direktor! Da man jetzt weiß, wer der Angeklagte nicht ist, so wird man mir vielleicht helfen, zu ent- dccren, wer es ist, anstatt sich über mich lustig zu machen un» mir Steine in den Weg zu werfen. Der Ton des jungen Beamten, seine Auspiegelung auf die Schikanen, denen er begegnet Ivar, verletzten den Direktor, und er fühlte sich, gerade weil der Vorwurf berechtigt war, verpflichtet, den Untergebenen in seine Schranken zurückzuweiseu. Er sagte also kalt: Sie haben recht. Diese» Mai muß irgend eine bedeutende und bekannte Persönlichkeit sein. .Aber, mein lieber Herr Lecoq — denn es ist ein Aber dabei — tun Sie mir doch den Gefallen und erklären Sie mir, wie diese wichtige Persönlichkeit hat verschwinden können, ohne daß die Polizei Meldung davon empfangen hat. Ein Mann von hohem Range, wie Sie ihn in Mai sehen, hat für gewöhnlich eine Familie, Verwandte, Freunde, kurz, sehr ausgedehnte Beziehungen; und von all tue;en Leuten sollte niemand in den drei Wochen, seitdem Mai bei mir hinter Schloß und Riegel sitzt, einen Ton haben verlauten lassen? Gehen Sie mir doch Herr Lecoq, und gestehen Sie zu, daß Sie diesen Punkt nicht bedacht hatten! Der Direktor hatte den einzigen wunden Punkt des Anklage- systems berührt, und Lecoq war daher im Begriff, ihm eine scharfe Antwort zu geben; denn es ist menschlich, daß man gxrade Angriffe auf seine schwachen Stellen nicht vertragen kann. Aber Segmüllev kam ihm zuvor und sagte mit seiner ruhige«! Stimme: Alle diese Gegenbeschuldigungen führen uns zu nichts. ES wäre vernünftiger, wir berieten darüber:, wie wir uns den Vorfall zunutze machen können. Lecoq lächelte; sein Groll wckrt schnell verschwunden, und er sagte: Das Mittel dazu ist gefunden. Oh! Und es ist, Ivie ich glaube, unfehlbar, weil es so ungeheuer entfach ist. Es besteht darin, daß wir für dies Billett ein anderes unterschieben. Das ist ganz leicht, da ich den Schlüssel zum Briefwechsel habe. Ich brauche nur ein Exemplar von BsrangerÄ Gedichten zu kaufen. In dem Glauben, sich an seinen Komplizen zu wenden, wird Mai in aller Unschuld antworten. Aber bitte, unterbrach der Direktor ihn, auf welche Weise wird er ihnen denn antlvorten? Ja, da fragen Sie mich zu viel, Herr Direktor. Ich weiß, auf welche Art man ihm seine Briefe zukommen läßt, das ist schon etwas. Um das übrige herauszubnngen, werde ich beobachten, suchen, sehen. . . Goquet konnte ein beifälliges Nicken nicht unterdrücken. Hätte er zehn Franken zu riskieren gehabt, so hätte er sie auf Leoog gewettet.. Zunächst, fuhr der junge Beautte fort, werde ich diese Botschaft durch eine andere von meiner Mache ersetzen. Wenn morgen um die Zeit der Suppenverteilung Mai wieder sein Signallied anstimmt, wird der alte Absinth ihm das Ding zum Fenster hineinwerfen, während ich von meinem Lauerposten aus die Wirkung beobachten werde. Lecoq war so entzückt von seinem Plan, daß er sich erlaubte zu klingeln und dem eintretenden Gerichtsdiencr ein Zehnsoustück zu übergeben, nur ihm einen Bogen feinstes Seidenpapier zu kaufen. Sobald er dies Papier hatte — das in der Tat völlig dem des Zettels glich — setzte er sich au den Tisch des Sekretärs, nahm das Gedichtbuch zur Hand und begann seinen Brief zu schmieden, wobei er nach Möglichkeit die Form der von bent geheimnisvollen Korrespondenten geschriebenen Zahlen nachahmte. In zehn Minuten war er mit der Arbeit fertig. Um keine Unvorsichtigkeit zu begehen, hatte er die Ausdrücke des echten Brieses beiüehalten, aber dabei dessen Sinn genau in sein Gegew teil verkehrt. Er schrieb also: Ich habe ihr Ihren Willen ntitgeteitt. Sie ergibt sich nicht darein. Unsere Sicherheit ist also gefährdet. Wir erwarten Ihre Befehle. Ich zittere. Hierauf rollte er das Papier zusammen, knetete es in die Brotkrume hinein und sagte: Morgen werden wir was erfahren! Morgen! Die vierundzrvanzig Stunden, die ihn von dem entscheidenden Augenblick trennten, erschienen ihm wie ein Jahv» hundert. Nach einer schlaflosen Nacht sah er, sobald es hell wurde, den Gefangenen auf dem Fußende seines Bettes sitzen. Bald daraus fpraitg Mai Kur Erde und ging schwell in der Zelle auf und ab. Er war, gegen seine Gewohnheit, sehr aufgeregt, gestikulierte und stieß von Zeit zn Zeit den Ausruf aus: Was für ein Kreuz, lieber Gott! was für ein Kreuz! Gut! dachte Lecoq, du bist unruhig, mein Junge, weil du gestern dein tägliches Billett nicht erhalten hast. Geduld, Geduld! du wirst eins von meiner Art kriegen! Endlich schlug es elf Uhr, der Gefangene stimmte sein Lied an: Wie Mögen in seinem alten Rock, So sing ich froh und . . . Er kam nicht weiter; das leise Geräusch des auf die Sieiir- sliefen fallenden BrotkügelcheuI hatte ihn unterbrochen. Lecoq hatte den Kopf in feinem Loch und beobachtete mit angehaltenem Atem. Keine Bewegung, kein Mmperzucken des Mannes entging ihm. Mai hatte erst in die Luft gesehen, nach dem Fenster zu, dann rund um sich, als könnte er sich die Herkunft des Wurfgeschosses durchaus nicht erklären. Erst nach einer kleinen Weile entschloß er sich, es aufzuheben; er hielt e5 in der hohlen Hand und betrachtete es neugierig. Seine Züge drückte:! die höchste Ueberraschung aus. Bald indessen lächelte er, zuckte die Achseln, als wollte er sagen: „Bin ich aber dumm!" und brach mit einer schnellen Bewegung die Brotkrume auseinander. Beim Anblick des Wsanmrengerollten Papierchens machte er ein sehr uaHdenAiches Gesicht. Ah was! dachte Lecoq, ,.anz außer Fassung gebracht. Was sind denn das für Manieren? Der Angeklagte hatte das Billett aufgewllt und sah mit Mfammengezogenen Brauen auf die Reihenfolge von Zahlen, mit denen er anscheinend nichts anzufangen wußte. Aber plötzlich sprang er an seine Zellentür, führte mit aller Kraft einen Faust- schlag dagegen und ries: Hilfe! Wörter, Hilfe!! Ein Aufseher eilte herzu — Lecoq hörte seine Schritte im Korridor — und fragte durch den Türschalter: WaS wollen Sie? Ich will den Untersuchungsrichter sprechen. Gut! Er wird benachrichtigt werden. Wer bitte sofort, nicht wahr? Ich will Enthüllungen Machen. Ich werde gleich jemanden schicken. Lecoq hörte nicht mehr; er stürmte die steile Treppe von seinem Hängeboden herunter und eilte im Laufschritt nach Scg- jnüllers Kabinett. Was bedeutet denn das? dachte er. Sollten wir uns der Lösung des Rätsels nähern? So viel steht fest, mit einem solchen EntsllKuß des Angeklagten hätte mein Billett nichts zu tun. Er Konnte es nur mit Hilfe seines Buches entziffern, und er hat dieses nicht augerührt, also hat er es nicht gelesen. Segmüller »var nicht weniger überrascht als Lecoq und begab sich mit ihn» Esort nach Mais Zelle; im Korridor trafen sie den Direktor, r auf das Mvrt „Enthüllungen" hin ebenfalls sofort herbei- geeilt war. Er schob mit eigener Hand die Riegel zurück, und sie traten ein. Mai faß an seinem Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. Als er die Riegel klirren hörte, sprang er von seinem Stuhl auf, riß die Mütze vvm Kops und wartete in ehrerbietiger Haltung, bis man ihn anredete. Sie haben mich rufen lassen? fragte Segmüller. Ja, Herr Richter. Sie haben, wie sie sagen, Enthüllungen zu machen? Ich habe Ihnen Wichtiges mitzuieilcn. Gut; die anderen Herren werden sich zurückziehest Das lohnt sich nicht! rief Mai schnell. Ich bin es int Gegenteil sehr zufrieden, vor aller Welt zu sprechen. Also reden Sie. Mai ließ sich das wicht zweimal sagen. Sofort setzte er sich in Rednerpositur, wie er es wahrend der ganzen Untersuchung stets gemacht hatte, wenn er etwas längeres zu sagen hatte, und begann: • Ich muß vorausschicken, meine Herren, daß ich ein ganz ehrlich«: Mann bin. Der Beruf hat damit nichts zu tun, nicht wahr? Man Bann Lei einer Jahrmarktsbude . . . Oh, verschonen Sie uns bitte mit Ihren Betrachtungen. Ganz wie Sie wollen. Also dann in zwei Worten; hier ist ein kleines Papier, das mir in diesem Augenblick zugeworfen wurde. Es stehen Zahlen darauf, die jedenfalls irgend was bedeuten. Aber ich habe keine Ahnung davon. Er hielt dem Richter den Zettel hin und fügte hinzu: Es war in einem Kügelchen aus Brotkrume eingerollt. Die drei Herren waren von diesem unerwarteten Streich wie betäubt; aber Mai schien die Wirkung feiner Worte gar nicht 81t bemerken und fuhr fort: sJch nehme dir, der Betreffende, der mir deck Zettel Olg'e- warfen, hat sich int Fenster geirrt. Ich weiß wohl, es ist nicht schön, einen Gefängniskameraden anzuzeigen, es ist sogar niederträchtig, man riskiert, ihm dadurch Unannehmlichkeiten zu mache», aber man muß wohl vorsichtig sein, trenn man, wie ich, eines Mordes beschuldigt wird und vor der Gefahr einer viel größere» Unannehmlichkeit steht. , \ Ein Bewegung mit der Handschärfe Über seinen Hals ließ keinen Zweifel darüber, was er unter der „Unannehmlichkeit" verstaitd. Ich bin doch unschuldig, murmelte er. Der Richter hatte zuerst seine volle Selbstbeherrschung Ivieder- erlangt. Er sah Mai mit einem durchbohrenden Blick an und sagte langsam: Sie lügen! Der Zettel war für Sie bestimmt. Für mich! Dann bin ich ja der allergrößte Dummkopf, daß ich Sie rufen lasse, um es Ihnen zu übergeben. Für mich! Warum habe ich cs dann nicht behalten? Wer wußte, wer konnte wissen, daß ich es empfangen hatte! Dies alles wurde mit einem wuitderbaren Ausdruck von Ehrlichkeit vorgebracht, mit freier offener Stimme, mit Hellem Auge. Doch Segmüller erwiderte, unberührt davoit: Und trenn ich Ihnen beweise, daß Sie lügen? Wenn ich es Ihnen hier, gleich auf der Stelle bewiese? Donnerwetter, dann wären Sie ein großer Schlaumeier — oh, entschuldigen Sie, Herr Richter, ich wollte sagen . . . Aber es kam Segmüller nicht auf einen mehr oder treniger unpassenden Ausdruck an; er winkte Mai, zu schweigen, und! wandte sich an Lecoq: Bitte zeigen Sie dem Augeschuldigten, daß Sie deit Schlüssel seiner Korrrstwndenz entdeckt haben. Plötzlich veränderte sich der Gesichtsansdruck des Gefangenen, und er sagte mit dumpfer Stimme: Aha! dieser Kriminalbeamte hat das gefunden; derselbe Be? mntf, der behauptet, ich sei ein großer Herr . . . Er maß Lecoq verächtlich von oben bis unten und fuhr forft Wenn cs so ist, dann ist ja meine Sackte in Ordnung. Wenn die Polizei einen Menschen absolut zum Schuldigen stempelst will, so beweist sie, daß er schuldig ist — das ist ’ne bekannteSache.- Und trenn ein Gefangener keine Zettel bekommt, so treiß eist Beamter, der gerne befördert werden möchte, ihm’ welche zu- zustellen. Lecoq war wütend, aber er nahm sich aus einen Wmk des! Richters zusammen, nahm das Gedichtbuch vour Tisch und zeigte dem Augeschuldigten, daß jeder Zahl des Billetts ein Wort der bezeichneten Seite entspräche, und daß alle diese Worte kittest vollkommenen Sinn enthielten. Selbst dies niederschmetternde Zeugnis schien aber Mai nicht in Verlegenheit zu setzen. Nachdem ev die Geheimschrift bewundert hatte, wie ein Kind von einem neuen Spielzeug entzückt wird, erklärte er, nur die Polizei könnte sich so wundervolle Sackest ausdenketi. Was sollte man einer solchen Verstocktheit gegenüber machen? Segmüller gab jeden .Versuch auf und zog sich mit seinen Begleitern zurück. Bis zum Kabinett des Direktors, wohin sie sich begaben, sprach er fein Wort; aber er ließ sich in einen Sessel sinken und sagte: Wir müssen uns für geschlagen erklären. Der Mann wir» bleiben was ex ist: «in Rätsel. (Fortsetzung folgt.) Eine zeitgenössische Nachricht von unserer Lander- Aniversität. Von Köhler- Langsdorf. Ist einem alten Chronik-Buche, dem die 114 ersten Seitest samt dem Titelblatte fehlen, von dem die Seiten 115—750 noch vorhanden sind, und dem eine Fortsetzung angehängt ,st unter dem Titel „GottfriedSchultzens Nen-augirten Chronrcken Continuatio. Lübeck, bei August-Johann Beckern — Im Jahr 1660", finde ich folgende bemerkenswerte zeitgenöisische Nachrrcht: Anno Christi 1650 — Seite 606 und 607. (Giessen) Nachdem Ihre Fürstl Gn der Herr Landgraff zu Hessen / dero bißher snspendirt gewesene Universität zu Giessen restauriren zu lassest sich entschlossen / als kamen anff Dero gnädige Verordnung Ihre beyde geliebte Herren Söhne / Herr Ludewig und Herr Georg der Jüngere / Gebrüdere / Landgrafen zu Hessen / und in deroselben Comitat, Herr Graff Georg Ernst zu Erbach / wre auch hoÜMineldtes Herren Landgraff Georgens zu Hessen Fürstl. Gnaden Vice-Stadthalter und Cantzler zu Darmstadt / dann ferner verschiedene Adeliche / und andere Bediente zu Giessen an / wre seelbst Jh. Ihr. Fürstl. Fürstl. Gn. Gn. in Gegenwart des Herren Professorum und Stndiosorum von dem Cantzler allda / 719 1. Eskimo-Ethik. „In vielen Dingen sind wir den Eskimos überlegen, «Her es gibt einige wenige, in denen wir hinter ihnen zurückstehen." Diesen seinen Leitsatz erläutert Vilhjalmr .Etefansson in einem inhaltsreichen Aufsatz über das häusliche Leben der Eskimos, den er in Harpers Magazine veröffentlicht. Stefansson hat dreizehn Monate in enger Gemeinschaft mit den Bewohnern der Polargegend verbracht Und hat mit ihrem Häuptling Ovayuak einen engen Freundschaftsbund geschlossen. Die Ueberlegenheit des Eskimos in Dingen der materiellen Kultur ist freilich gering. Er Aann Kleider verfertigen, die besser gegen Kälte schützen als I tolle Mäntel und Pelze unserer Schneider, er kann in eisigen Wüsten leben, wo jeder Europäer verhungern würde. Doch wichtiger sind seine moralischen Vorzüge. Er ist weniger egoistisch und hilfreicher zu seinen Genossen, freundlicher | zu seiner Frau, gütiger zu seinen Kindern, milder gegen die Fehler seines Nächsten als die meisten Kulturmenschen unserer Zonen, er ist von einer vorbildlichen Gastfreundlichkeit, und der Verfasser rechnet den in winterlicher Kälte und Dunkelheit unter ihnen verbrachten Muter zu den angenehmsten seines Lebens. Aeusterlich ruhig und mit Würde empfängt der Eskimo seinen Gast, ein Schütteln der Hände oder andere europäische Begrüßungszeichen kennt er nicht, aber von seinem Wesen strahlt Freundlichkeit und Heiterkeit aus; mit hilfreichem Anteil nimmt er den Frem- den auf, der ihn in der grenzenlosen Einsamkeit seines Lebens besucht, und dem alten Freunde, der zu ihm kommt, wendet er sich mit stürmisch herzlicher Liebe zu. Und nach der ersten halben Stunde schon, nach einer kurzen, einsilbigen Unterhaltung, fühlt sich der Gast zu Hause in dem engen Raum mitten unter den hohen Haufen aufgestapelten Fischvorrates. Mit gutmütigem Lächeln und höflicher Achtung wird jede Bemerkung des Neuangekommenen anerkannt, und er fühlt sich aufgenommen in den Kreis dieser harmlos lustigen Menschen. Wenige Völker sind wohl so sangeslustig und saugesfreudig wie die Eskimos. Uns erscheint zwar ihre Musik nur als ein monotoner Singsang, aber sie haben mehr Freude daran als wir an unseren Sinfonien. Am Abend nach getaner Arbeit sitzen sie so traulich zusammen, jeder mit gekreuzten Beinen iet reichen Erfahrung allerlei Interessantes zn berichten wech her' Hauptsache- beschäftigt sich otc Menioirenschreiberiu mü den Geschehnissen der englischen Politik, doch fallt daneben auch manch interessantes Streiflicht auf das Leben und Treiben der wn 'm n taleu Machtgewaltigen, die Lady Curchill aus nächst ds?LebenN. beobachten Gelegenheit hat c So ckM bt stc über xewgg gewvbnbeitW der hohen russischen Gesellschaft. „Tie NUgen ,i 720 gemeinhin Wer Gebühr gefräßig und kennen im Esfrü ttnb Trinken weder Maß twch Ziel. Ms wir eines Abends in Gatschina ein- tvasen, war der Oberst des Gardeelite-Regiments, dem der persönliche Schutz des Zaven anvertraut war, so schwer betrunken, daß et bei der Vorstellung zu Boden stürzte. Man hob ihn auf, ohne daß die Umgebung dem Verfall sonderliche Bedeutung berzulegrn schien. Welch ein Unterschied von der strengen Etikette, btc an der Tafel der Königin Viktoria von England herrschte. Hier unterhielt man sich Wechaupt nur im Flüsterton, und wenn die Königin sprach, verstummte jeder Laut. Dieses Getuschel fiel einem jungen, zum Frühstück befohlenen Offizier crnes Tages so aus die Nerven, daß er sich für die Langeweile durch das Er- zahlen voir Witzen, die er seiner nächsten Umgebutrg ins Ohr kannte, Ku entschädigen suchte. Die Königin, dlirch das schlecht imteiLrückte Kichern der Tischnachbarn des MtzboldeZ anfmerflam gewacht, erkuirdigte sich nach dem Grunde der auffälligen Heiterkeit. Purpurrot und vor Verlegenheit stotternd, tonnte der junge Offizier nichts Besseres zu tun, als seine Witze unter dem eisige,t Schtveigen der Tischgesellschaft zu wiederholeil. Die Königin strafte den Kecken mit einem strengen Blick und drückte ihr Mißfallen durch ein heftiges „Das ist keine Unterhaltung I" aus." Lady Randslph weiß fast von allen Fürsten und Staatsmännern der vergangenen Generation, mit denen sie ihre Lebensstellung und jbre Reisen zusammengeführt, etwas zu erzählen. Mitteilenswert ist besonders der Eindruck, den sie von dem Zusammentreffen mit dem König Milan von Serbien gewonnen hat. „Er war ohne Kveiftl einer der rohesten Menschen, denen ich 'begegnet bin," läßt sich die Memvivenschreiberin vernehmen. ,,Klein, plump mti) dick, mit Haaren, die einem Tintenwischer glichen, hatte er sich nur das Wenige von Bildung ungeeignet, was seiner natür- Lchen Intelligenz zugänglich und assimilierbar gewesen. Daber war er aber als Mensch eine liebenswürdige Natur. Ich erinnere mich, daß er eines Tages bei einem Frühstück int intimen Kreis aufgefordert wurde, von dem Leben, das er vor der Besteigung des serbischen Fürstenthrvnes geführt, zu erzählen. Bis zu jener Leit tva» er barfuß und in zerlumpten Kleidern herumgelanstn und Wt die primitive Existenz eines Berghirten geführt, der oft nichts zu essen hat und in irgendeiner Höhle sein Nachtlager findet.' Beim Erzählen dieser Jugenderinnerungen war der König so in Eifer geraten, daß er seine Würde völlig vergaß und mit den Händen zu essen begann." * Rousseau-Reliquien. Kürzlich ist ick Ermenon- Ville, dem idyllischen Oertchen, in dem Rousseau für die letzte Zeit seines Lebens Ruhe gefunden und seine Seele ausgehaucht hat, ein Denkmal enthüllt worden. Dec Enkel des einstigen Besitzers des Schlosses von Ermenonville, der einst den Dichter der neuen Heloise bei sich ausgenommen, der Graf de Girardin, hat seinen ganzen Besitz dem Kulte des Dichters geweiht, so daß das Denkmal nur das sichtbare Zeichen einer seit langem gepflegten Verehrung und Erinnerung ist. So hat der Graf auch das Zimmer, in dem Rousseau gelebt, zu einem Heinen Museum umgestaltet und Büsten, Porträts, Gemälde und andere Dinge, die zu dem großen Bürger von Genf in einer gewissen Beziehung stehen, zusammengebracht. Da findet man den Fauteuil, in dem Rousseau starb, einen seiner Hemdenkragen, seinen Stock und sein Tintenfaß. Auch eine Reihe wertvoller Papiere und Manuskripte ist hier zusammengebracht. Ein anderes Rousseau-Museum ist 1906 im Pavillon der Mairie von Ermenonville eröffnet worden. Darin befinden sich die Möbel, die Rousseau während seines Aufenthaltes bei Mmc. d'Epinay benutzte, der Schreibtisch, auf dem Emile und die Neue Heloise geschrieben wurden und an dem dann später Robespierre einige seiner Reden ausarbeitete, das Bett, und die Kommode aus seinem Schlafzimmer, sein. Barometer, eine Uhr und die Glaskugeln, die ihm stärkere Helligkeit verschafften, wenn er abends bei der Lampe las. Es ist nicht leicht gewesen, diese Reliquien zusammenznkriegen, denn mit dem Eigentum des großen Mannes wurde gar bald nach seinem Tode ein schwunghaftes Handeln getrieben, und etwa 130 Exemplare des „letzten Stocks, den Rousseau getragen", sind an seinem Grab in Ermenonville verkauft worden. Wie weit die Verehrung, der Reliquien Rousseaus ging, das beweist am besten die Geschichte seiiier Holzpantoffeln, die in einem französischen Blatte erzählt wird. Diese Holzpantoffeln soll sich Rousseau, getreu feiner Devise „Zurück zur Natur" selbst gemacht haben, und er hat sie bis zu seinem Tode getragen. Ein Bürger von Ermenon- ville, Giard, sicherte sich nach dem Tode des großen Mannes diese kostbare Reliquie und ließ sich ihre Echtheit von dem Maire und einer ganzen Reihe von Zeugen bestätigen. Als der alte Giard starb, entbrannte zwischen den beiden Linien seiner Familie eilt erbitterter Kampf um die merkwürdigen Pantoffeln, und aus Grund eines Salomonischen Urteils bekam schließlich jede der beiden Parteien — einen von dem Paar. Aber, was ist bei einem historischen Pantoffelpaar ein einziger? Nur vereint haben sie ihren Wert und deshalb war es das Bestreben eines Enkels des alten Giards, beide wieder in seinen Händen zu vereinigen. Es gelang ihm auch, und wieder waren die Schuhe vereint. Doch in welch einem Zustand! Sie waren durch hundert Jahre Gegenstand der Verehrung gewesen; enthusiastische Verehrer Rousseaus hatten in das Holz Namen und Sprüche geschnitten; von denk Leder waren große Stücke verschwunden und zu neuen Reliquien gemacht worden; überall zeigten tiefe schwere Wunden und Nisse die allzugroße Verehrung, unter der sie gelitten und schließlich erkannte man kaum noch, daß es Rousseaus Pantosfeln gewesen. . . . * Wie e8 in indischert Gefängnissen aussieht. In den indischen Gefängnissen herrscht ein ganz eigentümliches! Vewachuugssystem, tvelches von dem in Europa üblichen wesentlich abweicht. Man hat es sich dort nämlich zum Prinzip gemacht, sozusagen den Bock zum Gärtner zu setzen, läßt Gefangen« durch Gefangene bewachen und hat trotzdem hiermit keineswegs schlechte Erfahrungen gemaeht. Zu Gefängniswärtern werden allerdings nur diejenigen Sträflinge bestallt, welche zu der sogenanntes A>Klasse gehören. Es sind diejenigen, welche sich am besten geführt haben. Auch dürfen sie nur des Nachts ihr Wachamt aus üben, am Tage unterstehen sie bett ordentlichen Wächtern, wie die anderen Sträflinge auch. Die Gefangenen schlafen in großen Sälen, das Einzelzellenwesen ist unbekannt. Der Aufseher-Sträfling genießt verschiedene Vorteile. Erstens einmal wird er für seine. Tätigkeit bezahlt, zweitens wird ihm weder Haupt- noch Barthaar geschnitten, wenn er dieses nicht ausdrücklich Ivünflht. Er erhält Anzüge, welche von denen der anderen Sträflinge durch besonderen Stoff und eleganteren Schnitt sich unterscheiden, darf Besuche von Freunden erhalten, Briefe empfanget und erwidern, kurzum er erfreut sich eines leidlichen Daseins. Eine seiner Hanptpflichien besteht darin, die Sträflinge daraufhin zu beaufsichtigen, daß sie keine ihnen verbotenen Gegenstände zugesteckt erhalten. Und daS fällt einem in alle Tricks dev Gannerwelt eingeführten Manne naturgemäß leichter, wir den ordentlichen Aufsehern. In seinem Buche über indisches! Gefäuginswesen schildert ein gewisser Mister Adam, wie die Sträflinge es verstehen, allerlei vor den Augen ihrer Wärter zu verbergen, was ihnen als begehrenswert und notwendig erscheint t Opium, Tabak, Geld, Würfel und manches andere mehr. Jit ganz besonders geschickter Meise verstehen sie es, das Geld beit spähenden Augen der Wärter zu verbergen. Eine, größere Geld- münze wird an einem Zwirnsfaden befestigt, dessen anderes End« der Sträfling zwischen den Zähnen hält. Nun praktiziert er die Münze in seinen Hals, in welchem er das Geldstück so lange, öfters monatelang, trägt, bis sich eine Höhlung gebildet hat, welch;« groß genug ist, um eine ganze Anzahl Geldstücke darin aufzuneh- nteit. Wenn man bett Hals nicht direkt mit Röntgenstrahlen untersucht, so ist es ganz unmöglich, der Sache auf die Spur z« kommen. Daß diese Methode, aus feinem Hals ein Portemonnaie zu machen, nicht ganz gefahrlos ist, dürfte wohl selbstverständlich sein. Das indische Gefängnis von Port Mair hat mit der französischen Strafkolonie von Neu Caledonieik und de« sibirischen Gefängnissen insofern etwas gemeinsames, als matt den Sträflingen, welche sich gut führen, die Erlaubnis erteilt, sich unter den weiblichen Strafgefangenen eine Ehegattin zu erkiesen. Aeußert ein Sträfling den Wunsch zu heiraten, so werden! ihm die Damen der anderen Abteilung vorgeführt, er mustert sie, trifft seine Wahl und wenn die Strafgefangene gegen diese nichts eiiWtwenden hat, so werden die Beiden getraut. Es wird ihnen sodann gestattet, eine gemeinsame Zelle zu beziehen und HanS zu halten. Wenn sie sich auch weiterhin gut führen, werde« fiel rmgefiebert und die meisten eingeborenen Strafgefangene^ äußern sogar den Wunsch, auch nach Ablauf ihrer Strafzeit bie Scholle weiter bewohnen und bearbeiten zu dürfen, welche ihnen ursprünglich Angewiesen worden ist. Auch ist es schon vorgekommen, daß Strafgefangene, die während der Dauer ihrer Strafzeit angesiedelt wurden, nach Ablauf derselben den Ort verließen, unr bald darauf wieder nach Port Blair zurückzukehren, wo sie ein beschaulicheres und sorgenloseres Leben zu fiihren in der Lag« sind, wie draußen in der großen Welt, der sie schon völlig entwöhnt waren. * Betr ach t u n g. Zofe: „O dies« Männer! . . . Mich! hat der Assessor immer geküßt — und mit meinem gnädigen Fräulein hat er sich verlobt!" A. d. „Megg. Blätt.". * Raffiniert. Rechtsanwalt: . . Warum wollen Sia Gütertrennung beantragen? Sie haben doch nichts und Ihre Frau hat ebensowenig!" —- „Stimmt — aber bann schaut's doch so aus, als hätten wir was!" Aus den „Fliegenden". Rätsel. Bestie — Bundesrat — Denar — Despot — England — Gebot — Glückskind — Istrien — Weide — Wiedenbrück. Die vorstehenden Wörter sind derart zu ordnen, daß die An« sanqsstlben hintereinander gelesen ein Zitat ans Goethe's „Iphigenie* ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nuuuner: Suppe — Eber — Nachen — Eier — Karbe — Eid — Leder — Dachs — Elin -- Siegen — Pudel — Ring — Ader — Geige; ©enefelber, Prag. Redaktion: E- Anderson. — IHotatumßörud und Verlag bei Brühl'schev UntversuälS - Buch- und Stemdruckerei. N. Lange, Gießet».