M8 0 nf m sHMNUMUNMä Der Dorfkönig. Roman von Karl Böttcher--Chemnitz. (Nachdruck" verboten.) (Fortsetzung.) So kroch sie allein in der Mühle und int Gute umher. Sie patschte durchs' Wasser und legte sich auf das Inselchen, doch das war nicht so wie früher, es fehlte jemand. Sie wollte nach ihm fragen, aber sie genierte sich. Endlich, am dritten oder vierten Tage erwischte sie den Ober- Müllcr allein. „Wo steckt Herald?" „Wer?" „Herald Emmrich, der Müllerbursche." „Ach der--! Der ist uns im vorigen Muter bei Nacht Und Nebel davongelaufen. — Nicht schade um den." Da schlich sie davon, Mit hängendem Köpfchen und trüben Augen. „Schade um den," dachte sie. Sie hatte keine Freude mehr am Mühlwinkel. — Ja, wenn Ernst von Horbach tut wenigsten mit dagewesen, der hätte ihr Kurzweil geschasst mit seinen Schiturren und — seinen Küssen. Am Abend bat sie den Vater, mit Beate nach Altengrün fahren zu dürfen. r .. _ Da dem Alten daran gelegen war, dem vornehmen Gaste seinen gesamten Besitz sehen zu lassen, hatte er nichts einzuwenden. AM andern Morgen fuhren die beiden Mädchen unter Merlins Führung in der neuen Chaise nach Altengrün. Es war eine lange Fahrt und Merlin ein kundiger Führer. Er wußte, wo die Fluren Altengrüns begannen und fast eine Stunde fuhren sie durch Guttermannschen Besitz. „Gott — müßt Ihr reich sein!" sagte Beate. „Die Leute sprechen cs; ich habe noch nichts davon gemerkt. Die Feldarbeiter zogen höflich ihre Kappe beim Nahen des Wägens. t t Von Zeit zu Zeit fragte Erika einen oder den anderen: „Wem gehören die Felder?" und immer die Antwort: „Dem jungen Dorskönig." .. ... Das machte Beate Spaß. Aber Erika wurde ernst. Sie phnte, der Name, der für den Vater ein Schimpf sein sollte, bedeutete hier für den Bruder einen Ehrentitel. Gerade zu Mittag fuhren sie im Herrengut ein. „ Vor dem einfachen, niedrigen Herrenhaus' war eine mächtige Rampe aufgeführt worden mit zweiseitiger Zufahrt. ; Hugo und Irene begrüßten freudig die Schwester und H-raulem von Horbach. . Hinter der Haustür stand noch lemand mit bebenden Lippen und feuchten Augen, von den Gästen unbemerkt. Merlin war abgestiegen und reichte dem Pferde ein Stuck Zucker. Da überkam ihn ein Zittern, der Zucker fiel zur Erde, und Mit zwei, drei großen Schritten war Merlin im Flur. Hugo nahm seine Gäste sogleich mit in den Garten, wahrend Irene eilte, für Mittag zu sorgen. , Gegen Abend fuhr Merlin allein nach Muhlwtnkel zurück. Vorher trat er in Hugos Arbeitsstube. „Wollen Sie fort, Merlin?" „Jawohl, — aber nicht, bevor ich Ihnen von ganzeNi Herzest gedankt habe. — Wenn das Segen bringt, daß jemand eilten’ Vater glücklich macht, Herr Guttermann, dann muß viel Sagest auf Sie herabkonnnen." „Ich kann ihn brauchen, Merlin: ich kann ihn brauchen", sagte Hugo ernst. „Aber eins bitte ich: Im' Mühlwinkel darf niemand davon erfahren." , „Ich weiß, ich weiß, Herr Guttermann! Gott, wie sich das Mädel streut, sie ist so glücklich!" „Und ich nicht weniger; nun fahren Sie mit Gott. Bestellen Sie auch einen Gruß zu Hause." Hugo ging in die Schreibstube, die neben seinem' Zimmer lach Dort arbeitete Magda. „ „Magda — dein Vater will fort." Das iMdchen huschte herein, und Hugo verließ das ZimMcr. Vater und Tochter waren etliche Minuten allein. „Sieh mich an, Kind!" Magda schlug ihre großen Augen offen auf zu ihrem’ Vater, Die waren blank und rein. „Wir sind einfache Leute; Kind, vergiß das mcht. — Da? einzige, was wir haben, ist unsere Ehre. Die laß dir nicht be-, flecken!" „ „Vater — uns bindet reine Liebe und Hugo ..... „Ich weiß, ich lveiß — aber er ist ein Guttermann. • > „Sei unbesorgt, Vater." „Du versprichst es Mir?" „Ich verspreche cs, Vater!" Mit stolzem Herzen verließ Merlin das Haus. Hugo Guttermann trat in das kleine Schreibstubchen, wq Magda schon lvieder über den Büchern saß. Er zog sie an sich. „Meine Magda!" _ ..., In ihren Augen lag feuchter, tiefer Glanz U!ld eine stumme Bitte. — Und Hugo vermochte sie zu lesen. „Du bist jetzt meine Schwester, Magda! sagte er. Ctn rührend dankbares Lächeln verklärte ihr Antlitz. — — Oben am Bergesrücken hatte sich Hugo ein kleines Hau.chen mit spitzent Türmchen bauen lassen. Bloß ein Zimmer war darm. Dort saßen am Abend die Geschwister. Beate hatte Kops-, weh und sich entschuldigen lassen. „Eigentlich müßten wir vier sein, jagte >;reue. Und Hugo: „Das Schicksal hat es ander-? gewollt. „Das Schicksal ist der Krieg," sagte Erika, „Wie meinst du das?" „ „Für Otto war er's und für mich wird er c» werden. "Für dich? — Wir verstehen nicht." . Und nun erzählte die jüngste Guttermann — erst ängstlich, dann lebhafter — von Ernst von Horbach und ihrer lungen Liebe. Äu mein ft/ — bu bift iljin mitt lief) Zui ? freiste Jouß-o. "Ich kann mir wenigstens nicht denken, wie Liebe anders sein soll." , „Und ob er deiner wert ist, Erika?" . „Er ist ein mutiger Kriegsmann gewesen, und er ist eist Horbach." 578 „Der! Name birgt für nichts, Erika. Wollte man ititS nach »Inserent Namen beurteilen, wir hätten wenig Recht auf Achtung !" Da fuhr die Kleine auf: „Hugo — gilt der Name Guttermamt so wenig?! — Wir, die Reichsten im Lande!" — Er beugte sich vor und sagte dumpf: „Leider sind wir die Reichsten int Lande. Aber wie der Reichtum zusammengekommcn ist ! — Erika, das ist alles Sündengeld!" Erika prallte zurück. „Wenn das so ist — o pfui, keinen Pfennig mehr rühr ich an. — Runter mit dem Sündenzeug!" Sie riß die goldene llhrkette ab und warf sie in heiliger Entrüstung zu Boden, ebenso Armband und Halskette. Sie fiel in sich zusamNtcn und schluchzte herzbrechend. „Mar blas' nötig?" fragte schüchtern Irene ihren Bruder. „Das mußte sein, um djeinet- und meinet- und ihretwillen. Der falsche Stolz inußte gebrochen werden und auf seinen Trüminern nur kann echter, eigener Stolz errichtet werden." Bis nm Mitternacht saßen die Geschwister beisammen. Erika erfuhr alles: Von ihrer Mutter Herkunft, von des Batcrs Betrügereien und Wucher, von seiner Habsucht und seinem' Geize, von Magdas Dasein in Altengrün, von Hugos Liebe zu Magda und von Irenes Verlöbnis mit Baumeister Hennig. Und wie es'auf bem1 Kirchlein in Altengrün Mitternacht schlug, da war sie gegründet, die Tripelallianz, und die zwei Schwestern gingen, den Bruder in der Mitte, herab vom! Spitzhaus ins Herrengut. Aut Morgen beim Käffee auf dem Man sagte Hugo Gutter- iuänn zu Beate: „Erika hat uns gestern abend viel von Ihrem Herrn Bruder erzählt. In 14 Tagen geht die Hirschjagd auf; wenn er Lust hat und ihnt unsern Altengrün nicht zu entlegen ist, könnte er ja ein paar Tage bei uns verleben." Ein dankbarer Blick aus Erikas Augen lohnte Hugo für diese Aufforderung. Sie übernahm selbst die Einladung. Eine Woche später traf Ernst von Horbach ein. Erika und Beate holten ihn vom Bahnhof ab. Da der Wagen des Herrengutes bloß einen Fond, aber keinen Rücksitz hatte, mußten die beiden Da'm'en und der Leutnant zusammen ans einem Sitze Platz nehmen. Trotz der Hitze und trotz der Enge ließ der junge Offizier, seinen HuMor sprühen. Auf der Rampe des Herrenhauses empfingen Hugo und Irene den Gast. Irene hielt sich sehr reserviert und beobachtete heimlich Ernst Von Horbach. Sie konnte sich nicht verhehlen, daß er ihr keinen ganz günstigen Eindruck Mächte. Das Ueberlaute, die Sucht, jede Situation auszunützen und zu beherrschen, um' mit seinem Geiste brillieren zu können, mißfiel ihr. Sein ganzes Wesen kam ihr yekünstelt, unecht vop. Hugo dagegen war schnell mit ihm befreundet. Seine für feine 20 Jahre fast zu ernste und zu ausgereifte Natur lebte auf in Horbachs lauter Gesellschaft. — Des Leutnants Kriegst- dekoration und seine Erzählungen aus dem Feldzuge imponierten ihm; — ihm, der doch für sein Leben gern als Kriegsfreiwilliger Mit hinausgezogen Ware gegen den Erbfeind. AM Mendso.es ersten Juli gingen sie auf den Aicktand. Lcut- stänt von Horbach in seinem' neuen Jagdkostüm sah ganz schmuck Nus, während Hugo in hohen Stiefeln und der grauen Joppe sich Wie ein Verwalter ausnahm!. Sie gingen die Lehne hinauf, amt Spitzhause vorbei und postierten sich dann gegen den Wind am Waldrande. Die Dämmc- WNg kletterte von den Bergen ins Tal, und die Nebel hingen in einzelnen Fetzen am Mrtzsattel. Vorsichtig stieg ein kapitaler Bock am' Wäldsaum entlang. Hugo konnte durch fein' Glas deutlich sehen, wie die Nase witternd sibrierte. Dem' Wild schien es nicht geheuer. Minutenlang stand es nie aus Stein gemeißelt und sog die Luft ein, dann trat es Schritt für Schritt, den Kopf immer wieder hebend und den Wind prüfend, in den Klee. Hugo wollte seinen! Gaste den ersten Schuß lassen. Ernst von Horbach zielte lange — und setzte ab. — Er zielte wieder — Hugo wurde unruhig. „Ich kann nicht," flüsterte Horbach. Da hob Hugo blitzschnell die Büchse und drückte ab. Int selben Augenblick hatte der Bock eine Wendung gemacht. Mit dem Verrollen des Donners sprang auch der Böck davon, nicht gepade übermäßig eilig. Aergerlich wandte sich Hugo. Sie schritten äM Wäldsaum hin. „Warum' in aller Welt schossen Sie nicht, Herr Leutnant?" „Ich konnte nicht, mir zitterten alle Glieder.". „Jägdfieber?" >,J wo! Ich dachte an etwas." ! Sie ständen gerade aut Spitzhäus. Wortlos schloß Hugo auf und machte Licht. Dann nahm er aus einem kleinen Wandschrank Kognak und Zigarren. „Womit dachten Sie?" fragte Hugo, während sich die beiden Herren setzten. „Ich dachte an — Erika!" „Sie lieben meine Schwester?" „Mehr als ich sagen kann." „Erika ist iwch ein Kind, noch nicht siebzehn." „Ich weiß. — Möchte sie immer dies kindliche Herz behalten." „Sie sind Offizier, —■ Sie sind, verzeihen Sie, ein Lebemann. Erika ist ein Madel von einfachster bürgerlicher Erziehung. Glauben Sie, daß diese Ehe einen guten Faden, geben wird?" „Davon bin ich überzeugt, denn ich liebe Erika." „Und sie?" „Sie liebt mich wieder. Das weiß ich, das fühle ich mit jedem Wort, mit jedem Blick, den sie mir gönnt. Und noch eins: Ich bin kein Mitgiftjager. Auf mein Wort versichere ich Sie, ich liebte Erika, ehe ich von ihren Verhältnissen wußte." „Ich muß das glauben. — Aber Ihre Verhältnisse?" „Ich habe später einmal vielleicht ein kleines Vermögen zu erwarten. Doch damit kann ich nicht rechnen. Meine Eltern sind noch jung und machen ein großes Haus. Das Kommißvermögen zum mindesten müßte ich haben." „Und noch etwas dazu?" fragte Hugo lächelnd. „Da darf ich mir also Hoffnung machen?" Hugo stand auf und reichte ihm die Hand. „Sie sind mir als Schwager willkommen, ob meinem Vater als Schwiegersohn, das kann ich natürlich nicht sagen. Mein Vater ist ein Hausdespot erster Güte, er tut nur, was nach seinem! Millen ist, jede Beeinflussung ist ausgeschlossen." „So raten Sie mir, Herr Guttermann! Soll ich schon morgen hin und um Erikas Hand anhalten?" „Das würde ich nicht tun. Zunächst, wie lange haben Sie Urlaub?" „Vorläufig drei Wochen. Der ließe sich aber leicht verdoppeln." „So bleiben Sie hiev in Altengrün. Im täglichen Verkehr mit Erika treten Sie kW näher. Sind Sie dann immer noch gewillt, meine Schwester zu Ihrer Lebensgefährtin zu erküren, so halten Sie am 1. November bei unserem Vater uml ihre Hand an." „Warum gerade am 1. November?" „Weit da Erika 17 Jahre wird." „Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, Herr Guttermann." Langsam und schweigend stiegen sie vom Spitzhaus nieder ins Tal. Es war finstere Nacht. Bon fern her ertönte das Bellen! eines Hundes und im weiten Umkreise antworteten die Dorfköter. Der Weg führte an der Rückseite der großen Stallungen vorüber. Durch die schmalen Fenster zwängten sich trauliche! Laute: Dumpfes, wohliges Brummen der Siutmentaler und scheues Kettenklirren. „Das ist reine Dorfnacht," sagte Horbach. Hugo Guttermann nickte nur. Auf feinem Gesichte lagerte breite Zufriedenheit. 13. Käpitel. Wieder !var es Silvester. Wieder trug der Wind von den' Höhen herab tausendfaches KNattern und Krachen. Doch iM Mahlwinkel schaute es jetzt etwas anders aus als vor zwei Jahren; im' Gesindehaus wie im Herrschaftsgebäude. Der alte Elan hockte hinter dem Ofen in einem riesigen Lehnstuhl. Der war alt und wacklig wie sein Insasse. Stroh quoll zu beiden Seiten aus den Weichen. „Tas bringt kein gutes Ende, — das nicht!" mürnielte Elan vor sich hin. „Nnn verkuppelt er sein Kind, fein jüngstes, an diese adlige Sippe." Die Müllerburschen und Mägde horchten hoch auf. Sie verwunderten sich über den Lichtblick in Elans Leben. Seit Jahr und Tag hatte ev nur von Waterloo und Blücher gesprochen/ und jetzt auf einmal war er so orientiert über die Ereignisse im Herrenhaus. „Schweig, Alter!" rief der Obermüller. Elan duckte sich in seinen Pful. Er schwieg'. Drüben iirt Herrenhause waren alle Fenster erleuchtet. Oberst von Horbach stand am! Tisch, aufrecht und trotzig. Ein rechter Kriegsmüim. .Er hob sein Glas und brachte es der Familie Guttermamt. Ernst von Horbach hatte Erikas Hand erfaßt. Hugo stieß mit seiner Schwester Irene an, und beide sähest sich tief in die Augen. (Fortsetzung folgt.) — b 79 Das Gemeindebad. Das Dorf N. liegt auf einem Hügel und ist auf drei Seiten von Obstbäumen umgeben. Am Fuße des Hügels dehnt sich lang, aber in mäßiger Breite ein Wieseugrund aus, der in seiner Mitte von einem klaren Bächlein durchschnitten wird. Das Bächlein läuft krumm und gerade, wie es ihm am besten paßt, und kein Mensch hat etwas dagegen, denn in N. ist man noch nicht bei der geraden Linie angekommen; dort lieben sie die Natur noch, wie sie unser Herrgott erschaffen hat, und sind der freilich heute etwas altfränkischen Meinung, daß man's nicht viel besser machen könnte. An den Ufern des Baches stehen Birken und Weiden, nicht gestutzt und gepflegt, sondern in ursprünglicher Wildheit, die das fchönhertsempfindende Auge immer anspricht. Als isch jüngst zwischen den letzten Häusern des Dorfes stand, da, wo man hinunterblickt aus die Wiesen und den Bach, und auf die grünen Bäume, leuchtete zwischen dem Krün ein niedriges, hellrotes Ziegeldach hervor. „Was dort entstanden sei?" fragte ich einen Mann, der eben die Straße heraufkam. „Das ist unser Gemeindebad", antwortete er. Ein Dorf von 700 Einwohnern und ein Kemeiudebad? Mau wird verstehen, daß ich begierig war, etwas Näheres darüber zu hören. Nicht nur aus Neugierde, sondern auch Um andere Dorfgemeinden auf das Gemeindebad in N. aufmerksam machen zu können. Ich erkundigte mich, und was ich erkundet habe, ist das folgende: Vor einem Jahr kam nach N. ein neuer Lehrer. Der kam aus einer großen Stadt; er war ein Freund des Landes und hatte es zwischen den Steinen der Stadt nicht mehr ausgehalten. N. gefiel ihm, aber er vermißte doch bald dies und das, was man in der Stadt sich ohne Schwierigkeit leisten kann und dazu gehörte auch das Bad. Außerdem war der junge Lehrer ein großer Freund der Naturheilbewegung, die bekanntlich ohne Wasser und Bäder gar nicht auskommt. In der ersten Zeit ging er manchmal unter Mittag, wenn die Leute beim Essen saßen, oder auch Um frühen Morgen, an den Bach und nahm in aller Eile ein frisches Bad, aber das war doch eine recht unbequeme Sache, und als er einmal vom Feldschütz überrascht wurde, wie er eben im Wasser saß, da steckte er diese ungemütliche Und fast wie ein verbotenes Tun aussehende Baderei auf. Aber er dachte fortgesetzt darüber nach, ob sich nicht am Bache in irgend einer Weise ein Bad errichten lasse, das allen Einwohnern gleichermaßen zugute kommen könnte. So kam er auf den Gedanken an die Errichtung eines Gemeindebades. Als er sich darüber im klaren war, setzte er sich mit dem Bürgermeister, einem vernünftigen Mann, jin Verbindung und gemeinschaftlich arbeiteten sie den Plan zu dem Bade aus. Es traf sich insofern besonders günstig, als der Bürgermeister Besitzer einiger Morgen auf beiden Seiten des Baches liegender Wiesen war, die er gegen ein geringes Entgelt gerne zur Verfügung stellen wollte. Die Sache wurde dem Gemeinderat unterbreitet. Der wollte allerdings zunächst wenig davon wissen, die meisten Mitglieder waren der Meinung, es sei bis jetzt ohne Bad gegangen und es werde wohl auch schwerlich ein Bedürfnis fitr ein Gemeindebad vorhanden sein. Außerdem gebe es noch andere unerledigte Dinge, die man zuerst in Angriff Uehmen solle. Schließlich aber gaben sie nach, da der Kostenpunkt fast keine Rolle spielte, denn der Bürgermeister und der Lehrer wollten sämtliche Herstellungskosten auf ihre 'Kappe nehmen. Dem Lehrer fiel die Ausgabe zu, den Plan des Bades zu entwerfen. Er tat das mit großer Freude. Er setzte sich mit einem erfahrenen Maurer in Verbindung, der ihm in den technischen Fragen zur Hand ging, und im Frühjahr des nächsten Jahres konnte bereits mit den Arbeiten begonnen werden. Rechts und links des Baches, an diner besonders geschützten Stelle, wurde auf einem Umfange von je zwei Ruten der Boden ausgehoben, so daß sich eine der Sohle des Baches gleichkommende Vertiefung ergab, die mit einem glatten Zementboden und ebensolchen Wänden versehen wurde. Um dieses einfache Bassin wurde eine 2i/2 Meter hohe doppelte Bretterwand aufgebaut und das Bad in der Mitte über den Bach hiniveg mit einer ebenso hohen Wand in zwei Teile zerlegt. So ergab sich in der einfachsten Weise ein Männer- und Frauenbad. Wo der Bach'zuflvß, wurde ein eiserner Rost eingelassen, der den Zweck hatte, etwaige Unreinlichkeiten dem Bad sernzuhalten, und eine am Ausfluß des Baches angebrachte Schleuse sorgte für die Regelung des Wasserstandes. An der dem Dorfe zugewaudteu Seite des Bades aber wurde ein Anbau errichtet, ein leichtgebauter und mit Hellen Fenstern versehener Schuppen, der gleichfalls in zwei Abteilungen zerlegt und mit einigen Bänken und Kleiderhaken; versehen wurde. Eure gut schließende Tür führte zu jedem' Raume; auf der einen Tür wurde die Inschrift „Männer" und ans der andern die Inschrift „Frauen" angebracht, tiefer' beiden Türen aber prangte auf schwarzer Tafel in weißen. Buchstaben der Name: „Gemeiudebad". So hatte denn in wenigen Wochen N. sein Gemeindebad'. Um den als Ankleideräumen dienenden Anbau wurde eine Pflanzung schnell wachsender und blattreicher Bäume angelegt. Dem Polizeidiener fiel die Pflicht zu, das Bad' abends zu- 11116 morgens aufzufchließen. Auch ein Badereglement entwarf der Lehrer. Das besagte, daß sich jeder fei» Handtuch und seine Seife selbst stellen müsse, daß niemand ohne Badehosen das Bad benutzen dürfe, daß das Bad mir während der schönen Jahreszeit, und zwar vom 1. Mai bis zum 1. Oktober geöffnet fei. Wer sich außer dieser Zeit auch noch dem Genuß eines frischen Bades hingeben wolle, der habe den Schlüssel beim Bürgermeister in Empfang zu nehmen. Und endlich wurde bestimmt, daß das Bad Mittwochs- und Samstagsnachmittags für die Kinder reserviert bleibe. Die von dem Bürgermeister und dem Lehrer je zur Hälfte getragenen Kosten des Bades beliefen sich auf 250 Mark. Für den geopferten Grund und Boden erhält der Bürgermeister jährlich als Pachtsumme 20 Mark, die aus der Gemeindekasse bezahlt werden, die auch für die Unterhaltung des Bades aufzukommen hat. So hat der Gemeinderat beschlossen. Der Gebrauch des Bades ist frei. Die N.er freuen sich Yente dieser schönen Einrichtung. Nicht alle machen davon Gebrauch- aber doch sehr viele- Männer allerdings mehr wie Frauen. Aber auch für die, die aus irgendwelchen Gründen das Bad nicht benutzen, hat es sich als sehr segensreich erwiesen. Die Pflege des Körpers kam in größeres Ansehen, wer nicht in das GemeindebaL geht, will wenigstens durch fleißigen Gebrauch daheim zurecht gemachter Bäder zeigen, daß auch er zu den Reinlichen! und zu den Wasserfreunden gehört, daß auch er weiß, was schicklich ist. Im Bad selbst herrscht die größte Ordnung, die Genierlichkeit, die anfangs manchen schreckte, hat sich bald verloren. Nur eins bedauern die Leute; nämlich das, daß ihr Gemeindebad nicht auch im Minter gebraucht werden kaum Und nun gehet hin und folgt dem guten Beispiel! Dir Gesundheit wird sich dabei nur gut stehen! H. D. (in der „Dtschu. Dorfztg."). Vermischtes. * V0in ui0detnste 11 Briefpapier. Aus Paris.wird! uns berichtet: Auch bas Briefpapier hat seine Moden, auch in ihm spiegelt sich in neckischer Arabeske der Geist der Zeit. Wir haben' schon' allzulange unter dem starren englischen Einfluß gelitten, dessen starkes steifes Papier und schmucklos knappes Monogramm! dem zartesten Liebesbrief einen kalten Anhauch des Geschäftlichen verleiht. Man sehnte sich wieder nach einem reicheren Ausdruck des Gefühls schon in dem Aeußeren des Briefes und empfand den rührenden Duft, den die vergilbten Blättchen des! Empire mit ihren schnäbelnden Tauben und Aschcurnen, die der Bicdcrmaicrzeit mit ihren Rosengirlandcn und Landschaftsbckdchcn hinterließen. Nun wird freilich unsere moderne Papierfabrikation nickt von ihrer Höhe herabsteigen und in einem schlecht verstandenen Archaismus das gelbe knitterige Papier unserer Vorfahren nach- abmeN, aber im Ornament und im Format geht man jetzt in Briefpapier wie in der Enveloppe auf die älteren Stile zurück.^ Das Monogramm wird klein und zierlich in eine Ecke gerückt; die Buchstaben sind in bunten Farben, oft mit der miihsanieu Zierlichkeit einer alten Miniatur ausgesührt; sehr apart wirkt auch die Verbindung von goldenen Buchstaben und goldenem Rand mit dem weißen Papier. Eine Vignette im etil Ludwigs XV., die sich bei aristokratischen Briefschreibern mit dem kostbar ausgeführten Wappen vertragen muß, soll sogleich eine gewisse Stimmung für den Brief anklingen lassen. Die Adresse ist oben an der rechten Seite des Briefes ebenfalls imt möglichst kleinen Buchstaben aufgedruckt. Eine Vorliebe für dünnes! Papier macht sich allgemein geltend und die feinen Blätter der überseeischen Briefe, die zunächst der praktischen Notwendigkeit eines geringen Gewichtes entsprangen, werden heute von Herr- schaften verwendet, die eiste flüchtige Nachricht ist die nächste Straste verseuchen- 580 * Die Pflege der kindlichen Phanta sie. Ueber dieses so wichtige als interessante Thema veröffentlicht Franz Strauß in Sarnau einen Aufsatz, dem wir folgendes entnehmen: Bei dem Kinde offenbart sich die Phantasie zunächst in seinen Spielen und Spielzeugen, die es selbst erfindet. Wie vielseitig ist doch die Erfindungsgabe, sobald sich dem Kinde Stoffe, wie Sand, Ton, Wachs, Holzstücke usw. darbieten, die sich formen und miteinander verbinden lassen! Da baut das Kind Häuser, macht Teiche, Wasserleitungen usw. Mit Recht sagt Goethe: „Kinder wisserr beim Spiele aus allem alles zu machen: ein Stab wird zur Flinte, ein Stückchen Holz zu in Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und jeder Winkel zur Hütte!" Nicht genug kann vor der Dar- bietuirg fertiger Spielzeuge gewarnt werden. Diese stumpfen nicht nur die Erfindungsgabe der Kinder ab, sondern sie sind auch oft — von den Geldkosten abgesehen — gesundheitsschädlich. Peter Rosegger bemerkt in seinem „Waldschnlmeister" ganz richtig: Man hüte das Kinderherz, so lange es zu hüten ist. Man greife so spät als möglich in den Wirkungskreis des Kindes ein. Selbst kleinere Kinder haben schon ihren selbstgeschaffenen Wirkungskreis. Sie verfertigen sich ihre Spielzeuge selbst. Wie sollten auch die Kinder erfinderisch werden, ivic könnten sie sich im Erwerben und Erhalten üben, wenn alles, tvas ihr Herz begehrt, sofort fertig da ist: So kommt es oft, daß die Kinder armer Leute, die in ihrer ersten Jugend alles, was sie haben wollten, sich selbst suchen und schaffen mußten, Kinder von reichen Leuten oft an Geisteskraft übertreffen. Aber aufmuntern und amleiten soll man die Kleinen stets in ihren Beschäftigungen und Heine» Schöpfungen! Ein vorzügliches Mittel zur Pflege der Phantasie besitzt die Mutter in den Erzählungen, besonders in den Märchen. „Gerade in der Erregung der Phantasie liegt der Hauptwert der Märchen." (W. Baumgart.) Leider wird in unseren — vielfach — poesielosen Familien so wenig erzählt, und es entsteht die Gefahr, daß „diese unscheinbare, aber reine und köstliche Perle unserer Bolkspoesie" (Vilmar) dem Kinde ganz verloren gehen könnte. Der alte Jakob Grimm sagt: „Es geht durch diese Märchendichtungen innerlich dieselbe Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen." Von dem wirklichen Leben zieht das Kind in her Regel nur an, was es selbst angeht. Von dem Märchen dagegen läßt es sich mit Entzücken über Berg und Tal, über Land und Meer usw. führen, und wenn es ihm von fremden Dingen spricht, so ist ihm das alles so nah und vertraut, mit einem Wort: Die Welt des Märchens ist des Kindes Welt; denn es ist die Welt der Phantasie! Wohl bringt das Märchen manches, was, spießbürgerlich betrachtet, nicht unbedenklich erscheinen kann, was aber dem unverdorbenen Ksemüte zeigt, daß es im innersten Kern gesund ist. Das Märchen führt uns in das ideale Reich der einfachsten sittlichen Verhältnisse ein: dem Guten geht es gut, dem Schlechten schlecht, immer trägt das Gute — wenn auch oft spät den Sieg davon! So weht in den meisten Märchen eine gesunde Lust, welche die Organe des sittlichen Lebens unmittelbar nährt und kräftigt. Auch das Schöne und Erhabene in der Natur ist ein mächtiger Faktor zur Pflege und Bereicherung der kindlichen Phantasie. Darum ihr Mütter, führt die Kinder hinaus in den Tempel der Natur! * Die Hotkneurkiste. Oberst v. Z. legte — so erzählt eilt Leser der Tägl. Rdsch. — großen Wert darauf, daß die Mannschaften' seines Regiments Nicht nur im Dienst den höchsten Anforderungen genügten, sonder» daß sie auch außer Dienst sich jederzeit musterhaft betragen' sollten. Besonders scharf achtete er auf die Straßendisziplin, und es kam, besonders in der ersten Zeit, fast täglich vor, daß er einzelne Leute bestrafte, welche ihm auf der Straße eine mangelhafte Ehrenbezeugung erwiesen und entweder gar nicht oder in schlechter Haltung Front vor ihnr machten. Mit der Zeit wurde dies besser, und es kamen solche Fälle fast gar nicht mehr vor, worüber der Oberst int stillen eine gewisse Befriedigung empfand. Während der Rekrutenausbildung pflegte Oberst v. Z. manchmal unerwartet in die Kaserne zu komme» und dem Unterricht bei irgend einer Kompagnie bei- zuwohneu. Eines Abends erschien er wieder in einer Mannschafts- ftube, in welcher gerade ein Unteroffizier unter Aufsicht des Rekrutenoffiziers mit seiner Korporalschaft Unterricht abhielt. Wie bei alle» solchen Gelegenheiten, prüfte der Oberst auch jetzt wieder mit. scharfem Blick die Stube inbezug auf Ordnung und Sauberkeit und da entdeckte er in der Nähe der Tür auf einem Wandbrett eine leere Holzkiste, auf welcher sich kein Name befand, und deren Bestimmung ihm nicht Aar war. Er fragt daher den' Unteroffizier nach der Bedeutung dieser Kiste. „Das ist die Honneurkiste, Herr Oberst", antwortete der Unteroffizier. „Die Honneurkiste?" fragte der Oberst nun kopfschüttelnd den' Leutnant. Dem Oberst wurde die Sache immer unklarer, und er verlangte daher eine nähere Aufklärung von dem Rekruten-Offizier.; „Wenn unter deck Rekruten," erklärte daraufhin der letztere, „sich solche Leute befinden, die in den Ehrenbezeugungen noch nicht ganz sicher sind, wird ihnen, wenn sie auSgehen, diese Kistes mitgegeben' damit sie nicht durch schlechtes Grüßen auf bet* Straße auffallen'. Wenn sie die Kiste tragen, brauchen sie nicht zu grüßen und vor allem nicht Front zu machen." „So," meinte; der Oberst, „und diese Kiste ist besonders für diesen Zweck beschafft?" „Jawohl, Herr Oberst, früher bekamen die Leute ein Kommißbrot mit, aber weil einmal ein Rekrut ein solches Brot unterwegs aüfgegessen hat, befindet sich jetzt auf jeder Stube eine Honneurkiste!" * Ein Zahnarzt empfing den Besuch eines Landbewohners, der sich eine Zahnfistel behandeln lassen wollte. „Der Zahn ist schlecht," sagte der Mann der Zange, „und ich möchte Ihnen den Rat geben, sich Schmerzen zu ersparen, indem Sie sich mit Lachgas behandeln lassen. Es kostet nur 50 Cents mehr." Und der Zahnarzt zeigte dem Patienten seine Maschine und erklärte ihm, wie sie arbeitete —< wie er eine ober zwei Minuten in Schlaf fallen werde, um dann beim Erwachsen seine Schmerzen und feinen Zahn los' zu fein. Schließlich war der Patient damit einverstanden und zog seinen Geldbeutel. „Das Zahlen hat keine Eile," sprach der Zahnarzt gönnerhaft. „Ans Bezahlen dachte ich auch nicht," antwortete der Bauer, „aber ich dachte, wenn ich einschlafen soll, wollte ich lieber mein Geld erst mal nachzählen." Literarisches. — „März", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Laugen, Shirt Aram. Erstes Seplemberheü 1908. Verlag von Albert Lange» in München. Im ersten Septembcrhest der Halbmonatsschrift „März" übt Professor Lujo Brentano, anknüpsend an den „Internationalen Freihandelskongreß", eine scharfe Kritik an dem ganze» Schutzzollsystem, das in Deutschland an der gegenwärtigen Finanz- Misere allein schuld fei. Von Leo Tolstoi bringt das Hest unveröffentlichte „Briese an M. L. E. Obolenslü". Paul Buffons „Spaziergänge in Konstantinopel" wird man heute mit besonderem Interesse' lesen, die „Erinnerungen eines Arztes aus dem russisch-» japanischen Kriege" von W. Weressajew werden fortgesetzt. Robert Hessen erörtert in seinem Aufsatz „Rad gegen Auto" die Schäden de§ Automobilismus nicht nur von der hygienischen sondern auch von der wirtschattlichen und sozialpolitischen Seite. Dr. Karl Oppenheimer verbreitet sich in seinem Aussatz „Der Mensch im Hochgebirge" über die Wirkungen, die der Ausenlhalt im Hochgebirge auf den Menschen in physischer und psychischer Beziehung ausübt. Weiter enthält das Hest eine köstlich geschriebene „Liebesgeschichte" von Hermann Hesse, den Schluß der Satire „Der Genius von Hintermichelswaag" von Wilhelm Schnssen und einen Beitrag von Oskar Friedrich Luchner „An der Wende!"; ferner „Das Geld meiner Frau", eine Studie über Dollarheiraten von Freiherrn von Stetten. Die „Rundschau des März" berichtet über die jüngsten Ereignisse auf dem Gebiete der Technik, Luftschiffahrl und Musik und die Rubriken Rundschau und Glossen behandeln wieder eine große Anzahl aktnetter Themen. Art- und Einsichten. Ausspruch eines Künstlers: „Geniale sottten ihre Zeit nicht vertrödeln mit Geldverdienen l” Die Ehe ist eine Fessel, von vielen Mädchen ersehnt, um endlich frei zu sein. Otto Weiß. Bilderrätsel. ■S- Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer; Luft, Schloß. - Luftschloß. Redaktion: E, Anderson. — Rotationsdruck und Verla« der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».