Donnerstag den (6. April M8 — Nr. 61 Ms >'11J Ä^lÄ^W!^ MZW 8 iß Kelmuiß non Lonlen. Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 3ivti Tage nach Abgang seines Brieses an Anne Marie erhielt Wilhelm ihre Antwort. Da lag das stahlgraue Modeknvert, mit festen, großen Schriftzügen beschrieben. Wilhelm errötete wie ein Jüngling, als er den Brief öffnete. Das mit an- zuschen war ihr Ivleder so peinvoll. Er las und reichte ihr dann daS Blatt: „Lies doch," bat ex herzlich, als sie zögerte. Anne Marie schrieb: Liebster Freund! — Weshalb erst die Bitte? Was wünsche ich mir denn mehr? Mit Ihnen in geistigem Verkehr bleiben, Briefe von Ihnen erhalten, das wäre mir eine Erquickung, für die ich nicht dankbar genug fein könnte. Im übrigen aber . . . wie freue ich Mich heute, daß ich den schönen Frieden Ihres Familienlebens nicht störte und daß Ihre junge, frohe Schwester: nun nie zu erfahren braucht, welches Damoklesschwert iiber ihrem Haupte hing. Grüßen Sie mir das Trautchen. Ich wünschte, sie gewönne mich ein lumig lieb! — Heute nichts wie diese wenige» Zeilen, hauptsächlich um Ihnen zu sagen, daß Helmuth ht Berlin ist und von dort hierher kommt. Mache ich Ihnen eine Freude darnit, wenn ich Ihnen sage, daß ich ihn genau so empfange!: will, ivic Sie wünschen — nicht weil Sie mich überzeugt hätten, sondern weil ich Ihnen den Gefallen erweisen will? Ob es Ihnen noch gelingt, mich zu Ihren Ansichten zit bekehren? Wilhelm, ich bin ein Weltkind. Manches an mir wird Sie bei näherer Bekanntschaft verletzen und kränken. Darauf machen Sie sich gefaßt. Anne. Edeltraut legte das Billett schweigend vor de» Bruder ans den Tisch. „Nun?" — fragte Wilhelm, „siehst du nicht aus jedem Wort, daß sie eilt besonderes, großdenkendes Wesen ist?" — „Ja? Ich — weiß nicht." Edeltraut sprach mit etwas spröder Stimme, „vielleicht, wenn man sie so kennt, wie btt sie kennst. Mir hat sie einen geisterhaften Eindruck gemacht." „Sie ist in der Tat sehr zart und leidend — überarbeitet. Ihr Leben gehört ja den Werken der Nächstenliebe, das wissen wir durch Helmuth. Ich denke auch, ihr zwei, du und sie, müßtet euch recht gut verstehen." Er sah wieder in den Brief, ganz zerstreut und lächelnd, sie aber dachte: Wie entsetzlich ist das alles! Wie unbegreiflich! — „Weißt du. Liebste, wie wäre es, wenn wir nach Bardes fühven?" — „Wilhelm! Das wolltest du wirklich!?" — „Ja, ich möchte es wohl. Vielleicht nach der Heuernte." „Also fahren wir!" sagte sie einsilbig. „Welche Freude, wenn wir Helmuth dort fänden." Sie konnte sich über diese Aussicht so wenig freuen, lvie es sie jetzt noch ärgerte, daß die Bardesser ihnen richtig den ersehnte» Gast weggeschnappt hatten. Ihr war alles gleichgültig geworden, bis auf das Studium der mit Wilhelm vorgegangenen Veränderung. XXVII. Solange die Heuernte dauerte, hatte sie Zeit genug, diese Veränderung zu beobachten. Tas neue Element in ihrem Leben wuchs und nahm eine Gestalt an, die man zu den bestehenden Tatsache» rechne» »rußte. Denn lvas half es, daß jene entschlossen schien, den Friede» des Hauses nie zu stören, daß also scheinbar alles beim alten blieb und Wilhelm nur um einen sein Stilkeben lvnrzenden Brieswechsel reicher gelvorde» lvar? — In Wirklichkeit wandte sich doch sein Sinn, magnetisch angezogen, dem späte» Glücke zu, welches er bescheiden „Freundschaft" nannte, füllte Anne Mariens Bild seine Gedanken, wnrde dies Gedenken z» einer Persönlichkeit, ivelche immer als dritte zugegen zu seiu schien. Er lvav so ruhig, so gleichmäßig, so von Zärtlichkeit für die Schwester beseelt, lvie immer — aber ein jeder spürte das andere, neue in ihm. Sogar seine Schüler, die jungen Baiternbnrschen, empfanden es an diesem Sonntag nachmittag, daß er noch beredter, noch herzlicher sprach, daß seine Begrüßung nicht nur freundlich, auch froh klang. Es war, als ntüfse er allen etwas mitteilen von einem ihm gewordenen Reichtum innerer Frische und Kraft. Wurde er nachgerade blind für das mühsam verhaltene Leid der Schwester? Fast schien es so. SSenit sie ihm jetzt am großen Doppelschreibtisch arbeitend gegenüber saß, bestrebt, ihn nicht mirken zu lassen, wie unglücklich sie sich fühlte, begegnete sie oft seinen: lächelnden Blick, der so unbefangen und zuversichtlich auf ihr ruhte, als habe er nie verstanden, in den Tiefen ihrer Seele zu lesen. Er, der sonst immer Fühlimg mit ihr behielt, ging über das, was sie tief innerlich erschütterte, schweigend hinweg. Oder wollte er nicht sehen? Sie wußte cs nicht, aber zwischen tiefem Befrentden und schmerzlichem Grübeln wuchs das Gefühl einer früher nie gekannten Vereinsamung. Tabei war Wilhelms brüderliche Fürsorge unerschöpflich in liebevolle^ Aufmerksamkeiten. Eine Bank, die sie sich einst unter eine junge Ulme fernab vom Hof gewünscht hatte, um des schönen Blickes willen auf die weite, üppige Feldsläche, stand eines Morgens wie hingezaubert, doch fest eiugerammt, da. An Stelle ihres schon abgenutzten lodensarbenen Reil- und Wirt- schaftskleides hing eines Morgens ei» neues Gewand vom gleichen Stoff in ihrem Zimmer. Sie sagte ihm, sie sei erfreut und gerührt, aber innerlich dachte sie: Er denkt nun %» ch an mich. Von Lohse» kam ein kurzer Bries ans Berlin. Sie öffnete ihn und las ihn teilnahmlos. Er schrieb, daß er nach reiflichem Ueberlege» sich doch entschlossen habe, nach Bardes zu gehe», von dort aber hoffe täglich nach Rothaide kommen zu können. Ter Brief war von Wiedersehensfreude erfüllt und in dem vertraulichen, freundschaftlichen Ton gehalten, wie er in diesen zwei Jahren zwischen ihnen entstanden toor. Zum Schluß nur kant so etwas wie ungestüme Ungeduld hinein. Ta hieß cs: Liebe, liebe Edeltraut, wenn Sie wüßten, wie heftig ich mich sehne nach etwas Licht und Glück! — Mir 242 Ist, n(5 wanderte ich seit drei Jahren in einem dunklen Tale hin, ohne Freude, matt und müde des langen Weges — und jetzt sehe ich endlich vor mir eine Hoffnung, wie einen Lichtschein, dem ich entgegeneilen darf! — Wenn Sie doch nur wüssten, wie hungrig und wie durstig ich bin nach einem frischen Trunk. Ich hatte ja schon ganz vergessen, daß der Mensch von Gott erschaffen ward, um glücklich zu sein! Und es ist etwas sehr Schönes, sehr Liebes, dem ich mit dieser Ungeduld im Herzen entgegeneile, etwas, das längst hätte mein sein sollen!--- Sic hatte das gelesen und gab es Wilhelm, dann nahm sie eine Näharbeit, mit der sie beschäftigt war, wieder auf. Wilhelm las und sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich. „Nun? Was sagst du? Was denkst du davon?" fragte er. „Aber ich will lieber nicht fragen." „Was denn?" versetzte sie verwundert. „Ich habe dir doch schon gesagt, daß ich mich darüber ärgere, daß die Rcck- nitze ihn bei sich beherbergen. Hier gehört er hin. Hier sind loir, hier ist Luisens Grab, hier sind Luisens Geschwister. . . das alles steht ihn: jetzt näher als seine eigene Verwandtschaft. Aber schließlich — es ist ja gleich — urag er hingehen!" „Kindchen, ich rede nicht vom Anfang, sondern »out Schluß des Briefes. Deu hast du wohl nur flüchtig gelesen?" „Helmuths Briefe lese ich nie flüchtig, aber was soll man dazu sagen? — Glück und Licht möchten wir wohl alle gern haben — daß er sich mehr danach sehnt als andere, finde ich begreislich. Möchte er finden, was er meint, — er drückt sich ziemlich unklar ans." „Mir scheint, er spricht von einer bestimmten Person." Sie zuckte die Achseln. „Meinetwegen auch. Mir scheint, ihr Männer habt immer solche Gedanken int Köpf." Fast hätte sie gesagt: Also auch ihn soll ich verlieren! ■— aber sie bezwang sich. Nur nicht gegen Wilhelm bitter sein! War das überhaupt möglich? Sie steckte Loysens Brief in die Tasche. Vorläufig konnte sie sich weder auf ihn freuen itoch sich darüber den Kopf zer-, brechen, was der Schluß des Briefes besagen möge. Am nächsten Tage wurden die jungen Braunen vor den bequemen Halbverdeckten gespannt. Die Fahrt nach Bardes sollte nun ausgefüyrt werden. Wilhelm zog sich sehr sorgfältig mit etwas altmodischer Feierlichkeit dazu an. Edeltraut stand schweren Herzens in ihrem Zimmer, legte sich die ährengelben Zöpfe zur Flechtenkrone um den Kopf und zog das Kleid an, in welchem Wilhelm sie heute gern sehen Wollte •— ein weißes Mullkleid, auf dessen schneeigem Grund blaue Blüten und Knospen verstreut waren. Ein großer, weißer Hut beschattete ihr Gesicht. Das war ihr lieb. So saß sie daun im Wagen zur Rechten des Bruders, still und mit umflortem Blick. Er hingegen sprach viel, nicht ganz ohne eine gewisse liebenswürdige Nervosität. Tas Wiedersehen Wgte ihn doch sehr ans. „Wenn wir sie aber gar nicht treffen?" fragte Edeltraut. „Ich weiß, daß heute in Lobwitz Empfangstag ist, bei welchem die Recknitze selten fehlen." Er errötete. „Tas habe ich nicht gewußt ... ich mußte aber den heutigen Tag wählen, Anne Marie schrieb mir . . . ich hatte ihr nämlich unsere Absicht mitgeteilt " „Hub da lud sie dich ein, gerade heut zu kommen?" „Ja!" sagte er ganz überrascht und froh, als käme ihm eben erst eine glückliche Schlußfolgerung. Sie werden also mit ihr allein sein. Diese Aussicht ist für Edeltraut wenig verlockend. Wenn nur wenigstens Helmnth schon da wäre — aber er ist noch nicht da. Es lag Wilhelm daran, diesen Besuch vorher abzumachen, damit es nicht aus- sehen sollte, als käme er, um sich in das erste Zusammensein der Geschwister einzumischen. , Ter Wagen rollte zwischen den Feldern und Wiesen hin durch die Kirschalleen, welche in dieser Gegend die Wege ciu- faßteu. _ Tie jungen Braunen griffen flott ans, obwohl sie poch gestern den ganzen Tag bei der Arbeit gewesen waren. ♦ Tie Insassen des Wagens loechjelten jetzt Bemerkungen über den Stand der Felder und die Aussichten, die sich rechts und links boten. Links schimmerte Jarowitz durch die Bäume, man hörte einen Bahnzug rollen und pfeifen. Während Edeltraut diese Unterhaltung mit gutem Willen hinzog, strahlte Wilhelms Gesicht in stillem Glück. Einmal fragte sie: „Sitzest du bequem? Ist dir das Rütteln nicht lästig?" „Ich spüre nichts," versetzte er, „und fitze vortrefflich." Endlich nach einer guten Stunde tmtehte in dunklen Umrissen der Park von Bardes hinter einer kleinen Anhöhe ans und dann fuhren sie in diesen im großen Stil angelegten Kunstwald. Uralte Eicheit auf stillen, blurnenbesäeten Wiesen wechselteir mit kulisseuförmig vorgeschobenen Gruppen dunkler Tannen und licht- grüner Buchen, deren Stämme silbergrmt blinkten. Jede Biegung des breiten Weges brachte neue Bilder, und Wilhelm sagte, genußvoll anfseuszend: „Wer hier so mal vierzehn Tage im Schatten dieser Bäume leben und skizzieren könnte!" „Aber das kannst du ja nun." „Liebes Herz — welche Idee!" „Tie Freundschaft mit allen Loysens ist ja ans dem besten Wege, vollkommen zu werden." Er sah sie von der Seite an und schwieg. Ihr Ton tat ihm weh. Sie nterkte das und suchte rasch den Eindruck zu ver- tvischen. „Sieh, dort ist die Bank, auf der wir damals saßen, Helmnth und ich ... als er mir sein Vorleben beichtete. Was liegt zwischen damals und heute!" Sie sagte das mit einem schweren Aufatmen — an Achsen dachte sie kaunt dabei. „Ja, mein armer Helmüth! — Gott lasse ihn doch Glück sinden nach der langen Prüfung — und, was besser ist wie Glück, verstehende Herzen." Edeltrauts Blicke schweiften umher. „Wo mag das Häuschen mit den sieben Zwergen sein?" fragte sie. „Wir zogen damals aus, um es zu suchen, und haben es nie gesunden." „Tort ist sie!" sagte Wilhelm hastig und bog sich vor „Wer? Schneewittchen?" „Nein, Anne Marie auf bett Stufen der Veranda!" Er hob grüßend den Hut. Seine Blicke leuchteten. Welch ein Bild! dachte er, wie herzerquickend und wie schön! Auch Edeltraut, deren scharfe Augen die Gestalt längst wahr- genommett und deren „Schneewittchen" daher etwas ironisch geklungen, mußte sich sagen, daß von her- geisterhaften grauen Iran hier nichts zu sehen sei. (Fortsetzung folgt.) Der Karfreitag im spiegel der Uulturgeschichie. Voll Hofrat D o e n g e s -Dresden. (Nachdruck verboten.) Eilt Kindermürchen denket den Brauch der katholischen Kirche, warum vom Gründonnerstag an bis zum Oster- samstag die Glocken nicht läuten, indem es erzählt: Alle Glocken seien nach Rom, der heiligen Stadt, geflogen und kehrten erst am Abend vor Ostern zurück, um dann das Anf- erstehungsfest einzulänten. Das ist die sinnige Erklärung einer Sitte, die uralt ist. Der römische Kaiser Konstantin I. (geboren 274, gestorben 337), dem die Geschichte den Namen „der Große" gegeben hat, weil er es war, der das Christen- tum zuerst zur Staatsreligion erhob*), verordnete durch ein Edikt, daß die dem Auferstehnngsfeste vorangehende Woche still und ernst zu begehen sei. Es ist früher versucht worden, die Bezeichnungen Karwoche, Karfreitag mit dem griechischen Worte charis, Gnade, oder dein lateinischen carus, teuer, in Verbindung zn bringen; diese Erklärungen haben sich jedoch als unhaltbar erwiesen. Da das Wort Kar nur im Deutschen vorrommt, so ist die Erklärung zweifellos die zutreffende, welche die Bezeichnnngeir Karwoche, Karfreitag mit dem althochdeutschen Worte chara, Trauer, Klage (gotisch Kara, mittelhochdeutsch Kar) in Zusammenhang bringt. In den deutschen Gemeinden Südtirols nennt man noch heute den Tag, an dem ein Toter beerdigt wird, den „Kartag"; man spricht timt „Karjammer", worunter man die laute Klage der Angehörigen eines Verstorbenen versteht, und von „Kartnmmel", alles Beweise für die Richtigkeit der An- nahme, daß das Wort Kar nrdeutschen Ursprungs ist. Die tiefe Ratnrbeseelnng, die unser Volk schon in vor- christlicher Zeit erfüllte, findet wie in allen übrigen festlichen oder geheiligten Tagen des Jahres so auch im „Karfreitage" ihren Ausdruck. Es gibt eine große Anzahl von aus frühchristlicher Zeit stammenden Legenden, die mit der Passions- geschichte, also mittelbar mit der Karivoche nnd dem Karfreitag in Verbindung stehen. Nach einer süddeutschen Legende wurde Christus von den römischen Kriegsknechten mit Weidenruten gegeißelt. Boll tiefer Trauer sah der Heiland *) An sich selbst hat er die christliche Taufe aklerdings erst auk seinem Sterbelager vollziehen lassen. 243 nach dem Weidembaume und rief ihm seufzend zu: „Traute, Meide!" Tiefer Trauer voll klagt die Weide seitdem: Eines liegt mir auf dem Herzen, Eines kann ich nicht verschmerzen, Daß ich darbot jene Ruten, Die den Heiland machten bluten. An der Säule festgebunden. Litt er tausend liefe Wunden, Die ich meinem Herrn geschlagen: Dessen muß ich ewig klagen. Darum sinkt in Rußgebärde Mein Gezweigs tief zur Erde. Die Dornenkrone, welche man dem Heiland aufs Haupt setzte (Ev. Matth. 27, 29), ehe man ihn zur Kreuzigung führte, bestand nach englischem und französischen, Volksglauben aus den Zweigen des Weißdorns. Daher steht in beiden Ländern der Weißdorn in hohem Ansehen; in Frankreich knüpft sich an ihn zudem die abergläubische Auffassung, daß der Weißdorn in der Nacht zum Karfreitag stöhnende Laute von sich gebe, um die Erinnerung an den Kreuzestod Christi nicht erlöschen zu machen. Und eine dritte, von Rückert poetisch behandelte sinnige Legende wird in der Oberpfalz aufbewahrt; sie erzählt, daß alle Bäume über den Tod des Heilands tiefe Trauer zeigten, nur die Espe nicht; nun müsse sie in alle Einigkeit zittern. Von Blumen erinnert die schöne Passionsblume schon durch ihren Namen an die Leidenszeit des Heilands. Die fromme Legende erzählt, daß sie zuerst unter dem Kreuze erblühte, daran man Christum geschlagen hatte. Die Blutstropfen aus den Wunden des Gekreuzigten flössen in den Seid) der Blüte; so entstanden die Nägel und der Hammer, welche die Staubgefäße der Blume bilden. Eine andere Blume, die an die Leidensgeschichte Christi erinnert, ist die Blüte des Blutklees. Auch um sie hat die Legende poetische Deutung gewoben. Als der Heiland int Garten Gethsemane in heißem, brünstigem Gebete lag, schaute sie mtbemerkt zit dem heiligen Mann auf und breitete ihre Blätter und Blüten aus, um die Schiveißtropfen aufzufangen, die von des Herrn Antlitz rannen. Au, näd)steit Morgen rvaren die weißen Blüten blutrot gefärbt und ihr Saft war bitter geworden. Zum Blutklee und der Passionsbluine fügt sich die Kreuzraute, der heilkräftige Eigenschaften zugeschrieben wurden, wenn man sie in der Karwoche brach, die Kreuzblume und der wundertätige Kreuzenzian. Den Feldahorn nennt man in manchen Gegenden unseres Vaterlandes „Kreuzbaum", weil man aus seinem Holze das Kreiiz gezimmert haben soll, an das der Heiland geschlagen ivurde. Aber auch andere Bäume erheben Anspruch darauf, dein Heiland in seiner Todesstunde am nächsten geivesen zu sein: die Tanne, die dafür nun ewig grünt, die Cypressc, die seitdem in dunklem, ernstem Gewände trauert» -die Cedcr, die seit Christi Tode sich stolz ivie ein heiliges Glaubenszeichen erhebt, und die Palme, die ihre Zweige weit «iisbreitet ivie ein Kreuz. Auch die Tierivelt bringt der Volksglaube in Zusammenhang mit der Leidensgeschichte des Heilands. Von der Elster erzählt man, daß sie das einzige Tier war, welches fühllos blieb angesichts der furchtbaren Martern des Welterlösers. Da verfluchte sie Gottvater: er nahm ihr ihr herrliches Gefieder imd verwandelte ihren schmelzenden Gesang in ein mißtönendes Krächzen. Das kleine, liebliche Rotkehlchen dagegen war tiefen Mitgefühls voll für die schweren Leiden des Heilands; cs wollte mit seinem schwachen Schnäbelchen dem Gekreuzigten die Nägel aus den Händen und Füßen ziehen, wobei es sich Brust und Kehle verwundete: Und seitdem blieb Brust und-Kehle Diesem Vöglein blutesrot. Zur Erinnrung an die Hilfe, Die's am Kreuz dem Heiland bot. Ailch bei' Kreuzschnabel und der Storch werden in sinnigen Legenden als hilfreiche Tiere festgehalten; ja selbst die kleine Eidechse zeigte sich geschäftig, das Leiden Christi bei feiner Kreuzigung zu lindern. An den Karfreitag knüpfen sich, ivie Moritz Busch in seinem Buche „Deutscher Volksglaube" mitteilt, zahlreich- abergläubische Sitten und Gebräuche. In der Neumark beschneidet man sich am Karfreitagniorgen vor Sonnenaufgang die Nägel an Händen und Füßen, und zwar „kreuzweise", d. h. zuerst am linken Fuße, dann an der rechten Hand usw., weil dieses Verfahren vor Zahnweh schützt. Putzt man sich am Karfreitag die «schuhe, so braucht man den Biß giftiger Schlangen nicht zu fürchten. In Schwaben schneidet man in der Karfreitagnacht Wünschelruten iind schmiedet Schlüssel, mit denen man die Hölle aufschließen und den Teufel bannen kann. Die Schlüssel müssen von drei Meistern geschmiedet werben, und keiner von ihnen darf ein Wort sprechen, weil sie sonst Kinder des Todes sind; das Eisen, das sie ziiut Schmieden nehmen, muß aus den Nägeln eines verwitterten Sarges bestehen. In Schwaben besteht ferner der Aberglaube, daß sich in der Karsreitagnacht vergrabene Schätze regen und dann leicht zu heben sind. Geht man in dieser Nacht an einen Kretizweg, so gibt der Teiifel Geld oder unsichtbar madjenben Farnsamen her. Schüttet man um Mitternacht dieses Tages ein Ei in ein Wasserglas, so kann man am nächsten Morgen aus den Figuren, welche die gelbe Masse bilden, ivahrnehnten, welche Früchte zur nächsten Ernte besonders geraten. Wer am Karfreitage nüchtern ein Gänseei verzehrt, schützt sid) vor Fieber. Brüche bei Kindern heilt man, indem man die Kinder in der Karfreitagsnacht durch eine frischgespaltene Eiche schiebt (!) uiid den Baum danach zu- bindet. Wenn dieser wieder zusammenwächst, so heilt auch der Briich. Schneidet man den Kindern am Karfreitag die Nägel an Händen und Füßen und drei Büschel Haare ab, die man verbrennt, so schützt man die Kinder vor „bösen Leuten". Im Schivarzwalde besteht die Aiiffassung, daß dis Sonne am Karfreitags bis nachmittags 3 Uhr traure. Nach sd)wäbischer Volksvorstellung ist der Karfreitag ein Unglückstag, an dem man nichts von der Straße aufheben darf, weit die Hexen in der voraufgegangenen Nacht im Lande umhergezogen sind und allerlei verderbenbringende Dinge verstreut haben. Gesd)cnke darf man an diesem Tage nur von den allernächsten Verwandten annehmen. Nach hessischer Meinung kommen Kälber, die am Karfreitag geworfen werden, nicht am. In der Gegend von Stendal geht man an diesem Tage nicht in den Garten, weil es sonst Raupen gibt, und in Wetzlar sagt man, Regen am Karfreitag mache die Erde durstig. In anderen, süddeutschen ©egenben herrscht bet Aberglaube, daß man am Karfreitage Hexen sehen könne, wenn man in die Kirche ginge, weil die Hexen bei der Kreuzigungspredigt zugegen sein müßten. Für Böhmen gilt dieser Aberglaube für ben Gründonnerstag. Man erkennt die Hexen aber mit dann als solche, wenn man sich eine in der „Marter- stunde", d. h. am Karfreitagmorgen um 3 Uhr geschnittene Elsenrute um den bloßen Leib legt. Norddeutscher Karfreitagsaberglaube endlich besagt, daß Karfreitagsregen giftig sei und deshalb Tropfen für Tropfen vom Erdboden fortgekratzt werden müsse. Eni am Karfreitage gelegtes Ei habe die Eigenschaft, jedes Feuer zu löschen, in das es geworfen wird. Wer an diesem Tage sich des Trinkens enthält, der kann während des ganzen folgenden Jahres trinken, ohne berauscht zu werden, und wer a» ihm die Stube mit einem neuen Besen kehrt und mit diesem dann über den Kohl fährt, der schützt diesen vor Raupenschaden. Die zehn Gebote der Gssrmdheit. Ein französischer Arzt stellt die Regeln zum gesunden Leben in Form von zehn Geboten zusammen, die, obwohl sie im Grnnde nichts Neues bieten, doch wegen ihrer treffenden Form verdienen behalten zu werden. Sie lauten so: 1. Stchc früh auf, gehe früh schtasen und fülle den Tag mit Arbeit aus. 2. Wasser und Brot erhalten das Leben; reine Luft und Sonnenschein sind für die Gesundheit unentbehrlich. 3. Mäßige Nahrung und Nüchternheit sind das beste Lcbcns- elixier. 4. Reinheit verhindert das Einrosten: die Maschine dauert am längsten, die am besten behandelt wird. 5. Zureichender Schlaf stärkt. und stellt den Körper wieder her; zu viel Schlaf verweichlicht und schwächt. 6. Vernünftig gekleidet sein heißt solche Kleidung tragen, daß die Bewegungen ungehindert sind — 244 — unt> brr Körper warm genug ist, unt gegen plötzlichen Tem- p»eratnrwechsel geschützt zn sein. 7. Ein reines, frohes Haus macht ein glückliches Heim. 8. Durch Zerstreuung und Erheiterung wird der Geist erfrischt und gestärkt; aber der Mißbrauch führt zur Ausschweifung und Ausschweifung zum Laster. 9. Heiterkeit verursacht Liebe zum Lebe», und Liebe zum Leben ist die halbe Gesundheit, Traurigkeit und Mutlosigkeit dagegen beschleunigen das Alter. 10. Lebst du von deiner geistigen Arbeit, daun last deine Augen und Beine nicht steif werden. Lebst du von deiner Hände Arbeit, vergiß nicht, deinen Geist jit pflegen und dein Wissen zu bereichern. Dar Wer-Preisratsel hat den meisten unserer treuen Rätselireunde arges Kopfzerbrechen verursacht. Nur LS richtige Lösungen waren uns'zugegangen, bevor wir nicht die Buchstaben genannt hatten, die die zu findenden Wörter bilden. Tann allerdings kamen die Lösungen in stattlicher Anzahl, jedoch immer noch lange nicht in dein Blaße, wie bei früheren Preisrätseln. Jin ganzen erhielten wir 198 richtige und 27 falsche Lösungen. Unter den letzteren fanden sich wieder ein paar ganz lustige vor. So meint z. B. ein Hornberger nicht unrichtig, daß „Ochse" eine Lästerung sei. Er kommt nrich zum rechten Ende imb reimt munter: Winters Macht gar bald zerschellt, Wenn der Frühling Einzug hält. Co, o Mensch, vergiß all dein Gebrest Und feite Freyas „Frohes Fest". Ei>l Gießener brachte die richtige Lösung in folgende Verse: „Du sollst nicht fluchen!" lehrts Gebot, Tenn jeder F l u ch ist Lästerung; Drum komme nie in Glück und Not Ein lästernd Wort dir aus die Zung'. Der liebel gibt es mancherlei, Bald sind sie groß, bald sind sie klein; Doch eines ist tast stets dabei: Sollt das vielleicht die Sorge sein? Welch Rätsel ist wohl hier gemeint? Vielleicht das Oster-Rätsel gar? Doch nein; es bietet, wie mir scheint, Als Lösung sich der Rebus dar. Nun soll ich nennen eine Frucht; O, wie viel' hab ich schon verzehrt! Doch habe ich noch nie versucht Oliven, die man hier begehrt. Zu eitler Reise, noch so klein, Zu einer Oster-F a h r t, o weh! Fehlt mir das Geld. — Tas sollt tun§ sein: Ich nehm den Wanderstab und geh! Und streiche ich von jedem Wort Den Anfang und das Ende jetzt Und stelle sie an rechten Ort, Zu Wörtern auch zusamm'gesetzt, Co hab' ich, was zum Ostertag Die Redaktion uns wünscht; das heft’, Was nach der Arbeit Blüh' uitd Plag $1011 wünschen kann: ein „Frohes Fest!" Ein Gießener Primaner tritt folgeuderinaßen als Homeride auf: Siehe, ein neues Rätsel beut das geliebte Blättchen! Hilf mir, o Göttin der Klugheit, hilf, o Pallas Athene, Daß ich das Rätsel entzarib're und finde das dunkle Wunschwort, Tas die freundliche Leitung [bet den Deutschen genannt „Redaktion"j zuruft den treuen Lesern! Und siehe vor meinem Geiste standen, mit Minervens Befehl mir erschienen, In großen, prangenden Lettern diese bedeutenden Worte: F l >i ch, Rebas, Olive, Sorge, Fahrt. Jetzo lehrte mich die erhabene Göttin, Aus den Zeichen des Anfangs und Endes Zu ergründen die Worte des Rätsels: „Frohes Fest!" ruft rnis zu die Leitung deS Blattes; „Tanke, gleichfalls!" ruft der Löser zurück. Die hübschesten Verse aber, die uns als richtige Lösung 51t* gingen, wahrhaft poetisch empfundene Gedanken in angenehme lyrische Form gebracht, sind die folgenden: Ostern. Geheimnisvoller sanfter Hauch Küßt aus dem Schlaf die starre Erde. In Flur und Wald, an Baum und Strauch Erscheint des Mächtigen: „Es werde". Durch Nacht zum Licht ringt sichs empor Und strebt beut Himmel kühn entgegen. Bald singts und klingts im muntren Choh > Rings Blüteudnst und lauter Segen. Nun ist ja von des Grabes Tür Der Sorgenstein hiniveggendinmen. Aus dumpfein Grabe stieg hersür Der zu versöhnen war gekommen. Künd' Glocke in die Welt hinein Vom Aufersteh'n und neuen Leben. Ins Herz dring Ostersonnenschein, Bereit, ein frohes Fest zu geben. Gießen. A. Scholz. Und Herr 8!. Scholz fügte noch folgende erläuternden Verss hinzu: Hatt's längst schon erraten, auch ohn' jeden F l u ch. AlS Rebus tvür'S leichter gewesen. Olive fand ich und rnacht' den Versuch, Nun konnte man „frohes" schon lesen. Als Reise mag gellen bequemer die Fahrt, Doch Wandern scheucht Sorge und Zagen, Denn wer- sich hinter dem Oien verwahrt, Kann frohes Fest nicht vertragen. Von auswärts kamen uns die meisten richtigen Lösungen ausSteiu- bach zu, ttämlich 8 an der Zahl. Tann folgt mit 5 der Ort LaunSbach und mit 4 der Ort Weitcrshain. Unter den Steinbacher Lösern befindet sich auch unser treuer Rätselfretmd Lehrer Nanz. So haben wir denn diesem für Steinbachs Jugend an Jugend- spiclgeräteu zuerkannt: Schlagball und S ch l e u d e r b a I l. Aus La uns b ach hat sich ausschließlich die weibliche Jttgend an der Lösung beteiligt, und zwar Toni Bender, Anna Komp, Anna Krieger, Karol ine Pfeiffer und A n n a S t e i. Wir haben demgemäß uns entschlossen, ein hauptsächlich für Dl ä d ch c 11 geeignetes Spiel, ein Fangreisen - spiel, den jugendlichen Launsbacherinuen zu teil werden ztt lassen. Ta Toni Bender die Tochter des Launsbacher Lehrers ist, so stellen wir das Spiel Herrn Lehrer Bender zu. Unter den W e i t e r s h a i n e r Lösern besittden sich das Ortsoberhaupt Bürgermeister Sann, soipie die beiden Lehrer deS Ortes, H e b e rm e hl und In dort Hal. Demgemäß erhält.fü die Jugend von Weitershain Herr Bürgermeister Sann ein Schlagballspiel. Die Spiele werben sämtlich Eigentum der Schulen in den betreffenden Orten. Die B ü ch e r p r e i s e erhalten: 1. stnd. med Fritz Bender in Gießen, Bahnhofstr. 51 (Slil- gebauer, Der Börsenkönig, Roman); 2. stud. phil. Richard K 0 ch in Leihgestern (Tr. Dornblüth, Hygiene der geistigen Arbeit); 3. Georg Al 0 0 tz in Gießen, Bnhnhosstr. 39 (Grad, Lebensspiele, Novellen); 4. Frau Pauline Schmoll in Gießen (Coloma, Lappalien, Roman); 5. Reinhold S ch ulte, Pfarrhaus in G r 0 ß e n - L i n d e n (Sohnrey, Robinson in der Lindenhütte). Wir bitten die Gießener Gewinner, ihre Preise in unserer Expedition abholen zu lassen. Nach auswärts werden die Spiel- geräte wie die Bücher von uns gesandt. -st Bei dieser Gelegenheit möchten wir die ländliche Jugend anf- mertsam machen auf ein schönes Spiel, das keinerlei Unkosten verursacht und allgemein Anklang zu finden sehr wohl geeignet ist, nämlich Barlauf. Tie Barlnus-Regelu wollen wir zu Nutz und Frommen aller Spielfreunde in einer der nächsten Nummern unseres Blattes Mitteilen. Zahlenspiele. Tie Zahlen von 1—6 sollen 6 mal in nachstehendes Quadrat eingeschrieben werden und zivar so, daß in jeder senkrechten und wagrcchlen Reihe und in jeder Diagonalreihe jede Zahl einmal vorkommt. Gegeben sind 2 Reihen Auslösung in nächster Nummer. Auflösung der gleichlautende Wörter mit verschiedenartiger Bedeutung in voriger Nummer: Halt. Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindnickerei, R. Lange, Gießen.