M8 DonnerrLag den 15. Oktober fr fiwlÄänS W W 8 ■ Herr Lecoq. KrimtMl-Roman von E. Gaboriäu. Nachdruck verboten. . (Fortsetzung.) Mitarbeiter des Jägers ist. Herrn Segmüllers Aeußeres stimmte vollkommen zu den Bemerkungen des Gerichtsdicners. Offen« heit und Wohlwollen lagen auf seinem breiten Gesicht, das durch sehr freundliche Augen erhellt war. Indessen dachte Lecoq bei sich selber, es würde wohl unvorsichtig sein, dieser anscheinenden Güte unbedingtes Vertrauen zu schenken. Er hatte damit nicht IG. Kapitel. Derartige Unfälle kommen ja jeden Tag vor! trotzdem Machte Lecoq, als er erfuhr, was Herrn d'Escorval zugestoßen war, ein so verstörtes Gesicht, daß der Gerichtsdiener unwillkürlich laut auslachte und fragte: Was sehen Sie denn so Ungewöhnliches dabei? Ich? Nichts! Lecoq log. Das seltsame Zusammentreffen der beiden Ereignisse, des Selbstmordversuchs des Mörders und des Falles des Untersuchungsrichters hatte ihn betroffen gemacht. Es war iaber nur ein flüchtiger Gedanke, dem er nicht tveiter nachhing. Er freute sich übrigens ganz sicherlich nicht über ben Unfall/ der den Richter betroffen hatte, aber unwillkürlich dachte er doch, daß es ihm nicht unangenehm wäre, mit dem hochfahrenden Herrn nichts weiter zu tun haben zu müssen. Auf diese Weise, sagte er zum Gerichtsbotcn, habe ich also heute nichts mehr zu tun? Sic spaßen wohl? Seit wann fällt denn die Predigt aus, weil der Küster nicht da ist? Vor einer Stunde schon sind alle dringenden Geschäfte des Herrn d'Escorval unter die anderen Herren Untersuchungsrichter verteilt worden. Ich komme wegen der großen Sache von vorgestern. Ach, warum sagten Sie das nicht gleich! Sie werden erwartet, man hat sogar schon einen Boten auf die Präfektur geschickt, um nach Ihnen zu fragen. Herr Segmüller hüt die Untersuchung. Lecoq runzelte die Stirn. Er suchte sich des genannten Richters zu entsinnen, ob er vielleicht schon einmal mit ihm zu tun gehabt hätte. Jawohl, sing der Gerichtsdicner, der augenscheinlich zum Reden 'aufgelegt lvar, wieder an, jawohl, Herr Segmüller. Kennen Sie ihn denn nicht? Er ist ein braver Mann, der nicht immer so ein hocherhabenes Gesicht macht wie beinahe alle unsere Herren. Von ihm sagte eininal ein Angeklagter, als er ans dem Verhör herauskam: „Der Teufelskerl hat mich so geschickt ins Netz gelockt, daß mir ganz gewiß der Kopf abgehackt werden wird, aber das ist einerlei, er ist doch ein guter Kerl." Das Herz wieder etwas aufgeheitert durch diese vrelversprechew- dcn Auskünfte, klopfte Lecoq an die ihm bezeichnete Tür Nr. 22. Herein! rief eine markige Stimme. Er trat eilt und sah vor sich einen Mann von etwa 40 Jahren, ziemlich groß, ei» wenig beleibt, der ihm sofort ent- (jeejentief * Sie sind der Kriminalschutzmann Lecoq? Sehr gut! Setzen Sie sich; ich bin gerade bei dem Fall, in fünf Minuten werde ich Ihnen zur Verfügung stehen. Lecoq setzte sich und beobachtete verstohlen den Richter, dessen Mitarbeiter er werden sollte. . - so ivic etwa der Jagdhund so unrecht. Herrn Segmüller, der aus der Gegend von Straßburg stammte, kam bei der Ausübung seines heiklen Berufs sein unschuldiger Gesichtsausdruck ganz außerordentlich zu statten. Diese fast allen Kindern des blonden Elsasses eigene Unschuldsmiene ist aber häufig nur eilte trügerische Maske, hinter der sich eilte gaskognische Schlauheit und eine normännische Bedächtigkeit verbergen. Segmüller hatte einen durchdringenden und ausgeweckteu Geist/ aber sein System — jeder Richter hat das seinigc — sein Systent war die Gutmütigkeit. Während manche von seinen Kollegen hart und schneidend sind wie das Schwert, mit welchem man die Göttin der Gerechtigkeit darstellt, trug er Einfachheit und Freundlichkeit zur Schau, ohne daß jedoch jemals die Würde seiner Beamteneigenschaft darunter gelitten hätte. Mer er wußte seiner Stimme einen so väterlichen Ton zu geben, er verbarg die Feinheit seiner Fragen und die Tragweite der von ihm verlangten Antworten so geschickt unter anscheinender Naivität, daß der von ihm verhörte vergaß, auf seiner Hut zu sein und sich gehen ließ. Und tvährend er sich selbst Glück wünschte, an einen so netten Richter geraten' zu sein, hatte ihm Segmüller bereits das Innere nach außen getdhrt wie bei einem Handschuh. . , . t „ Neben einem solchen Mann würde ein magerer und ernster Protokollführer Mißtrauen erregt haben: er hatte sich daher auch einen ausgesucht, der ein ins Lächerliche übertriebenes Abbild von ihm selbst war. Er hieß Goquet, war kurz, dick, bartlos, lächelte ewig. Auf seinem breiten Gesicht lag der Ausdruck von gutmütiger Dummheit, und er war wirklich recht dumm. Herr Segmüller studierte, wie er zu Lecoq gesagt hatte, den Fall, der ihm so unerwartet zugeteilt worden war. Auf seinem Schreibtisch waren alle von Lecoq gesammelten Beweisstücke aus- gebroitct, von der Wollflocke bis zum Diamaittenohrring. Er las mehrere Male den von Lecoq geschriebenen Bericht und prüfte bei verschiedenen Sätzen die vor ihm liegenden Gegenstände oder warf einen Blick auf den Situationsplan. Nachdem er nicht fünf Minuten, sondern eine gute halbe Stunde lang gelesen hatte, schob er seinen Lehnstuhl zurück und begann: Herr Lecoq, mein Kollege, Herr d'Escorval, hatte mich durch eine Randnotc benachrichtigt, daß Sie, ein intelligenter Mann sind, und daß man sich aus Sie verlassen kann.. Ich habe wenigstens den guten Willen. O, Sie haben Besseres als das. Es ist das, erstemal, daß matt mir eilte so vollständige Arbeit einreicht, Ivie Ihr Bericht ist. Sie sind jung; wenn Sie Ausdauer haben, so glaube ich, sind Sie berufen, große Dienste zu leisten. Der junge Beamte verneigte sich stammelnd, bleich vor Freude. Ihre lleberzenguNg, fuhr Herr Segmüller fort, mache tch — 61ß — von Stund' An zu der wetnigen. Sie Kar, !vie mir der Herr Staatsanwalt gesagt hat, auch die des Herrn d'Escorval. Wir stehen einem Rätsel gegenüber, das es zu entziffern gilt. Oh! es wird uns gelingen!' rief Lecog. Er fühlte sich zu Außerordentlichen Dingen fähig; er war bereit, für diesen Richter, der ihn so gut behandelte, durchs Fester zu gehen. Aus seinen Äugen blitzte eine solche Begeisterung, daß Segmüller sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Auch ich, sagte, er, habe gute Hoffnung, aber wir sind noch sucht am Ziel. Und jetzt zu Ihnen! Haben Sie seit gestern etwas gemacht? Hatte Herr d'Escorval Ihnen Aufträge gegeben? Haben Sie irgend ein neues Anzeichen aufgefunden? Ich glaube, Herr Richter, meine Zeit nicht verloren zu haben. Und sofort erzählte Lecog, knapp und deutlich, alles, was er seit seinem Fortgang von der „Pfefferbüchse" ausfindig gemacht hatte: die kühnen Wagestücke des Mannes, den er für den Mitschuldigen hielt, die Bekundungen des Kutschers und der Portiersfrau, den im Brief des alten Absinth beschriebenen Vorgang in der Morgue. Zum Schluß legte er die kleine Menge .Erde auf den Schreibtisch, die er sich auf so eigentümliche Art beschafft, und daneben ein ungefähr gleich großes Häufchen, von dem Staub, den er aus der Häftlingzelle au der Barriere d'Jtalie geholt hatte. Hierauf setzte er auseinander, warum er diese Maßregeln ergriffen, und welche Erfolge er davon erwartete, und Segmüller rief: Ah, Sie haben recht! Vielleicht haben wir da ein Mittel, den Angeschuldigten, wenn er leugnet, außer Fassung zu bringen. Jedenfalls Haben Sie Hierin einen überraschenden' Scharfsinn bekundet ! Dies mußte auch Herrn Goqüets, des Protokollführers, Ansicht feilt, denn er murmelte: Sapperlot! Daran hätte ich nicht gedacht! Während dieser Unterhaltung hatte Segmüller alle Beweis- Wcke sn eine große Schublade gepackt, aus der er sie zu gelegener Zeit eins nach dem anderen wieder zum Vorschein zu bringen gedachte. Ich besitze jetzt, sagte er, genug Anhaltspunkte, um die Witwe Chupist zu befragen. Vielleicht werden wir irgend was aus ihr herausbringett. Er streckte die HaNtz nach der Klingelschnur aus, als Lecog eine beinahe flehende Bewegung machte und sagte: Ich Hätte Sie/ Herr Richter, um eine Gunst zu bitten? Um was denn? Sprechen Sie! Ich würde mich sehr glücklich schätzen, Wenn Sie mir erlauben, Senn Verhör zugegen zu sein... Es bedarf zuweilen einer so unbedeutenden Kleinigkeit, um eine glückliche Eingebung hervorzurufen. Nach dem Wortlaut des Gesetzes soll der Angeklagte int Geheimen vorn Richter, unter Anwesenheit des Protokollführers, verhört werden. Nach der Auslegung schließt dies jedoch die Anwesenheit von Beamten der Polizeibehörde nicht aus. 'Meinetwegen! antwortete daher Segmüller. Sie können bleiben. Er klingelte, ein Gerichtsdiener trat ein. Hat man, wie ich befahl, die Witwe Chupin vorgeführt? Jawohl, Herr Richter, sie ist da und wartet im Korridor. Sie soll hereinkommen. Einen Augenblick darauf trat die Witwe ein, sich mit vielen Verbeugungen und Knixen nach rechts und links verneigend. Sie stand nicht zNm erstenmal vor einem Untersuchungsrichter und wußte wohl, wie großen Respekt man dem Gericht schuldig ist. Sie hatte sich h'enst auch für das Verhör fein herausgeputzt, Ihre rebellische grauen Haare hatte sie flach an die Schläfen gelegt und ihr« Kleider so gut geordnet, wie sie konnte. Sie hatte sogar beim Gefängnisdirektor ausgewirkt, daß man ihr von dem Gcklde, welches sie bei sich hatte, eine schwarze K'repp- mütze und zwei Weiße Taschentücher kaufte; in letztere hatte sie sich vorgenommen bei passenden Gelegenheiten alle Tränen ihres Leides hineinzuweinen. Zu diesen Toilettenkünsten hatte sie aus ihrem Grimassen- v'orrat eine recht unschuldige, unglückliche und gefaßte Miene hervorgeholt, die nach ihrer Meinung besonders geeignet war, den Beamten, von deut ihr Schicksal abhängen sollte, zu Güte und Nachsicht zu stimmen. Wie sie oft austrat, mit niedergeschlagenen Augen, mit honigsüßer Stimme, mit schmeichlerischen Verbeugungen, da glich sie so wenig der fürchterlichen Wirtin der „Pfefferbüchse", daß wohl könnt ihre Stammgäste sie wieder erkannt hätten. Dagegen hätte jeder alte ehrenwerte Junggeselle sie bloß auf ihr Gesicht hin als Haushälterin mit 20 Franken Monatsgehalt angenommen. Aber Segmüller hatte schön ganz andere Heuchler entlarvt; er hatte denselben Gedanken, den man aus Lecogs Augen auf- lcuchtest sah: Was für 'ne alte Komödiantin ! Die Heuchelei der Witwe zu durchschauest, wurde ihm allerdings wesentlich erleichtert durch einige Notizen, die er gerade eben' durchgelesen hatte. Diese Notizen bildeten das Strafregister der. Frau Chupin, das auf Antrag der Polizeipräfektur von Gerichtsstelle eingefordert war. Nachdem er fertig gelesen hatte/ machte der Richter seinem lächelnden Sekretär Goquet ein Zeichen, daß er sich Zum Schreiben bereit halten solle und fragte in kurzem Ton die Angeklagte: Ihr Name? Afpasie Clapard, mein guter Herr, Witwe Chupin, Ihnen zu dienen. Sie versuchte eine schöne Verbeugung und fügte hinzu: Ich habe meine Heiratspapiere zu Hause in der Kommode, und luenn man jemanden hinschickcn will. . . Ihr Alter? unterbrach der Richter sie. Bierundfünfzig Jahre. Schankwirtin in Paris, ganz dicht bei der Rue du Chatcau- dcs-Rentiers, zwei Schritte von den Festungswerken. Diese Personalfragen sind die unerläßliche (Einleitung jedes Verhörs. Nun wollen wir uns mal, fuhr der Richter fort, mit Ihrem Vorleben beschäftigen. Sie haben bereits mehrere Strafen verbüßt ?< Ich habe mehrmals Unglück gehabt, mein guter Herr Richter, winselte sie. Ja, und sogar recht ost. Zu allererst sind Sie wegen Hehlerei gerichtlich verfolgt worden. Aber ich bin weißer als der Schnee aus der Anklage hervorgegangen. Mein armer Seliger war von Kameraden getäuscht worden. Man fein. Aber dann sind Sic doch, während Ihr Wanst seine Strafe absaß, wegen Diebstahls mit einem Monat, und dann gleich darauf mit drei Monaten bestraft worden? Ich hatte Feinde, die schlecht gegen mich waren, Nachbarn, die allerhand Klatsch verbreiteten .... Ferner sind Sie bestraft, weil Sie minderjährige Mädchest zu einem schlechten Lebenswandel verleiteten. Das waren Spitzbübinneu, mein guter lieber Herr, herzlose Mädels! Ich hatte ihnen Dienste geleistet, und nachher habest sie Lügen verbreitet, um mir Schaden zu tun . . . ich bin immer viel zu gut gewesen. (Fortsetzung folgt.) Das steirische Dornröschen. Von Sophie von K h u e n b e r g. Wenn man von Steiermark spricht, so meint man fast immer nur das Obersteiermark, das gekrönte Haupt des waldgrünen Berglandes. Das Stück Semmering, daS zst uns herüberreicht, die prächtigen Hochgebirgsgegenden an der Rax und Hohen Veitsch, um den Hochschwab herum, das berühmte Mariazell, das herrliche Aussee, Eisenerz mit seinem smaragdgrünen Leopoldsteinersee, das Gesäuse? und das lebendige Mürztal. Etwas weniger spricht und schivärmt man vom Ennstal, obgleich es reich ist an großen Naturschönheiten, die freilich nicht alle knapp an der Bahnstrecke liegen, sondern im Bergeinwandern langsam erobert werden wollen. Den Ruhm der Südsteiermark bilden seine Kurorte, vor allem das unglaublich milde Gleichenberg und das reizend gelegene Rohitsch-Sauerbrunn, das Karlsbad Konkurrenz macht. Ja, all diese Perlen der Steiermark kennt und liebt man, sie prangt und stolziert mit ihnen wie eine Mutten sich aufgeblühter schöner Töchter freut, denen es an bewundernden Werbern nicht fehlt. Aber sie hat noch ein Töchterlein, die Fran Styria, eines, das noch gar so still und unberühmt ist und auf dessen keusche, unberührte Schönheit sie selbst kaum achtet, weil sie immerzu mit den strahlenden, Vielumschmeicheltest beschäftigt ist. Dies Aschenbrödel, das für so unscheinbar gilt und dennoch verdienen würde, auf des Königs Ball zu glänzen, i— ist die „Waldheimat", jenes Stück leuchtendes Bergland, das sich von Krieglach-Alpl nach Osten, gegen den Wechsel! hin breitet und in dessen Tannendunkel die Poetenflammtz Roseggers zu lodern begann. Ich habe schon auf mancherlei Weife gesagt, wie lieh mir dies Stück Land ist, wie ich so gerne möchte, daß auch — 647 - II celli. Einen sehr originellen und interessanten Versuch der Neudeutung von Botticellis, gewöhnlich „Primavera" genanntem Gemälde macht Wilhelm Uhde iui Oktoberhefte der bei Klinkhardt u. Biermann erscheinenden Monatshefte für Kunstwissenschaft. Ohne zu leugnen, daß Polizians Gedicht „La Giostra" das Werk angeregt haben mag, meint Uhde doch, daß der Sinn der Darstellung nicht erschöpft werde, wenn man sie bloß als eine Illustration betrachte, sondern daß sie von einer ebenso einfachen wie tiefsinnigen und großartigen Symbolik erfüllt sei. Er ver- weißt da auf die Mädchengestalt auf der rechten Seite des " von Botti- anderer Augen seine Schönheit sehen und immer wieder muß ich es sagen. Auf den ersten Blick hin übt es ja freilich auf allzu bequeme und komfortverwöhnte Leute von heute nicht die rechte Anziehungskraft, denn noch führt kein geregelter Wagen- oder Automobilverkehr die schöne Waldstraße empor noch muß man selber fröhlich ausschreiten, und wenn man die Höhe erreicht hat, muß man wieder ein paar Serpentinen srch bergab schlängeln, um im einfachen „Roseqqerhof" die ersehnte Stärkung zu finden. Aber schön ist es trotzdem dort oben, herrlich schön, denn e» weht so reiner, frischer Bergesatem, den weder Dampf der Bahnstrecke, noch Rauch von Fabrikschlöten verpesten^ Man steckt nicht zwischen den Bergen, man wandelt «us ehren Schultern, über ihren grünen Micken dahin, überall samtener Moosboden, liebliches Wiesengelünde, sanft ansteigende schöne Wälder mit alten Tannen und Fichten, alles ubervvll von Beeren und Pilzen, überall ein Heller Ausblick tu liebliche Landschaft. Fast auf ebenen Waldwegen geht es nach der Pretu- älpe und ins Gebiet des Wechsels hinüber. Promenaden-» Wege, die die Natur selbst gegeben hat und an denen Menschenhände nur wenig mehr zu bessern hätten. Immer, auch an heißen Sommertagen streicht hier ein frischer Alm- wmd, und wenn die Sommergäste im Mürztal unten halb verschmachten, droben in der Waldheimat ist frisches Ozon zu holen und gutes, kalkfreies Quellwasser. Fm Winter aber breitet sich der Schnee in so vollkom- knener Fülle und Reinheit über Straße, Wiesen, Wald- j iHöijeit und Mulden, bleibt so verläßlich liegen in seiner dichten Schwere, daß nirgends, weit und breit, ein besseres und schöneres Terrain für Wintersport zu finden ist. Tatsächlich lockt dies auch heute schon viele Rodler und Skiläufer hierher, wo sie Gelegenheit zu reichhaltigstem Ber- gstugeu finden, denn während am Semmering z. B. nur einzelne, relativ kleine Plätze zum Rodeln benützt werden können, ist hier, in der Waldheimat, ein unendlich weiter Spielraum für alle Art von Wintersport geboten und über dre prächtige Absteigstraße bis nach St. Kathrein hinab wird das Skirodeln und die Hörnerschlittenfahrt mit frohem .Eifer betrieben. Kein Wunder, daß etliche weiterblickende Naturfreunde? schon seit langem davon träumen, dies schöne Stück Bergland, das ein Davos von Oesterreich werden könnte, für den Weltverkehr einzurichten und zu erschließen. Das schlafende Dornröschen der Steiermark soll zu pulsierendem Leben erweckt werden, die vielen, nach echter Ländlichkeit schmachtenden Großstädter, denen die „berühmten" Kurorte und die „bekannten" Sommer- und Winterfrischen schon zu menschenvoll, zu luxuriös geworden sind, hier sollen sie, bei allem nötigen, in unserer Zeit nicht mehr zu umgehenden Komfort, ein noch unverbrauchtes Stück Berq- uatur finden. So hat man also in kleinem Kreis strebefreudiger Eingeweihter den schönen Plan ausgeheckt hier oben in der Waldheimat ein Hotel nach Schweizer Art zu bauen, einen fixen Verkehr von der Schnellzugsstation Mürzzuschlag nach der Waldheimat einzuleiten und dadurch der schönen Steiermark wieder einen neuen Kreis von Gästen, wieder eine neue, kleine Goldquelle zuzuführen. Ein schöner Plan! Aber jede blühende Idee muß auch den rechten Boden finden, darin sie praktisch festwurzeln kann, soll eilt fruchtbringender Erfolg daraus werden. Und daran fehlt es leider, wie so oft bei uns. Es fehlt an den nötigen Geldkräften, die ein solches Unternehmen beherzt unterstützen, der Wagemut ist gar gering in dieser Richtung, und wo nicht gleich im Handumdrehen ein Riesen- ! gewinn zu erwarten ist, da will keiner einen Einsatz ris- < kieren. , Und dennoch lehrt die Erfahrung, daß in unserer nach i Hochgebirgslust und Sport so mächtig verlangenden Zeit : jedes derartige Unternehmen mit einiger Sicherheit auf 1 Erfolg rechnen darf. In der Schweiz z. B., auch in den : VssmiZchse». * Neber die deutsche Kaiserin läßt sich die ^uriner Zeitung „Momento" von einem Berliner Bericht- erstatter allerlei interessantes erzählen,- deutsche Leser wer- °en sofort erkennen, daß in dieser,CharakterskiM Wahrheit l und Dichtung, Erlauschtes und Erlogenes bunt durchein- andergewurfelt ist. „In Potsdam," so heißt es in dem - ital,eni>chen Blatte — „weiß jedermann, daß die Kaiserin Sommer und Winter um 7 Uhr aufsteht. Um 8 Uhr früh- stüQt sre und zwar immer mit dem Kaiser. Man sagt, daß die Kaiserin noch nie einen Roman gelesen habe, weil es LE.dozu an Zeit fehle. Dafür hat sie aber in musterhafter Wei.e ihre Kinder groß gezogen und mit ihnen, als sie noch Ilern waren, dre Schularbeiten gemacht. Sie leitet das ganze Haus, stickt Fahnenbänder für ihre Regimenter, hält dre mrt zahllosen Uniformen belastete Garderobe ihres Gatten sst.Ordnung und widmet eine Stunde ihres wohl ansqe- fullten Tages dem Klavier. Sie schwärmt nicht, wie der hohe Gemahl, für das Theater, für glänzende Hoffeste, für den Luxus, für die Reisen, ließet- ihr schlichtes, sanft dahin- flreßendes, von echter Religiosität erfülltes Leben führt sre ein Tagebuch, das niemand lesen darf, selbst der Gatte nichts die Tagebuchblätter bilden ein dickes, verschließbares Album, und die Kaiserin gibt den kleinen goldenen Schlüssel nremals aus den Händen. Nach acht Uhr beginnt die Kaiserin zu regiereir — natürlich nur in ihrem Hanse. Unter ihrer Leitung arbeitet das Personal mit militärischer Pünktlichkeit. Der Haushofmeister überreicht die „Menus" für die Mahlzeiten, die die Kaiserin regelmäßig abändert und vereinfacht; sie streicht unerbittlich alle Gerichte, Mei ihre Heimat in Frankreich haben (?), wie sie von den Programmen der Tafelmusik alle Musikstücke ausschließt, die „italienisch klingen" (??). Sie ist nämlich eine unentwegte Verehrerin Richard Wagners. Als sie Kaiserin wurde, ordnete sie an, daß die Mahlzeiten stets nur eine Stunde,^ auch nicht eine Minute länger, dauern sollten. Und sie Ivartete auch mit einem finanziellen Programm auf. Kaisep Wilhelm ist nie besonders sparsam und haushälterisch gewesen; dafür weiß aber seine Gemahlin weit besser zu rechnen: sie läßt sich über alle den Hof und den Hofstaat angehenden Ausgaben Bericht erstatten und macht gar oft größere Mstriche. Das sind — so schreibt der Gewährsmann des „Momento" — die wahrhaft schätzenswerten Tugenden der deutschen Kaiserin." nicht gerade weltberühmten Gegenden, überall, wo nur ein schöner Berg lockt, ein See glänzt, lachende Täler sich dehnen, schießt ein Hotel um das andere empor und alle sind besetzt, alle kommen auf ihre Kosten. Und der Semme- ..^tstand er: nicht auch aus grüner Einsamkeit, an die eist niemand sich wagen wollte - und ist er nicht heute einer der ersten Luftkurorte der Welt?! Und auch sonst M,,^iermark — gibt es nicht allenthalben entzückende Wuuderplatze, die einstmals ungekannt waren und nun HrnMs ■pCei^er emporblühen zum Schmuck und Wohl des ic0 denn hoffen, daß auch mein liebes H^bnbrodel noch ut goldenem Kleide zu Tanz geht, will mmstlich wünschen, daß auch die Waldheimat, das steirische woruroscheu, seinen mächtigen Prinzen findet, der alle durchschneidet mit goldenem Schwert und es wach- kußt für alle Zeit. 1 .. Dichterlippen taten das freilich schon - aber die vermögen leider nicht genug; es bedarf auch eines ganz nüchternen, metallenen Erweckens! " . — 648 Gemäldes, bereit Haar in jngenblicher Wildheit und Unordnung auf den mädchenhaften Busen fällt und die mit vorgestrecktem Oberkörper und nach vorn hastenden Armen aus den Händen eines geflügelten Jünglings zu entweichen sucht. Ihre Augen sind weit geöffnet mit einer Mischung von Angst und Staunen auf das Gesicht des Jünglings gerichtet. Aus ihrem Munde entsprießt ein blühender Zweig. Diese Gestalt deutet Uhde sehr sinnvoll als die Jungfrau, die nichts von Liebe weift. Der symbolische Blütenzweig, der ihrem Munde entsprießt, das in Unschuld getragene durchsichtige Gewand, das von keiner Eitelkeit geschürzte wildflatternde Haar zeigen das junge Mädchen, dem der Sturm und Atem des Dämons der Leidenschaft unbekannt sind. Mit scheuem und erstauntem Auge blickt sie ihm ins Gesicht und. entflieht in Reinheit und Unschuld seinen Armen. Sie steht im Frühling des Lebens. Der schreitet neben ihr her und streut ihr seine Rosen auf den Weg. Auf der linken Seite des Bildes sehen wir sie wieder in der mittleren der drei tanzenden Gestalten als die zur Blüte gekommene Jungfrau. Im Spiele mit den Freundinnen gehen ihr die sonnigen Tage dahin. Da trifft sie der Pfeil des Liebesgottes; die Freude am Tanze versiegt und ihr Auge blickt sehnsuchtsvoll zum jungen Krieger, dessen Hand verlangend nach Ruhm und Genuß greift. Aber gleich wett entfernt vom jungen Mädchen und der herangereiften liebenden Jungfrau, ganz im Mittelpunkte der Komposition, steht das Weib; nachdem es die Liebe genossen hat, ohne Maiin, ohne Gespielin; es neigt sinnend das Haupt, hebt erwartungsvoll die Hand und fühlt voll Ehrfurcht, daß in ihm ein großer heiliger Akt der Natur sich vollzieht, daß, wenn seine eigenen Freuden und Leiden vergehen, sein gesegiieter Schoß künftiges Leben birgt. So Wilhelm Uhdes schöne Deiitung des schönen Werkes. Aiistatt der nicht von Botticelli stammendeti, sondern später eiitstande- nen Bezeichnung des Bildes „Primavera"schlägt er den Titel „Das Mysterium des Weibes" vor. * Der „Mund des Negus". Nasibo, der vom Volk der Mund des Negus" genannte Chef der abessinischen Justiz, hat sich endlich zu seinen Vätern versammelt. Der Verstorbene war der Schrecken des Landes. Wie viele Schuldner hat er gefesselt ihren Gläubigern überantwortet, wieviel flüchtige Sklaven dem Herrn wieder an die Kette geliefert, wieviele Füße und Hände hat er abgehauen und auf wieviele Stirnen von unschuldig Angeklagten hat er auf haltlose Verdachtsgründe hin das Schandmal aufgebrannt. Wievielen der Gotteslästerung Beschuldigten hat er die Zunge herausgerissen, wieviele hat er steinigen, wieviele aufhängeu lassen, bloß weil die Familie des Getöteten die Hinrichtung des Angeklagten der Zahlung des „Blutgeldes" vorzog! Und stets und immer hat Nasibo seines Amtes mit der Feierlichkeit des Priesters gewaltet, der eine heilige Handlung vollzieht. Hatte er dgs Urteil gefällt, so sagte er dem Verurteilten: Nicht Nasibo war es, der also gesprochen hat, sondern der „Löwe von Aethiopien"! Er war nicht ein Mensch, sondern das imfehlbare Organ der Staatsgewalt, der „Mund des Negus". So hatte er jahraus, jahrein die Justiz mit dem Instinkt des äthiopischen Beutemachers geübt. Wer von ihm Gerechtigkeit verlangt, mußte ihm zunächst ein Geschenk machen. Er nahm die Geschenke und sprach dann mit ausgiebiger Grandezza das Urteil. Oft genug geschah es, daß die verurteilte Partei entrüstet einwandte: „Ja, ich habe dir doch das und das gebracht." Worauf Nasibo mit unerschütterlicher Würde erwiderte: „Du hast der äthiopischen Justiz die schuldige Erkenntlichkeit bewiesen. Das war dir Bedürfnis, und es war dein freier Wille, zu tun, wie du getan. Aber Recht muß Recht bleiben." * Eine Ueberraschung. In „Wild und Hund" erzählt Dr. v. Ahlefeld: Als vor acht Tagen eine in dem benachbarten Dorfe S. wohnende Bauersfrau morgens 8 Uhr in einen kleinen Stall, der unmittelbar an den Schweinestall grenzt, trat, in dem außer einigen Geräten nur etwas altes Stroh lag, gewahrte sie einen größeren, sich bewegenden schwarzgrauen „Klumpen." In der Annahme, daß der nachts lose umherlaufende Hofhund „Ami" sich dort sein Quartier aufgeschlagen, trat die Fran näher hinzu und bemerkte, daß statt „Ami" ein Wildschwein dort sein Lager aufgeschlagen hatte. Bei näherer Besichtigung entpuppte sich die Sau als eine ill/z jährige stark abgekommene Bache. Die nähere Untersuchung der Bache, Sie jegliche Scheu abgelegt hat, sich wie ein Haustier streicheln läßt und das gereichte Futter gierig aufnimmt, ergab, daß sie vor nicht zu langer Zeit mit „Posten" angebleit war, der Oberkiefer war quer durchschossen und dicht unterhalb der Drossel befand sich eine fast verheilte Wunde, von einem Posten herrührend. Die Bache halte beim Atmen und Schlingen Schmerzen, und man muß wohl annehmeu, daß diese zweifellos sehr bedeutenden Beschwerden sie veranlaßt hatten, menschliche Hilfe aufzusuchen. Sie war in der Nacht, von Feldern kommend, durch die zufällig offen gebliebene Hoftür quer über den Bauernhof in den erwähnten Stall gewechselt, ohne daß der frei umherlaufende „Ami" von ihr Notiz genommen hatte. — Künstlerische Monogramme. Es gibt wohl ungezählt viele Monogramme, ein wirklich gutes Monogramm aber ist eine Seltenheit. Der Grund hiervon liegt darin, daß es durchaus nicht leicht ist, die hier gestellten Forderungen zu erfüllen. Es kommt dabei nicht so sehr darauf ,au, daß die einzelnen Buchstaben sofort leicht zu entziffern sind, als daß das Ganze so eigenartig gestaltet ist, daß es sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägt und ein damit gezeichneter Gegenstand sofort von anderen ähnlichen zu unterscheiden ist. Das bekannteste klassische Beispiel, eines guten Monogrammes ist wohl das Albrecht Durers. Bon der großen Masse minderwertiger und unzweckmatzi- qer moderner Monogramme unterscheiden sich vortem)aft die im Oktoberheft der „Deutschen Kunst und Dekoration (Verlagsanstalt Alexander Koch—Darmstadt) veroycm- lichten ea. 100 Monogramme von Behrens, Rigg, Ehmte, den Wiener Künstlern etc. Hier ist eine reiche Fundgrube der Anregung für Kunstgewerbler und die kunstliebende Frauenwelt. Im übrigen Teil enthält das Heft die Arbeiren aus der „Wiener Kunstschau", darunter graphische Arbeiten und Stickereien, eine Veröffentlichung über ca^ Eigenhaus Muthesius, moderne Bildnis-Photographien, künstlerische Besuchskarten etc., im ganzen ca. 200 zum Teil ganzseitige Abbildungen. An- und Einsichten. Geheimnisvoll am lichten Tag, r Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und nut 0 ai Schrauben. •----—z Ooerhe. Silbenrätsel. . . ei, da, dorf, eu, frei, frey, gen. bar, bi ir len, m, mo, 'not, m, M nk, nol, o, o, ph, rat, re, sch, si, tat, tho, u, um, vei, . Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen neun Mader gebildet und derart untereinander gefetzt werden,. daß die dwang. bnchstaben von oben nach unten mib die Eudbuch stabe ui nach oben gelesen ein Sprichwort ergeben. ES bedeuten aber einzelnen Wörter folgendes: . 1. Eine Unterrichtsanstalt. 2. Geschichtlich bekannten Ort. 8. Stadt in Westfalen. 4. Strom in Vorderasiem 5. Nützlichen Gegenstand. 6. Eiii Musikinstrument. 7. Nordanierikanischen Freistaat. 8. Mittelhochdeutschen Dichter. 9. Französischen Staatsmann. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Streben — Sterben — Erben. Redaktion: E. Auderion. — Rotationsdruck und sßerlaa der Brühl'ichek UntversilälS-Vuch- und Steindruckereh R, Lange, Gießen.