W M sTJiäii! IW y M iiikUMM U^^MW John Darrows Tod. . Roman von Melvin L. Sev^ry. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) III. Rama Ragobahi Erstes Kapitel. Wir waren übereingerommen, das; Florence bis aus weiteres bei meiner Schwester und mir in meinem Hause bleiben sollte, und trotz ihres großen Schmerzes erwies dieser Wechsel der Um- tzebung sich als sehr wohltätig. Sie zeigte eine bewundernswerte Fassung, auch bei dem Begräbnis ihres Vaters, das zwei Tage darauf stattsand. Freilich wirkte ein besonderer Umstand mit, um ihre Gedanken für Augenblicke von ihrem großen Verlust ab- zulenken. Dieser Umstand !var eine plötzliche Erkrankung Maitlands. Er hatte in seinem Forschungseifer wohl die nötige Vorsicht bei der von ihm vorgenommenen Untersuchung außer acht gelassen und sich eine Blutvergiftung zugezogen, die, sich rasch verschlimmerte. Schon am Tage vor dem Begräbnis ließ er mir sagen, daß er sich unwohl suhle und daß ich ihn bei Florence entschuldigen solle, wenn er der Totenfeier nicht beiwohnen könne. Sofort ging ich zu ihm und fand ihn sehr viel kränker, als ich vermutet hatte; sein rechter Arm tvar furchtbar angeschwollen und das Fieber beängstigend hoch Im Laufe der folgenden Tage verlor er die Besinnung, und ich mußte im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Tode um sein Leben kämpfen. Florence war von seiner Krankheit tief erschüttert; sie wartete mit Bangen auf jede Nachricht, die ich ihr sandte. Vor dieser Sorge trat sogar die Frage nach ihres Vaters Mörder in den Hintergrund, so ungünstig es auch ioar, daß wir gerade jetzt unseren klügsten Helfer für die Nachforschungen eingebüßt hatten, und obwohl unvermutet ein neues Ereignis eintrat, das wohl geeignet war, Florence abermals furchtbar zu erregen. Ein paar Tage nach dem Begräbnis ihres Vaters war sie noch einmal gegen Abend in ihre bisherige Wohnung gegangen, um einige Kleinigkeiten zu holen, die sie vergessen hatte. Ich ivar bei Maitland, und auch meine Schwester war durch dringende Geschäfte verhindert, sie zu begleiten. So ging sie ganz allein in das völlig vereinsamte Haus, — auch die Dienerschaft war bereits entlassen worden. Florence l-atte alles, was sie mit sich nehmen wollte, auf dem Tische des Wohnzimmers zusammcn- gelegt und wollte nur noch einen Gegenstand, der ihr einsiel, dazu tun: ein Kabinettbild ihres Vaters. Es stand auf dem Klavier in dem Zimmer, ivv er seinen Tod gefunden hatte. Sie kannte den Fleck genau und hätte es mit einem Handgriff fassen können, auch wenn es völlig dunkel gewesen wäre. Sie ging daher, ohne ein Licht zu nehmen, in das fragliche Zimmer. Ein schwacher Dämmerschein erhellte noch die Fenster und füllte den Raum mit jenem unbestimmten, fahlen, gespenstischen Lichte, das alle Gegenstände so flach und verschwommei: erscheinen läßt und die Einbildungskraft zu den wunderlichsten Phantasien anregt. Als Florence vor dem Bilde ftapd, Hatte sie plötzlich das Gefühl, als wäre ihr Vater hinter ihr, genau an der Stelle, >vo er an dem Abend seines Todes gesessen hatte, und als würde sie, wenn sie sich umwendete, ihn wieder sehen, wie er sich mit der Hand an die Kehle fuhr, während seine Augen aus ihren Höhlen springen wollten und seine Mienen einen unvergeßlichen Ausdruck ent-, letzter .Hilflosigkeit zeigten. Obwohl Florence vorurteilsfreier und weniger abergläubisch war, als viele andere ihres Geschlechts, so kostete es sie doch eine Anstrengung, sich umznwenden und in die Mitte des Zimmers zu blicken. Ein matter, unbestimmter Lichtschein traf gerade den Stuhl, auf dem der Tote gesessen hatte, und flackerte unsicher durch den Raum; zugleich kam cs ihr vor, als dringe ein schwacher raschelnder Ton von der westlichen Zimmerseite her an ihr Ohr; auch hatte sie die deutlich- Empfindung, als zische etwas, wie wenn sie von einem heftigen Luftzug getroffen wurde. Sie war, wie gesagt, von Natur nicht abergläubisch, aber es lag doch etwas in dem Dämmerlicht und in der Oede des Hauses, zumal in diesem verhängnisvollen Raume mit seinem unentschleierten Todesgc^ heimnis, das im Verein mit ihren unerklärbaren Wahrnehmungen und der instinktiven Ueberzeugung von der AMvesenhcit eines unsichtbaren Wesens auch Florence krampfhaft ihre Hand auf ihr klopfendes Herz pressen ließ. Zum erstenmal in ihrem Leben kämest ihr alle schreckhaften Ausgeburten der Dunkelheit zum vollen Be- wußtsein, und sie verstand nun, was ihr Vater gefühlt hatte. Aber in einem Augenblick hatte sie auch schon den ersten un<- willkürlichen Schrecken abgeschüttelt und gab der Ueberlegung Raum. Fanden nicht der Klang, den sie vernommen, und der Zug, den sie gefühlt, ihre einfachste Erklärung in einem offenen Fenster? Sie wußte in der Tat, daß sie alle Fenster des Zimmers, nachdem es nach dem Begräbnis gelüstet worden, geschlossen und verriegelt hatte, und es war ihr nichts davon bekannt, daß jemand inzwischen hercingekommeu war, aber sie sagte sich, es könne trotzdem einer von der Dienerschaft ohne ihr Wissen ein Fenster geöffnet haben. Sie blickte sich um. Die untere Scheibe des ösh- lichen Fensters, durch das, wie sie nicht zweifelte, ihren Vater der Tod erreicht hatte, war hinausgeschoben. „Wie gut," murmelte sie, „daß ich es noch bemerkt habe." Sie war jetzt ihrer Sache so gut wie sicher und trat zum Fenster, um cs zu schließen. Als sie aber beide Hände aushob, um die Querleiste der hinausgeschobenen Scheibe herunterzuzichen, packte ein starker Arm von außen das Holz und eine riesige Mäimcr- gestalt richtete sich vor ihr empor. Infolge seiner ungetvöhnlichen Größe befand sich der Kops des Fremden säst in derselben Höhe wie der ihrige, obwohl der Mann draußen auf dem,tiefer gelegenen Erdboden stand. Er war ihr so nahe, daß sie seinen Atem in ihrem Gesicht fühlte, und ein unheimliches, drohendes Licht flammte ihr aus seinen Augen entgegen, die wie glühende Kohlen leuchteten. . Beim ersten Auftauchen dieser schrecklichen Erscpemung wmr sie die Beute einer augenblicklichen Schwäche, und sic klammerte sich mit beiden Händen an das-Fensterholz, um nicht $11 fallen. Dann aber bannte das wunderbare Feuer dieser wilden boshaften Augen ihren Blick. Sie zitterte nicht mehr. Unsere Todesfurcht entspricht naturgemäß unserer Lebenslust. Noch ganz betäubt von einem großen Kummer, sorgte Florence wenig um ihr eigenes Geschick. Die Zukunft schien ihr eine schwere Wirde auszulegen, und wenn sie diese jetzt für immer abwersen konnte, so lag für sie sogar etwas Tröstliches in diesem Gedanken. Während diese UcBerlegnng schattenhaft über ihr Bewußtsein flog, fühlte sie sich unwiderstehlich von dein schrecklichen Menschenantlitz vor ihr an- gezogen. Der Blick des Mannes schien den ihren so sehr in Fesseln zu schlagen, daß sie die Augen nicht mehr abwenden konnte. Da sie aber noch so viel Bewußtsein hatte, sich 51t sagen, sie drohe diesem Zauber zu unterliegen, so nahm sie den ganzen Rest ihrer Kraft zusammen, um ihn zu brechen. Rasch wie eilte druckbefreite Feder aufschnellend und ohne sich durch die geringste Zuckung vorher zu verraten, warf sie sich mit ihrem ganzen Körpergeivicht auf das Fensterholz-, um es niederzuziehen. Diese plötzliche Bewegung weckte den Mann aus seiner drohenden Erstarrung: im ersten Moment fuhr er unwillkürlich ein wenig zurück, um gleich darauf mit blitzähnlicher Geschwindigkeit ein großes Messer zu ziehen und gegen Florence zu zücken. Dabei hatte feilte Hand aber den Fensterrahmen frei geben müssen, und während Florence -das erhobene Messer funkelnd niederfahren sah, gelang es ihr im selben Augenblick, das Fenster herabzuziehen. Sie hörte, ioie der Stahl abgleitend mit furchtbarer Gewalt in das Holz der Fensterbank eindrang, gleichzeitig aber hatte sie auch schon die schwere hölzerne Jalousie, die sich von innen dirigieren ließ, niedergelassen und so ein starkes Bollwerk zwischen sich und dem Mörder geschaffen. Die anderen Fenster konnte sie rasch. in gleicher Weise verwahren, worauf sie auch trotz der plötzlichen völligen Dunkelheit durch den wohlbekannten Raum zur Türe eilte, um sie zu verschließen. Dann suchte sie mit den Händen einen Stuhl, der in der Nähe stand, und sank in halber Ohu- uiacht darauf nieder. Es dauerte geraume Zeit, bis Florence wieder einigermaßen Herriu ihrer Sinne wurde, und sie erzählte mir nachher, daß ihr auch dann das Ganze mehr wie ein böser Traum und eilte Ausgeburt ihrer überreizten Phantasie erschienen sei. Schließlich ward ihr aber klar, daß es sich um ein tatsächliches Erlebnis handle und zwar um ein so wichtiges, daß sie davon sofort Mitteilung machen müsse. Sie überzeugte sich vorsichtig von einem der anderen Zimmer aus, daß die Straße frei iei, und als gerade eilte größere Gesellschaft von harmlos plaudernden Menschen vorbeikam, trat auch sie aus dem Hause, unk zu mir zu eilen und mir zu erzählen, was geschehen war. Ich meinerseits benachrichtigte sofort die Polizei, und diese stellte ohne Verzug auf Grund von Florences Beschreibung die sorgfältigsten Nachfor- schnitgen an. Fräulein Darrow hatte mir gesagt, ihr Angreifer habe, soweit sie es hätte erkennen können, dunkle Hautfarbe, aber glattes Haar gehabt und Züge, die mit deut Negertypus wenig gemein hatten. Dies und seine große Körpcrgcstalt war alles, was Florence der Polizei augeben konnte, und diese Anhaltspunkte erwiesen sich als ungenügend. Zwar fanden sich unter dem Fenster im weichen Boden die Spuren von ein paar uicrk- würdig kleinen Füßen, — diesmal jedoch ohne die viereckigen Bretter, die Herrn Darrows mutmaßlicher Mörder getragen hatte, -- auch waren sie noch durch den Garten zu verfolgen, verloren fich aber dann auf der angrenzenden Wiese. Wenigstens war die Polizei nicht imstande, zu ermitteln, wohin der Mann gegangen war, der Florence bedroht hatte. Alle Nachforschungen erwiesen sich als erfolglos, Maitland, der uns vielleicht hätte helfen können, war schwer krank, auf die Herren Osborn und Allen zählten wir ohnedies kaum mehr. Unsere einzige Hoffnung war, daß Herr Godin mit der Zeit doch noch tüte Spur finden würde. Wir selbst fühlten uns durch Maitlands Krankheit in eine traurige Untätigkeit versetzt, die uns angesichts jenes neuesten Ereignisses doppelt bedrückte. Für mein Empfinden lag es mir ob, Maitland nach Kräften zu ersetzen, und so zerbrach ich mir den Kopf, ob ich nicht irgend etwas unternehmen könne, um unsere Sache zu fördern. Endlich kam ich zu einem Entschlüsse, den ich Florence mitteilte. Nach den Auszeichnungen des Verstorbenen zweifelten wir kaum, daß Ragobah der Mörder sei. Hier suchten wir ihn vergeblich, — war es da nicht vielleicht möglich, aus dem Umweg über Bombay etwas Neues über ihn, sein Leben und seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort zu ermitteln? Tie Hoffnung darauf war gering, ich sah es ein, aber es war der einzige Weg, der sich mir zeigte. Die Adresse des Herrn Siddons war in unseren Händen, et war nach den Aufzeichnungen des Toten mit der Sachlage genau vertrant, war ein treu ergebener Freund des Herrn Darrow gewesen, — ich brauchte ihn durch ein ausführliches Telegramm nur um seine Hilfe zu Bitten und durfte dann mit Sicherheit auf ihn rechnen. Florence war gleich mit mir einverstanden, als ich ihr diesen Plan mitteilte, und noch am selben Tage sandte ich dasTelegrauim an Herrn Siddons ab. Am nächsten Tage traf eine Antwort ein; sie lautete: „Sehr traurig über Darrows Tod. Werde mein möglichstes tun" So wußten wir wenigstens, daß jetzt im fernen Indien ein Freund für uns tätig war, und cs blieb uns nichts übrig, als geduldig abzuwarten, was er uns melden würde. Diese Wartezeit ivurde uns lang, doch beschäftigten mich Maitlands Krankheit und die Sorge um ihn in den ersten Wochen noch fo sehr, daß für andere Gedanken nicht viel Raum blieb, und ich fah deutlich, wie sehr auch Florence davon hingenommen war. Als er sich endlich genügend erholt hatte, um nicht mehr zu sehr dadurch aufgeregt zu werden, erzählten wir ihm von der unheimlichen Begegnung, die Florence im Sterbezimmer ihres Vaters gehabt hatte. Zuerst wurde Maitland bleich vor Schrecken über die Gefahr, in der Florences Leben geschwebt hatte, dann versank er für geraume Zeit in tiefes Nachdenken und sagte endlich: „Daß dieser große Schuft_ Ragobah gewesen ist, scheint mir sicher, aber cs reimt sich mir mit dem Vorhergehenden nicht zusammen. Wenn er Herrn Darrow ermordet hat, so war seine nächste Aufgabe, sich so rasch als möglich in Sicherheit zu bringen. Statt dessen spukt er an der Stätte des Mordes umher wie ein Gespenst, — das ist so unvernünftig, daß ich mirs nicht erklären kann." Auch ich fühlte das Unlogische dieser Tatsachen und vermochte sie so wenig aufzuklären wie Maitland selbst. Darum berichtete ich ihm rasch von den Schritten, die ich in Bombay getan hatte, und ich hatte die Genugtuung, daß Maitland sich mit meinem Tun vollkommen einverstanden erklärte. Ja, von dieser Stunde an wartete er noch ungeduldiger als Florence und ich auf eine Nachricht von dort. (Fortsetzung folgt.) ttirche und Schule in Matzenborn -Steinberg - Garbenteich im 1(7. Jahrhundert. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.) Die Pfarrei Watzenborn besitzt in ihrer Registratur zwei alte Urkunden*) aus dem 17. Jahrhundert, das „Sal- b n ch der Kirchen, Pfarr, Gotteskasteu und Schule zu Watzenborn und Steitlberg....... beschrieben und auf gerichtet durch Joh. Georg Weißen, Pfarrer daselbst und Heinrich Römern dermahligen Castenmeister. Geschehen im Jahre Christi unseres Erlösers 1683", sowie das Saalbuch von 1698. Die Urkunden enthalten meistens Verzeichnisse über die an den Pfarrer, den Gotteskasten und die Schule zu leistenden Pensionen (Zinsen) von ausgeliehenen Kapitalien, sowie ferner über Pachtgelder, Abgaben für Wachs (Kerzen, wohl zu kirchlichen Zwecken) Naturalleistungen au Frucht von den seitens der Einwohner von Watzenborn, Steinberg und Garbenteich in Benutzung befindlichen Psarräckern und Wiesen. Die ersten Seiten der älteren Urkunde enthalten die Namen der in Watzenborn amtierenden Geistlichen von 1667—1843, meist in der damals üblichen latinisierten Form. Daneben finden sich Bemerkungen über allgemeine Kirchen-und Schulverhältnisse, die wertvolle kulturgeschichtliche Beiträge zum 17. Jahrhundert liefern. Bezüglich der Herleitung des Namens Watzenborn (Wazzoborn, Wazzonisborn) hat man sich in allerlei Vermutungen ergangen. So glaubte man ihn von einem Edlen Wazzo, der an dem an Brunnen reichen Ort gewohnt hätte, ableiten zu sollen, eine Annahme, die durch keinen Beleg gestützt werden kann. Der Ort Watzenborn ist um 1129 zur Zeit, als Clementia, Gräfin von Gleiberg, das Kloster Schiffenberg stiftete, erbaut worden. 1145 hat Erzbischof Albero von Trier diese Gemeinde der Kirche zu Schiffenberg zugewiesen. Steinberg ist später entstanden, vermutlich durch die Bewohner des am „Obersteinberg" gelegenen, nachmals eingegangenen Ortes Lotthen. In politischer Beziehung gehörten Watzenborn und Steinberg den Landgrafen von Hessen und lagen im sogenannten „Hüttenberg" und gehörten zum Gericht Steinbach. In kirchlicher Beziehung gehörten Watzenborn bis zur Reformation als Filiale von Schiffenberg zum Erzbistum Trier, zum Archidiakonat Dietkirchen und zum Dekanat Wetzlar. Watzenborn-Steinberg hatten keinen eigenen Gottesdienst, sondern seine Bewohner mußten zur Mutterkirche nach Schiffenberg gehen. Sie hatten daher seit 1175 zur Unter» *) Die Urkunden konnten durch das gütige Entgegenkommen des Herrn Pfarrer Sommerlad zu Matzenborn vom Verfasser Benutzt werden. 435 — Haltung der Mutterkirche beizutragen. Den Gottesdienst besorgten bis 1323 die Augustiner-Chorherren, mit denen das Kloster besetzt war. 1323 wurde das Kloster Schifsenberg dem deutschen Orden übergeben. Nach der Reformation waren die Geistlichen zn Schiffenberg nicht mehr Glieder, des Ordens, sondern Pfarrer des Cointhurs und wohnten später zu Steinbach, von wo sie den Gottesdienst zn Schiffenberg und in den Filialen zu besorgen hatten. Das seit 1162 zu Watzenborn bestehende „Capelchen" wurde 1584 für den Gottesdienst eingerichtet und erhielt zwei Mocken. Um diese Zeit wurden auch die sogenannten „heiligen Wiesen" gestiftet, die 1690 Eigentum des Pfarrers wurden und aufhören, Kirchengut zu sein. 1624 wurde mit dem Umbau der Kirche begonnen, in dem auch das seither bestehende „capelchen" cingezogen wurde, dessen Vollendung sich jedoch bis 1650 verzögerte. Diese Verzögerung trat ein durch die verderblichen Wirkungen der Pestjahre sowie durch die Wirren des 30 jährigen Krieges, in dem namentlich 1645 der Ort durch hessische (kasselsche) und weimarische Kriegsvölker arg verwüstet wurde, da bekanntlich die Landgrafen von Hessen-Darmstadt auf Seiten des Kaisers standen. Adlige Fanrilien (so wahrscheinlich Konrad v. Arnsburg) waren znn: Zehnten in Watzenborn berechtigt; ein Zehnte heißt noch jetzt der „Junkerzehnte". Das Kloster Schiffenberg bezog Geld- und Fruchtzinsen aus Watzenborn und forderte Beiträge zur Unterhaltung seiner Gebäude. Dagegen hatten die Watzenborner Bewohner das Recht, „Urholz" im Schiffenberger Klosterwald zu holen. Diese Watzenborner Holzgerechtsamkeit führte zu Streitigkeiten mit Schisfenberg zur Zeit, als das Kloster an den deutschen Orden kam. Vergebens wurden 1492 bei einem Grenzritt Unterhandlungen > in dieser Angelegenheit geführt, die sich aber wie auch i. später 1564 und 1580/83 zerschlugen. Dazu kam noch, daß Philipp der Großmütige seit der Reformation der Commende Schiffenberg Gerechtsame und Ländereien entzog, so daß der deutsche Orden nicht günstig über das Land Hessen dachte und seinen Bewohnern nicht wohl gesinnt war. Das kirchliche Verhältnis von Watzenborn zn Schisfenberg löste sich immer mehr. Daher befahl 1607 Landgraf Ludwig V. von Hessen die Trennung von Schiffenberg und erteilte dem Superintendenten Victor zu Meßen die Weisnng, in Watzenborn eine eigene Kirche aufzurichten. Zur Besoldung des neuen Pfarrers war auch bereits ein freies Kirchengut, in Garbenteich gelegen, vorhanden. Da jedoch die Bestellnng des Landes wegen der weiten Entfernung von Watzenborn zu viel Beschwerden verursachte, wurde das betreffende Kirchengut um 1000 fl. verkauft, wovon 200 fl. in den Gotteskasten (Kirchenkasse) fielen. Von den testierenden 800 fl. Kapital sollte der neue Pfarrer j jährlich 40 fl. Pension (Zinsen) beziehen. Diese Zinsen < waren jedoch immer schwer einzutreiben, da die einzelnen > Kapitalien meist an Witwen und arme Leute ausgeliehen , waren. Zu diesem Gute in Garbenteich kam ein weiteres am sogenannten „oberen Steinberg", welches „zum capelche (wie man diese kirch damals genant) von einem vom Adel ist legiret und vermacht worden." Auch dieses zweite Gut wurde wegen der Schivierigkeit der Bewirtschaftung an Ein- wohner von Leihgestern „verlehnt". Die Benutzer dieses Gutes urußten jährlich „etlitz an körn und Hasser davon entrichten; es haben aber diese lehnlente dem Hr. Pfarrer mit so schlechter frucht bezahlet, daß er gemüßigt worden, solche frucht seinem Vorgesetzten, Herrn Superintendenten zu zeigen, der es bei der damaligen Herrschaft erhalten (bewirkt), daß solches Gut auch feil geboten, vnd Gebhard Walthern einwohnern zu Steinberg und etliche seiner eon- sorten umb 1000 fl. verkauft worden ist." Die seitherigen Lehnsleute von Leihgestern beriefen sich aus ihr Vorkaufsrecht und setzten es durch, daß ihnen das betreffende Gut nm „Obersteinberg" um 200 fl. billiger, also für 800 fl. , Kaufpreis überlassen wurde. Statt der früheren Natural- * lieferungen sollten sie nun von den betreffenden Aeckern und Wiesen eine Pension (Zins) in Geld zu leisten haben. Der Pachtzins ging jedoch spärlich ein, da viele Inhaber verstorben oder verzogen waren, so daß die Aecker oft herrenlos oder unbebaut dalagen. So heißt es in dem Zinsregister: „Zwantzig fl. hat Joh. Gerbrechter Wtwe. zu leihgestern. (Ist etliche jahr flüchtig gewesen nach ihres mans tod.) Nachdem sie nun wider kommen, war sie zur Verfertigung einer Verschreibung (Ueberschreibung) genötigt worden." Der Zins von einem Acker im Werte von 76 fl. dreh Thornus von Peter Vettern zu Leihgestern mit jährlich 3 fl. 22 albus (1 alb. = 8 Pf.) „blieb dem Pfarrer von vielen Jahren aus, da dieser Belten vor 40 Jahren gestorben" und die Lage des Ackers und das Eigentumsrecht der Pfarrei nicht mehr festgestellt werden konnte. Weiter heißt es: „Hundert und vierzehn Gulden ist Phil. Vogel zu Leihgestern der Pfarrei fchnldig laut Versicherung (Obligation, Hypothek). Dieser ist ebenfalls vor langen Jahren gestorben, hat Kinder gehabt, die aber aus der gemein hinweg gezogen und die guter liegen lassen.... können auch bis dato nicht erforscht werden, sonderlich auch weil die anlieger unbekant und lengst auch verstorben sein, bleibt also diese Pension (nemblich 5 fl. 18 alb. 6 ^) wie die vorige von vielen Jahren aus." Wie aus den vorstehenden Einträgen ersichtlich, waren die Einkünfte an Zinsen ans den verkauften beiden Kirchen- gütern, etwa 80 fl. jährlich, sehr zweifelhaft. Dazu hatte der Pfarrer nicht das genügende Brot für seinen Haushalt, da er nur wenig Land hatte; denn „von den 2 achtel Malter Frucht, die er zu Garbendeich bekombt, wie auch von den 2 achtel Malter Korn aus der „neuen Mühle" (die jetzt noch besteht), hette er sich kaum ein Vierttheil Jahr in der Haushaltung ausbringen (durchbringen) können. Diesem nun zuvorzukommen, haben die beiden Gottescasten aus dem Hospital zu Gießen 60 fl. entlehnt und davor von einer Wittib allhier (Watzenborn), Eva Happelin genant etliche beschwerte (mit SfiigaBeit belastete) guter etwa 5 morgen äcker und etliche wißpläcklein (die allzusammen über einen Karn voll Heu nicht ausmachen) er tauff et; auf diesen gutem hat nun der Pfarrer sein brot suchen vnd Ziehen sollen, welches aber nicht geschehe,: können, daher der gute mann als mit vielen Kindern gesegnet in gros armuth geralhen, daher auch nicht länger hie bleiben können, sondern ander- wertsliche Dinst gemacht vnd gefunden vnd sein leben daselbst beschlossen." (Schluß folgt.) * ueber einen eigenartigen Studenten-, ulk lassen sich die „Münchn. N. Nachr." aus Erlangen berichten: Vier fidele Würzburger Studenten haben,: angetan als Pfälzer Dorfmusikanten und ausgerüstet mit einen: picksüßen Hölzl, zwei Geigen und einem Bombardon,- eine Kunstreise von Würzburg nach Erlangen unternommen. In allen Ortschaften, die sie in den zehn Tagen ihrer Tournee zu Fuß durchwanderten, gaben sie ihr reiches Programm stilecht zum besten, klopften bann ebenso stilecht die Ortschaften ab und gewannen so ihren Unterhalt.- Hier gaben sie noch gratis einige Konzerte zum besten — eins int Flußbad int Adamskostüm — und dampften dann, von hiesigen Kommilitonen zur Bahn geleitet und sich selber mit dem „Muß i beim zum Stäbtele naus" zur Bahn spieleub, wohlgemut ttnb ihres Kunsterfolges frc', vergangene Nacht nach Würzburg zurück. * Der Tob einer Kirche. Aus Jena wirb geschrieben: Ein Kirchlein buchstäblich zu Grabe zu leiten/ bas kann nur bei Jenaer Studenten vorkommen. Steht da noch die alte Spittelkirche, baufällig, nicht mehr benutzt, ein Wahrzeichen aus vergangenen Zeiten. Im Gemeinderat der Stadt gabs heftige Kämpfe: die Heimatschutz-Leute waren für die Erhaltung, die nüchternen Praktiker wollten sie als Verkehrshindernis beseitigen. Nun ist das Geschick des Kirchleins entschieden: es wird fallen. Das ging der Burs ch e n s ch a f t A r minia, die in diesem Semester über viele Leute verfügt, ganz besonders nah. Sie veranstaltete einen Trauerzug. Drei Bannerträger trugen das umflorte Bild der Spittelkirche, es folgte ein Kaffeekränzchentisch betrübter und betagter Spitalinsassinneu. Der nächste Wagen versetzte der gegenwärtigen Gemeinderats- ersatzwahl einen Seitenhieb: über den miteinander streitenden Nationalliberalen und Natioualsozialen thront als Sieger der tertius gaudens mit der Ballonmütze. Im Landauer folgen als „zwei dicke Freunde" die beiden Herren — getreulich imitiert —, die sich beim Kampf um das Geschick des Kirchleins am heftigsten entgegengetreten waren, und während der ganze folgende, fchwarzbehandschuhte 436 — Trauerzug der Burschenschaft die ernstesten Gesichter zeigte, lachte rings das Publikum. An der Kirche selbst wurden dann zündende Ansprachen gehalten, bei denen die entgegengesetzten Standpünkter mit Emphase vertreten wurden. Dann aber: der Knalleffekt. Einige Männer zogen an dem Seil, das um das Türmchen gelegt war . . . ein Wanken, ein Knistern. . . ein Krachen; der Turm fällt. Schutt, Staub und allgemeines Hallo sind das Ende des Stndentenstreichs. * Die Geißler. Aus Rom wird berichtet: Bei Bittprozession en in Bari durchlief ein Zug von 30000 Menschen schreiend, klagend und sich geißelnd wie mittelalterliche Flagellanten die Stadt. Vorausgetragen wurde ein „wundertätiges" Christusbild, das Regen schicken sollte. Die Bevölkerung der Stadt bildete Spalier. Z w e i P r o f e s s o r e n, die den H u t n i ch t a b n a h m e n, wurden mißhandelt. Die Prozession wurde durch eine Traumerscheinung verursacht, die ein dreizehnjähriges Mädchen hatte. Diesem erschien die Madonna, die Regen verhieß, aber die Bedingung stellte, daß alle Frauen die Kämme vom Kopfe nehmen und mit aufgelösten Haaren an einer Prozession teilnehmen sollten. Dies geschah, und Bari' böt während der Riesenprozession ein überaus eigenartiges Schauspiel; überall knieten Tausende von weinenden Frauen mit flatternden Haarsträhnen. Die Szenen, die sich beim Umhertragen des Wnndcrkruzifixes abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Zuerst ging denn auch unter srenetischem Jubel des Volkes ein kurzer Platzregen nieder. Dann aber fiel kein Tropfen mehr, und vergebens suchte das Volk durch Gebet und Klagen, ja durch Drohungen ein weiteres Wunder vom Himmel zu ertrotzen. * Das Baby als Postpaket. Wer hätte nicht schon mit Bedauern beobachtet, wie bei den sonntäglichen Ausflügen todmüde Väter mit ihren halb eingeschlafenen Kindern auf der Schulter nach Hause keuchen? Ein Arbeiter von Birmingham, der kürzlich mit seinem kleinen Kind einen Sonntagsausflug unternahm, hat sich durch ein probates Mittel aus der Klemme gezogen. Es war dem Mann sehr spät geworden und er fürchtete, daß er am andern Morgen nicht rechtzeitig zur Arbeit kommen würde. Was tat er also? Er ging mit seinem Baby zum Postamt und expedierte es für 75 Pfennig, soviel beträgt die Taxe für „lebende Tiere". Angeblich ist das lebenße Paket gesund und wohlbehalten in Birmingham angekommen, aber ob die Mutter sich auf die Dauer mit dieser Art der Beförderung einverstanden erklärt, scheint doch fraglich. * Eine Schmetterlingsplage. In ganz Italien sind die Schmetterlinge in Unmassen aufgetreten. Durch einen großen Schmetterlingsschwarm ereignete sich in Florenz ein ganz, eigenartiger Unfall. Die Schmetterlinge ließen sich zu Tausenden auf dem Straßenpflaster nieder uni) die Wagen der elektrischen Straßenbahn überfuhren die in den Schienen zu Hunderten angesammelten kleinen Tiercherl. Selbstverständlich wurden die Schienen dadurch schlüpfrig, und die Wagen gehorchten den Bremsvorrichtungen nicht mehr. Zwei Wagen der Bahn fuhren um Mitternacht auseinander, wobei die beiden Lenker und viele Passagiere verwundet und sämtliche Fensterscheiben der Wagen eingedrückt wurden. Das Reinigen der Schienen von den Schmetterlingen war unmöglich, da immer neue Schwärme herankamen. * Was ein Kuhmagen vertragen kann. In dem Magen einer von einem Fleischermeister in Ratibor geschlachteten Kuh wurden acht große Nägel, vier breite spitz zulaufende Glassplitter, zwei Kieselsteine und ein Stück Draht gefunden. Die Kuh war dabei kerngesund. . * Vom Altar zur Hinrichtung. Aus Lodz wird der „B. Z. et. M." geschrieben: Eine ergreifende Hoch- zertsfeier fand dieser Tage auf dem Gefängnishofe statt. Der wegen mehrfacher anarchistischer Expropriationen und sonstiger Vergehen zunl Tode verurteilte Ladislaus Glasch- kowski führte seine Geliebte, die 23 Jahre alte Kschiminska, um das ihrem langjährigen Verkehr entsprossene Töchterlein zu legitimieren, zum Altar. Der Bräutigam, der in schweren Ketten und unter starker Bedeckung vorgeführt wurde, bewahrte während der Zeremonie vollständig seine Ruhe und tröstete die junge Mutter seines Kindes. Sofort nach der Beendigung der Zeremonie mußten die Hochzeits- gäste mitsamt der schluchzenden Braut den Gefängnishof verlassen, und einige Stunden später wurde an dem jüngsten .Ehemann das Todesurteil vollstreckt. Graf Zeppelin. Den Siebzigjährigen feiert I. V. Widmann tu begeisterten Versen im Berner „Bund". Wir etitnehmeir daraus folgende Strophen: Ein Suchen war und ginbeit ihm gegeben, Des Weisen Wandel auf Gedankenspur, Ein Sinnen und ein wagemutig Streben, Ein Zwingen widerspenstiger Natur. Und ivas ihm einst gelang au! Pserdesrückeit — Der Ritt ins Unbekannte der Gefahr — Noch wunderbarer sahn wir jetzt es glücken Dem edlen klugen Greis im Silberhaar. Aufs neue fliegt voran er seinem Volke, Doch diesmal auf der hohen Himmelsbahn, Gefährte jetzt des Sturmes und der Wolke, Und beide seinem Willen unterlait. Fürwahr! Tas heißt ein Lebenswerk vollenden, Wie's schöner keinem Sterblichen gelang . . . Laßt uns dem Genius aus der Schale spenden Und huldigen mit preisendem Gesang! Literatur. — „Das Liebesnest" nennt Edward Stil-, gebauer seinen neuesten Roman, der im Berlage von Rich. Bong, Berlin W. 57 (Preis 4.— Mk.) erschienen ist Zwei Welten stehen hier einander gegegeuüber, die Welt des äußeren Lebensgenusses und die 'Welt ftrengec Pflicht-, erfüllung; ans ihrem Jneinanderverschlmgen erivächst der Konflikt, der zu Kämpfen führen muß. Wie muß sich folge- richtig eine Ehe gestalten, die ein ehrenhaft denkender und feinfühliger Mann mit einem Mädchen eingeht, das ihn nur heiratet, um einen vor der Ehe begmrgenelt Fehltritt und desseir Folgen zu verheimlichen, und ihn und feine Familie dafür aus einer niederen Sphäre der Armut und Abhängigkeit emporhebt in eilte Region unbeschränkten Lebensgenusses. Dieses Problem zu entwickeln, zu zeigen, wie der Manu durch die in feinem Charakter liegende Rücksichtnahme auf seine Familie immer mehr in die Fesseln des Reichstums gerät, und wie er schließlich an dem Zwiespalt seiner Mannesehre zugrunde geht und im Fallen durch eine gewaltsame Tat das mühsam errichtete Gebäude des äußeren Reichtums selbst wieder zerstört — das schildert Stilgebauer mit Realität, die auch vor den gewagtesten Szenen nicht zurückschreckt. Goldene Worte. O Spanne der Jngettb! Siels vortväris getriebene Elastizität! O Mannesalter! Im Gleichgewicht blühend und voll. O Greisenciller, herrlich aussteigend. O willkommeit, unaussprechliche Anmut entschwindender Tage! Jeder Zustand verkündet nicht nur sich selbst, er verkündet auch, tvas aus ihm und nach ihm entsteht. Und das geheimnisvolle Dunkel verkündet so viel, wie nur irgend etivas. Walt Whitman. Rätsel. Dem Schiffer dient es, Klippen 51t vermeiden. Dem Staate Hilsts, daß er nicht Not muß leiden. Gießen. P. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung deS Rätsels in voriger Nummer: Feld. Redaktion: P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der BrÜhl'schen Universitäts-Buch- und Steiiidruckerei, R. Lange, Gießen.