Samstag den |5. Februar M8 KelmuLß von Lovlen. Romarr von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Goldfee!" — rief sie, „bist du schon lange hier? Und ich habe nichts gewußt! Ich war an Mütterchens Grab und habe es geschmückt, kommt doch, und seht es euch an." Sie hing sich an Edeltrauts Arm, die aufgestanden war und mit ihr vorausging. Frieda und der Kandidat folgten. Sie durchschritten den Mittelweg des Gartens. Wo der Faulbauin seine Weißen Traubenblüten über die Mauer neigte, war die kleine Pforte, durch welche man auf den Kirchhof trat. Mit gedämpften Stimmen redend, gingen sie zwischen all den altbekannten, mit schlichten Holz- und Sternkreuzen versehenen Gräbern hin, an manchem frischen Hügel oder Hügelchen Halt machend, bis sie an das Grab der Pastorin kamen, tvelchcs eine Hängerose überwölbte. Menn der Pastor Sonntags durch seinen Separateingang die Kirche betrat und verliest, sah er das weiße Kreuz, darauf der Name „Luise Becker" leuchtete. Tas Grab war mit dichtem, kurzem Gras bewachsen und mitten drauf lag ein mit Wasser fällbarer Anker aus Blech, der ganz mit frischen Frühlingsblumen gefüllt Ivar, ebenso wie mehrere kleine Schalen in Herz- und Kreuzform. Uni den Hügel war eine dicke Rabatte Immergrün gepflanzt und di« blauen Blüten hoben sich licht ab gegen das dunkle Grün. Tie Jahreszahl am Kreuz besagte, daß die sterbliche Hülle der Frau seit drei Jahren unter diesem so liebevoll geschmückten Hügel ruhe. Sic standen eine Weile, lobten Julchens Werk, sagten einiges über die Verstorbene, Ivie sie so die Seele des Hauses gewesen sei in ihrer hohen, geistigen Vielseitigkeit und überquellenden Liebe und Güte, und wollten dann gehen, aber Edeltraut bat: „Ist nicht die Kirche offen? Könnt ihr nicht singen?" Mit großer Bereitwilligkeit bejahten die Mädchen, der Kandidat holte den Kirchendiener aus seiner nahen Behausung zum Bälgetreten und sie gingen dann alle die steile Treppe zur Orgel hinauf. Gotthard Becker nahm vor dieser Platz, die Schwestern standen rechts und links, Edeltraut drückte sich in eine Ecke des Fenster- sitzes, von wo sie in den rosig schimmernden Abcndhimmcl blickte und mit unendlichem Wohlgefühl zuhörte. Nach einem knrzen Vorspiel vereinigten sich die Stimmen der drei Geschwister zu einem kunstvollen Gesang. Es war ein altes Kirchenlied, darin die Melodie immer weiter und weiter • gleitend, ohne Wiederholung, ganz zuletzt tn einem mächtigen Gloria ausklang. Edeltraut bekam, hier in der schlichten Torfkirche eine inusikalische Leistung zu hören, um deren Vollendung sie mancher Musikkenner hätte beneiden können, denn die Stimmen der Ausübenden waren von seltenem Wohlklang und vortrefflich geschult. Ter Kandidat verfügte über einen markigen Bariton, Friedas Mezzosopran war von klangvoller, reicher Tonfärbnng, und auch der noch ganz kindliche Sopran der Jüngsten hob sich glockenrein von beit tieferen Stimmen ab. Für Gdeltraut waren das immer Augenblicke großer, genußvoller Freude, namentlich, wenn auch Wilhelm zugegen war. Sein Gesicht dabei zu beobachten, wie es so ganz weltentrückt emporsah, war ihr eigentlich die Hauptsache dabei. Ein Abendlied folgte und noch eines, bis der Orgelspieler plötzlich abbrach. Julchen hatte ihn am' Aermel gezupft. „Der Vater", flüsterte sie und neigte sich über die Ballustrade. Seil dem Tode seiner Frau formte er all die Lieder, welche sie die Kinder gelehrt, nicht hören. Es war aber nicht der Pastor» sondern der Schullehrer, welcher, vom Gesang angelockt, in di« Kirche getreten war. Aber die Sangfreude schien getrübt. Schweigend stiegen sie die Treppe herab, draußen verabschiedete sich Edeltraut und eilte nach Hause. XIV. Anne Marie von Troß an Marie Anne von Recknitz. Schloß Test, am 1. Mai 1892. Liebe Mieze! Wie Tn siehst, hat uns der Wirbelwind (cherchez la fentme) in erreichbarer Nähe von Euch verschlagen — befinden wir uns beim Herzog von Hetzseld zu etwa achttägigem Besuch. Tu sollst nicht durch böswillige Basen erfahren, daß ich Dir auf wenige Eisenbahnstunden nahe gewesen war und nicht zu Dir gekommen. Erwartet mich am Mittwoch nachmittag 6,50 Station Jarowitzf ich kann bis Freitag nachmittag bleiben. Ganz die Deine Anne. Tiefer Brief rief in Bardes einige Aufregung hervor, denn die Schreiberin war ein so seltener Gast wie Helmuth Loyscn, Marie Anne, froh erregt, ließ das beste Fremdenzimmer, das mit den tiefen, erlerartigen Fenstern und mattgrünen Sammetmöbel«, in stand setzen. Es war ein reiches, prächtiges Gemach, mit einem ebensolchen Schlafzimmer und einer Badestube daneben. Anne Marie pflegte früh ein laues Bad zu nehmen. Lillh behauptete, der Tante zu Ehren einen Feiertag haben zu müssen und kämpfte hart um einen solchen. Lohsen sagte sich, daß er an diesen Tagen nicht nach Rothaide reiten könne, sondern wahrscheinlich mit der Schwester spazieren fahren müsse, und fühlte leichte Ungeduld. Jeder Tag war ihm kostbar, und jeden Tag war er, so schien ihm, seinem Vorhaben etwas näher gerückt. Er kam gerade von solch einem Besuch zurück, als Anne Maries Billett einlraf, und wäre am liebsten nachmittags wieder hin- gerittcn, um dies auf übermorgen zu erwartende Ereignis zu melden, in der Hoffnung, Wilhelm werde ihn dann auch den ganzen morgenden Tag einladen. Aber er hatte schon eine Einladung der Jarowitzer angenommen. .Herr und Frau Oberamt- mann Rieteln, frühere Tornänenpächter, gaben um vier Uhr ein Tiner, zu welchem alle Nachbarn, die am Geburtstag der Hausfrau gratuliert hatten, emgeladen waren, inklusive der Rittmeister von Lohsen, welcher nicht gratuliert hatte. Er fuhr als» mit den Recknitzens hin und fand die Sache herzlich ledern, obwohl das Diner weder gualitativ noch Quantitativ zu wünschen übrig ließ. Als einziger stnverheiratete Herr führte er die achtzehnjährige Tochter des Hauses zu Tisch und mühte sich redlich mit der Unterhaltung. Fräulein Erna strahlte ihn an und 102 tollte »uv von Bällen roden, deren SüUgkeit sie in diesen» Minier zum erstenmal genippt. Leutnants waren „reizend" und gar nicht zu vergleiche» mit Referendare» ober gar jungen „Oekonomen", Cottillons waren „himmlisch" und der neueste Walzer von Waldteufel „einfach süß". Auch war sie sehr begierig, zu erfahren, ob in Klippingen Mille wären und wie die Herren Kürassiere Pie verschiedenen Touren tanzten. Lohse» widmete sich bald ihrer Wissbegierde, bald der Unterhaltung seiner anderen Nachbarin, der korpulenten Frau von Befsendvrf, die ihn im Gedanken an drei noch völlig unversorgte Töchter mit mütterlichem Wohlwollen umwarb. Tas Diner dauerte endlos, so schien ihn». Immer kostspieliger wurden die Speise», iniMer schwerer die Weine. Er atmete erleichtert ans, als man sich endlich erhob und in die Salons zurückkehrte. Hier ward Kaffee gereicht und es erschien der Hauslehrer mit den beiden Knaben, welche den Gästen guten Tag wünschten. Frau Riete!» nahm jede Gelegenheit wahr, um ihren Kindern Manieren beizubringen. Ter Hauslehrer, welcher so wenig wie die Kinder am Tiner teilgeiwmmen hatte, ward den Gästen im allgemeinen als „der Herr Kandidat" vorgestellt und stand nun von niemand weiter beachtet an der Tür. Als die Jungens, von LohsenS Uniform angezogen und durch sein ermutigendes Lächeln festgehalten, gar zu lange bei ihm verweilten und Gustav zuletzt aus einen Stuhl sprang, um die Abzeichen des Rittmeisters einer genauen Prüfung zu unterwerfen, kam'der Lehrer herbei. „Ihr belästigt den Herrn!" — sagte er kurz. „Nicht im mindesten," versetzte Loysen freundlich, „ich bin an eine ganz andere Behandlung von meinen Neffeil und Nichten gewöhnt," er lachte und.klopfte die Jungens ans die Schulter. Tabei fiel ihm ein, daß er auch ihrem Lehrer einige schmeichelhafte Worte über seine Erziehungsresultate sagen könne. Dieser »ahm das danklos hin und versetzte nur: „Ich habe den Herrn Rittmeister schon am vorletzten Somt- >ag in Rothaide in der Kirche gesehen. Ich war dort. Mein Bater ist Pastor in Rothaide." Nun gewann der Herr Kandidat mit den ungelenken Be- wegungen und der trotzigen Stirn eine gewisse Bedeutung für Loysen. Er war froh, hier jemand zu finden, mit dem er ganz ohne auszufallen über Wilhelm und Edeltraut reden könne, ganz unwillkürlich trat er etlvas zurück in die nächste Fensternische und erfuhr bald, daß er es mit einem von Wilhelms stillen Verehrern zu tun habe. Ein Wort gab das andere, sie sprachen über. Haides Ansichten, sein verborgenes Wirken, seine Nächstenliebe, bis die Frau Obemmtmann, die es unerhört fand, daß rin so wichtiger Gast sich ganz im Gespräch mit dem Hauslehrer vergast, dahergerauscht -kam und kurzen Prozeß machte, indem sie herüberries: „Herr Kandidat! Ich dächte es sei Zeit, daß die Jungens ihre Schulaufgaben machten. Wie?" Loysen, den dies ärgerte, schüttelte dem Gemaßregelten vstentativ die Hand und ging dann zur Gesellschaft zurück. Fräulein Erna rümpfte das Näschen. „Ist der Kandidat ein besonderer Freund von Ihnen?" — fragte sie unartig. ... „Wäre das in Ihren Augen ein Fehler?" „Ach, wir wollen nicht philosophieren," sagte sie, ihn von der Seite schalkhaft anblinzelnd, — „tanzen Sie gern Menuett? Tas soll. ja jetzt in Berlin mobe sein." Marie Anne hatte das Intermezzo auch bemerkt und lächelte. Sie wußte, wo der junge Mensch herstammte. Helmuth hätte nur nicht so lange mit ihm reden sollen, und daß er ihm so die Hand schüttelte, war ihr etwas befremdlich. Oben saß an diesem Abend Gotthard Becker in seinem ZimMerchen und schrieb in sein Tagebuch: Heute habe ich, wie mir schien zum Verdruß der Hausfrau, einen ungewöhnlich liebenswürdigen Mann kennen gelernt in jenem Gast, den Herr von der Haide Sonntags mit in die Herrenloge brachte: Herr von Loysen. Einen« groben Klotz, wie ich es bin, tut es manchmal recht gut, höflicher Zuvorkommenheit und Feinheit zu begegnen. Ich schäme mich meiner linkischen Verdrossenheit. . . An« nächsten Morgen wäre Loysen gern schon frühzeitig nach Rothaide geritten, aber er wußte, daß Wilhelm um diese Zeit sehr mit beit schriftlichen Arbeiten der Gutsverwältung beschäftigt und feine Schwester meist auf den Feldern war. Dort hatte er sie Mn schon einigemal ausgesucht, aber dies zu ost zu tun, erschien ihm aufdringlich und er fürchtete auch, sie zu stören. Also verschob er seinen Ritt bis zum Nachmittag und brachte den Vormittag mit Schwager Kvnrad zu, dem seine Begleitung niemals ungelegen kam. Nachmittags stahl er sich dann fast heimli^Mach den Stallen, ließ satteln und jagte davon. Wie der Rappe unter ihm mächtig ausgrisf, fühlte er sich froh, wie ein Knabe auf Ferien. Aber als er in den Rothäider Höf cinritt, stand der alte Martens schon mit bedauernden Gesten an der Haustür. Heute sei Geburtstag in der Pfarre und der Herr sowie das Fraulein seien dort und kämen auch sobald nicht wieder. TaS verdroß und enttäuschte ihn sehr. Er wandte das Pferd und ritt durchs Tor die Allee hinab ins Torf, planlos und unentschlossen. Damit gehen nun drei Tage hin, ohne daß eti sie sieht, und er hat dem Diener nicht einmal den Grund gesagt. Schließlich könnte er dies ja noch Wilhelm- selbst mitteilen, wen» er in der Pfarre vorspräche. Ter Gedanke gefiel ihm. Er hatte dadurch Gelegenheit, einige Worte mit Edeltrant zu sprechen und hatte eine» Grund für sein ungebetenes Erscheinen. Also fragte er einen des Weges kommenden jungen Burschen, der gefällig und anstellig aussah, ob er mitkommen und ihm das Pferd halten wolle. Der führte ihn durch einige krumme, lehmige Gassen und berichtete unterwegs, der Herr Pastor habe selbst Landwirtschaft und einen Knecht, der dieselbe besorge. So kamen sie du die Pfarre und Loysen sah das freundliche Haus mit den beiden jungen Linden davor prüfend an. Er stieg ab, zeigte dem Burschen, wie er die Zügel halten müsse und ging dann zur Tür. Eine Klingel Ivar nicht vorhanden, nur zwei messingne Klopfer an Ringen, — er hob den einen und drei laute tiefe Schläge hallten wider. Drinnen schlug ein Hund an und dann öffnete eine Magd und sah den fremden Herrn und das Pferd erstaunt an, lief aber ohne weiteres den Gang entlang und öffnete einladend eine Tür, aus welcher Stimmengesurr drang. So, unangemeldet und daher doch etwas zögernd, trat er in eine große, freundliche Wohnstube, deren Fenster nach dein Garten gingen. Blühende Fuchsien und schneeweiße Mullgar- dinen machten diese Fenster noch heller. Mitten int Zimmer stand ein runder Tisch, und um diesen saß eine ganze Gesellschaft. Die Scho ko l a denkamte kreiste und Küchen, Silber und äußerst bunt bemaltes Porzellan gaben dem ganzen ein sehr.einladendes Aussehen. ^Fortsetzung folgt.) vsm dcuifthm Hanswurst. (Eine literarische Faschingsplauderei.) «Schluß.) Es war die Gestalt des bergamaskischen Goffo, des ungehobelten Naturburschen _ aus _ der italienischen Stegreifkomödie, die hier eine deutsch- nationale Auferstehung feierte. Zwischen die Hohlen Alexandriner des Helden mischten sich seine schwulstig kauderwelschen Erzählungen und das überschraubte tragische Pathos der Liebesszenen unterbrach sein dummdreister gesunder Menschenverstand. Hans Wurst ward in den Volks- oramen vom Doktor Faust und Don Juan zum komisch karikierten Gegcnbild ewigen Strebens und leidenschaftlichen Begehrens; er drang von Wien aus bei allen Wandertruppen ein nnd ritt auf hohem Pferde, statt des Zaumes den Schweif in der Hand, auf dem Kopf die Schellenkappe, die Brille auf der Nase durch die Gassen, um mit schnarrender Stimme und stotternder Ehrfurcht dem verehrten Pu- blico den Kvmödienzettel vovzulesen: „Mit gnädigster Bewilligung einer hohen Obrigkeit wird heute aufgcführt werden eine mit lächerlichen Szenen, ausgesuchter Lustbarkeit, lustigen Arien nnd Verkleidungen wohl versehene, dabei mit ganz neuen Maschinen und Dekorationen artig eingerichtete, auch mit verschiedenen Flugwerken- ausgezierte und mit Scherz, Lustbarkeit, und Moral vermischte, durch nnd durch auf lustige Personen eingerichtete, gewiß sehens- würdige große Maschienskomödie, unter dem Titel: Hanswursts Reise in die Hölle und wieder zurück, wobei dieser arme, von dem Teufel oftmals erschreckte, verzauberte, von seinem Herrn aber geprügelte, dumme und mit Colom- binen, einer verschmitzten Kümmerjungfer ehelich verlobte Diener in folgenden Verkleidungen erscheinen wird: 1. als Reisender, 2. als Küvalier, 3. als Pavian, 4. als Schornsteinfeger, 5. als Husar, 6. als Zigeunerin, 7. als Kroat, H. als Barbier, 9. als Doktor, 10. als Tanzbär, 11. als affektierte Dame, 12. üls Läufer, 13. als Kupplerin, 14. als Nachtwächter, 15. --.ms Mann ohne Kopf, und 16. als ein vont Teufel geholter Bräutigam. Dabei werden allezeit lustige Arien gesungen werden. Wir können versichern, daß die heutige‘Maschienskomödie die Krone aller Maschienskomö- dien ist." Da dem Hanswurst jede Verkleidung, jedes Auffliegen, jede Ohrfeige und Fußtritt extra bezahlt wurden^ so bag es v.i seinem Interesse, in einem Stück möglichst viels — 103 — Maulschellen zu bekommen, recht ost in der Flugmaschine zn erscheinen And sich nach Kräfteel treten, begießen und herunterstoßen zu lassen. Es sind uns noch Rechnungen erhalten, auf denen der .Hanswurst „dankbarlichst quittiert zwei Ohrfeigen bekommen 1 Gulden 8 Kreuzer, einen Fußtritt 34 Kreuzer usw." Stranitzlhs von ihm selbst dein Publikum als Nach- folger' empfohlener Erbe war Gottfried Prehauser. Eines Abends trat der alt gewordene Meister des Humors vor die Rampe und bat, von nun ab statt über ihn über Prehauser sich zu amüsieren. Alles blieb still. Wehmut beschlich die Wiener, daß sie den altgewohnten Lustigmacher verlieren sollten; zu dem neuen hatten sie kein Zutrauen. Da warf sich der junge Hanswurst plötzlich in einer drolligen Angst auf die Knie und rief, die Hände flehentlich vorstreckend: „Meine Herren! ich bitte Sie um Gottes willen, lachen Sie doch über mich!" Ein allgemeines Gelächter erhob sich und Prehauser hatte gewonnenes Spiel. So blühte in Men des Hanswursts Glück in prächtigen Schauspielern weiter, einem Leinhaas, Weiskern, Huber, zuletzt dem berühmten „Bernadou" Kürz. Unter den Hanswursten der in Deutschland herumziehenden Truppen genoß besonders Franz Schuch einen großen Ruf. Ein ernster, finsterer und wortkarger Mann voll schwerblütiger Frömmigkeit, war er mit einem Schlage verändert, wenn er in die gelbe Jacke fuhr. Dann kam ein Dämon über ihn und steigerte sein Wesen zu einer rasenden wilden Heiterkeit, so daß alles in Lachen ausbrach, wenn er sich nur auf der Bühne zeigte. Eine seltene Anziehungskraft durch die (Gewalt feiner Gesten und Sprache muß auch von Joseph Felix von Kürz ausgegangen sein, dem Verfasser vieler lustiger Possen, wie „der getreuen Prinzessin Pumphia und Hanswurst, dem tyrannischen Tartar-Kulirän", der aber auch die Niederlage der Hanswursts nicht mehr anshalten konnte. Gottsched hatte mit dem Kampf gegen den volkstümlichen^ Harlekin begonnen, nnt> nachdem ihn die Nenberin feierlich von der Schaubühne verbannt und verfehmt, drängte man auch in Wien darauf, regelmäßige Stücke den improvisierten Späßen entgegenzustellen. In Lessings „Miß Sara Sampson" drang zwar Hanswurst noch als Diener Norton ein, aber bald spielte man im Hoftheater nur noch „Kompositionen, die ans französischen oder welschen oder spanischen theatris Herkommen." Die Kunst eines neuen Verehrers von Hans Wurst, des trefflichen Lokal- dichters Philipp Haffner, war auf die Vorstadtbühne verbannt; als.Prehauser starb, da triumphierte Sonnenfels, der Mann des klassizistischen „guten Geschmacks": „Er ist tot, der große Pan; die Stütze der Burleske ist gefallen, ihr Reich' zerstört." Aber Hanswurst, der ausgetriebene und begrabene, war nicht tot, denn er ist ewig. Bei der Neuberin spukte er herum als Häuschen und Peter, freilich ein blasser, ärmlicher Gesell; in Wien ward er bald wieder umjubelt als Leopold!, Fakerl, als guter Kasperle, als Stabert und Thaddädl ... Als wackerer Kämpe war sogleich für den Hanswurst Justus Möser aufgetreten, der treue Eckart aller volkstümlichen Ueberlieferung; Seite an Seite mit ihm kämpfte Lessing, der den Abglanz ewigen Humors in Shakespeares Rüpel'n leie in den Teufeln der mittelalterlichen Komödie zn erkennen wußte. Goethe, in altdeutschem Vers und Hans Sachsens treuherziger Derbheit lebend und schaffend, begann sein „mikrokosmisches Drama: Hanswursts Hochzeis, oder der Lauf der Welt", in der der verachtete 9inrr Abrechnung halten sollte mit den vornehmen feinen Leuten und der verlogenen kultivierten Gesellschaft. Die Romantiker sind ihm in dieser Thronerhebung des Hanswursts gefolgt, von Tiecks warmherzigem Puppenspiel „Hanswurst als Emigrant" an bis zu Brentanos „Viktoria und ihre Geschwister" mit dem prächtigen Kesselflicker Lippel. Und so lebt die Gestalt des .Hanswurst iveiter in allen großen Werken des Humors. In Raimunds Zauberpossen hat sie eine geläuterte, ja fast verklärte Existenz gefunden, sie hat ihren Teil an Kleists Dorfrichter Adam, ja auch an Freytags Konrad Boltz; kluge Dramatiker wie Ranpäch, humorvolle Improvisatoren wie Holte:, warmherzige Märchenerzähler wie Pocei haben sie benutzt. So tritt uns Hanswurst auch heute noch unter tausend Formen entgegen, als Clown im Zirkus, als Kasperle im Puppentheater, als Tunne» m der Kölner Posse, als dummer Bursche nn soldatenstuck, als entlarvter Schwerenöter int Vaudeville und nutzt selten auch als Raisonnenr und Spötter im ernsten Drama. Dr, Paul La»dau Ein Dorsküttftlev. Von Pfarrer Spieß in Bottcnhorn (int „Landch. Wer mit offenen Augen durch die Dörfer des hessischen Hinterlandes (Kreis Biedenkopf) hindurchwandert, dem wird an den älteren Häusern bald ein wunderschöner Schmuck an ffallen: die sämtlichen Gefache des Hauses sind mit w^inigfaltigen Mustern geziert, die in bett Bewurf eingedrückt sind. Kratzmuster nennt mau sie. Sie sind nicht etwa nach der Schablone gearbeitet, sondern alle aus freier Hand entworfen. Man findet die mannigfaltigsten Gestalten; gewöhnlich sind es Sterne und Blumen. Man sieht aber auch andere Figuren: den Jäger mit dem Hund, den Krieger mit dein Gewehr, die Bäuerin mit der Sichel, bett Bauer mit der Sonntagspfeife': alle in schlichter, treuherziger Weise dargestellt. Leider ist diese KAnst meistens! ausgestorben. Nur hin und wieder findet man noch einen wackeren Meister, der sie versteht. Ein solcher ist Jost Dönges in Holzhausen bei Gladenba ch. Er hat die Kunst von seinem Vater gelernt, von dessen Hand man noch in den umliegenden Dörfern viele Häuser geschmückt findet. Hoffentlich kommt diese schöne Kunst bald wieder mehr zu Ehren. Meister Dönges aber wird wohl noch manches. Hans in seinem Heimatsdorf und anderwärts verzieren und dadurch an seinem Teil zur Verschönerung unserer! Dörfer beitragen. Vermischtes. * Auanas-Wein. Die Heimat der Aitanas sind die tropischen 'Gebiete von Amerika, aber nicht nur in Europa wird die Zucht dieser'herrlichen Früchte seit langem in Gewächshäusern oder in besonders günstigen Gegenden, hie und da wohl auch int Freien, betrieben), sondern die Ananas hat auch in den heißen Teilen von Afrika und ferner auch in Australien in verhältnismäßig kurzer Zeit eilte erstaunliche Höhe erreicht. Man ist dort deshalb auch schon darauf verfallen, aus der Ananas einen Wein zu bereiten. In West-Indien ist Ananas-Wein längst bekannt, ebenso ein daraus hergestellter Bräunt- wein.' Jeder Verehrer der „Pickwickier" wird sich besinnen,, daß in diesem Roman der Ananas-Grog eine große Rolle spielt, und zwar gerade bei den Helden niederen Standes, so daß dies westindische Produkt damals in London schon recht eingebürgert gewesen fehl muß. Für Australien bedeutet der Ananas-Mtn eine neue Industrie. Zum ersten Male sind dort drei Tonnen kleiner Ananas-Früchte dazu verwandt worden und haben etwa vierhundert Liter Fruchtwein ergeben. Der Ananaswein svll namentlich für die heiße Jahreszeit ein ausgezeichnetes Getränk bieten und außerdem noch als Ersatz- für ein Parfüm gelte«, da er bei unverschlossener Flasche sein köstliches Aroma einem aanzen Zimmer mitzuteilen imstande ist. Die australischen Fabrikanten sollen ihn in sechs verschiedenen Stärkegraden kerstellen, von einer konzentrierten Essenz, die man zur Mischung mit Wasser aus die Reise.mitnehmen kann, bis zu einem milden Fruchtwein zu sofortigem Gebrauch. Bei dieser Gelegenheit muß wohl aber daran erinnert werden, daß der Genuß von Wein und Branntwein ans Ananas in West-Indien als etwas gefährlich gilt. * G i b t e s v ö l l i g u o r m al geban t eMenscheu? Diese interessante Frage hat durch die regelmäßigen Messungen, die seit Jahren an Rekruten vorgenommen werden, ihre Beantwortung erfahren. Das Ergebnis war, daß ein vollkommen fhmmetrischer Körper zu den allergrößten Seltenheiten gehört. Der rechte Arm und die rechte Schulter haben gewöhnlich einen größeren Umfang als die linksseitigen Teile. Bei 500 gesunden Soldaten fand man den Umfang des rechten Oberarmes 26 Zentimeter, des Unterarmes 26,4 Zentimeter, den Umfang der rechten Schulter 33,8 Zentimeter. Dagegen maß der linke Arm und Unterarm je 0,6 Zentimeter weniger und der Umfang der linken Schulter war 2 Zentimeter weniger als die rechte Schulter. Bemerkenswert ist die verschiedene Länge beider Arme und Beine. Messungen bei 5000 Soldaten ergaben, daß bei 75 Mann von 100 der rechte Arm 2 Zentimeter länger war und nur bei 7 von 100 der linke Arm länger war. Unter 100 Menschen fanden sich nur 10, die gleich lange Beine hatten 104 — „lieber den Feminismus der Amerikaner" sprach jüngst in der „Neuen Revue" (Verlag von Hernr.- Caspari in Berlin, NW. 7) recht interessant Wilhelm r iter. Er schloß seinen Aussatz, mit folgenden Ausführungen: Ein Mädchen, das letzthin einem Flaneur mit der Pistole in den Kopf geschossen hat, weil er sie auf der Straße ansprach, wurde natürlich fteigesp-rochen. In einem kürzlich erfolgten Ehescheidungsprozeß stellte sich heraus, daß die Frau ihren Mann acht Tage lang in ein Zimmer gesperrt hatte, ohne ihm etwas zu essen zu geben. In der Zeit amüsierte sie sich mit ihren Freunden. Dann verklagte sie den Mann, dem es endlich gelungen war, zu entfliehen, wegen böslichen Verlassens und brachte ihn ins Gefängnis, weil natürlich ihr Zeugnis mehr galt als seines. Die Amerikaner haben sich auch in ihre gesetzliche und gesell- '^aftliche Wehrlosigkeit gegen die Frau, vollständig gefunden ...uv nehmen sich sorgsam in acht, mit ihr in Konflikt zu geraten. Für uns entsteht die Frage, wie sich ein solches Volk nach außen hin entwickeln wird. Vor allen Dingen werden sie niemals mit irgend etwas, das sie erreicht haben, zufrieden sein. . Wenn sie ihr eigenes Land erst voller Menschen haben, werden sie Britisch-Nordamerika einverleiben, wie sie es bis dahin schon mit Mittelamerika getan haben werden. Sie werden Südamerika unter ihre "Verwaltung bringen. Wenn sie in Asien mit der gelben Rasse nicht fertig werden, werden sie sich in Europa, in Afrika, in Kleinasien und Indien in jede Angelegenheit mischen. Sie werden einmal den Amerikanismus zur Weltsache machen, denn sie haben keinen Respekt vor andern und sind von ihrer eigenen Universal-Ueberlegenheit viel zu fest überzeugt. Es kann sein, daß sie auch einmal gründlich Fiasko erleiden, aber eins werden wir ihnen auch dann nicht nehmen können: das letzte Wort. Literarisches. Weltgeschichte, Entwicklung in Staat und Gesellschaft, in Kultur und Geistesleben. In Verbindung mit 23 hervorragenden Gelehrten herausgegeben von Prof. Dr. I. v. Pflugk-Harttung. Mit über 3000 farbigen und schwarzen Abbildungen und Beilagen. Großoktav. Gruppe „Neuere Zeit". 80 Lieferungen zu je 60 Psg. Ullstein u. Co., Berlin und Wien. — Dem Zeitalter der Weltpolitik, das mit seinen Kämpfen um die Macht Probleme der historischen Entwicklung aufs neue stellt, soll hier seine Enzyklopädie gegeben werden. Ein großzügiger Ueberblick über das leidenschaftliche Streben der Menschheit und Richtlinien für ihre nächste Zukunft sollen den Inhalt dieser ersten auf der Basis der GesamtkrUtur begründeten Weltgeschichte bilden, zu _ deren Abfassung sich 23 hervorragende Gelehrte vereinigt haben. Darunter finden sich die großen Namen von Entst Haeckel, der die Urzeit erklärt, und Karl Lamprecht, dem Schilderet: der unmittelbaren Gegenwart. Die wissenschaftlichen Fortschritte und Spannungen, die Errungenschaften der Naturerkenntnis und der Technik, die Entdeckungsreisen, die Kolonisation der Erdteile, die religiösen Gegensätze, die Arbeit der Dichter und der Denker, den Glanz der Künste beabsichtigt diese Weltgeschichte zu veranschaulichen. Der illustrative Schmuck ist, wie schon die erste Lieferung zeigt, durchaus originell. Die Veröffentlichung beginnt mit der Gruppe „Neuere Zeit", die das höchste aktuelle Interesse beansprucht. Wir werden wohl noch öfter von dieser „Weltgeschichte" zu unfern Lesern reden. Hygienisches. Fußpflege im Winter. Eine richtige Fußpflege un Winter erheischt zuerst Sorge für paffende Fußbekle'i- dung. Mas die Strümpfe anlangt, so wird man natürlich den schlechten Wärmeleiter, die Wolle, bevorzugen, jedoch sollen die wollenen Strümpfe nicht zu dick sein, ganz ver- rvo nuJxre e§' %töei Paar wollene Strümpfe zu tragen. Da^, Leder der Stiefel braucht ebenfalls nicht dick zu sein, auch ihre Fütterung mit Flanell ist überflüssig. Empfehlen-wert sind dagegen doppelte Sohlen an den Stiefeln . lijcko Einlagen, von Strohsohlen, bei feuchtem und sehr kauern Wetter können auch lieberschuhe getragen wer- den, die aber sofort nach dem Betreten des Hauses abgelegt wm'den müssen. Der Schuh darf nicht so fest geschnürt fein, daß er den Blutstrom in die Haut unterbricht, wie auch das Tragen von Strumpfbändern schädlich ist, weil dies ebenfalls den Blutumlauf hemmt. Bei Schnee uiii> Eis empfiehlt es sich, die Sohlen, namentlich älterer Leute, mit folgendem Lack zu bestreichen, um Ausgleiten zu verhüten: 50 Gramm Kolophonium werden in einem Eßlöffel Terpentin in einigen Tagen gelöst und in warmes Wasser gestellt, mit einem Eßlöffel Benzin und 6 Eßlöffel Spiritus verdünnt; damit werden alsdann mit einem Pinsel oder Wollbausch die Sohlen einigemal bestrichen. Zur Pflege der Mhärtung der Fußhaut sind täglich kalte Fuß- waschnngen vor dem Schlafengehen und Frottieren beim Abtrocknen sehr zu empfehlen. Aeltere oder blutarme Personen können statt dessen auch Wechselbäder nehmen, indem sie abwechselnd die Füße in Wasser von 35 Grad und von 15 Grad, stecken oder mit so temperiertem Wasser begießen. Im erwärmten Zimmer darf man sogar mit unbekleideten Füßen täglich etwas nmhergehen und, wenn dies am Anfang auch ungewohnt ist, so wird man doch bald den wohltätigen Einfluß auf die Fußhaut wahrnehmen. Eine derartige Fußpflege ist auch das beste Vorbeuguirgs- und Heilmittel gegen das lästige Nebel der kalten Füße int Winter. Cm neues Hessenlied. Von einem Mitglied des V. H. C. in Frankfurt a. M. (geborenem Gießener). Diel.: Vom hohen Olymp herab. Du liebes Hessen, unter deutschen Gauen, Sei herzlich dir mein Gruß gebracht! Wie lacht auf deinen schonen Auen Die volle Frucht, der Blüten Pracht. Jauchzend erschall es drum himmelwärts, Dir, unser Hessen, gehört mein Herz! Tie Frucht, die ernstlich spendet alle Kräfte, Tie süße, die das Leben schmückt, Der übermüt'gen Rebe gold'ne Seifte: Du bist mit atlem hochbeglückt. Jauchzend ec. Ehrwürdig rauschen dunkler Wälder Bäume Um Bergesdäupter ihren Gruß, Um graue Berge droben weben Traums Und heißer Sprudel quillt am Friß. Jauchzend re. Wie deiner Städte stolze Türme ragen Aus alter frommer Heldenzeit: Dort klingen wider Nibelungensagen Tort Barbarossas Herrlichkeit. Jauchzend k. Hier hat des Römers schwere Hand gelegen, Du aber brachst den fremden Bann. Und um des Geistes ehrlich freies Regen Gingst wieder du im Kamps voran. Jauchzend re. Und heute auch bist fleißig du gn dienen Dem Zug der Zett, der vorwärts drängt. Ter Acker dampft, es donnern die Maschinen) Und freier Mut die Geister lenkt. Jauchzend re. Heil unferm Fürsten, jedem Streben offen, Mit weitem Herzen, weitem Blick! Laßt von der Freiheit uns mit ihm erhoffen Des Volkes Günstiges Geschick. Jauchzend erschall es drum himmelwärts, Dir, unser Hessen, gehört unser Herz! Goldene Worte. Die zwingende Kraft der Gewohnheit ist tausendmal stärker als die der Pflicht. Darum beruhen die meisten moralischen Siege darauf, daß man die Pflicht zur Gewohnheit macht. -----—— Ludwig Fulda. Geographisches Rätsel. Folgende 55 Silben find derart zu ordnen, daß 19 Wörter geographischer Bedeutung entstehen, deren Anfangsbuchstaben eilt bekanntes Sprichwort ergeben. ay, a, a, a, bi, bürg, berg, dan, dal, dai, des, die, en, ei, en, fei, fei, gn, gu, gla, göp, gen, he, kam, hö, jor, kro, ka, Ms, lau, 11, man, nn, nor, na, na, na, o, on, po, pin, pu, qui, in, ins, ii, sa, see, la, tos, ta, tat, n, vir, wal. 1. Dichter. 2. Republik. 3. Wüstenland. 4 Fluß. 5. Kanton. 6. ®e* birge. 7. Gebirge. 8. Stadt. 9. Stadt. 10. Departement. 11. See» 12. Burg. 13. Gebirge. 14. Ehemaliges Grobherzogtum. 15. Stadt» 18. Insel. 17. Berg. 18. Provinz. 19. Bergland. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Synonyms in voriger Nummer; Feile, Zeile, Weile, Eile. Redaktion: P. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»