Samstag den ft. November 1908 i8®8 s kllsm WÄS KD WW W^ie DiogeU in feinem nften 9M, So lach' ich fwh und fvei uni» trinke. 'Erst als die Mffchr» mit dem Essen eintraten, hörte er an? zu singen. So verlief der erste Tag, so der $toeU6; und die folgeudeiL trugen genau das gleiche Gepräge: Singen, essen, schlafen, feine Hände und Nägel pflegen — damit verstoß der Tageslauf des angeblichen Akrobaten. Seine sich stets gleichbleibeude .Haltung war die eines Mannes von lehr glücklicher Gemütsaulage, der sich über alle Maßen langweilt. Jedenfalls spielte der rätselhafte Mensch seine Rolle so ausgezeichnet, daß Leeoq, nachdem er sechs Tage rind sechs Nächte, platt auf dem Bauch liegend, auf feinem Hängeboden verbracht hatte, feinem Ziel noch nicht um Haaresbreite näher war. Trotzdem! verzweifelte er durchaus nicht. Er hatte bemerkt, daß jeden Morgen' um die Stunde der Esseuverteilung, wenn die Beamten des Ge- fängnisses durch alle Korridore gingen, der Angeklagte unfehlbar sein Lied von Diogenes anstimmte. Offenbar, sagte Lecog zu sich selber, ist dies Lied ein Signal, Mas geht wohl da bei dem Fenster, wohin ich nicht sehen kann, vor sich? Nun, morgen werde ich das wissen. Am anderen Tage setzte er es in der Tat durch, daß Mai schon um halb elf zum Spaziergang abgeholt wurde, und uahist den Direktor mit in die Gefangenenzelle. Der würdige Beamte war nicht fehr erbaut über die Störung seiner Morgeuruhe. Mas wollen Sie mir denn eigentlich zeigen? fragte er wiederholt. Was gibt es denn so merkivürdiges? Vielleicht gar nichts! antwortete Lecog, vielleicht etwas sclch Wichtiges. . J In diesem Augenblick schlug es' elf, lind er stimmte das Lied au: Wie Diogen in seinem alten Rock... Kaum hatte er die. zweite Strophe begonneir, als eine Kugel aus Brotkrume, von der Größe einer Fliutenkugel, in geschicktem Bogen über den Bretterverschlag vor dem Fenster geworfen> ihnen vor die Füße rollte. Hätte der Blitz in Mais Zelle eingeschlagen, der Direktor hatte keiner! größeren Schreck bekoimrieir können, als durch dies Harm- lose Wurfgeschoß. Er stand ganz starr vor Erstaunen, mit offenem; Mund und weit aufgerissenen Augen, als ob er seinen eigenen Sinnen nicht traute. Den Augenblick vorher rwch hätte er feinen kahlen Kopf dafür eiusetzen mögen, daß feine Gcheimzellen unnaA bar seien. Er sah seine Airstalt entehrt, lächerlich gemacht. Ein Brief! wiederholte er verblüfft. Ein Brief! Schnell wie der Blitz Hatto Seeon die Botschaft aufgehoben und drehte triumphierend die Brotkugel zwischen seinen Fingern, wobei er murmelte: ... Ich hatte es ja gesagt, nufere Lento haben Beziehungen mir der Außenwelt. Die Freude des jungen Beamten verwandelte, begreiflicher^ weise, die Bestürzung des alten Direktors in offene Wut. Ah! rief er, vor Zorn stammelnd. Ah! meine HltftUngq schreiben sich. Ah! meine Aufseher spielen die Briefträger! aber. Herr Lecoq. Kiriminal-Roman von E. Gaboriau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Leeoq tat, als hörte ev diese verletzende Bemerkung nicht. Seit zwei Wochen tvar der General fortwährend so ausfallend gegen ihn, daß er befürchtete, die Selbstbeherrschung zu verlieren, Wenn er sich in eine Auseinandersetzung einließe. Besser war es, zu schweigen und nach dem Erfolg zit streben. Erfolg haben! Das ist die Rache, die alle Neidischen zerdrückt! .1 Uebrigeus sprach er schon deshalb nicht, damit die beiden Herren nicht etwa länger verweilten. Vielleicht beargwöhnte er Govrol, er könnte imstande sein, durch irgend ein Geräusch die Aufmerksamkeit des Gefangenen zu erwecken. Endlich gingen sie. Schleunigst breitete Leeog seine Decke aus und legte sich der Länge nach daraus, so daß er abwechselnd fein Ohr oder sein Auge an das Loch bringen konnte. In dieser Lage hatte ev einen ausgezeichneten Ueberblick über die Zelle. Er bemerkte die Tür, das Bett, den Tisch, den Stuhl; nur ein kleiner Raum am Fenster und das Fenster selbst entgingen feinen Blicken. Kaum tvar er mit feiner Umschau fertig, so klirrten die Riegel. Mai kam von feinem Spaziergang zurück. Er war sehr lustig und erzählte eine Geschichte, die ohne Frage sehr interessant fein mußte, denn der Sluffeher blieb noch eine Weile in der Zelle, um das Ende abzuwarten. Leeoq war entzückt Aber den Ausfall der Probe. Er hörte ebenfo gut wie er sah. Die Töne schlugen so deutlich an sein Ohr, als wenn er ein Hörrohr angesetzt hätte. Er verlor kein Wort von der ziemlich schlüpfrigen Geschichte. Nachdem der Aufseher sich entfernt hätte, machte Mai einige Schritte in seiner Zelle hin und her; hierauf setzte er sich, öffnete den Band von Bsraugev und schieir eine Stunde lang ganz vertieft in das Studium eiues Gedichtes. Zuletzt warf er sich auf sein Bett. Erst als das Abendessen gebracht wurde, stand er auf, um mit gutem Appetit zu essen. Hierauf nahm er wieder fein Liederbuch vor und ging erst zu Bett, als das Ausloschen Lichtes befohlen wurde. Leeoq wußte wohl, daß er während der Nacht voll seinen Augen keinen Gebrauch würde machen können; „ober gerade tm Dunkeln hoffte er, irgend welche Ausrufe zu hören, aus denen! die Wahrheit sich schließen ließe. Seine Erwartung wurde getauscht. Mai wälzte sich aus seiner Matratze hin und her, stöhnte auch ab und zu, ja, es war sogar, als ob er schluMt-e, aber er sprach feine (Silbe. Am Morgen blieb er sehr lange im Bett. Erst als er um elf Uhr das Signal zur Austeilung der Frühmahlzeit horte, sprang er mit einem Satz aus dem Bett, ging ein paarmal in der Zelle auf und ab und stimmte dann ans voller Brust ein altes Lied an: 714 keim heiligen Namen Goikes, das soll ihnen nicht so hingehen! Er eilte auf die Tür zu; Lecoq aber hielt ihn an; Was wollen Sie denn tun, Herr Direktor? Ich? Ich werde alle Beaniten meiner Anstalt zusammcn- rufen, ihnen erklären, daß ein Verräter unter ihnen ist, und daß nnr dieser Mensch überliefert werden muß. Ich will ein Exempel statuieren! Und wenn binnen nun und vierund-zwanzig Stunden der Schuldige nicht entdeckt ist, so soll das ganze Personal der Anstalt erneuert werden! Abermals eilte er dem Ausgang zu, und diesmal mußte Lecoq beinahe Gewalt anwenden, nm ihn jurückzuhaltcn. Ruhe, Herr Direktor! Ruhe, mäßigen Sie sich! Ich will den Schuldigen bestrafen! Ich begreife dies, aber warten Sie danrit, bis Sie wieder Ihr lüttes Blut erlangt haben! Möglicherweise ist der Schuldige gar keiner von Ihren Aufsehern, sondern gehört zu den Häftlingen, die zu allerlei Dienstleistungen verwandt Iverden und jeden Morgen bei der Austeilung des Essens helfen. Ach, lu-oS macht das aus! Bitte, das macht sehr viel aus! Wenn Sie Lärm schlagen, trenn Sie ein einziges Wort verlauten lassen, so werden wir niemals die Wahrheit entdecken. Der Verräter wird nicht so töricht sein, sich selbst anzugeben, wohl aber wird er vernünftig genug sein, es nicht wieder zu riskieren. Wir müssen schweigen, uns verstellen und warten. Wir werden eine strenge lieber» ivachung einrichten und den Schelm auf frischer Tat ertappen. Diese Bemerkungen waren so treffend, daß der Direktor nach- Wrb. Mciuetwegm! seufzte er; ich werde mich also in Geduld fassen. Aber toir wollen doch jedenfalls nachsehen, was das Brotkügelchen enthält. .Hiervon wollte jedoch Lecoq nichts wissen. Ich habe Herrn Segmüller benachrichtigt, erklärte er, daß es Heute morgen ohne Zweifel etivas neues geben würde, und er niuß mich in seinem Kabinett erwarten. Ich bin ihm jedenfalls das Vergnügen schuldig, ihn eigenhändig diese Brothülle zerbrechen Ku lassen. Der Direktor war ganz untröstlich Ach, er hätte jetzt viel darum gegeben, den Virfall geheim zu halten; aber daran war Nattirlich nicht zu denken. Also gehen wir zum Untersuchungsrichter! sagte er. Sie gingen, und unterwegs bemühte Lecoq sich nach Kräften, dein würdigen Direktor klarzumachen, daß er sich gar nicht so sehr über einen Umstand aufzuregen brauche, der für den Gang der Untersuchung ein wahrer Glücksfall sei. — Als sic das Kabinett des Richters betmten, sprangen Segnrüller und sein Sekretär von ihren Stühlen auf. Sie hatten auf dem Gesicht des jungen Beamten eine große Neuigkeit gelesen. Was gibt's? fragte der Richter aufgeregt. Statt zu antworten, legte Lecoq das idstbave BrvtWgelchen Mif den Schreibtisch, und ein Blick belohnte ihn dafür, daß er die AusmerksamLit gehabt, es nicht zü öffnen. Es enthielt einen kleinen zufamanengerollten Streifen von Lllerfeinstem Seidenpapiev. Segnrüller entfaltet« es und glättete «S auf seinem Handballen. Kaum aber hatte er einen Blick darauf geworfen, so runzelte er die Brauen und rief, mit einem Heftigen Faustschlag auf den Schreibtisch: Ah, das Billett ist in Chiffern geschrieben! Das war zu erwarten! sagte Lecoq ruhig. Er nahm dem Richter den Zettel aus der Hand und las mit klarer deutlicher Stimme die darauf geschriebenen, durch Kommata von einander getrennten Zahlen vor: 235, 15, 3, 8, 25, 2, 16, 208, 5, 360, 4, 36, 19, 7, 14, 118, 84, 23, 9, 40, 11, 99. Da werden wir also durch diesen J-und nichts erfahren! murmelte der Direktor. Wer warum nicht? bemerkte der ewig lächelnde Goquet. Es gibt keine Geheimschrift, die man nicht mit ein wenig Geschicklichkeit und Geduld entziffern könnte! Es gibt Leute, die das berufsmäßig machen. Ganz gewiß, pflichtete Lecoq ihm bei, und ich selber hatte früher eine recht hübsche Gewandtheit darin. Wie? fragte der Richter, Sie hoffen, den SMüssÄ zu diesem Billett zu finden? Mit der Zeit, ja, Herr Richter. Er wollte den Zettel in die Tasche flecken, aber Segnrüller bat, denselben erst zu prüfen und doch wenigstens zu untersuchen, ob die Arbeit sehr schwierig sein würde. Oh, das lohnt sich jetzt nicht, sagte Lecoq. In einem so kurzen Augenblick kann nian darüber kein Urteil gewinnen. Trotzdem aber sah er sich den Zettel noch einmal an, und es war gut, daß er dies tat, denn plötzlich erhellten sich sein«! Züge, und er rief, indem er sich vor die Stirn schlug- Ich hab's!. Richter, Direktor und Goquet stießen gleichzeitig einen Rn, der Ueberraschung, vielleicht des Zweifels aus. Wenigstens möchte ich darauf wetten, fügte Lecoq vorsichttg hinzu. Der Angeklagte und sein Gehilfe bedienen sich, wenn ich mich nicht sehr irre, des Systems des „doppelten Buchs". Es ist sehr einfach: die beiden Korrespondenten verabreden, welches Buch sie benutzen wollen, und verschaffen sich zunächst jeder ein Exemplar von derselben Auflage. Wie macht es nun der eine, um dein anderen eine Nachricht zu geben? Er schlägt das Buch auf gut Glück auf und schreibt die Zahl der gefundenen Seite hin. Auf dieser Seite braucht er nunmehr nur die Wörter zu suchen, die er notier hat, um seinen Gedanken ausdudrücken. Wenn das erste passende Wort das zwanzigste auf der Seite ist, so schreibt er die Zahl 20, dann zählt er wieder 1, 2, 3 usw, bis er auf das nächste passende Wort trifft. Ist dies Wort das sechste, so schreibt er: 6, und so fort, bis er mit seinem Brief fertig ist. Sie sehen also, was der Empfänger eines solchen Billetts zu tun hat: er schLägt die bezeichnete Seite auf und setzt für jede Zahl dms betreffende Wort ein. Man kann unmöglich klarer sein! bemerkte der Richter bei- stimmend. Wenn dieses Briefchen hier zwischen zwei in Freiheit befindlichen Personen gewechselt wäre, so wäre es Heller Wahnsinn, tot Sinn desselben herausbringen zu wollen. Dieses einfache System ist dlas einzige ganz zweckmäßige, weil man mit dem größten Sckiarfsinn nicht erraten kann, welches Buch zur Vermittlung dieses Verkehrs dient. Aber hier liegt die Sache ander's: Mai ist Gefangener, und er hat nur ein einziges Buch in seinem Besitz, Bärangers Lieder. Holen wir dieses Buch. . . Der Direktor war einfach begeistert und rief: Ich werde selbst hintan scn und es holen! Doch Lecoq hielt ihn noch durch eine Handbewegung zurück: Bor allen Dingen, Herr Direktor, seien Sie recht vorsichtig, damit Mai nicht merkt, daß man sein Gedichtbuch angerührt hat. Wenn er schon von seinem Spaziergang zurück ist, so lassen Sie ihn unter irgend einem Vorwand wieder hinausgehen uuo draußen bleiben, so lange wir sein Buch bei uns haben. Oh, verlassen Sie sich auf mich! antwortete der Direktor. Er ging hinaus und beeilte sich so sehr, daß er kaum zehn Minuten darauf wieder da war, ein kleines Bändchen in Sedezformat triumphierend in der Lust schwingend. Mit zitternder Hand schlug Lecoq Seite 235 auf und begann zu zählen. Das fünfzehnte Wort auf der Seite war: „Ich", das dritte darauf „habe", das achte „ihr", das fünsundzwanzigste „Ihren", das zweite „Willen", das sechzehnte „mitgeteilt". Also schon aus diesen sechs Zahlen ging ein klarer Sinn hervor: „Ich habe ihr Ihren Willen mitgeteilt." Tie drei anwesenden Personen konnten sich nicht enthalten, ihren Beifall zu äußern. Bravo, Lecoq! sagte der Richter. Ich würde keine fünf Franken mehr auf Mai wetten! dachte Goquet. Lecoq zählte immer noch tveitcr und konnte bald darauf mit einer Stimme, der man seinen inneren Stolz anhörte, die Uebertvagung des ganzen Billetts vorleseir. Es lautete: ßd) habe ihr Ihren Willen mitgetcilt. Sie ergibt sich darein. Unsere Sicherheit ist also ungefährdet, mir erwarten Ihre Befehle, um weiter vorzugehen. Hoffnung! Mut! iForlfetzung folgt.) Aus dsn Erinnerungen eines Redakteurs. Das reichbewcgte Leben eines Zeitungsmannes, dem in den weiten Kreisen der Gesellschaft und Kunst seiner Zett nichts fremd geblieben ist, entfaltet sich vor uns in den Erinnerungen des langjährigen Chefredakteurs der „Wien. Zeitung" Friedrich Uhl, die aus seinem Nachlaß unter dem Titel „Aus meinem Leben" bei Cotta soeben veröffentlicht werden. In vielgestaltigen Szenen und Bildern zieht das Leben Wiens um die Mitte des 19. Jahrhunderts an uns vorüber, und mit der ausgelassenen Tollheit des Pariser Karneval und dem zweiten Kaiserreich wechseln erschütternd tragische Eindrücke vom böhmischen Kriegsschauplatz 1866. In engster Berührung stand Uhl durch seine Stellung mit dem Wiener Theaterleben; Laube und Dingelstedt sind ihm nacheinander gute Freunde geworden. Die Gestal- 715 ien der großen Schauspielergeneration des Burgtheaters treten in lebendiger Plastik vor uns; Grillparzers melancholisch umdüsterte Erscheinung taucht auf; während die Revolution von 1848 die Straßen Wiens erfüllt, sitzt er mit einem griechischen oder römischen Klassiker still auf einer Bank im Parke und aus dem leidschwer seitwärts geneigten Haupte schweift das himmelblaue seelenreine Auge in ferne Welten; der Dichter und Intendant Halm toirb in seinem unordentlich engen Arbeitszimmer allmählich hinter dichten Wolken Zigarrenrauches sichtbar; wie ein Wollmond tritt das runde Gesicht mit der kuppelartigen Stirn hervor und der ungeschlachte Goliath mit dem sentimentalen Herzen weint vor dem Redakteur, der ihm den Niedergang des Burgtheaters vorhält. Als dritter steht Bauernfeld daneben, der ewige Nörgler, dessen Liebenswürdigkeit doch alle in seinen Bann zieht. Friedrich tz e b - b e l kommt nach Wien als ein einer fremden Welt angehörendes Menschengebilde. „Stahlblaue Augen, blondes Haar, das gerade herabfiel, blonder Bart, eine Stirn wie eine Kuppel, der schlanke Leib in abgetragenen Kleidern, die Rockärmel erreichten kaum die Handwurzel, die Beinkleider kaum die Knöchel, und dabei wiegte sich, wenn Hebbel ins Sprechen kam, der hagere Körper in den Hüften hin und her, als wenn er geschaukelt würde, und man mußte dem Nachahmungstrieb Gewalt antun, um sich nicht mit hin Und her zu roiegen, und in die Gefahr zu geraten, von der Seekrankheit ereilt zu werden. Die See. - an sie gemahnte Hebbels Erscheinung, sein schöner Nobbenkopf. Der Mann war nordisch vom Wirbel bis zur Zehe, in seinem Tun und Lassen, Dichten, Denken und Sprechen." „Im Gespräche war er am bedeutendsten. Man glaubte selbst inhaltsvoll zu denken, wenn man ihn reden hörte. Ununterbrochen strömten ihm die Gedanken und die Bilder zu und flössen wie ein erfrischender Quell aus dem Munde einer Statue. Und dazu leuchteten die stahlblauen, nixartigen Meeraugen förmlich phosphoreszierend. Hebbels Wesen hatte magnetische Kraft. Er wußte es und übte sie aus." Won seinen Anhängern forderte er uneingeschränkte Ergebenheit. Emil Kuh nahm er es übel, daß er sich verlobte und er also seine Liebe mit einem anderen Wesen teilen sollte. Ms Uhl in seinem Blatt durch einen Zufall über Mosenthals „Sonnwendhof" zwei Kritiken brachte, sah ihn Hebbel bei seinem nächsten Besuch aus seinen schönen stahlblauen Augen vernichtend an und sagte: „Ist das Freundschaft, wenn man über ein schlechtes Stück Mosenthals zwei Berichte bringt und über mein Werk nur einen?" Erwies ihm so direkt die Tur. Groß war sein Glaube an sich selbst. Als eines Morgens die Magd in seine Stube, in welcher er schaffend einherschritt, trat, um dieselbe in Ordnung zu bringen, rief ihr Hebbel donnernd zu: „Sieht Sie nicht, daß der liebe Gott bei mir ist." Die Magd sah im Zimmer umher, konnte aber den lieben Gott nicht erblicken. . . . Auch Richard Wagner wurde damals in Wien kurze Zeit heimisch. In seiner Penzinger Wohnung, für die ihm der treue Jünger Taussig von einem Tapezierer Möbel verschafft hatte, empfing er seine Freunde. Aber eines Tages war er abgereist und Taussig in wilder Aufregung, denn er war Bürge für die Möbel beim Tapezierer. Tags darauf erschien ein Vertrauensmann König Ludwigs von Bayern, um Wagner nach München zu bringen. Nie- mand wußte, wo der Meister hingereist war, nur Uhl konnte seinen Aufenthalt angeben. So folgte denn der bayerische Abgesandte Wagner nach Zürich und dann nach Stuttgart und brachte ihn von hier nach'München. Die Angelegenheit mit dem Tapezierer wurde natürlich geordnet. Auch Wagners größter Antipode in der Musikwelt Jacques Offenbach hatte sich an der Donau niedergelassen; immer wenn er in Paris fein Geld verspielt oder verspekuliert, kam er nach Wien, um hier seinen Beutel wieder zu stillen. Der arme Judenknabe, der einst mit seinem Violoncell als Bettler nach der Seinestadt gekommen war, hatte sich mit dem Zauber seiner Melodien die Welt unterworfen. Bei all feinem Geiz -und feiner Eitelkeit war er eine faszinierende Erscheinung. „Nicht groß, nicht klein, ein wenig nach vorne, wie über das Violoncell gebeugt, hager, die Glieder wenig mit Fleisch bekleidet, dafür stets, wenn die Mittel es irgendwie erlaubten, mit Kleidern vom besten Schneider, der Kopf schmal und fein, die Schläfen eingesunken und die Adern daran sichtbar, die Stirne hoch, teils von Haus aus, teils durch die Flucht des dünnen aschblonden Haares, der Adamsapfel sehr ausgebildet, rund um diesen welke Hautfalten, Wangen und Oberlippe von spärlichem, in jedem Jahre anders gefärbtem Haare fast bedeckt, schmale Lippen, fast zwei rote Notenlinien, und die Augen, blaue Augen, hinter Gläsern hervorblitzend. So stechende Augen, mit einer Art von Spießblicken, hat man selten auf sich gerichtet gesehen." . . . Die abergläubischen Schauspieler behaupteten denn auch steif und fest, Offenbach habe den bösen Blick und könne Unglück anhexen. vermischtes. * Graf Zeppelin durchsegelt nicht nur die Lüfte mit seltenem Wagemut und bahnbrechendem Erfolge, sondern ist auch von Jugend auf em kühner Schwimmer. Dis Schwimmerzeitung teilt darüber bemerkenswerte, bisher unbekannte Episoden mit. In feinen jungen Jahren vollführte der Graf bereits ein gefährliches Wagestückchen bei den Niagarafällen. Er hatte beobachtet, wie ein Stückchen Holz den Strudel hinab zu einem Felsen getrieben wurde, und wohin das Holz gekommen, wollte auch er sich hinwagen. Er warf sich also in die brausende, brandende Flut und gelangte glücklich bis an den einsamen Klippenvorsprung, von dem aus sich ihm das mächtige Naturschauspiel der nieder- türzenden Wasser in seiner ganzen Schönheit erschloß. Seine ;roße Schwimmttichtigkeit hat er im Kriege 1858 rühmlichst bewährt, als er in der Schlacht bei Aschaffenburg schwimmend unter Einsetzung seines Lebens eine wichtige Nachricht über den Main brachte und dadurch das Schicksal der gesamten württembergischen Division entschied, wofür er vom König von Württemberg durch Verleihung des Ritterkreuzes des Militärverdienstordens belohnt wurde. Diese schwimmerische Heldentat ist weniger bekannt, aber zweifellos ebenso mutig und wichtig, als sein Reiterstückchen von 1870. Auf Anfrage wird darüber näheres mitgeteilt: Es handelte sich an dem fraglichen Tage des Jahres 1836 darum, die Verbindung zwischen den württembergischen und den auf dem linken Mainufer befindlichen hessischen Divisionen herzn- stelleu. Die Brücken bei Aschaffenburg und Stockstadt waren, von: Feinde befetzt. Gras Zeppelin hatte den Aufttag, bie Verbindung herzustellen, übernommen. Nach anstrengen- dem Ritt in großer Hitze, der die Kräfte seines Pferdes völlig erschöpft hatte, mußte er ohne dieses, in voller Uniform, mit holten, auf den halben Oberschenkel reichenden Stiefeln unb schwerem Säbel den Strom durchschwimmen. Etwa auf halbem Wege verließen ihn die Kräfte. Er mußte sich auf den Grund sinken lassen, von dem er sich aber wieder ao- stoßen konnte, nm an der Oberfläche Luft einzuatmen. Nacy mehrmaliger Wiederholung dieses Manövers gelang es dem Grasen schließlich, dem Ufer so nahe zu kommen, daß er, noch im Wasser sitzend, sich erholen konnte. Das Zuruckschwimmen nach erfülltem Auftrage bot keine Schwierigkeiten mehr. . * Eine Uhr, die mit beißen Quellen betriebe n w i r d. Die merkwürdigste Uhr der Welt ist wahrscyein- lich eine Turmuhr, welche den Bewohnern einer kleinen amerikanischen Stadt des Westens die Zeit anzeigt. Hinter dem Marktplatz der Stadt bringt eine heiße Quelle aus dem Boden Uild zwar spritzt der Geyser in ab; olut regelmäßigem Zeitabstande von 38 Sekunden in die Lüfte. Die,er ^t-aifcr» strahl wird nun benützt, nm die Uhr gehen zu machen. Der Wasserstrahl drückt auf einen Mechanismus, welcher wieder mit einem Zeiger in Verbindung steht, der auf einem Zisser- Matt die Zeit angibt. Der Zeiger rückt also alle 38 Sekunden weiter und die guten Bürger von Denbington, so heißt das Städtchen nämlich, können sich nach diesem merkwürdigsten aller Chronometer richten. » Goethe als Einbrecher. Die neue Ausgabe der Eüermannschen „Gespräche mit Goethe", die soeben im Verlag von F. A. Brockhaus erschienen i)t und neben dem zum ersten Male kritisch gesäuberten Text und manchem neuen Material über Eckermanns Leben und Werk eine reiche Auswahl sachgemäßer Illustrationen enthalt, die den Wortlaut der „Gespräche", besonders die zahlreichen Kuiistdebatten 716 zwischen Goethe und Eckermann trefflich erläutern, weckt wieder die Erinnerung an eine dort erzählte niedliche Episode vus Goethes Leben, in der der vielseitige Dichter im wahren Sinne des Wortes als Einbrecher auftrat. Als Staats- minister des Sachsen-Weimarer Landes lag Goethe auch die Verwaltung der akademischen Institute in Jena ob, und so beschäftigte ihn eines Tages die Frage einer Erweiterung der Jenaer Universitätsbibliothek, deren Räume für die vnfchwellende Büchersammlung längst zu eng geworden waren. Zu einem Neubau war kein Geld in der Großherzoglichen Kasse, aber an die Bibliothek stieß ein Anbau, der jedoch der medizinischen Fakultät gehörte, die dort gelegentlich ihre Konferenzen abhielt. Goethe wandte sich also an die Herren Professoren mit der sehr höflichen Bitte, ihm den Raum für Bibliothekszwecke abzutreten; er wolle ihnen dafür später einen neuen Konferenzsaal bauen. Das genügte aber der medizinischen Fakultät nicht, und als Goethe später hinschickte, um sich den Schlüssel auszubitten, erhielt er zur Antwort, er sei nicht zu finden. „Da blieb nun weiter nichts zu tun, als erobernngsweise einzuschreiten", erzählt Goethe seinem Eckermann. „Ich ließ also einen Maurer kommen und führte ihn in die Bibliothek vor die Wand des angrenzenden gedachten Saales. „Diese Mauer, mein Freund, sagte ich, muß sehr dick seyn, denn sie trennet zwei verschiedene Wohnungspartien. Versuchet doch einmal und prüfet wie stark sie ist." Der Maurer schritt zu Werke; und kaum hatte er fünf bis sechs herzhafte Schläge getan, als Kalk und Backsteine fielen imd man durch die entstandene Oefsuung schon einige ehrwürdige Porträts alter, Perücken herdurchschimmern sah, womit man den Saal dekoriert hatte. „Fahret nur fort, mein Freund, sagte ich, ich sehe noch nickt Helle genug. Genirt euch nicht und thut ganz als ob ihr'zu Hause wäret." Diese freundliche Ermunterung wirkte auf den Maurer so belebend, daß die Oeffilung bald groß genug ward, um vollkommen als Tür zu gelten; worauf denn meine Bibliotheksleute in den Saal drangen, jeder mit einem Arm voll Bücher, die sie als Zeichen der Besitz- ergreifung auf den Boden warfen. Bänke, Stichle und Pulte verschwanden in einem Augeccblick, und meine Getreuen hielten sich so rasch und tätig dazu, daß schon in wenigen Tagen sämtliche Bücher in ihrer: Reposituren in schönster Ordnung an der: Wänden umherstanden. Die Herren Mediziner, die bald daraus durch ihre gewohnte Tür in corpore in den Saal traten, waren ganz verblüfft, eine so große unerwartete Verwandlung zu finden. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten und zogen sich stille wieder zurück; aber sie . bewahrten mir alle einen heimlichen Groll. Doch rvenn ich sie einzeln sehe, und besonders wenn ich einen oder den andern von ihnen bei mir zu Tisch habe, so sind sie ganz scharmant und meine sehr lieben Freunde. Als ich dem Großherzog den Verlaus dieses Abenteuers erzählte, das freilich mit seinem Einverständnis und seiner völligen Zn- stimmung eingeleitet war, amüsierte es ihn königlich, und wir haben später recht oft darüber gelacht." So löst sich diese Episode nicht ganz so staatsgefährlich, als das obige Stichwort fürchten läßt. Es zeigt den ehrwürdigen Olympier in dem vollen Glanze seines sonnigen Humors, in dem kein anderer ihn so treffend zu malen verstanden hat als eben .Eckermann in seinen berühmten „Gesprächen mit Goethe", einem Buch, das in den Händen eines jeden Literatur- und Woethefreundes zu sein verdient. * „Koedukativ n", ein Fremdwort, das in letzter Zeit immer häufiger auftaucht, gehört zu den überflüfsigen und leicht ersetzbaren; dieweil aber der deutsche Michel in alles Fremdklingende närrisch verliebt ist, wird er sich dieses herrliche Wort so leicht nicht entgehe:: lassen. Hätte er es nie gehört, so wäre er gewiß auch mit dem schlichten „gemeinsamen Unterrichte" oder „Gemeinunterrichte" zufrieden. Nun aber haben es gedankenlose oder bequeme Federhelden als etwas »angeblich Neues aus Amerika eingeführt, und das Wort Mit seinem gelehrten Prunkgewande findet hccndertfachen Widerhall. Könnte man doch den allerersten Anfängen zu Leibe gehen! Ist ein solcher Fremdling erst einmal auf dem Plane erschienen, dann ist es meist schon zu spät. Sehr erfreulich ist es deshalb, zu bemerken, auf wie mancherlei Weise ein kürzlich erschienener Bericht der Bremer Schuldeputation das Fremdwort vermeidet durch die deutschen Ausdrücke: „gemeinsamer (Schul-) Unterricht, gemeinfame Einschulung, Gesamtschule". Daneben kämen noch „Gemein- schule, Gemeinschaftserziehung, Gesacntunterricht" und „Ge- meinunterricht" in Betracht. Also unsere liebe deutsche Sprache kommt wirklich nicht in Verlegenheit, wenn sie den Begriff mit eigenen Mitteln ausdrücken soll. Natürlich wird man sofort den Einwand erheben, daß ja die Hauptsache — der gemeinsame Unterricht beider Geschlechter — in denk Worte nicht zum Ausdruck komme. Immer das alte Lied: die gewissenlosen Verächter des heimischen Sprachgutes sind zugleich übergewissenhafte Sprachrichter. Als ob der vermißte Begriff etwa in Coeducation, das doch tvörtlich nur „Miterziehung" und nichts weiter bedeutet, zum Ausdruck käme! Kann man ihn nicht ebensogut in das Wort „Gemein"- oder „Gemeinnnterricht" Hineiulegen und -fühlen?, zumal! in das zweite dieser Wörter, das noch in keiner anderen Bedeutung iiblich ist, also nicht zu Mißverständnissen führen kann, während allerdings „Gesamtcmterricht" als Gegensatz zu „Einzelunterricht" aufgefaßt werden könnte. Sagen wir also „Gemeinunterricht" und wirken wir, ein jeder nach seinen Kräften und in seinem Kreise, dahin, daß das klägliche Gewächs „Koedukation" baldigst ausgerottct werde! * Hundert gleichlautende Straßen in einem Postbezirk. Die Postbeamten Londons haben durch die vielen gleichlautenden Straßennamen der Stadt und ihren Vororten sehr oft mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. So gibt es in London nicht weniger als 22 King- straßen, 35 Queensstraßen, 51 Johnstraßen und 52 St. John- straßen. Der Londoner Grafschaftsrat hat nun den Beschluß gefaßt, die Straßennamen zu ändern, und so eines Verkehrserleichterung zu schaffen. * D i e A u § h i l f s st i e f e l. Inder Schule eines Vorortes von London hat der Lehrer mehrere Paar Stiefel gekauft, um sie armen Schülern zu leihen, die nur eilt einziges Paar Stiefel ihr Eigen nennen. Die Kinder, die sonst gezwungen waren, barfuß zur Schule zu kommen/ wenn sich ihre Stiefel in Wiederherstellung befinden, dürfeir die Stiefel eine Woche lang tragen. Literarisches. — Die Säalburg! und der Mithraskult, eins kleine Schrift von Fr. Passauer, Verlag von Mahlan tut# Waldschmidt in Frankfurt a. M. bildet eine Bereicherung der schon zahlreich vorhandenen Saalburgliteratur, aber eine ganz besonders wertvolle, die als kulturgeschichtliche Arbeit von Bedeutung ist und deshalb jeden: Freund des römischen Altertums nicht warm gemig empfohlen werden kann. Zugleich tft das Büchlein als ein vollkommener Wegweiser fiir Besucher des Romer- kastels zu begrüßet:, ohne damit den Fachgelehrten das auf diesem Gebiete einschlägige Werk von Geheimrat Prof. Jacobi, dem bekannten Saalburgforscher und Retchslimcskommissar, ersetzen zU wollen. Was die Passauersche Schrift für den Zweck, als, Ratgeber weiteret: Kreisen bei Besichtigung der Saalburg zu dienen, besonders geeignet erscheinen läßt, ist der Umstand, daß sich ihr Inhalt vorteilhaft abhcbt von den: trockenen und langweiligen „Führerstil", der sich in neuerer Zeit in der Reiseliteratur immer breiter geltend zu machen sucht. Der Verfasser halt den Leser nicht lauge mit Einzelheiten auf, sondern schildert das Leben und Treiben in und um einem römischen Heerlager und macht so unter der Hand aud) mit den entschiedenen Teilen teä Kastels bekannt. Vor allen: dürfte das Kapital über den Mtthras- kult, der in so manchen Beziehungen zur christlichen Lehre steht, viele etwas ganz Neues bieten. Tarrschrätsel. Puppe Lachs Die Aniangsbuchstaben nebenOber Ulm stehender Wörter sind mit anderen Nachen Degen Buchstaben derart zu vertauschen, daß Bier Nudel man ebensoviele neue Wörter erhält, Narbe Diug deren Anfangsbuchstaben den Namen Cid Oder eines Erstnders und die Gebnrtsstadt Feder Feige Auflösung desselben ergeben, in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer r Redakciom E. Anderton. — Rotationsdruck und Verla» der Brühl'ichen Untvetfitätä-Buch- und Sletndruckeret. N, Lange, Gießen.