Mittwoch den K Oktober u W i ü Der Kutscher machte ein ärgerliches Gesicht. Sein. Zorn wollte sich in einem Wortschwall ergießen, aber Lccoq hatte auf seine Uhr gesehen und unterbrach ihn: Schon nenn Uhr! Ich werde mehr als eine Stunde Kit spat kommen. . . aber ich bringe Neuigkeiten. Fahren Sie mich nach der Morgue, und schnell! 15. Kapitel. Die Tage unmittelbar nach geheimnisvollen Verbrechen oder Katastrophen, wo es unbekannte Opfer gegeben hat, sind die Glanztage der Morgue. Schon am frühen. Morgen sind die Beamten in voller Tätigkeit, wobei sie Witze machen, daß einem die Haut schaudern könnte. Aber sie sind fast alle sehr lustig, infolge eines gebieterischen Bedürfnisses, ein Gegengewicht gegen ihre traurige und grauenvolle Umgebung zu finden. Heute wirds Besuch geben! sagen sie. Und in der Tat, als Lecoq und sein Kutscher auf den Quai kamen, konnten sie schon von ferne zahlreiche Gruppen lebhaft sich unterhaltender Menschen vor dein düsteren Gebäude erkennen. Die Zeitungen hatten Berichte über das Drama ist der Schenke der Witwe Chupin gebracht, und natürlich, da wollte man doch sehen. . . Auf der Brücke ließ Leeoq halten und sprang auf das Trottoir/ indem er sagte: Ich will nicht vor der Morgue aussteigen. Hierauf zog er erst seine Uhr, dann sein Portemonnaie im.b fuhr fort: , Wir haben eine Stunde vierzig Minuten; also kriegen Sie?, Oh, ganz und gar nichts! antwortete energisch der Kutscher,. Aber... Nein . . . keinen Sou. Ich ärgere wich zu sehr, daß ich das Geld von diesen Teufelsweibern ausgegeben habe. Missest Sie, ich wollte, ich hätte von dem Getränk, das ich damit bezahlte, die Kolik gekriegt! Also, genieren Sie sich nicht, wenn Sie einest Wagen brauchen, so nehmen Sie meinen, bis Sie die Bestien gefaßt haben. Soll Sie gar nichts kosten! .. r.. Lecoq hatte zu jener Zeit nicht viel Geld, er bestand daher nicht darauf, bezahlen zu wollen. Sie haben sich doch wenigstens meinen Namest und meine Adresse aufgeschrieben? fuhr der Kutscher fort. Ganz gewiß. Der Untersuchungsrichter wird Sie ledenfatts als Zeugen vernehmen müssen. Sie werden eine Vorladung erhaUem । yllso: Papillom Eugene, Kutscher, bei Herrn Trigault, Ich wohne nämlich bei ihm, müssen Sie tvissen, weil ich so 'ne Art Geschäftsteilhaber von ihm bin. , . Der junge Beamte hatte sich schon entfernt, als Paprllon ihn zurückrief und sagte: . , Wenn Sie in der Morgue fertig sind, werden Sre doch reden- falls anderswohin müssen. Sie sprachen davon, Sie waren bestellt, Sie wär eil sogar schon etwas verspätet - - - Gewiß, man erwartet mich im Justizpalast, aber das siilü ja nur zwei Schritte. Einerlei. Ich werde ait der Ecke vom Quai auf Sie wartem Sagen Sie nicht nein! Das nützt Sie. stMs, MDb s Wk.LM Herr Lecoq. Kriminal-Roman von E. Gaboriau. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Augenblicklich nahm der junge Beamte sein seidenes Halstuch ab, faltete es zusammen, steckte es in die Tasche, sprang aus dem Wägen und trat in das Haus ein. In der Portierstube saß eine alte Frau und nähte. Madame, sagte Lecoq höflich, indem er iHv das seidene Tuch hinhielt, ich bringe dies für eine Ihrer Mieterinnen. Für welche? Ja, das weiß ich nicht. Die würdige Portiersfrau glaubte, der höfliche junge Mann wäre ein Spaßvogel, der sich einest schlechten Witz erlauben wollte, und fing an zu schimpfen: Unverschämter Mensch... Verzeihung! unterbrach Lecoq sie, lassen Sie mich erst aussprechen. Die Sache liegt so: Vorgestern abend, oder richtiger gestern morgen gegen drei Uhr, gehe ich ruhig nach Hause, als ganz hier in der Nähe zwei Dame», die es anscheinend sehr eilig haben, nticfy überholen. Die eine läßt dies Tuch fallen; ich hebe äs auf und gehe natürlich schneller, um es ihr cinzuhändigen. Vergebliche Mühe; sie waren schon in dieses Haus eingetreten. Zu der späten Stunde wagte ich nicht zu klingeln, um Ihnen keine Umstände zu machen; gestern hatte ich zu tun, aber heute komme ich. Hier ist das Tuch. Er legte das Tuch auf den Tisch und tat, als ob er gehen wollte. Die Portiersfrau hielt ihn zurück. Bielen Dank für Ihre Gefälligkeit, aber Sie können das Ding behalten. Wir haben im Hause keine Frauen, die nach Mitternacht allein heimkommen. Indessen, ich habe doch Augen, ich sah. . . Ach, ich vergaß! rief die alte Frau. In der Nacht, wovon Sie sprachen, hat man ja hier geklingelt — wieder mal so ein abgeschmackter Scherz. Ich ziehe die Schnur und horche. . . nichts! Da ich weder die Tür schließen noch jemanden die Treppe hinaufsteigcn höre, so sage ich zu mir selbst: M Jo em verdammtes Pack! Das Haus konnte ich natürlich nicht sperrwelt pffen lassen. Also eins, zwei, drei, ich aus dem Bett, zrche einen Unterrock a» und eile aus meinem Zimmer heraus Was sehe ich? Zwei Schattengestalten, die — husch! Hinaullaufen und mir die Tür vor der Nase zuschlagen. Schnell laufe ich zurück, um mir selber die Schnur zu ziehen, und eile dann aus die Straße. Ich gucke mich überall um und was bemerke ich? Zwei Frauen, die eilig davonliesen! Und in welcher Richtung? Nach der Rue de Varennes zu! , Lccoq wußte genug. Er grüßte höflich die Portiersfrau, die er vielleicht noch iiötig haben konnte, und ging zu seiner Wie ich's vorausgesehen hatte! sagte er zum Kutscher. Sie wohnen nicht da. — 642 in den Kops gesetzt, und ich bin Bretone. Es ist eine Gefälligkeit, um die ich Sie bitte. Sie können meinen Wagen wenigstens so lange benutzen, bis die dreißig Franken von den Frauenzimmern abverdient sind. Es wäre lächerlich und zugleich unhöflich gewesen, diesen Wunsch abzuschlagen. Leeoq nickte also und trat schnell in die Morgue ein. Wenn draußen schon viele Menschen standen, so waren die düsteren Stimme selbst geradezu gepreßt voll. Lecog mußte energisch seine Ellbogen gebrauchen, um sich durchzudrängen. Der Anblick war häßlich, ja so häßlich, daß man sich wohl fragen durfte, welchen Trieben die neugierigen Besucher folgten, indem sie an diesen Ort kamen. Und es waren sogar Frauen in großer Anzahl da, auch junge Mädchen! Allerdings war an diesen! Morgen das MusstellungszimMer reich besetzt. Auf allen Marmorplatten, außer zweien, lagen Leichen. Durch die kleinen Bogenfenster fiel ein bleiches Licht auf die ausgestellten Körper, ließ die Muskeln der grünlichen Glieder hervortreten und beleuchtete mit trübem Schein die ringsumher Mfgehängten meist zerlumpten Kleider, die ausgestellt werden, um vielleicht zur Erkennung zu führen, und die nach Ablauf einer gewissen Zeit verkauft werden — denn verloren geht nichts! Mer der junge Kriminalbeamte war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um dem häßlichen Schauspiel Beachtung zu schenken. Kaum warf er einen Seitenblick auf die drei Opfer „seines Falles". Er suchte den alten Absinth und entdeckte ihn Nicht. Hatte etwa Gövrol, absichtlich oder nicht, sein Versprechen verletzt, oder hatte etwa der Alte von der Rue de Jerusalem beim Morgengläschen seinen Auftrag vergessen? Schließlich wandte Leeoq sich an den Oberansseher und fragte: Wie es scheint, hat noch niemand einen von den drei Unglücklichen von voriger Nacht erkannt? Niemand, obwohl seit heute früh ein wahnsinniges Gedränge hier >oar. Missen Sie, wenn ich zu bestimmen hätte, ich würde an Tagen wie heute ein Eintrittsgeld von zwei Sons für die Person verlangen, Kinder und Soldaten die Halste, und man würde famose Einnahmen machen, man würde auf diese Art die Kosten decken. Entschuldigen Sie, unterbrach Leeoq ihn, ohne auf diesen Gesprächsgegenstand einzugehen, hat man Ihnen nicht gleich heute früh einen Kriminalbeamten geschickt? Allerdings. Wo ist er denn hingekommen? Ich bemerke ihn nicht. Der Aufseher musterte, ehe er antwortete, mit einem mißtrauischen Blick hen zudringlichen Frager und sagte endlich zögernd: Sind Sie „Einer"? Tiefer Ausdruck war aufgekommen, als zur Restaurations- Keit niederträchtige Lockspitzel ihr Wesen trieben, und bezog sich nur auf die geheime Polizei. Man war „Einer" oder man war „Keiner". Die Bezeichnung hat den Wechsel der Zeitläufte überdauert. Ich bin „Einer", antwortete Seern?, indem er zur Bekrästi- 0ii.it8 seine Marke sehen ließ. And Sie heißen. . . ? Leeoq. Das Gesicht des Oberaufsehers verzog sich plötzlich zu einem Lächeln und er sagte: In diesem Falle habe ich einen Brief für Sie, er ist mir Vor kurzem von Ihrem Kameraden zugestellt worden, der sich Entfernen mußte. Hier ist er. Leeoq riß hastig den Umschlag aus und las Herr Leeoq . . . „Herr" — diese einfache Höflichkeitssormel entlockte ihm- ein leichtes Lächeln; doch er las weiter: Herr Leeoq, ich lvär .seit der Oeffnung der LeichenhalA auf meinem Posten, als gegen neun Uhr drei junge Leute eintraten, ihrem Anzuge und Benehmen nach Geschäftsangestellte. Plötzlich sehe ich, wie einer von ihnen weißer wird als feilt Hemd und seinen Begleitern einen von unseren drei Unbekannten zeigt, wobei er sagt: Gustave! Sofort legen feine Kameraden ihm die Hand aus den Mund und sagen: Willst du schweigen, Dummkopf; was geht dich das an? Willst du uns denn Unannehmlichkeiten mit den Gerichten auf den Hals laden? Damit gehen sie hinaus und ich hinterher! Aber der junge Mann, der gesprochen hatte, war so aufgeregt, daß er sich kaum weiterschleppen konnte; darum! sind die Andern mit ihm in eine kleine Wirtschaft gegangen. Ich bin ebenfalls eingetreten und schreibe Ihnen von hier aus diesen Brief, wobei ich die Leutchen fortwährend im Auge behalte. Der Oberaufseher wird Ihnen dieses Papier zustelleii, das Ihnen meine Abwesenheit erklärt. Wie Sic denken können, werde ich mich den Burschen an die Fersen heften. Abs. Dieser Brief war in einer saft unleserlichen Hand geschrieben und wimmelte in jeder Zeile von orthographischen Fehlern, aber er war klar und deutlich und berechtigte Leeoq zu den schmeichelhaftesten Hosfnungen. Sein Gesicht strahlte also, als er wieder in die Droschke stieg, und der alte Kutscher konnte sich, während er seinem Pferd einen ermunternden Hieb versetzte, nicht enthalten zu fragen: Es geht also, wie Sie wollen? Ein freundschaftliches „Pst!" war die einzige Antwort des jungen Beamten; er brauchte seine ganze Aufmerksamkeit, um sich die nenerhältenen Auskünfte im Geiste zurechtzulegen. Als er vor dem Justizpalast ausgestiegen war, könnte er nur mit der größten Muhe den alten Kutscher loswerden, der durchaus Noch ihm zur Verfügung bleiben wollte. Schließlich gelang es ihnr aber doch; als er schon im Portal war, rief der altes biedere Mann von seinem Kutschbock ans ihm nach: Bei Trigault! Vergessen Sie nicht! Vater Papillon, Nummer 998 — tausend weniger zwei! Im dritten Stockwerk angekommen, wo die Amtszimer der Untersuchungsrichter sich besinden, wandte sich Leeoq an feinen Gerichtsboten, der an einem großen Schreibtisch saß und fragte: Herr d'Escorval ist wohl in seinem Kabinett? Der Angeredete schüttelte 'traurig den Kopf und erwiderte: Herr d'Escorval ist heute morgen nicht gekommen und wird noch monatelang nicht kommen können. Wieso? Was wollen Sie damit sagen? Er ist gestern abend vor seiner Wohnung beim Aussteigen aus dem Wagen so unglücklich gefallen, daß er sich das Bein gebrochen hat. (Fortsetzung folgt.) Aus meinem KstiZbuch. Von Heinrich Teweles (Prag). Nachdruck vcrbotcw- S t u m nt. Sie war eine gesprächige, muntere kleine Frau gewesen. Ihr kleiner Mann war schweigsam und ernsthaft. Man sah ihm seine Sorgen an. Er hatte mehr Kinder als Patienten. Aber die Frau war tapfer. Sie behütete und betreute ihre Kinderschar, wie eine richtige Henne. Den ganzen Tag scheuerte, wusch, kochte, nähte sie und hatte dabei immer ein Auge für den Mann. „Wie du wieder aussiehst!" mußte er jedesmal hören, bevor er ausging, und wenn auch kein Stäubchen darauf war — sie hatte ihn selbst geputzt — so fuhr sie immer noch mit ihrem Blusenärmel über seinen Rockkragen. Er war, wie gesagt, von Natur schweigsam, aber seine Frau überhob ihn zudem jedes Wortes. Was sie sagte, war immer gescheit für zwei. Am Sonntagabend, wenn die Kinder schliefen, durste er sie ins Gasthaus führen. Nun war sie tot. Beim siebenten Kind war sie gestorben. Der Mann faßte es nicht, rat- und tatlos ließ er seine- Freunde walten. Beim Begräbnis hatte der Pastor einige Worte über treue Pflichterfüllung fallen lassen, hatte an der großen Schar der kleinen Waisen so lange herumgezerrt, bis die Trauergäste sich der Tränen nicht enthalten konnten, und hatte schließlich auch noch das älteste Waisenkind: den Gatten mit seinem Mitleid gestreift. Dann trug man den Sarg zum offenen Grabe. Und dort warf sich der kleine Mann über den schwarzen Schrein und drückte sein Gesicht fest auf das Bahrtuch, als wollte er mit den Augen durch die grausamen Decken hindurch noch einmal die Frau sehen, die ihm Freundin, Geliebte, Gattin, Mutter gewesen; als wollte er diesen Leib küssen, der ihm als der Inbegriff aller Freuden gegolten, der seine stete Sehnsucht erneuert. Ach, er hatte zeitlebens auch geschwiegen, wo er hätte sprechen dürfen und wo sie vielleicht ein Mort von ihm erwartet hatte. Auch für seine glühende Empfindung war ihm nie ein glühendes Wort über die Lippen gekommen. So zag, so ungeschickt, so stumm war er sein Leben lang geblieben und nur sich selbst hatte er immer vorgesprochen, was er ihr sagen wollte: daß sie ihn glücklich gemacht. Nicht weil sie ihm alljährlich ein Kind gebar — er war auch Kindern gegenüber so ungeschickt, daß er sich möglichst wenig mit ihnen zu schassen machte; nicht weil sie das- karge Haus mit so beispielloser persönlicher Anspruchslosig- 643 fett ;o bewundernswert führte. Nein. Sondern ivcil sie ihm ihren Leib ohne Widerspruch zu eigen gab. Dieser Leib — er hatte nie ein anderes Weib gesehen und sie war ihm die Schönheit selbst — dieser Leib lag vor ihm int Sarge. Die lachenden Augen waren gebrochen, die Ohren taub für immer, der redselige Mund auf eivig verstummt. Stumm blieb auch er. Das einzige, was ihm wert schien, ausgesprochen zu werden, erreichte das Herz nicht mehr, in dem es ein Echo finden konnte. Mair mußte den Ohnmächtigen vom Sarge heben, um das traurige Geschäft vollenden zu können. Die Mutter des S ch auspicle r s. Hochgeschätzter Herr Redakteur! Sie haben heute wieder meinen Sohn heruntergerissen, warum verfolgen Sie ihn, er hat doch immer Applaus und sein Direktor ist mit ihm doch so zufrieden, denn er gibt ihm die größten Rollen und neulich hat er seiber zuerst gellatscht!! Mein Sohn gibt sich doch so viel Muhe, um das Publikum uud die werte Kritik zufriedenzustellen, uud heute früh kommt er uud sagt, Mutter, sagt er, ich weiß schon nicht mehr, was ich tun soll, der Kritiker ist mir so aufsässig, wenn ich nur jemanden wüßte, der nut ihm sprechen könnt, das; er mich nicht immer und immer tadelt? Ich lern doch meine Rollen die halbe Nacht, Du weißt ja, Mutterl, Du hörst sie mir ja immer ab und ich könnt sie ganz ohne Souffleur spielen. Nachm dritten Alt haben sie dpch so applaudiert und da steht, daß ich die Rolle nicht verstanden habe. Die Kollegen, nicht alle, aber die meisten sind mir doch neidisch — Sie wissen gar nicht, lieber Herr Redakteur, wie viel Jntriguen es auf dem Theater hinter den Kulissen gibt, wie boshaft die Menschen sind und wie man sich um alles annehmen muß, sonst bringt man es zu nichts. Mienn mein Franzi eine Rolle gespielt hat, so kleben sie ihm am andern Tag Ihre Kritik auf seinen Garberobeutifch auf und er darf nichts sagen. Er hat sich auch noch nie verleiten lassen, über Sie zu schimpfen, wie es doch alle seine Kollegen tun, namentlich die, die von Ihnen gelobt werden, die am allermeisten. Hochgeschätzter Herr Redakteur, mein Sohn hat Recht, er weiß niemanden, der bei Ihnen für ihn spricht, da habe ich mir gedacht, ich bin doch feine Mntter, ich darf für ihn sprechen, aber er soll cs nicht erfahren, das möchte ihn gewiß verdrießen. Er ist ein so guter Sohn zu mir, er bleibt immer bei mir, nicht tote die anderen Künstler, er ist ein braves Kind und ich bin so glücklich, aber nur daß Sie ihn verfolgen, macht mich unglücklich und ihn auch. Ich kann es gar nicht begreifen, daß er Ihnen nicht gefällt, aber freilich, Sie meinen es aufrichtig, ich will nicht daran zweifeln und Ihnen keine Borwürfe machen, Gott bewahre. Ich hab ihn getröstet, er soll sich nichts daraus machen, er soll nur fleißig sein, Sie werden ihn schon eines Tages loben. Wäre es deitn wirklich unmöglich? Entschuldigen, Herr Redakteur, diese lange Belästigung, er ist mein Sohn, und da werden Sie es mir gewiß nicht übel nehmen, daß ich hinter seinem Rücken Ihnen meine Bitte vorgetragen habe und seinen Zustand geschildert. Mit aller Hochachtung Ihre dankschuldige N. N. Die Haarpflege. Die verachtete Stellung, welche bisher die Kosmetik einnahm, und die Ansicht, daß die Schönheitspflege nur eine Dienerin der Eitelkeit sei, hat in den letzten Jahren doch eilte wesentliche Aenderung erfahren. Je mehr die Bedeutung jedes Organs unseres Körpers für den gesamten Organismus gewürdigt wurde, je mehr wir die Wichtigkeit der Zähne für die Ernährung und die große Abhängigkeit der Gesundheit von einer wohlgepflegten Haut erkannten, desto mehr waudelte sich der Begriff der Kosmetik, und was früher unwürdig erschien, erhielt jetzt Berechtigung. Man hätte nun annehmen können, daß mit der zunehmenden Verbreitung einer rationellen Hautpflege auch das Kopfhaar, dieses Produkt der Haut, eine verständigere Behandlung als bisher erhalten und die oft unglaubliche Mißhandlung der Haare aus Gleichgültigkeit ober aus entarteten und falschen Schönheitsvorstelluugen schwinden würde. Gerade in dieser Beziehung haben aber bei dem großen Publikum richtige Ansichten noch wenig Eingang gefunden, und es fcheint sogar, als ob das Gegenteil eingetreten {ft, da man in den letzten Jahren mehrfach einer deniimondatnen unfeinen Mode huldigend sein .Haar regelmäßig zu färben begann. Daß die Anwendung solcher Färbenttttel, die meistens Gifte enthalten, nicht ohne Nachteil auf das Haar bleiben kann, ist selbstverständlich, und häßliche Härte oder direkter Ausfall ist dann die natürliche Folge. Ein volles weiches Haar ist aber der schönste Kopfschmuck, den Mann oder Frau haben können, und jeder kann sich diesen Kopfschmuck bis in das höchste Alter sichern, wenn dem Haar die richtige Pflege gewährt wird. Dazu gehört in erster Linie die Erkenntnis, daß die Haarwurzeln gesund bleiben müssen, und mit den Haarwurzeln die Kopfhaut, in der sie sitzen. Die Kopfhaut also muß gleichzeitig gepflegt werden durch geeignete Waschungen, und indem man an sie in genügender "Weise die Luft yerantreten läßt, um die. Ausdünstung sortzuführen und kräftigend einzuwirken. Daß bei den Männern die Kahlköpfigkeit verhältnismäßig so verbreitet ist, dürfte mit durch Abschluß der Kopfhaut von der Luft veranlaßt sein: Mit Pomade wird das Haar fest angeklebt, der Filzhut des Mannes hält die frische Luft der Kopfhaut fern, und so wird dieselbe systematisch einer natürlichen Anregung beraubt, sie wird blutarm und vermag nicht ihren Kindern, den Haarwurzeln, die notwendige Ernährung zu geben. Allein der Kampf, die Heftung kräftigen und stählen, uud das gilt auch von der Körperhaut im ganzen sowie der Kopfhaut im einzelnen. Der Neger, der Seemann, bereit Kopf jeder Witterung, und sehr oft unbedeckt, begegnen muß, haben fast ausnahmslos ihr volles Haar, weil ihre Kopfhaut int Kampf mit den Witterungs- verhältnissen stark und kräftig blieb. Dieses Beispiel sollte auch bei uns nicht unbeachtet gelassen werden. Es wäre sehr gut, wenn wir uns daran gewöhnen würden, im Freien den .Hut bisweilen in der Hand zu tragen, damit Sonne uud Wind um Haar und Kopfhaut ungehindert spielen und ihren wohltätigen Einfluß ausüben können. Daß die Kahlköpfigkeit bei Frauen seltener als bei Männern ist, verdanken sie unziveifelhaft unter anderm ihren wesentlich leichteren Hüten und der Art und Weise, wie sie bett. Hut auf dem Kopf befestigen. Er umschließt nicht eng wie beim Mann fast den ganzen behaarten Oberteil des Kopfes, sondern läßt die Kopfhaut selbst der Luft zugänglich, da der Hut hauptsächlich auf der Haarkrone getragen wird. Allerdmgs begehen die Frauen außer der fchou oben gerügten Geschmack- iofigkeit des Haarfärbens häufig den Fehler, daß sie beim Waschen der Haare deren Nährboden, die Kopfhaut vergessen. Bei ihr aber hat das Haarwaschen zu beginnen,, damit sich nicht die Hanptporen verstopfen und die Haar- wurzeln leiden, ttnb sehr empfehlenswert hierfür smb Teerfeifen ober entsprechende Teerpräparate, weil mit btqett die Reinigung in mehrfacher Beziehung wohl die vollkom- menste wird. Wenn nach einer solchen oder einer anderen Waschung das .Haar sich hart und spröde ansühlen sollte^ so ist in sehr mäßiger Menge ein feines Oel htneinzuretben, dagegen find alle Pomaden, die die Haare zusammentleben und ihre Durchlüftung verhindern, zu verwerfen. VermStzchres. * Eine Re gier tut g als Hüterin des guten Geschmacks. Aus Weimar wird den „M. N. Nachr. • geschrieben: Tas Großherzogliche Staatsmtntsterium hat an die Bezirksdirektoren einen Erlaß gerichtet, in dem es heißt: ,Wir haben mit Bedauern wahrgenommen, daß die Verwendung gemusterter und mit Inschriften versehener Tachdeckun- gen, insbesondere anch mehrfarbige Zementdachsteme ut vielen Ortschaften des Großherzogtums immer mehr in Aufnahme kommt. Daß Dächer, auf denen riesige Buchstaben, Jahreszahlen, Spitzeukanteu, schachbrettartige und andere Muster hergestellt sind, wie kaum em anderer ästhetischer Verstoß die ruhige und gefällige Wirkung der. Ortsbilder beeinträchtigen, bedarf nicht der näheren Tarwgttng. In besonders grellen Fällen kann von der Baupoltzetve- hörde von der ihr eingeräumten Befugnis, die Genehmigung zu versagest, Gebrauch gemacht werden." * Türkische Karikaturen. Seitdem dcw türkische Großstadtleben sich von dem Ansturm eines neuen reformatorischen Geistes durchwühlt und erregt suhlt, ist die leider erst von einem neuen, großen Brande heiingesuchte Haupt- und Residenzstadt Konstantinopel eine ganze andere geworden. Eine der charakteristischsten Erscheinungen der neuen Zeiten ist das Ueberhandnehmen der Streiks; nicht minder charakteristisch sind das geradezu erstaunliche Aus. blühen der Presse und das Erscheinen von Witzblatterst. Bisher hatte man Witzblätter ut der Türkei ube.Haupt 644 Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UntverfltätS»Buch» und Steindruckeret, R. Lange, Gieße«. Rätsel. Wir sollen es an jedem uns'rer Tage Bis, wenn ein Zeichen rnan in diesem Wort Versetzet, wir es müssen, ohne Frage, Dann könnens andre, sällt der Ansang iort. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Von dem weißen Leichentuch Löst Natur die starren Glieder; Gab es Frost und Schnee genug — Wirds auch Blumen geben wieder. Sollte nur aus starren See'n Mild die Ostersonne scheinen? Sollte nicht das Ausersteh'n Auch das Grab des Herzens meinen? Oellerinann. nicht gekannt, jetzt aber tatlchen sie gleich dutzendweise auf. Die Karikaturenverkäufer ititb die Zeitungsjungen, die über Nacht atls dem Boden gewachsen zu sein scheinen und eine lebhafte, ganz ungewohnte Note in das Kaleidoskop des Kottstantinopeler Straßenlebens bringen, machen glänzende Geschäfte. Es hartdelt sich, so schreibt ein Berichterstatter der Agentur Reuter, um Karikaturen, die tu ziemlich plumper und primitiver Form die Beamten und Würdenträger des so jäh gestürzten „aneien regime“ darstellen. Eitle dieser Karikaturen zeigt Izzet Pascha, deil bekanntelr Sekretär des Sultans, der in den Provinzen „der wahre Sultan" genannt wurde, weil seine Macht imb sein Einfluß schier grenze,llos waren. Die Karikatur stellt ihn in westeuropäischer Kleibung bar; er ist glatt rasiert wie ein Eilglänber imb eilt beflügelten Schrittes zu bem kleinen englischen Dampfer, mit bem er aus Konstantinopel geflohen ist.' Eine anbere Karikatur zeigt benselben Izzet Pascha als Ratte mit einem Menschenkopf; er trägt eine Kiste, auf ber bie Zahl 4,000,000 geschrieben steht; bas soll natürlich heißen, baß er bie vier Millionen gestohlen hat. Neben ihm steht Selim Melhameh Pascha mit bem Eselskopf; er liest bem.Freunde einen Brief vor, wahrscheinlich ben Bericht eines Spions. Auf einem britten Bilbe sieht man Zekki Pascha, den Exgroßmeister der Artillerie; er ist dargestellt als ein riesiges Untier, bas in seinen Klauen bie Medizinische Akademie, die Polytechnische Hochschule, die Ingenieurschule, die Armenier, die türkischen Literaten, die Studenten der Theologie und außerdem noch ein Sack mit ber Aufschrift „7,500,000" hält; ber Exministcr soll sich nach der Meinung der Karikaturisten und anderer Leute auf Kosten der Steuerzahler fast 8 Millionen „gespart" haben. Am meisten belacht aber wurde eine Karikatur, die einen Straßenkehrer zeigt, wie er mit einem langen Lumpensammlerhaken Spitzelleichen einsammelt und sie in seine Bütte wirft. ... *Otto Lob. Die deutsche Studentenschaft hat einen schmerzlichen Verlust erlitten: Einer ihrer fruchtbarsten neuern Liedersänger, der Komponist Otto Lob, ist kürzlich im Alter von 74 Jahren in einem Sanatorium zu Neckargemünd bei Heidelberg gestorben., Ter frohgemute, unermüdlich tätige Musiker war ein Kind des Rheinlands. Zu Lindlar geboren, widmete er sich anfangs dem Lehrerberuf und wirkte längere Zeit an der Andreas- schule und an der Domschule zu Köln. Sein Schicksal führte ihn dann nach Amerika. Lange Jahre lebte er in Chicago, wo er als Dirigent angesehener deutscher Gesangvereine tätig war. Der furchtbare Brand der Stadt brachte ihn um Hab und Gut, so daß er nochmals von vorne anfangen mußte. Nachdem seine Verhältnisse sich wieder günstig gestaltet hatten, verließ er die neue Welt, um fortan in Heidelberg ganz seiner Muse zu leben. Die Preisausschreiben des Kommersbuch- Verlags von Moritz Schauenburg in Lahr, die auf die Gewinnung neuer, guter Studentenlieder hinzielten, machten ihn mit einem „Schlage weitern Kreisen bekannt. Schauenburg hatte zunächst ein 'Ausschreiben für die besten Texte erlassen, wobei Frida Schanz mit ihrem Rheinliebe (Wie glüht er im Glase!) und ber jetzt in Bonn lebenbe Prof. Otto Kamp mit seinem zur Berühmtheit gelangten Gebichte von ber Filia hospitalis (O wonnevolle Jugenbzeit) erste Preisträger würben. Lob nahm sich bei1 Filia hospitalis an itub schuf eine Melobie bazu, bie heute auf allen beut- schen Hochschulen mit Begeisterung gesungen wirb. Ferner setzte er bas Rangsche Gebicht Aura academica (Freunde, trinkt in vollen Zügen), weiterhin Ich war zu Heidelberg Student, Zieht der Bursch die Straß' entlang, Viel volle Becher klingen, Bierlein rinn und andere echt studentische Gebichte in Musik. Eine seiner letzten Gaben war bas wunbervolle, neuerbings viel gesungene Lieb: Stubent sein, wenn bie Veilchen blühn. Ebenso bereicherte er ben deutschen Männergesang um manche wertvolle Gabe. Seine Lieder zeichnen sich hauptsächlich dadurch aus, daß sie keine Kunstlieder sondern im besten Sinne des Wortes Volkslieder sind. Kommerslieder wie die Filia hospitalis und Aura academica bedürfen keiner kunstgeübten Sänger; wer sie in froher Burschenrunde einmal gehört hat, wird sie sofort mitsingen können und sie nicht wieder vergessen. Besonder« Ansehens erfreut der verstorbene Künstler sich bei dem „Aennchen" in Godesberg, der bekannten Bonner Studentenwirtin. So oft bei ihr ein Lied von Lob erschien, wurde es mit Jubel ausgenommen und sofort auf die Liederliste der nächsten Kneipe gesetzt. Bald darauf konnte man die Lobsche Weise in allen Bonner Studentenhäusern hören. So hat sich Lob um die deutsche Studentenschaft und um ihr fröhliches, ungebundenes Treiben hochverdient gemacht, und sie hat allen Grund, ihm nachzutrauern. Wenn der Name des Koniponisten mit der Zeit auch vergessen werden sollte, seine Lieder werden singen und klingen, solange deutsche Burschen bei schäumenden Bechern ihre „wonnevolle Jugenbzeit" verherrlichen. *53oit ber Weisheit unb Güte des lieben Gottes spricht der Lehrer zu den kleinen Schülern in seiner Klasse: „Wenn Gott nach seinem unerforschlichen Ratschluß auch wohl guten frommen Menschen einmal etwas nimmt, so erseht er in seiner Gute ihnen solchen Verlust meist durch eine desto reichere Gabe anderer Art. Den Blinden zum Beispiel gibt er einen sehr verfeinerten Tast- und Gehörssinn und eine schöne Gemütsruhe; den Tauben eine verschärfte Sehkraft und Beobachtungsgabe, wodurch jener Mangel fast ausgeglichen wird. Kennt em er von Euch aus eigener Erfahrung einen ähnlichen Fall und Beweis für des lieben Gottes Weisheit und Güte? Der kleine Josef hebt den Finger in die Höhe. „Tn weißt einen? nun, so erzähle mal." — „Ja, der liebe Gott hat meinen Vatta das linke Bein viel zu kurz gemacht. Dafür hat er ihm ein langes, langes rechtes gegeben." L. P. * Die Zerstreutheit Pablo Sarasates. Hebet die Zerstreutheit des kürzlich verstorbenen Violinvirtuosen Pablo de Sarasate erzählt Pierre Lalo, der ein Freund des großen Geigers war, im „Tcmps" in amüsanter Weise: Es gab feinen zerstreuteren Menschen, als Sarasate. Er hatte weder Kenntnis der Zeit, noch des Ortes, der Sachen oder der Personen, um die es sich handelte. Einmal fuhr er aufs Land, wo er einen Monat zu seiner Erholung zubringen sollte. Erst an Ort und Stelle an gekommen, bemerkte er, daß er vergessen hatte, überhaupt .Reye-- gepäck mitzunehmen. Ein andermal nahin er in Berlin drei Kon- zertantviige für denselben Wend an. Eines dieser Konzerte war sogar bei Hof. Und als dev Augenblick des Konzertes gekommen war und et bereits eine Stunde überlegt hatte, wie er denn auf drei Seiten auf einmal spielen könnte, legte er sich ruhig schlafen, ohne irgendwo abzusagen. Nichtsdestoweniger wurde ihm das von keiner Seite übel ausgenommen. Bei den Berliner Künstlern war er über alles beliebt. Max Bruch schrieb eigens für ihn ein Könzert, und Joachim war einer seiner liebsten Freunde. * Das Dienstmädchen. Köchin: „Ich komme auf Ihr Inserat wegen einer Köchin, gnädige Frau." — Dame: „Zeugnisse gut?" — „Ich keime Ihre letzten drei Mädchen, und die haben Ihnen alle ein gutes Zeugnis ausgestellt, sonst wäre ich nicht hergekommen." „ , , , . * Heber tönt. „War die Blechmusik gestern abend nicht gräßlich?" — „Ich weiß nicht, ich saß neben einem Tisch voll Damen." __________