M8 Montag den K September C/VO W KSE IgüuHTd es Der Dorfkömg. Roman von Karl Böttcher-Chemnitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Etliche Wochen darauf reiste Beate von Horbach nach Hause. Ihr Vater war zum Oberst befördert worden, und mit dieser Feier sollte zugleich Ernst von HorbachA Avancement zum Premier festlich begangen werden. „Du solltest mitfahren, Erika!" sagte kurz vor der Abreise Beate. — „Mein Bruder würde sich freuen, wenn du ihm persönlich gratuliertest." „So — meinst du? — — Wenn ich nicht noch Trauer hätte!" „Die wird tnan bei uns ehren." Erika sann ein wenig nach, dann rief sie: „Ich reise mit," Und umschlang stürmisch die Freundin. In Leipzig empfing sie der Leutnant am Bahnhof. Seine Freude war ungeheuchelt. Das bunte Leben Leipzigs, die Fahrt in der Horbachschen Equipage und Seite an Seite mit dem Leutnant, — all das wirkte tnächtig auf sie. Auch die alten Horbachs empfingen sie äußerst freundlich, besonders die Frau Oberst. Sie führte Erika selbst in ihre Zimmer, zwei reizende Boudoirs int Giebel der Villa. Am Abend war große Tafel. In Anbetracht ihrer Trauer er- schiett Erika in einem einfachen, grauen Kleid. Ernst von Horbach führte sie zu Tisch. Anfangs fühlte sie sich unter all diesen glänzenden Uniformen, unter diesen Fracks und seidenschillernden Toiletten imsicher, nicht ahnend, daß ihr bescheidenes Wesen, ihr ängstliches Gesicht ihren Liebreiz nur erhöhten. Da sie aber beständig umringt war von den jüngeren Herren, ward sie nach und nach unbefangener. Ihr rascher Geist sand sich schnell in die Situation und machte sie bald zur Herrin derselben. Ernst von Horbach bot ihr ein Vielliebchen. Sie lächelte. „Auf guten Morgen — Vielliebchen." „Mitternacht gilt !"— —— Kurz nach 11 Uhr war es vollständig still tu der Billa des Oberst von Horbach. , , . ,. Erika stand in ihrem Zintmer am Fenster und schaute m dtc Nacht. Vor ihr standen glutende Rosen. Sie hob die Base und drückte ihr Gesicht in den duftenden Strauß. Hinter den dunklen Dächern der Riesenhäuser kletterte langsam holler Schein herauf und übergoß die Schiefer mit wagender '0 Und dann kam er selbst, der Hirt der Nacht, in seiner reinen Hehre. Ruckweise schob er sich herauf, und nun saß er auf dem First wie ein Reiter, und er blickte gerade nt Erikas Fehler und lachte übers ganze Gesicht und nickte. , Da sah er die Rosen und machte ein bos Gesicht. Sie setzte die Vase hastig hin, der Strauß siel zu Boden — und nun lachte er wieder. Sie sah die Augen, wie sie tnstig zimmerten, und die Nase und den Mund. Da dachte sie an etwas: Alt einen rauschendett Fluß inmitteir schwarzer Berge und an ein kleines Inselchen, und ihr war's/ als hörte sie das Stoßeit und Stampfen der Mühle. Sie beugte sich zum Fenster hinaus, das Geräusch klang ganz deutlich herüber^ „Ach — die Cmkau-Mühle, — sagte Mir Beate." Das klang so heimlich und so heimatlich, und der Mond da oben, dev friedliche tiitit stille! — Das Heimweh war da, das Sehnen nach beit dunklen Wäldern und fein' Talwinkel und der Talmühle. Sie stützte sich aufs Fensterbrett und ließ ihre Ge-< danken wandern. Eine Erinnerung nach der andern hob sich' und ward lebendig. — Da kant auch eine. Schwer lösch sie sich aus dem letzten Seelenwinkel. Sie machte sich breit und setzte! sich auf die Schwelle ihres Herzens und wollte eben erzählen/ erzählen von einem, dem sie Nacken und Ohr geküßt. ■— Da schlug es Mitternacht. Es klopfte jemand an die Tust — Sie lauschte. Wieder das Klopfen. — Die Tür ging auf; leise, leise. .Erika wandte sich um1; das Hertz wollte ihr stille stehen. ,,©ie'—- Herr Leutnant,---— uM diese Stunde?" „Guten Morgen — Vielliebchen! — Mitternacht gilt!" Und dazu das sieghafte Lächeln, das sie entwaffnete, das den klaren Wvndcsglanz überstrahlte. Ihr wurde es auf einmal schwach. — Es war eine wohlige, süße Schwäche, — ein Erbteil der Mutter. Sie setzte sich in einen großen Lehnstuhl und der Leutnant lehnte sich daran. „Sind Sie mir böse?" — Er beugte sich über sie, sein lunges, frisches, lächelndes Antlitz war ihr ganz nahe. Sie schüttelte den Kops; — sie wollte das' nicht, konnte abey nicht dagegen an. Und nun begann er zu sprechen, mit leiser, zitternder, weichet? Stimme. Worte, die sie noch nie gehört, die sich aber ins Herz stahlen und drin nisteten und drin alles einschläferten. Sie antwortete nichts, sie saß da mit gefalteten Händen und halbgeschlossenen Augen. Sie sah nicht, wie der Mond finsterer und' bleicher ward und endlich mit schwarzen Wolken zornig sein Antlitz verhüllte. Nun war es finster! . . Ernst von Horbach flüsterte noch imwer leise Worte von jehgef Liebe und goldener Jugend: sie wehrte sich nicht dagegen. Er bog ihren Kopf zurück und küßte ihre jungen Lippen: sw wehrte sich nicht dagegen. schlich fiinciuS1, fie ntentc cs icutin. Sie träumte mit halboffenen Augen in den jungen Tag htnetn und die ersten Morgensonnenstrahlen küßten ihr junges Liebesglück wach, und wie die Morgenröte glänzte ihr rosig die Zukunft. — — 12. Kapitel. Dev alte Guttermänn war nun Besitzer von Altengrün, doch der Herr im Dorfe war Hugo Guttermänn. Nach mancltem harten Kampf mit dem Vater hatte Hugo durchgesetzt, daß ihut ganz allein das Regiment überlassen würde. Mit den Erfahrungen, die er bei Bauer Jllgen tu Reichenberg gesammelt hatte, wollte er nun wirtschasten. Dieses Jahr sollte, gewissermaßen als Kraftprobe, nur Korn gebaut werden, und nach seiner Berechnung mußten bei mittelmäßiger Ernte ungeheure Quantitäten hereinkommen. »- 574 — sonverndie riesige Holzschleifern, bas Waldtal mit dem rauschenden Fluß gefielen ihr. Erika dagegen kau» alles anders vor, alles so öde. Und wie hatte sie sich aus die Heimat gefreut. Fast fünfviertel Jahr war sie nicht zu Hause gewesen. Mit dem alten Elan war nicht mehr zu reden. Stumpfsinnig saß er auf dem Holzbwck vor der Mühle und murmelt« unverständliche Worte von Waterloo und Blücher und Bismarck. Er engagierte nicht fremde Arbeiter und Tagelöhner, nahm die wenigen Häusler, die noch in Altengrün wohnten, hei gutem Lohn in Dienst, zog für die Viehwirtschaft Schweizer heran und holte sich kurzerhand seine Schwester Irene zur Mitarbeiterin. In die Buchführung lvvllte er sich gemeinsam mit Irene leiten. Aber nur gar zu bald erkannten sic, daß dies eine gewaltige, zeitraubende Arbeit war. Vom Morgengrauen bis in die Nacht auf dem Felde und in den Ställen — und am Abend bann noch ordnungsgemäß die Bücher führen! Sie sahen selbst ein, daß es zu viel ward. Irene schlug vor, einen Buchhalter zu nehmen, aber Hugo sagte: „Ich weiß anderen Rat!" — Er nahm die Schwester bei der Hand und führte sic hinaus auf die Steinbank am Tor. Die Schwester sah ihm gespannt ins Antlitz. Da stand er auf. „Ich kann nicht reden, wenn du mich so ansiehst, Irene. — Mir wollen ein Stück gehen." Sie gingen durch die grünsprossenden Felder, wo die Wachtel huschte und die ersten Mückeg gaukelten, und ganz von ferne tönte der Kuckucksschrei. Hugo erzählte: „Als ich noch auf der Schule war, waren mir die Ferien eine selige Zeit. Nicht der Ruhe wegen, ich arbeite gern, — nicht der Eltern wegen, — das kennst du. — Aber wenn ich nach Hause kant rind über die Brücke fuhr, da stand hinter dem Erlenbusch ein Mädchen mit seinen Gliedern und goldigem Haar, die sah mit großen, glänzenden Augen nach i»nir, und der fröhliche Blick machte mir das Herz so weit, und jfcrin regte sich's und ward es lebendig. — Und zwischen dir und IdeM Mädchen teilte ich meine Ferien <— und du, Irene, daß sich's nur gestehe, du kamst kürzer weg." Die Schwester nickte ernst. „Magda Merlin." „Dck kant der Vater dahinter. .— Mit roher Hand riß er has feine Kind aus seiner Heimat und warf cs in die Großstadt :— Doch es blieb oben und sank nicht unter, — der Glaube an -such hielt es. — •— Und ich habe cs nicht vergessen. — Ich habe für das Mädchen gesorgt, ich ließ cs mancherlei lernen, daß k,s einst neben mir bestehen kann!" „Hugo — du willst — — „Ich will??--Ich muß!! r= — Magda ist mein Schicksal Md Mein gutes Schicksal. — Und nun bitte ich dich, Irene, hilf Mut dazu, nimm das Mädchen an dich als deine Schwester, cs sstf Idfeiner wert. — ■— Irene, ich habe einen tiefen Blick in Unsere Familie getan, die ist morsch intb faul und an uns ist cs, ihr neues Blut zuzuführen. — Magda Merlin ist eine Ehre für Has Haus Guttermann. — ■— Willst du mir helfen, Irene?" Est wjar stschen geblieben!und hatte beide Hände auf der Schwester Schultern gelegt und blickte bittend in ihre Augen. „Ich Will diy helfen, und Magda soll kommen." Da umschlang er die Schwester und bog ihren Kopf zurück. W küßte fie auf Stirn und Wangen. Dazu sagte er leise und Mchelnd: „Der Mund ist nicht für mich, den soll ein anderer küssen, sein Großer, Blonder, den ich liebe als Meinen Freund. — Irene, Mr wollen glücklich werden!" Sie setzten sich an den Feldrain. Der Frühlingsabendwind strich über die halbwüchsigen Halme. Das Feld sah aus wie ein friedlich wogendes Meer mit grünen Fluten, und was das Meer an die Brandung warf, war die Hoffnung, und die Geschwister fingen sie auf und lagen an ihrem' Busen. - Die Hoffnung machte fie stark. Schon zwei Tage später kant Magda' Merlin. Wie eine Schwester wurde sie ausgenommen und war doch bloß eine Buch- Kalte'rin. Dem' Vater aber erstattete Hugo Bericht, daß er durch die Fülle der Arbeit gezwungen worden sei, sich für die Buchhaltung eine Hilfskraft zu nehnken. Der Ersparnis halber habe er eine Buchhalterin engagiert. Sie arbeitet ebensogut und zum halben Preise wie eine männliche Kraft. Das leuchtete dem Alten ein. Außerdem hatte er an diesem Tage gute Laune, denn Erika hatte geschrieben, daß sie zu Pfingsten nach Hause kommen wurde und noch eine Freundin mitbrächte, Beate von Horbach. Der Verkehr mit der adeligen Dame war ihm sehr lieb und schmeichelte seinem Ehrgefühl. Der Dorskönig war ein Mann, der aus allem Konsequenzen zog. Sein Plan, Erika und durch diese auch Irene in feinere Kreise zu schieben, schien sich zu herwirklichcn. i Das Pfingstfest kam. Um' seine Tochter und ihre Freundin würdig' zn empfangen, hatte der Dorfkönig' sogar eine Halbchaise angeschafft. Das' Kvrb- fWjägelchen war nichts für den feinen Besuch. Brate von Horbach fühlte sich bald heimisch. Der Mühlhof, Merlin mußte die feuchten Pappen nach der Stadt fahren; er hatte für die jüngste Herrentochter auch keine Zeit. (Fortsetzung folgt.) Zsmmsrtage im Reichenhaller Ländchen. Welcher Kenner unserer deutschen Alpen erinnerte sich nicht mit stets wieberkehrendem Vergnügen des Saalach- tales und damit der reizvollen Badestadt Reichenhall! Eilen doch alljährlich tausende von Erholungsbedürftigen der Gebirgsstadt zu, um erstarkt an Gesundheit und überreich an lieblichen Eindrücken mit neuem Lebensmut zu neuer Arbeit heimzukehren. Und die Tausende und Abertausende, die zur Reisezeit auf diesem gesegneten bayerischen Landstrich aus einige Tage festen Fuß fassen, um die nähere Umgegend Reichenhalls und das wundervolle Berchtesgadener Land zu genießen, sie alle nehmen unvergeßliche Erinnerungen mit nach Hause. Wer aber vom Bahnhof! aus in etwa einstündiger Fußwanderung durch herrliche Kiefernwaldungen hinaufgestiegen ist nach dem kleinen Kirch-, dörfchen Nonn und hat mit offenen Augen und Sinnen für die Allmutter Natur hinuntergeschaut in das liebliche Tal und ringsum auf die gewaltige Bergkette, die es ein» schließt, der mag gleich mir ausgerufen haben: Ein kleines Eden! Und diese herrliche Luft! Muß sie nicht jeden Krampf lösen, der den überarbeiteten und hier Erholung suchenden Städter quält! Die Sinne werden geradezu gefesselt von dem wunderbaren Ausblick. Wie mit leuchtenden grünen Teppichen überzogen erscheinen die Hügelkeften und Almen mit ihren verstreut rnnherliegenden lauschigen Bauernhöfen. Diese Hügelreihen vermitteln so natürlich den Uebergaug zu den mächtigen Bergriesen, von welchen die drei Staufsen, das Sonntagshorn, das Ristseuchthorn und Müllnerhorn rechts, die kahle Reitalp, das wild zerklüftete Lattengebirge imb der sagenhafte Uutersberg links infolge ihrer eigenartigen Formen stets int Gedächtnis bleiben. Bon hoher Felsenspitze herab prangt dem Beschauer das Kirchlein von St. Pänkraz entgegen. Leuchtend und weiß, ihn zwingend zu feierlicher Andacht. Und dieses gewaltige Schauspiel löst in uns das Gebet aus, wenn es beten heißt, das übersinnliche Wirkeir und Walten der Natur :md ihre reine Schönheit zu fühlen und in uns aufzunehmen. Ein wenig weiter rechts hinter der Kirche) ragt auf trotziger Höhe die Ruine Karlsteiu, eilt Wahrzeichen der Vergänglichkeit alles Irdischen. Wendeit wir uns wieder dem Tale und damit den Menschen zu. Wer so recht nach Herzenslust die Wunder der Natur genießen will, der mag sich alleiir genügen auf der Höhe von Nonn. Aber unten im Tal da braucht er Menschen. Wohl ihm, wenn er das Glück hat, einige Tage mit so prächtigen Leuten verleben zu dürfen, wie es mir in Reicheuhall vergönnt war. Bunt genug war ja die kleine Gesellschaft: Eine geistreiche und liebenswürdige Karlsbaderin, bereit feiner Takt unsere Stimmungen vor männlichen Derbheiten schützte; ein stattlicher Musikkünstler vom Schweriner Hoftheater, ein prächtiger Klingenthaler Kaufherr von herzhaftem Humor und meine kleine, augenblicklich Zeilen schindende Wenigkeit. Bon dem Kliitgen- thaler Genossen muß ich noch sagen, daß er — obwohl er! es zweifellos konnte — nicht protzig seine Taler, sonderst nur seine netten Scherze klingen ließ; daß er ferner —: obwohl aus Sachsen — ordentlich dentsch redete und bei einem Reicheichaller Schlächtermeister sein Wigwam aus- geschlagen hatte. Der letzterwähnte Umstand ist wichtig. Wurden doch zu unseren Ausflügen recht wesentliche Unterlagen von dem erwähnten Schlächtermeister in hervorragender Güte und in Form von Regensburger Wurst geliefert. 575 Man denke sich unsere fröhliche Gesellschaft auf einem Warsch nach dem schön gelegenen Mauthausen begriffen. Wir hatten gerade die Stauffenbrücke überschritten, als unser Klingenthaler einige besorgte Blicke gen Himmel richtete und ein wenig tiefsinnig bemerkte: „Das Leder fällt im Preise, weil es „Häute" regnen wird." Im nächsten Augenblick goß es aber auch schon und mit beschleunigten Schritten ging es nunmehr auf das Dorfwirtshaus zu. Allerdings nicht, ohne noch schnell eine niedliche junge Dame aus Ludwigshafen, die ebenfalls vor dem Unwetter «usriß, ins Schlepptau genommen zu haben. Und nun begann im Dorfwirtshaus ein neckisches Spiel. Unser Klingenthaler flirtete ein wenig mit der neuen Genossin, während die Karlsbaderin mit viel Geschick seine vernachlässigte Ehegattin mimte. Die Ludwigshafenerin kroch arglos auf beit Leim und geriet in die reizendste Verlegenheit. Beinr Nachtmahl, zu dein das mitgebrachte Dutzend Würste aus der Faust gegessen wurde, klärte sich dann alles in eitel Wohlgefallen aus. Nicht so der Himmel! Der zeigte noch ein finsteres Aussehen, und kaum waren wir ein Viertelstündchen weit gegangen, da öffnete er von neuem seine Schleusen und übergoß uns mit seinem durchs dringenden Naß. Die frohe Laune konnte er uns trotzdem nicht verderben. Einige Tage später strahlte der Himmel wieder in heiterstem Blau und traf unsere Gesellschaft auf herrlichen Waldhängen dahinschreitend au. Es galt, dem lieblichen, von gewaltigen Berghäuptern ringsum eingerahmten Thumsee einen Besuch abzustatten. Die ersten Abendschatten hatten sich bereits herniedergesenkt, als wir am Gestade ankamen. Weihevolle Stille ringsum. Lautlos glitt ein kleines Boot, von einem Liebespärchen gesteuert, über den klaren Bergsee. Stimmung überall! — „Wie du aussiehst!" jodelte da unser launiger Klingenthaler hinauf zu den Bergwänden. Nach sekundenlanger Pause jodelt das Echo klar und deutlich zurück. Damit war der Bann gebrochen, von dem schönheitsdurstige Menschen beim Anblick der erhabenen Natur saft immer gefangen gehalten werden. Man stieg nun den Haug hinauf und machte Rast in der Hütte des biederen Madlbauern. Bier, Schwarzbrot mit Butter und wohlschmeckende Rettiche wurden uns mit holdem Lächeln von einem blitzsauberen Roserl geboten. Ein lustiges Tafeln begann, ivobei auch dem üblichen Dutzend Regensburgern die ihnen gebührende Beachtung zuteil wurde. Man raunte, die gnädige Frau habe davon ein Viertel- Dutzend ohne bemerkbare Anstrengung verzehrt. Inzwischen war eine sternenklare Nacht heraufgezogen. Vergnügt ging es int Schatten der Bergriesen heimwärts. Ein kleines, verirrtes Kätzchen gab uns noch ein Stück Weges das Geleite. Dann führte uns ein wundervoller, wohl allen Beteiligten unvergeßlicher Nachtmarsch nach Reichenhals. Nun sitze ich wieder daheim in des Alltags gewichtiger Tretmühle. Aber froh ist mein Sinn und gerne denke ich der zurückgebliebenen Genossen. Daß auch sie meiner gedenken und mich vielleicht gar ein wenig vermissen werden, deß bin ich gewiß. Und ich bin stolz darauf. Sollte mich aber ein freundliches Geschick jemals wieder nach dem Reichenhaller Ländchen führen, daun werde ich noch einmal hinaufsteigen nach Nonn, um mir vom Faunerl meines dortigen Hauswirtes Schweinshaxen auftischen zu lassen. Wer diesen Leckerbissen noch nicht kennt, der vernehme und staune: „A Schweinshaxen? Dös is dös!" belehrte mich dieses fesche Bahernmädel aus meine Frage danach, und schlug dabei herzhaft auf seine Schenkel. B. Schlaflosigkeit und ihre Bekämpfung. Von Privatdozent Dr. P. S ch u st e r.*) In erster Reihe hat man zu untersuchen, ob die Schlaflosigkeit nicht etwa durch gewisse Fehler in der Verteilung ' YffiTefe beachtenswerten Ausführungen entnehmen wir dem soeben in der Sammlung „Wissenschaft und Bildung' erschienenen, sehr empfehlenswerten Buche „Tas Nervensystem und die Schädlichkeiten des täglichen Lebens". (Geh. 1 Mk. Drigmal- leinenband 1.25 Mk. . Verlag von Quelle L MeyeiG und in der Art der Mahlzeiten bedingt oder begünstigt werde. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß ein Patient, der aus gewissen anderen Gründen schon zu unruhigem Schlaf neigt, sich hüten muß, seinen Derdaunngskaual für die Nachtzeit zu überlasten. Die Aufnahme reichlicher und schwerer Mahlzeiten muß demnach in bett Abendstunden unterbleiben. Vor allen Dingen soll das Abendessen keinesfalls später, sondern eher früher als um 8 Uhr eingenommen werden. Eventuell scheue man sich nicht, bett Patienten abenbs um 7 Uhr seine letzte Mahlzeit, ein bis zwei Butterbrote und zwei Eier, nehmen zu lassen. In gleicher Weise, wie die Aufnahme zu reichlicher Nahrung, ist die Aufnahme einer großen Menge geistiger Getränke zu vermeiden. Die nach größeren Mengen von Alkohol austretende rauschähu- liche Betäubung während des Schlafes ist durchaus nicht beut normalen stärkenden Schlaf gleichzusetzen und hinterläßt nicht, wie dieser, ein Gefühl der Erquickung, sondern bekanntlich oft für den ganzen folgenden Tag üble Nachwehen. Außerdem ist die Zahl der Nervenschwachen gar nicht gering, bei welchen der Alkohol nicht einschläfernd, sondern geradezu ermunternd und aufregend wirkt. Das Gesagte gilt jedoch nur für große und übermäßige Alkoholmengen. Bei Kranken, welche nicht allzusehr an den Alkohol- genuß gewöhnt sind, erzeugt die Darreichung eines Glases Bier, besonders gewisser Münchener Arten, im Gegenteil oft Schlaf. Zu den zu meidenden Getränken gehören außer den alkoholhaltigen noch besonders der Kaffee und der Tee. Wir hörten, daß der Genuß des Tabaks einen ganz ähnlichen Einfluß auf unsere Nerven hat wie der Genuß des Kaffees und Tees. Infolgedessen muß auch das Rauchen vor dem Schlafengehen aus ein Minimum herabgesetzt werden. Bei der Bekämpfung der Hindernisse, welche sich einer ungestörten Nachtruhe entgegenstellen, müssen wir unser Augenmerk auch darauf richten, wie der Patient sich in den Abendstunden geistig beschäftigt. Sobald wir bemerken, daß jemand, der über Schlaflosigkeit klagt, bis unmittelbar vor dem Zubettegehen angestrengt geistig arbeitet oder auch nur liest, so werden wir hierin unter allen Umständen zum mindesten ein die Schlaflosigkeit begünstigendes Moment erblicken dürfen, dessen Beseitigung gefordert werden muß. Auch der Besuch des Theaters und der Konzerte, noch mehr aber andere, noch anfregendere Vergnügungen, wie das Spiel und ähnliche Zerstreuungen sind in der Regel zt» meiden. Wenn man auch nicht schematisieren soll, und wenn man gelegentlich auch gerade nach einem Theaterbesuch oder bergt eine ausfallend gute Nacht bei den Patienten sieht, so gilt doch im allgemeinen der Satz- daß jede besondere geistige Anregung irgendwelcher Art vor dem Schlafengehen sehr leicht schaden kann. Es ist nicht nötig, daß die Kranken die Abendstunden ohne jede Beschäftigung und ganz allein, ohne jede Gesellschaft verbringen, aber die Beschäftigung, welche sie in jenen Stunden vornehmen, soll eine ganz leichte, etwa eine nicht aufregende belletristische Lektüre, ein Plauderstündchen mit nahen SSer» wandten oder Bekannten, ein kurzes Musizieren und bergt sein. Sehr gut wirkt oft eilt kleiner Spaziergang, welcher nach Einnahme der Abendmahlzeit noch unternommen Ivtrd. Einen ähnlich günstigen Erfolg haben nicht zu laug fortgesetzte Freiübungen, die der Patient eventuell nn Schlafzimmer unmittelbar vor dem Niederlegen vornehmen kann. Man muß sich natürlich auch hier vor dem Zuviel hüten. Ich habe früher auf die Nachteile und Schäden ausmerlfain gemacht, welche nuferem Nervensystem in gleichem Maße wie durch die geistige, durch die körperliche Ueberanstrengung drohen. Diese Tatsache macht sich nirgendswo mehr bemerkbar als bei dem Schlaf. Gilt jeder hat es gewiß phon einmal am eigenen Leibe gespürt, daß nach einer Bergpartie oder nach anderen sehr großen körperlichen Anstreng- nngeit, wenn man mit Sicherheit ans eine besonders gute Nacht rechnen zu können glaubte, der Schlaf gerade tut Gegenteil sehr unruhig und schlecht war und von inasteii- haften Träumen unterbrochen wurde. Der Laie spricht in solchen Fällen von einer „Nebermüdung". Die unangenehmen Folgen einer solchen „klebermüdung" in Bezug auf beit Schlaf treten natürlich bei Nervenschwachen außerordentlich viel leichter und nach viel geringeren Muskelanstreng- uitgen auf als bei Gesunden. Wie aber beim Gefunden die Folgen einer Uebermüdung durch ein warmes ^olwad oder schon durch eine laue Waschung oder Abreibung des. ganzen Körpers hintangehalten werden können, so haben diese Mttel auch beim nerveiifchwachenMeuscben oft einen — 576 — Außerordentlich günstigen Einfluß auf die Nachtruhe. Ihre Wirkung wird durch ähnliche Wasserapplikationen manch- mal noch erhöht, besonders durch Anlegung des sogenannten Neptunsgürtels, eines feuchten Umschlages um den Leib, welchen der Patient während der ganzen Nacht behält. ■ Ehe ein Patient seine Zuflucht zu sog. Schlafmitteln nimmt, sollte er stets versuchen, in der zuletzt geschilderten, diätetischen und physikalischen Weise aus die Schlaflosigkeit einzuwirken. Ganz besonders gilt dies, wenn es sich um Kinder handelt. Kinder, deren großes Schlafbedürfnis ich schon betont habe, leiden am meisten unter einer Störung der Nachtruhe. Deshalb ist es ans das Schärfste zu verurteilen, wenn Eltern ihre Heranwachsenden Sprößlinge erst in später Abendstunde ins Bett bringen. Die siebente, oder bei größeren Kindern die achte Stunde sollte vielmehr unbedingt für das Zubettgehen innegehalten werden. Die Aufklürrmg des Kindes. Ich weiß einen Vater, der hat einen fünfjährigen Sohn. Nnd dieser fragte einmal: „Vater, woher bin ich denn gekommen?" Der noch jugendliche Vater ist von der Frage überrascht, er will sein Kind nicht anlügen und er antwortet: „Mein Kind, das will ich dir ein anderesmal agen, wenn du brav bist." Das Bübel war brav, sind als es ein paar Tage lang recht brav gewesen war, ragte es: „Vater bin ich brav?" — „Sehr." — „So äge mir jetzt, ivoher ich gekommen bin." — „Das will ich dir nun sagen, mein lieber Bub. Von der Mutter bist du gekommen." — Der Kleine: „Wie ist das gewesen?" — „Ja, das ging so zu. Als die Mutter und ich zusammen geheiratet hatten, baten wir den lieben Gott, daß er uns ein Kindlein geben möchte. Da war es nicht lange und die Mutter hatte eines in sich. Unter dem Herzen ist ein Kammer!, und da war es drinnen und wuchs. Und als es so groß war, daß es im Kammer! nicht mehr Platz hatte, da kamst du zu uns." Der Knabe war befriedigt, geschirrte sein Schaukelpferd auf und dachte nicht weiter daran. — Die verfänglichste und wichtigste Wissenschaft war dem Knaben mit wenigen Worten beigebracht, zur Zeit, da man damit noch nicht Schaden tun kann. Ist erst die kindliche Neugierde gestillt, dann hält die Unschuld länger vor. — Ich weiß es aus der Bauernschaft, wo in der animalischen Umgebung das Kind frühzeitig ivisfend wird. Und die Verderbnis der Jugend ist dort nicht größer als in Kreisen, ivo noch ins Gymnasium der Storch mitgeht. Peter Rosegger. Vsb'mlschtes. * Redakteur-Freuden. Hat das Blatt viel Anzeigen, beklagen sich die Leser wegen Stosfmangels. Hat es wenig Anzeigen, sagt man, ist es nicbts wert. Läßt sich der Redakteur viel aus der .Gasse sehen, dann heißt es, er bummelt herum. Arbeitet er fleißig zu Hause, dann ist er ein fauler Mensch, der sich um kxine Neuigkeiten bekümmert. Nimmt er einen langatmigen Bericht nicht aus, macht er sich Feinde. Nimmt er ihn auf, dann heißt es: Der bringt jeden Quatsch. Unterdrückt er peinliche Nachrichten aus gutmütigem Herzen, sagt man, er ist feige und bevorzugt gewisse Klassen. Bringt er aber den Bericht, dann gibt es Krawall mit der betreffenden Familie und ihren Freunden. Nennt er in einem Bericht über eine Gerichtsverhandlung auf Bitten der Familienangehörigen des Angeklagten Namen nicht, so läßt er sich bestechen. Nennt er den Namen, so begeht er eine Gemeinheit. Macht er einen Witz, dann ist er bissig, anmaßend und unverschämt. Bleibt er mit seiner Schreiberei stets im Schatten kühler Denkungsart, dann ist er ledern und langweilig. Gebraucht er eine scharfe Schreibweise, ist er klotzig und grob. Schreibt er gemäßigt und zahm, dann ist der Redakteur ein Schaf. Deckt er Mißstände auf, ist er ein Revolver-Journalist; kommt er dabei ins Gefängnis, ist er ein ganz dummer Kerl. Unterläßt er es infolge dieser üblen Erfahrungen und des Undankes der Welt, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so ist er ein Reptil, ein elender Lohnschreiber, der für Höheres kein Interesse har usw. * Knaben oder Mädchen? Dieses heikle Thema ist schon oft von der ernsten Wissenschaft behandelt worden. Eine besondere Beachtung verdient die Lösung dieser Frage, wie sie durch die statistischen Aufzeichnungen und Berechnungen gewonnen wurde. Im allgemeinen werden zehst Prozent mehr Knaben als Mädchen geboren. Bei Frauen, die über 30 Jahre alt heiraten, kommen aber 130 Knabengeburten auf 100 Mädchengeburten. Ungünstige Verhältnisse in der Ernährung führen zu einer Mehrgeburt von Knaben, günstige Verhältnisse zu einer solchen von Mädchen. Besonders einflußreich ist das Alter der Eltern. War der Vater jünger als die Mutter, dann zählte man nur 91 männliche auf 100 weibliche Geburten, war er bis 3 Jahre älter, dann ganz auffällig 116 männliche auf 100 weibliche Geburten, war pr 6 bis 9 Jahre älter, dann betrug der Knabenüberschuß 24,6 Prozent, war er 9 bis 12 Fahre älter, dann 43,7 Prozent! Waren beide Eltern schon alt, dann wurden auf 100 Mädchen sogar 164 Knaben geboren. Diese genauen Feststellungen gestatten mancherlei Einblick in die Geheimnisse des Lebens. ^Plattfuß alsRassenmerkmal. Vielfach wird behauptet, die als Plattfuß bezeichnete Mißbildung des; Fußes sei eine Rasseneigentümlichkeit bestimmter Völker, insbesondere der Neger und der Semiten. Trefflich charakterisiert ein nordamerikanisches Volkslied, welches in leichtsatirischer Weise die Rasseneigentümlichkeit der Neger behandelt, den Plattfuß, indem es dem Neger sagt: „Er tritt' mit der Höhlung seines Fußes ein Loch in den Boden."' Eigenartig ist auch, daß man, wie von anderen körperlichen Eigentümlichkeiten, beispielsweise rotem Haar oder schielenden Augen, so «a^'ch vom Plattfuß auf ihnt entsprechend«; geistige Eigentümlichkeiten schließt. Man meint nämlich- Neger, Juden und sonst mit dem Plattfuß behaftete Unglückliche standen in ihrem geistigen Niveau dem Tiere anr nächsten. Dr. Muskat leugnet dagegen, daß der Plattfuß Rassenmerkmal sei. Nach Hoffa ist der Plattfuß nur in 4,3 Prozent der Fälle angeboren. In Preußen iverden jährlich 2,5 Prozent, in Oesterreich und der Schweiz 3 Prozent aller wehrfähigen Mannschaften des Plattfußes wegen ausgeschieden. In fast 98 Prozent der Fälle entsteht dec Plattfuß durch die Ungunst der Verhältnisse, insbesondere schlechtes Schuhzeug und Tragen gewisser Lasten. Literatur. — In Nr. 31 des „F r a n e n r ei ch s, mod. illusir. Wochen- schrist für die gesamten Interessen der Fran" (Verlag Berlin 8.14, Alte Jakobstr. 92), finden sich einige Aussätze, die vielleicht einiges Interesse für manche unsere Leserinnen haben. Frieda Radel plaudert mit Geist über „Deutsche Frauen auf Reisen" und Dr. Paul Berg über „Moderne Seereisen." Paul Witlko veröffentlicht einen Aufsatz über die Darmstädter Ausstellnng. „Das Rechtsverhältnis zwischen Herrschaft und Dienstboten" erörtert Dr. Alb. Steinhage. „Der Kampf nm Nietzsche und die Frauen" betitelt sich ein Aufsatz von M. Beszmertuy. lieber die „Olympischen Spiele" berichtet Erna Nickel-Ritter. 21 v. Valkenburg spricht mit Wärme über H o l z a m e r s unter dem Titel „Im Wandern und Werden" gesammelte kritische Aufsätze. Eine Kulturplauderer „Schönheit und Schönheitsmittel" von Dr. 2l. Bang wird viel Interesse erwecken. Sonst finden sich in diefem Hefte auch viele für praktische Hausfrauen wertvolle Aufsätze und Abhandlungen. An- und Einsichten. A u s s p r u ch eines M i n i st e r § : „Man darf Reformen nicht überstürzen; vielmehr muß man der Regierung Zeit lassen, das, was sie versprach, auch zu vergessen." Merkwürdig, wie sehr der Staat oft knausert, wenn sich's darum handelt, etwas für fein Wohl zu tun! Unter den „Staats - Notwendigkeiten" gab's von jeher einige, die überflüssig, und mehrere, die schädlich waren. Charade (zweisilbig). Mich erste, frisch und frei, sucht alles emsiglich, Ihr lebt von mir und sterbet ohne mich. Geld, Hab und Gut vertraut mir ziveitcn arm und reich; Und groß, ihr Großen, dien' ich auch zur Wohnung euch. Mein Ganzes baut die Welt erfindrisch oft und gern Voll Pracht auf kurze Zeit; vom Weifeir ist es fern. .Auflösung in nächster Nummer.? Auflösung der viersilbigen Charade in voriger Nummer: E tl l e n, Spiegel. — E u l e n s p i e g e l. Redaktion: ($. Anderson. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.